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Moral als beliebige Setzung

Bei dem katholischen Apologeten Norbert Clasen habe ich ein sehr schönes Zitat gefunden (Im Garten des Unmenschlichen, 2018, S. 16–17):

In der Tat kann es, wie Nietzsche scharfsichtig sah, eine wirkliche, d.h. von den Dingen selbst ausgehende sittliche Verpflichtung in einer Welt ohne Gott nicht geben, die von der Option des wissenschaftlichen Positivismus bzw. Evolutionismus ausgeht und auf »Zufall und Notwendigkeit« beruht. Wenn es für die Natur selber gleichgültig ist, ob z.B. Walfische und Delphine existieren, Bach-Partituren unverfälscht überliefert werden, Unschuldige leben bleiben und Kinder geliebt werden, dann achten wir in der Sittlichkeit bloß unseren eigenen Entschluss, so zu tun, als ob der »Aggregatzustand« »Walfisch«, »Kind« oder »Bach-Partitur« Dauer haben sollte. Wenn aber alles Sollen nur menschliche Illusion oder Setzung ist, dann ist es aufhebbar.

Wer dies durchschaut, ist mit Nietzsche aller sittlichen Verpflichtung ledig, für ihn herrscht die »Unschuld des Werdens«, und er steht »jenseits von Gut und Böse«. Auch die Menschenwürde ist dann bloß ein Selbstmissverständnis. Die Natur hat uns als blindes, gleichgültiges Zufallsprodukt erzeugt. Uns entsteht nur die Illusion, dass es auf uns ankäme. Wenn wir den illusionären Schein, den unsere Gehirnphysiologie erzeugt, durchschauen und uns folglich nicht mehr als »Zwecke an sich« achten, setzen wir lediglich das evolutionistische Grundprinzip wieder in Kraft, demzufolge es völlig gleichgültig ist, was geschieht und folglich auch, wie man sich verhält.

Einen Menschen zu töten, ist, so gesehen, im Prinzip nur ein »Umarrangement« von Materie, eine Atomverbindung löst sich auf und neue bilden sich, so wie wenn ein Kind am Strand seine Sandburg zerstört.

»Dem Evolutionismus widerspricht allerdings die konkrete sittliche Erfahrung, die wir machen: Wenn ich sehe, dass mein Kind krank ist, dann ist das die Aufforderung, mit ihm zum Arzt zu gehen. Dass es nicht die Eltern sind, die in das kranke Kind ihren Wunsch auf dessen Gesundheit projizieren, zeigt sich daran, dass wir Eltern, die an Fahrlässigkeit oder Herzlosigkeit ihr krankes Kind vernachlässigen, sittlich verurteilen. Wir muten ihnen zu, jenen Imperativ zu hören, weil er nicht von ihrem Belieben abhängt, sondern aus der Natur der Sache erwächst.«