Kultur des Todes (6): Organspende – eine nationale Aufgabe?

Jens Spahn hat in einem Gastbeitrag für die FAZ die von ihm gewünschte Widerspruchslösung bei der Organspende verteidigt. Er spricht dort von „der Pflicht zu aktivem Freiheitsgebrauch“. Ein Bürger könne ja „nein“ sagen. Deshalb sei es keine Pflicht. Solange man nicht aktiv „nein“ sagt, soll allerdings dem Staat das Recht eingeräumt werden, bei festgestelltem Hirntod die Organe zu verwerten. Die Organspende müsse nämlich zu einer nationalen Aufgabe werden.

Meiner Meinung nach tastet der Vorstoß von Spahn die Würde des Menschen, die auch für Sterbende gilt, stark an. Was Spahn „Pflicht zum Freiheitsgebrauch“ nennt, können wir auch als „Zwang zur Freiheit“ bezeichnen. Es offenbart sich die Kehrseite der Todesverdrängung. Da wir Menschen mit allen Mitteln am Leben festhalten wollen, schrecken wir selbst vor der massenhaften Verzweckung (oder Ausschlachtung) Sterbender nicht zurück.

Die Medizinhistorikerin Anna Bergmann kritisiert das Hirntotkriterium. Diese zweckorientiere Todesvereinbarung setze die Medizin auf eine schiefe Bahn, sagte sie kürzlich im DLF.

Es wird  auch die Diskussionen auf internationaler Ebene, aber auch in Deutschland geführt, dass hier das Tötungstabu berührt wird, dass hier das Leichenschändungstabu berührt wird, also wenn es zum Beispiel um die Gewebeentnahme geht, die ja erst nach dem Herzstillstand erfolgt. Da werden dann auch noch Augen, Hornhaut, bis hin zu Haut entnommen werden kann, Gehörknöchelchen, Meniskus und so weiter und so fort. Es wird ein ganz wesentlicher Grundsatz der medizinischen Ethik verletzt, die davon ausgeht, dass der zu behandelnde Arzt ausschließlich zum Wohl des Patienten, mit dem er zu tun hat, zu handeln hat. Diese drei Aspekte, die werden durch die Hirntoddefinition völlig verschluckt, in dem dann auch auf den Organspendeausweisen nur eine Formulierung steht wie ‚für den Fall, dass nach meinem Tod eine Spende von Organen, Geweben für Transplantationen in Frage kommt und so weiter und so fort.

Also hier wird eine Todesvorstellung suggeriert, die so auf jeden Fall falsch ist. Wenn Sie mich nach der Tötung fragen: Auf internationaler Ebene wie zum Beispiel von einem sehr renommierten Professor für Bioethik, Robert Truog, der spricht von ‚Justified Killing‘, ganz klar, und sagt, dass Hirntote nicht tot sind, das ist medizinisch mittlerweile sehr vielfältig bewiesen. Aber trotzdem geht er davon aus, dass hier dann eine Tötung gerechtfertigt wäre, um das Leben anderer Menschen zu retten.

Hier der sehr hörenswerte Beitrag:

 

Kommentare

  1. Ja, die „Freiwilligkeit“ bei der Einführung neuer Regeln ist schon eine tolle Sache. Später kann man sie bei zunehmend digitaler Verarbeitung personenbezogener Daten publikumswirksam ins Profil aufnehmen, irgendwann mit einer Gebühr belegen und am Ende ganz abschaffen.

    Kennt ihr schon die neue Idee aus Davos, genannt „the known traveller“ ? Lest euch das mal durch und bedenkt, wer am Ende davon profitiert, wem man seine Daten zur Verarbeitung und Verkauf überlässt. Natürlich ganz freiwillig, zunächst.

  2. Schandor meint:

    @FrankS

    Ja, hier:
    https://www.youtube.com/watch?v=GO3iMlf9ogE

    Zur Organspende sollte man das hier gesehen haben:
    https://www.youtube.com/watch?v=TgGkuD0wUJE

  3. Ohne auf alle ethischen Fragen und Einwände einzugehen nur ein kurzer Beitrag zum Thema Organspende und Hirntod. Ich sehe Organspende/Hirntod sicher nicht unkritisch aber doch differenzierter als im oben verlinkten Interview. Als Intensivmediziner hatte ich schon vielfach Entscheidungen zu fällen ob ich zum Beispiel einen Patienten auf Intensiv aufnehmen soll, obwohl der Hirntod kurz bevorsteht und somit sonst medizinisch „nur palliative Behandlung „ indiziert wäre und der Patient somit in den nächsten Minuten automatisch schon sichtbar zur Leiche wird…

    Ein Hirntoter ist nur noch durch die Intensivmedizin von einer Leiche getrennt. Das Sterben ist sicher ein Prozess, der aber beim Hirntoten schon unwiderruflich fortgeschrittenen ist. Nur unsere intensivmedizinischen Möglichkeiten haben uns überhaupt in diese Lage versetzt. Anna Bergmanns Schilderung ist mir hier einfach zu einseitig. Mehr Differenzierung ist einfach nötig. Auch ihr Kommentar zur Transplantationsmedizin ist selber etwas reißerisch. In unzähligen Situationen benützt man Behandlungen mit denen Heilung letztendlich nicht möglich ist und eine lebenslange Immunsuppression unumgänglich (siehe Autoimmunerkrankungen usw.). Nur aufgrund solcher Kriterien Organtransplantation und Transplantationmedizin abzulehnen greift zu kurz.
    Wäre schön wenn die Diskussion in Deutschland sachlich und differenziert geführt würde. Ich werde es mit Interesse aus dem Ausland verfolgen

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