Jenseits der Gleichheit

Hans Ulrich Gumbrecht, Albert-Guérard-Professor für Literatur an der Stanford University, meint, dass die Gleichmacherei in der Geschlechterdebatte die Welt nicht gerechter macht, sondern Feindseligkeiten puscht. Das merkt jeder, der sich den Dynamiken der kollektiven Intelligenz widersetzt und es wagt, selbst zu denken. Er wird Zeit, über die Blindheit der Gender-Ideologie nachzusinnen:

Die Durchsetzung absoluter Gleichheitspostulate im täglichen Verhalten, darin stimmen jedenfalls zahlreiche soziologische Theorien überein, hat ein Anwachsen kollektiven Ressentiments zur Folge und mithin ein wachsendes Risiko von Gewalt. Genau so mag der angeblich allgegenwärtige Populismus unserer Gegenwart entstanden sein. Es ist jedenfalls höchste Zeit, die Ideologie der Geschlechtergleichheit auf Reflexion umzustellen.

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Kommentare

  1. Schandor meint:

    Wie wenn jemand einen roten Apfel in der Hand trägt und ständig ruft: blau, blau, blau!

    Es ist doch dieses elende Gleichheitspostulat unser heutiger Dadaismus.
    Da, da! Da muss Gleichheit her, da muss Gleichberechtigung her –– wahrscheinlich ist es auch deshalb in Mecklenburg-Vorpommern verfassungskonform, dass Männer sich nicht um den Posten eines Gleichheitsbeauftragten (ein sehr orwellscher Begriff) bewerben kann.
    http://www.zeit.de/gesellschaft/zeitgeschehen/2017-10/mecklenburg-vorpommern-gleichstellungsbeauftragte-klage-landesbeamter

    Das Wahrheitsministerium lässt grüßen.

  2. Schandor meint:

    Die besondere Höflichkeit, mit der noch in der vorigen Generation jede Frau von den Männern behandelt wurde, war kein von der Feudalherrschaft her ererbtes Vorurteil, sondern Ausdruck einer tiefchristlichen Einsicht. Umgekehrt setzt der heute weithin übliche Mangel an Aufmerksamkeit und Ritterlichkeit Frauen gegenüber auch den Mann herab. Der Mann stellt sich dabei auf den Boden einer angeblichen Gleichheit, die ihn in Wirklichkeit seiner überlegenen Stellung beraubt. Weil der moderne Mann sich den Frauen gegenüber so gehen läßt und sich so zeigt, wie er ist, fällt es vielen modernen Frauen schwer, den Mann noch zu bewundern.
    An dieser Entwicklung sind die modernen Frauen freilich selbst nicht ganz unschuldig. Aus dem Wunsche heraus, gesellschaftliche und politische Gleichberechtigung zu erlangen, haben sie das Vorhandensein einer Urordnung der Geschlechter geleugnet.

    –– Otto A. Piper, 1953

    Die Geschlechter S. 158

  3. Als der staatlich institutionalisierte Marxismus Ende 1989/90 sein fulminantes Ende fand, herrschte blankes Ensetzen bei vielen Linken der westlichen Welt, die im Stillen die UdSSR (und DDR) als ein mustergültiges Menscheitsprojekt feierten. Speziell die deutsche Wiedervereinigung war vielen BRD-Linken so verhaßt, weil mit ihr eine weitere linke – auf Lügen basierende – Utopie zu Bruch ging, nämlich daß Menschen im Sozialismus überhaupt keinen Systemwechsel wollten, da sie ja bereits in einem System lebten, in dem Milch und Honig flössen. Das Entsetzen über das Scheitern des Sozialismus und die damit verbundene deutsche Wiedervereinigung herrscht vermutlich bis heute an, denn anders läßt sich das permanente Ossi-Bashing dieser Tage nicht erklären.

    Die Linke stellte also etwas Neues auf die Beine: den generalisierten Marxismus, den sie mit jakobinischem Tugendeifer den westlichen Kulturen aufzuoktroyieren versucht. Natürlich nur zum „Wohle aller“ und zur „Weiterentwicklung des Menschen“ an sich. *zwinker*
    Zu dieser neuen Zivilreligion gehören der Postmodernismus, Feminismus, Genderismus, Equality-Diktat, Indoktrination (von Kindern über die Schulpflicht zu orientierungslosen, unreifen Persönlichkeiten) und andere Pretiosen aus der ideologischen Gruselkammer.

    Der heutige Marxismus gibt sich nicht so leicht als solcher zu erkennen wie der historische; er schwebt eher auf einer Metaebene in den Köpfen der Menschen herum. Christen sind dagegen keinesfalls immun. Gerade deshalb ist er umso gefährlicher.

  4. Schandor meint:

    „Pretiosen aus der ideologischen Gruselkammer“ — herrlich!

    Stimme vollkommen zu. So knapp auf den Punkt gebracht hab ich das noch nicht gelesen.

  5. @Schandor Danke!

    Mich macht es immer nachdenklich und beschämt, wenn ich bemerke, wie groß der Eifer und das Missionsbewußtsein solcher oben beschriebener Menschen ist. Ich stelle dann für mich fest, wieviel mehr ich mich ins Zeug legen muss für den Glauben an den Dreieinigen Gott, mehr Bekenntnisfreude zeige und mehr Wissen erwerbe usw. Im Grunde kann man sich von den zeitgenössischen Jakobinern eine Scheibe abschneiden, ohne dass man dabei ihre „Glaubensinhalte“ übernehmen darf, denn sie betreiben einen Götzendienst. In kontroversen Unterhaltungen mit ihnen habe ich ihren Rigorismus des öfteren zu spüren bekommen.

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