Religion als Sache des Gefühls

Klaus Bockmühl über den Einfluss von Schleiermachers Liberalismus (Verantwortung des Glaubens im Wandel der Zeit, 2001, S. 7):

„Liberalismus“ bedeutet die Befreiung von der Einengung des Verstandes durch die Dogmatik. Schleiermacher war der Pionier der Haltung, in der man gleichzeitig ein moderner Mensch und doch auch ein überzeugter

Christ sein kann. Deshalb ist er vielen zum Modell geworden.
Auch die Art, in der Schleiermachers Theologie aufgenommen wurde, läßt ihn zum Eingangstor in die Theologie des 19. und 20. Jahrhunderts werden. Nach seinem Tode breitete sich sein Einfluß auf alle folgenden theologischen Entwicklungen aus. Er war einflußreich durch die Erweckungsbewegung im ersten Drittel des 19. Jahrhunderts. Diese Bewegung war gewissermaßen eine Fortsetzung von Schleiermachers philosophischem Lehrsatz, daß das Gefühl der Sitz der Religion ist. Das Bindeglied zwischen Schleiermacher und der Erweckung war die Schule der Romantik. Wir wollen darauf später im Detail eingehen. Im Moment wollen wir nur die verschiedenen Züge des Einflusses Schleiermachers aufweisen.

Dabei muß vor allem auf eine Ironie hingewiesen werden: Daß die heutigen Evangelikalen in ihrer leidenschaftlich festgehaltenen Orthodoxie mit Schleiermacher, dem Großvater des Liberalismus, doch die tiefe Überzeugung teilen, daß Religion wesentlich eine Sache des Gefühls sei. Bis zum heutigen Tag ist diese Überzeugung die Türe, durch die Schleiermachers Theologie in evangelikale Kreise eindringt.

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