Pelagius, der Progressive

Charlotte Allen hat für das Journal FIRST THINGS das Interesse der Progressiven an Pelagius unter die Lupe genommen. Tatsächlich wird seit Jahrzehnten Pelagius rehabilitiert und der Eindruck erweckt, er sei das Opfer eines machtbesessenen Bischofs mit dem Namen Augustinus gewesen. Ali Bonner hat gar in ihrem Buch The Myth of Pelagianismus behauptet, so etwas wie einen Pelagianismus habe es nie gegeben. 

Allens Analyse ist sehr hilfreich, sieht sie doch die Gründe für das Interesse an Pelagius ganz woanders. Seine Sicht von Gott und dem Menschen passt viel mehr in das moderne Weltbild als das seiner Gegner.

In Bonner, we find the true reasons behind this historical revisionism. The rhetorical battle between Pelagius and Augustine boiled down to a political struggle between “ascetic Christians seeking imitation of Christ’s way of life as near perfect as they could achieve in a situation of autonomy,” versus “bishops wanting to extend their control over all Christians through control of access to salvation.” Augustine is the big, bad wolf of “authoritarianism,” while Pelagius is the great patron of authenticity, diversity, and other postmodern gods. The resurrection of Pelagius is, at bottom, a renunciation of Augustine’s vision of God and man, which is to say, the justification of our modern selves.

Hier der vollständige Artikel: www.firstthings.com.

Kommentare

  1. … na dann, wir freuen uns auf die Auferstehung und glanzvolle Wiederentdeckung der anderen „Helden der Heterodoxie“, wie z.B. auf Magus, den Zauberer, auf Demas, auf den „anonymen Gnostiker“, auf Arius, auf Donatus, auf Apollinaris, … usw. usw. Da wird es doch eine Menge schöner, authentischer, so echt gemeinter Theologien zu finden geben, die die gegenwärtige (orientierungslose) Christenheit als wundervolle, spirituelle Bereicherung aus der Versenkung holen wird … Oh HERR, schmeiß‘ Hirn vom Himmel!

  2. Pelagius scheint deshalb im Trend zu liegen, weil er ein individualistisches, auf den Menschen beruhendes Work-out zur Rechtfertigung und Heiligung proklamierte. Ergo: Gerechtfertig und heilig sein, wobei Gott nur die Rolle des Statisten zugewiesen wird. Ich nehme an, dass diese Mensch-Zentriertheit das Faszinierende ausmacht für die moderne und zeitgenössische Theologie.
    Man kann hier einen Bogen schlagen zu einem kürzlich auf TheoBlog erschienen Artikel Warum Pastoren B.B. Warfield lesen sollten, weil B.B. Warfield einen Artikel zu der Kontroverse Augustinus versus Pelagius verfaßte: https://www.monergism.com/thethreshold/sdg/warfield/warfield_augustinpelagian.html
    So schließt sich der Kreis 🙂

  3. Johannes G. meint

    Soweit mir bekannt, haben wir keine Originalquellen von Pelagius. Daher ist die Frage, ob sein argumentativer Gegner ihn korrekt verstanden und auch fair wiedergegeben hat, zumindest nicht ganz unbegründet (wenn auch müßig). Und selbst wenn Augustinus Pelagius ggf. verzerrt dargestellt hat, treffen seine Abhandlungen zumindest diejenigen, die sich die von ihm kritisierte Position zu Eigen machen.

    The dark side is not stronger, but progressive, quicker, easier and more seductive. So, beware of the teachings of Darth Pelagius the Wise!
    https://www.dropbox.com/s/ilkfs5924j0dk3i/darth_pelagius_the_wise.jpg?dl=0
    😉

    LG
    Jo

  4. Was meinst Du mit Originaltexten? Originale Handschriften oder Abschriften?

    Liebe Grüße, Ron

  5. Johannes G. meint

    Hi Ron,

    ich meine sowohl Originale als auch Abschriften. Meinem Wissen nach haben wir von Pelagius nur das überliefert, was Augustinus über ihn geschrieben bzw. auf was er sich bezogen hat. Zumindest habe ich das irgendwo mal gelesen. Ich lasse mich aber gerne eines Besseren belehren.

    LG
    Jo

  6. Ah. Ja, die Datenlage ist dünn. Der Corpus unsicher. Originale gibt es mW nicht. Aber einige stabile Abschriften. Der Epistula ad Demetriadem ist aber unumstritten und liegt in einer kritischen Ausgabe vor, die Prof. Greshake freundlicherweise besorgt hat. Der Brief reicht, um die Theologie von Pelagius nachzuzeichnen. Das Buch von Bonner liegt auf meinem Schreibtisch. Muss es noch gründlich lesen und auswerten.

    Liebe Grüße, Ron

  7. Johannes G. meint

    Hi Ron,

    danke für die Infos. Das Buch sieht interessant aus. Habe mal kurz auf Amazon rein geschaut. Da wird aber auch Augustinus durchaus kritisch beäugt bzw. darauf hingewiesen, dass Augustinus Pelagius an manchen Stellen missverstanden hat (z.B. bezgl. des Naturbegriffs).

    Aber wenn wir schon dabei sind, hast du dieses recht neue kritische Buch zu Augutinus auf dem Schirm:
    https://www.amazon.de/gp/product/108280035X/ref=ox_sc_saved_title_1?smid=A3JWKAKR8XB7XF&psc=1

    Das ist quasi die „populäre Ausgabe“ der entsprechenden Dissertation von Ken Wilson.

    Es scheint, dass die Diskussion um Willens- und Handlungsfreiheit bei Augustinus uferlos ist. Wenn der gute Mann wüsste, was er angerichtet hat… 😉

    Ich habe das Buch noch nicht gelesen, werde es mir aber wahrscheinlich bestellen, wenn der Bücherberg auf meinem Schreibtisch etwas abgeebbt ist 😉

    LG
    Jo

  8. Wer will ausschließen, dass Augustinus Pelagius falsch verstanden hat? Dieser Vorwurf ist uralt und teilweise gut begründet (z.B. macht Wermelinger auf solche Punkte aufmerksam, vgl. Rom und Pelagius, 1975).

    Das Buch The Foundation of Augustinian-Calvinism kenne ich nicht, sehr wohl aber das Buch, das diesem zugrunde liegen dürfte: Kenneth M. Wilson’s: Augustine’s Conversion from Traditional Free Choice to »Non-free Free Will«.

    Wenn Karla Pollmann das Buch empfiehlt, dann ist es sicher ernst zu nehmen. Aber meine Stichproben haben mich zu dem Schluss kommen lassen, dass es nicht lange dauern wird, bis solide Kritiken auf dem Markt liegen. Mir scheint hier das Erkenntnisinteresse eine sehr große Rolle gespielt zu haben. Die These lautet: Augustinus hat den manichäischen Determinismus ins Christentum eingeführt. Dies war eine große Abweichung von der frühen, voraugustinischen-kirchlichen Lehre. Luther, Calvin und andere übernahmen diese vom Manichäismus herkommende Lehre und sie wirkt bis heute destruktiv nach. Naja.

    Liebe Grüße, Ron

  9. Johannes G. meint

    Ich schrieb ja, dass es müßig ist, darüber zu spekulieren. Meiner Erfahrung nach ist es jedoch eher selten, dass der argumentative Gegner korrekt verstanden und dargestellt wird. Ich befürchte einer der häufigsten Argumentationsfehler ist der Strohmann 😉

    Und ja, das Büchlein ist die Kurzversion dieses preislich eher unattraktiven wissenschaftlichen Werkes. Die zentrale These bzw. der „Vorwurf“ ist sicherlich nicht neu, aber mir scheint, dass dies die aktuell wohl umfassendste Untersuchung zu dieser Kontroverse ist.

    Davon abgesehen ist wohl jeder, der sich zu diesem Thema äußert, in gewissem Maße von persönlichen Interessen geleitet. „Love, Freedom, and Evil“ von Thaddeus J. Williams wurde sicher auch nicht ohne eine entsprechende Agenda geschrieben 😉 Letztendlich interessieren mich immer die Argumente und den Rest versuche ich so gut wie möglich auszublenden (und dabei natürlich meine eigenen blinden Flecken soweit wie möglich „aufzuhellen“ 😉 )

    LG
    Jo

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