Pädagogik

Die Massenuniversität frisst ihre Kinder

Der Althistoriker Michael Sommer beschreibt in einem WELT-Beitrag den Niedergang der Bildung in Deutschland, der nun durch die KI-Welle noch einmal beschleunigt wird. 

Zitat: 

Die Umorientierung der jungen Leute – weg von Ausbildungsberufen, rein in die Hochschulen – bekamen nicht nur die Arbeitgeber zu spüren, sie veränderte auch die Universitäten nachhaltig. Viele angehende Studenten glaubten nur zu gerne, was ihnen Politik und Elternhäuser versprachen: dass das Studium die Eintrittskarte für ein besseres Leben, vor allem besser bezahlte Jobs sein würde. Die Motivation, mit der Abiturienten ein Studium aufnehmen, hat sich so grundlegend gewandelt wie die Fertigkeiten, mit denen sie in die Hochschule kommen. Die intrinsische Motivation, sich auf Wissenschaft einzulassen, ist der extrinsischen Motivation gewichen, durch das Studium von der vermeintlichen Pole Position in den Arbeitsmarkt zu starten.

Die Politik hat – europaweit – auf die gewandelte Rolle der Universitäten reagiert, indem sie mit der Bologna-Reform das Studium in eine Prüfungsrallye umfunktioniert hat. Im Vordergrund steht statt sperriger Inhalte und Methoden das Sammeln von Zertifikaten, die den Absolventen als formal qualifiziert ausweisen. Weil aber die Grundbedingung der Studierfähigkeit mittlerweile bei mehr als der Hälfte der Studienanfänger nicht mehr oder nur noch zum Teil gegeben ist, verkommt das Zertifikatesammeln zur Farce. Alle wissen es, aber die Hochschulen sind willige Komplizen, weil sie ihre Größe und relative Finanzkraft den Studentenarmeen verdanken, die sie bis zum Examen durchschleusen.

Die Künstliche Intelligenz ist jetzt der Lackmustest für die Massenuniversität. Dass Professoren zurecht fürchten, von einer neuen, die Plagiatswelle noch übertreffenden Betrugslawine überrollt zu werden, ist im Grunde die Anerkenntnis dessen, dass die Universitäten heute ein dysfunktionales System sind und den Test nicht bestanden haben. Denn zum Betrügen gehören außer der KI noch zwei: Studenten, die sich Zertifikate erschleichen, und Professoren, die sie damit durchkommen lassen.

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„Das Leben der Eltern ist das Buch, in dem die Kinder lesen“

Der Neurobiologe Martin Korte hat in der FAZ beschrieben, warum gerade Kinder so anfällig für Social-Media-Angebote sind. Dabei geht es nicht nur um Dopamin und Sucht, sondern auch um die Vorbildfunktion der Eltern. Korte plädiert dafür, dass die Eltern viel Zeit spielerisch mit den Kindern verbringen und dabei die Smartphones ausgeschaltet bleiben.

Zitat (FAZ, 09.03.2026, Nr. 57, S. 18):

Ganz im Sinne von Augustinus’ Ausspruch „Das Leben der Eltern ist das Buch, in dem die Kinder lesen“ gilt aber, dass es nicht nur darum geht, wie viel Bildschirmzeit Kinder haben, sondern auch, was die Erziehungsberechtigten um sie herum für ein Mediennutzungsverhalten an den Tag legen. Bemerkenswert in diesem Kontext ist eine Studie von Chen Yu von der Indiana-Universität in den Vereinigten Staaten. Diese hat ergeben: Je konzentrierter die Eltern nur eine Sache anschauten (ohne Unterbrechungen!), umso konzentrierter waren auch die eigenen Kinder. Die Studie zeigte auch, dass Kinder umso schneller Spiele abbrechen, je häufiger die Eltern auf ihre Handys schauten. Kinder imitieren nicht nur das Onlineverhalten ihrer Eltern. Auch wie konzentriert sie versuchen, bei einer Tätigkeit zu bleiben, wird beeinflusst durch das, was ihre Eltern ihnen vorleben. Gerade das Spielen mit Kindern profitiert, wenn es ausschließlich stattfindet, also auch aufseiten der Eltern nicht gleichzeitig mit etwas anderem. Aber der Einfluss der digitalen Mediennutzung der Erziehungsberechtigten geht noch weiter: In einer Studie mit knapp 200 Eltern-Kind-Beziehungen über einen sechsmonatigen Beobachtungszeitraum zeigte sich eindeutig: Je mehr Zeit Eltern an Bildschirmen verbringen, umso aggressiver und unruhiger waren zweijährige Kinder, vor allem wohl, um die Aufmerksamkeit der Eltern zu erregen. Studien haben außerdem erbracht, dass die Schulleistung generell um sechs Prozent steigt, wenn Eltern die Handynutzung einschränken, unter schwächeren Schülern sogar um 14 Prozent.

Warum ist die Zeit des freien Spielens, der Interaktion mit Kindern und deren Chance, freie Zeit für sich und Freunde zu haben, so wichtig? Ein Grund liegt darin, dass Kinder darin geschult werden, selbst zu entscheiden und Aspekte ihres Lebens mitzugestalten; all das steigert die Selbstkompetenz. Die PISA-Studie definiert Selbstkompetenz als „selbständiges Handeln, das den Einzelnen in die Lage versetzt, sein Leben durch eigenständiges Kontrollieren der Lebens- und Arbeitsbedingungen auf verantwortungsvolle und sinnvolle Weise zu gestalten“. Die neueste PISA-Studie aus dem Jahr 2025 zeigt, dass gerade in Deutschland die Selbstkompetenz und Selbstwirksamkeit, der Glaube an die eigene Fähigkeit, mit Lernsituationen effektiv umgehen zu können und Schwierigkeiten zu überwinden, unter Jugendlichen sinkt. Diskutiert werden müsste, ob auch dies mit einem zunehmenden Medienkonsum in dem Sinne zusammenhängt, als dass dadurch bedingt weniger Zeit für freies kreatives Spielen vorhanden ist.

Die Abwärtsspirale bei den Bildungsleistungen

Was Heiko Schmoll heute in der FAZ schreibt, klingt schon wie ein Offenbarungseid. Die Reformpädagogik mit ihrer Bedürfnisorientierung und dem Kompetenzetwicklungswahn hat den Weg frei gemacht für die Verblödung und Infantilisierung der Gesellschaft. Und sie hat auch den wirtschaftlichen Absturz vorbereitet, der nämlich sehr viel mit Neugier und Leistungswilligkeit zu tun hat. 

Hier ein Auszug aus „Abwärtsspirale im Deutschunterricht“ (FAZ, 20.01.2026, Nr. 16, S. 1):

Eigentlich waren die Klassiker in einfacher Sprache für den Deutschunterricht an allen Schulen gedacht, aber nicht für die Gymnasien. Inzwischen nutzen Deutschlehrer sie auch für die Oberstufe des Gymnasiums. Denn das in vielen Ländern mehr oder weniger zugangsfreie Gymnasium ist längst zu einer Art Einheitsschule geworden, die mit unterschiedlichsten Schülern und Sprachniveaus zurechtkommen muss. Wie sehr auch die Gymnasien in den Sog der Abwärtsspirale bei den Bildungsleistungen geraten sind, hat der letzte Ländervergleich des Instituts zur Qualitätsentwicklung im Bildungswesen gezeigt.

Im Unterschied zum Englischunterricht, den Schüler wegen der vielen filmischen und aktuellen Zugänge attraktiv finden, wird der Deutschunterricht als langweilig und angestaubt empfunden. In beiden Fächern ist die Lektüre von bestimmten Klassikern in vielen Ländern nicht mehr verpflichtend. Goethes Faust I (von Faust II ganz zu schweigen) ist häufig aus den Lehrplanempfehlungen ebenso verschwunden wie Shakespeare – selbst im Leistungsfach Englisch.

Oft genug wird Literatur nicht als eigener Inhalt oder ästhetische Kategorie gesehen, sondern funktionalisiert. Literarische Texte werden analysiert, um sprachliche, kommunikative und mediale Fähigkeiten einzuüben. Hinzu kommt, dass der Deutschunterricht als Querschnittsfach gesehen wird. So steht etwa im Kernlehrplan Nordrhein-Westfalens nicht nur Literatur im Mittelpunkt, sondern auch Menschenrechtsbildung, Werteerziehung, Demokratieerziehung, Bildung für die digitale Welt oder für nachhaltige Entwicklung.

Dabei bietet die Schule für die meisten Schüler die einzige Möglichkeit, die Hürde zu einer fremd wirkenden sprachlichen Welt zu überwinden. Die erste Lektüre eines klassischen literarischen Textes erfordert Anstrengung, mehrfaches Lesen, Sicheinlassen auf eine andere, neue Welt, sich auf eine gedankliche Erkundung zu begeben.

Warum eigentlich trauen Lehrer ihren Schülern immer weniger zu, obwohl die Bildungsforschung erwiesen hat, dass niedrigere Erwartungen auch zu schwächeren Leistungen führen? Warum entwickeln viele so wenig Phantasie, wenn es darum geht, Schülern Zugänge zu Klassikern zu schaffen?

Das Ende der bedürfnisorientierten Erziehung?

Der Bildungspsychologe Marcus Hassel ist davon überzeugt, dass die sogenannte bedürfnisorientierte Erziehung von Kindern Verhaltensauffälligkeiten eher fördert. Zwischen den Zeilen kann man heraushören, dass eine Erziehung, die sich vorwiegend an der Bedürftigkeit orientiert, Menschen nicht auf Wirklichkeit vorbereitet. Die Laissez-faire-Pädagogik oder die Reformpädagogik einschließlich der Inklusionsagenda haben ihre Versprechen nicht eingelöst.

Ein Zitat: 

Ich hatte vor zwei Wochen eine Fortbildung für Grundschullehrkräfte, da kam hinterher eine Lehrerin zu mir und sagte, ich sei ja Entwicklungspsychologe und sie hätte mit ihrem dreijährigen Sohn solche Probleme. Er würde immer nur treten und kratzen. In der Erziehungsberatung habe man ihr gesagt, sie müsse klare Regeln setzen und das Kind dann auch mal festhalten, so lange, bis es sich beruhigt hat und dann mit ihm sprechen. So was wollte sie aber nicht machen. Und da habe ich ihr gesagt, als Grundschullehrerin müsste sie doch eigentlich wissen, dass man von Anfang an Regeln setzen und sanktionieren müsste, wenn diese nicht eingehalten werden. Meine Sorge ist, dass die Kita-Philosophie, die letztlich die Laissez-faire-Philosophie der 70er-Jahre repräsentiert, in die Grundschule schwappt, und das hilft unserem Bildungssystem und den Kindern überhaupt nicht.

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Bildschirmzeit verändert Konzentrationsfähigkeit von Kindern

Kinder verbringen heute mehr Zeit mit Smartphones, Tablets und Co. als früher (als ich meinen ersten Computer gekauft habe, war ich schon über 20 Jahre alt). Viele Eltern fragen sich, welche Auswirkungen die Bildschirmmedien auf die Entwicklung ihrer Kinder haben. Die Psychologin Tanja Poulain hat genau das in einer Studie untersucht. Die Ergebnisse sollten Eltern kennen.

Hier Auszüge aus einem Interview, das sie der WELT gegeben hat:

Die meisten Kinder und Jugendlichen nutzen heute zu oft elektronische Medien. Dass ihre Aufmerksamkeitsleistung dadurch sinkt, ist nur ein Effekt. Mehrere Studien haben gezeigt, dass ein höherer Gebrauch solcher Medien auch mit geringerem Wohlbefinden, schlechterem Schlaf oder schlechteren Schulleistungen einhergeht. Was hier was bedingt ist nicht ganz klar. So könnte es umgekehrt auch sein, dass Kinder, die sich ohnehin schlecht konzentrieren können oder denen es nicht gut geht, eher besonders oft elektronische Medien nutzen. Trotzdem ist davon auszugehen, dass das Reduzieren der Bildschirmzeit zumindest nicht schädlich wäre.

Oft reflektieren Eltern dabei die eigene Mediennutzung. Meist sind sie nicht viel besser als ihre Kinder. Auch die Mutter oder der Vater würden die Zeit, in denen sie Bildschirmmedien nutzen, dann verbindlich einschränken. Einige Kinder würden sicherlich sagen, es wäre schön, wenn meine Eltern weniger vor dem Tablet oder Smartphone hängen und wir mehr zusammen machen. Eine einfache Regel wäre: Beim Familienessen schaut niemand aufs Handy.

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Ganztages-Krippe in der Kritik

Unter der Leitung der Bildungswissenschaftlerin Veronika Verbeek kritisiert der Aufruf „Kita-Kindeswohl-im-Blick“ die von oben gewünschte Ganztagsbetreuung von Kleinkindern. Behauptet wird, dass die unter Dreijährige Schaden nehmen, wenn sie acht Stunden am Tag in der Kita sind? 

Diese Kritik hat nun Fachverbände auf den Plan gerufen, die den Leuten hinter „Kita-Kindeswohl-im-Blick“ unterstellen, Unsicherheit schüren und rechte Strömungen  fördern zu wollen. Zitat aus einer Stellungnahme der Alice Salomon Hochschule Berlin

Fehldarstellungen des Aufrufs begünstigen rechte Strömungen, schüren Unsicherheit bei Eltern und Pädagog_innen

Mehrere wissenschaftliche Fachverbände der frühen Kindheit kritisieren den Aufruf „Kita-Kindeswohl-im-Blick“ eines nicht näher benannten Aktionsbündnisses, vertreten von Veronika Verbeek, scharf. Der Aufruf nutzt verkürzte, irreführende, wissenschaftlich unhaltbare und falsche Darstellungen, die Verunsicherung bei Fachkräften und Eltern schüren. „In der Begleitung von Kitas erleben wir, wie pädagogische Teams auf wissenschaftlicher Basis qualitätsvolle Kita-Praxis gestalten und sich weiterentwickeln – unbelegte Pauschalkritik wie der Aufruf von Frau Verbeek verunsichert Eltern, entwertet die Arbeit der Fachkräfte und behindert eine konstruktive Weiterentwicklung der frühen Bildung“, sagt Anne-Katrin Pietra, 2. Vorsitzende des Bundesnetzwerks Fortbildung und Beratung in der Frühpädagogik e.V.. Durch pauschalisierende Kritik an Krippenbesuchen und der undifferenzierten Forderung nach „mehr Anleitung von Kindern“ in Kindertageseinrichtungen bietet er rechten Strömungen eine Plattform für autoritäre Pädagogik.

Die im Aufruf geäußerten Positionen, die sich auf Verbeeks problematisches Buch „Die neue Kindheitspädagogik“ stützen, stellen einen nicht haltbaren Rückschritt dar und untergraben die seit über zwei Jahrzehnten etablierte wissenschaftliche Expertise und reflektierte Vielfalt in der Pädagogik der frühen Kindheit im deutschsprachigen Raum.

Hannah Lühmann warnt in der WELT vor einer ideologischen verstellten Diskussion. Es gibt sehr wohl starke Gründe dafür, dass Kleinkinder zu Hause betreut werden. Wer Pädagogen, die das Kinderkrippen-Modell für problematisch halten, einfach in die rechte Ecke schiebt, macht es sich viel zu einfach. Zitat:

Natürlich macht das Angst. Wer sich als Frühbetreuung in Anspruch nehmendes Elternteil in die Untiefen der Internetrecherche begibt, bekommt schnell Puls. Denn es sind keineswegs nur auf alternativen Irrwegen herumgeisternde Waldorfmütter und Tradwives, die den modernen Lebensentwurf der Doppelverdienerfamilie infragestellen. Die schmerzhaft relevante Frage, ob es Kindern unter drei Jahren schadet, einen großen Teil ihres Tages in Betreuungseinrichtungen zu verbringen, ist, so scheint es, nicht eindeutig zu beantworten.

Wer sich ein wenig mit der Materie beschäftigen will, dem sei die Lektüre der sogenannten NICHD-Studie aus den frühen 1990ern angeraten. Auch die Internetseite der jeglicher reaktionärer Bestrebungen unverdächtigen Gesellschaft für frühkindliche Bildung ist hoch aufschlussreich. Bezieht man unvoreingenommen alle Forschung ein, die es zu diesem Thema gibt, erscheint es unausweichlich, anzuerkennen: Die umfangreiche außerfamiliäre Betreuung von unter Dreijährigen ist zumindest ein Unterfangen mit Risiken. In der immer häufiger stattfindenden Variante, bei der Kinder von ihren berufstätigen Eltern um 8 Uhr in die Kita gebracht und erst um 17 wieder Uhr abgeholt werden, scheint sie besonders problematisch. 

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Worüber redet die Evangelische Theologie?

Eve-Maria Becker (Universität Münster) nutzt die Diskussion um eine Vereinfachung des Theologiestudiums (vgl. hier), um zu fragen, worauf sich die Expertise evangelischer Theologen in Zukunft gründen möchte, wenn das exegetische Studium der Heiligen Schrift zurückgefahren werden soll (FAZ, 01.10.2025, Nr. 228, S. N3):

Aus Sicht der Bibelwissenschaften verdecken die gegenwärtigen Diskussionen um das Studienformat den inneren Kern der Kontroverse. Denn in der Sache geht es weniger um Studienmodelle als um die Frage, was künftig vom Studium der Evangelischen Theologie fachlich zu erwarten ist. Worauf soll sich die Expertise Evangelischer Theologen gründen? Auf welches Text- und Lesespektrum sollen ihre hermeneutischen Deutungskompetenzen so gerichtet sein, dass sie zum brennenden Thema des Gottes- und Glaubensverlustes oder zur Zukunft von christusglaubenden Gemeinschaften in gesellschaftlichen Minoritätssituationen sachgerecht Auskunft geben können? Diese und andere Herausforderungen sind wie kaum irgendwo sonst in den Texten der biblischen Literatur deutlich benannt und vorgeprägt. Der vertiefte Blick in die Bibel und ihre Ausleger wie Origenes, Hieronymus, Augustinus, Luther oder Schleiermacher führt in die Gegenwart theologischen Denkens und Arbeitens.

 

„Die Krippenlüge“

Junge Familien, die ihre Kinder noch selbst erziehen oder erst nach dem 3. Lebensjahr in den Kindergarten schicken, geraten oft unter Druck. Dabei gibt es sehr starke Gründe dafür, Kinder nicht zu früh in die Fremdbetreuung zu entlassen. Die Psychologin und ehemalige Kita-Leiterin Anke Ballmann schildert für DIE WELT die drastischen Zustände in der Betreuungskrise. Besonders für Kleinkinder drohten dadurch langfristige Entwicklungsstörungen.

Hier zwei Zitate:

Anke Ballmann fährt gerade im Großraum München von Kita zu Kita und nimmt im Auftrag des bayerischen Sozialministeriums Prüfungen für Quereinsteigerinnen ab, die sich im Schnellverfahren zur pädagogischen Fachkraft ausbilden lassen. In den vergangenen 20 Jahren hat sie als Ausbilderin die Tagesabläufe in mehreren Hundert Kitas verfolgt. Qualitativ gute Kitas seien leider die Ausnahme, schreibt sie in ihrem Buch „Die Krippenlüge“ und fordert, Eltern besser aufzuklären darüber, was besonders eine frühkindliche Betreuung von Kindern unter schlechten Bedingungen anrichten kann.

Erst im dritten Lebensjahr beginnen Kinder, Beziehungen zu Gleichaltrigen zu entwickeln. Vorher spielen sie eher nebeneinander – Parallelspiel–, lernen dabei aber schon durch Beobachtung. Richtiges Miteinander-Spielen, Aushandeln, Teilen und Konfliktlösen entwickelt sich erst im Vorschulalter. Das heißt: Der viel zitierte Sozialisationsvorteil einer sehr frühen Krippenbetreuung ist ein Mythos. Für die soziale Kompetenz ist entscheidend, dass ein Kind zunächst ausreichend Sicherheit, Sprache und Selbstregulation entwickelt.

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Strenge als Ausdruck von Liebe

Katharine Birbalsingh gilt als Großbritanniens strengste Direktorin. Ihre Schüler aus dem Problemviertel sind allerdings heute Elite. Wie kann das gelingen. Mit Geradlinigkeit und Disziplin.

Ich zitiere (DIE ZEIT, 03.07.2025, Nr. 28, S. 31):

Die Michaela School ist keine dieser teuren privaten Anstalten mit Kricketplatz, Schwimmhalle oder neogotischen Speisesälen, wie es sie in England häufig gibt. Die rund 700 Schülerinnen und Schüler sind in einem hässlichen sechsstöckigen Zweckbau-Brocken in Wembley untergebracht. Der Bezirk ist einer der ärmsten Stadtteile der britischen Hauptstadt. Weniger als ein Drittel seiner Einwohner sind in Großbritannien geboren. Der asphaltierte und hoch umzäunte Pausenhof ist ein ehemaliger Parkplatz, daneben verläuft eine Bahntrasse.

Was man über die Schule auch noch wissen muss: Sie war in den vergangenen drei Jahren eine der erfolgreichsten Großbritanniens. Laut dem Fortschrittsindex, den die britische Schulaufsichtsbehörde Ofsted ermittelt, erreichen die MichaelaAbsolventen den größten Leistungszuwachs in der Altersgruppe der elf- bis sechzehnjährigen Schülerinnen und Schüler. Zuletzt schafften es 80 Prozent von ihnen an eine britische Elite-Universität.

Wie macht die Schule das? In Birbalsinghs Büro begrüßt Russell Crowe den Besucher mit einer Antwort in drei Worten. Direkt neben dem Schreibtisch der Direktorin steht ein Pappaufsteller des Schauspielers als Gladiator aus dem gleichnamigen Film. Darauf ist ein Schriftzug angebracht: »Hold the line.« Die Stellung halten, damit meint Birbalsingh, dass Lehrkräfte oder Eltern niemals einknicken dürften vor den Kindern. Nie dürften sie in den einfachen Ausweg flüchten oder falsche Nachsicht üben. »Wenn ein Kind dich mit großen Augen anschaut, möchte man ihm natürlich am liebsten seine Wünsche erfüllen. Aber wenn man das andauernd tut, dann werden aus diesen Kindern Erwachsene, die man nicht mehr so nett findet.« Erwachsene, meint sie damit, die glauben, auf alles einen Anspruch zu haben, egal, was sie dazu beitragen. Nach Birbalsinghs Ansicht äußert sich in Strenge vor allem deswegen Liebe, weil sie zu Chancengerechtigkeit führe. »Wir haben hier viele Kinder aus Verhältnissen, in denen es zu Hause keine Bücher gibt, wo beim Essen nicht über Politik gesprochen wird oder man sonntags nicht ins Museum geht. Die Kinder sind also allein auf die Schule angewiesen, um das zu lernen, was sie für ein erfolgreiches Leben brauchen.« Wenn Lehrer ihnen das nicht böten, aus Angst, zu viel von ihnen zu erwarten, dann schadeten sie genau damit am Ende den Kindern.

Bildungsverfall an den Hochschulen

Frau Prof. Gülbay-Peischard beklagt die fehlende Leistungsbereitschaft an den Hochschulen. Die Wertschätzung von Bildung gehe selbst im universitären Umfeld verloren. Was sie besonders ärgert: Studenten schämen sich nicht dafür, ihre Hausarbeiten von künstlicher Intelligenz schreiben zu lassen. 

Ein paar Zitate: 

Ich würde niemandem Dummheit unterstellen. Aber ein großer Teil der Studenten ist tatsächlich unambitioniert. Aus meiner Sicht wird eine Bildungschance vertan, wenn Bildung nicht als Zweck des Studiums begriffen wird, sondern es nur darum geht, so schnell wie möglich durch diesen Parcours durchzukommen. Wenn ich auf Instagram lese, dass Studenten sich gegenseitig KIs empfehlen, mit denen die Hausarbeiten geschrieben werden, dann kann ich nur sagen: Leute, ihr verkennt den Zweck einer Hausarbeit. Natürlich geht es einerseits darum, einen Schein zu machen. Aber vor allem geht es darum, sich die Skills zu erarbeiten, die mit einer erfolgreichen Hausarbeit einhergehen: Recherchieren eines unbekannten Themas, das Strukturieren eines eigenen Vortrags und Zeitmanagement. All das fällt weg, wenn ich die KI etwas schreiben lasse. Und das fehlt den Absolventen dann im Beruf.

Tatsächlich an einer gewissen Bereitschaft, sich Stress und Leistung auszusetzen, den inneren Schweinehund zu überwinden. Viele lassen sich viel zu leicht ablenken. Es gibt Sachen, die machen wir nicht gerne. Aber es wird nicht besser, wenn wir sie aufschieben. Dieses Durchhaltevermögen fehlt vielen Studenten. Manche überschätzen sich zudem gnadenlos selbst.

Und in der Schule kommt noch dazu, dass Eltern dies geradezu fördern, indem sie jede schlechte Note kritisieren und bekämpfen, statt dem Kind zu sagen: Na ja, wenn du eine Fünf bekommen hast, hast du offensichtlich nicht genug gelernt. Stattdessen werden die Lehrer angegangen und im Zweifel sogar über das Schulamt Druck gemacht. Warum sollten Lehrer sich das antun?

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