Die Sühnewirkung des Todes Jesu

In der Paulusforschung herrscht seit längerem die Annahme vor, dass der Apostel Paulus keine in sich konsistente Lehre vom Endgericht vertrete, sondern je nach Kontext auf unterschiedliche, einander teilweise widersprechende Motive zurückgegriffen habe. Christian Stettler zeigt durch die Analyse von allen paulinischen Gerichtstexten mit Hilfe der kognitiven Frame-Semantik, dass Paulus nicht von unterschiedlichen oder gar widersprüchlichen „Gerichtskonzeptionen“, sondern von einer in sich konsistenten Gerichtserwartung ausging. Zudem vertieft der Autor die gewonnenen Erkenntnisse durch weitere exegetische Analysen, welche sich kritisch mit Ergebnissen der konfessionellen Paulusexegese und der Neuen Paulusperspektive auseinandersetzen und zu einer differenzierteren Sicht führen.

In seinem Fazit schreibt der Christian Stettler über das Gericht nach den Werken bei den Christusgläubigen unter anderem:

Paulus hat also die Sühnewirkung des Todes Jesu offensichtlich nicht nur auf Sünden vor der Taufe, sondern auch auf die Sünden von Christen bezogen. Wo Sünde nach der Bekehrung vorkommt, kann ein Christ nicht aufgrund seines noch so weitgehenden Liebeswerkes gerechtfertigt werden, sondern ist weiterhin auf die Vergebung Christi angewiesen. Im Blick auf die Rechtfertigung gilt ohnehin das ganze Leben einer Person als Einheit und wird nicht in die Zeit vor und die Zeit nach der Bekehrung aufgeteilt. Abgesehen von Jesus (2Kor 5,21) gibt es niemand, der sein ganzes Leben über ohne Sünde geblieben ist (vgl. Röm 3,9-20). Rechtfertigung selbst durch einen vollkommenen Gehorsam nach der Bekehrung ist dadurch ohnehin ausgeschlossen.

Nach Paulus sind die Glaubenden dem Gericht nach den Werken nicht enthoben, vielmehr sind sie denselben Maßstäben unterworfen wie die übrige Menschheit. Was sie jedoch von nicht an Jesus glaubenden Menschen unterscheidet, ist zweierlei: erstens, dass ihre Sünden vergeben sind, auch die, die nach ihrer Taufe geschahen, sofern sie nicht im sündigen Verhalten verharrt, sondern darüber Buße getan haben, und zweitens, dass sie mit dem Heiligen Geist, der Kraft der neuen Schöpfung, begabt sind, durch den sie ein Gott wohlgefälliges Leben führen können. Beides, Vergebung und Geist, haben sie aus Gottes Gnade empfangen, aufgrund ihres Glaubens an den gekreuzigten und auferstandenen Gottessohn. Also ist auch das neue Handeln aus dem Geist eine Wirkung des Auferstandenen, eine Wirkung der Gnade. Das neue Handeln ist ganz die Verantwortung des Menschen und zugleich ganz die Wirkung Gottes (vgl. Phil 2,12f.).

Es ist deshalb kein Widerspruch, sondern Ausdruck des typisch frühjüdischen aspekthaften Denkens des Paulus, dass nach Paulus die Rettung und Rechtfertigung im Endgericht einerseits ganz Geschenk, ganz „Gnade“ ist und denen gilt, die glauben, und andererseits Paulus dennoch die Gabe des ewigen Lebens im Endgericht auch als eine Antwort auf das Werk der Christen, auf ihren Glaubensgehorsam, ja als „Lohn“ bezeichnen kann.

Für die Untersuchung:

  • Stettler, Christian, Das Endgericht bei Paulus: Framesemantische und exegetische Studien zur paulinischen Eschatologie und Soterologie, WUNT, Band 371, Mohr Siebeck, 2017, 415 S.

wurde dem Autor der Johann-Tobias-Beck-Preis 2018 verliehen.

Kommentare

  1. Klingt Spannend. Weißt Du, Ron, inwiefern dieses Buch an den anderen Band von Stettler über das Gericht bei den Propheten bis Jesus anschließt? Sollte man den zuerst gelesen haben?
    Grüße!

  2. @Raphael: Es gibt keinen direkten Zusammenhang. Die Habitilationsschrift über das Endgericht bei Paulus ist eine eigenständige Arbeit.

    Liebe Grüße, Ron

  3. Wenn durch den Opfertod Jesu alle Schuld der Welt getilgt ist – wieso muss mir dann noch vergeben werden?

  4. Tim-Christian meint

    @toblog

    Gott vergibt, indem er stellvertretend sühnt. Oder anders: Gott vergibt „um Christi willen“ (propter Christum). Das ist ja das wunderbare am Kreuz: Gott ist vollkommen gerecht, da er die Sünde im Fleisch verdammt (vgl. Röm 8,3); gleichzeitig ist Gott überaus barmherzig und vergebend, da er die Sünde verdammt, ohne automatisch die Sünder zu verdammen. Würde er einfach Fünfe gerade sein lassen, wäre er nicht gerecht, da die Sünde nicht bestraft und gesühnt wäre; würde er allen Sündern zukommen lassen, was sie verdienen (Tod und Verdammnis) wäre er zwar gerecht, aber nicht barmherzig. Nur auf Grund des Kreuzes gilt:

    Gott ist gerecht, ein Rächer alles Bösen.
    Gott ist die Lieb, und läßt die Welt erlösen.
    Dies kann mein Geist, mit Schrecken und Entzücken,
    Am Kreuz erblicken.

    Zur ganzen Wahrheit gehört aber auch, dass Christus mitsamt seinen objektiv erworbenen Wohltaten uns nichts nützt, so lange Gott ihn uns nicht zueignet bzw. wir ihn uns im Glauben aneignen. Johannes Calvin schreibt: „Solange Christus außer uns bleibt und wir von ihm getrennt sind, ist alles, was er zum Heil der Menschheit gelitten und getan hat, für uns ohne Nutzen und gar ohne jeden Belang! Soll er uns also zuteil werden lassen, was er vom Vater empfangen hat, so muss er unser Eigentum werden und in uns Wohnung nehmen.“

    Deswegen ist es für Paulus ja auch kein Widerspruch, zu sagen: „Gott war in Christus und versöhnte die Welt mit sich selber und rechnete ihnen ihre Sünden nicht zu und hat unter uns aufgerichtet das Wort von der Versöhnung. So sind wir nun Botschafter an Christi statt, denn Gott ermahnt durch uns; so bitten wir nun an Christi statt: Lasst euch versöhnen mit Gott!“ Einerseits ist das objektive Heilswerk vollbracht (vgl. Joh 19,30b): Gott HAT die Welt mit sich versöhnt; andererseits bedarf es der subjektiven Aneignung: LASST euch versöhnen mit Gott.

    Diese Aneignung geschieht durch den Glauben, der die uns durch Wort und Sakrament zugesprochene Frucht des Leidens, Sterbens und Auferstehens Christi ergreift. Die Bitte um Vergebung der Sünden ist also eine Bitte um das wiederholte bzw. beständige wirksam werden der Frucht des Kreuzestodes im eigenen Leben.

    In diesem Sinne: Frohe Ostern!

  5. Schandor meint

    @Tim

    Schön gesagt. Nur toblogs Frage nicht beantwortet. Mit komplizierten Erklärungen ist die Antwort eskamotiert.

    @toblog
    Ist das denn so, dass alle Schuld der Welt getilgt ist? Es gibt nur keine Verdammnis für jene, die „in Christo“ sind (was immer das heißen mag). Die anderen stehen ja immer noch „unter dem Zorn“. Sagen wir also mal, es gibt diese zwei Menschengruppen. Den einen ist vergeben (wenngleich das ein dynamischer Prozess ist, kein statisch-ontologischer Zustand, sonst bedürfte es all der Warnungen nicht), den anderen ist nicht vergeben. Daher stelle ich Deine Frage infrage.

  6. Tim-Christian meint

    @Schandor

    (1) Das sehe ich anders. Die Antwort auf die Frage „Wenn durch den Opfertod Jesu alle Schuld der Welt getilgt ist – wieso muss mir dann noch vergeben werden?“ lautet: Weil die Vergebung die Zueignung der erbrachten Sühne/Tilgung ist. Wo die Zueignung ausbleibt, bleibt auch das Opfer äußerlich und unwirksam. „Denn ob er wohl ist für alle gestorben und auferstanden, so ist er doch dir nicht auferstanden, denn du hast solche Auferstehung noch nicht mit dem Glauben gefasst. Den Rauch hast du gesehen, aber des Feuers nicht empfunden. Die Wort hast du gehört, aber keine Kraft derselben empfangen.“ (Luther)

    (2) Selbst wenn man die Frage im Sinne einer „begrenzten Sühne“ (limited atonement) in Frage stellt, bleibt sie ja bestehen, wenn man sie leicht modifiziert: Wieso muss der Gruppe der Erwählten, für die Christus gesühnt hat, noch vergeben werden? Die Antwort wäre dieselbe: Weil auch die Erwählten so lange unter dem Zorn Gottes verbleiben, bis sie sich Christus und seine Wohltaten im Glauben aneignen, sprich: die Vergebung empfangen.

    Oder versteh ich dich irgendwie falsch?

  7. An wen richtet sich das Buch eigentlich? Wer ist die Zielgruppe?

    Vor einigen Monaten habe ich mir im selben Verlag den Titel „Der Höhepunkt des Hebräerbriefs“ von Lukas Stolz besorgt und war sehr angetan. Ich schlage dort immer noch gerne nach und habe etwa die Hälfte am Stück gelesen. Trotzdem keine leichte „Kost“ und für Geschwister ohne jede Kenntnis der Grundsprachen und entsprechende Hilfsmittel nur sehr bedingt zu empfehlen.

  8. @Tim-Christian und Schandor:

    Danke für eure Antworten. Meine Ansicht ist folgende: Ich glaube nicht, dass das Kreuz die Antwort auf das angebliche Problem ist, dass Gott von seinem Wesen nicht gleichzeitig heilig/gerecht und barmherzig sein kann. Wem ich gnädig bin, dem bin ich gnädig…bedingunglos/vorauslaufend… Ich denke, man muss das Wesen Gottes und Gottes Gesetz unterscheiden. In einer Rechtsordnung der Gesetzeswerke (AT) kann man nicht einfach 5 gerade sein lassen und sagen: Hier ist zwar ein Gebot, aber wenn du es übetrittst, dann gibt es keine Sanktion, sondern die Sünde wird dann gleich vergeben.

    M. E. wird durch das Opfer Jesu auch nicht die Schuld der Welt gelöscht/getilgt/beseitigt/ausgeglichen, wie man das auch immer nennen mag. Ansonsten würde das ja auch auf eine billige Allversöhnung hinauslaufen, ohne Reue und Umkehr und Beziehung zu Jesus. Ich verstehe das NT so, dass uns der Sohn per Sündopfer vom Fluch des Gesetzes losgekauft hat (Gal. 3,13 und 4,5). Und zwar indem er alle Sünden übernimmt, die Todesstrafe trägt, aber vom Vater wieder begnadigt wird. Im Ergebnis hat es sich jetzt ein Leben eines Menschensohns geschaffen, der nicht mehr durch das Gesetz zum Tode verurteilt werden kann, weil er für alles bereits verurteilt wurde.

    Wenn ich als Christ heute sündige, vergibt er mir als Vertreter Gottes. Das betrifft die Beziehung zu ihm. Was das Gesetz anbelangt, verweist er auf seinen Sühnetod (1. Joh. 2,2), aber nicht so, dass er sagt: Ich habe am Kreuz alle Schuld der Welt gelöscht, sondern: Auch für die Sünde jetzt bin ich gestorben und kann nicht nochmals verurteilt werden. Und ja, dieser Sünder gehört nach wie vor zu mir, zu meiner Person – also entgeht er auch der Verurteilung durch das Gesetz.

  9. Ich denke, dass Jesus nicht die Schuld der Welt gelöscht hat, sondern sich selbst und alle, die ihm angehören, per Sündopfer von der Verurteilung durch das Gesetz losgekauft hat.

  10. Tim-Christian meint

    Ah, okay! Danke. Jetzt versteh ich auch die Frage (und Schandors Kritik) besser. Ist natürlich dann eine exegetische Frage, wie wort-wörtlich man das nimmt, dass er für uns zur Sünde geworden ist und die Sünde der Welt hinweg genommen hat.

  11. Schandor meint

    @Tim-Christian

    Also erstmal freue mich mich besonders darüber, dass das hier kein Ich-hab-Recht-Ding ist. Die Frage ist nämlich durchaus ernst, ja, und ich selbst kann sagen, dass das eine äußerst gute Frage ist. toblog sagts ja sehr schön: Dass Jesus nicht die Schuld der Welt „gelöscht“ hat (gefällt mir sehr gut, die Wendung), sondern … alle, die ihm angehören, … losgekauft hat. Das aber hat er aber doch schon vor 2000 Jahren getan, oder nicht?

    Die Frage, die sich mir dabei stellt: Woran macht man diese Zueignung fest? Das kann ja kein Geistesbestand sein, da kann ich Luthers Aussage (und Dich) überhaupt nicht verstehen. Wenn ich jemandes Schuld erlasse, ist sie erlassen, ob er das glaubt oder nicht. Punkt. Aber so scheint die Vergebung nicht zu funktionieren, wie mir scheint. Nur bleibt sie irgendwie unbegreiflich. Ich habe mal vor vielen Jahren mit einem STA-Theologen darüber geredet. Der hat gemeint, dir ist vergeben, wenn du das glaubst. Wenn du das aber nächsten Tag in Zweifel ziehst und in diesem Moment stirbst, hast du keine Vergebung. Ich hab ihm gesagt, das sei dermaßen unsinnig, dass ich darüber gar nicht weiterreden möchte. Aber der Umstand, dass ein Theologe sowas ernsthaft glaubt, zeigt doch, dass die Frage im Raum steht.

    Ich vermute, man darf überhaupt keine zeitlichen Kategorien ins Spiel bringen. Vor einer direkten Antwort Jesu Christi hätte ich ehrlich gesagt große Angst. Aber er weiß, wie und wem diese Frage im Herzen brennt. Ganz eng hat die Thematik auch mit dem (für mich) unfassbar leidigen Thema der Heilsgewissheit zu tun. Denn manche tun, als sei diese selbst heilsnotwendig. Oder zumindest sei ein Zweifel ein Indiz für irgendwas.

    Eine Zueignung ja, durch den Glauben ja, doch was genau geschieht da? Ist das eine metaphysische Frage? Ich wage folgende Antwort:
    Der Glaube, um den es sich hier dreht (und das ist eminent wichtig), ist kein Überzeugtsein von Dingen, die man nicht sieht, sondern das ist ein unfassbar starkes Hoffen auf Gnade. Sowie jene Frau, die gar kein Glaubensbekenntnis ausgesprochen hatte, sondern auf Jesu Gnade hoffte (hoffte!) — zu ihr sagte Jesus doch: Dein Glaube hat dir geholfen; geh hin in Frieden! (Lk 7,44). Gerade die Gebrochenen, Schwachen, die um Hilfe rufen und wissen, dass einzig und allein die Gnade sie retten kann, sind es nicht gerade die, die glauben? Und denen dann vergeben wird? Aber kann man dieses Ereignis zeitlich irgendwie fixieren? Das eben bezweifle ich. Ein einfacher Glaube, der sich auf ein paar Worte in der Bibel verlässt, verlässt sich der zurecht auf diese Aussagen? Diese Frage halte ich für grundsätzlich unlösbar, die Theologiegeschichte ist ein beredtes Beispiel für diese Aporie. Wie bringt man die Paränesen und die einfachen Aussagen (wer an ihn glaubt, wird errettet usw.) ineins? Eben.

    Im Übrigen scheint mir die Annahme, Jesus sei für die Sünden der ganzen Welt gestorben, deshalb grotesk, weil sein Opfer dadurch unfassbar herabgewürdigt wird. So als ob er auf Voraussicht hin gestorben wäre. Wenn jemand alle Schulden aller Bürger einer Stadt bezahlt, hat kein Bürger dieser Stadt mehr eine Schuld, die eingetrieben werden könnte. Oder irre ich mich da?

    Ich kann sagen, dass ich wirklich und wahrlich glaube, dass Jesus von Nazareth von den Toten auferstanden ist. (Dazu findet man auch bei William Lane Craig einen erstaunlichen Fundus an Beweisen.) Ich weiß nun genau, dass viele Christen sagen würden: Das ist zu wenig. Ich halte die Frage ehrlich gesagt für unlösbar.

  12. Ich nehme das schon wörtlich, dass ihm alle Schuld der Welt aufgeladen und zurechnet wird, er deswegen rechtlich vom Gesetz her in den Tod muss. Nur jetzt weiche ich von der klassischen Sühnetodlehre ab und behaupte, dass der Sohn nicht mit dem Tod die Schuld abbezahlt/getilgt/gelöscht hat, sondern dass der Tod seine Bande wieder loslassen musste, weil der Vater barmherzig war und dabei von den Sünden der Welt wieder abgesehen hat. Dadurch hat er sich einen neuen Menschen geschaffen, der immun ist gegenüber einer weiteren Verurteilung durch das Gesetz. Wenn ich als Christ nun heute sündige vergibt er mir als Vertreter Gottes und weist mögliche Anklagen aus dem Gesetz zurück. Aber nicht, in dem er sagt: Ich habe durch meinen Opfertod alle Schuld bereits gelöscht, sondern: Auch für diese Sünde bin ich gestorben. Aber du gehört trotzdem zu mir und ich kann auch dafür nicht nochmals verurteilt werden. Nur in ihm haben wir die Erlösung, die Vergebung der Sünden, nicht außerhalb von ihm.

  13. Tim-Christian meint

    Aber sind das nicht ziemlich biblische Begriffe und Konzepte, die Du da ablehnst?

    Bezahlung/Loskauf durch Blut

    „Du bist würdig, zu nehmen das Buch und aufzutun seine Siegel; denn du bist geschlachtet und hast mit deinem Blut Menschen für Gott erkauft aus allen Stämmen und Sprachen und Völkern und Nationen“ (Offb 5,9).

    Sühnung

    „Und er ist die Sühnung für unsere Sünden, nicht allein aber für die unseren, sondern auch für die ganze Welt“ (1 Joh 2,2 ELB).

    „Ihn hat Gott hingestellt als einen Sühneort durch den Glauben an sein Blut zum Erweis seiner Gerechtigkeit wegen des Hingehenlassens der vorher geschehenen Sünden“ (Röm 3,25).

    Tilgung

    „Er hat den Schuldbrief getilgt, der mit seinen Forderungen gegen uns war, und hat ihn aufgehoben und an das Kreuz geheftet“ (Kol 2,14).

  14. Mit den ganzen Stellen lässt sich auch eine andere Erklärung des stellvertretenden Sühnetods stützen. In der Tat sehe ich nicht den Umstand als das Hauptproblem an, dass Gott von seinem Wesen her angeblich nicht gleichzeitig gerecht und barmherzig sein könne.

    Sondern: Der Mensch ist ohne den neuen Bund einer rechtlichen Ordnung der Gesetzeswerke unterworfen, die er aufgrund seiner geschwächten/gefallenen Natur nicht erfüllen kann. Hier herauskommen wäre eine wirkliche Erlösung, die den Namen auch verdient.

    Nun ist es offensichtlich, dass Gott die Gesetzesordnung in dieser Situation nicht einfach wegnehmem kann. Er qualifiziert sich jetzt durch den Menschensohn einen neuen Menschen, welcher in der Lage ist, seine Forderungen zu erfüllen, um als Stammvater eines neuen Menschengeschlechts zu dienen. Er vollendet ihn durch Leiden. Und dann kauft der Menschensohns sich selbst und alle, die von ihm abstammen, per Sündopfer aus der alten Rechtsordnung der AT heraus und konstituiert eine neue (NT). Alles, was Jesus uns mit dieser Erlösung erworben hat, kommt uns durch die Auferstehung zu – auch die Rechtfertigung.

    Man kann das biblisch begründen.

    Ich denke, dass wir in der klassischen Version eine bestimmte Vorstellung von Sühne in die Texte hineinlesen, die m. E. aber mehr mit Opfervorstellungen nicht-christlicher Religionen zu tun hat.

  15. Schandor meint

    Liebe Scholastiker und Summisten,
    sind das nicht Begriffsvarianten und Wortspiele? Werden wir aufgrund unseres rechten Gebrauchs der Begriffe oder Anschauungen errettet?
    Wahrscheinlich nicht.

    Ich halte die Sühneanwendungsfrage für prinzipiell unlösbar, weil uns dieses Geheimnis nicht so offenbart worden ist, dass es jedermann auf dieselbe Weise einleuchtet. Wir können uns nur auf die Verschränkung verschiedener Aussageweisen beschränken.

    ABER:
    Entweder sind wir erlöst, gerettet, oder wir sind es nicht.
    Entweder ist uns vergeben unsere vergangene, gegenwärtige und noch künftige Sünde, oder sie ist es nicht.
    Entweder gibt es also Grund zur Hoffnung und damit ein Evangelium, oder es gibt keines, dann wir sind noch dem Gesetz verpflichtet. („Unter dem Gesetz sein“ ist doppeldeutig – diese Aussage sollte man zwecks besserer Verständigung vermeiden).

    Philip Schwarzerdt schreibt in seiner Apologie zum Schuldschein:

    „Der Schuldschein ist aber das Gewissen, das uns anklagt und verdammt. Ferner ist das Gesetz das Wort, das die Sünden anklagt und verdammt. … In den wahren Schmerzen und Schrecken sieht man diesen Satz. Der Schuldschein ist also die Reue selbst, die uns verdammt. Den Schuldschein tilgen heißt diesen Satz beseitigen, durch den wir verkündigen, daß wir verdammt werden, und den Satz einprägen, durch den wir wissen, daß wir von jener Verdammung befreit worden sind.“ (Apologie, Abschn. von der Buße, 48).

    Ich würde die Sache mit der Sühne lieber nicht so verkomplizieren. Bezahlt ist bezahlt, am Kreuz von Golgatha, nicht in der Gegenwart und Zukunft, sondern vor 2000 Jahren. Da ist der Sohn Gottes qualvoll am Fluchholz zu Tode gekommen, da hat er gesagt: Es ist vollbracht. Was? Sein Leben? Nein, sondern die Großtat der Vergebung der Sünden all jener, die er sich aus allen Nationen und Sprachen und Völkern erkauft hat.

    Ja klar: dass ich als zeitlich-geschichtliches Wesen nicht füglich sagen kann, ich sei errettet gewesen, bevor Gott mich bekehrt hat, leuchtet ein – es hat ja alles seine Zeit. Aber sub specie aeternitatis müsste man das so sagen können. Nur können wir eben nicht vom Blickwinkel der Ewigkeit her schlussfolgern, oder doch?

    Wenn er für die Sünden aller Menschen gestorben wäre,
    würde niemand verdammt, denn sonst wäre er, da ja ein Teil verlorengeht, für einen Teil der Menschen vergeblich gestorben (so könnte man argumentieren), aber: da er auch hätte sterben müssen, hätte er auch nur einen einzigen Menschen aus dem Tode erlösen wollen, so ist die Frage, wie weit sein Sühnetod reicht, ohne Substanz, will sagen: sie fragt im Grunde nach nichts. Oder wie meint ihr?

    Wollte man die Fragen anhand der logischen Denkgesetze auflösen, so müsste man jede genannte Aussage auf ihren universellen Kontext befragen, und dann könnte es durchaus sein, dass die johanneische Welt einfach besagen will: Nicht nur für uns, sondern generell, vom Grund her, vom Prinzip her gilt das allen Menschen, niemand ist kategorisch oder a priori ausgeschlossen. Oder meint ihr anders?

  16. „Entweder sind wir erlöst, gerettet, oder wir sind es nicht.“ – Genau.
    Deswegen, denke ich, dass die klassische Sühnetodtheologie das Problem hat, dass sie immer nur auf die Sündenvergebung durch die Sühnewirkung der Opfers Jesu abhebt. So lese ich auch den Titel dieses Beitrags. Gemeint ist m. E.: Wie weit reicht die Vergebungswirkung? Oder liege ich da falsch?

    Eine Vergebung auf den alten Menschen reicht nicht! Wenn Jesus jedoch die Wiedergeburt als ein Muss-Kriterium nennt, dann ist die Neugeburt m. E. viel zu wenig in den zentralen Aussagen der Kreuzestheologie zu finden. Ich denke, es ist aufzuzeigen, dass wir Anteil an einem Leben gewinnen, welches als ganzes Leben mit Gott versöhnt ist, und welches rechtlich nicht mehr in den Tod kommen kann – weil es schon dort war. Und damit Jesus uns in diesem, seinem Leben behalten kann, vergibt er uns immer wieder.

    Ich kann mir auch nicht vorstellen, dass Brüder und Schwestern Jesu, die die Sohnschaft empfangen haben, dem gleichen Gericht der Werke unterstellt werden, wie die anderen. Was soll da der Maßstab der Beurteilung sein? Das Gesetz? Wir sind doch aus der Rechtsordnung des AT losgekauft (Gal. 3,13) und (Gal.4,5)!

  17. Schandor meint

    Nein, eine Vergebung „auf den alten Menschen“ reicht nicht, weil das gar keine wäre. Das denken (einige) STA. Das wäre aber nichts als Spott. Außer man glaubt, man sündigt nicht. Dann hat man allerdings noch ein ganz anderes Problem. Aber das glauben wir hier ja ohnehin nicht.

    Wir sprechen hier über Metaphysisches. Hier kann man sagen und streiten, wie man möchte, wir sprechen über Unsichtbares. Hier kann jeder gewiss viel sagen, aber eben nichts, was andere als ebenso gewiss ansehen werden. Man kann nicht aufzeigen, dass wir Anteil an einem Leben gewinnen, welches als ganzes Leben mit Gott versöhnt ist. Warum nicht? Weil das doch eine Sache der Überzeugung, des Glaubens und des Versuchs einer bestimmten Lebensführung ist und immer nur bleiben kann. Vielleicht verhält sich die Sache so wie jene mit der Zeit für Augustinus: Der sagte doch mal, wenn man ihn nicht fragte, wisse er, was Zeit ist, doch wenn man ihn fragt, weiß er es nicht.

    Interessant ist auch die Frage: Inwiefern kann psychologische Gewissheit (eine Tautologie, aber beabsichtigt) konsitutiv sein für das Heil? Antwort: Garnicht. Möglicherweise ist das aber eben keine theoretische Frage oder anders gesagt: theoretisch nicht aushandelbar. Vielleicht ist es in der Tat besser, man hält sich an den Spruch: Hier gilt es nicht zu verstehen, hier gilt es zu bestehen.

  18. Tim-Christian meint

    @toblog

    Luther sagt ja so schön: „Wo Vergebung der Sünden ist, da ist auch Leben und Seligkeit.“ Insofern würde ich die Sühnewirkung des Todes Christi der Erneuerung durch den Heiligen Geist nicht gegenüberstellen: Wo der Heilige Geist den Glauben und somit die Annahme der Sühnewirkung bewirkt, da ist auch Wiedergeburt (vgl. 1 Joh 5,1).

    Ich halte auch nach wie vor die klassische protestantische Lehre vom Sühnetod für die schriftgemäßeste. Der (ewige) Tod ist der Sünde Sold – und Christus hat durch seinen stellvertretenden Tod diese schreckliche Folge für uns getilgt. Er hat den Kelch des gerechten göttlichen Zorns an unserer statt geleert. Und „er ist um unsrer Missetat willen verwundet und um unsrer Sünde willen zerschlagen. Die Strafe liegt auf ihm, auf dass wir Frieden hätten, und durch seine Wunden sind wir geheilt“ (Jes 53,5). Diesen Zusammenhang zwischen „bezahlter Strafe“ und „Frieden haben“ drückt Paulus mit den Worten „Sühne“ und „Vergebung“ aus: „Den hat Gott für den Glauben hingestellt zur Sühne in seinem Blut zum Erweis seiner Gerechtigkeit, indem er die Sünden vergibt, die früher begangen wurden“ (Röm 3,25). Gerade auch der dauernde Verweis auf das Blut Jesu spricht ja Bände. Denn „ohne dass Blut vergossen wird, geschieht keine Vergebung“ (Heb 9,22b)

    @Schandor

    Ich stimme dir zu: Wir werden durch den Glauben an den gekreuzigten und auferstandenen Herrn gerechtfertigt – nicht durch eine möglichst korrekte Sühnelehre. Und es stimmt ja auch, dass die Schrift in vielfältiger Weise von der Bedeutung des Kreuzestodes zu reden weiß. Minimalkonsens sollte natürlich schon sein, „dass Christus gestorben ist für unsre Sünden nach der Schrift“ (1 Kor 15,3b). Aber da besteht ja auch, denke ich, hier kein Dissens.

    (Was die „limited atonement“-Frage anbelangt, da bin ich mittlerweile aus christologischen Gründen anderer Ansicht: Der Logos hat ja in der Inkarnation nicht nur einen bestimmten Menschen bzw. bestimmte Menschen angenommen, sondern die menschliche Natur. Alles was er tut und erleidet, tut und erleidet er somit stellvertretend für die gesamte Menschheit. Insofern habe ich auch kein Problem damit, die universal klingenden Passagen (z.B. 1 Joh 2,2; 1 Tim 2,6) auch so zu verstehen.)

    LG

Ihre Meinung ist uns wichtig

*

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.