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Nachchristliche Sexualität

Rod Dreher hat kürzlich den bemerkenswerten Artikel „Nachchristliche Sexualität“ publiziert. Die These: Die Auflösung der Familie ist Symptom einer tiefgreifenden geistlichen Krise in Nordamerika. Auch wenn mehrfach auf die Umstände in Amerika Bezug genommen wird, ist die Analyse auch für Europäer aufschlussreich. Nachfolgend wird der Text in einer von Ivo Carobbio besorgten deutschen Übersetzung wiedergeben.

Nachchristliche Sexualität

Rod Dreher

Vor zwanzig Jahren trat der neugewählte Präsident Bill Clinton auf eine politische Landmine: Er wollte sein Wahlversprechen einlösen und homosexuellen Soldaten erlauben, im Dienst keinen Hehl aus ihrer Homosexualität zu machen. Die gleichgeschlechtliche Ehe wurde kaum als politische Angelegenheit wahrgenommen; damals befand sich das Land drei Jahre vor dem Defense of Marriage Act-Gesetz (Gesetz zur Verteidigung der Ehe). Ein Jahr darauf outete sich die Komikerin Ellen DeGeneres zur Hauptsendezeit als Lesbe.

Darauf folgte, was Historiker eines Tages als „Kulturrevolution“ bezeichnen werden. Wir treten gegenwärtig in die Endphase des Kampfes um die Schwulenrechte und den Bedeutungsgehalt der Homosexualität ein. Die Konservativen sind besiegt – jene vor Gericht und auch diejenigen vor dem Forum der öffentlichen Meinung. Man glaubt im Allgemeinen, der einzige Grund gegen die gleichgeschlechtliche Ehe sei nur von Bigotterie oder von religiösen Gründen motiviert, und beides – so heißt es – habe bei der Begründung öffentlicher Normen oder bei der Verabschiedung von Gesetzen keinen Platz.

Das Ausmaß der Niederlage, die die Traditionalisten im Hinblick auf die Moral hinnehmen müssen, wird sich stärker zeigen, je mehr ältere Amerikaner von der Bildfläche verschwinden. Meinungsumfrage um Meinungsumfrage zeigt: Für die Jugend ist Homosexualität etwas völlig Normales; die gleichgeschlechtliche Ehe ist keine große Sache, es sei denn freilich, jemand erhebt Einspruch – in diesem Fall wird ihm der moralische Status eines Anhängers der Rassentrennung in den späten 60er Jahren zugeschrieben.

Es handelt sich dabei allerdings um Größeres, als den Menschen beider Lager bewusst ist, nicht zuletzt aus einem Grund, der selbst glühenden Gegnern der Schwulenrechte entgeht. 1993 bezeichnete die Zeitschrift The Nation die Angelegenheit der Homosexuellen-Rechte als Höhepunkt und Grundpfeiler des Kulturkampfes:

„Alle Gegenströmungen gegenwärtiger Befreiungskämpfe lassen sich unter die Rubrik ‚Schwulenrechte‘ subsumieren. Diese aktuelle Entwicklung in der Schwulenbewegung ähnelt dem, was schon andere Gesellschaftsschichten in der Geschichte dieses Landes erlebt haben. Aber sie ist bedeutender, da die sexuelle Identifizierung sich durch alle Bevölkerungsschichten hinweg in einer Krise befindet, und Homosexuelle – plötzlich die auffälligsten Subjekte und Objekte dieser Krise – gezwungen waren, ein vollständiges Weltbild zu erfinden, um diese Krise zu beschreiben. Niemand behauptet, diese Veränderung ist leicht herbeizuführen. Es ist aber möglich, dass eine kleine und verachtete sexuelle Minderheit Amerika für immer verändern wird.“

Der Autor dieser Zeilen sollte recht behalten, und wenn der Begriff „Weltbild“ (engl.: cosmology) vom Leser als philosophisch reichlich vollmundig empfunden wird, wirkt sein heutiger Gebrauch geradezu prophetisch. Der Kampf um die Rechte einer „kleinen und verachtete sexuellen Minderheit“ wäre aussichtslos geblieben, wäre die alte, christliche Kosmologie intakt geblieben. Unverblümt gesagt: Die Schwulenrechte haben sich durchgesetzt, weil das christliche Weltbild aus dem westlichen Denken verschwunden ist.

Die gleichgeschlechtliche Ehe führt den entscheidenden Schlag gegen die alte Ordnung. Die triumphierende Rhetorik von vor zwei Jahrzehnten ist nicht überreif; die Radikalen schätzten viel besser ein als andere, was auf dem Spiel stand, vor allem bürgerliche Verteidiger der gleichgeschlechtlichen Ehe als konservative Erscheinung. Die Schwulenehe wird Amerika auf eine Art und Weise für immer verändern, die erst jetzt sichtbar wird. Zum Besseren oder zum Schlechteren – auf jeden Fall entchristlicht sie unsere Kultur, und genau daran arbeitet sie auch.

Als die Politwissenschafter Robert D. Putnam und David E. Campbell 2010 ihr vielbeachtetes Buch American Grace veröffentlichten, eine Studie über zeitgenössische Glaubensüberzeugungen und Glaubenspraxis, wiesen sie auf zwei einander entgegengesetzte Trendlinien im Hinblick auf sozialtechnische Maßnahmen hin. Beide Linien nehmen um 1990 ihren Ausgang.

Sie entdeckten, dass viele junge Amerikaner, die damals erwachsen wurden, Homosexualität moralisch nach und nach für legitim hielten. Gleichzeitig ließen sie mehr und mehr vom organisierten Glauben ab. Der evangelikale Boom der 70er und 80er Jahre war vorbei, und wäre die spanische Einwanderungswelle ausgeblieben, hätte die römisch-katholische Kirche in den USA ähnliche Verluste hinnehmen müssen wie die etablierten protestantischen Kirchen.

Wie die Untersuchungsergebnisse zeigten, stellte sich die Einstellung zu moralischen Fragen als starkes Anzeichen religiösen Engagements heraus. Genauer: Je liberaler man der Homosexualität gegenüberstand, desto unwahrscheinlicher war auch die religiöse Bindung. Nicht, dass die jüngeren Amerikaner gleich zu Atheisten wurden; die meisten bezeichneten sich als „spirituell, aber nicht religiös“. Mit Atheisten und Agnostiker bilden diese „Ohnes“ (engl.: nones) – die Bezeichnung, die Putnam und Campell gebrauchten – die demographisch am schnellsten wachsende Glaubensüberzeugung.

Nach einer Studie des Pew-Forschungszentrums ist einer von drei Amerikanern unter dreißig ein „Ohne“. Das ist allerdings nichts, wozu junge Leute in ihrer Jugend neigen: Sich die Kirche auf Armeslänge vom Leib halten, bis sie „zur Ruhe gekommen“ sind. Gregory Smith vom Pew-Forschungszentrum berichtete im National Public Radio, die junge Generation sei konfessionell ungebundener als andere. Putnam – jener Harvard-Gelehrte, der durch seinen Bestseller Bowling Alone, einer bürgerkulturellen Studie, bestens bekanntwurde – sagte, es gebe keinen Grund zu glauben, diese Menschen würden später wieder zur Kirche zurückkehren.

Putnam und Campbell sind vorsichtig genug, Wechselbeziehung nicht mit Ursächlichkeit zu verwechseln; allerdings weisen sie darauf hin: Sowie der Schwulenaktivismus sich in den USA ins Zentrum des politischen Lebens drängte (eben zur Zeit der Titelgeschichte in der Zeitschrift The Nation), entfremdeten sich viele junge Amerikaner wegen der lebhaften Rolle vieler christlicher Leitfiguren in ihrem Kampf gegen die Schwulenrechte von den institutionalisierten Kirchen.

In einer abendlichen Unterhaltung, nicht lange nach der Veröffentlichung ihres Buches American Grace, sagte mir Putnam, die christlichen Kirchen müssten ihre Lehre zur Frage der Sexualität lockern, um auf die Loyalität jüngerer Generationen hoffen zu dürfen. Das klingt zunächst nach einer vernünftigen Schlussfolgerung, doch die Erfahrung liberaler Glaubensgemeinschaften in Amerika widerlegt dieses Rezept. Die protestantischen Großkirchen, die der Homosexualität und der allgemeinen sexuellen Befreiung weit offener gegenüberstehen, konnten die Abwanderung aus ihren Reihen nicht aufhalten.

Wenn die Menschen – so scheint es – meinen, das historische und maßgebliche Christentum irre sich in Bezug auf die Sexualität, finden sie normalerweise keine Kirche, die ihren liberalen Ansichten beipflichtet. Fazit: Sie treten aus der Kirche aus.

Das führt uns zu einer eminent wichtigen Frage: Ist die Sexualität etwa das Herzstück der christlich-kulturellen Ordnung? Bedeutet die Preisgabe der christlichen Lehre zu Sex und Sexualität tatsächlich die Beseitigung jenes Einflussfaktors, der dem Christentum seine Kraft als gesellschaftlicher Größe raubt oder geraubt hat?

Der angesehene Soziologe Philip Rieff hätte dies vielleicht nicht auf diese Weise gesagt, aber wahrscheinlich zugestimmt. Sein bahnbrechendes, 1966 erschienenes Buch The Triumph Of the Therapeutic – Uses of Faith after Freud, untersucht, was Rieff die »Dekonversion« des Westens vom Christentum nennt. Dieser Prozess, der seit der Aufklärung im Gange ist, ist allgemein bekannt. Rieff zeigte aber, dass er weit stärker fortgeschritten war, als die meisten Menschen – am allerwenigsten Christen – dies erkannt hatten.

Rieff, der 2006 verstarb, war kein Christ, doch er wusste: Der Schlüssel zum Verständnis einer Kultur ist ihre Religion. Das Wesen jeder Kultur könne an deren Tabus und Verboten erkannt werden. Jede Kultur legt ihren Gliedern zur Erlangung gesellschaftlicher Zwecke eine Reihe moralischer Verpflichtungen auf und hilft ihnen, diese Forderungen auch zu erfüllen. Eine Kultur braucht einen Kultus im Sinne einer sakralen Ordnung, ein Weltbild, das die moralischen Forderungen in einem metaphysischen Rahmen verwurzelt.

Das Verhalten des Menschen ist nicht willkürlich (etwa weil es „gut“ für ihn ist), sondern orientiert seine moralische Vision am Wesen der Wirklichkeit selbst. Das ist die Grundlage der Theorie vom Naturrecht, das im Zentrum gegenwärtiger säkularer Argumente gegen die gleichgeschlechtliche Ehe steht (und die noch niemand überzeugt haben).

Rieff, der in den 60er Jahren schrieb, erkannte die sexuelle Revolution – wenn er diese Bezeichnung auch nicht gebraucht hat – als führendes Kennzeichen des Untergangs des Christentums als bestimmender kultureller Kraft. Im klassischen Christentum, so schrieb er, lag „die Ablehnung des sexuellen Individualismus nahe jener symbolischen Mitte, die nicht länger in Mode ist“. Er meinte damit: Der Verzicht auf sexuelle Autonomie und auf die Wollust heidnischer Kulturen liege im Zentrum der christlichen Kultur, einer Kultur, die sich von ihrem erotischen Instinkt – und das ist entscheidend! – nicht einfach losgesagt hat, sondern diesen Instinkt umgeleitet hat. Das Wiederaufleben des Heidentums im Hinblick auf Sinnlichkeit und sexuelle Befreiung setzt ein starkes Zeichen für den Niedergang des Christentums.

Moderne Amerikaner können kaum begreifen, welch zentrale Rolle die Sexualität im Frühchristentum spielte. Sarah Ruden, die Übersetzerin klassischer Texte (Studium in Yale), erklärt in ihrem Buch Paul Among The People, in welcher Kultur das Christentum ursprünglich aufleuchtete. Sie behauptet, es zeuge von krasser Unwissenheit, zu meinen, der Apostel Paulus sei ein mürrischer Proto-Puritaner gewesen, der leichtlebigen heidnischen Hippies den Spaß verderben wollte.

Tatsächlich wurden seine Lehren zu sexueller Reinheit und Ehe innerhalb der pornographischen, von sexueller Ausbeutung gekennzeichneten griechisch-römischen Kultur jener Zeit als Befreiung willkommen geheißen. Besonders Sklaven und Frauen wurden sexuell ausgebeutet – ihr Wert für die heidnische Männerwelt bestand hauptsächlich in der Fähigkeit der Kindererzeugung und der Bereitstellung sexuellen Vergnügens. Das Christentum des Paulus bewirkte eine kulturelle Revolution; es zügelte und kanalisierte den männlichen Eros und erhöhte den Status der Frau und des menschlichen Leibes; die Ehe – und mit ihr die eheliche Sexualität – wurden um den Faktor Liebe bereichert.

Die christliche Ehe – so Ruden – „unterschied sich von allem Bisherigen wie das Gebot, die andere Wange hinzuhalten“. Es kommt nicht darauf an, dass das Christentum einzig oder vorrangig die Sexualität neu definierte und bewertete, sondern darauf, dass gemäß christlicher Anthropologie der Sex einen neuen und anderen Sinn erhielt, einen, der nach einer radikalen Verhaltensänderung und nach neuen kulturellen Normen verlangte. Wie der Mensch seine Sexualität auslebt, kann gemäß Christentum nicht vom Wesen des Menschen getrennt werden.

Es wäre absurd, wollte man behaupten, die christliche Zivilisation habe je zu einem goldenen Zeitalter gesellschaftlicher Harmonie oder sexueller Glückseligkeit geführt. Es wäre leicht zu zeigen, dass es in der Geschichte des Christentums Zeiten gegeben hat, in denen kirchliche Oberhäupter von sexueller Reinheit geradezu besessen waren. Doch wie Rieff erkannte, begründete das Christentum eine Möglichkeit, die sexuellen Instinkte zu zügeln, sie in der Gesellschaft zu verankern und ihr positive Wege zu zeigen.

Was unsere Zeit von der Vergangenheit unterscheidet – so Rieff – sei, dass wir nicht länger an das christlich-kulturelle Wertesystem glauben, doch wir haben es unmöglich gemacht, uns an einem anderen zu orientieren, das leistet, was Kultur leisten muss: individuelle Leidenschaften zähmen und sie schöpferisch für gesellschaftliche Zwecke zu leiten.

Wir haben die Rolle der Kultur eher umgekehrt: Statt zu zeigen, wessen wir uns enthalten müssen, um zivilisiert zu sein, erzählt uns die Gesellschaft von heute, Sinn und Zweck von Kultur bestehe darin, die alten Barrieren zu durchbrechen und uns zu befreien.

Es ist nicht einfach, zu zeigen, wie es dazu kommen konnte; der Aufstieg des Humanismus, das Heraufziehen der Aufklärung und der Moderne spielen jedenfalls ihre Rolle. Der Philosoph Charles Taylor schreibt in seiner meisterhaften Religions- und Kulturgeschichte Ein säkulares Zeitalter: „Die gesamte ethische Einstellung des modernen Menschen setzt den Kosmos (und natürlich auch den Untergang des sinntragenden Kosmos) voraus …“. Modern zu sein heißt also, an das individuelle Verlangen als Ort der Autorität und Selbstdefinition zu glauben.

Nach und nach habe der Westen den Sinn für die Tatsache verloren, dass das Christentum viel mit gesellschaftlicher Ordnung zu tun hat, schreibt Taylor. Die Preisgabe christlicher Ideale im Hinblick auf die Sexualität wurde zunehmend auch eine Sache der Gesundheit. Die Überzeugung, das Ausleben der Sexualität sei gesund und gut (je mehr, desto besser), sexuelles Verlangen sei ein unlösbarer Teil der persönlichen Identität – diese Überzeugungen gipfelten in den 60er Jahren in der sexuellen Revolution. Deren treibende Kraft meinte, Freiheit und Unverfälschtheit nicht in sexueller Enthaltsamkeit zu finden (die christliche Sichtweise), sondern in der Sexualität und ihrer Auslebung. So fordert der moderne Amerikaner seine Freiheit ein.

Für Rieff befinden wir uns in einer Sonderform einer „revolutionärer Epoche“, da diese Revolution von ihrem Wesen her nicht institutionalisiert werden kann. Sie leugnet ja die Möglichkeit gemeinschaftlichen Erkennens verbindlicher, überindividueller Wahrheiten und kann daher keine neue stabile gesellschaftliche Ordnung schaffen. Rieff sagt: „Die Frage nach dem ‚Zweck‘ heißt ‚mehr‘“.

Unsere nachchristliche Kultur ist demnach eine „Antikultur“. Von der Logik der Moderne und dem Mythos individueller Freiheit sind wir gezwungen, die letzten Spuren der alten Ordnung niederzureißen, in der Überzeugung, echtes Glück und Harmonie sind erst dann unser, wenn alle Beschränkungen null und nichtig gemacht worden sind.

Die Homo-Ehe markiert den endgültigen Triumph der sexuellen Revolution und damit die Entthronung des Christentums, da sie den Kerngedanken des christlichen Menschenverständnisses leugnet. Nach klassisch-christlichem Denken ist die von Gott sanktionierte Einheit von Mann und Frau ein Symbol der Beziehung zwischen Christus und seiner Gemeinde – und letztlich auch zwischen Gott und seiner Schöpfung. Darum verneint die Homo-Ehe das christliche Weltbild, dem wir unsere moderne Auffassung der Menschenrechte und andere grundlegende Güter der Moderne verdanken. Ob wir diese Dinge in nachchristlicher Ära erhalten können, bleibt abzuwarten.

Ebenfalls abzuwarten bleibt, ob ein Christentum ohne christliche Reinheit aufrechtzuerhalten ist. Der Soziologe Christian Smith jedenfalls hat anhand seines Begriffs „moralistisch-therapeutischer Deismus“ (jenes Pseudo- und Wohlfühlchristentums, das den normgebenden Glauben im heutigen Amerika verdrängt hat) gezeigt, dass diese Aufgabe äußerst schwierig bleibt.

Das konservative Christentum hat den Kampf gegen die Homo-Ehe verloren, und zwar, wie wir gesehen haben, Jahrzehnte, bevor irgendjemand überhaupt auf die Idee kam, die gleichgeschlechtliche Ehe könne je ein Thema werden. Befürworter der Homo-Ehe konnten deshalb so schnell Erfolge verbuchen, weil sie der Öffentlichkeit zeigen konnten: Wofür sie kämpften, stimmte genau mit dem überein, was das Amerika nach 1960 im Hinblick auf den Sinn von Sex und Ehe ohnehin schon glaubte. Die Frage, vor die sich das Christentum im Westen heute gestellt sieht, lautet: Wird es das Christentum in diesem neuen Zeitalter aufgeben müssen oder nicht?

Zu viele Christen meinen, die gleichgeschlechtliche Ehe sei bloß eine Frage der Sexualethik. Sie übersehen, dass die Homo-Ehe und der damit einhergehende Zusammenbruch der Ehe unter minderbemittelten und der Arbeiterklasse angehörigen Heterosexuellen dort große Bedeutung hat, wo die Moderne den autonomen Individualismus heiligt und die zeitgenössische Kultur hochhält, und das vielfach von Menschen, die sich selbst als Christen bezeichnen. Sie begreifen nicht, dass das Christentum – recht verstanden – kein moralisch-therapeutisches Anhängsel des bürgerlichen Individualismus darstellt (übrigens eine häufige Antwort amerikanischer Christen, eine Antwort, die Rieff 2005 als „schlicht erbärmlich“ bezeichnete), sondern der kulturellen Ordnung (oder Unordnung), die heute herrscht, diametral entgegensteht. Sie meinen, diesen Kulturkampf moralisch ausfechten zu müssen, statt sich auf ihr Weltbild zu gründen. Sie haben nicht nur die Kultur verloren: Solange sie das Wesen dieser Auseinandersetzung nicht verstehen und ihre Strategie entsprechend ändern, um aus kosmologischer Sicht zu kämpfen, werden sie wenige Generationen von heute an vielleicht auch ihre Religion verloren haben.

„Der Tod einer Kultur setzt dort ein, wo die normgebenden Institutionen nicht länger imstande sind, ihre Ideale so zu vermitteln, dass sie innerlich binden“, schreibt Rieff. Nach dieser Auffassung ist das Christentum Amerikas, wenn nicht sogar seine Spiritualität, in tödlicher Gefahr. Die Zukunft ist nicht festgeschrieben: Taylor pflichtet Rieffs geschichtlicher Analyse weitgehend zu, räumt einer Erneuerung aber wesentlich stärkeres Hoffnungspotential ein. Trotzdem: Wird der Glaube nicht zurückgewonnen, wird die historische Obduktion einmal schlussfolgern, die Homo-Ehe sei nicht Ursache, sondern Symptom gewesen, ein Anzeichen, das das Endstadium des Patienten offenbare.

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Rod Dreher ist Chefredakteur der Zeitschrift „The American Conservative“ (www.theamericanconservative.com), wo der Artikel ursprünglich erschienen ist. „Nachchristliche Sexualität“ wird hier mit freundlicher Genehmigung wiedergegeben. Übersetzt wurde er von Ivo Carobbio. Den englischen Text sowie eine Autorenbeschreibung finden Sie unter: www.theamericanconservative.com.

Den Artikel gibt es auch als PDF-Datei: Sex_after_Marriage.pdf.