Wie nehmen Atheisten den »Linken Evangelikalismus« wahr?

Andreas Müller ist ein feuriger und scharfer, aber auch witziger und fairer Atheist, der ganz auf Empirie und Logik setzt (siehe hier). Kürzlich hat er sich in seinem Blog Aufklärung 2.0 damit beschäftigt, wie die »Linken Evangelikalen« von Marcia Pally wahrgenommen werden (vgl. hier). Andreas weist bei seinen Ausführungen – sehr anschaulich – auf ein Problem der Semantik hin:

Man darf ja wohl kaum überzeugende philosophische Argumente von solchen Wirrköpfen erwarten. Das Christentum ist eine Kultur, alles und nichts und jedes lässt sich dort hinein- und herausdeuten. Jetzt gibt es schon linke Evangelikale. Wie kann sich überhaupt noch jemand als »Christ« bezeichnen, wenn der Begriff vollständig bedeutungsentleert ist? Und wie kommen ausgerechnet diese Leute auf die Idee, gegen den »Relativismus« zu wettern, wenn der Inhalt ihres eigenen Glaubens beliebig verändert werden kann? Es gibt tausende christliche Konfessionen. Das Christentum ist hyper-relativistisch. Bei »Atheist« weiß man zumindest, dass es jemand ist, der nicht an Gott glaubt. Atheisten haben somit mehr gemeinsam als Christen (nämlich eine Sache).

Hier mehr: feuerbringer.com.

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17 Comments
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Tobias Lampert
9 Jahre zuvor

Das semantische Problem mag bestehen – das aber sollte Christen, egal welcher „Couleur“, nicht als Grund zum Beifallklatschen für diese Feststellung dienen: die Begriffsverwirrung herrscht schließlich auch angesichts von gemäßigten, rechten und ultrarechten Evangelikalen, Vier-Punkt- und Neocalvinisten, Katholiken und Orthodoxen, Remonstranten und Methodisten etc. pp.

Die Frage ist doch eher die, ob „überzeugende philosophische Argumente“ nur der haben kann, der nicht in irgendeinen Definitionsstreit mit irgendeinem Andersdenkenden involviert ist. Und da fällt der Vorwurf der Wirrköpfigkeit dann auch ganz schnell auf Neocons und Ultracons, Marxisten und Leninisten, Maoisten und haste-nicht-gesehen zurück.

LG,
Tobias

Joel213
Joel213
9 Jahre zuvor

Kein schlüssiges Argument:
„Bei »Atheist« weiß man zumindest, dass es jemand ist, der nicht an Gott glaubt.“

Ich kann genau so gut sagen:
Bei »Christ« weiß man zumindest, dass es jemand ist, der an Gott glaubt.

Schandor
Schandor
9 Jahre zuvor

@Joel213 Stimmt. Ich finde Tobias‘ Argument trotzdem schlüssig. Einem Atheisten kann und darf man nicht Beifall klatschen. Gordon Clark hat gezeigt, dass jemand, der auf Empirie setzt, so richtig „hardcoremäßig“, nicht logisch sein kann. Gordon Clark ist ein glasklarer Denker; seine Gedanken sind messerscharf und brillant. In seinem Buch „Christian Philosophy“ zeigt er, wohin Natuarlismus, Empirie als Voraussetzung usw. führt — in die Unlogik. Ach, dass doch viel von dem Ramsch von den christlichen Büchertischen verschwände und durch solche Bücher ersetzt würde! Aber das würde gegen die massive Bildungsfeindlichkeit vieler Christen angreifen und daher „unchristlich“ sein… Ich habe eine Zeit… Weiterlesen »

Jooez
Jooez
9 Jahre zuvor

Wenn er schon bei Wortbedeutungen ist, dann tritt er jedenfalls selbst ins gleiche Fettnäpfchen. „Bei »Atheist« weiß man zumindest, dass es jemand ist, der nicht an Gott glaubt.“ Das stimmt eben auch nicht ganz. Ein Atheist ist jemand, der glaubt, dass es keinen Gott gibt. Wenn er nur einfach nicht an einen Gott glauben würde, wäre er mindestens Agnostiker. Da fängt’s bei den Atheisten doch schon an: sie wissen oft selbst nicht genau, was sie nun eigentlich glauben, dazu behaupten sie ständig, zu „wissen“, „wissenschaftlich“ zu sein und überhaupt alles ganz einfach mit dem Verstand rausgefunden zu haben, was sie… Weiterlesen »

Johannes Strehle
Johannes Strehle
9 Jahre zuvor

Andreas Müller schreibt: „Wie kann sich überhaupt noch jemand als »Christ« bezeichnen, wenn der Begriff vollständig bedeutungsentleert ist? … Es gibt tausende christliche Konfessionen.“ Dazu Francis Schaeffer: „Das Wort Christ ist praktisch völlig seiner Bedeutung beraubt worden. Es gibt wohl kaum ein Wort, das (abgesehen vom Wort Gott selbst) so sehr abgewertet worden ist. … Weil das Wort Christ … zu einer so geringen Bedeutung herabgewürdigt wurde, bedeutet es heute alles und nichts.“ „… hier nennt uns Jesus die entscheidende Apologetik. Welches ist der überzeugendste Beweis für das Christentum? Auf dass sie alle eins seien …damit die Welt glaube, dass… Weiterlesen »

Schandor
Schandor
9 Jahre zuvor

@Johannes Pau, das ist gut! Was wäre, wenn die Christen zusammenhielten? Was, wenn sich Reformierte, Lutheraner, Pfingstler, Charismatische, Freikirchler und wer weiß ich noch die Hand gäben (ach einzelne möchten das ja schon lange)? Wenn sich die Christen unisono gegen bestehende Missstände wendeten — wer könnte sie aufhalten? Aber leider, es ist, wie Francis Schaeffer beschrieben hat… Ich kenne diese Broschüre nicht. Wo bekommt man sie? Schaeffer ist so gut, den haben sogar die Brüdergemeinden auf ihren Büchertischen! Und so weit ich weiß, ist Schaeffer nicht in Dillenburg verlegt worden 😉 liebe grüße Schandor

Schandor
Schandor
9 Jahre zuvor

@Ron Vom Streit zwischen Van Til und Clark habe ich gehört, aber das Buch von Hoeksema (der wars glaub ich…) hab ich noch nicht gelesen. Was mir an Clark so gefällt: Er erklärt alles, was er behauptet. Er lässt einen von der Pike auf mitdenken. Wenn man so manch deutschen Denker liest, weiß man zuweilen nicht, was er meint, und da rede ich noch nicht von unseren Systemikern (ob die selbst wissen, worüber sie reden? 🙂 ) Seine Philosophiegeschichte ist großartig! Er beschränkt sich nicht auf das Berichten von geschichtlichen Fakten, sondern nimmt den Leser mit hinein in die Gedankenwelt… Weiterlesen »

Johannes Strehle
Johannes Strehle
9 Jahre zuvor

@ Schandor
„Das Kennzeichen des Christen“ ist meines Wissens in Deutsch als selbständige Broschüre seit langem vergriffen.
Schaeffer hat es jedoch seinem Vermächtnis „Die große Anpassung: Der Zeitgeist und die Evangelikalen“ („The Great Evangelical Disaster „) angefügt.
Ron hat auf die aktuelle deutsche Auflage und die Möglichkeit hingewiesen, sie gratis als PDF-Datei herunterzuladen.
Gib unter „Suche“ „Die große Anpassung“ ein.
Herzlich grüßt Johannes.

Schandor
Schandor
9 Jahre zuvor


Ooh, danke!

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[…] möchte ich nun auf Kommentare von dortigen Evangelikalen zu meinem Beitrag über linke Evangelikale […]

Tobias Lampert
9 Jahre zuvor

@Schandor: Ich habe übrigens nicht geschrieben, man dürfe einem Atheisten nicht Beifall klatschen. Natürlich darf man das (eigentlich sollte man darüber nicht einmal nachdenken müssen) – nämlich dann, wenn er Recht hat. Andreas Müller Analyse der neuen Evangelikalen war zumindest in ein paar Punkten (wenn auch nicht durchgängig) schlüssig, hätte also durchaus Beifall verdient, wenn man sich denn angesichts einer korrekten Aussage gleich zu solchen Begeisterungsstürmen hinreißen lassen möchte. Meine Aussage hat darauf abgezielt, dass die unscharfe Begrifflichkeit und die damit einhergehende Definitionsschwierigkeit von „Christsein“ nicht nur auf die neuen Evangelikalen zutrifft, sondern auf alle Christen (und das m.E. sogar… Weiterlesen »

Schandor
Schandor
9 Jahre zuvor

@Tobias Ja, das war ein Missverständnis. Ich habe freilich gemeint: in dieser einen Sache. Fälschlicherweise habe ich angenommen, das sei auch so rübergekommen. Ich habe in meinem Kommentar auch implizit die Atomisierung des Christentums bedauert. Ich stimme dir in den übrigen Punkten zu. Es ist ein bedauerlicher Zustand. Es freut das Reich der Finsternis ungemein, wenn die Christen im Streit liegen oder sich zumindest auf konfessioneller, denominationeller, heiligungstheoretischer, psychosemantischer und noch sonst welchen Ebenen uneins sind. Dadurch wird die Welt nie erfahren, dass Jesus der Messias Gottes ist. Was Andreas Müller betrifft, ist auch er eben ein Vertreter des Atheismus,… Weiterlesen »

David
David
9 Jahre zuvor

http://www.amazon.de/Mark-Christian-IVP-Classics/dp/0830834079/ref=sr_1_2?ie=UTF8&s=books-intl-de&qid=1295973867&sr=8-2

Amazon hat noch 2 Exemplare des angesprochenen Buches.

Bzgl. Gordon Clark..Nachdem ich R.C. Sprouls Buch „The Consequences of Ideas“ gelesen hab, was etwas oberflächlich ist (will auch nur eine Einführung sein), wollte ich mir die Philosophiegeschichte Clarks zulegen. Allerdings gibt es diese nur bei diversen amerikanischen Anbietern bei amazon.com und ich weiß nicht, ob das auch für das Ausland gilt. Gibt es sonst vllt noch irgendeine Möglichkeit an das Buch zu kommen?

Schandor
Schandor
9 Jahre zuvor


Hab ein paar Euros nach PayPal transferiert und mir das Buch von hier kommen lassen:
http://store.reformed.org/index.php?main_page=product_info&products_id=287
hat wunderbar geklappt.
lg
Schandor

David
David
9 Jahre zuvor

Vielen Dank Schandor! 🙂