Zitate

Dane Orlund: 39 Predigtregeln

Dane Ortlund, Autor von Gütig und Sanft sowie Tiefer (#ad), hat seine 39 Predigtregeln, nach denen er jede Predigt zu gestalten versucht, veröffentlicht. Mit seiner freundlichen Genehmigung darf ich sie hier wiedergeben: 

  1. Jesus predigte Frieden (Eph 2,17); sei kein besserer Prediger als Jesus.
  2. Predige zuerst dir selbst.
  3. Predige aus deinem Herzen, nicht nur zu ihren Herzen.
  4. Nutze deine eigene Notlage.
  5. Wie sehr musst du die Menschen hassen, um sie beeindrucken zu wollen, anstatt ihnen zu helfen?
  6. Ein durchgängiger Ton der Ermutigung.
  7. Lebendige Bilder. Innerlich, sinnlich. Wenig Rot mit Analogien.
  8. Sie sind verzweifelter, als sie zeigen.
  9. Die Kraft liegt im Wort, nicht in deiner Klugheit.
  10. Der Geist wirkt mit deiner Schwäche und deiner Not, nicht mit deiner Stärke und Ihrer Vollkommenheit.
  11. Denke dich satt, bete dich strahlend.
  12. Sei konkret, nicht abstrakt.
  13. Konkretheit vermittelt Universalität.
  14. Sei klar. Lewis: Schafe. Wenn du ihnen einen Weg zum Missverständnis bietest, werden sie ihn nehmen.
  15. Sei einfach, aber nicht simplistisch.
  16. Streiche alles Überflüssige gnadenlos.
  17. Lächle. Und meine es ernst. Predigen ist ein Akt pastoraler Liebe.
  18. Lehre allein reicht nicht aus, aber die Menschen wollen die Lehre kennenlernen.
  19. Zeige regelmäßig etwas von deiner eigenen Schwäche.
  20. Teilen ihnen deine neuen exegetischen Entdeckungen mit.
  21. Verlange nicht von Adjektiven, die Arbeit zu leisten, die Verben leisten sollten.
  22. Mache das Evangelium an einer Stelle deutlich.
  23. Es sind sowohl Ungläubige als auch Gläubige anwesend.
  24. Es sind sowohl eifrige als auch stagnierende Gläubige anwesend.
  25. Denke an die Kinder und spreche sie direkt an.
  26. Spreche mit deiner natürlichen Alltagsstimme; widerstehe jeder Form der „Predigerstimme”.
  27. Gehe mit Einwänden um.
  28. Wenn du unsicher bist, ist kürzer besser.
  29. Höre mit der Predigt auf, solange du noch Zuhörer hast.
  30. Du siehst nicht so glücklich aus, wie du bist; strecke dich also nach Freude aus.
  31. Wenn sie sich von dir geliebt fühlen (vgl. Phil 4,1), werden sie mit dir leiden (vgl. Phil 4,14).
  32. „Wir werden dich noch einmal darüber hören“ (Apg 17,32). Wecke ihr Interesse an Jesus, auch wenn sie sich noch nicht in seine Arme geworfen haben.
  33. Lass deine Hauptpunkte nicht auf andere Texte in der Bibel übertragbar sein.
  34. Verlangsame das Tempo, um jedes einzelne Wort des Textes wahrzunehmen – was er sagt und was er nicht sagt.
  35. Beruhige dich und seien du selbst.
  36. Sei ein Landwirt, kein Penny-Stock-Händler. Crockpot (elektrischer Schongarer), keine Mikrowelle.
  37. Gebrauche keine Beredsamkeit, gebrauche lieber Ausstrahlung.
  38. T.F. Tenney: „Predige jede Predigt so, als säße dein Sohn in der letzten Reihe und gäbe der Kirche eine letzte Chance.“
  39. Tinktur. Gib ihnen einen Vorgeschmack darauf, wie Jesus selbst ist. Rutherford.

Natürliche Freiheit versus moralische Freiheit

Robert Bellah, Richard Madsen et al. schreiben in Gewohnheiten des Herzens über den Puritaner John Winthrop (Bund-Verlag, 1987, S. 53):

Die Puritaner waren nicht uninteressiert an materiellem Wohlstand und werteten ihn unglücklicherweise als ein Zeichen der Belohnung durch Gott Dennoch war ihr grundlegendes Erfolgskriterium nicht der materielle Reichtum, sondern der Aufbau einer Gemeinschaft, in deren Mittelpunkt ein genuin ethisches und geistiges Leben stand. Während seiner zwölf Amtsperioden als Gouverneur widmete sich Winthrop, ein für die damalige Zeit relativ reicher Mann, vor allem der Aufgabe, für die Wohlfahrt der Kolonie zu sorgen. Er verwendete dazu oft auch eigenes Geld für öffentliche Zwecke. Gegen Ende seines Lebens mußte er sein Gouverneursamt aufgeben, weil sein vernachlässigtes Landgut vom Bankrott bedroht war. Die puritanischen Siedlungen des 17. Jahrhunderts können als der erste Versuch verstanden werden, eine utopische Gemeinschaft in Amerika zu schaffen. Viele ähnliche Projekte folgten. Sie gaben dem amerikanischen Experiment insgesamt eine utopische Färbung, die nie ganz verblaßte, auch wenn die Utopien scheiterten.

Für Winthrop war Erfolg viel ausdrücklicher an die Stiftung einer ethischen Gemeinschaft gebunden, als es für die meisten Amerikaner heute der Fall ist. Seine Freiheitsidee unterscheidet sich mehrfach von der unserer Gegenwart. Er wandte sich gegen die von ihm so genannte „natürliche Freiheit“, unter der er die Freiheit des Menschen verstand, zu tun, was er will, ob es nun böse oder gut sei. Dagegen sei wahre Freiheit, die er auch „moralische“ Freiheit nannte, „in Ehrfurcht vor dem Bund zwischen Gott und den Menschen, (…) dem Guten, Gerechten und Ehrenvollen“ verpflichtet. „Für diese Freiheit“, so sagte er, „müßt ihr mit dem Wagnis eures Lebens einstehen.“ Jede Autorität, die diese Freiheit verletzt, ist keine wahre Autorität und muß beseitigt werden. Hier betont Winthrop wieder den ethischen Kern seiner Freiheitsidee, den andere Traditionen in Amerika nicht anerkannt haben.

In ganz ähnlicher Form war Gerechtigkeit für Winthrop ein grundsätzliches Anliegen und nicht nur eine Frage des Verfahrens. Cotton Mather beschreibt Winthrops Regierungsstil folgendermaßen: „Er hat als Gouverneur äußerst gründlich ein Buch studiert, das, obwohl es vorgab, Politik zu lehren, nur drei Blätter enthielt. Auf jedem dieser Blätter stand nur ein Wort, und das hieß ‚Mäßigung‘.“ Als ihm während eines besonders langen und harten Winters berichtet wurde, ein armer Mann aus seiner Nachbarschaft hätte Holz bei ihm gestohlen, rief Winthrop ihn zu sich und teilte ihm mit, daß er wegen der Strenge des Winters und seiner Bedürftigkeit die Erlaubnis erhalte, für den Rest der kalten Jahreszeit Winthrops Holzvorräte mitzubenutzen. Freunden erzählte er, diesen Mann habe er gründlich vom Stehlen kuriert.

Selbstfürsorge ist keine Sabbatruhe

Noch ein starkes Zitat aus Brad Edwards’ Buch The Reason for Church (Zondervan, 2025, S. 21–22):

Wie die Kirche im Allgemeinen betrachtet auch der spirituelle Pragmatismus den wöchentlichen Gottesdienst nur als ein Werkzeug in unserem Werkzeugkasten, um unsere spirituellen Bedürfnisse zu befriedigen. Sicher, wir könnten in die Kirche gehen, es sei denn, wir sind zu müde und müssen ausschlafen, oder unsere Kinder haben ein Fußballspiel, oder wir hatten eine lange Woche und brauchen einfach etwas Zeit für uns selbst. Nach einer langen Woche der Selbstverwirklichung fühlt sich der Gang zur Kirche eher wie Arbeit an, nicht wie Erholung. Wir könnten sogar Jesu Lehre zitieren, dass „der Sabbat für den Menschen gemacht ist und nicht der Mensch für den Sabbat“ (Markus 2,27), um zu rechtfertigen, dass wir uns mit einem Wochenende in den Bergen spirituell erholen wollen. Als Zugezogener in Colorado kann ich diese Versuchung gut nachvollziehen, glauben Sie mir. Aber Selbstfürsorge ist keine Sabbatruhe. Jesus lädt uns zu mehr als nur zur Ruhe von der Arbeit ein; der Sabbat ist auch eine Ruhe „für den Herrn, deinen Gott“ (2. Mose 20,10, Hervorhebung hinzugefügt). Der Sabbat ist Ruhe in und durch Gottes Anbetung unter Gottes Volk. Der wöchentliche Sabbat (Ruhe durch Anbetung) wird wie ein Fernglas Gott in unserem Leben vergrößern und unseren Blick mit seiner Herrlichkeit erfüllen. Umgekehrt betrachtet der spirituelle Pragmatismus die Anbetung durch ein Fernglas rückwärts: Er minimiert Gott, indem er unser Wohl statt seiner Herrlichkeit zum Maßstab für unsere wöchentliche Anbetung macht. Eine selbstverwirklichende Anbetung wird sich überhaupt nicht erholsam anfühlen, und ein Sabbat ohne Anbetung ist nur Erholung und Entspannung. Beides ist nicht das lebensspendende Geschenk, das Gott mit dem Sabbat beabsichtigt.

Die Gemeinde ist kein Unternehmen, sondern der Leib Christi

Zwei starke Zitate aus Brad Edwards’ Buch The Reason for Church, das bei CT zum Buch des Jahres gekührt wurde (Zondervan, 2025, S. xvi u. 14):

Zu Beginn meiner Tätigkeit als Pastor dachte ich, dass es am schwierigsten sein würde, Nichtchristen davon zu überzeugen, dass Gott existiert. Es war jedoch um ein Vielfaches schwieriger, jemanden davon zu überzeugen, dass die Kirche etwas Gutes und Schönes ist. Ein Teil unserer Skepsis rührt von schlechten Erfahrungen mit der Kirche her, aber dies ist eher ein kulturelles Phänomen als ein individuelles oder persönliches. Misstrauen ist heute in unserer Gesellschaft die vorherrschende Haltung gegenüber allen Institutionen (einschließlich der Kirche). Da ich die Kirche nicht einmal als „Institution” wahrnahm – geschweige denn mir meiner eigenen Vorurteile gegenüber Institutionen bewusst war –, war ich völlig unvorbereitet darauf, unsere Gemeinde durch eine Zeit zu führen, die ich heute als den Beginn eines Zeitalters verstehe, das von unzähligen und oft widersprüchlichen Formen radikalen Individualismus geprägt ist. Obwohl es den Anschein hatte, als sei dieser Wandel während der Pandemie allmählich und dann plötzlich eingetreten, hatten sich die Anzeichen und Symptome der Veränderung bereits seit mehreren Jahren ausgebreitet. Ich habe sie nur nicht als solche erkannt.

Die Bestrebungen hinter der Seeker-Sensitivität waren zwar edel, doch ein Pragmatismus nach dem Motto „Was auch immer nötig ist“ erwies sich als Trojanisches Pferd. Wenn eine Institution (z.B. eine Kirche) unkritisch aktuelle kulturelle Normen und Moden übernimmt oder sich daran anpasst, kann sie unbeabsichtigt andere Annahmen einschleusen, die zunächst harmlos erscheinen, sich aber mit der Zeit als gefährlich erweisen. Ich habe mir große Mühe gegeben, den historischen Hintergrund, die wirtschaftlichen Kräfte und die Generationsdynamik zu beschreiben, um zu erklären, warum der Pragmatismus der Babyboomer natürlich zu Unternehmenswachstumsstrategien tendierte, ohne jedoch die nachgelagerten Konsequenzen vorherzusehen. Dieselben pragmatischen Strategien, die mehrere Jahrzehnte lang für explosives Wachstum sorgten, schmuggelten auch die Marktlogik in die Kirche.

Als nahezu perfekte Illustration dieses blinden Flecks soll Bill Hybels angeblich ein Zitat des Management-Gurus Peter Drucker direkt vor seinem Büro in der Willow Creek Community Church aufgehängt haben: „Was ist unser Geschäft? Wer ist unser Kunde? Was schätzt der Kunde?“ Eine solche Marktlogik ist für ein Unternehmen oder eine gewinnorientierte Gesellschaft völlig angemessen. Aber Kirchen sollten sich an der Logik des Reiches Gottes orientieren. Die Fragen, die vor Hybels Büro hingen, hätten lauten müssen: „Wer ist unser König? Was schätzt er? Wer müssen wir werden, um unseren Nächsten zu lieben?“

Märtyrer Pastor August Eckhardt

Professor Karl Heim beschreibt in seiner Autobiografie Ich gedenke der vorigen Zeiten die Christenverfolgung durch die Bolschewiken in Riga (im heutigen Lettland). Zum Märtyrertod von August Eckhard sagt er (Hamburg: Furche Verlag, 1957, S. 79–80):  

Ich wurde dort im Hause von Pastor August Eckhardt gastlich aufgenommen. Aber es lag damals schon über der Stadt Riga die unheimliche „Stille vor dem Gewitter“, das wenige Jahre darauf 1905 bis 1906 mit der baltischen Revolution beginnen sollte, um dann in der ersten und zweiten bolschewistischen Welle 1918/19, die durch den Namen des Märtyrers Traugott Hahn in der ganzen Christenheit bekannt ist, seine blutige Fortsetzung zu finden, und schließlich mit den schweren Opfern, die die Monate März bis Mai 1919 in Riga gekostet haben, zu seinem vorläufigen Abschluß kam. Pastor Eckhardt, der mich damals so freundlich in sein Haus ausgenommen hatte, sollte der letzten Welle der Verfolgung zum Opfer fallen, die im Mai 1919 über Riga ging. Schon in den Tagen, die ich in seinem Hause verbringen durfte, merkte ich ihm an, welche Stellung er zu der Frage einnehmen werde, vor die in der Zeit der drohenden Verfolgung jeder Geistliche gestellt wurde. Es war die Frage: Bleiben oder fliehen? Er sagte schon damals, was er ein Jahrzehnt später, als die drohende Verfolgung näherrückte, in einem Brief so ausdrückte: „Ich als Pastor halte das Bleiben für meine Pflicht sind Schuldigkeit … Was soll aus den andern werden, wenn alle die, welche ihnen noch Führer und Halt sein konnten, das Hasenpanier ergreifen?“

Er sollte dieses tapfere Wort bald genug in die Tat umsetzen müssen, als er während eines Gottesdienstes nach einer bedrückenden Stille auf die Kanzel eilte und der Gemeinde mitteilte, er sei verhaftet. Damals stimmte eine Frau das Lied „Ein feste Burg“ an, in das die Gemeinde einstimmt, während bewaffnete Männer durch das Seitenschriff des Doms eindrangen, um Eckhardt in das Zentralgefängnis abzuführen. Wenn ich recht berichtet bin, trat Eckhardt, als sein Name aufgerufen wurde, an der Spitze der Gemeinde seiner Getreuen in den Gefängnishof und stimmte mit ihnen den Vers an:

Laßt mich gehn,
laßt mich gehn, daß ich Jesum möge sehn.
Meine Seel ist voll Verlangen, ihn auf ewig zu umsangen
und vor seinem Thron zu stehn.

Die Mörder, die im Gefängnishof schon schußbereit hinter ihren Maschinengewehren standen, waren von diesem Gesang so beeindruckt, daß sie erst zu schießen wagten, als der Vers ausgesungen war. Dann erst krachten die Schüsse, die den Gefängnishof in eine Stätte des Todes verwandelten. Am Vorabend dieser gewaltigen Ereignisse durfte ich in der gastlichen Pfarrwohnung von Pastor Eckhardt weilen, in deren stillem Frieden kurz vorher ein Kind angekommen war.

Die Gefahren seelsorgerlicher Angebote in der Gemeinde

Ich bin ja nicht immer mit Stanley M. Hauerwas einer Meinung. Aber hier stimme ich ihm von Herzen zu: 

Der Pastor soll ein Verkündiger der Wahrheit sein, der den Getauften hilft, als Christen zu wachsen und zu überleben. Seelsorge soll die Aufgabe der gesamten Kirche sein.

Sowohl als akademische Disziplin als auch in der Praxis hat sich die Seelsorge auf die persönlichen Wunden von Menschen in fortgeschrittenen Industriegesellschaften fixiert, die entdeckt haben, dass ihrem Leben der Sinn fehlt. „Was habt ihr denn erwartet?“, möchte ich diese Menschen fragen. „Nehmt euch selbst nicht so ernst. Genießt es, dass euer Narzissmus besiegt wird, indem ihr in die eschatologische Mission der Kirche hineingezogen werdet, Zeugnis abzulegen für das Kreuz und die Auferstehung Christi.“ Das ist Seelsorge, die den Namen „christlich“ verdient.

Das Wunder des Glaubens

Der Philosoph Sebastian Ostritsch, der inzwischen für die TAGESPOST arbeitet, hat der HERDER Korrespondenz erzählt, wie er vom Hegelianer zum Katholiken wurde. Es begann mit Gebeten, dann wuchs der Zweifel an dem Glauben, dass die Vernunft alles ist. 

Zitat: 

Ich halte es inzwischen für eine grundlegende philosophische Einsicht, dass es Dinge gibt, die über die Vernunft hinausgehen. Das heißt nicht, dass sie unvernünftig sind, sondern übervernünftig, wenn man so will. Das Denken hat sich an der Wirklichkeit zu messen. Und es gibt eine Wirklichkeit des Glaubens. Der muss man als Philosoph gerecht werden, wenn man zum Beispiel Religionsphilosophie betreibt. Jürgen Habermas sagt von sich selbst, er sei religiös unmusikalisch. Das heißt: Ihm ist diese Wirklichkeit fremd. Wenn man aus einer solchen Perspektive über die Religion philosophiert, dann spricht man wie ein Farbenblinder über die Farbe.

Mehr: www.herder.de.

VD: ML

Jonathan Rauch: Die Kultur der Denunziation

Jonathan Rauch schreibt in Die Verteidigung der Wahrheit über die Verdampfung der Meinungsfreiheit und die gewollte Kultur der Denunziation (2022, S. 23–24): 

Als Angehöriger einer sexuellen Minderheit und langjähriger Verfechter von Schwulenrechten (und der Redefreiheit) hat es mich ganz besonders deprimiert zu sehen, dass sich eine zwar nicht repräsentative, aber lautstarke Minderheit von Transgenderaktivisten die Methoden der sozialen Einschüchterung zu eigen macht. Wie der britische Economist im August 2019 berichtete, „ist jede Diskussion von Transgenderfragen hochexplosiv“. Und wie Robby Soave in seinem Buch Panic Attack: Young Radicals in the Age of Trump aus demselben Jahr schrieb, „verurteilen viele der lautesten Trans-Stimmen, besonders in den Medien, jegliche Kritik an ihren Aktivitäten routinemäßig nicht nur als falsch, sondern als eine Art Übergriff“. Soave zitiert dort einen Professor mit den Worten: „Sie schaffen es, die Leute so zu verängstigen, dass sie lieber schweigen.“ Die Zielpersonen solcher Kampagnen können gesellschaftlich zu Aussätzigen werden – sie können ihren Ruf ebenso verlieren wie ihre Jobs oder ihre Unternehmen, ganz abgesehen von vielen ihrer Freundschaften und sozialen Kontakte. In zwischenmenschlicher und beruflicher Hinsicht laufen sie Gefahr, gecancelt zu werden, wie der neue Ausdruck dafür lautet.

Natürlich gehört es zum Zusammenleben dazu, sich selbst zu zensieren (wir nennen das „Höflichkeit“) – aber nicht, wenn dies den offenen Austausch und die offene Kritik im intellektuellen Leben der Universitäten beeinträchtigt. Denn gerade ein solcher Austausch und eine solche Art von Kritik sind ja die eigentlichen Gründe dafür, sich überhaupt dorthin zu begeben. In den 2010er-Jahren hatte sich ein unverkennbarer Wandel in diese Richtung vollzogen. Jonathan Haidt, ein prominenter Sozialpsychologe an der New York University (dessen Arbeit auch eine Inspirationsquelle für dieses Buch darstellt), sagte 2018 in einem Interview mit dem Radiomoderator Bob Zadek: „2015 breitete sich die Kultur der Denunziation im ganzen Land noch viel schneller aus. Ich würde sagen, dass sie in einem bestimmten Maße überall anzutreffen ist. Die Studierenden sind viel defensiver und fürchten sich viel stärker davor, mit der herrschenden Meinung nicht übereinzustimmen. Das Wesen des College als eines freien Ortes mit frei sich entfaltenden Diskussionen, wo man provokativ sein und die herrschenden Personen oder Ideen herausfordern kann, ist schwächer ausgeprägt, als es noch vor vier oder fünf Jahren der Fall war.“

Abraham Kuyper: Gott sind die Seelen der Sünder nicht gleichgültig

Abraham Kuyper schreibt zu Jesaja 57,16: „Denn ich will nicht immerdar hadern und nicht ewiglich zürnen; sonst würde ihr Geist vor mir verschmachten und der Lebensodem, den ich geschaffen habe.“ (To Be Near unto God, 1918, S. 8–10):

Ein Künstler, der Gemälde in einer Galerie ausstellt und feststellt, dass eines davon fehlt, kann nicht ruhen, bis es aufgespürt und an seinen Platz an der Wand zurückgebracht wurde. In ähnlicher Weise vermisst Gott die Seele, die in die Irre gegangen ist, weil er sie gemacht hat. Die schönen Gleichnisse vom verlorenen Groschen, dem verlorenen Schaf und dem verlorenen Sohn entsprangen im Geiste Christi dem Gedanken, dass Gott die Werke seiner Hände nicht loslassen kann. Deshalb überlässt er die Seelen der Sünder nicht gleichgültig der Verderbnis als Beute. Sie sind sein Werk. Und das macht die Bitterkeit der Sünde aus.

Wenn der oben erwähnte Künstler eines Tages beim Betreten der Galerie feststellen würde, dass ein wütender Eindringling in der Nacht seine Gemälde mutwillig mit einem Messer zerschnitten hätte, würde seine Bitterkeit keine Grenzen kennen, nicht nur, weil diese Gemälde als Kunstschätze zerstört worden wären, sondern auch, weil sie als Werke seiner eigenen Hände zerstört worden wären. Diese Form der Beleidigung ist Gott zugefügt worden. Die Seele, die er gemacht hat, ist innerlich durch die Sünde zerrissen worden und ist fast unkenntlich geworden. Und so oft wir der Sünde nachgeben, wird die Seele noch weiter verdorben. Es ist jedes Mal die Fortsetzung mit erhobener Hand des Werkes der Zerstörung der Seele, die Gott gehört, weil er sie gemacht hat.

Die Zerstörung der eigenen Seele oder der Seele seiner Kinder oder anderer durch Beispiel oder vorsätzliche Versuchung ist immer die Zerstörung eines göttlichen Kunstwerks, einer Schöpfung Gottes, die ihn in seinem eigenen Werk verwundet und die Spuren von ihm selbst darin verdirbt. Es ist, als ob ein Kind vor den Augen seiner Mutter verwundet und getötet wird. Es ist ein Trotz gegen die Liebe des Schöpfers zu seinem Werk. Es ist ein vorsätzliches Ärgern und Betrüben des Schöpfers in seinem empfindlichsten Punkt.

Für denjenigen also, dessen Herz rechtgemacht ist, hat dieses Wort des Herrn: „Die Seelen, die ich gemacht habe“, eine doppelte Bedeutung. Erstens den tröstlichen Gedanken, dass, wenn wir glauben, Gottes Zorn über die Seele, die er gemacht hat, nicht bis zum Ende andauern wird. Und andererseits impliziert es die hilfreiche Warnung, dass wir die Seele nicht durch das Verharren in der Sünde vergiften sollten, sondern dass wir sie pflegen, schonen und vor verderblichen Einflüssen schützen sollten, weil sie Gott gehört, weil er sie gemacht hat.

Sexualität in einer liberalen Marktgesellschaft

Noch nie war Sexualität so enttabuisiert wie heute. Gleichzeitig machen Dating-Apps und digitale Plattformen sie zunehmend zur Ware. Ein schöner Abschnitt aus dem Artikel „Sexualität in einer liberalen Marktgesellschaft“ von Peter Schallenberg und David Dekorsi (IDEA, Nr. 38, 19.09.2025, S. 38–40, hier S. 40): 

Noch nie waren Menschen so einsam Was heute als „Befreiung“ gefeiert wird, führt in Wahrheit zu Isolation. Noch nie war Sexualität so enttabuisiert, so frei verfügbar – und doch: Noch nie waren Menschen so einsam. Der Akt, der einst Ausdruck tiefster Verbundenheit war, wird zum Tauschgeschäft. Begegnungen bleiben flüchtig, Beziehungen verkommen zu Transaktionen. Dauer, Tiefe und Hingabe gelten inzwischen als naiv oder als Hindernis für persönliche Selbstverwirklichung. Was früher als wertvoll galt, wird heute entweder als romantische Illusion abgetan – oder durch Effizienz und Selbstoptimierung ersetzt.

Innere Tugend zum Klingen bringen Wahre Freiheit beginnt dort, wo wir Verantwortung übernehmen: für unser Begehren, unsere Entscheidungen, unsere Mitmenschen. Sie ist nicht die Freiheit von allem, sondern die Freiheit zu etwas – zum Guten, Wahren, Dauerhaften. In ihr liegt Würde. Nicht im schrankenlosen Zugriff auf Lustobjekte oder digitale Selbstinszenierung, sondern in der Entscheidung, zu lieben – statt zu (be)nutzen.

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