Sex und Fortpflanzung

Abigail Rine Favale hat das Buch Love Thy Body von Nancy Pearcey besprochen:

Love Thy Body ist ein verheißungsvolles Zeichen dafür, dass Christen effektiver auf beunruhigende kulturelle Trends reagieren, indem sie versuchen, eine teleologische Vision des Kosmos, der Sexualität und des Körpers wiederzugewinnen. Aber so eine eine Wiedergewinnung wird unvollständig bleiben, wenn Evangelikale nicht bereit sind, Praktiken wie Verhütung oder In-vitro-Fertilisation zu überdenken, die den Dualismus, auf den Pearcey hinweist, als selbstverständlich ansehen. Die Akzeptanz der homosexuellen Ehe gewinnt bei jungen Evangelikalen an Bedeutung. Wenn die Bezogenheit von Sex und Fortpflanzung schwach bleibt, ist es schwer zu erkennen, warum sich dieser Trend ändern sollte. Man kann sich leicht eine Zukunft vorstellen, in der die gleichgeschlechtliche Ehe so wie bereits die künstliche Empfängnisverhütung von den Evangelikalen begrüßt wird.

Mehr: www.firstthings.com.

Love Thy Body: Answering Hard Questions about Life and Sexuality von Nancy R Pearcey

Preis: EUR 12,98

18 gebraucht & neu erhältlich ab EUR 12,98

 

Kommentare

  1. Daniel meint:

    Kaum sind 30 Jahre ins Land gegangen, entdecken wir Evangelikale die Schätze der katholischen Sexualethik (das sage ich ironiefrei) – „die Theologie des Leibes“.
    Falls erlaubt, möchte ich hierfür etwas werben: TeenSTAR ist ein enorm wertvolles Programm für ganzheitliche Sexualpädagogik (katholische Wurzeln, ökumenischer Trägerverein in Deutschland) für Kinder und Jugendliche, das ich in dieser Form aus klassisch landeskirchlicher oder freikirlicher Jugendarbeit bzw. der Aufklärung im schulischen Kontext so nicht kenne: http://www.teen-star.de/

  2. Johannes G. meint:

    @Ron,
    da brauche ich wohl nicht mehr viel hinzufügen 😉 Ich habe den Artikel vor ein paar Tagen auch gelesen und mal wieder überlegt, ob ich nicht doch meinen Aufsatz zu diesem Thema noch irgendwo veröffentliche.

    Ergänzend vielleicht doch noch folgendes: Der schwedische ev. Theologe Stefan Gustavsson hat auf dem ELF vor einiger Zeit einen Vortrag mit dem Titel „The Apologetic of Sex“ gehalten.

    http://foclonline.org/talk/apologetic-sex

    Prinzipiell fand ich diesen Vortrag sehr gut, aber auch er äußert sich nicht konkret über den grundsätzlichen moralischen Status von intrinsisch und vorsätzlich sterilisierten sexuellen Handlungen. Er hat eigentlich alle Argumente beisammen, scheint sich aber (unbewusst?) davor zu scheuen, die Konsequenzen daraus zu ziehen…

    LG
    Jo

  3. @Johannes G.: Ich habe natürlich auch an Dich gedacht.

    Liebe Grüße, Ron

  4. Ernst R. meint:

    Die eheliche Sexualität ist in erster Linie ein Dualismus.
    In zweiter Linie erst zur Kindergewinnung.
    Warum? Weil sonst bei jedem Koitus
    ein Kind geerntet werden können müsste.
    Die durchschnittliche Kopulationsfrequenz
    steht der Aussage der Rezensentin plakativ entgegen.

    Die Sexualität ist eine Not, da sie ein Trieb ist (nachzulesen bei Otto Pieper).
    Ein Trieb ist aber keine Sünde.
    Und daher ist die durchschnittliche Frequenz der
    ehelichen Geschlechtsgemeinschaft öfter zu vollziehen,
    als Kinder zu bewirtschaften wären.
    Wäre die eheliche Sexualität nur zur Gewinnung von Kindern gedacht,
    hätten wir pro Jahr pro Paar ca. 100 Kinder.
    Das ist ein Richtwert, der sich auf deutsche Umfragen stützt.
    Das ist finanziell nicht zu bewältigen, logistisch auch nicht.
    Die Rezensentin verfällt also, wie Daniel bemerkt hat,
    tatsächlich einer katholischen Träumerei.

    Wenn Christen sich der außerehelichen Sexualität,
    der Homosexualität und anderen entarteten Umgangsformen öffnen,
    ist das so, als wollte sich der Islam der Marienverehrung öffnen.

  5. Klippdachs meint:

    Danke für diesen Beitrag.

    @ Ernst: Es gibt im Menschen so allerhand Triebe, die eingehegt werden müssen. Das Ausleben eines Triebes wird nicht durch dessen blosse Existenz legitimiert.
    Bei deinem Beispiel mit den 100 Kindern musste ich schmunzeln… Dir ist schon bekannt, dass eine Schwangerschaft 9 Monate dauert und zudem eine Frau nicht 365 Tage im Jahr empfängnisbereit ist? Vielleicht hat das ja seine Gründe?
    Es gibt auch so etwas wie natürliche Empfängnisverhütung.

    Der einzige Zweck der künstlichen Empfängnisverhütung ist der Verzicht auf den Verzicht. Typisch für den „Spirit of the Age“…

  6. Schandor meint:

    @Klippdachs

    Zur Einhegung der Triebe: Deine Aussage ist richtig.
    Dennoch ist der Trieb an sich keine Sünde,
    da musst Du genauer lesen.
    Mit ist genau bekannt, wann eine Frau fruchtbar ist:
    Ziemlich genau 24 Stunden innerhalb eines Zyklus.
    Das war als Ironie gedacht gegen die kryptokatholische Sicht,
    der Sex diene nur zur Kindergewinnung.
    Natürliche Empfängnisverhütung im strengen Sinn gibt es nicht,
    denn Verhütung kann nie „natürlich“ sein.
    Wer sagt uns aber, dass wir der „Natur“ folgen müssen?
    Du selbst hast ja gesagt, Triebe (Natur!) müssen eingehegt werden,
    wobei ich Dir zustimme.
    Katholische Ethik: Verhütung ist falsch.
    Es ist aber unverantwortlich, die Frau zum Container zu machen,
    indem man unkontrolliert haufenweise Kinder in die Welt setzt,
    die man dann nicht versorgen kann.

    Offenbar zieht die katholische Ethik wieder ein.
    Wobei: Angesichts der rasanten Vermehrung der Einwanderer
    versteht man das Anliegen noch.

  7. Johannes G. meint:

    Wäre die eheliche Sexualität nur zur Gewinnung von Kindern gedacht, hätten wir pro Jahr pro Paar ca. 100 Kinder.

    Abgesehen vom völligen Unsinn der Folgerung, behauptet ersteres wer?

    Das war als Ironie gedacht gegen die kryptokatholische Sicht, der Sex diene nur zur Kindergewinnung.

    Quelle?

    Was ich hier tw. so lese, ist fast schon zum Fremdschämen. Ich hoffe nur, es lesen keine Katholiken mit.

  8. Klippdachs meint:

    @ Schandor:

    „Das war als Ironie gedacht“

    Das ist keine Ironie sondern der Versuch, eine Position, mit der man nicht übereinstimmt, durch Verunsachlichung lächerlich wirken zu lassen.

    „Natürliche Empfängnisverhütung im strengen Sinn gibt es nicht,
    denn Verhütung kann nie „natürlich“ sein.“

    Das ist eine semantische Frage. Der Begriff „Verhütung“ ist in der Tat hier unglücklich. Der Begriff „Natürliche Familienplanung“ wäre besser, aber du weisst auch so, was gemeint ist.

    „die kryptokatholische Sicht, der Sex diene nur zur Kindergewinnung.“

    Dazu hier ein Zitat aus Humanae Vitae (Paul VI., 1968):

    „Die Kirche bleibt sich und ihrer Lehre treu, wenn sie einerseits die Berücksichtigung der empfängnisfreien Zeiten durch die Gatten für erlaubt hält, andererseits den Gebrauch direkt empfängnisverhütender Mittel als immer unerlaubt verwirft. […] In den empfängnisfreien Zeiten […] vollziehen sie dann den ehelichen Verkehr zur Bezeugung der gegenseitigen Liebe und zur Wahrung der versprochenen Treue. Wenn die Eheleute sich so verhalten, geben sie wirklich ein Zeugnis der rechten Liebe.“

  9. Stephan meint:

    Klär mich einer auf (ähm, sorry, doppeldeutig):
    Wenn ich den Paulus richtig verstehe, soll sich verheiraten, wer nicht enthaltsam leben kann, um nicht in Versuchungen zu fallen. Und ein Ehepartner soll sich nicht dem anderen verweigern. Also ist Sex integraler Bestandteil der Ehe.
    Verhütung: sehe ich nach biblischem Befund nicht als unerlaubt an (wenn doch, bitte Verweis auf eine bibeltreue Auslegung, die Frage interessiert mich ernsthaft), wenngleich ich schon darauf achten würde, dass bei der Wahl der Mittel keines mit abtreibender Nebenwirkung (wie bei manchen „Pillen“, die neben Verhinderung des Eisprungs auch noch das Verhindern des Einnistens einer befruchteten Eizelle als Seiteneffekt und zusätzliche Sicherung haben) zur Anwendung kommt.

  10. Johannes G. meint:

    Hallo Stephan,

    für eine primär biblisch ausgerichtete Argumentation kannst du dir z.B. Die „Enzyklika ‚Humanae Vitae‘ im Licht von Bibel und Tradition. Eine evangelische Stellungnahme zur Frage der Empfängnisregelung“ von Prof. Dr. Werner Neuer anschauen. Zu finden ist der Aufsatz in „R. Süßmuth (Hg.), Empfängnisverhütung. Fakten, Hintergründe, Zusammenhänge, Holzgerlingen 2000, 1031-1071“. Eine (kleine) kritische Auseinandersetzung mit seiner Argumentation sowie eine Erwiderung von Neuer findet sich in „Familienplanung – eine Option für Christen?, idea-Dokumentation, 2006“.

    Zur Begründung allgemeiner moralischer Prinzipien (und die Sexualethik zähle ich dazu) halte ich allein einen Verweis auf die Bibel aus mehreren Gründen jedoch für unzureichend. Ich meine diese Prinzipien müssen rational nachvollziehbar sein und es ist daher neben und auch unabhängig von einer exegetischen Betrachtung ebenso wichtig, Argumente für die Vernünftigkeit einer moralischen Beurteilung bzw. Position vorzulegen. Daher gehe ich das Thema in meinem Aufsatz primär von der moralphilosophischen Seite an und habe die biblische Argumentation in den Anhang verlagert.

    Falls du keinen Zugriff auf die genannten Aufsätze hast oder davon abgesehen Interesse hast, kann ich dir auch meine „komprimierte“ Version oder das gesamte Dokument per E-Mail zukommen lassen.

    Das umfangreichste mir bekannte Gesamtwerk zu diesem Thema ist „One Body: An Essay in Christian Sexual Ethics“ von Alexander Pruss (480 Seiten). Alex Pruss argumentiert zwar ebenfalls maßgeblich philosophisch, lässt aber auch historische und exegetische Argumente nicht unberücksichtigt.

    Liebe Grüße
    Jo

  11. Davids meint:

    Wann / wo ist eine deutsche Übersetzung geplant? Nach Hanniels sehr ausführliche Rezension (vielen Dank!) möchte ich es gerne selbst lesen, aus Zeitgründen aber auf Deutsch.

  12. Stephan meint:

    Eine katholische Enzyklika, die sich auch noch auf Traditionen beruft, ist für mich nicht das Maß der Dinge. Auch ein moralphilosophischer Ansatz ist u.U. mit weltlichen und menschlichen Meinungen „kontaminiert“. Ich habe da die warnenden Worte des Paulus an die Kolosser im Ohr, der vor Philosophie warnt.
    Darum würde mich in der Tat eine Ableitung zum Thema Verhütung ausschließlich aus der biblischen Aussagen interessieren. Eine feste Position habe ich zu Ehe und Sexualverhalten, Homosexualität usw., da gibt es genügend klare biblische Aussagen zu.

  13. @Stephan: Einen Überblick zu den Sichtweisen im christlichen Spektrum erhältst Du hier:

    https://www.bucer.de/fileadmin/dateien/Dokumente/Buecher/Familienplanung.pdf

    Grundsätzlich geht es Paercey nicht um eine Rekatholisierung der Sexualmoral, sondern um die Hinterfragung einer Ethik, in der die Sexualität von der Weitergabe des Lebens abgekoppelt wird. Das ist ja leider heutzutage eine Prämisse.

    Liebe Grüße, Ron

  14. Johannes G. meint:

    @Ron
    danke für das Verlinken des Dokuments! 🙂 Ich wusste nicht, dass das Buch inzwischen kostenlos verfügbar ist. Leider lassen auch hier die Darstellung der „katholischen Position“ bzw. deren Begründung sowie die Kritik daran sehr zu wünschen übrig (ich will hier jedoch nicht ins Detail gehen, da es dann zu sehr Off-Topic wird).

    @Stephan
    Was mich noch interessieren würde: Wie gehst du mit moralischen Sachverhalten um, zu denen es keine klaren oder überhaupt keine biblischen Aussagen gibt? Was ist z.B. dein Standpunkt bezgl. Sklaverei? Ich vermute du lehnst diese grundsätzlich ab. Ich meine du wirst jedoch einen sehr schweren Stand haben, diese Position mit klaren biblischen Aussagen zu belegen.

    @Alle
    Ich meine es ist nicht hilfreich und auch nicht zutreffend, die Sexualethik der katholischen Kirche als eine spezifische röm. katholische „Sonderlehre“ darzustellen. Tatsächlich wurde diese Sichtweise während knapp 2000 Jahren Christentum bis 1930 von allen Denominationen, egal ob protestantisch, anglikanisch, ostkirchlich etc. ausnahmslos geteilt. D.h. wenn man es kirchengeschichtlich betrachtet, ist es der moderne westliche Protestantismus, der hier eine Sonderposition vertritt.

    Liebe Grüß
    Jo

  15. Lieber Johannes, ganz so einfach ist es mE nicht. Denken wir nur nur an Augustinus. 😉 Was ich sagen wollte: Man muss nicht katholisch werden, um die Schönheit der Teleologie zu entdecken.

    Liebe Grüße, Ron

  16. Johannes G. meint:

    @Ron,
    ich kann dir gerade nicht ganz folgen (was jedoch nicht an den dem fehlenden „an“ liegt 😉 ). Was genau meinst du damit bzw. was an meiner Aussage hältst du für falsch? 🙂

    Zum zweiten Teil: Da sind wir uns sicher einig. Man muss übrigens nicht mal dann katholisch werden, wenn man die Schlussfolgerungen aus einer teleologischen Konzeption der Wirklichkeit konsequent zu Ende denkt 😉

    LG
    Jo

  17. Ja, wenn ich auf dem Handy tippe, mache ich oft Fehler. Danke, ist korrigiert. Mit Augustinus habe ich auf den Neoplatonismus angespielt, der die Katholische Kirche auch geprägt hat, denken wir nur an den Junfrauenkult. Wir haben das mal diskutiert, hier: https://theoblog.de/die-neue-sex-perspektive/25280/

    Liebe Grüße, Ron

  18. Johannes G. meint:

    @Ron,
    ah jetzt ja… 😉 Dann dürfen wir aber auch die Stoiker auf keinen Fall vergessen. Speziell in Bezug auf die Sexualethik wird hier von Kritikern ein nicht unerheblicher Einfluss moniert 😉

    Doch selbst wenn man dies alles so zugestehen würde, folgt daraus was? Nichts – zumindest nicht unmittelbar. Andernfalls haben wir bekanntermaßen ein schönes Beispiel für einen genetischen Fehlschluss.

    Ich denke wir sind uns daher auch darin einig, dass man die Argumente für sich betrachten und prüfen muss und eben auch nicht per se alles falsch sein muss, was sich ggf. bei Platon, Aristoteles, Cicero oder anderen „Heiden“ findet.

    Davon abgesehen sollte man schon die Frage stellen dürfen, ob es (u.a. angesichts Joh. 16,13 und 1. Tim. 3,15) realistisch ist, dass die gesamte Kirche nahezu 2000 Jahre lang einem so grundlegenden Irrtum in der Sexualethik aufgesessen ist.

    Liebe Grüße
    Jo

  19. @Johannes G.: Nein, natürlich nicht. Aber es gibt eine Strömung der Leibfeindlicgkeit auch innerhalb des Christentums, die wir nicht gänzlich ausblenden sollten. Und zweiten sind die groben sexualethischen Brüche relativ jung. Ich würde dafür nicht den Protestantismus per se verantwortlich machen, sondern eher die Anfälligkeit des liberalen Protestantismus für zeitgeistige Einflüsse.

    Liebe Grüße, Ron

  20. Stephan meint:

    @Ron: Besten Dank, jetzt habe ich was zu lesen 🙂
    @Johannes G.: Ich muss Sklaverei nicht befürworten und tue dieses auch nicht. Allerdings ist das eine Fangfrage – Paulus hat z.B. nicht die Sklavenverhältnisse aufgelöst, auch wenn beide, Sklave und Herr, Christen waren. Ganz im Gegenteil – es wird kein Sozialevangelium gepredigt oder erklärt, wie die Welt sein sollte. Genauso bin ich mit einigen heutigen gesetzlichen Regelungen aus biblischer Sicht nicht einverstanden, sage da auch meine Meinung zu, fühle mich aber nicht berufen, dagegen massiver anzugehen. Das sind weltliche Regelungen. Wir könnten hier auch für oder wider Todesstrafe streiten, ich finde es korrekt, dass wir diese nicht haben, auch wenn m.E. der biblische Befund nahelegt, dass diese erlaubt wäre.

  21. Johannes G. meint:

    @Ron

    Aber es gibt eine Strömung der Leibfeindlichkeit auch innerhalb des Christentums, die wir nicht gänzlich ausblenden sollten.

    Dein Wort in meinem Ohr (wobei es sich hier inzwischen wohl eher um eine Minderheit handelt) 😉 Diese Position kann jedoch sicher nicht durch eine naturrechtliche Argumentation begründet werden. Gerade in der klassischen christlichen Philosophie und Theologie wird der Mensch als eine untrennbare Einheit aus Seele und Leib angesehen und keiner dieser Aspekte darf gegeneinander ausgespielt oder abgewertet werden. Genau dies ist ja ein zentraler Bestandteil des Arguments zur Begründung, warum die vorsätzliche Sterilisation von sexuellen Handlungen intrinsisch unmoralisch ist.

    Und zweiten sind die groben sexualethischen Brüche relativ jung. Ich würde dafür nicht den Protestantismus per se verantwortlich machen, sondern eher die Anfälligkeit des liberalen Protestantismus für zeitgeistige Einflüsse.

    Mir geht es hier eigentlich nicht um Schuldzuschreibungen. Ich sage sicher auch nicht, dass am katholischen Wesen das Christentum genesen soll 😉 Mein Punkt ist, dass die Katholiken zumindest noch die philosophischen / argumentativen Grundlagen haben, welche die Protestanten (maßgeblich mit Barth) mehrheitlich aufgegeben haben (das zeigen u.a. auch die Ausführungen von Stephan). Ich meine dies ist zumindest einer der zentralen Gründe für die Entstehung des liberalen Protestantismus. Man hat dem modernen Säkularismus / Pluralismus (in ethischen Fragen) argumentativ einfach nichts mehr entgegenzusetzen.

    Liebe Grüße
    Jo

  22. Stephan meint:

    So, gelesen, tw. vertiefend. Kurze Zusammenfassung meines Eindrucks:
    Der Beitrag von Pastor Schwarze (S. 82ff) argumentiert anhand der Bibel. Dabei geht es nicht nur um Verhütung ja/nein, sondern auch um den Umgang mit der Sexualität in der Ehe. Ebenso finden wir einige biblische Ausführungen bei Schirrmacher ab S. 134, insbesondere ab S. 142ff.
    M.E. haben wir da einen ordentlichen biblischen Befund.

    Interessant der Einwurf von Schwarze auf S. 90, dass die betreffende Enzyklika ein Minderheitengutachten ist, die Mehrheit eher seine Meinung vertreten hätte. Schirrmacher weist auf S. 101 darauf hin, dass wohl maßgeblich der amtierende Papst für das Ergebnis verantwortlich ist. Soviel zum Thema päpstliche Unfehlbarkeit oder auch Unfehlbarkeit der Philosophie 😉

    Die zitierten Ausführungen von Augustinus zeigen, dass er unbiblisch lustfeindlich gesonnen war – ich könnte jetzt humorigerweise die Meinung vertreten, dass er damit wohl sein vorangegangenes ausschweifendes Leben kompensieren wollte und dies seine Art war, darüber Buße zu tun. Aber vertiefen wir das lieber nicht. Es bestärkt mich in meiner Auffassung, dass Augustinus nur kritisch zu lesen ist.

    Ja, Johannes G., ich treffe meine Ableitungen ohne philosophische Grundlagen, ich mag da den Kolosserbrief „Sehet zu, daß nicht jemand sei, der euch als Beute wegführe durch die Philosophie und durch eitlen Betrug, nach der Überlieferung der Menschen, nach den Elementen der Welt, und nicht nach Christo.“, und ich mag die Allgenügsamkeit der Schrift. Daraus lassen sich auch m.E. alle notwendigen ethischen Prinzipien ableiten für mein Leben in der Nachfolge – wobei ich da sicherlich zu anderen Ergebnissen kommen werde als Nicht-Christen oder Namens-Christen sowie liberale Protestanten.
    Ich gebe es gerne zu: was aus der Bibel nicht ableitbar ist, hat nur nachrangige Bedeutung für mich. Und dabei bin ich ganz und gar nicht liberal – die meisten Geschwister halten mich für (übertrieben) erzkonservativ.
    Ich muss der Klarstellung wegen ergänzen, dass ich kein ausgebildeter Theologe bin und mein „Einflussbereich“ recht überschaubar ist, ich bin einfach nur daran interessiert, Gottes Wort zu verstehen.

  23. Johannes G. meint:

    @Stephan
    ich befürchte unsere Denkvoraussetzungen sind zu verschieden, um im Diskurs auf einen Nenner kommen zu können. Ich möchte trotzdem abschließend noch ein paar Anmerkungen anfügen. Vielleicht trägt es ja noch etwas zum gegenseitigen Verständnis bei.

    […]ich treffe meine Ableitungen ohne philosophische Grundlagen

    Diese Aussage mag zwar auf den ersten Blick sehr demütig erscheinen (und ich möchte dir eine entsprechende Gesinnung auch gar nicht absprechen), aber ich meine dies ist ein Trugschluss, dem leider nicht wenige konservative evangelische Christen unterliegen. Niemand liest die Bibel oder zieht gar exegetische Schlussfolgerungen als „unbeschriebenes Blatt“ und ohne philosophische Grundannahmen. Das ist schlicht unmöglich. Um nur mal ein Beispiel zu bemühen: Jegliches Verstehen eines Bibeltextes bzw. das (objektive) Schlussfolgern aus einem Text (d.h. Exegese) setzt die universelle Gültigkeit der klassischen Aussagenlogik voraus. Wir finden in der Bibel aber weder eine Auflistung dieser Grundregeln oder gar eine umfängliche Darstellung von formellen und informellen Fehlschlüssen, noch sonst irgendeinen direkten Bezug zu diesen Regeln oder deren Anwendung (eine erste Systematisierung findet sich bei Aristoteles). Tatsächlich müssen wir diese Dinge aber bereits voraussetzen, bevor wir irgendeine Art von Sinn und Zusammenhänge aus einem Bibeltext extrahieren können.

    Davon abgesehen kann man meiner Einschätzung nach, wie ich bereits erwähnt habe, auch rein exegetisch überzeugend für die traditionelle Sichtweise in der Sexualethik argumentieren. Dazu muss man aber auch die entsprechenden Ausarbeitungen lesen und die jeweiligen Argumente prüfen. Hast du z.B. den Aufsatz von Neuer im PDF-Dokument sowie den dort von ihm erwähnten ausführlichen Aufsatz zur Exegese gelesen? Mein Angebot diesbezüglich steht nach wie vor.

    Daraus lassen sich auch m.E. alle notwendigen ethischen Prinzipien ableiten für mein Leben in der Nachfolge – wobei ich da sicherlich zu anderen Ergebnissen kommen werde als Nicht-Christen oder Namens-Christen sowie liberale Protestanten.

    Ersteres will ich prinzipiell gar nicht in Abrede stellen. Du sprichst hier aber auch von „Ableitungen“ (d.h. z.B. ein Schlussfolgern vom Allgemeinen auf Spezielles, welches im Bibeltext nicht konkret erwähnt wird). Zudem erschöpfen sich allgemeine Ethik und Moral auch nicht einfach in (willkürlichen) Ge- und Verboten, sondern fußen auf rational nachvollziehbaren Prinzipien, die dem Menschen zumindest prinzipiell zugänglich und bindend sind (andernfalls wäre jeglicher ethischer Diskurs sinnlos). Wie sollten wir ansonsten ohne den bereits genannten Bezug auf die Argumentationstheorie mit Andersdenkenden ins Gespräch kommen, unseren eigenen Standpunkt vernünftig begründen und uns durch ggf. bessere Argumente korrigieren lassen?

    Man kann natürlich immer sagen die anderen sind einfach „zu wenig geheiligt, „zu weltlich“, “ zu katholisch“ oder gar „Papst“ 😉 bzw. „wenn sie wirklich wiedergeboren wären, dann würden sie meinen Standpunkt teilen“ etc. Ich meine damit macht man es sich aber zu einfach, stoppt jegliche Form des Dialogs und was vielleicht noch schlimmer ist: man immunisiert sich selbst gegen jegliche Kritik. Die Frage ist daher nicht, ob jemand ein „Namens-/Nicht-Christ“, ein „liberaler Christ“ oder vielleicht sogar ein „katholischer Christ“ ist, sondern wie überzeugend die Denkvoraussetzungen und stichhaltig die Argumente sind, die jemand vorbringt. Andernfalls landet man sehr schnell bei den bereits angesprochenen genetischen Fehlschlüssen bzw. einem „argumentum ad hominem“. Ich meine wir brauchen eine Auseinandersetzung in der Sache, anstatt Andersdenkende in irgendwelche diffusen Schubladen einzusortieren und es damit bewenden zu lassen.

    Ich muss der Klarstellung wegen ergänzen, dass ich kein ausgebildeter Theologe bin und mein „Einflussbereich“ recht überschaubar ist, ich bin einfach nur daran interessiert, Gottes Wort zu verstehen.

    Letzteres sagen Gottfried Müller und Jakob Friedrichs vom „liberalen Polter-Podcast“ Hossa-Talk oder Siegfried Zimmer von Worthaus auch. Trotzdem kommen diese Herren in einigen Bereichen zu völlig anderen Überzeugungen als ich, der ich dieses Anliegen ebenfalls teile. Wie sollen wir jetzt damit umgehen? Meiner Einschätzung nach kommen wir nur konstruktiv weiter, wenn wir den Dialog suchen und versuchen, abweichende Positionen so gut wie möglich zu verstehen, diese so exakt wie möglich wiederzugeben und konstruktiv zu kritisieren (der ebenfalls auf dem Blog verlinkte Podcast von lutherisches Lärmen zu einem Vortrag von Zimmer ist meiner Ansicht nach z.B. ein positives Beispiel). Und damit komme ich zum Schluss wieder auf die ursprüngliche Frage zur Sexualethik zurück: Mir ist leider kein Protestant bekannt, der die traditionelle Sexualethik kritisiert bzw. ablehnt und sich zuvor erkennbar intensiv mit den besten Argumenten für diese Position auseinandergesetzt hat bzw. diese adäquat und differenziert wiedergeben kann (das trifft meiner Einschätzung nach leider auch auf den Aufsatz von Thomas Schirrmacher zu).

    Liebe Grüße
    Jo

  24. Rolf Eicken meint:

    @ Johannes G.:
    Bravo!! Das sind die Beiträge, derentwegen ich den Theoblog so hochinteressant finde.
    Herzlichen Dank !

    LG
    Rolf

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