Eine Kirche namens Käßmann

Die deutsche Theologin Margot Käßmann verabschiedet sich in den Ruhestand. Ihre politischen Ansichten und ihr Privatleben kennt das ganze Land. Sonst hat sie nicht viel gesagt.

Marc Felix Serrao hat die Theologin bissig verabschiedet. Natürlich in einer Schweizer Zeitung:

Kässmann hat nicht nur konservative Protestanten irritiert, sondern auch solche, die von politischen Unterweisungen jedweder Couleur genervt sind, zumindest während des Gottesdienstes. Für diese Menschen ist ein Kirchenbesuch mit der Hoffnung auf innere Einkehr verbunden. Der profane Alltag soll vorübergehend ausgeblendet werden, damit eine Berührung oder auch nur Ahnung des Numinosen möglich wird.

Mehr: www.nzz.ch.

Kommentare

  1. Käßmann hin oder her, es ist natürlich Quatsch zu meinen, dass Politik nichts in der Kirche zu suchen hätte und auch dass hier irgendwas ausgeblendet werden sollte aus dem profanen Alltag. Das Evangelium ist hoch politisch, wenn Taube hören, Blinde sehen und den Armen das Evangelium verkündet wird, dann ist das politisch. Das Reich Gottes, das Jesus verkündet hat trägt diese politisch Dimension nicht nur im Namen, sondern im inhaltlichen Kern.
    Das heisst nicht, dass im Gottesdienst oder an andere Stellen des Gemeindelebens bestimmte politische Ansichten, Parteien oder einzelne politische Persönlichkeiten propagiert werden sollten.

  2. Stephan meint:

    Wenn Blinde sehen, Lahme gehen, …, dann sind das erst einmal die drei Wunder, die nach rabbinischer Auslegung nur der Messias vollbringen könnte, der aber selbst sagt: „Mein Reich ist nicht von dieser Welt“,ebenso angesichts einer Münze dazu aufforderte, Gott das zu geben was seins ist und dem Kaiser, was des Kaisers ist. Auch ein Paulus hat nicht zur Umgestaltung der Gesellschaft aufgerufen, sondern die Sklaven in ihrem Sklavenstand belassen.
    Ich sehe nicht, wo das Evangelium politisch ist.

  3. Jacksulze meint:

    Ich möchte auch mit 60 in den Ruhestand treten!
    Das ist das, was mich am meisten stört an der ganzen Geschichte!
    So verpulvert Kirche also das Geld?
    Frau Kässmann sollte, wie alle anderen im Lande auch, bis zum regulären Rentenalter arbeiten müssen.

    Das wäre doch mal politisch korrekt.

  4. @Stephan, das Evangelium auch wie es Paulus verstanden hat, hat politische Konsequenzen, weil es den Kaiser in Rom nicht als Herr sieht, sondern Christus. Die Konsequenz war die Verfolgung der frühen Christen. Das ist politisch. Das Verhältnis zwischen Sklaven und Skalvenbesitzern erfährt auch eine neue Bestimmung, die in ihrer Entwicklung zur Abschaffung der Sklaverei führt (wenn wir auf dem Stand von Paulus stehen bleiben, werden wir biblizistisch). Die Frage ist doch, welche Entwicklung das Evangelium in Gang bringt. Oder meinst du wir sollten heute noch Sklaverei betreiben (und ja, es gibt sie noch). Nur weil Paulus sie nicht gleich abschafft, heisst das ja nicht, dass Jesus sie voll okay fand.
    Das, was das RG beinhaltet hat politische Konsequenzen und die können auch in der Kirche diskutiert werden.

  5. Stephan meint:

    Meine Antwort war länger, aber der Spamfilter will im Moment nicht …

    Nach meinem Verständnis geht es im Evangelium um den Frieden des Einzelnen mit Gott, und nicht um Gesellschaftstransformation. Wir haben die Aussagen, dass wir Gott mehr gehorchen müssen als den Menschen, gleichermaßen seien wir der Obrigkeit untertan, denn sie ist von Gott gewollt bzw. eingesetzt. Die frühe Christenverfolgung war aus Unkenntnis der Herrschenden über das Christentum heraus geboren, eben weil die Christen „anders“ waren.

    Bis zur Abschaffung der Sklaverei auch in christlich geprägten Staaten hat es 1800 Jahre benötigt. Ursache der Abschaffung war m.E. nicht das sorgfältige Bibelstudium, sondern die Folgen der Aufklärung. Paulus dagegen hat nicht etwa gesagt, liebe Sklavenhalter, lasst die Sklaven frei, und liebe Sklaven, lehnt Euch auf. Sondern: lebt und handelt so, auch gegenüber eurem Nächsten, dass ihr als Christen erkennbar seid, da, wo Gott Euch in der Gesellschaft hingestellt hat.
    Worauf ich hinaus will: das Evangelium, sowie die gesamte Bibel, fordert mich nicht auf, politische oder gesellschaftliche Veränderungen zu bewirken. Es fordert mich dazu auf, Jesus als meinen Herrn anzunehmen. Die daraus resultierende Frucht ist, dass ich in die Nachfolge eintrete und bereit bin, mich vom Heiligen Geist verändern zu lassen. Es geht um meine (und nur meine) Veränderung und Gerechtigkeit vor Gott (durch Jesus), und nicht um gesellschaftliche Gerechtigkeit.
    Von mir aus nenne es biblizistisch, gerne auch fundamentalistische Gesinnung – das Evangelium fordert uns nicht zum Glück auf Erden auf und verspricht es auch nicht, sondern es wird uns wiederholt nur zugesagt, dass die Christen Verfolgungen ausgesetzt sein werden. Irgendein kluger Mann sagte mal sinngemäß: wer als Christ nicht verfolgt wird, sollte sein Christsein ernsthaft hinterfragen.

  6. Stephan meint:

    Meine Antwort war länger, aber der Spamfilter will im Moment nicht, daher in Kurzform …

    Nach meinem Verständnis geht es im Evangelium um den Frieden des Einzelnen mit Gott, und nicht um Gesellschaftstransformation. Wir haben die Aussagen, dass wir Gott mehr gehorchen müssen als den Menschen, gleichermaßen seien wir der Obrigkeit untertan, denn sie ist von Gott gewollt bzw. eingesetzt. Die frühe Christenverfolgung war aus Unkenntnis der Herrschenden über das Christentum heraus geboren, eben weil die Christen „anders“ waren. In ähnlicher Form begegnet uns Christenverfolgung auch heute, wenn man gesellschaftlich abweichende Meinungen vertritt, da gibt es ja genügend Tretminen.

    Bis zur Abschaffung der Sklaverei auch in christlich geprägten Staaten hat es 1800 Jahre benötigt. Ursache der Abschaffung war nicht das sorgfältige Bibelstudium, sondern die Folgen der Aufklärung. Paulus hat nicht etwa gesagt, liebe Sklavenhalter, lasst die Sklaven frei, und liebe Sklaven, lehnt Euch auf. Sondern lebt und handelt so, auch gegenüber eurem Nächsten, dass ihr als Christen erkennbar seid, da, wo Gott Euch in der Gesellschaft hingestellt hat.

  7. Stephan meint:

    Teil 2:
    Von mir aus nenne es biblizistisch, gerne auch fundamentalistische Gesinnung – das Evangelium fordert uns nicht zum Glück auf Erden für uns und alle anderen auf und verspricht es auch nicht, sondern es wird uns wiederholt nur zugesagt, dass die Christen Verfolgungen ausgesetzt sein werden.
    Wenn man es so will, wenn meine aufgrund von biblischen Aussagen gebildete Meinung vom Mainstream abweicht, insbesondere wenn ich damit nicht hinter dem Berg halte, dann mag man das vielleicht als politischen Störfaktor sehen. Allerdings rennen unsere Altvorderen in den Kircheninstitutionen eher dem Mainstream hinterher, anstatt durch Bibelfestigkeit aufzufallen. Wenn man das Hineintragen der gesellschaftlichen Mehrheitsverirrungen in die Gemeinde auch als Politik ansieht, von mir aus, so falsch diese Politik auch ist. Aufgabe der Gemeinde ist jedoch die Mission hin zu Jesus, besonders vor der eigenen Haustüre.

  8. Theophil Isegrim meint:

    Der Argumentation von Sebi kann ich überhaupt nicht folgen. Wie er erwähnt, wurden zur Zeit der Entstehung der NT Briefe viele Christen verfolgt. Wird das in den Briefen großartig behandelt? Oder das Unrecht der Feudalherrscher? Ich kann dazu nicht viel lesen. Vom Evangelium, von Sünde, Erlösung und Vergebung hingegen lese ich sehr viel. Von geistlicher Weiterentwicklung, von Früchten des Geistes. Und auch von sozialem Engagement für die Witwen und Waisen, von Geldsammlungen für die Gemeinde in Jerusalem. Aber ansonsten kann ich da nicht viel politisches herauslesen.
    Die Sklaven in der Antike sind auch nicht zu vergleichen, was wir heute darunter verstehen. Die waren nämlich für Besitzer kostbar. Noch niedriger als die Sklaven waren die Tagelöhner angesiedelt. Die waren zwar frei (was man so frei nennt), aber die mußten sich jeden Tag um einen neuen Job mühen. Manchmal wurden sie gar nicht bezahlt. Eine Handhabe dagegen gab es nicht. Keine Gewerkschaft, keine Polzei. Wenn sie erkrankten und nicht arbeiten konnten, da ist niemand für sie eingesprungen. Die Sklaven hingegen hatten für ihren Besitzer einen Wert, die wurden behandelt.

    Sebi, steig doch bitte etwas tiefer in die Materie ein.

  9. Die Reaktionen, die z.B. eine konservative „christliche“ Meinung in unserem gesellschaftlichen Kontexten hervorrufen als Christenverfolgung zu bezeichnen oder auch nur damit zu vergleichen ist zynisch. Brüder und Schwestern in anderen Regionen dieser Welt erfahren echte Verfolgung, Bedrohungen und Unterdrückung. Das geht aber auch anders gläubigen Menschen so.

    Die Reduzierung des Evangeliums auf den Einzelnen Menschen vor Gott verstümmelt seine Botschaft. Mir geht es hier um Balance. Natürlich werden wir persönlich angesprochen durch das Evangelium. Es geht auch um persönliche Beziehung, Vergebung, Rettung usw. Es Ist aber auch die Schöpfung als Ganzes im Blick (vgl. Röm 8).
    – Ein Beispiel dafür wie politisch es sein kann ist die Barmer Theologische Erklärung. Sie kommt gar nicht so politisch daher, aber allein die Aussage JESUS IST HERR ist politisch in bestimmten Kontexten.
    – Bonhoeffer würde glaube ich nicht zustimmen, dass die Obrigkeit gottgewollt ist.
    – Warum demonstrieren denn die Fundis gegen Lehrpläne? Die Obrigkeit ist schliesslich gottgewollt und hat die Lehrpläne beschlossen.
    – Die Sünde der Weltgewandtheit wird auch in Mt 25 aufgegriffen. Das ist politisch. Wir sollen uns nicht raushalten aus der Welt und ihrer Situation!

    Sklaverei:
    – Ich muss mich gar nicht im Detail mit der Skalverei und ihrer Veränderung in den Jahrtausenden auskennen.
    – Es gibt ungerechte Strukturen in unserer Welt. Menschen sind unfrei.
    – Die Gefangenen sollen frei werden!

  10. Sosthenes meint:

    @Sebi

    Du bezeichnest das prophetische Amt der Kirche als politisches…die Kirche kann keine politische Botschaft als solche haben, weil Jesus ebendiese auch nicht hatte. Da müssen wir schon nahe bei unserem Herrn bleiben.
    Das macht auch evangelisch-reformatorischen Glauben aus.

    Deine Begrifflichkeiten musst du klarer definieren und auch deine (tlw neomarxistischen) Prämissen offenlegen….logisch, dass du dann missverstanden wirst.

  11. Da gibt es m. E. keinen Gegensatz. Die Kirche kann prophetisch und politisch sein. Die Propheten des AT haben sich ja auch in politischen und sozialen Angelegenheiten zu Wort gemeldet bzw. sie wurden berufen das Wort des HERRn in diesen Angelegenheiten zu verkünden.

    MLK jr. war politisch mit dem Evangelium unterwegs, sonst hätten wir heute noch Zustände wie in den 50ern in Sachen Rassentrennung in den USA.

    Die sozialen und politischen Auslegungen der biblischen Botschaft auf anachronistische Art und Weise als neonarxistisch zu beurteilen ändert ja auch nichts daran, dass sowohl MLK als auch z. B. die Kirche der Feiheit in Südamerika und Bonhoeffer durch das Evangelium zu politischen Engagement inspiriert wurden. Und mittendrin manifestiert sich Reich Gottes.

  12. Stephan meint:

    Die Aussagen der Propheten des AT sind im Hinblick darauf zu sehen, dass die Juden Gottes Volk auf der Erde sind, die Christen sind Gottes Volk für den Himmel. Das Fehlverhalten des Volkes oder des Königs hatte dementsprechend Auswirkungen auf das Volk, siehe z.B. in den Chroniken wiederholt „… er tat, was dem Herrn mißfiel …“ und die entsprechenden Konsequenzen. Wenn der Christ tut, was Gott mißfällt, hat das Konsequenzen bzgl. seines ewigen Lebens. Also kurzum: die Propheten des AT und ihr Einwirken auf das Volk / die Könige können wir nicht als Beleg hernehmen, dass wir politisch aktiv werden sollen. Das wäre eine Verdrehung der biblischen Botschaft.
    Bzgl. MLK: da verweise ich hilfsweise auf Wikipedia und dort auf einige seiner Zitate. Auf der einen Seite war er Prediger, seinen Antrieb hinsichtlich der Bürgerrechtsbewegung bezog er aber aus der Lektüre Karl Marx und aus den Erfahrungen des Kapitalismus, war also auf der anderen, bekannteren Seite auch Politiker. Was ich nicht sehe ist, dass er mit der Bibel in der Hand argumentierte (so richtig ich sein Anliegen auch empfinde).
    Bonhoeffer: lies mal bitte erst eine Bonhoefferbiographie. B. war sowohl für das NS-Regime tätig, wo es ihm sein Gewissen erlaubte und er meinte, Leben retten zu können, gleichermaßen war er Gott gehorsamer als den Menschen und hat gegen das Regime gearbeitet. Wenn jemand politisch war, dann die „Deutschen Christen“ – und was die politisch angestellt haben …, naja, selbst in Freikirchen wurden Dankgottesdienste abgehalten, wenn eine Stadt „judenfrei“ war. Politik und Kirche kann also durchaus widerwärtige Züge annehmen.
    Hinsichtlich Deines Vorwurfes des Zynismus: ich bin froh, dass mir keiner ans Leben will, wenngleich bei so manchem Marsch für das Leben den Teilnehmern gerne das Lebensrecht abgesprochen wird und Beleidigungen, Anspucken, Fotos der Teilnehmer zwecks Verfolgung ins Netz zu stellen schon an der Tagesordnung sind. Derartige Treibjagden sind keine Christenverfolgung? Wo fängt die denn nach Deiner Definition an?
    Ist es die richtige Politik, wenn die Leitung des Berliner Doms dem Marsch für das Leben einen Abschlussgottesdienst verweigert, weil sich die Leitung lieber hinter den Mainstream der Gesellschaft stellt und diesen unterstützt?

  13. Ja, is daneben wenn friedlich demonstrierende Menschen derart angegangen und werden.

    Mir geht‘s um die Konsequenzen, die aus dem erwachsen, was das Evangelium (resp. die Propheten im AT) verkünden. Es verändert etwas in der Gesellschaft (nicht nur Vertröstung auf den Himmel) und prägt Gesellschaften und Gemeinschaften und ganze Nationen. Ob man nun christliche Parteien braucht usw. ist eine andere Frage.

  14. Sosthenes meint:

    @Sebi

    Da ist, denke ich, jeder hier ganz bei dir. Eskapismus (ob nun pietistisch-endzeitlicher oder mennonitisch-weltfremder Art) bringt die Kirche nicht weiter auf dem Markt der Möglichkeiten. Man sieht das ja an Reformbewegungen (Reformation, Neocalvinismus in Holland, Erweckungsbewegung in Schwaben/USA/…), dass das Evangelium sich auf alle Lebenssphären des Menschen auswirkt. Da ist kein Platz für fromme Leib- und Schöpfungsfeindlichkeit. Als Erlöste bleiben wir ja (Oder werden erst wieder richtig?) Ebenbild Gottes.

    Die große Frage ist dann aber immer noch die Verhältnisbestimmg der Kirche zur Welt: Worin gründet sich ihr Anderssein? Ihr Kirche-Sein als solches?
    Hier geraten m. Erachtens die Transformationstheologie und die EmC an ihre Grenzen, trotz berechtigter Anfragen.

Ihre Meinung ist uns wichtig

*

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.