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Quervain: Heiligung (Teil 6 – Schluss)

Alfred de Quervain: Die Heiligung: Ethik, Zollinkon-Zürich: Evangelischer Verlag, 1946, S. 101–102:

Es gilt zugleich zu bedenken, dass das christliche Leben auf Erden — das Kreuzigen des Fleisches mit seinen Begierden, wörtlich: das Gekreuzigthaben des Fleisches — nicht etwa des Menschen Beitrag am Werk der Erlösung, des Menschen Antwort auf die Tat Gottes, sondern Gottes Werk ist. Es besteht im Glauben, dass wir in Christus frei geworden sind. Dieser Glaube heißt Gehorsam. Er kann niemals mit einer bestimmten kirchlichen, christlichen Haltung, mit einer bestimmten Sittlichkeit verwechselt werden. Das bedeutet nicht Entscheidungslosigkeit, die Rechtfertigung des Relativismus im Handeln des Christen. Im Blick auf unser Freigewordensein gibt es gegenseitige Ermahnung. Diese Ermahnungen sind unter Umständen sehr viel konkreter als die ins Einzelne gehenden Ausführungen einer systematischen Ethik, als die Programme einer Weltanschauungsgruppe. Der Lehrer auf diesem Wege des Gehorsams ist und bleibt der Heilige Geist, der Zeuge des Gekreuzigten und Auferstandenen. Führer auf diesem Wege ist also niemals der gute, tapfere, opferbereite, gläubige Mensch. Es sei schon hier — wir werden sehr bald ausführlich darauf zurückkommen — mit den Worten Kohlbrügges gesagt, wie konkret dieses Kreuzigen ist. »Es darf freilich wohl ein ›Kreuzigen‹ genannt werden, denn, wenn David sich von einem Simei fluchen und mit Steinen werfen ließ, da er doch die Macht hatte, ihn zu töten, und die Vorwürfe, welche Simei machte, höchst ungerecht waren, so war dieses für David wohl in Wahrheit ein Kreuzigen des Fleisches; sowie es auch ein Kreuzigen des Fleisches ist, Verzicht getan zu haben auf allerlei Frömmigkeit, Macht und Vermögen; und es ist auch ein Kreuzigen des Fleisches, zwei Meilen zu gehen mit einem, der uns zwingt, eine Meile mit ihm zu gehen, unsere Feinde und, die uns allerlei in den Weg legen, zu lieben, sie zu segnen und für sie zu beten; wie es auch ein Kreuzigen des Fleisches ist, auf alle Selbstbehauptung zu verzichten, wenn man das höchste Recht von der Welt hat, oder wenn einem sonst manches erlaubt sein möchte — nur auf dass der Nächste auferbaut werde, mit uns Gott zu loben und Christum zu verherrlichen in Einigkeit des Geistes, in dem Bande der Liebe. Es ist aber dieses ›Gekreuzigthaben des Fleisches‹ in keinerlei Hinsicht etwas Eigenwilliges, sondern es ist die Liebe Christi, welche die, welche Christi sind, treibt, so daß sie vollkommen sind, wie ihr Vater im Himmel vollkommen ist.« — (Schriftauslegungen, 11. Heft, S. 96.) Es würde offensichtlich dem Sinn dieser Worte widersprechen, wollte man daraus die Anweisung zu einer sittlichen Haltung heraushören. Menschen, die es ernst meinen, berufen sich gerne auf den Grundsatz: Man muss eben als Christ den untersten Weg gehen; man muss das Schwerere wählen und auf sich nehmen. Das tut auch der Mönch; das tut unter Umständen auch der heidnische Weise, wer so urteilt, ärgert sich darüber, dass Christus den Diener des Hohenpriesters fragt: »Was schlägst du mich?« (Joh 18,23), dass Paulus vor den Juden und vor den römischen Beamten sich verteidigt, gegen ein ungerechtes Urteil und gegen Misshandlungen sich zu schützen versucht, dass er in den Korintherbriefen seine angegriffene Apostel- und Predigerehre wahrt. Das Kreuzigen des Fleisches ist keine Methode, als Christ zu leben. Der Weg des Kreuzes ist nicht der Weg des Menschen, der sich selbst heiligt, der sich selbst und andern hilft, sondern der Weg, den wir als Geheiligte, im Lobpreis der göttlichen Hilfe in Christus gehen.