Die Aufgabe der Theologen

Es lohnt sich, mal zu vergleichen, wie ein Reformator die Aufgabe eines Theologen gesehen hat und wie heute viele Theologen ihren Arbeitsauftrag beschreiben.

Philipp Melanchthon in seinen Loci praecipui theologici (2018, Bd. 1, S. 3):
Ich gebäre nicht neue Meinungen und ich fühle, dass es kein größeres Verbrechen in der Kirche Gottes gibt, als mit neuen Meinungen, die erfunden werden müssen, zu spielen und von den Schriften der Propheten und Apostel und vom wahren Zeugnis der Kirche abzuweichen.

Miroslav Volf u. Matthew Coasmun in ihrem Manifest Für das Leben der Welt (2019, S. 128):
Die Aufgabe der christlichen Theologinnen und Theologen entspricht der der Evangelisten und Apostel von damals: Aufbauend auf ihrer „Aufführung“ und innerhalb des von Christus geöffneten und strukturierten Raumes improvisieren wir eine universale Vision des erfüllten Lebens für eine ganz bestimmte Zeit und einen spezifischen Ort. So etwa können wir uns die Arbeit von Leuten wie Augustinus, Maximos dem Bekenner und Luther oder, zeitlich näher zu uns, C.S. Lewis, Howard Thurman, Jürgen Moltmann, Gustavo Gutierrez oder Kathryn Tanner vorstellen. Ja, so können wir uns das Leben jedes einzelnen Christen vorstellen – improvisiert entweder aus der direkten Lektüre der Evangelisten und Apostel oder vermittelt durch das Werk eines späteren Theologen bzw. einer Theologin.

Kommentare

  1. Schandor meint

    Ich habe die Aufgabe eines Theologen immer darin gesehen, uns didaktisch und deduktiv darzutun, was die Heilige Schrift sagt, ihre Zusammenhänge nachzuweisen (Stichwort: Gesetz und Evangelium / tertius usus legis etc.) und glaubhaft aufzuzeigen, was denn einzelne Autoren gemeint haben und was sie nicht gemeint haben können, mithin, uns in der jeweiligen Jetztzeit-Sprache zu vermitteln, was Botschaft der Bibel ist.

    Was akademisch-gegenderte Gedankenverwalter, die sich frecherweise als Theologen bezeichnen lassen, als „Theologie“ ausgeben, ist nichts als eine sprachlich höchst lächerlich-lachhafte Ausgeburt ihres tiefgehegten Wunsches: von den Menschen geachtet zu werden. Wer Gottes Wort preisgibt, um Menschenwort zu verherrlichen, ist ja kein Theologe, denn er redet nicht Gott (Theos) das Wort (Logos), sondern sich selbst. Daher ist es unrichtig, sie Theologen zu nennen. Anhand ihres Soziologenjargons schrauben sie ihre hochfliegenden Gedanken in Elfenbeintürme, von denen sie dann mitleidig-großzügig auf „das Volk“ der Laien herunterblicken können. Nur der große Prophet der immanenzia perennis Peter Sloterdijk schwebt noch weit, weit über ihnen. Ich wette: Luther hätte diese Gesellschaftsvergötzer niemals als Theo-logen bezeichnet.

  2. Was für ein „Zufall“. Habe gerade eine Predigt darüber ins Netz gestellt. Ich schließe mich dem Urteil Schandors über die Motivation „der Gedankenverwalter, die sich frecherweise als Theologen bezeichnen lassen“ an. Dahinter steckt „nichts als eine […] Ausgeburt ihres tiefgehegten Wunsches: von den Menschen geachtet zu werden.“ Es ist so eminent wichtig, mit welcher Motivation wir auslegen, lehren, predigen! Cf. https://tinyurl.com/y2umu2u5

  3. Schandor meint

    Man wird nun füglich anmerken dürfen, „Theologe“ ist ja heute ein weltlicher Begriff geworden.
    Luther ließ bekanntlich nur den als rechten Theologen gelten, der den Unterschied zwischen Gesetz und Evangelium recht ziehen konnte (das Wort recht theilen).

    Theologe in heutigem Sinne ist jemand, der auf einer staatlich anerkannten Universität Theologie studiert und einen Abschluss erlangt hat. Dabei kann er zum Atheisten par excellance geworden sein, wenn nur die Promotion durchgegangen ist, ist er – nun, eben „Theologe“. War nicht auch Dorothee Sölle Theologin? Klar, und dennoch sprach sie vom Tod Gottes. In einem meiner fetten Thielicke-Wälzer steht am Rand eine Glosse vom Vorbesitzer: „Die Frau schweige in der Gemeinde!“ Sehr amüsant.

    Aber wenn ein Theologe ein Werk herausgibt, in dem er sich der Theologensprache bedient (lateinisch, griechisch, hebräisch oder fachchinesisch) und nicht explizit sagt: Achtung, das Buch ist nur für meinesgleichen geschrieben, nicht fürs Volk! – so hat er sich ins Dünkelhafte erhoben und hofft, seine Hybris werde vom Leser als Gelehrsamkeit angesehen. Nein, ein echter Theologe kann nach Schopenhauer Ungewöhnliches in gewöhnliche Worte fassen, und wenn es die Christologie wäre.

    Und auch Sentenzen wie dieser leere Passus: „Aufbauend auf ihrer ‚Aufführung‘ und innerhalb des von Christus geöffneten und strukturierten Raumes improvisieren wir eine universale Vision des erfüllten Lebens …“ haben keinerlei ausdrücklichen Sinn. Man kann nichts und alles hineinpacken, je nach Lust und Laune. Da passt Gender rein, da passen homoerotische Beziehungen (fälschlicherweise als „Homo-Ehe“ bezeichnet) hinein, da passt die Allversöhnung rein. Nur die Sünde, die dürfte das Korsett dieser sprachlichen Blähwörterei doch etwas ungemütlich finden, denke ich.

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