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Wenn der Glaube stärker ist als die Wahrheit

Pünktlich zur Osterzeit wurden in Deutschland allerlei gönnerhafte Artikel über den Glauben der Christen veröffentlicht. Franz Alt, der 20 Jahre lang das Politmagazin REPORT moderierte, behauptete in der DER WELT, dass wahrscheinlich in keinem Buch der Welt so viele „Fake News“ stehen wie in der Bibel. DER SPIEGEL demonstriert anhand von Berichten, dass sich immer mehr Katholiken und Protestanten mit den überkommenen Glaubensinhalten schwer tun: „Wer glaubt denn sowas?“

Weitaus aufschlussreicher war für mich allerdings ein Gespräch, das mit einer prominenten Vertreterin des liberalen Protestantismus geführt wurde. Nicholas Kristof hat für die NEW YORK TIMES die Theologin Serene Jones vom Union Theological Seminary interviewt. Das UTS ist eine besondere Einrichtung. Im 19. Jahrhundert entwickelte sich das Seminar, das übrigens einen presbyterianischen Ursprung hat und an dem Dietrich Bonhoeffer für ein Jahr Stipendiat war, zu einem führenden Zentrum des liberalen Christentums in den Vereinigten Staaten. So kann es kaum überraschen, dass Pfarrerin Jones dort zur Rektorin berufen wurde, denn sie war Vorsitzende des Universitätsprogramms für Frauen-, Gender- und Sexualitätsstudien an der Yale University und ist eine würdige Vertreterin des liberalen Christentums.

In dem Interview bezieht Prof. Jones zu vielen zentralen Fragen des christlichen Glaubens Stellung. Ich fasse ihre Antworten zu bestimmten Schlagwörtern zusammen:

1. Die Auferstehung: „Diejenigen, die behaupten zu wissen, ob es passiert ist oder nicht, machen sich selbst etwas vor. Aber dieses leere Grab symbolisiert, dass die ultimative Liebe in unserem Leben nicht gekreuzigt und getötet werden kann … Für Christen, für die die physische Auferstehung zu einer Art Obsession wird, scheint mir das ein ziemlich wackeliger Glaube zu sein. Was wäre, wenn morgen jemand die Leiche Jesu noch im Grab gefunden hätte? Würde das dann bedeuten, dass das Christentum eine Lüge war? Nein, der Glaube ist stärker als das.“

2. Sühne: „Kreuzigung ist nichts, was Gott von oben inszeniert. Die allgegenwärtige Idee eines missbrauchenden Gottvaters, der sein eigenes Kind ans Kreuz schickt, damit Gott den Menschen vergeben kann, ist verrückt. Für mich ist das Kreuz eine Verkörperung unseres menschlichen Hasses. Aber was an Ostern passiert, ist der Triumph der Liebe inmitten des Leidens. Ist das nicht Grund zur Hoffnung?“

3. Gottes Allmacht: „Ich bete nicht ein allmächtiges, allkontrollierendes, allmächtiges, allwissendes Wesen an. Das ist eine Erfindung der römischen Rechtstheorie und der griechischen Mythologie. Das ist nicht der Gott des Osterfestes. Der Ostergott ist verwundbar und mit der Welt auf tiefe Weise verbunden, die nicht darin besteht, die Welt zu manipulieren, sondern uns ständig zu Liebe, Gerechtigkeit und Barmherzigkeit einzuladen.“

4. Wunder (Jungfrauengeburt): „Ich finde die jungfräuliche Geburt eine bizarre Behauptung. Es hat nichts mit der Botschaft Jesu zu tun. Die jungfräuliche Geburt wird nur dann wichtig, wenn man eine Theologie hat, in der Sexualität als sündhaft angesehen wird. Es fördert auch diese Vorstellung, dass der reine, unberührte weibliche Körper der beste Körper ist, und diese Idee hat zu Jahrhunderten der Unterdrückung von Frauen geführt.“

5. Gebet: „Ich glaube nicht an einen Gott, der sich wegen des Gebets entscheiden würde, den Krebs deiner Mutter zu heilen, aber nicht die Mutter deines nicht betenden Nachbarn. Wir können Gott nicht so beeinflussen.“

6. Tod: „Ich weiß es nicht! Es könnte etwas sein, es könnte nichts sein. Mein Glaube ist nicht an eine göttliche Verheißung über das Leben nach dem Tod gebunden. Menschen, die sich in diesem Leben gut benehmen, nur um ein Jenseits zu erreichen, das ist ein Glaube, der von einem egoistischen Motiv getrieben wird: „Ich werde gut sein, damit Gott mich mit einem Bonbonstab namens Himmel belohnen würde?“ Für mich wird das Leben in der Liebe von der einfachen Tatsache bestimmt, dass die Liebe wahr ist. Und ich bin mir absolut sicher, dass es nach unserem Tod keine Gruppe von designierten schlechten Menschen gibt, die in der Hölle verbrannt werden sollen. Das gibt es nicht.“

7. Emergentes Christentum: „Das Christentum befindet sich an einem gewissen Wendepunkt, … Dieses Ringen mit dem Klimawandel und das Ringen mit dem Ausmaß der Gewalt in unserer Welt, das Ringen mit dem Autoritarismus und dem hartnäckigen Charakter der Geschlechterunterdrückung – es zwingt Gemeinschaften in allen Religionen zu sagen: „Etwas stimmt hier nicht“. Es ist eine spirituelle Krise. Viele nicht-religiöse Menschen spüren das auch. Wir brauchen einen neuen Weg, um darüber nachzudenken, was es bedeutet, ein Mensch zu sein und was der Sinn unseres Lebens ist. Für mich fühlt sich dieser Moment apokalyptisch an, als ob etwas Neues darum kämpft, geboren zu werden … Heute fühle ich diesen spirituellen Boden um uns herum, der wieder zittert. Die Strukturen der Religion, wie wir sie kennen, sind bankrott gegangen und brechen zusammen. Was wird dabei herauskommen? Das ist es, was unsere Kinder und die Kinder unserer Kinder sich vorstellen und bauen müssen.

Eigentlich ist nichts neu an diesen Ideen. Etliche sind uralt und längst im breiten Spektrum derjenigen angekommen, die sich zum lebendigen Kern des Christentums zählen (denken wir nur an Brian McLaren, Rob Bell oder Tony Jones). Bemerkenswert ist für mich, dass die Überzeugungen von Serene Jones an keinem der genannten Punkte mehr originär christlich sind. All das, was sie sagt, kann man als Nichtchrist auch sagen. Wahrscheinlich kann man es besser sagen. Diese Religion der Mitmenschlichkeit mag für manche attraktiv erscheinen. Ich finde sie bedauernswert. Hier ist nichts, worauf ich hoffen könnte.

Noch etwas fällt mir auf: Bei bestimmten Themen ist von Dekonstruktion und Skepsis nichts mehr zu spüren. Fest steht etwa: Gott hat mit der Kreuzigung nichts zu tun; der allmächtige Gott ist eine Erfindung der griechischen Mythologie und des römischen Rechtssystems; die Hölle gibt es nicht.

Eine letzte Beobachtung sei erwähnt: Für die Pfarrerin Jones lautet das Evangelium: Menschen benehmen sich in diesem Leben gut, um ein Jenseits zu erreichen. Irgendwie muss es ja so sein, denn Jesus kann für sie nicht Gottes Sohn sein, der mit seinem Sühneopfer die Rechtfertigung aus Glauben ermöglicht. Aber ist es nicht traurig, wenn eine Botschafterin der Kirche selbst keine Ahnung davon hat, was das Evangelium ist? Ein Glaube, der den Menschen sich selbst überlässt, wird keine Berge versetzen, sondern Menschen ins Unglück zerren.

Hier das vollständige Interview: www.nytimes.com.

Groteske Attacken

Wenn ein Intellektueller mal etwas sagt, was nicht in den Mainstream passt, muss er sich auf einiges gefasst an:

Wenn etwa Rüdiger Safranski, der am heutigen Dienstag den noch von Helmut Schmidtinitiierten Deutschen Nationalpreis erhält, schon vor Monaten im „Spiegel“ zu einem Stichwortgeber der Neuen Rechten stilisiert wurde, zu einem geistigen Brandstifter, der philosophisch die Dekonstruktion nicht kapiert habe und nun „fast verzweifelt“ versuche, „in der Welt außerhalb seines Wohnortes Badenweiler eine feste Struktur zu entdecken, mit der man sich gegen den Zustrom und gegen die Integrationsprobleme stemmen kann“ – dann ist das in seinem argumentativen Gehalt so billig, dürftig und drollig, so kahl und, ja, in der Herablassung auch brutal, dass die Projektion mit Händen zu greifen ist. Safranski ist ein überbordendes Erzähltalent, das mit Biographien über Schopenhauer, Heidegger oder Nietzsche ein Massenpublikum für die Philosophie gewann, ein Goethebuch als Bestseller verfasste und aus seinem idealistischem Vernunftbegriff keinen Hehl macht. Ihm völkische Badenweiler Weltfremdheit zu unterstellen, die sich an einem Substanzdenken ergötzte, ist, gelinde gesagt, Unfug.

Mehr: www.faz.net.

Die Geschlechterillusion

Gender-Studies haben Sukkurs an den Universitäten in Deutschland und der Schweiz. Sie vertreten die These, dass Menschen ihr Geschlecht frei wählen können. Stimmt das? Lange durften die Gender-Theoretiker ihre Behauptungen verbreiten, ohne auf Widerstand zu stoßen. Immer mehr Leute erkennen inzwischen jedoch, dass der Kaiser keine Kleider anhat.

Hier ein bissiger Kommentar von Axel Meyer, erschienen bei der NZZ:

Die Naturwissenschaften haben den Genderismus lange Zeit als evidenzfreies Gerede belächelt, doch langsam regt sich Widerstand. Dabei ist die Kritik nicht durch Phobien oder Intoleranz motiviert, wie von den Kritisierten gerne unterstellt wird. Vielmehr speist sie sich aus einer erkenntnistheoretischen Sicht, die sich mit dem konstruktivistischen Zugang der Gender-Forscherinnen und ihrer politischen Unterstützerinnen nicht deckt. Naturwissenschafter wollen die Welt primär nicht bekehren, sondern verstehen. Sie suchen nach Antworten, die sich an einer objektiven Wahrheit orientieren, nicht an subjektiven Selbstbeschreibungen oder Dekonstruktionen von diesem oder jenem.

Ein Begriff wie Wahrheit wird in jener Gedankenwelt, in der sich die Gender-Wissenschafterinnen bewegen (rund 90 Prozent aller mehr als 200 Professoren Deutschlands, die das Wort Gender im Titel haben, sind weiblichen Geschlechts), nicht akzeptiert, nicht einmal im Sinne einer regulativen Idee. Alles wird durch eine kulturelle Post-dies-, Modern-das-Brille gesehen. Evolutionsbiologische Erklärungen, abgestützt durch zahlreiche Befunde, Experimente, Studien und Erkenntnisse, werden von Gender-Forscherinnen als «Biologismus» abgetan.

Doch nein, mit Verlaub, so gut die Absicht der Leugnung auch sein mag: Biologie ist kein«-ismus». Sie ist eine objektive experimentelle Wissenschaft wie die Physik. Ihre Erkenntnisse haben auch für die kulturellste aller Arten, den Homo sapiens, Gültigkeit.

Mehr: www.nzz.ch.

Versöhnte Widersprüche bei Brian McLaren

Paul Feyerabend hat mit seinem „alles ist möglich“ den Einbruch des postmodernen Denkstils vorangetrieben. Der österreichische Philosoph orientierte sich nicht mehr an Idealen wie Objektivität, Verständlichkeit oder Begründbarkeit, sondern an der Bewegung des Dadaismus. Die Kunstrichtung des Dadaismus steht für den radikalen Zweifel und die konsequente Dekonstruktion realer Ordnungen des Denkens und der Ästhetik. Der Satz vom ausgeschlossenen Widerspruch wurde mit dem Verweis auf eine fundamentalistische Erkenntnistheorie beiseitegeschoben und durch chaotische oder versöhnte Denkstile ausgetauscht.

Mit der Emergenten Bewegung (sowie deren Vor- und Nachläufern) besetzte das Ideal eines „alles ist möglich“ auch Räume der Evangelikalen Bewegung. So vertritt beispielsweise Brian McLaren ein Wahrheitsverständnis, das davon ausgeht, dass zwei Aussagen, die sich hinsichtlich des gleichen Aspektes widersprechen, gleichzeitig wahr sein können. Ein Aussage A und ihre Verneinung nicht-A können zugleich und in gleicher Weise wahr sein. Vereinfacht bedeutet das z. B.: Die Aussagen „Gott lügt nicht“ und „Gott ist ein Lügner“ können beide wahr sein (vgl. Hebr 6,18).

McLarens’ bisher bedeutsamstes Buch trägt denn auch den Untertitel: „Warum ich ein missionaler, evangelikaler, post-protestantischer, liberal/konservativer, mystisch/poetischer, biblischer, charismatisch/kontemplativer, fundamentalistisch/calvinistischer, wiedertäuferisch/anglikanischer, methodistischer, katholischer, grüner, inkarnatorischer, depressiver aber hoffnungsvoller, neu entstehender, unfertiger Christ bin.“ McLaren sieht sich nicht mehr in der Pflicht eines vernünftigen Glaubens. Er bekennt sich dazu, ein „absurdes“ Buch geschrieben zu haben und meint dies durch und durch anerkennend (McLaren, 2006: 31).

Hier mehr zu dem Buch von McLaren: mbstexte126_a.pdf.

Öffnung der Ehe nur Zwischenschritt

DIE FREIE WELT hat ein hilfreiches Interview mit dem Sexualpädagogen Nikolaus Franke publiziert. Einige Auszüge:

Im momentanen sexualpädagogischen Establishment herrscht eine Kultur der Pluralisierungsethik: Wir nennen alles, was es sonst noch so gibt, hierarchie- und wertungsfrei, halten es Kindern als optionale Modelle vor und erklären Pluralität zum Wert an sich. Alles, was diesem emanzipatorischem Befreiungsgestus der Pluralisierung im Weg steht – und das sind Sexualmoral, Normen, Leitbilder, Naturbegründungen, Normalitätsansprüche, Pathologisierungen –, werden auf diese Weise zu diskursiven Festungen, die es zu schleifen gilt. So kommt es denn auch, dass sich beispielsweise Uwe Sielert berufen fühlt, neben vielem anderen das romantische Liebesideal zu dekonstruieren.

Wer annimmt, dass die deutsche Sexualpädagogik besonders von Medizin oder Biologie inspiriert sei, irrt. Seit Jahren gibt es eine Schieflage innerhalb der Sexualpädagogik. Nur so ist zu erklären, dass in den zentralen Thesen der emanzipatorischen Sexualpädagogik proklamiert wird, dass Sexualpädagogik »politisch« zu sein habe – ein unpädagogischer, unwissenschaftlicher Habitus! Es muss uns nicht überraschen, dass Uwe Sielert und seine Spannemänner seit bereits zehn Jahren von einem strategischen Konzept ausgehen, wonach die Schaffung von Gleichberechtigung unter den Geschlechtern langfristig zu einer Pluralisierung der Liebes- und Sexualformen kommen wird.

Die Gendertheorien haben die deutsche Sexualpädagogik zu einer Gesinnungspädagogik verkommen lassen, mittels der die Propheten der Geschlechtsdekonstruktion ihre Fragen in die Sozialisation von Kindern tragen. Hier werden zentrale pädagogische Konzepte verletzt, beispielsweise der Beutelsbacher Konsens, wonach die Welt des Kindes angesprochen werden sollte, nicht die Moral und Weltdeutungen des Pädagogen. Es wäre etwas anderes, wenn diese Maßnahmen im außerschulischen Bereich angeboten werden. In der Schule herrscht ein Indokrinationsverbot. Es ist mir unbegreiflich, weswegen das bisher so ungehindert ablaufen kann.

Mehr: www.freiewelt.net.

VD: AS

Die Rückkehr des Absoluten

Im 20. Jahrhundert ist das moderne Weltbild, das stark von den Naturwissenschaften und der Suche nach  Einheit geprägt war, zunehmend unter Druck geraten. Nicht mehr die Wirklichkeit, an der sich verschiedenste Deutungen abarbeiten und bewähren müssen, stand im Zentrum menschlicher Erkenntnisbemühungen, sondern ihre ausschließlich in Sprache entworfenen Interpretationen. Anstelle der Annahme, Sprache sei ein geeignetes Mittel, um Wirklichkeit abzubilden, zu verstehen und zu vermitteln, trat die Überzeugung, Sprache sei eine unhintergehbare Bedingung menschlichen Denkens. Jede menschliche Erkenntnis sei durch Sprache strukturiert. Alle Realität jenseits von Sprache bleibe für immer unerreichbar. Der Mensch sei wie in einem Gefängnis eingeschlossen in der Welt seiner Sprache.

So wurden Dekonstruktivismus, Konstruktivismus und Relativismus populär: Da die Bedeutung unserer Begriffe durch ihren Gebrauch innerhalb von sozialen Gemeinschaften (oder Kulturen) bestimmt wird, stellen wir Wirklichkeit in einem andauernden Vollzug des miteinander Redens und Handelns her. Jede Gemeinschaft spricht dabei ihre eigene Sprache, schafft sich je eigene Welten (oder Sprachspiele). So gibt es so viele Welten, wie es soziale Gemeinschaften gibt und so viele Wahrheiten wie Gemeinschaften. Philosophie beschreibt folglich nicht die Welt, wie sie ist, sondern ist Vorstellung, die in verschiedenen Gruppenkulturen und Kontexten entworfen wird. Die Suche nach Einheit kann unter diesen Voraussetzungen nur in den Terror führen. Einer der achtenswertesten Denker der Postmoderne forderte entsprechend: „Krieg dem Ganzen, …, aktivieren wir die Widerstreite“ „Jean-François Lyotard, „Beantwortung der Frage: Was ist postmodern?“, in: Peter Engelmann (Hg.), Postmoderne und Dekonstruktion, 1990, S. 33–48, hier S. 48).

Unknown 1Mit zwei neuen geisteswissenschaftlichen Strömungen, dem „Neue Realismus“ und dem „Spekulative Realismus“, kehrt das Absolute nun allmählich zurück. Unter dem Dekonstruktionsdrang der postmodernen Denkkultur ist ihrer Meinung nach die wirkliche Welt zu einer Fabel geworden (M. Ferraris, Manifest des neuen Realismus  2014, S. 15–17). Die Kinder und Enkelkinder der postmodernen Geisteswissenschaften bereiten einen „Paradigmenwechsel“ vor. Ihr gemeinsamer Absetzungspunkt ist eine „spätestens seit Ende des 20. Jahrhunderts erschöpfte (post)moderne Kondition“. Charakteristisch für die Denkansätze ist „ihr positives Verhältnis zur Ontologie und ihr entspannter Umgang mit der Metaphysik“ (A. Avanessian (Hg.), Realismus jetzt, 2013, S. 6.). „Im Zentrum des Interesses steht eine Realität“, schreibt Avenessian, „die sich indifferent zur subjektiv-humanen Erkenntnis verhält und sich nicht über ein subjektivistisch oder anthropozentrisch bedingtes Wissen vermitteln lässt, also nicht primär kulturell, linguistisch, politisch oder historisch kodifiziert ist“ (A. Avanessian (Hg.), Realismus jetzt, 2013, S. 8).

Wolfgang Welsch trauert dem alten Denken mit keiner Silbe nach. Er schreibt (Wolfgang Welsch, Mensch und Welt, 2012, S. 23–24):

„Denn das Befangensein in dieser [postmodernen, R.K.] Denkform lähmt unser Denken. Man weiß immer schon die Antwort auf alle Fragen. Sie lautet: ‚Es ist der Mensch.‘ Diese Trivialität aber erstickt unser Denken, statt ihm Atem zu verleihen. In der Tat scheint die zeitgenössische philosophische und intellektuelle Szenerie eigentümlich gelähmt. Gewiss ist die Betriebsamkeit immens und die Differenziertheit im Detail beeindruckend. Aber alles dreht sich in einem zum Überdruss bekannten Kreis. Bei allem, was wir im Einzelnen noch nicht wissen mögen und uns zu erforschen vornehmen, halten wir doch eines stets vorweg schon für sicher: dass all unser Erkennen, das gegenwärtige wie das zukünftige, menschlich gebunden ist und nichts anderes als menschlich bedingte und bloß menschlich gültige Einsichten hervorbringen wird. Noch das heutige Alltagsbewusstsein ist davon bis zur Bewusstlosigkeit durchdrungen. Wenn wir in der Moderne noch eine Gemeinsamkeit haben, dann den Glauben, dass unser Weltzugang in allem menschgebunden (kontext-, sozial-, kulturgebunden) ist. Das ist die tiefste communis opinio des modernen Menschen. Wenn jemand diese Auffassung hingegen nicht teilt und kritische Fragen zu stellen beginnt, dann reibt man sich verwundert die Augen: Dieser Kerl scheint nicht von dieser Welt zu sein – anscheinend ist er verrückt.“

UnknownDer Postmodernismus ist aus der Überzeugung erwachsen, „dass alles Wesentliche oder überhaupt alles konstruiert sei – von der Sprache, von den Begriffsschemata, von den Medien“ (M. Ferraris, „Was ist der neue Realismus?“, in: M., Der Neue Realismus  2014, S. 52–75, hier S. 52). Viele zeitgenössischen Philosophen sagen dagegen: „Nein, irgendetwas, sogar deutlich mehr, als wir üblicherweise bereit sind zuzugeben, ist nicht konstruiert, und das ist ein Glück, andernfalls könnten wir zwischen Traum und Wirklichkeit nicht unterscheiden“ (M. Ferraris, „Was ist der neue Realismus?“, 2014, S. 52). „Es gibt ein Absolutes, das nicht auf das Denken angewiesen ist, sondern unabhängig von jeder kognitiven Bezugnahme existiert“ (A. Avanessian, „Editorial“, in: Armen Avanessian (Hg.), Realismus jetzt, 2013, S. 7).

31XCHlQGryL AA160Die Kultur des „anything goes“, die sowieso nur in einigen elitären Zirkeln und im Medienpopulismus zelebriert wird, erfährt also eine Umwandlung. Das neue Denken richtet sich wieder stärker an einer vorgegebenen Wirklichkeit aus. Die realistischen Strömungen rehabilitieren die durch den Postmodernismus verwischte Unterscheidung zwischen dem, was es gibt (Ontologie) und jenem, was wir erkennen (Epistemologie).

Christen, die im Blick auf die Kultur des Unglaubens sprachfähig bleiben möchten, sind gut beraten, wenn sie sich auf das neue Klima einstellen. Das Reale, die Metaphysik, das Vernünftige, das Klare, werden zurückkehren.

Gefährlicher Familienfundamentalismus

Einige Leute hoffen darauf, dass Vertreter einer christlichen Ethik dann in Ruhe gelassen werden, wenn sie gegenüber der „LSBTTIQ-Community“ gewisse Zugeständnisse machen. Der Vorwurf des „Fundamentalismus“ greife dann endlich ins Leere. Der Friede könne wieder einziehen.

Diese Erwartungshaltung erscheint mir zu optimistisch. Längst ist bloße das Festhalten an der  Familie ein Streitfall.

Thomas Gesterkamp warnte schon vor vier Jahren in einer von der SPD nahestehende Friedrich-Ebert-Stiftung in Auftrag gegebenen Expertise „Geschlechterkampf von rechts“ explizit vor sogenannten familienfundamentalistischen Strömungen. Wer rückwärtsgewandt in der Familie eine natürliche und ideale Einheit für die Gesellschaft sieht, soll durch die Wortschöpfung offensichtlich in die Nähe des Fundamentalismus gerückt werden. Besonders bedrohlich sind selbstverständlich die Kritiker des Feminismus. So lesen wir (Thomas Gesterkamp, Geschlechterkampf von rechts, Expertise der Friedrich-Ebert-Stiftung, 2010 S. 4):

Konservative Publizisten, Männerrechtler, Familienfundamentalisten, militante Abtreibungsgegner, evangelikale Christen und rückwärts gewandte katholische Kirchenobere wenden sich gegen ein gemeinsames Feindbild: den Feminismus. Sie prangern eine angebliche Bevormundung in geschlechterpolitischen Fragen an: Der „ausufernde Gouvernanten- und Umerziehungsstaat“ fördere einseitig die Frauen und benachteilige die Männer.

Robert Claus, Experte für Gender Studies an der Humboldt-Universität zu Berlin, hat nun – ebenfalls im Auftrag der Friedrich-Ebert-Stiftung – der Bekämpfung des Familienfundamentalismus weitere Schubkraft verliehen. Alarmiert von einem erstarkenden Interesse an dem Thema Männlichkeit verweist er auf die Gefahren der Dekonstruktionskritik und des Maskulismus (Robert Claus, Maskulinums: Antifeminismus zwischen vermeintlicher Salonfähigkeit und unverhohlenem Frauenhass, Friedrich-Ebert-Stiftung, 2014 S. 84):

Die gesellschaftlichen Anknüpfungspunkte des Maskulismus sind reichhaltig vorhanden und das feministische Geschlechterwissen keineswegs so hegemonial, wie behauptet wird. Zwar konnten in einigen gesellschaftlichen Teilbereichen feministische Erfolge erzielt werden, doch sind sexualisierte Gewalt und ökonomische Macht von Männern sowie der Ausschluss von Frauen aus vielen Bereichen des öffentlichen Lebens immer noch Realität. Darüber hinaus könnte der Maskulismus perspektivisch den Druck auf (pro-)feministische, gleichstellungspolitische sowie dekonstruktivistische Projekte erhöhen und sie verstärkt in defensive Auseinandersetzungen zwängen. Die Kritiken an Frauenförderungsmaßnahmen wurden in dieser Arbeit analysiert. Zugleich betrifft dies emanzipatorische Männlichkeitspolitiken. Als Beispiel für diese Entwicklung kann die Stellungnahme Amendts zum Berliner Verein Dissens angeführt werden, in der er dessen dekonstruktivistische Ansätze in der Jungenarbeit scharf angreift. Amendt warf ihm „Identitätszerstörung“ vor und forderte finanzielle Förderer wie das Bundesfamilienministerium zum Handeln auf. Darüber hinaus gelang es der maskulistischen ‚Bewegung’, vor allem Agens, in den letzten Jahren vermehrt, gesellschaftlich renommierte Partner/-innen in Wissenschaft und Politik zu finden und ihre geschlechter- politischen Thesen somit einem größeren Publikum zu eröffnen. So veranstaltete z. B. die Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf vom 21.–22. September 2012 den „zweiten Männerkongress“ unter dem Titel „Scheiden tut weh. Elterliche Trennung aus Sicht der Väter und Kinder“. Zu diesem Kongress wurde in der maskulistischen ‚Bewegung‘ stark mobilisiert, denn Agens trat als gleichberechtigter Veranstalter in Erscheinung.

„Die Familie ist die natürliche Grundeinheit der Gesellschaft und hat Anspruch auf Schutz durch Gesellschaft und Staat“, heißt es im Artikel 16 der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte. Im Artikel 6 des Grundgesetzes der Bundesrepublik wird die Ehe und Familie unter den besonderen Schutz der staatlichen Ordnung gestellt. Damit niemand, der sich auf diese Grundrechte beruft, unter den „Fundamenalismusverdacht“ gestellt werden kann, wird in den nächsten Jahren vermutlich eifrig an der semantischen Neubesetzung des Familienbegriffs gearbeitet. Möge es nicht gelingen.

„Gender- und Queer-Perspektive“ als Befreiung?

Im Materialdienst des Konfessionskundlichen Instituts (KI)  wurde kürzlich ein Aufsatz über die „Gender-und Queer-Perspektive“ publiziert. Freundlicherweise darf ich hier einen beachtenswerten Leserbrief wiedergeben, der von Pfr. i. R. Burkard Hotz dazu verfasst wurde.

„Gender- und Queer-Perspektive“ als befreiende Kraft?

Sehr geehrte Damen und Herren,

ich will mit dem Positiven beginnen: Bei der Lektüre der Ausgabe 2 /2014 des Materialdienstes habe ich mit großem Interesse den Aufsatz von Markus Iff, Seite 23 ff über das Taufverständnis innerhalb der FeG studiert. Gerade weil die FeG hier einen eigenständigen und toleranten Weg zwischen dem „harten Baptismus“ und dem Taufverständnis der Großkirchen geht, ohne einerseits die Taufe theologisch zu entkernen oder andererseits sie theologisch so hoch zu hängen, dass der Glaube fast schon schädlich scheint, weil er das bedingungslose Heilshandeln Gottes einschränken könnte. Hier geht die FeG in der Tat einen originellen Weg, der für Gemeindeleitungen seelsorgerlich einen echten Handlungsraum nach innen ermöglicht und der nach außen eine erfreuliche ökumenische Weite erschließt. Also dieser Aufsatz hat mich sehr gefreut, nicht zuletzt deshalb, weil ich seit meinem Ruhestand, ich war bis 2012 Pfarrer in der EKHN, gerne auch die Gottesdienste in der FeG hier in Wiesloch besuche und mit Freude diese lebendige Gemeinde wahrnehme.

Nun möchte ich zu dem Beitrag von Katharina Röllmann, Seite 32 ff einige kritische Gedanken und Fragestellungen mitteilen, weil ich diesen Beitrag für gut geeignet halte, anschaulich zu zeigen, wie GendertheoretikerInnen es lieben, mit ihrem Thema umgehen. Sie entfalten ihr Thema üblicher Weise in drei Schritten.

In einem 1. Schritt wird eine wissenschaftlich beeindruckende empirische Feld-Analyse zum Verhältnis Frauen – Männer vorgelegt, in unserem Fall sogar aus unterschiedlichen Kulturräumen. Mit großem methodischen Aufwand wird der Frage nachgegangen, sind Predigten geschlechtsspezifisch, also predigen Frauen und Männern unterschiedlich? Nun wird die beeindruckende Analyse durch die verschiedensten Raster und kategorialen Muster geschüttelt und nach dieser komplexer Analyse kommt man zu dem 2. Schritt: Ja, Gender hat Recht, die Predigten sind unterscheidbar, Frauen predigen tendenziell anders als Männer. Ja, es gibt so etwas wie ein geschlechtsspezifisches Predigen. Allerdings sind die mit großem analytischem Forschungsaufwand und einer sehr anspruchsvollen Terminologie gewonnen Ergebnisse nicht sehr überraschend: also Frauen predigen „generell lebensnäher, spezifischer und emotionaler“. Eine Beobachtung, die ich als langjähriger Gemeindepfarrer auch ohne beeindruckenden wissenschaftlichen Aufwand im Prinzip eins zu eins bestätigen kann. Das ist also der 2. Schritt der Genderanalyse. Männer und Frauen gehen das Predigen anders an, bringen andere Prägungen, Erfahrungen und Aspekte ein. Das ist doch ein erfreuliches Ergebnis, so könnte man denken, und eine schöne und zukunftsweisende Erkenntnis für das Reich Gottes. Wir können mit Freude die Unterschiede zwischen Frauen und Männern als Begabungen und Reichtum entdecken und fördern, und gerade diese Unterschiedlichkeit als von Gott geschenkte gleichwertige Gaben für Frauen und Männer bejahen. Und eben diese geschlechtsspezifischen Unterschiedlichkeiten dürfen in der Gemeinde als gemeinsames Lernfeld der gegenseitigen Bereicherung und in lebendiger komplementärer Ergänzung der Verkündigung des Wortes Gottes und dem Aufbau der Gemeinde dienen.

So könnte man dankbar denken und es engagiert leben, doch weit gefehlt, wer so denkt, so klärt uns die Autorin auf, ist noch gänzlich unaufgeklärt und verharrt in „starren Geschlechterkategorien“. Wer so denkt, macht unerlaubter Weise einen Punkt, wo um Gottes Willen ein Komma hingehört, wird uns gesagt. Wer so denkt, hat weder die Genderwahrheit – und bei Frau Röllmann maximal theologisch getoppt – noch „die befreiende Kraft des Evangeliums und das Wirken Gottes!“ – überhaupt verstanden. Denn jetzt kommt der entscheidende 3. Schritt, der wahre Gender-Schritt. Jetzt kommt der Akt der Befreiung. Schritt 1 und 2 waren nur das Vorspiel, das Glockengeläut und das Präludium, jetzt aber kommt die wahre Liturgie, der wirklich Gender-Gottesdienst! Das mit großem und beeindruckendem wissenschaftlichem Aufwand ermittelte Ergebnis der Unterschiedlichkeit von Männern und Frauen ist im Grunde nur dazu da, – man kann es kaum fassen! – um beseitigt zu werden. : „Die Blickwinkel von Frauen und Männern auf die Welt scheinen noch Unterschiede aufzuweisen. Dies muss aber nicht so bleiben. Es ist eine wesentliche Funktion der Kirche nicht nur mit Wirklichkeitsperspektiven umzugehen, sondern sie auch zu verändern und zu erweitern. Damit kann sie einen Raum eröffnen, in dem die befreiende Kraft des Evangeliums wirken kann. Dies ist eine Befreiung aus einengenden Wirklichkeitsverständnissen hin zu Perspektiven, die menschliche Kategorien übersteigen. Die Dekonstruktion von Geschlechterkategorien kann dabei symbolisch wirken“.

Jetzt ist die Katze aus dem Sack und Gender wird geradezu orthodox-evangelisch als befreiende Kraft des Evangeliums präsentiert. Die vorher mit einem Riesenaufwand herausgestellten und präzisierten Geschlechter von Frau und Mann sollen gerade überwunden, im Genderslang „dekonstruiert werden“ , weil sie ja selber nur soziale Konstruktionen seien, die ein „einengendes Wirklichkeitsverständnis“ transportieren. Bei Frau Röllmann wird dabei diese dekonstruktivistische Gender-und Queer-Perspektive nahtlos mit der „befreienden Kraft des Evangeliums“ und der „christlichen Identitätsfindung“ in eins gesetzt. Ich reibe mir erstaunt die Augen und frage mich, ist das nicht eine hochgradige ideologische Instrumentalisierung des Evangeliums von Jesus Christus? Ist es nicht ein wahnhaftes pseudotheologisches Konstrukt, das wirklich der Dekonstruktion bedarf, dass die Identität in Jesus Christus (z. B. nach 2. Kor. 5, 17) und die Qeertheorie, die sich energisch der Zerstörung von Frausein und Mannsein widmet, sich dem „gleichen Paradox“ verdankten?

Natürlich bekommen bei Frau Röllmann auch die bösen konservativen Freiheitsverhinderer ihr Fett ab: „Gerade in den wachsenden christlich-konservativen Kreisen der USA gibt es klare Modelle von zwei Gruppen, die Männer und Frauen genannt werden“. Das ist wirklich erstaunlich, dass dies schlimmer Weise nicht nur in den USA sondern auch unter uns in Europa seit vielen Jahrhunderten geschieht, auch bei uns gibt es, man glaubt es kaum, zwei Gruppen, die Männer und Frauen genannt werden!! Und ich oute mich als Mann, der dies bewusst unterstützt und der keinerlei gegenderte Dekonstruktion begehrt, im Gegenteil, der sogar in der Pflege der komplementären Geschlechterbeziehung von Mann und Frau – wesentlich in der Ehe – eine entscheidende Aufgabe in Kirche und Gesellschaft sieht und sich für sie einsetzt. So rufe ich Frau Röllmann zu: ‚Setze kein Komma, wo Gott einen Punkt, ja sogar ein Ausrufungszeichen gesetzt hat!‘

Ja, ich bin gegen Frau Röllmann und der Vielzahl ihrer wissenschaftsgewaltigen Gesinnungsgenossinnen der Überzeugung, dass in der Geschlechterkomplementarität von Mann und Frau, mit ihrem exklusiven ehelichen Segen der Fruchtbarkeit, die conditio humana im jüdisch-christlichen Kulturstrom eine grundlegende und bewährte Ausprägung gefunden hat. Ihre im Namen einer vermeintlichen Freiheit propagierte und praktizierte „Dekonstruktion“, d.h. ihre Zerstörung trägt für mich die Züge selbstzerstörerischer Besessenheit.

Nein für mich ist dieser Weg, den Frau Röllmann propagiert ein falscher und gefährlicher, eben ein massiv kontaminierter Weg. Die Abschaffung der Geschlechter von Mann und Frau und damit die Zerstörung der Familie mit Vater und Mutter und des generationalen Zusammenhangs der Familien, werden weder der Kirche noch der Gesellschaft einen lebensdienlichen Zuwachs an Freiheit und Gerechtigkeit bringen. Im Gegenteil, wir werden durch diese wahnhafte Entgrenzung von Identität und die bewusste Abschaffung von Vater und Mutter und die Auflösung des generationalen Zusammenhangs immer verwirrter und unfruchtbarer, immer desorientierter und haltloser werden. Genau dies ist ja eine erklärte Absicht der Gender-Ideologie, nämlich Verwirrung zu stiften. Darin scheint sie sehr erfolgreich zu sein!

Frau stud. theol. Anna Katharina Röllmann, schon in jungen Jahren preisgekrönt, hat sicher im ideologischen Klima des derzeitigen landeskirchlichen Protestantismus eine große Zukunft vor sich. Sie wird dringend gebraucht, und viele Stellen und Tätigkeitsbereiche stehen ihr offen, denn der dekonstruktivistische Genderbedarf in Kirche und Gesellschaft ist riesig, und es gibt sehr, sehr viel zu tun für die schöne neue Genderwelt. Außerdem muss den konservativen Feinden dieser kulturrevolutionären Befreiung zum wahren Menschensein auf allen Ebenen das Handwerk gelegt werden. Auch dies wird sehr viel Arbeit sein.

Ich allerdings bin davon überzeugt, dass eine Kirche und die mit ihr verbundene Theologie, die die Gender- und Queertheorie und – praxis mit dem befreienden Evangelium von Jesus Christus ideologisch parallelisiert, keine Zukunft hat. Denn es ist der konsequente Weg in ein neues Heidentum.

Das waren Gedanken, die mich bei Lektüre des sehr erhellenden Beitrags von Frau Röllmann beschäftigten.

Ich grüße Sie herzlich und wünsche Ihnen Gottes Segen

Heideggers finsteres Vermächtnis

41JCuufyXGL._Derzeit ist in den Feuilletons ein Satz häufig zu hören oder zu lesen: „Die Katze ist aus dem Sack!“ Worum geht es? Der deutsche Philosoph Martin Heidegger führte in der Zeit von 1931 bis zum Anfang der siebziger Jahre mit Unterbrechungen geheime Denktagebücher, die sogenannten Schwarzen Hefte. Nur wenige Familienangehörige und Geliebte bekamen Auszüge aus den vierunddreißig Wachstuchheften zu sehen (einige Zitate waren allerdings in Frankreich bekanntgeworden). Sonst konnte nur vermutet werden, dass da noch etwas passiert. Gegenüber Vertrauten hatte Heidegger gelegentlich bemerkt, er habe die Katze noch gar nicht aus dem Sack gelassen. Er verfügte testamentarisch, dass die Hefte erst am Schluss der Werkausgabe publiziert werden. Nun sind die ersten drei Bände der Manuskripte beim Verlag Vittorio Klostermann erschienen (der erste Band: M. Heidegger: Gesamtausgabe. 4 Abteilungen / Überlegungen II-VI: (Schwarze Hefte 1931-1938).

Der Inhalt ist so bedrückend, dass der Fachwelt der Atem stockt. Selbst Heideggerschüler, die bisher ihren Lehrer gegen die längst bekannte „Nazinähe“ (vgl. dazu Victor Farías: Heidegger und der Nationalsozialismus u. von Holger Zaborowski: „Eine Frage von Irre und Schuld?“: Martin Heidegger und der Nationalsozialismus) verteidigt haben, gehen inzwischen die Argumente aus. Thomas Assheuer kommentiert für DIE ZEIT:

Die Hefte sind ein philosophischer Wahnsinn und in einigen Abschnitten ein Gedankenverbrechen. Es gibt nun keine Beruhigung mehr. Die treuherzige Geschichte, Heidegger habe sich nur kurz, nur für einen Wimpernschlag der Weltgeschichte, vom Faschismus verführen lassen, ist falsch. Selbst dort, wo er zu Hitler auf Distanz ging, tat er es nicht aus moralischer Empörung; er tat es, weil er sich vom Regime mehr erhofft hatte. „Aus der vollen Einsicht in die frühere Täuschung über das Wesen des Nationalsozialismus ergibt sich erst die Notwendigkeit seiner Bejahung, und zwar aus denkerischen Gründen.“

Die Aufzeichnungen durchzieht eine rüde Kritik des Juden- und Christentums (zu Heideggers Abkehr vom Katholizismus siehe hier), aber auch das Eingeständnis, er habe in seinem Hauptwerk Sein und Zeit den einzelnen Menschen überschätzt. Heidegger hofft nun auf den totalitären Staat, erkennt jedoch bald, dass auch der Nationalsozialismus dem Sein nicht zum Durchbruch verhilft. Nur ein Gott kann uns noch retten, sollte er später sagen. Er meinte damit nicht den jüdisch-christlichen Gott, sondern den Gott eines neuen Heidentums, einen Gott, mit dem sich der Mensch solidarisiert.

Die Tatsache, dass genau der Philosoph, der neben Nietzsche den Eintritt in das spätmoderne oder postmoderne Denken maßgeblich mitbestimmt hat, die Menschen, insbesondere die Juden, zutiefst verachtet und den deutschen Staat vergöttert hat, wird Anlass dafür geben, das Erbe der hermeneutischen und existentialistischen Philosophie noch einmal genauer zu betrachten. Die Elite der Dekonstruktion, unter ihnen der aus Litauen stammende Emmanuel Levinas oder die Franzosen Michel Foucault und Jacques Derrida, steht in der denkerischen Schuld Heideggers.

Wer einen Eindruck von der Erschütterung haben möchte, die derzeit die Philosophenwelt erfasst, sollte sich die SWR2-Sendung „Heideggers ‚Schwarze Hefte‘“ anhören. Zur Gesprächsrunde gehören Prof. Dr. Micha Brumlik (Philosoph, Senior Advisor des Zentrums für Jüdische Studien, Berlin/Brandenburg), Prof. Dr. Rainer Marten (Philosoph, Universität Freiburg) und Prof. Dr. Peter Trawny (Philosoph, Herausgeber von Martin Heideggers „Schwarzen Heften“, Bergische Universität Wuppertal) sowie der Moderator Eggert Blum.

Hier:

Weder Mann noch Frau

Der sympathische Heinz-Jürgen Voß beschäftigt sich seit einigen Jahren mit der Dekonstruktion binärer Geschlechterdifferenz und möchte den postmodernen Gendertheorien eine biologische Verankerung zuschreiben. Kurz: Judith Butler geht mit ihrer Konstruktion des sozialen Geschlechts nicht weit genug. In einem Beitrag für die marxistisch–feministisch–linksradikale Zeitschrift ak – analyse & kritik, die Zeitung für linke Debatte und Praxis schreibt Voß (Nr. 547 vom 19.2.2010):

Die im folgenden dargelegte Kritik an Butlers Ansatz bezieht sich jedoch darauf, dass er nicht weitreichend genug ist. Butler verblieb auf der Ebene von „Erscheinungen“, auf der Ebene performativer Herstellung. Butler führte exzellent aus, dass Merkmale, dass Körper erst in Gesellschaft gelesen werden und dass damit geschlechtliche Deutungen auch gesellschaftliche sind. Diese These ist durch die historischen Arbeiten von Thomas Laqueur, Londa Schiebinger und Claudia Honegger gut belegt – so wandelten sich zeitlich die körperlichen (physiologischen und anatomischen) Merkmale, die als geschlechtlich gelesen wurden. Lange Zeit wurden weibliche und männliche Zeugungsstoffe gleichermaßen als „Samen“ beschrieben, z.T. mit Unterscheidung der Qualität; sie wurden allerdings nicht als binär und gegensätzlich wahrgenommen, wie es heute oftmals geschieht.

Mit der Betonung performativer Akte erscheinen Deutungen als gesellschaftlich, allerdings bleiben Körper und Organe – vermeintlich vorhandene Materialität, die anfassbar sei – unangetastet. Auch mit Butlers Ausführungen bleiben in der öffentlichen – populären und wissenschaftlichen – Debatte „Gebärmutter“, „Vagina“, „Klitoris“, „Eierstock“, „Penis“, „Hodensack“, „Hoden“ Bezeichnungen für scheinbar sichere, tatsächlich vorhandene Organe, die zur gut begründeten Einteilung von Menschen in „Frauen“ und „Männer“ bei wenigen „Abweichungen“ herangezogen werden könnten. Die derzeitige gesellschaftliche Deutungsweise von körperlichen Merkmalen als binär-geschlechtliche erscheint als selbstverständliche, die sich beim Lesen der „natürlichen Vorgegebenheiten“ aufdränge.

Die Entwicklung der Geschlechterdifferenz wird von Voß marxistisch als ein „gesellschaftliches Produkt“ interpretiert. Die binäre Unterscheidung von männlich und weiblich dient der Verfestigung von kapitalistischen Unterdrückungsstrukturen. Sie gaukeln uns Menschen Sicherheit und Eindeutigkeit vor, stehen jedoch tatsächlich der Wahrnehmung ureigenster Bedürfnisse im Weg. Also (Heinz-Jürgen Voß: „Biologisches Geschlecht ist ein Produkt von Gesellschaft!“, Soziologie Magazin, 1/2013, Jg. 6, S. 87–91, hier S. 88–89):

Produkte, Institutionen, Kategorien führen bereits von eigentlichen Bedürfnissen von Menschen weg – und führen letztlich dazu, dass wir als Menschen gar nicht (mehr) in der Lage sind, unsere Bedürfnisse außerhalb von Produkten, Institutionen und Kategorien zu formulieren. Bezogen auf Geschlecht heißt dies, dass wir gar nicht in der Lage sind, unsere Begehrensweisen, unsere vielfältigen Bedürfnisse auf Menschen zu richten, ohne diese Menschen zuvor in ein Korsett „weiblich“ oder „männlich“ zu zwängen.

Für die Befreiung des Menschen ist die Entkategorisierung des Geschlechts damit ein Politikum (Heinz-Jürgen Voß: „Biologisches Geschlecht ist ein Produkt von Gesellschaft!“, S. 91):

„Geschlecht“, auch „biologisches Geschlecht“ wird damit einmal mehr als gesellschaftliches Produkt augenscheinlich. „Geschlecht“, auch „biologisches Geschlecht“ ist wandelbar und es rückt so auch die Möglichkeit einer Gesellschaft ohne „Geschlecht“ in den Bereich des Denkbaren. Zumindest gibt es keinen, aber auch gar keinen Grund an „Geschlecht“, dieser gesellschaftlichen Kategorie/Institution, mit der historisch so viel Diskriminierung, Benachteiligung, Bevorteilung, Leid verknüpft war, weiterhin festzuhalten! Und ein Abgehen von „Geschlecht“ ermöglicht uns, Wahrnehmungen und Begehren vielfältiger auszurichten …

Der Sozialwissenschaftler ist inzwischen auch in der Evangelischen Kirche angekommen. In der aktuellen Ausgabe von Chrismon ist zu lesen, dass die Theorie der biologischen Zweiteilung auf die Nazis zurückgeht und unsere Welt viel schöner wäre, gäben wir diese Unterscheidung auf. Voß: „Das Geschlecht hätte einen Stellenwert wie heute das Sternzeichen oder ob ich Tiere mag. Man kann danach fragen, aber es ist nicht wirklich von Bedeutung“ (Chrismon, September 2013, S. 7).

Da wir nun schon mal bei dem Thema „Geschlechterkonstruktion“ sind, empfehle ich den Beitrag „Das Tabu der Gender-Theorie – Geisteswissenschaftliche Geschlechterforschung und die Biologie“ von Ferdinand Knauß (aus: Helmut Fink und Rainer Rosenzweig (Hg.): Mann, Frau, Gehirn: Geschlechterdifferenz und Neurowissenschaft, 2011, S. 115–132). Der Aufsatz, der online einsehbar ist und übrigens auch kurz das Voß-Argument kritisiert, zitiert im Epilog eine renommierte Philosophin mit folgenden Worten:

„’Naturalismus’, ‚Ontologisierung’, ‚Essentialismus’ und ‚Biologismus’ … fungieren inzwischen geradezu als Denkverbote. Jeder Versuch, anthropologische Konstanten auch nur als Grenzwerte für Transformationsprozesse zu bestimmen, jeder Versuch zu reflektieren, was es für Menschen bedeutet, sich ebenso wie Tiere fortpflanzen zu müssen (wenn sie sich denn überhaupt fortpflanzen wollen), und jeder Versuch, die Geschlechterdifferenz philosophisch zu reflektieren, ohne sie vorab als reines Konstrukt zu setzen, kann damit bereits unter Ideologieverdacht gestellt werden.“

VD: JS

Die normative Ethik der „Politischen Korrektheit“

Es ist einige Wochen her, da ging die Meldung von der Insolvenz der Frankfurter Rundschau (FR) durch die Presse. Im Radio – ich meine es war der Deutschlandfunk – hörte ich, wie ein Journalist, der hin und wieder in der FR publiziert hatte, zum Sterben der renommierten Zeitschrift interviewt wurde. Sein Fazit überraschte mich. Es klang ungefähr so: „Eigentlich brauchen wir die FR nicht mehr. Sie hat ihren Zweck erfüllt. Die Autoren, die die Anliegen der 68er verfechten, sitzen heute in den bürgerlich-konservativen Redaktionen.“

Wie kann es sein, dass die Anliegen der anfänglich recht eruptiven 68er-Kulturrevolution heute Mehrheitsmeinung sind? Ja mehr noch: Wie konnte es passieren, dass sich schleichend die Ethik der „Political Correctness“ so fest etablieren konnte, dass sie quasi den Status einer neuen normativen Ethik erhalten hat? Weshalb haben sich „Linke“ wie „Rechte“ so schnell an die Weltanschauung einer Minderheit von postmodernen, postjüdisch-christlichen Intellektuellen gewöhnt?

Natürlich hat das was mit dem intellektuellen Klima an den westlichen Universitäten zu tun. Ob in Deutschland, Frankreich oder in den USA, herausragend waren in der zweiten Hälfte des vergangenen Jahrhunderts die Vertreter kritischer Theorien. Gewiss spielen auch die sogenannten „Pressure-Groups“ eine Rolle. Gemeint sind (oft relativ kleine) Interessengruppen, die Druck auf Parteien, Parlamente oder Regierungen ausüben und auf diese Weise ihre Agenden „durchdrücken“, bis diese letztlich in Beschlüssen und Gesetzestexten kanonisiert werden.

Eine noch größere Bedeutung fällt jedoch der Neubesetzung der Sprache zu. Über große Institutionen wie die UNO oder die EU wurde das Paradigma der „Politischen Korrektheit“ in eine globale Sprache „gegossen“. Durch die Einführung neuer Begriffe wie „sexuelle Vielfalt“, „Gleichstellung“ oder „Nichtdiskriminierung“ und die gleichzeitige Ächtung oder Umdeutung von Begriffen wie „Wahrheit“, „Familie“ oder „Sünde“ ist eine neue Denkweise und Ethik erzwungen worden, die längst nicht mehr im Elfenbeinturm einer Elite diskutiert, sondern in den Schulen als Selbstverständlichkeit vorausgesetzt wird. Durch die Dekonstruktion der abendländischen Sprache fehlt das Handwerkszeug, um diese schleichende Kulturrevolution überhaupt „wahrnehmen“ zu können. Insofern merken viele Menschen gar nicht, dass die eindimensionale Verabsolutierung von Selbstbestimmung und Gleichheit neue Formen der Unfreiheit herbeiführt. Kurz: Es wird schlichtweg versucht, zu verbieten, anders über dies und das zu denken (siehe z.B. hier).

Dankenswerterweise hat sich die belgische Philosophin Marguerite A. Peeters eingehend mit der säkularen Neuinterpretation der Kultur befasst. Was sie herausgefunden hat, ist bemerkenswert. Die neue Ethik der „Politischen Korrektheit“ stößt durch die Einführung einer neuen Terminologie kaum auf Widerstand. Und: Sie verschließt die Menschen gegenüber der Transzendenz:

Genau an dem, was die neue Ethik beiseite schieben möchte, macht sie deutlich, was sie dekonstruieren möchte: Eine Offenheit für die Transzendenz – wobei besonders die jüdisch-christliche Tradition im Visier ist. Die neue Ethik ist säkularistisch, d.h. ausschließlich innerweltlich ausgerichtet. Sie nimmt eine Neuinterpretation universaler menschlicher Werte und gegenwärtiger menschlicher Hoffnungen und Sehnsüchte auf der Basis eines neuen, säkularistischen Rahmens vor. Sie verabsolutiert vor allem Freiheit und Gleichheit und löst diese von ihrer natürlichen Bindung an das Gesetz, das jedem Menschen ins Herz geschrieben ist. Freiheit wird zu einem Prozess der „Befreiung“ von diesem Gesetz. Freiheit wird zum Recht, tun zu können, was man will, selbst wenn es gegen das eigene Gewissen ist und gegen das, was dieses als wahr und gut erkannt hat. Gleichheit wird zu einem Prozess der „Dekonstruktion“ aller Unterschiede, die doch in die Lebenswirklichkeit eingeschrieben sind. Gleichheit ist zu einem Prinzip geworden, das in der Praxis vor allem für Minderheiten gilt, die den Freiheitsbegriff missbrauchen und „gleiche Rechte“ fordern und dabei den Unterschied zu Rechten, die sich an Wahrheit und Wirklichkeit orientieren, missachten. Diese Radikalisierung von Freiheit und Gleichheit geschah nicht über Nacht. Es war ein langer geschichtlicher Prozess, der bis zur Französischen Revolution zurückreicht.

Die Werte der postmodernen Ethik sind eine Reaktion auf missbräuchliche Strukturen und Haltungen der Neuzeit. Sie sind eine Reaktion auf Machismo (Männlichkeitswahn), Autoritarismus (autoritäres Verhalten, autoritäre Systeme), Kolonialismus, Hartherzigkeit, Ausgrenzung, Vernachlässigung der Umwelt, Ungleichheit. Doch die neuen Werte sind durch die radikale Agenda, die dahinter steht, schon beschädigt. Sie haben sich durchgesetzt, ohne auf Widerstand zu stoßen, und sich still und heimlich im kulturellen und politischen Mainstream etabliert.

Wie wahr ist doch, was Marguerite A. Peeters über die passive Mehrheit schreibt:

Wie die französischen Aristokraten zur Zeit der Revolution, die in ihren Schlössern saßen und Tee tranken und dabei Staatsgeschäfte diskutierten, bis sie unter der Guillotine starben, so beobachtete auch die Mehrheit der westlichen Christen die kulturelle Revolution aus der Ferne. Abgrundtief ist ihre Unkenntnis über die historische Entwicklung, die Inhalte, Strategien und Umsetzungs­mechanismen der kulturellen Revolution.

Ich wünsch mir was: Junge, neugierige und intelligente Christen sollten sich verantwortungsvoll und differenziert mit dieser „Neuen Orthodoxie“ auseinandersetzen und mittelfristig – hier passt dieses Wort – progressive Trends einleiten.

Ich bin dankbar, dass das „Deutsches Institut für Jugend und Gesellschaft“ (DIJG) den Artikel übersetzt und in der Bulletin-Ausgabe 1/2012 (Nr. 21) veröffentlicht hat. Den Aufsatz von Frau Marguerite A. Peeters gibt es auch hier: www.dijg.de.

Postmoderne als Abwehrmechanismus

Globalisierung und digitale Technisierung haben einen neuen ich-orientierten Persönlichkeitstypus hervorgebracht. Er entzieht sich verbindlichen Strukturen und will ständig Wirklichkeit neu schaffen. Der »neue Mensch« sucht sein Glück eklektisch bei Spiel, Sport, Lifestyle, Wellness oder in sonstigen Erlebniswelten.

Rainer Funk, von der analytischen Sozialpsychologie Erich Fromms geprägt (sein letzter Assistent), machte als Erster den Versuch, diesen neuen Persönlichkeitstypus psychoanalytisch zu verstehen und zu beschreiben. Dabei kommt er zu interessanten Ergebnissen. Besonders aufschlussreich finde ich, dass er das tiefe Bedürfnis nach Dekonstruktion als psychologischen Abwehrmechanismus beschreibt. Ein postmoderner Mensch empfindet Verbindlichkeit oder Begrenzung als bedrohlich und rationalisiert deshalb möglichst alle auoritären Ansprüche an ihn weg (z.B. den Anspruch eines bindenden Bibeltextes wie in Mt 6,24; das ist mein Beispiel, nicht das von R. Funk). Hinter der Lust an der Dekonstruktion, diesem fast schon demagogischen sich nie festlegen wollen (das kann man natürlich so oder so sehen, ich bin ich und du bist du) oder der notorischen Verweigerung steckt ein Abwehrmechanismus. Funk schreibt (Rainer Funk, Ich und Wir, München: dtv, 2005, S. 219)

Postmoderner Lebensstil zeichnet sich gegenüber den bisherigen Lebensformen vor allem durch die programmatische Befreiung von gesellschaftlichen Mustern des Selbsterlebens und des Umgangs mit der natürlichen und menschlichen Umwelt aus. Die Befreiung wird dabei nicht durch neue Lebensstile und Muster erreicht, die die alten ersetzen, sondern durch die Entgrenzung von allem Vorgegebenen. Dekodierung und Dekonstruktion stehen im Dienste dieser Entgrenzung. Im Hinblick auf das geistige und spirituelle Selbsterleben des Menschen kommt es zu einer Patchwork-Identität und Patchwork-Religiosität; das Lebensskript besteht im je neuen projekthaften »Basteln an der eigenen Biografie« (U. Beck 1997, S. 191). Schließlich geht mit der Entgrenzung der Verlust eines kohärenten Welt-, Geschichts- und Menschenbildes einher, der insofern zu einer dramatischen Orientierungslosigkeit führt, als kein Mensch psychisch überleben kann, ohne das »Bedürfnis nach einem Rahmen der Orientierung und nach einem Objekt der Hingabe« (E. Fromm 1955a, GA IV, S. 48-50) zu befriedigen.

Bestimmte Aspekte des Anspruchs postmodernen Denkens als typische »Zeitgeist-Phänomene« können deshalb »psychoanalytisch demaskiert und dekodiert werden« (S. 199).

Dies betrifft in erster Linie den Anspruch, den die postmoderne Art zu leben erhebt: Jeder habe das Recht, seine Art zu leben frei und selbstbestimmt zu wählen. Begründet wird dieses Recht damit, dass Wirklichkeit immer Konstruktion sei. Psychoanalytisch lassen sich solche Ansprüche als Abwehr unbewusster Befindlichkeiten (etwa des Gefühls der Abhängigkeit oder der Begrenztheit) deuten. Die Begründung (Wirklichkeit sei immer Konstruktion) wird durch eine solche Deutung zu einer Scheinbegründung, zu einer Rationalisierung.
Rationalisierungen haben – das wurde aufgezeigt – die Aufgabe, ein faktisches Verhalten so zu begründen, dass dieses als sinnvoll und ethisch wertvoll deklariert wird. Unterschiedliche Verständnisse von Wirklichkeit und Wirklichkeitserzeugung, aber auch unterschiedliche Menschenbilder lassen sich deshalb als Wandel von Bedeutungsgehalten verstehen, der sich auf Grund der Notwendigkeit ergibt, das veränderte Verhalten mit Hilfe von Rationalisierungen zu legitimieren.

Die Herausforderung der Postmoderne-Diskussion für die Theologie der Gegenwart

Matthias Schnell-Heisch hat 1995 in Tübingen bei Hans Küng und Eberhard Jüngel über das Thema »Die Herausforderung der Postmoderne-Diskussion für die Theologie der Gegenwart« promoviert. Die 1994 eingereichte Arbeit verarbeitet viel Primärliteratur und ist, wie das Inhaltsverzeichnis zeigt, noch frei von Schablonen, die sich seit Mitte der 90er Jahre (Middleton & Walsh, 1995 u. Grenz, 1996) in der amerikanisch-evangelikalen Literatur verfestigt haben.

Schnell-Heisch fasst seine Arbeit wie folgt zusammen:

• Der Erste Hauptteil der Arbeit hat die Aufgabe, die Genese des Begriffs »Postmoderne« innerhalb der verschiedenen Bereiche der Kultur (»Architektur«, »Literaturwissenschaft«, »Philosophie« und »Soziologie») nachzuzeichnen, die wichtigsten Postmoderne-Konzeptionen vorzustellen, die Beziehungslinien zwischen den verschiedenen Sektoren herauszuarbeiten und eine kritische Analyse der einzelnen Positionen vorzunehmen, um erstens einen detaillierten Überblick der Diskussion zu gewinnen und zweitens eine fundierte Grundlage für die theologische Postmoderne-Diskussion zu erarbeiten.

• Der Zweite Hauptteil ist ganz der theologischen Postmoderne-Diskusssion gewidmet. Wie im Ersten Hauptteil sind auch hier Darstellung und Kritik voneinander getrennt: Nach der Darstellung der drei thematischen Schwerpunkte (»Christlicher Glaube im Pluralismus»; »Dekonstruktion», postliberale Theologie, Ästhetisierung der Religion«; »Postmoderne Theologie als ganzheitliche Theologie«), die sich in der theologischen Diskussion herauskristallisieren, schließt sich auch hier in einem vierten Kapitel eine Kritik der theologischen Postmoderne-Diskussion an.

• Im Epilog wird dann der Versuch unternommen, die theologische Postmoderne-Diskussion zu bilanzieren und Prospektiven für die Theologie zu entwickeln. Das Anliegen besteht aber weder darin, die verschiedenen theologischen Konzepte zu synthetisieren, noch darin, eine weitere theologische Postmoderne-Konzeption zu entwickeln. Vielmehr wird hier nach den Chancen und Grenzen der einzelnen Beiträge zur theologischen Postmoderne-Diskussion gefragt und die bleibenden Herausforderungen der Postmoderne-Diskussion für Theologie und Kirche benannt.

Freundlicherweise hat Matthias Schnell-Heisch seine Dissertation inzwischen im Internet publiziert. Sie kann hier in Form von mehreren PDF-Dateien herunter geladen werden: www.schnell-heisch.de.

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