Wieso die Welt Jordan Peterson braucht

Rassist, Frauenhasser, Chauvinist: Der kanadische Star-Intellektuelle kommt in den Feuilletons für gewöhnlich schlecht weg. Ein genauerer Blick in seine Bücher und Interviews zeigt: zu Unrecht. In der NZZ ist ein fairer Artikel über Peterson erschienen:

Damit lebt Peterson das aus, was im Zeitalter der Identitätspolitik immer mehr verloren geht: dass Menschen wieder auf die eigene Vernunft vertrauen und ihre Gegenüber nicht als Vertreter irgendeiner Gruppe, sondern als eigenständige Persönlichkeiten wahrnehmen, auf die man achten, auf die man eingehen und die man respektieren sollte.

Mehr: www.nzz.ch.

Kommentare

  1. Berthold meint

    Dennoch, Peterson ist kein „klassischer“ Christ, sondern primär säkularer Therapeut!

    Seine Verwendung der Bibel und christlicher Inhalte hat „therapeutische“ Bedeutung, nicht konfessorische. Seine faszinierende Bedeutung vornehmlich für westliche Kulturkreise findet man in seinen Überlegungen, die die Diktatur des Relativismus der Postmoderne zu überwinden helfen könnte. Die Beliebigkeit hat bei ihm keinen guten Stand.

    Jordan Petersons Zeit samt die seiner Ähnlich-Denker zur Implementierung eines neuen kulturrelevanten Denkens im Sinne einer Post-Post-Moderne wird noch kommen, vermute ich.

  2. Clemens Altenberg meint

    Aber gegen Zizek war er chancenlos, der war ein paar Nummern zu groß für ihn. Sein Grundfehler war wohl, dass er Zizek für einen echten Marxisten gehalten hat.

    https://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/slavoj-zizek-vs-jordan-peterson-marxist-gewinnt-philosophenduell-a-1263756.html

  3. Clemens Altenberg meint

    @ Berthold

    Stimmt, „klassischer“ Christ ist Peterson sicher keiner. Am Anfang seiner Bibelvorlesung nennt er die Heilige Schrift ein „contradictory document“ und gibt Nietzsche und Jung als seine Leitfiguren an.

  4. Clemens Altenberg meint

    Ich finde es wirklich interessant, dass Jordan Peterson im Theoblog so gepriesen wird, aber ich bin auch dankbar, weil ich dadurch erst so richtig auf ihn aufmerksam wurde, und spannend ist der Hype um ihn allemal.

    Dass er von den Feuilletons nur verrissen wird stimmt so nicht, in seinem 12 Rules Buch, das ich mir jetzt gekauft habe, findet sich am Anfang eine Liste von Huldigungen aus The Times, Observer, Sunday Times, Esquire…

    Die Verteidigung in der NZZ ist jedoch trügerisch, zumindest in dem Punkt, dass Peterson das vorherrschende Dominanzprinzip der Natur, den Drang nach Status und Macht, bloß nachzeichne, ohne das moralisch zu legitimieren. Genau das geschieht schon implizit bei der Beschreibung des „The winner takes it all lobster“, man kann geradezu spüren wie er ihm imponiert. Als Conclusio der 1. Rule („Stand up straight with your shoulders back“) macht er es auch explizit: “Look for your inspiration to the victorious lobster”, “Dare to be dangerous”.

    Das sind psychologisch gut fundierte Tipps für den sozialdarwinistischen Konkurrenzkampf ums Dasein, eine (bei Weitem sprachlich nicht an ihn heranreichende) Apologie dessen, was Nietzsche Herrenmoral genannt hat, sprich: eine Anti-Bergpredigt. Das ist kein christlich inspiriertes Ratgeberbuch, sondern ein sehr weltliches. Menschlich, allzu menschlich.

    Die Welt braucht Jordan Peteron als mutige Stimme gegen Auswüchse der Genderpolitik und für seine zutreffende Kritik am relativistischen Mainstream, aber seinen Alternativvorschlag, einen eher plumpen Biologismus, lehne ich als Christ ab.

    Aber ich habe ja erst die 1. Rule gelesen, ich denke schon, dass da noch was Gutes dabei sein wird. Wäre er kein guter Psychologe, hätte er wohl nicht so viel Zuspruch, aber als Philosoph ist er mit Vorsicht zu genießen.

    (Allein schon wegen des toll geschriebenen Vorwortes von Norman Doidge hat sich der Kauf gelohnt, aber nach lesen des 1. Kapitels muss ich jetzt fürchten, dass er zu viel versprochen hat, das war zum Teil schon etwas cheesy und redundant).

  5. Clemens Altenberg meint

    Er hat ja nicht unrecht, bewusst oder unbewusst streben wir alle bis zu einem gewissen Grad nach Status und Macht. Deswegen ist ja der christliche Glaube ein so notwendiges Gegengewicht zum Lauf der Welt. Das heißt nicht, dass ich jeden Ratschlag zur Selbstoptimierung als unchristlich abtun will, aber eine gemeinsame Wurzel religiösen Denkens ist es, vom Selbst wegzukommen und mitzufühlen und sich einzusetzen für jene, die nicht mit dem Siegergen ausgestattet sind. Der Religionskritiker würde sagen: Die rosarote Brille, durch die das Leben mehr als ein bloßer Konkurrenzkampf ist.

  6. Roderich meint

    @Clemens,
    ich verstehe Deinen Punkt.
    Aber es gibt auch eine problematische Femininisierung des Evangeliums. Werte wie Mut, Disziplin, Überwindung werden kaum mehr gepredigt, sondern mehr „Gott nimmt Dich in seinen Arm“ – so als wäre Gott nur eine fürsorgende Mutter.

    Da macht Jordan Peterson zum Teil zurecht Mut, sich wieder auf die (auch dem Evangelium entsprechenden) männlichen Aspekte zu besinnen.

    Schade nur, dass er das dann – wie Du sehr richtig sagst – biologistisch oder sozialdarwinistisch begründet.

    (Meines Wissens haben manche frühe Kirchenväter den Samson des Alten Testamentes (der in einer Nacht 1000 Philister mit einem Esels-Kinnbacken erschlagen hat) zum Typus von Christus erklärt. Man denke auch an die „Helden“, die im historischen Bericht über König David aufgezählt werden. „Heldentum“ ist in evangelikalen oder protestantischen Kreisen gar kein Wert mehr. Ob es dies im Vatikan ist, weiß ich nicht. Im Hebräer 11 heißt es, die Glaubensvorbilder haben durch ihren Glauben „Königreiche erobert“; etc.).

    Danke ansonsten für die scharfsinnige Analyse. Bin gespannt auf weitere Kommentare von Dir zu dem Buch.

  7. Roderich meint

    Peterson sagt, katholisch werden kommt der geistigen Gesundheit am nächsten:
    https://www.lifesitenews.com/news/jordan-peterson-on-catholicism-thats-as-sane-as-people-can-get

  8. Clemens Altenberg meint

    @ Roderich

    Ich hab jetzt die Hälfte der 12 Rules durch und muss Ron Recht geben, es ist schon gut für die Welt, dass es jemanden wie Jordan Peterson gibt. Da ist schon eine Menge praktische Weisheit drinnen, und es liest sich gut. Was Ratgeberliteratur angeht hab ich nicht viel Vergleich, ich glaube Schopenhauers Aphorismen zur Lebensweisheit ist gar mein einziger. Die Prämisse teilen sie jedenfalls: „If you are suffering – well, that´s the norm. People are limited and life is tragic.”

    Peterson zeigt wie der späte Schopenhauer auf, dass man deshalb nicht in Nihilismus verfallen muss und macht Mut, sich am Riemen zu reißen und nicht unterkriegen zu lassen. Es ist ein erfrischender nietzscheanischer Impetus in Richtung Eigenverantwortung gegen das marxistische Opfer- und Sündenbockdenken: „Not everyone who is failing is a victim.“

    Vielleicht kommt der Katholizismus bei ihm so gut weg, weil da der Mensch nicht ganz so tief gefallen ist wie im Protestantismus und dem Menschen etwas mehr zugetraut wird, und nicht alles was aus ihm selbst kommt Sünde sein muss.

    Peterson gelingt es, nicht von einer Seite vom Pferd zu fallen, er ist ganz taoistisch auf Ausgleich bedacht. Ja, so schreibt er, wir müssen anerkennen, dass unsere Natur befleckt ist, dass es erschreckend sein kann, in unser Innerstes zu schauen. Aber trotzdem, auch nach dem Fall sind wir immer noch nach Gottes Bild geschaffen und haben „A Spark of the Divine“ in uns. Während des Lesens ist mir der Gedanke gar nicht gekommen, aber nach deinem Hinweis muss ich sagen: Das klingt katholisch – auch wenn Peterson die theologische Sprache nur als Metapher benutzt.

    Wenn man es als Christ aushält, dass Peterson aus menschlicher Perspektive auf die Bibel schaut (einmal schreibt er über die Sündenfallgeschichte sowas wie „Jetzt kommt eine ganz absurde Wendung“, ein andermal vergleicht er den Gott des AT mit einem hungrigen Löwen und nennt ihn sogar mit Hitler, Stalin und Mao in einem Atemzug) kann man auch etwas für den Glauben lernen.

    Er betont, dass Selbstverachtung ein falsch verstandenes Christentum ist, das uns aber oft so gepredigt wird. Du nennst es „Feminisierung des Evangeliums“ und ich verstehe was du meinst, aber ich bin wohl zu politisch korrekt, um das so auszudrücken 😉 Aber bei Peterson ist der weibliche Archetyp keinesfalls nur als schwach und passiv zu verstehen, in manchen Aspekten ist er heldenhafter als der männliche: „It´s the mother grizzly, all compassion to her cubs, who marks you as potential predator and tears you to pieces.“

    Ohne Geschlechterdifferenzen komplett zu leugnen komme ich trotzdem nicht ganz mit, wenn Peterson das männliche Prinzip mit „order“, „the known“, und das weibliche mit „chaos“, „the unknown“ identifiziert. Natürlich hat er das nicht selbst erfunden, sondern heidnischen Traditionen, vor allem dem Taoismus, entlehnt. Er sagt auch im Buch nicht, dass das eine besser als das andere ist, die Lösung liegt für ihn im Ausgleich (z.B. verkörpert Jesus für Peterson weder das männliche noch das weibliche Prinzip, sondern dient ihm als Beispiel dafür wie die beiden sich idealerweise ergänzen). Problematisch ist halt, dass er Chaos dem Weiblichen zuschreibt (viele Frauen werden das in ihren Beziehungen genau umgekehrt sehen 😉) und dem Buch dann den Untertitel „An Antidote to Chaos“ gibt…

    Witzig ist, dass ja Nietzsche in der Geburt der Tragödie ganz ähnliche Prinzipien formuliert – das Apollinische und das Dionysische – und dabei eine Lanze für das Dionysische bricht, das dem Chaos entspricht. Oder man denke an seinen Poster-Spruch aus dem Zarathustra: „Man muss noch Chaos in sich haben, um einen tanzenden Stern gebären zu können.“

    Auch im Taoismus ist das Yin im direkten Aufeinandertreffen stärker als das Yang: Wasser schlägt Feuer.

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