Markus Gabriel: Das Ringen um die Wahrheit kehrt zurück

Denken beweist für Markus Gabriel seinen Sinn, wenn es sich in ein kritisches Verhältnis zu Gegenwart und Vergangenheit setzt. Und so geht es dem Bonner Philosophen nicht um die Demontage von Wahrheitsansprüchen, wie sie noch ein bis zwei Generation vor ihm bei den Denkern der Postmoderne von Foucault bis Derrida praktiziert wurde, sondern um eine neue realistische Philosophie. 

Der DLF stellt sein neues Buch Denken als sechster Sinn vor uns lässt den Philosophen selbst zu Wort kommen:

„Die meisten verbinden das Wort Realismus bis heute mit genau jener Annahme einer bewusstseinsunabhängigen Außenwelt. Der Neue Realismus korrigiert das und sagt, warum sollte denn von dem, was offensichtlich existiert und wozu wir selber als geistige Lebewesen gehören, aber auch Sterne und Tische, warum sollte im Gefüge dessen, was offensichtlich existiert, unsereiner besonders unwichtig sein? Also dreht der neue Realismus jetzt die Perspektive um und behauptet erstens: Wir können die Wirklichkeit so erkennen, wie sie ist. Zweitens: Unsere Erkenntnis der Wirklichkeit ist so wirklich wie alles andere und drittens: Die Wirklichkeit ist kein singulärer Gegenstand, in dem Slogan ausgedrückt „die Welt gibt es nicht“. Es gibt also, wenn man so will, viele Wirklichkeiten und nicht eine. Das sind die Grundthesen des neuen Realismus.“

Hier: www.deutschlandfunk.de.

Kommentare

  1. Roderich meint

    Er sagt in dem Buch auch: Menschliches Denken könne nie ganz von künstlicher Intelligenz nachgeahmt werden. – Da hat er glaube ich recht.

    Weiter hinten im Buch setzt er auch manche politisch überkorrekte Mainstream-Analysen der Gegenwart ab. Aber gut – neue Einsichten zur Politik sollte man von Epistemologen vielleicht auch nicht primär erwarten; das liegt außerhalb der Kernkompetenz, bzw. da ist sein Urteil genauso gut wie das jedes anderen, und da sagt man dann gerne, was von Berufsgenossen gerne gehört wird.

    Es scheint mir, dass er einen Aufklärungs-Universalismus, der nicht christlich ist, verabsolutiert. (Der „reine Mensch“, isoliert von Kultur und Geschichte, scheint sein Ideal zu sein. Den gibt es aber in der Realität nicht. – Daher zum Teil Gutmenschentum-Geplapper auf gehobenem Niveau. Aber gut – soll er den Relativismus mit Fug und Recht angreifen, da mag das Buch seinen Mehrwert haben. )

  2. Gottfried Sommer meint

    In diesem Zusammenhang ist natürlich David Gerlernters „Gezeiten des Geistes“ ein „must read“:
    https://www.deutschlandfunkkultur.de/david-gelernter-gezeiten-des-geistes-unser-hirn-ist-mehr.950.de.html?dram:article_id=347192

  3. Gar nicht so einfach der Mann…
    Und wie stehen Sie zu diesem Ansatz von Gabriel?

  4. Schandor meint

    Erinnert mich an die ersten Seiten in Schopenhauers Welt als Wille und Vorstellung:

    Die Welt ist meine Vorstellung: – dies ist eine Wahrheit, welche in Beziehung auf jedes lebende und erkennende Wesen gilt; wiewohl der Mensch allein sie in das reflektirte abstrakte Bewußtseyn bringen kann: und thut er dies wirklich; so ist die philosophische Besonnenheit bei ihm eingetreten.

    Nu, und jetzt haben wir die vorgestellte Welt des Herrn Gabriel vor uns. Eine mehr.

  5. Clemens Altenberg meint

    Markus Gabriels Buch „Ich ist nicht Gehirn“ ist eine schöne, gut lesbare neo-existentialistische Verteidung des freien Willens, in der er sich auch traut den Glauben zu verteidigen (Religion sei ebenso wenig identisch mit Aberglauben wie Wissenschaft mit Aufklärung). Nur der theologische Determinismus ist ihm ebenso ein Dorn im Auge wie der neuronale: „Es gibt unzählige, teils bis ins Lächerliche haarspalterische Versuche, dieses theologische Problem zu lösen. Entscheidend ist fürs Erste nur, dass der Determinismus nicht notwendig etwas mit dem Gehirn zu tun hat. Gott kann unsere Freiheit scheinbar auch bedrohen, beziehungsweise sie gar nicht erst aufkommen lassen, wie Luther meint“. Für Luther ist ja nicht nur determiniert ob man errettet wird oder nicht, sondern alles was passiert werde von Gott beschlossen und ausgeführt.

  6. Roderich meint

    @Clemens,
    ich glaube, da versteht er Luther sehr einseitig. Warum hätte Luther zu guten Taten ermahnen sollen, warum zur Bekehrung, wenn er fatalistisch davon ausgegangen wäre, dass wir keine Verantwortung haben?
    Luther, Calvin etc. haben Gottes Vorsehung nie gegen menschliche Verantwortung ausgespielt.

  7. Clemens Altenberg meint

    Gabriel zitiert dazu aus de servo arbitrio, wo Luther schreibt, dass Gott „alles mit unwandelbarem, ewigem und unfehlbarem Willen vorhersieht, beschließt und ausführt.“ (dann also auch Luthers Ermahnung zu guten Taten 😉). Luther bilanziert: „Durch diesen Blitzschlag wird der freie Wille vollständig zur Strecke gebracht und vernichtet“. Deutlicher kann man es nicht sagen. Berühmt ist auch die Stelle wo er den Menschen mit einem Reittier vergleicht: „er wird allemal nur geritten, entweder reitet ihn Gott oder der Satan.“ (Dazu Erasmus: Luther möge sich daran erinnern, dass manche Pferde ihre Reiter abwerfen.)

    De servo arbitrio ist ein wildes Buch. Hat wohl Schopenhauer zu seiner Polemik gegen den freien Willen inspiriert sowie Kierkegaard zu seiner Betonung des Absurden. Eine gefährliche, nihilistische Kombi.

  8. In seiner Antrittsvorlesung ( https://www.youtube.com/watch?v=6MeMCMA38_w&feature=youtu.be&t=8 ) argumentiert Markus Gabriel damit, dass man die Welt nicht auflisten könne, da solche Auflistung kein Ende hätte, man also nie fertig würde.

    Er müsste dann aber aus demselben Grunde ja auch zum Schluss kommen, dass die Menge aller ganzen Zahlen nicht existiere.

    Wie also kann der dann behaupten, dass alles in der Welt existiere (wenn auch ggfs. nur als Gedanke), nur die Welt als Ganzes existiere nicht?

    Kurz: Seine Argumentation spricht jeder Logik Hohn.

    Warum widerspricht ihm keiner seiner (akademischen) Zuhörer?

    Wie kann, wer jene Vorlesung hört, die Erkenntnistheorie als Wissenschaft noch ernst nehmen?

    Mehr dazu auf Seite https://ggreiter.wordpress.com/2019/08/08/logische-realismus-die-gut-begrundete-gegenposition-zum-neuen-realismus/ .

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