Gerhard Maier (1937–2026)
Der ehemalige württembergische Landesbischof Prof. Gerhard Maier (Tübingen) ist am 4. April 2026 im Alter von 88 Jahren verstorben. Er leitete die Evangelische Landeskirche in Württemberg von 2001 bis 2005, prägte den württembergischen Pietismus maßgeblich und galt als profilierter Vertreter einer an der Bibel orientierten Theologie.
IDEA schreibt:
International bekannt wurde Maier durch seine Veröffentlichungen, besonders durch das 1974 erschienene Buch „Das Ende der historisch-kritischen Methode“. Darin stellte er eine der Grundlagen moderner Theologie infrage. Maier betonte, dass die Anerkennung der Souveränität Gottes eine wesentliche Voraussetzung angemessener Bibelauslegung sei.
Mit der Bibelkritik habe die evangelische Theologie einen „verheerenden Fehlweg“ eingeschlagen, weil sie die Bibel nicht mehr als „das wahre Wort des lebendigen Gottes“ anerkenne. Die Heilige Schrift sei zuverlässig, da sich die historischen Angaben im Alten und Neuen Testament überprüfen ließen.
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Maier gehörte zum Netzwerk Bibel und Bekenntnis um Pfarrer Ulrich Parzany (Kassel) und unterzeichnete die „Salzburger Erklärung“ der Internationalen Konferenz Bekennender Gemeinschaften von 2015. Sie wendet sich unter anderem gegen die Propagierung der Abtreibung als „Menschenrecht“, gegen aktive Sterbehilfe und Genderismus.
Auch als Ruheständler wirkte Maier bei Glaubenskonferenzen, Evangelisationen und Bibelabenden mit und warb für einen missionarischen, an der Bibel orientierten Gemeindeaufbau. „Mein wichtigstes Ziel im Leben war, Menschen für Jesus zu gewinnen“, sagte Maier der Evangelischen Nachrichtenagentur IDEA.
Nachdem ich Anfang der 1980er-Jahre zum Glauben an Jesus Christus gefunden hatte, war die Glaubwürdigkeit der Bibel eines meiner großen Anfechtungsthemen. Ich bin noch heute dankbar, dass mir Freunde, die in Tübingen studierten, damals die Arbeiten von Gerhard Maier empfohlen haben. Im Gedenken an den Bibellehrer, Bischof und Exegeten zitiere ich nachfolgend einige Absätze aus seinem Nachwort zu Das Ende der historisch-kritischen Methode, das anlässlich der 5. Auflage im Jahr 1984 erschien (#ad, 1984, S. 99, 100–101 u. 103–104):
Jeder Vorschlag einer neuen Hermeneutik sieht sich der Behauptung gegenüber, daß allein die historisch-kritische Methode wissenschaftlich vertretbar sei. Man kann z. B. explizit lesen, daß nur die historisch-kritische Arbeit „die wissenschaftlich verantwortete Auslegung“ darstelle. Selbst O. Betz will „Auf die augenblicklich angewandten wissenschaftlichen Methoden der Exegese . .. keineswegs verzichten“ und befürchtet, daß bei mir „die Exegese durch eine überängstliche Kritik in ein dunkles, unwissenschaftliches Ghetto abgedrängt zu werden“ droht. M. E. ist das Gegenteil der Fall. Die hypertrophe Kritik hat den wissenschaftlichen Ruf der Theologie nicht weniger gefährdet als die zugegebenermaßen ebenfalls vorhandenen Fehlleistungen des Biblizismus. Ich kann nicht sehen, daß die „grammatico-historische Methode“ Marshalls oder Packers oder die induktiv-positivistische Methode Schlatters weniger leistungsfähig wären als die hierzulande übliche(n) historisch-kritische(n) Methode(n). Es ist dringend nötig, den Alleinvertretungsanspruch, wonach nur die im Zuge der Aufklärung entwickelte und in der Zeit der Nachaufklärung beibehaltene „historisch-kritische Methode(n)“ wissenschaftlich wäre, aufzugeben.
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Offen ist immer noch die Frage nach einer „Kerntradition“. Diese Frage hängt eng mit der anderen Frage zusammen, wo uns eine regierende und normierende „Mitte der Schrift“ unzweideutig erkennbar wird. Noch immer begegnen wir der Meinung, man müsse in der Schrift „das . . . entdecken, was .Christum treibt’ und was sie so zum verbindlichen Wort Gottes macht“. Folgerichtig ergibt sich dann der Satz, daß die heilige Schrift nicht mit dem „Wort Gottes“ identisch sei, sondern es bloß enthalte.64 Exegetisch versucht man, „die authentische Jesusverkündigung, das Kerygma der Urgemeinde, Paulus und Johannes“ als inhaltliche Füllung des „Was Christum treibet“ und damit als „Kerntradition“ aufzuweisen. Wird man auch zugeben müssen, daß kein Theologe ohne einen faktischen „Kanon im Kanon“ auskommt, daß er demgemäß von jeweils persönlich bestimmten „Kerntraditionen“ ausgeht, und daß uns Jesus Christus in Person als die Anakephalaiosis der Heilsgeschichte und des Wortes Gottes dargestellt wird (vgl. Eph 1,10 und Gal 4,4 f; 2 Kor 1,20), so sind doch die Denkschemata einer sachlich bestimmten Mitte der Schrift, eines „Kanons im Kanon“ oder einer „Kerntradition“ der Bibel fremd.
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Der entscheidende Punkt aber ist die Frage: Dürfen wir Sachkritik an der Bibel treiben? Sachkritik bedeutet: einer philologisch klaren Aussage der Schrift zu widersprechen. Würde die Sachkritik aufgegeben, dann wäre die historisch-kritische Methode tatsächlich am Ende. Auch diejenigen Forscher, die den Evangelikalen am weitesten entgegenkommen, sehen sich außerstande, auf die Sachkritik an der Bibel zu verzichten. Stuhlmacher hat recht, wenn er das charakteristische Merkmal der „historisch-biblischen“ Methode darin erblickt, „daß die Bibel keiner prinzipiellen oder inhaltlichen Kritik mehr unterworfen, vielmehr als Offenbarungsquelle anerkannt wird, die über alle menschliche Kritik erhaben ist“. Aber ihm ist zu widersprechen, wenn er mit großer Schärfe gleichzeitig daran festhält, daß die christliche Soteriologie „eine sachkritische Durchführung“ benötigt und für ihn eine „innerbiblische Sachkritik“ unumgänglich ist.81 Sogar Betz verteidigt die Sachkritik an der Bibel mit dem fragwürdigen Argument, Jesus selber habe z. B. in Mk 7,17 ff; 10,4 ff Sachkritik geübt.