Der neue Paulus

Die neutestamentliche Wissenschaft diskutiert seit vielen Jahren über die sogenannte „Neue Paulusperspektive“ (engl. „New Perspective on Paul“, abgekürzt meist als „NPP“, siehe dazu auch hier und hier). Die Bezeichnung, die auf einen Aufsatz von James D. G. Dunn aus dem Jahr 1983 zurückgeht, steht für eine theologische Strömung, die die Paulusexegese heute durchdringend prägt und der von manchen Bibelauslegern eine epochale Bedeutung zugeschrieben wird. Die „Neue Paulusperspektive“ tritt mit dem Anspruch auf: Die Paulusauslegung hat bisher versäumt, die Paulustexte innerhalb ihres historischen Kontextes zu deuten. Wenn wir die Brillen der theologischen Traditionen ablegen und zum Verstehen des Neuen Testaments das frührabbinische Judentum heranziehen, begegnen wir dem wahren Apostel Paulus. Der Apostel, den wir bisher zu kennen glaubten, ist nicht viel mehr als eine Fiktion gewesen.

Bei der neuen Sichtweise geht es nicht allein um einen akademischen Diskurs. Neben strittigen Themen wie etwa Antijudaismus, Bundestheologie, Gesetzesfunktion oder Reich Gottes werden auch Kernaspekte der Rechtfertigungslehre verhandelt. Im Raum steht nicht weniger als die große Frage: „Haben wir zentrale Gesichtspunkte des Evangeliums bisher falsch verstanden?“

So manche Entwicklungen in der Praktischen Theologie und Missionswissenschaft, denken wir nur an den missionalen Ansatz, die Transformationstheologie oder die aktuelle Faszination für die politische Theologie, haben mehr mit der NPP zu tun, als das auf den ersten Blick erkennbar ist. Die Befürworter der neuen Sicht betonen die Inklusivität des Evangeliums und das Herabkommen des Himmelreiches auf die Erde. Wir hören Sätze wie: „In der Bibel bedeutet Erlösung nicht: Gott errettet die Menschen aus der Welt heraus, sondern Erlösung ist die Errettung der Welt an sich.“

Ich habe den diesjährigen Sommerurlaub unter anderem dafür genutzt, einige Vorträge, die ich 2016 und 2017 zur „Neue Paulusperspektive“ gehalten habe, für ein kleines Buch mit rund 70 Seiten zu überarbeiten. Im ersten Teil stelle ich bedeutende Wegbereiter der „Neuen Paulusperspektive“ vor. Im anschließenden Kapitel mache ich die Leser mit zwei prominenten Verfechtern der neuen Sichtweise, die auch in bekenntnisorientierten Kreisen fleißig studiert werden und inzwischen eine entsprechende Wirkung entfaltet haben, vertraut. Im dritten Teil skizziere ich herausstechende Anliegen der neuen Paulusinterpretation. Der vierte Teil ist schließlich der kritischen Würdigung gewidmet. Ich versuche zu zeigen, dass die Strömung durchaus unser Bibelstudium stimulieren kann und uns zwingt, genauer hinzuschauen und unsere Exegese hier und da zu revidieren. Ich zeige allerdings ebenfalls, dass es allerlei gute Gründe dafür gibt, Erträge der „Neuen Paulusperspektive“ zu hinterfragen. Meine Kritik beschränkt sich dabei nicht auf die kontroverse Sichtweise der Rechtfertigungslehre. Freilich schenke ich Themen rund um das „Evangelium“ und die „Glaubensgerechtigkeit“ mehr Aufmerksamkeit als anderen. Die Arbeiten von N.T. Wright bekommen dabei besonders viel Raum. Anmerkungen und ein Literaturverzeichnis liefern zahlreiche Anstöße zum Weiterdenken.

Die Abhandlung will nicht mehr als eine Handreichung sein. Der beibehaltende Vortragsstil nötigt, sich auf die „groben Linien“ zu konzentrieren. Gleichwohl hoffe ich, dass die Ausführungen Interessenten, Theologiestudenten und lehrenden Mitarbeitern in den Gemeinden dienlich sind und zur eigenen Auseinandersetzung mit der Strömung der „Neuen Paulusperspektive“ anregen.

Bestellt werden kann die Handreichung als Paperback- und als Kindle-Buch.

Der neue Paulus: Handreichung zur „Neuen Paulusperspektive“ (Geistliche Studien, Band 2) von Ron Kubsch

Preis: EUR 7,85

1 gebraucht & neu erhältlich ab EUR 7,85

Kommentare

  1. Da ich gerne Wright gelesen habe, bin ich mal gespannt 😉

  2. Schandor meint:

    Mir fällt dazu Lukas 5,39 ein:

    Und niemand, der den alten liest, will sogleich neuen; denn er spricht: Der alte ist milder!

    Übrigens darf man den neuen Paulus nicht in so alte Schläuche wie mich füllen, sonst reißen sie.

  3. „In der Bibel bedeutet Erlösung nicht: Gott errettet die Menschen aus der Welt heraus, sondern Erlösung ist die Errettung der Welt an sich.“ – Wobei natürlich zu fragen ist, was bedeutet die „Errettung der Welt an sich“ ? – Das Problem ist ja der Mensch, und so kann es keine Errettung der Welt ohne Erlösung des Menschen geben. Über die „Vollzahl“ der Erlösten mag dann auch eine Transformation der Schöpfung stattfinden, wie das in der Offb. geschildert wird: Ein neuer Himmel und eine neue Erde. Aber das ist doch alles nichts Neues…

  4. G. Vogel meint:

    Danke

    für die hilfreiche Information,
    für die sachlich-faire Analyse,
    für die bibel- und evangeliumsgerechte Beurteilung

  5. Lieber Ron,
    und ich bin schon gespannt auf deine Darstellung der ‚alten Paulusperspektive‘, falls sie einmal erscheinen sollte als Handreichung 😉

  6. Ich glaube nicht, dass sich missionale Theologie oder Transformationstheologie zu Recht auf die Neue Paulus Perspektive berufen können. Wie N.T. Wright selbst schreibt, führt die NPP zu einer hohen Ekklesiologie, in der die Kirche letztlich das Ziel des Handelns Gottes ist, während die missionale Theologie eine niedrige Ekklesiologie voraussetzt, in der die Kirche nur das Instrument Gottes zum Erreichen der Menschen ist, das nach Belieben dem Zweck angepasst werden kann und seine Bedeutung verliert, wenn der Zweck erfüllt ist.

    Dass übrigens nicht nur Menschen aus der Schöpfung heraus errettet werden, sondern dass auch die Schöpfung selbst die Verheissung der Erneuerung hat, kann man in Römer 8 nachlesen. Dafür braucht es nicht einmal eine Neue Paulus Perspektive. Diese Erneuerung geschieht aber nach Paulus, so wie N.T. Wright es darstellt, nicht durch kontinuierliche Transformation, sondern durch ein eschatologisches Eingreifen Gottes.

  7. @Ben K. Danke! Kann man so sehen. Muss man aber nicht so sehen.

    Es gibt unterschiedliche Konzepte missionaler Theologie. Darunter auch diejenigen, die einen ganzheitlichen Missionsbegriff vorausgesetzen. Hier gibt es große Schnittmengen mit dem Evangeliumsbegriff von NTW, z. B. das Retten der Wale.

    Dass es Kontinuität zwischen verfluchter und vergänglicher Schöpfung und erlöster, neuer Schöpfung gibt, ist ja unbestritten. Interessanter wird es, zu fragen, was denn aus Sicht von NTW die Theologen vor ihm diesbezüglich falsch gesehen haben. Was bedeutet es, den Himmel auf die Erde zu bringen?

    Liebe Grüße, Ron

  8. Auch missionale Konzepte mit einem ganzheitlichen Missionsbegriff gehen von einer niedrigen Ekklesiologie aus. Falls die Wale auch noch zur Kirche gehören, dann wird die Ekklesiologie ja noch niedriger und die Kirche löst sich sozusagen in die Gesellschaft und Schöpfung hinein auf. In der NPP ist mir noch nie ein Konzept begegnet, das Mission über Menschen hinaus ausweitet. Man sollte da wirklich unterscheiden zwischen NPP und irgendwelchen evangelikalen Modeströmungen, die sich (fälschlicherweise) darauf berufen. Bei NTW ist die Ekklesiologie m.E. sakramental und fast hochkirchlich, was völlig inkompatibel ist mit missionalen Konzepten.

    Was bedeutet es, den Himmel auf die Erde zu bringen? Ich weiss es nicht, aber das klingt wieder eher nach Transformationstheologie als nach NPP. Das sollte man wirklich unterscheiden. Nach NTW kommt die Neue Schöpfung in einem eschatologischen Akt sozusagen vom Himmel herab. Aber ich bin bei ihm noch die der Aussage begegnet (jedenfalls nicht im Sinne einer Transformationstheologie), dass Christen den Himmel auf die Erde bringen.

    In diesem Themenfeld richtet sich NTW allerdings gegen die recht verbreitete Vorstellung, dass wir nach dem Tod „in den Himmel kommen“, als ob einfach die Erde vergeht und wir in die jenseitige Wirklichkeit Gottes („Himmel“) transferiert werden. Vielmehr ist der Mensch für die Erde geschaffen und so wie es einen neuen Leib geben wird (der wie der Auferstehungsleib Jesu in Kontinuität und Diskontinuität zum alten Leib steht), so wird es auch eine neue Erde geben. Aber so wie die Auferstehung sich durch ein einmaliges göttliches Eingreifen am jüngsten Tag ereignen wird, so auch die Erneuerung von Himmel und Erde. Wenn jemand den Himmel auf die Erde bringt, dann Gott.

    Liebe Grüsse,
    Beni

  9. @Beni K.: Wer sagt denn, dass es den Missionalen nur um die Mission geht? Und wer sagt denn, dass die Evangeliumsverkündigung bei NTW Mission ist?

    In diesem Themenfeld richtet sich NTW allerdings gegen die recht verbreitete Vorstellung, dass wir nach dem Tod „in den Himmel kommen“, als ob einfach die Erde vergeht und wir in die jenseitige Wirklichkeit Gottes („Himmel“) transferiert werden.

    Ich weiß nicht, wie oft ich das schon gelesen und gehört habe, auch von NTW selbst. Es wird durch die Frequenz nicht wahrer. Knüpfen wir uns doch mal alte und neue Dogmatiken vor und suchen nach einer gnostischen neuen Welt ohne Auferstehungsleib, einem “Himmel“. Sicher gab es solche Strömungen und allerlei Exoten, die so etwas gesagt haben. Aber zu meinen, erst jetzt sehen wir klar, dass der Himmel keine Ansammlung von Leiblosen ist, finde ich schon recht vermessen. Und der Himmel als Ort unserer zukünftiger Hoffnung (neben der Erde) ist ja dem NT nicht fremd.

    Liebe Grüße, Ron

  10. Den Missionalen kann es ja nur um die Mission gehen, weil sie alles zu Mission erklären. Und dass Mission bei NTW keine Rettung der Wale meint sondern Evangeliumsverkündigung, weiss ich, weil ich NTW gelesen habe.

    Zur Frage nach Himmel und Auferstehungsleib: Ich meine zwar, dass NTW in diesem Punkt nicht primär frühere Theologen und Dogmatiken kritisiert, sondern volkskirchlich weit verbreitete Vorstellungen (die sich in der liberalen Theologie oft auch im Sinne einer persönlichen Eschatologie, welche die Auferstehung leugnet, durchschlagen), aber selbst wenn NTW irrtümlicherweise der Meinung sein sollte, damit etwas grundlegend Neues zu sagen (was m.E. nicht der Fall ist): Dann ist es ja umso besser, wenn er in Übereinstimmung mit der alten kirchlichen Lehre ist.

  11. @Beni K.: Das ist doch der Punkt: Wo alles zur Mission wird, geht es nicht mehr um den Ruf zum Glauben im neutestamentlichen Sinn. Und natürlich heißt Evangeliumsverkündigung für NTW, zu sagen, dass Jesus der Herr der Braunbären und Wale ist.

    Zum Himmel: Ich denke, er will etwas anderes sagen als die alten Dogmatiker. Er will die Kontinuität zwischen dem Leben im Hier und Jetzt und dem Leben in der neuen Schöpfung betonen. Die guten Dogmatiker hielten sowohl an der leiblichen Auferstehung als auch an der Pilgerschaft, dem Fremdsein auf dieser Welt, fest. Das deutet NTW als Vertröstung.

    Liebe Grüße, Ron

  12. „Und natürlich heißt Evangeliumsverkündigung für NTW, zu sagen, dass Jesus der Herr der Braunbären und Wale ist.“

    Nun, spätestens an diesem Punkt ist meines Erachtens eine faire und sachliche Auseinandersetzung mit NTW einer polemischen Verzerrung gewichen. Ich bin aber kein Wrightianer und fühle mich nicht gedrängt, ihn zu verteidigen. Wer sich ein eigenes Bild über NTW machen will, soll das tun, aber letztlich geht es nicht darum, ob NTW oder sonst jemand recht oder unrecht hat, sondern um die rechte Auslegung der Heiligen Schrift.

    Liebe Grüsse,
    Beni

  13. Beni K.: Es war nicht meine Absicht, polemisch zu sein. Ich bin vielleicht etwas kurz angebunden, da ich auf Reisen bin und meist übers Mobil tippe.

    Hier mal zwei Behauptungen von Wright, die mE ganz gut illustrieren, was ich meine:

    Was sollten Christen tun, wenn sie heute Evangelium verkünden?

    „Sie müssten – und das ist nur der Anfang – das tun, was Paulus tat, nämlich die Mächte der Welt mit der Nachricht konfrontieren, dass ihre Zeit abgelaufen ist und dass sie Jesus selbst ihre Loyalität schulden. Hier geht es nicht so sehr darum, einzelnen Politikern und einflussreichen Menschen zu sagen, dass sie Jesus als den Herrn ihres eigenen Lebens anerkennen müssen, auch wenn das natürlich ebenfalls wichtig ist. Es geht mehr darum, ihnen im Namen Jesu zu sagen, dass es eine andere Art gibt, Mensch zu sein, einen Weg, der von hingebender Liebe, Gerechtigkeit, Ehrlichkeit und dem Niederreißen traditioneller Grenzziehungen gekennzeichnet ist – den Grenzziehungen, die die Spaltungen verstärken, die Menschen voneinander trennen und oft auch im Streit belassen […] Es geht darum, die ganze Welt unter die Herrschaft Christi zu bringen. Die Botschaft des Evangeliums lässt uns keine Wahl.“

    An anderer Stelle sagte er:

    „Das Evangelium ist, wie ich betont habe, kein Set von Methoden, um Menschen zu Christen zu machen. Es ist auch kein Set von systematischen theologischen Reflektionen, wie wichtig die auch sein mögen. Das Evangelium ist die Verkündigung, dass Jesus der Herr ist – Herr der Welt, Herr des Kosmos, Herr der Erde, der Ozonschicht, Herr der Wale und Wasserfälle, Bäume und Braunbären. Sobald wir dies klar sehen, zerstören wir auf einen Streich die verheerende Dichotomie, die in den Köpfen der Menschen existiert hat – die Dichotomie zwischen dem „Predigen des Evangeliums“ einerseits und dem, was grob ‚soziale Aktion‘ oder ‚soziale Gerechtigkeit‘ genannt wurde, auf der anderen Seite. Das Evangelium zu predigen heißt, Jesus als Herrn der Welt zu verkündigen; …“

    Liebe Grüße, Ron

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