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Man scheue die nihilistischen Herausforderungen nicht

Thomas Thiel diagnostiziert in seinem bestechendem Artikel „Man scheue die nihilistischen Herausforderungen nicht“ (FAZ vom 14.12.2016, Nr. 292, S. 9) einige deftige Probleme der christlichen Gegenwartstheologie. Hauptproblem: Das Christentum hat sich von der Wahrheitsfrage verabschiedet! Leider fehlen überzeugende Lösungsvorschläge.

Einige Kostproben:

Im Fahrwasser linker Rassismuskritik ist die Religion unter „kulturellen Immunitätsschutz“ (Wolfgang Merkel) geraten. Religion wird zur Identitätsmarke im gesellschaftlichen Wettbewerb, der Rekurs auf religiöse Erfahrung muss, wenn überhaupt, nur noch behauptet, aber nicht mehr begründet werden.

Das europäische Christentum hat auf den Fortschritt der Wissenschaften mit der Akzentverschiebung von der biblischen Kosmologie zur individuellen Selbstdeutung reagiert.

Der Nichtangriffspakt zwischen Wissenschaft und Christentum beruht auf dem Bewusstsein, dass auf dem Boden der bildlosen modernen Wissenschaft eine „zeitgemäße“ religiöse Mythologie nicht mehr möglich ist.

Die wissenschaftliche Auskühlung hat der christlichen Theologie das religiöse Temperament genommen. Müsste eine wissenschaftliche Theologie einen buchstabengläubigen, nicht an der Wissenschaft geschulten Islam nicht scharf kritisieren? In dieser Richtung ist wenig zu hören. Der interreligiöse Dialog ist ein Händchenhalten auf oberflächlicher Ebene. Auf vorderster Bühne stehen die Gratismoral des EKD-Vorsitzenden Heinrich Bedford-Strohm und die religiöse Kulinarik eines Navid Kermani, der die von der Theologie liegengelassene sinnliche Glaubensernte einfährt.

Zentrale christliche Glaubensinhalte wie die Menschwerdung und Auferstehung Gottes haben in diesem Prozess eine metaphorische-Bedeutung erhalten, ohne dass dies mit dem ausdrücklichen Verzicht auf ihre Wahrheit verbunden wäre. Wer sich als Christ in Europa auf die verbindliche Wahrheit religiöser Gebote beruft, wird aber an die Ränder des religiösen Feldes, in Freikirchen und Sekten, abgedrängt. Welcher christliche Theologe glaubt wirklich – und es kann ja sein -, dass Jesus am dritten Tage auferstanden ist?

Die christliche Theologie löst sich nach Kehrer aus dieser Verlegenheit, indem sie Wahrheitsgebote liturgisch eingekapselt lässt und nicht mehr als Aussagen über die Welt begreift. Sie konzentriert sich auf die abstrakte Rechtfertigung der Religion vor dem wissenschaftlichen Fortschritt und verliert darüber den Kontakt zur dogmatisch verfassten Glaubenspraxis.

Wer Wirklich gottlos leben will, kann, wenn überhaupt, sich nur mit großem intellektuellem Aufwand behaupten. Solange wir die Grammatik gebrauchen, schreibt Nietzsche, werden wir Gott nicht los.

Tja, Ihr lieben frommen Brüder und Schwestern. Aufstehen! Es ist Zeit, hart zu arbeiten und Antworten zu geben.