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Klaus Vollmer: Neue Methoden führen nicht aus der Krise

Der Evangelist Klaus Vollmer (1930–2011) hat in den 70er-Jahren auf Tagungen für Pastoren, Theologiestudenten und kirchliche Mitarbeiter Vorträge über die christliche Gemeinde gehalten. Reinhard Kawohl gab Mitschriften der Referate später in einem kleinen Buch mit dem Titel Alte Wege – neu entdeckt: Handbuch zum geistlichen Gemeindeaufbau heraus.

Die Impulsvorträge enthalten bei aller Knappheit tiefgehende Einsichten und lösen bei der Lektüre gelegentlich eine gewisse Beschämung aus. Denn oft wurde das Gegenteil von dem gemacht, was Vollmer damals empfohlen hatte. Was dabei herausgekommen ist, hat Ulrich Parzany in seinen beiden Büchern über die Krise der Kirche jüngst eindrücklich beschrieben (siehe: Was nun, Kirche?: Ein großes Schiff in Gefahr u. Man muss Gott mehr gehorchen als den Menschen: Ein Appell zum mutigen Bekenntnis). Der Mitgliederschwund der letzten Jahrzehnte setzt sich mit Schwankungen fort. Dramatische Auswirkungen wird die demographische Entwicklung auf die Mitgliederbewegungen haben. 2018 wurden 350 000 Mitglieder bestattet, aber nur rund 185.000 durch Taufe aufgenommen. Deutlich erkennbar ist auch die fortschreitende innere Abkehr. 200.000 Menschen traten aus der evangelischen Kirche aus, 20.000 ein.

Ich werde in den nächsten Tagen an dieser Stelle einige kernige Aussagen aus von Klaus Vollmer zitieren (und zwar aus der 2. Aufl., Wuppertal, 1975, hier S. 10–11). Beginnen möchte ich mit einer Kritik der Reformwut. Glaubten doch viele Leiter, etwa durch „moderne“ Gottesdienstformate geistliches Leben in die Kirche bringen zu können.

Die Gestalt des Gottesdienstes wurde einer gründlichen Überlegung unterzogen. So fand man heraus, daß die Lieder unverständlich, die Sprache der Predigt altmodisch und die Liturgie unzumutbar seien. Man veranstaltete Jazzgottesdienste und brachte ganze Scharen von Bands in den Altarraum. Nun wurde die Predigt des einzelnen Pfarrers von der Dialogpredigt und später von der Podiumsdiskussion abgelöst. Man kam sich ungeheuer modern vor, als man in einigen Kirchen die gewachsenen Früchte des Feldes vom Altar des Erntedankgottesdienstes abräumte und statt dessen Industrieprodukte ausbreitete. Die Änderungen des Glaubensbekenntnisses hielt man für notwendig, und als der politische Bazillus die Runde machte, da waren ganze Kirchenkreise plötzlich damit beschäftigt, nun auch politische Diakonie zu treiben.

Wahrlich: Wir haben turbulente Reformjahre hinter uns. Und ich weiß, daß in all den Jahren durchweg eine große und gut gemeinte Mühe vieler Pastoren und Mitarbeiter aller Wissensgebiete am Werke war. Man wollte die Talfahrt der Kirche aufhalten und setzte alle Mühe ein, um aufbauen und gewinnen zu können. Ich kann mir gut vorstellen, daß die Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg einmal in die Kirchengeschichte eingehen wird mit dem Vermerk: In diesen Jahren war die Kirche unerhört aufgeschlossen, kritikfähig und reformfreudig. — Und ich kann mir auch denken, daß die kirchengeschichtliche Beurteilung so weiter geht: Aber diese Zeit hat der Kirche keine religiöse Erneuerung bringen können!