Die „Neue RAF-Perspektive“

40 Jahre nach dem „Deutschen Herbst“ sind noch immer nicht alle Motive der RAF-Terroristen geklärt. Zu den jüngeren Forschungsergebnissen gehört die These, dass bei der Radikalisierung auch die protestantische Sozialisation und der christliche Glaube eine Rolle gespielt habe. „Es war kein Zufall, dass so viele Linksterroristen aus evangelischen Familien stammen“ erklärt der RAF-Forscher Wolfgang Kraushaar. Zu den in den 80er-Jahren veröffentlichten Thesen des Soziologen Gerhard Schmidtchen sagt Kraushaar:

Und das Spannende an diesem Kapitel besteht darin, dass er das nicht nur versucht hat, sehr empirisch erst mal abzuklären – Sie haben ja eben bereits diese Zahlen genannt, diese Zahlenverhältnisse, dass nämlich 80 Prozent protestantisch sozialisiert gewesen seien im linken Terrorismus und nur 26 Prozent katholisch. Und das war eine ganz gravierende Abweichung gegenüber einer fast pari-pari Konstellation der üblichen Verteilung zwischen Protestantismus und Katholizismus. Und Schmidtchen sprach davon, dass es eine Form der religiösen Desozialisation gegeben habe. Er ging davon aus, dass man es im linken Terrorismus auch zu tun gehabt habe mit einer Form der Wertetransformation, und seine Formulierung lautete, dass ein religiös inhaltsleer gewordener Protestantismus das formale Erziehungsgefäß für Ideologen und politische Überzeugungstäter sei. Und das ist wirklich sehr interessant, wenn man sich das überlegt. Und die Konsequenz daraus bestand für ihn darin, dass die Mission mit dem Wort, wenn sie dann erfolglos verblieben sei, dann umgewandelt worden wäre in letzter Konsequenz in die Mission mit der Waffe. Das war seine provokative These.

Hier das DLF-Interview mit Wolfgang Kraushaar:

 

Ich würde konkreter werden. Der Protestantismus, der sich damals bereits im Prozess der Selbstsäkularisierung befand, nahm viele Ideen der Frankfurter Schule auf und sympathisierte offen mit Formen des marxistischen Denkens. Der Glaube, dem etliche Linksterroristen damals begegnet sind, war getränkt von der politischen Theologie eines Camilo Torres (katholisch!) oder Jürgen Moltmann oder eben einer Dorothee Sölle, die alle ein mindestens zwiespältiges Verhältnis zur Gewalt hatten.

Der protestantische Theologe Harvey Cox äußerte sich 1967 in seinem Buch Der Christ als Rebell (in dt. Sprache übrigens im Oncken Verlag erschienen) recht eindeutig. Das Evangelium beschreibe die Christen als „Soldaten“, als „Soldaten des Schalom“ und Christus als ihren „militärischen Oberbefehlshaber“. Anknüpfend an den Guerillabegriff von Che Guevara und Mao Tse-tung erklärte Cox (S. 38):

Wir kämpfen nicht gegen eine feindliche Welt. Der Sieg ist bereits errungen, aber es gibt noch Widerstandsnester […] Als Guerillakrieger müssen wir lernen, in kleinen Einheiten zu kämpfen und nicht immer in großen Formationen. Und manchmal müssen wir heimlich zur Ausbildung Zusammenkommen.

Eine Fundgrube zum Thema „Politisierung des Protestantismus“ ist übrigens das Buch (dem ich auch das Zitat oben entnommen habe):

Kommentare

  1. Theophil Isegrim meint:

    In der Nazizeit waren die Katholiken wohl auch standhafter als die Protestanten. Die Katholen sind halt sehr stark an ihre Traditionen gebunden und wohl deshalb nicht so empfänglich für neue Ideologien. Protestanten haben ja eigentlich die Bibel, die Schutz vor so etwas bietet. Aber, wenn die Bibel keine Autorität mehr zugestanden wird, was soll dabei schon rauskommen? Dann wird man halt auch vom Zeitgeist weggespült. Kann man ja auch heutzutage gut beobachten, wie begeistert die Liberalen von rot-rot-grünen Ideen sind.

  2. Theophil Isegrim meint:

    Dorothee Sölle hatte ein zwiespältiges Verhältnis zur Gewalt? Ich kenne mich nicht so gut in ihren Schriften aus. Ich habe keine Lust meine Zeit mit „Spinnereien“ zu vertun. Aber hat sie nicht gesagt, das Kreuz müsse aus den Kirchen entfernt werden? Das sei ein blutiges Folterinstrument, ein Zeichen der Gewalt, das nicht in die Kirche gehöre?

  3. Gute Frage! Als Gott-ist-tot-Theologin hat sie gewiss gegen das Kreuz als Sühnetat Gottes poleminisert. Aber offensichtlich hat sie Gewalt von unten nicht grundsätzlich verworfen. Meines Wissens hat sie die RAF nicht unterstützt, aber schrieb in „Gibt es kreativen Haß?“ (S. 15f): „Kann man alle Gewalttaten aus politischen Motiven von vorherein als sinnlos und irrational ansehen?“ Deshalb zwiespältig.

    Mal vom Thema Gewalt abgesehen: Was meint Tobias Faix, wenn er Dorothea Sölle als Prophetin bezeichnet?

    Liebe Grüße, Ron

  4. Theophil Isegrim meint:

    Tja, da versteht er wohl Prophetin als jemanden, der die gegenwärtigen, gottfernen Zustände anprangert – im Auftrag Gottes selbstverständlich. Das ist doch die gängige Beschreibung von Propheten in der Hochschultheologie. Der politische Freiheitskämpfer für die Armen und Unterdrückten, den Gott sandte um anzumahnen. Zumindest entnahm ich das seinen Kommentaren unter seinem Beitrag von 2013.
    Sie haben damit ja ein stückweit Recht. Es gibt viele Propheten des AT, die die mangelnde Barmherzigkeit und die fehlende Mildtätigkeit, die Ungerechtigkeit gegen die Schwachen und Armen scharf verurteilt haben. Aber das trifft ja nicht den Kern. Das sind eher Auswirkungen eines anderen Themas, was viel mehr angemahnt wurde. Die abgebrochene Beziehung zu Gott. Der Unglaube theologisch begründet. Dann die Rettung durch Gott durch Gnade (-> Jesaja), weil Gott sich nicht untreu werden kann. Naja, Du kennst das ja alles selber viel besser als ich. Was soll ich da schreiben? Aber es wundert mich doch sehr, warum Vertreter aus dem evangelikalem Bereich das Gedankengut der Liberalen so einfach übernehmen. Haben sie den Kontakt zu Gott mal abgebrochen und müssen nun zwingend sozial und nur noch sozial sein, um sich gut zu fühlen? Ist der Glaube an die Gnade so schwach, daß sie sich für eine Werkegerechtigkeit durch die Hintertür öffnen? Der gute Mensch! Aber, wie Jesus schon sagte, es gibt nur einen, der gut ist. Wir sind alles Sünder. Ist das vielleicht zu demütigend für sie? Aber das wäre doch wirklich zu simpel, um darauf reinzufallen. Das kann doch eigentlich nicht sein.

  5. Schlaumi meint:

    Das mag vielleicht so sein, abschließend kann ich das nicht beurteilen. Aber ich weiß auch, daß zB Gudrun Ensslin (erste Generation der RAF) aus einem eher pietistischen württembergischen (Pfarrers-)Elternhaus kam – in dem auch der Vater nicht dem Bild des strengen Pietisten entsprach. Die die traditionelle „christliche/pietistische Karriere“ durchlaufen hat – die Mitarbeiter dort war („vorwärts mit Jesus“), die den Jugendkreis besuchte und dort auch mitgearbeitet hat.
    Wenn sich der Protestantismus säkularisiert – dafür gibt es ja dann schöne Erklärungsmuster für das Verhalten der Menschen. Bei dem anderen Fall, wenn hier eine Frau maßgebliches Mitglied der RAF wird, ja Gründungsmitglied ist, und eben nicht aus dem säkularisierten Flügel kommt, sondern aus dem Pietismus, dann habe ich da viel, viel mehr Fragezeichen, die viel mehr Fragen aufwerfen, als sie beantworten. Die mich nicht mehr schlau im Sessel sitzen lassen, sondern zutiefst umtreiben.
    Und mir fällt da immer Hiob ein: „Wenn dann die Tage des Festmals zu Ende waren, leiß Hiob sie [seine Kinder] holen und heiligte sie; er stand früh am Morgen auf und brachte Brandopfer dar für jeden von ihnen; denn Hiob sagte sich: Vielleicht könnten meine Kinder gesündigt und sich in ihrem Herzen von Gott losgesagt haben! So machte es Hiob allezeit.“ (Hiob 1,5)
    Als Vater von vier Kindern treibt mich das um und in die Arme Gottes, läßt es mich fassungslos zurück.
    Nur, das auf die Säkularisierung des Protestantismus zurückzuführen (die ganz bestimmt ihren unsäglichen Tribut fordert), wird zu kurz gegriffen sein. Der Weg des menschlichen Herzens läßt sich nicht in Erklärsysteme und -ismen pressen.

  6. Wenn Herr Kraushaar wirklich Interesse an der RAF hätte dann verstehen wir nicht warum er jeden Kontakt zu uns meidet. Aufarbeitung von Geschichte ist Fehlanzeige. Dabei hätten wir viele Antworten auf Fragen die man sich über 40 Jahre hinweg stellt . Daniela Klette und Raymund Martini http://telavivpress.org. RAF das Magazin

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