Niall Ferguson: Die Exklusion Andersdenkender

Niall Ferguson zählt zu den wichtigsten Historikern der Gegenwart. Im grossen Gespräch rechnet Niall Ferguson mit dem Wohlfühldenken vieler Kollegen ab und er legt offen, wie die Linke die angelsächsischen Universitäten gekapert hat. Jene, die ständig von Inklusion sprechen, exkludieren Andersdenkende konsequent.

Die konservativen und liberalen Akademiker sind chaotische Zeitgenossen und ziemlich mies in der akademischen Folgeplanung. Sie sind mit ihren Studien beschäftigt, schreiben Bücher und kümmern sich kaum um Machtpolitik. Anders die sogenannt Progressiven – sie sind oftmals die eigentlichen Karrieristen, und ihre Schriften dienen ihnen bloss als Mittel zum Zweck. Darum legen sie oftmals auch wirklich lausige Aufsätze und Bücher vor. Aber das spielt keine Rolle, denn auf die richtige Herkunft kommt es an. Wenn heute ein Professor für moderne deutsche Geschichte an einer amerikanischen Fakultät emeritiert wird, nun, dann wird er eben durch eine junge Professorin mit Schwerpunkt Geschichte der amerikanischen Ureinwohner ersetzt. Und es ist ja nicht so, dass ich mir das irgendwie zusammenreime – ich habe dreissig Jahre lang aus nächster Nähe beobachtet, was geschah. Der Begriff der Diversität hat sich fundamental gewandelt und in sein Gegenteil verkehrt.

Ich hege kein Ressentiment. Was mir Sorgen macht, ist die Verarmung des intellektuellen Diskurses. Nicht mehr die Geschichte der Eliten war seit den 1980er Jahren von Interesse, sondern nur noch die Geschichte der Unterdrückten oder jener, die sich selber dazu stilisierten. Und die neuen Akademiker verfolgten – machtpolitisch klug und sehr erfolgreich – ihren Eigennutz und ihre Karriere konsequent. Wer sich weiterhin für die Geschichte des Kanons interessierte, wurde ausgebootet.

Der Rahmen des Sagbaren im akademischen und öffentlichen Raum hat sich in den letzten Jahren drastisch verengt. Evidenzbasierte Argumente spielen keine Rolle mehr. Es gewinnt, wer die lautesten Unterstützer hat, und es verliert, wer um seine Reputation fürchten muss.

Ein starker Text! Unbedingt lesen: www.nzz.ch.

Kommentare

  1. Helge Beck meint

    Weiße westliche priviligierte Männer, die heulen. Och je. (Darf man sowas hier sagen?)

  2. Alexander Hirsch meint

    Verarmung des Diskurses oder Verschiebung?
    War die Geschichtsschreibung „reicher“, als sie praktisch ausschließlich die Perspektive der Eliten wiedergab?
    Für mich klingt das beschriebene Phänomen eher wie die klassische Pendelbewegung.

  3. Schandor meint

    Wenigstens einmal einer, der sagt, dass es zu spät ist und nicht so tut, als gäbe es noch Hoffnung. Der Artikel ist wirklich lesenswert.

  4. Helge Beck, dein Kommentar beschreibt es sehr gut.

  5. Stephan meint

    Nur wo wären wir ohne die die angeblich priviligierten weißen Männer? Wer hat die Infrastrukturen, die Technik, medizinische Versorgung, Sozialwesen usw. aufgebaut, wer hat die Computertechnik entwickelt und die Grundlagen für die sozialen Medien geschaffen? Wer erwirtschaftet auch heute das Geld?
    Kleiner Tipp: es waren und sind körperlich und geistig arbeitende „priviligierte“ Männer, auf dem Bau, in den Fabriken, in den Ingenieurbüros, aber nicht die „GeisteswissenschaftlerInnen“, die ohne die dauerhaften finanziellen Transferleistungen der angeblich Priviligierten verhungern würden, weil sie nichts können, außer Forderungen zu stellen. Das tröstliche an der Situation ist: wenn der Geldfluss versiegt, und das wird er in absehbarer Zeit aufgrund der Folgen linker Bildungspolitik, dann darf wieder jeder für sich selbst sorgen. Das dürfte einen hohen Unterhaltungswert haben, wenn die Herrn Doktoren der Philosophie zum Spargelstechen ausrücken müssen, um wenigstens etwas für ihren Lebensunterhalt selber zu verdienen.

  6. Schandor meint

    @Stephan

    Prädikat: Gut gebrüllt, Löwe!

  7. @Stephan. Thema verfehlt würde ich zu deinem Kommentar sagen. Ganz abgesehen von dem Rassismus der da durchdringt. In dem Artikel geht es um einen Historiker (als auch ein Geisteswissenschaftler), der jammert (weiß, westlich, privilegiert).
    Zu den ganzen Beispielen, die du nennst, was weiße westliche privilegierte Männer alles aufgebaut haben: das nächste Mal wenn du in einem Krankenhaus bist, oder falls du mal in ein Pflegeheim kommst, kannst du dich ja von den ganzen weißen westlichen privilegierten Männern pflegen lassen, die unser Gesundheitssystem aufgebaut haben.

  8. Stephan meint

    Rassismus? Mit dem hast Du doch angefangen: gegen weiße, westliche, angeblich privilegierte Männer. Aber ich vergaß – es gibt ja guten und bösen Rassismus. Wenn es gegen weiße Männer geht, ist Rassismus ja ok.
    Der Historiker jammert auch nicht (wo tut er das denn?), er zeigt nur auf, wohin die Verblödung der Gesellschaft und der Universitäten führt. Er schreibt also von Leuten wie Dir, deren einzige Lebensleistung es bislang ist, sich benachteiligt zu fühlen und nur zu fordern oder stellvertretend für andere, angeblich benachteiligte Personengruppen faktenfrei einzutreten und sich damit profilieren zu wollen.
    Wenn die heutige Generation über 50 Jahre den Arbeitsmarkt verläßt und Euren Lebensunterhalt nicht mehr mit erwirtschaftet, hört es auf mit Euren Forderungen und Polemik, dann habt Ihr andere Probleme. Mit Eurer Ausbildung schafft Ihr es dann nicht mal ins Pflegeheim, um mir das Bett aufzuschütteln.

  9. Schandor meint

    @Stephan

    Wir haben hier einige, die sind von der linken Ideologie bereits erfolgreich ideologisiert und haben deren Vokabular bereits verinnerlicht. Dadurch ist eine Debatte unmöglich, da die gemeinsame Grundlage bereits semantisch umgedeutet worden ist. Das erkennst Du ganz einfach daran, dass gleich mit folgenden Keulen gearbeitet wird:
    * Antidiskriminierung
    * Nazi (oder „rechtsradikal“)
    * antisemitisch
    * Rassismusvorwurf
    * udgl

    Literaturvorschlag: Hypermoral von Alexander Grau. Da steht das Phänomen ziemlich gut beschrieben.

  10. Stephan meint

    @Schandor
    Ja, ich weiß. Ich halte nur immer gerne diesen Leuten den Spiegel vor in der Hoffnung, dass noch ein Stückchen Restintelligenz vorhanden ist und ein Erkennen der eigenen Doppelmoral ermöglicht.

    Um mal wieder der URL gerecht zu werden (Theoblog): ich sehe hier das Werk Satans und seiner Dämonen, die in einigen Menschen eine Verblendung erzeugen, aus der sie nicht mehr herausfinden.

  11. Clemens Altenberg meint

    Danke für den Artikel, hab Ferguson vorher nicht gekannt. Auch Wikipedia ist aufschlussreich und spannend:

    “He once called himself „a fully paid-up member of the neo-imperialist gang“ following the invasion of Iraq.”

    Ob er das heute auch noch so sagen würde, nachdem die Geschichte mit den Massenvernichtungswaffen sich als Lüge erwiesen hat und die Invasion zur Entstehung des IS geführt hat?

    Auch das Folgende hat er wahrscheinlich eher getan um sich einen Spaß damit zu machen die Linken zu provozieren:

    “Ferguson argued that a quintumvirate of Trump, Putin, Xi, May and Le Pen was the world’s best hope for peace and prosperity.”

    Die rechten Verschwörungstheoretiker stößt er wiederum damit vor den Kopf, dass er mit dem von George Soros mitfinanzierten Institute for New Economic Thinking assoziiert ist 😉

  12. @Stephan: wow, du disqualifizierst dich gerade ziemlich selbst durch deine Beleidigungen. Hochmut dieser Art könnte auch das „Werk Satans und seiner Dämonen“ sein…. 😉 Und das sag ich als jemand, der inhaltlich eher deiner Seite zustimmen würde.

  13. Lieber Stephan. Nach dem Kommentar von Niklas kann ich meine Erwiderung etwas kürzer halten. Nur soviel: ohne mich zu kennen und nur weil ich eine andere Meinung als du einnehme, wirfst du mit ziemlich üblen Beleidigungen um dich. Du hast keine Ahnung von meiner Ausbildung, von meinem Beruf und was ich sonst mache. Und damit das nicht genug ist, darf ich auch noch hören, dass das was ich von mir gebe das Werk vom Teufel und Dämonen ist. Wunderbar, so einfach ist die Welt. Weißt du was, auch wenn ich nicht deiner Meinung bin, ich würde dir niemals dein Christsein absprechen und ich würde niemals behaupten, dass die Sichtweise, die du hast uns mal alle zugrunde richten wird.

    P.S.: Ehrlich gesagt gehöre selber zu den weißen, westlichen, privilegierten Männern. Definitiv ich bin einer von denen.

  14. Helge Beck meint

    Gibt’s den Ausdruck Wutchrist schon ?

  15. Stephan meint

    That escalated quickly …

    @Clemens Altenberg: Spätestens seit dem Thema Wikipedia und „Feliks“ ist offensichtlich, dass die Infos dort nur mit Vorbehalt zu genießen sind und man sich besser noch weitere Quellen dazu nimmt. Einen zum Thema passenden Artikel gab es am 19.9.18 auf Telepolis mit dem Titel „Wikipedia an der Propagandafront gegen Historiker“. (Nein, ich habe jetzt Ferguson nicht nachrecherchiert, es geht ja auch nur um den obigen Artikel und dessen Inhalte und nicht darum, ob er von Soros dafür finanziert wird, dass er vielleicht den Trump lieb hat).
    Was mittlerweile erschreckend ist, ist der Tribalismus in den Köpfen der Menschen: ist jemand auch nur in einer Detailfrage nicht unserer Meinung, dann ist er Gegner (wahlweise tituliert als Nazi, Rassist, Linker, Antifa, …).
    Genauso erschreckend ist das Maß, mit dem Dinge gemessen werden. Schüttelten wir alle noch gemeinsam (!) bis mindestens in die 90er Jahre den Kopf über McCarthy, KPD – Verbote usw. und wie sowas passieren konnte, bis hin zu Gesinnungsprüfungen bei Lehrern , ob sie der DKP nahe stehen (sogenannter Radikalenerlass von 1972), haben diejenigen, die darunter damals gelitten oder das verurteilt haben, keinerlei Skrupel, derartige Methoden selbst anzuwenden und noch darüber hinaus zu gehen. Doppelmoral vom Feinsten, dann wird das Gespenst eines Rechtsruckes an die Wand gemalt, der sich bei näherem Hinsehen als Linksflucht erweist. Übrigens nicht das erste Mal in unserem Land, es gibt da durchaus ein historisches Vorbild. In der Konsequenz bleiben damit auch Anliegen der Linken, die ich als Christ durchaus mittragen könnte (wenngleich auch aus einer anderen Inspiration heraus), auf der Strecke.

    Ich zitiere mal oben aus dem Artikelausschnitt: „Evidenzbasierte Argumente spielen keine Rolle mehr. Es gewinnt, wer die lautesten Unterstützer hat, und es verliert, wer um seine Reputation fürchten muss.“
    Als erste Antwort kommt dann: „Weiße westliche priviligierte Männer, die heulen. Och je.“ Keine Argumente, sondern nur Diffamierung, also lautes Geschrei und Herbeirufen möglicher mitschreiender Unterstützer. Was recht ärmlich ist: ich kann den Historiker nicht wiederlegen (mangels Fakten, Intellekt, Bildung, …, sucht Euch das Zutreffende einfach aus), also schreie ich ihn nieder oder diffamiere ihn (weiß, priviligiert, alt, …, MANN!, vielleicht sogar noch heterosexuell veranlagt). Gleichermaßen blendet man in bester SJW- und Schneeflöckchenmanier damit alles aus, was man nicht hören will, selbst wenn das belegte Fakten sind, sorgt für Schlechtbesetzung in Wissenschaft, Forschung und Lehre, auch noch in der Politik, damit die eigene Echokammer nicht angekratzt, aber um einen kräftigen Resonanzraum erweitert wird.

    Und von Helge Beck kommen dann am Schluß wieder keine Argumente, sondern der Versuch, jemanden in die rechte Ecke als Wutchrist zu diffamieren. Das läßt ihn zwar auch nicht als die hellste Kerze auf der Torte erscheinen, aber es gibt ja immer noch weniger helle Kerzen, die ihm schon lautstark applaudieren werden.

    Als Christ sollte man grundlegend die Gabe haben, die Geister scheiden zu können, und damit auch das aktuelle Geschehen und die hier geschriebenen Beiträge durchschauen zu können, und das offensichtlich unehrliche Vorgehen der lautesten Schreier erkennen zu können. Wenn das nicht gegeben ist, darf man sich nicht wundern, wenn andere Geister am Werk gesehen werden.

  16. Clemens Altenberg meint

    Natürlich kann man auch Wikipedia nicht immer zu 100% trauen, aber bei den guten Artikeln gibt’s ja auch Quellenangaben. Die Zitate von Ferguson sind jedenfalls belegt.

    Ich habe nicht gepostet um Ferguson zu verdammen und ihn als stupid white man hinzustellen. Nur weil er den Irakkrieg gelobt hat und seine Hoffnung auf zweifelhafte politische Führer setzt muss nicht alles ein Blödsinn sein was er von sich gibt. Ich finde es gut wenn jemand pointiert auf die blinden Flecken der leftist liberals hinweist. Bei dem großen amerikanischen Schriftsteller Tom Wolfe und dem slowenischen Philosophen Slavoj Zizek schätze ich das auch sehr. (Kürzlich beschrieb er köstlich, wie er auf einer Theoretiker-Konferenz erlebte, dass politisch allzu korrekte weiße Linke die christlich-jüdische Tradition für all unsere Übel verantwortlich machten, dann aber ziemlich genervt guckten, als ein schwarzer Aktivist aufstand und seinerseits die Black-Muslim-Bewegung kritisierte.)

    Fergusons Kritik der linken Hegemonie an den Universitäten kann ich zum Teil bestätigen. Ich habe u.a. Soziologie studiert, das war tatsächlich ein linker Einheitsbrei. Gott sei Dank habe ich parallel dazu Philosophie studiert, sonst wäre vielleicht noch ein Ideologe aus mir geworden.

    Ich teile deine Besorgnis wegen des Tribalismus. Dagegen hilft nur denken. „Wer viel denkt, eignet sich nicht zum Parteimann: er denkt sich zu bald durch die Partei hindurch.“ (Nietzsche)

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