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Die erstaunliche Renaissance des Sozialismus

Rainer Zitelmann hat für die NZZ das sehr empfehlenswerte Buch Socialism: The Failed Idea That Never Dies von Kristian Niemietz vorgestellt.

Der totgesagte Sozialismus ist so lebendig wie schon lange nicht mehr – jedenfalls unter jungen Leuten, die sein historisches Scheitern nicht miterlebt haben. Denn Sozialismus meint ja Gerechtigkeit, Gleichheit, Solidarität, und wer wollte schon etwas dagegen einzuwenden haben? Laut einer Umfrage des Gallup-Institutes haben 51 Prozent der jungen Amerikaner eine positive Sicht des Begriffs Sozialismus, aber nur 45 Prozent sehen den Kapitalismus in günstigem Licht. Nicht nur Bernie Sanders, auch andere demokratische Bewerber für das Präsidentschaftsamt bekennen sich zur sozialistischen Gesellschaftsordnung, zu dieser Idee eines planwirtschaftlichen Kollektivismus, die aus dem 19. Jahrhundert stammt.

Auch in europäischen Ländern erlebt der Sozialismus eine für manche überraschende Renaissance. Der britische Labour-Chef Jeremy Corbyn bezeichnet sich selbst stolz als Sozialisten. In Deutschland wurde im vergangenen Jahr der 200. Geburtstag von Karl Marx enthusiastisch gefeiert, in seiner Geburtsstadt Trier wurde ein überlebensgrosses Monument des kommunistischen Vordenkers aufgestellt. In Berlin wird derzeit ein Volksbegehren initiiert, das auf eine Enteignung privater Immobiliengesellschaften zielt, die mehr als 3000 Wohnungen besitzen, und der Vorsitzende der SPD-Jugendorganisation, Kevin Kühnert, fragte bereits herausfordernd, wer einem Menschen das Recht gebe, mehr als 20 Wohnungen zu besitzen.

In den letzten hundert Jahren gab es mehr als zwei Dutzend Versuche, eine sozialistische Gesellschaft aufzubauen, von der Sowjetunion über das maoistische China bis nach Venezuela. Alle von ihnen haben in unterschiedlichem Maße versagt. Aber, so die Anhänger des Sozialismus, nur, weil keines dieser Experimente „realer Sozialismus“ war.  Niemietz erklärt das Phänomen mit dem Hinweis darauf, dass Sozialismus in drei Phasen auftritt. In einer ersten Phase sind Intellektuelle weltweit begeistert und preisen das System in höchsten Tönen. Das galt selbst für Massenmörder wie Stalin oder Mao.

Auf die Phase des Enthusiasmus, so zeigt Niemietz, folgt stets eine zweite Phase der Ernüchterung: Das System und seine «Errungenschaften» werden zwar noch verteidigt, aber nicht mehr unkritisch unterstützt. Mängel werden zugegeben, aber gerne dem Wirken von kapitalistischen Saboteuren, ausländischen Kräften oder als Ergebnis des Boykotts durch den «US-Imperialismus» dargestellt. Schliesslich folgt die dritte Phase, in der bestritten wird, dass es sich überhaupt um eine Form des Sozialismus gehandelt habe.

Hier der Artikel: www.nzz.ch.