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Der Weg der Versuchung

Nachfolgend ein Beitrag von Professor Bauder über die Versuchung:

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Der Weg der Versuchung

Kevin Bauder

Christen haben manchmal eine nicht ganz richtige Vorstellung von der Versuchung. Manche halten die Versuchung selbst schon für das Böse, als ob allein das versucht werden bereits eine Sünde sei. Auf der anderen Seite könnte man glauben, die Versuchung allein sei nur der ursprüngliche Auslöser, der letztendlich zur eigentlichen Sünde oder auch zur wiederholten Sünde führt. In Wahrheit aber sind die anfänglichen Stadien der Versuchung gar nicht so heimtückisch, wie manche glauben, während die späteren Stadien der Versuchung viel finsterer sind, als manche erahnen. Die Versuchung geschieht in mehreren Stadien und jedes einzelne davon beinhaltet schrittweise, zunehmende Verstrickung in der Sünde. In den folgenden Absätzen werde ich die Stadien der Versuchung zusammenfassen und erklären, wie man von einem Schritt zum nächsten immer mehr dem Objekt der Versuchung unterworfen wird.

Die erste Stufe der Versuchung ist die Neigung. Zu diesem Zeitpunkt begegnet ein Mensch dem Objekt der Versuchung und wird auf gewisse Art und Weise davon angezogen. Das Objekt oder dessen Anziehungskraft allein sind nicht unbedingt schon Sünde. Ein Mensch empfindet einfach ein Verlangen, das unter den gegebenen Umständen nicht rechtens befriedigt werden kann. Eine ganz und gar grundlegende Form dieser Versuchung finden wir in der ersten Versuchung Jesu: Er war hungrig und er war versucht, Brot zu erschaffen. Das Verlangen nach Nahrung war nicht falsch, aber es konnte unter den gegebenen Umständen nicht legitim befriedigt werden. Wird die Versuchung in diesem Stadium abgewehrt, so wurde keine Sünde begangen.

Wenn man der Neigung jedoch nicht widersteht und sie zurückweist, dann entsteht Erwägung. In diesem Stadium greift das Objekt der Versuchung mehr und mehr von dem Menschen Besitz. Es wird ständig vor das geistige Auge gehalten und die davon ausgeübte Faszination kann fast schon an Besessenheit grenzen. Anstatt vor der Versuchung zu fliehen, nähert man sich ihr an. Dies ist das Stadium, in welchem die Versuchung ein gewisses Element der Sünde beinhaltet, denn unsere Gedanken müssten sich nicht zwangsweise so sehr mit dem Objekt der Versuchung beschäftigen. Im richtigen Umgang mit Versuchung könnte man an dieser Stelle ein Signal sehen, die Gedanken auf andere Dinge zu lenken, die in der Tat unserer Erwägung wert sind.

Wird die Erwägung nicht unterbrochen, so führt sie zur Erlaubnis. Ab einem gewissen Punkt hält man das Objekt der Versuchung für so begehrenswert, dass man danach greift. Das eigentliche Delikt ist noch nicht geschehen und wird vielleicht sogar niemals Wirklichkeit werden, denn vielleicht findet der Mensch keine richtige Gelegenheit das Zugelassene auch in die Tat umzusetzen. Dennoch hat er, indem er innerlich bereits die Erlaubnis gegeben hat, seiner Entscheidung Ausdruck verliehen, die Tat bei der nächstmöglichen Gelegenheit zu verwirklichen. Hier und da kann auch eine weniger direkte Ersatztat gegen die eigentlich beabsichtigte und direkte Sünde ausgetauscht werden. Wie Jesus selbst klarstellte, üble Nachrede ist Mord, Lust ist Ehebruch, und schlüpfrige Rede ist Meineid. Ist die Entscheidung einmal getroffen, so ist der Mensch bereits in die Sünde verwickelt.

Die natürliche Folge der Zulassung ist die Teilnahme. Dies ist die unverhohlene Ausführung der Sünde (oder die Unterlassung der Pflicht), nicht länger als eine Überlegung im Herzen, sondern als eine willentliche Tat. Selbst bei Sünden der Gesinnung vollzieht sich ein gewisser Wandel zwischen der Erwägung und der Teilnahme. Es gibt einen Punkt, an welchem der Mensch aufhört, gegen die verbotene Gesinnung anzukämpfen und ihr stattdessen frönt. Sehr oft repräsentiert die Teilnahme einen Wendepunkt in dem Verhältnis zu der Sünde. Wenn man sich erst einmal willentlich, aktiv und vorsätzlich der Sünde befleißigt hat, so wird der Wille geschwächt und Wiederholtes sündigen wird leichter. Weiteres Verbleiben in der Sünde ist daher zu erwarten.

Im fortgeschrittenen Stadium der Teilnahme wandelt sich die Versuchung nun zur Gewohnheit. Um es mit den Worten von John Donne zu sagen [ein englischer Schriftsteller, der von 1572–1631 lebte, Anmerkung des Übersetzers], bleibende Gewohnheiten bilden sich infolge von Inkonsequenz. Jeder Genuss der Sünde schwächt den Willen und führt damit zu weiterer Hingabe. Letztendlich wird die Sünde ein beständiger Teil des täglichen Lebens. Je mehr sich der Mensch an die Sünde gewöhnt, umso normaler erscheint sie ihm. Sie verschmilzt mit seiner Umwelt. Sie wird derart durchsichtig, dass sie wie eine Linse funktioniert, durch die der Sünder seine Wirklichkeit wahrnimmt. In diesem Stadium ist der Sünder nicht einfach nur ein Sünder, sondern ein Sklave. Die Sünde hält den Sünder gefangen und beginnt allen Dingen einen neuen Anstrich zu verleihen.

Das letzte und schlimmste Stadium ist erreicht, wenn die Versuchung zur Identifikation wird. Die Sünde wird so sehr ein Teil des Lebens, dass nach und nach die Identität des Sünders durch sie geformt wird. Die Sünde erreicht einen Punkt, an welchem der Sünder sein eigenes Selbst nur noch vor dem Hintergrund des begehrten Objekts wahrnimmt. Es ist ein Teil von ihm geworden. Er kann sich das Leben ohne die Sünde nicht länger vorstellen. Verlöre er sie, so wüsste er nicht mehr, wer er wirklich ist. Die Sünde beherrscht nicht nur sein äußeres Verhalten, sondern auch die inneren Bezugspunkte. Sich zu diesem Zeitpunkt der Sünde noch zu entledigen kann dem Sünder so vorkommen, als müsste er sich selbst umbringen, denn die Sünde ist Teil der eigenen Identität geworden.

Es gibt noch ein anderes Stadium, das jedoch keinen bestimmten Platz in dieser Reihenfolge einnimmt. Es ist der Schritt der Legitimierung. Ein Mensch, der eine Sünde legitimiert, sieht sie nicht länger als Sünde an, sondern hat einen Weg gefunden, sie zu rechtfertigen. Dieses Stadium tritt nicht immer ein. Viele Sünder wissen genau, dass sie sündigen und geben es offen zu, selbst wenn sie bereits bis zum Stadium der Identifikation fortgeschritten sind. Andere jedoch versuchen, sich zu rechtfertigen, indem sie einen Weg finden, die Sünde neu zu definieren, so dass sie nicht länger sündig ist, zumindest nach ihrer eigenen Auffassung.

Jeder Versuchung muss man im frühestmöglichen Stadium begegnen. Wartet man ab, bis die späteren Stadien eingesetzt haben, so wird es um ein Vielfaches schwieriger, der Sünde noch zu widerstehen. Ebenso führt es dazu, dass man sich selbst immer mehr mit der Sünde befasst. Das erste Stadium, die Neigung, bringt nicht unbedingt gleich Schuld mit sich, aber jedes weitere Stadium beinhaltet eine mehr und mehr zunehmende Teilhabe an der Sünde. Es gibt übrigens kein Stadium, in welchem Gott nicht mehr in der Lage wäre, den Sünder aus Gnade zu erretten, aber es wäre eine unschickliche Prüfung Gottes, sich auf Errettung aus einem fortgeschrittenen Stadium der Versuchung zu verlassen, wo doch Jesus selbst eine derartige Prüfung Gottes zurückgewiesen hat. Dementsprechend muss jeder Christ Gott frühzeitig um Gnade ersuchen und alle Mittel einsetzen, die Gott zur Heiligung im Angesicht der Versuchung angeordnet hat.

Professor Dr. Kevin Bauder ist Professor für Systematische Theologie am „Central Baptist Seminary“ in Plymouth, Minnesota (USA). Wiedergabe des Artikels mit freundlicher Genehmigung, Übersetzung von Oliver Seitz. 

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Hier der Artikel als PDF-Datei:  Versuchung_1.0.pdf.