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Die Rückkehr des Autors

Wer begreifen will, woher der Argwohn gegenüber der Verstehbarkeit von Texten stammt, wird irgendwann bei Leuten wie T.S. Eliot, Roland Barthes oder Jacques Derrida ankommen. Barthes, der französische Soziologe und Schriftsteller, Mitbegründer des Poststrukturalismus, hat die verbreitete Lust an der Dekonstruktion von Texteinheiten reichlich beflügelt. Schon 1968 sprach er vom „Tod des Autors“. Er wandte sich gegen die Annahme, der Urheber eines Textes verfolge eine dezidierte Intension. „Heute wissen wir, dass ein Text nicht aus einer Reihe von Wörtern besteht, die einen einzigen, irgendwie theologischen Sinn enthüllt (welcher die ‚Botschaft‘ des Autor-Gottes wäre), sondern aus einem vieldimensionalen Raum, in dem sich verschiedene Schreibweisen [écritures], von denen keine einzige originell ist, vereinigen und bekämpfen. Der Text ist ein Gewebe von Zitaten aus unzähligen Stätten der Kultur.“ (Roland Barthes: „Der Tod des Autors“, in: Fotis Jannidis, Gerhard Lauer, Matias Martinez, Simone Winko (Hg.), Texte zur Autorschaft, 2000, S. 181–193, hier S. 190).

Das Subjekt ist keine statische Einheit mehr, sondern verflüssigt sich. Der Autor ist nur Kristallisationspunkt unterschiedlichster kultureller Einflüsse. Er greift notwendig auf andere Texte, Bilder oder Ideen zurück. Doch nicht nur das. Der Rezipient schreibt den Text mit. Der Leser ist nicht nur Sinnkonsument, sondern Sinnkonstrukteur. „Wir wissen, dass der Mythos umgekehrt werden muss, um der Schrift eine Zukunft zu geben. Die Geburt des Lesers ist zu bezahlen mit dem Tod des Autors“ (ebd., S. 193). Der Ort, an dem ein Text lebendig wird, ist der Geist des Lesers.

Gegen die vermeintliche Eindeutigkeit von Texten bringt Barthes das „Rauschen der Sprache“ und die Vielsinnigkeit ins Spiel, die bindende Interpretationen unmöglich machen. „Einen Text interpretieren heißt nicht, ihm einen (mehr oder weniger begründeten, mehr oder weniger freien) Sinn geben, heißt vielmehr abschätzen, aus welchem Pluralen er gebildet ist“ (Roland Barthes, S/Z, 2012 [1987], S. 9).

Barthes hat auch die strukturelle Zeichenlehre, Semiotik genannt, erweitert. Ferdinand de Saussure unterschied zwischen dem Zeicheninhalt (Signifikat) und dem Bezeichnendem (Signifikant). Schon bei ihm gibt es keine natürliche Beziehung mehr zwischen den Bezeichnungen und dem Bezeichneten. Die Beziehung wird beim Gebrauch der Sprache hergestellt. Die Sprache bildet Gedanken also nicht nur ab, sondern formt diese mit. Barthes ging weiter und sah in dem Zeichen die Gesamtheit von Signifikant und Signifikat. Ein Text ist „eine Galaxie von Signifikanten und nicht Struktur von Signifikaten“ (ebd., S. 10).

Er lenkte die Aufmerksamkeit auf die Zeichen, in denen der Sinn zu finden sei. Barthes illustrierte seine Sichtweise am Beispiel eines Rosenstraußes (Roland Barthes: Mythen des Alltags, 1964, S. 85):

Man denke an einen Rosenstrauß: ich lasse ihn meine Leidenschaft bedeuten. Gibt es hier nicht doch nur ein Bedeutendes und ein Bedeutetes, die Rose und meine Leidenschaft? Nicht einmal das, in Wahrheit gibt es hier nur die ‚verleidenschaftlichten‘ Rosen. Aber im Bereich der Analyse gibt es sehr wohl drei Begriffe, denn diese mit Leidenschaft besetzten Rosen lassen sich durchaus und zu Recht in Rosen und Leidenschaft zerlegen. Die einen ebenso wie die andere existierten, bevor sie sich verbanden und dieses dritte Objekt, das Zeichen, bildeten. Sowenig ich im Bereich des Erlebens die Rosen von der Botschaft trennen kann, die sie tragen, so wenig kann ich im Bereich der Analyse die Rosen als Bedeutende den Rosen als Zeichen gleichsetzen: das Bedeutende ist leer, das Zeichen ist erfüllt, es ist ein Sinn.

Der Poststrukturalismus hat übrigens die Bibelauslegung der letzten Jahrzehnte stark geprägt. Wenn heute von Evangelikalen „das Fortschreiben der Bibel“ oder „das nebeneinander Stehenlassen“ unterschiedlicher exegetischer Befunde gefordert wird, ist der Einfluss dieser Betrachtungsweise erkennbar. In einem Vortrag sagte ich 2016:

Während Luther und mit ihm andere große Lehrer der Reformation in der Bibel sehr klar das Evangelium von der Gerechtmachung des gottlosen Sünders vernahmen und die liberalen Aufklärungstheologen immerhin noch nach einer sittlichen Botschaft für alle Menschen suchten, vernimmt der „Postprotestantismus“ in den biblischen Texten nur noch das Schweigen Gottes. Die verbindende Grunderfahrung des postprotestantischen Nordeuropas – schreibt der bekannte Schweizer Exeget Ulrich Luz – „ist die der grundsätzlichen Verborgenheit Gottes“. Gott kommt nur noch „unter der Gestalt menschlicher Texte, menschlicher Theologie, menschlicher Geschichte und unter der Gestalt völlig pluraler und mehrdeutiger menschlicher religiöser Erfahrungen“ vor. Klaus-Peter Jörns erklärt ganz ähnlich, dass es in den biblischen Dokumenten keine göttliche Wahrheit gibt, sondern wir auf menschliche Konstruktionen angewiesen sind, die „notwendigerweise pluralistisch“ sein müssen.

Wir verstehen Bibeltexte also nicht mehr, indem wir uns ihnen unterordnen und sie im Sinne ihrer Autoren auslegen, sondern wir schaffen uns im Gespräch mit den alten Texten neue Wirklichkeiten. Der ursprüngliche Autor und sein Text sind entmachtet (Tod des Autors). Da wir sowieso nicht objektiv verstehen können, was ein Text sagt, verschiebt sich das Gewicht auf den Ausleger. Nicht das, was der Text objektiv sagt (kein Text sagt etwas objektiv), sondern das, was der Text in uns auslöst, ist entscheidend für das Textverständnis. Nicht der Ursprungstext ist autoritativ, sondern das, was dieser Text mit uns macht. Gott hat gesprochen, alles andere ist Interpretation.

Interessant ist, dass der Literaturkritiker Eric Donald Hirsch bereits Mitte der 60er-Jahre auf die Probleme dieser Position hinwies und sogar ihre Absurdität beweisen konnte. Schon damals sprach er davon, dass es Aufgabe der Kulturhistoriker sei, „herauszufinden, warum diese Doktrin in den letzten Jahren so weite Verbreitung finden konnte“ (Prinzipien der Interpretation, 1972 [1967], S. 16). E. D. Hirsch zeigte auf, dass zwar die Autoren „verbannt“ wurden, die Kritiker aber blieben. Und so darf gefragt werden: Sind nicht die Kritiker auch Autoren?

Hier mal ein längeres Zitat aus Prinzipien der Interpretation: (S. 16–18):

Von Literaturwissenschaftler ist oft das Argument ins Feld geführt worden, daß die Theorie von der Unwichtigkeit des Autors sich äußerst günstig auf Literaturkritik und philologische Gelehrsamkeit auswirkte, weil sie das Zentrum der Untersuchung vom Autor auf sein Werk verlagerte. Gestützt auf diese Theorie, haben moderne Literaturkritiker getreulich und sorgfältig ihre Texte untersucht, um deren unabhängig existierenden Sinn, anstatt der vorher für wichtig gehaltenen Bedeutung für das Leben des Autors, herauszufinden. Daß diese Verschiebung in Richtung auf die Exegese wünschenswert war, wird nur von wenigen Wissenschaftlern bestritten werden, ganz gleich, ob sie nun zu den Anhängern der Theorie der semantischen Autonomie zählen oder nicht. Es waren jedoch historische, nicht logische Gründe, die diese Theorie mit der exegetischen Bewegung in Verbindung brachten, da es keine logische Notwendigkeit gibt, die einen Kritiker zwingt, den Autor völlig auszuschalten, nur um sein Werk analysieren zu können. Nichtsdestoweniger hat die Theorie durch ihre historische Verbindung mit der Textanalyse viel Feingefühl und Intelligenz zutage gefördert. Leider hat sie auch häufig zu Eigensinnigkeit und Extravaganzen in der wissenschaftlichen Kritik beigetragen; sie war ein wichtiger Grund für den heute herrschenden Skeptizismus, der die Möglichkeit einer objektiv richtigen Interpretation in Zweifel zieht. Natürlich wären diese Nachteile zu ertragen, wenn die Theorie richtig wäre. Skepsis ist in geistigen Dingen besser als Illusionen.
Die Nachteile der Theorie konnten in jenen erregenden Zeiten, als die alte Ordnung der Literaturwissenschaft zerbrach, nicht leicht vorhergesehen werden. Damals wurden Naivitäten, wie die positivistische Einstellung der Literaturgeschichte, das Suchen nach Einflüssen und anderen kausalen Zusammenhängen, die nachromantische, den Prozeß des Schreibens umgebende Faszination über Gewohnheiten, Gefühle und Erlebnisse mit völligem Recht angegriffen. Es wurde in zunehmendem Maße deutlich, daß die theoretischen Fundamente der alten Literaturwissenschaft schwach und unzureichend waren. Man kann also nicht sagen, daß die Theorie von der Unwichtigkeit des Autors schlechter ist als die Theorien oder quasi-Theorien, die sie ersetzte; es kann auch nicht bezweifelt werden, daß die unmittelbare Wirkung der Verbannung des Autors insgesamt positiv und erneuernd war. Heute, nach mehreren Jahrzehnten, sind die Schwierigkeiten, die die Theorie der semantischen Autonomie mit sich bringt, deutlich sichtbar; sie sind für das Unbehagen verantwortlich, das an den Hochschulen herrscht, obwohl diese Theorie dort seit langem eine unbestritten dominierende Stellung innehat.
Daß dieser Zustand akademischer Skepsis und Verwirrung zum großen Teil der Theorie von der Unwichtigkeit des Autors entspringt, ist, wie ich glaube, ein geistesgeschichtliches Faktum der unmittelbar zurückliegenden Zeit. Denn nachdem der Autor als bestimmendes Element für den Sinn eines Textes radikal eliminiert worden war, wurde allmählich klar, daß kein geeignetes Prinzip für die Beurteilung der Richtigkeit einer Interpretation existierte. Durch immanente Notwendigkeit wurde aus der Frage, „was ein Text aussagt“, die Frage, was er dem einzelnen Kritiker bedeute. Es kam in Mode, über das „Textverständnis“ [Orig.: „reading“] eines Kritikers zu sprechen, ein Wort, das nun in den Titeln gelehrter Werke aufzutauchen begann. Das Wort schien zu implizieren, daß der Autor verbannt worden war, der Kritiker aber blieb, und sein neues, originelles, kultiviertes, geniales und relevantes „Verständnis“ per se Interesse beanspruchen durfte.