Kultur des Todes (7): Der „vernünftige Tod“

Das Thema Sterbehilfe erfährt in unseren westlichen Gesellschaften zunehmende Aufmerksamkeit. Immer mehr Menschen sehen es als ihr natürliches Recht an, selbstbestimmt zu sterben. 63 Prozent der 16 bis 29-jährigen in Deutschland bejahen gemäß aktueller Umfragen die aktive Sterbehilfe.

Interessant ist in diesem Zusammenhang, dass Friedrich Nietzsche 1878 den Selbstmord als vernünftigen Tod bezeichnete und ihm „höchste Anerkennung in der Moral der Zukunft zugesichert“ hat (Franz Oberbeck, Erinnerungen an Friedrich Nietzsche, 2011, S. 66). Grund für die kommende Wertschätzung des Selbstmordes und der Sterbehilfe ist für Nietzsche der Verlust des Gottesbezugs.

Er schreibt (KSA, Bd. 2, S. 632):

Was ist vernünftiger, die Maschine stillzustellen, wenn das Werk, das man von ihr verlangte, ausgeführt ist, — oder sie laufen zu lassen, bis sie von selber stille steht, das heisst bis sie verdorben ist? Ist Letzteres nicht eine Vergeudung der Unterhaltungskosten, ein Missbrauch mit der Kraft und Aufmerksamkeit der Bedienenden? Wird hier nicht weggeworfen, was anderswo sehr noth thäte? Wird nicht selbst eine Art Missachtung gegen die Maschinen überhaupt verbreitet, dadurch, dass viele von ihnen so nutzlos unterhalten und bedient werden? — Ich spreche vom unfreiwilligen (natürlichen) und vom freiwilligen (vernünftigen) Tode. Der natürliche Tod ist der von aller Vernunft unabhängige, der eigentlich unvernünftige Tod, bei dem die erbärmliche Substanz der Schale darüber bestimmt, wie lange der Kern bestehen soll oder nicht: bei dem also der verkümmernde, oft kranke und stumpfsinnige Gefängnisswärter der Herr ist, der den Punct bezeichnet, wo sein vornehmer Gefangener sterben soll. Der natürliche Tod ist der Selbstmord der Natur, das heisst die Vernichtung des vernünftigen Wesens durch das unvernünftige, welches an das erstere gebunden ist.

Nur unter der religiösen Beleuchtung kann es umgekehrt erscheinen: weil dann, wie billig, die höhere Vernunft (Gottes) ihren Befehl giebt, dem die niedere Vernunft sich zu fügen hat. Ausserhalb der religiösen Denkungsart ist der natürliche Tod keiner Verherrlichung werth. — Die weisheitsvolle Anordnung und Verfügung des Todes gehört in jene jetzt ganz unfassbar und unmoralisch klingende Moral der Zukunft, in deren Morgenröthe zu blicken ein unbeschreibliches Glück sein muss.

Kommentare

  1. „bei dem die erbärmliche Substanz der Schale darüber bestimmt, wie lange der Kern bestehen soll oder nicht“
    Da steckt ja ein massiver Denkfehler dahinter.
    Der erbärmliche Kern kann über sich selbst nachdenken, „Ich denke, also bin ich“ und darüber befinden.

    Ich selbst habe noch keine gute Antwort gefunden.
    Einerseits bin ich ja sehr überzeugt vom transzendenten Leben und male mir aus, wie „meines“ aussehen könnte.

    Selbstmord wird ja heutzutage als Suizid verharmlost, was mich stört.
    Selbst über sein Leben bestimmen hat uns Gott an sich erlaubt, da steckt der Freie Wille dahinter. Aber ob wir damit den Plan Gottes stören weiss ich nicht.
    Na jedenfalls beim Jüngsten Gericht wird es jeder erfahren, wie gut er den Plan Gottes für sich erfüllt hat. Aber der Spruch wird sicher nicht mit menschlichen Maßstäben gemessen werden.
    Darüber bin ich mir sehr sicher!

  2. Roderich meint:

    @Rudolf,

    Einerseits bin ich ja sehr überzeugt vom transzendenten Leben und male mir aus, wie „meines“ aussehen könnte.

    Du müsstest Dich dann aber auch an Gottes Wort halten / es glauben, damit Du im ewigen Leben bei Gott bist. Denn sonst sagst Du ja hier schon „nein“ zu Gott, aus welchen unbewussten Motiven auch immer.

  3. Lassen wir mal das Thema „freier Wille“ weg, auch das Jüngste Gericht ist für Christen kein Thema, um nicht abzuirren. Gott hat mir (unverdient) das Leben geschenkt, da sehe ich kein Recht , dieses Geschenk zurückzuweisen. Unter den Menschen wird die Zurückweisung eines Geschenkes oftmals entehrend/beleidigend empfunden vom Schenker, warum sollte dies hier anders sein.
    Wesentlich wichtiger: auch im Leiden kann ich Gott ehren, ihm dienen, und mein Vertrauen in ihn bezeugen, vor der sichtbaren und unsichtbaren Welt. Das ist gleichzeitig Mission. Und genau das kann Gottes Plan sein – durch mein Leiden verherrlicht zu werden.
    Hätte Hiob sich umgebracht – was wäre uns alles an Offenbarungen über Gott, an Zeugnis, an Gottvertrauen und Vertrauen auf Gottes Gerechtigkeit entgangen.

  4. @Stephan Völlig einig. Nur der „verherrlicht“ was ist das. Bitte um einen der derzeitigen Ausdrucksweiseweise angepassten Ausdruck, damit ich das besser verstehen kann.
    @Roderich Ich verstehe nicht. Wenn ich schon von Transzendenz überzeugt bin, so bin ich ja bei Gott.

  5. Stephan meint:

    @Rudolf:
    verherrlichen: ihn groß machen, preisen, ehren, als mein Oberhaupt anerkennen, …,

  6. Roderich meint:

    @Rudolf,

    Ich verstehe nicht. Wenn ich schon von Transzendenz überzeugt bin, so bin ich ja bei Gott.

    Wenn es so einfach wäre, hätte Jesus nicht zu kommen brauchen. Dann wäre jeder Muslim, jeder Animist, und jeder, der Umbanda und Macumba praktiziert, jeder Spiritist oder Esoteriker, jeder Satanist und jede Hexe, im ewigen Leben bei Gott. Dann wäre es vollkommen egal, WAS man glaubt, Hauptsache, man glaubt an „Transzendenz“.
    Ferner käme es dann ja nur auf ein „Für-Wahr-Halten“ an, nicht aber auf unser Vertrauen auf Gott, auf unsere daraus resultierenden veränderten Denkweisen und Handlungen etc.

  7. @Roderich
    Jetzt wird es aber spannend. Hat nicht Jesus ALLE Menschen GUTEN WILLENS gemeint? Ein Animist, der Jesus nicht kennt, aber von sich aus das, was Jesus predigte lebt, was geschieht mit diesem, deiner Meinung nach, nach seinem physischen Tod?

  8. Roderich meint:

    @Rudolf, was sagt denn die Bibel dazu?
    Oder ist die überhaupt nicht Ihr Maßstab? (Damit wir nicht aneinander vorbeireden).
    (Kleiner Tipp: in Römer 3 steht, dass letztlich kein Mensch „guten Willens“ ist, sondern alle Menschen sind Sünder und ermangeln des Ruhmes, den sie vor Gott haben sollten – und werden (wenn überhaupt) dann nur durch Jesus Christus gerecht.)

  9. @Roderich Ich glaube wir lassen es wie es ist. Nur kurz Römer 3,29
    …Völker? Natürlich auch der anderen Völker!…
    In der Bibel findet man alles. Die Meinung von Paulus muss ja nicht immer stimmen.
    Liebe Grüße R. Drabek

  10. Roderich meint:

    Römer 3,30 dann bitte „nur kurz“ auch noch zitieren: Gott ist auch der Gott der Heiden – die aber ebenfalls aus Glauben an Christus gerecht werden.

    Wo sagt denn Paulus in den Lehrabschnitten über die Errettung, dass er „nur seine Meinung“ sagt?

    Mich interessiert noch: wenn Sie sich Ihr eigenes Gebräu zusammenmischen aus Christentum und eigenen Meinungen, oder wenn sie einige Aussagen (z.B. des Paulus) für falsch erklären – nach welchem Kriterium entscheiden Sie da? Was ist Ihre zugrundeliegende Weltanschauung? Und woher nehmen Sie die denn?
    Ich frage, in der Hoffnung, dass Sie dann erkennen, dass Ihre eigene Grundlage vermutlich recht willkürlich gewählt, unstabil und wechselhaft ist.

    „Sichtweisen, die mir emotional gefallen, sind richtig“. Schön. Aber welcher Kriterien bedienen sich Ihre Emotionen dabei?

  11. Rudolf Drabek meint:

    @Roderich Das habe ich ja schon im Kommentar vom 2.Nov gesagt, was 3,30 ebenfalls festhält. Aber kritisch sein sollte doch erlaubt sein. Albert Keller SJ hat mich darin bestärkt.

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