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Hauptsache gut erzählt

Wenn ich lese, was der Chefredakteur der evangelischen Zeitschrift chrismon schreibt, weckt das bei mir große Sympathien für die Religionskritiker des 20. Jahrhunderts. Hans Albert hat beispielsweise den Hermeneutikern und Existentialisten unter den Theologen vorgeworfen, sie immunisierten sich gegen Kritik, indem sie für den Glauben einen Raum jenseits von Wissenschaft, Metaphysik und Moral reklamierten. Das religiöse Terrain könne gar nicht mit der Skepsis kollidieren, weil es jenseits des Wirklichkeitsanspruches von Wissenschaft und Erkenntnistheorie stehe (vgl. z.B. Hans Albert, Kritik der reinen Hermeneutik).

In der neuesten Ausgabe von chrismon (06/2012, S. 22) lässt sich dieses Immunisierungsmanöver wieder wunderbar nachweisen. Der Schleiermacherschüler Arnd Brummer bekommt dort von einem befreundeten und aufklärerischen Anwalt gesteckt, dass die neutestamentliche Pfingstgeschichte doch nur erfunden sei. Brummer kann dem nur zustimmen und bekennt, dass diese Geschichte genau deshalb wahr sei, weil sie jemand erfunden habe. „Lukas hat sich die Pfingstszene in der Apostelgeschichte ausgedacht und die Bethlehemgeschichte am Beginn seines Evangeliums ebenso. Beide sind historisch nicht belegt. Und dennoch sind sie wahr.“

So richtig kann das den Juristen nicht überzeugen. Also legt Brummer nach und führt ein originelles Wahrheitskriterium ein: die emotionale Betroffenheit. „Ich kann glauben, was ich für wahr halte. Und den Wahrheitsgehalt einer Geschichte erkenne ich an ihrer Wirkung, an dem, was sie mir vermittelt – daran, ob sie mich erreicht.“ Also keine kritischen Fragen stellen, Glaube ist Sache einer Offenbarung, Sache einer gefühligen Offenbarung:

Glaube ist eine Sache der Offenbarung. Wenn sich einem ­Menschen in einem Gedicht, in einer Sinfonie, in einem Bild oder in einer biblischen Geschichte etwas offenbart, was ihn bewegt, beeindruckt, rührt oder ins Zweifeln stürzt, dann wird es nicht dadurch falsch, dass es weder „historisch“ noch „wissenschaftlich“ beweisbar oder belegbar ist. Ich habe Menschen im Kino weinen und lachen sehen. Warum? Ist doch alles nur „erfunden“? Ich konnte mich nicht satthören an den selbst erdachten Gutenachtgeschichten meiner Urgroßmutter und schlief meistens getröstet und zufrieden ein. Augenblicke von Wahrheit, von Überschreitung meiner alltäglichen Wirklichkeit, die wahr sind, weil sie in mir lebendig werden.

Leute, Leute. Wie arm ist doch so eine „aufgeklärte“ Glaubenslehre. Die Jünger haben anrührende Geschichten erfunden, erzählt und sind dann oftmals für ihr „Storytelling“ gestorben. Da kann ich nur sagen: Mehr Religionskritik bitte! Und dem Agnostiker und Anwalt kann ich nur raten: Skeptisch bleiben! Nein: Noch skeptischer werden!

Wie bekennt der Autor des 2. Petrusbriefes?: „Denn nicht weil wir klug ausgedachten Mythen gefolgt sind, haben wir euch die Macht und das Kommen unseres Herrn Jesus Christus kundgetan, sondern weil wir Augenzeugen seines majestätischen Wesens geworden sind.“ Und der 1. Johannesbrief beginnt so:

Was von Anfang an war, was wir gehört haben, was wir mit unseren Augen gesehen haben, was wir geschaut und was unsere Hände berührt haben, das Wort des Lebens — das Leben ist erschienen, und wir haben gesehen und bezeugen und verkündigen euch das ewige Leben, das beim Vater war und uns erschienen ist —, was wir nun gesehen und gehört haben, das verkündigen wir euch, damit auch ihr Gemeinschaft habt mit uns. Die Gemeinschaft mit uns aber ist Gemeinschaft mit dem Vater und mit seinem Sohn Jesus Christus. Und dies schreiben wir, damit unsere Freude vollkommen sei.

Der gestorbene und auferstandene Christus ist nicht das Ergebnis einer spitzfinden Verkündigung, sondern das apostolische Zeugnis wird nur und erst durch das Christusgeschehen ermöglicht. Wir dürfen und sollen erzählen, weil Gott in Jesus Christus gehandelt hat.

Hier der Beitrag aus der Zeitschrift chrismonchrismon.evangelisch.de.