Soziologie

Philip Rieffs: Tiefe Individualität besteht nur in der Bindung an die höchste Autorität.

Philip Rieffs schreibt in Charisma: The Gift of Grace, and How It Has Been Taken Away from Us (Knopf Doubleday, 2008, S. 36):

Es ist wichtig zu beachten, dass sich die Bedeutung von Disziplin [gemeint ist die Einhaltung von (geltenden) Regeln; Anm. R.K.] in der Entwicklung der westlichen Kultur nicht von ihrem glaubensbezogenen Charakter trennen lässt. Das konforme Handeln in Massenorganisationen steht im Widerspruch zum Glauben. Tiefe Individualität kann nur in Beziehung zur höchsten Autorität existieren. Keine innere Disziplin kann ohne eine charismatische Institution wirken, und eine solche Institution kann ohne jene höchste Autorität nicht überleben, aus deren Beziehung sich das Selbstvertrauen speist. Ohne eine tief verwurzelte Autorität gibt es kein Fundament für Individualität. Selbstvertrauen drückt somit die Unterwerfung unter die höchste Autorität aus.

Philip: Rieff: Die Gefahren der therapeutischen Kultur

In den nächsten Wochen werde ich einige Beiträge zur Kulturanalyse von Philip Rieff (1922–2006) veröffentlichen. Rieff kann uns nämlich hervorragend dabei helfen, unsere Kultur und ihre Pathologien besser zu verstehen.

Heute schon mal ein Videobeitrag über „Die Gefahren der therapeutischen Kultur“ (es ist möglich, sich deutschprachige Untertitel anzeigen zu lassen):

Die Erfindung der „Geschlechtsidentität“ und ihre zerstörerischen Folgen

Jakob Hayner stellt für die Welt zwei neue Bücher vor, die sich mit der „Geschlechtsidentität“ beschäftigen. Das erste Buch, Geschlechtsidentität: Die Karriere einer Kategorie (#ad), stammt von dem renommierten Soziologen Rogers Brubaker. Dazu heißt es: 

Noch vor wenigen Jahren hätte man bei der Frage, was eine Geschlechtsidentität sei, wohl in viele fragende Gesichter geschaut. Geschlecht? Das kann man bekanntlich anatomisch, genetisch oder hormonell fassen, was in der Geschlechterforschung als biologisches Geschlecht („sex“) gilt. Oder als erlernte Rollen, als soziales Geschlecht („gender“). Aber Geschlechtsidentität? Das „tief empfundene innere und persönliche Gefühl der Zugehörigkeit zu einem Geschlecht“, wie das „LSBTIQ-Lexikon“ verrät, ist etwas völlig Neues. Doch spätestens mit dem Selbstbestimmungsgesetz hat die Geschlechtsidentität die alte Vorstellung vom Geschlecht abgelöst. Wie es zu diesem rasanten Aufstieg kommen konnte und warum der Schlüsselbegriff des Transgender-Aktivismus heftige Kulturkämpfe auslöst, hat der renommierte Soziologe Rogers Brubaker untersucht. Für den US-Professor hat das nichts mit dem Rechts-Links-Schema, aber viel mit der „stillen Revolution“ eines fragwürdigen Imperativs zu tun. Der Begriff der Geschlechtsidentität kommt, wie Brubaker schreibt, eigentlich aus der medizinischen Diagnostik und bezeichnete eine Störung. Indem sich der Transgender-Aktivismus den Begriff aneignete und umwertete, konnte er seinerseits die Medizin vor sich hertreiben, wie bei der Begründung „geschlechtsangleichender Maßnahmen“. Die Pointe dabei ist, dass nun das gefühlte Geschlecht („gender“) als angeboren, während das biologische Geschlecht („sex“) als beliebig anpassbar gilt – eine völlige Verkehrung der alten Gender-Theorie. Brubaker zeichnet detailliert nach, wie diese Idee der Geschlechtsidentität in Medizin, Statistik, Recht und Pädagogik institutionalisiert und mit „symbolischer Macht“ ausgestattet wurde. Geschlechtsidentität wurde zur herrschenden Norm, die für alle gilt, egal ob man persönlich an die Existenz dieser Identität glaubt. Ein „Prinzip der sozialen Klassifizierung“, dem man sich nicht entziehen kann. Man ist aufgefordert, so zu handeln, als ob man eine Geschlechtsidentität hätte.

Und wichtig: „Brubaker hat das vor allem für die USA und Großbritannien untersucht und kommt zu dem Schluss, dass der Siegeszug der Geschlechtsidentität nicht das Ergebnis einer großen öffentlichen Debatte war, sondern eines ‚Insider-Aktivismus‘, der gezielt auf die Bürokratie von Staat und Partei Einfluss genommen hat: eine ‚stille Revolution‘ durch die Hintertür.“

Über das andere Buch von Gerhard Schweppenhäuser, Mitherausgeber und Redaktionsmitglied der Zeitschrift für kritische Theorie, schreibt Hayner: 

Was Brubaker als Kampf „zwischen dem, was gegeben ist, und dem, was gewählt werden kann, zwischen Natur und Kultur“ beschreibt, ist für Gerhard Schweppenhäuser die Verschiebung des Wunschs nach Selbstbestimmung auf das Feld des Körpers und des Geschlechts. Wie der Philosoph in seinem Buch „Das konstruktivistische ‚Interesse am Körper‘ – Geschlecht, Identität und der Naturbegriff der Kritischen Theorie“ ([#ad] Verlag Felix Meiner, 212 Seiten, 25 Euro) schreibt, ist die Geschlechtsidentität eine Wiederauflage der alten Irrlehre vom „geistigen Geschlecht“, die Fiktion radikaler Verfügbarkeit als innerer Kehrseite des entfesselten Kapitalismus. Der Körper wird nicht mehr nur zum Anhängsel der Maschinerie, sondern zum Anhängsel des Diskurses, so Schweppenhäuser.

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Kinderfrei

Menschen, die sich bewusst gegen Nachwuchs entscheiden, bezeichnen sich nicht mehr als kinderlos, sondern als „kinderfrei“. Damit ist (irgendwie) vorausgesetzt, dass Kinder vor allem eine Belastung sind.

Hier wird, so meine Meinung, der radikale Individualismus auf die Spitze getrieben. Es geht nur noch um mich. Und die Folgen für die Gesellschaft werden desaströs sein. Genau die Leute, die sich selbst genügen, solange sie jung und gesund sind, werden dann, wenn sie alt und krank sind, schreien: „Kümmert euch um mich!“

Zitat:

Der Begriff „kinderfrei“ hat eine seltsame Doppelbedeutung. Eltern sagen „Ich habe kinderfrei“, wenn sie ohne ihren Nachwuchs ins Kino gehen, weil die Großeltern auf ihn aufpassen. Das Wort verwenden aber auch immer mehr Menschen zur Selbstbeschreibung – vor allem Frauen –, die sich bewusst gegen eigene Kinder entschieden haben. Das bislang übliche Wort „kinderlos“ klingt für sie zu sehr nach Verlust und Mangel, mit dem Suffix „-frei“ wollen sie ausdrücken, dass ein Dasein ohne eigenen Nachwuchs für sie keinen Verzicht bedeutet, sondern Lebensglück.

Nun steht vor der Nachsilbe „frei“ üblicherweise etwas, das man als Belastung empfindet und gerne los wäre: Wer nicht grübelt, ist sorgenfrei, Raucher wären gerne nikotinfrei und Hauseigentümer schuldenfrei. Im Jahr 1933 wurde überall in Deutschland der Erfolg nationalsozialistischer Unrechtspolitik mit dem Wort „judenfrei“ bejubelt.

Nun also kinderfrei. Ob jemand eigene Kinder oder auch nur den Gedanken daran als Last empfindet, ist höchst individuell und deswegen nicht diskutabel. Doch haben viele der Ich-Texte und Essays, die Kinderlosigkeit als persönliches Lebensmodell beschreiben und zuletzt im Wochentakt in allen großen Publikationen, auch der F.A.Z., erschienen sind, seltsam schrille Untertöne, was den Blick auf das Leben mit Kindern betrifft. Es wird unterstellt, Mütter seien unglücklicher als Frauen ohne Kinder, Eltern hätten schlechteren Sex, und das Bild der einsamen Greisin sei ein Versuch des Patriarchats, Frauen zum Kinderkriegen zu erpressen – und nicht Ausdruck einer demographischen Realität, weil Frauen im Schnitt vier bis fünf Jahre länger leben als Männer. Fast scheint es, als würde sich das über Jahrhunderte geprägte Bild, dass eigene Kinder eine notwendige Bedingung für eine gelungene Biographie sind, langsam umkehren: Ein glückliches Leben genügt sich selbst.

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„Niemand ist cooler als Jesus“ – Wie die Gen Z zurück zum Glauben findet

Während in westlichen Gesellschaften die Kirchenbindung abnimmt, sucht die Generation Z zunehmend Halt im Glauben. Auch in Deutschland. DIE WELT gibt Einblicke:

Soziologen entdecken auch Ähnlichkeiten zwischen kirchlichen Traditionen und aktuellen Trends. So gebe es Analogien zwischen der Selbstoptimierungskultur und der christlichen Askese, fänden sich Parallelen zwischen Challenges wie dem alkoholfreien „Dry January“ oder der „NoFap“-Bewegung, die auf Verzicht auf Pornos und Masturbation setzt, und kirchlich gepredigter Enthaltsamkeit.Sünde, Moral.

Welche Rolle spielt die christliche Ethik für einen jungen Mann wie Lennart Luis Grauer? Er sagt, dass er biblische Wertvorstellungen nicht als aufgezwungene Einschränkungen empfinde. In dem Vorhandensein von Moralvorstellungen sehe er vielmehr einen weiteren Hinweis darauf, dass es einen Gott geben muss, der Werte wie die Ächtung des Tötens von Menschen oder der Vergewaltigung zu etwas Absolutem und Universellem erhebe und unser Gewissen präge. Er selbst habe bestimmte Verhaltensweisen abgelegt, Handlungen, die anderen und ihm selbst schaden. Gott meine es gut, „wenn er sagt, dass ich nicht lügen sollte, nicht rauchen oder nicht so viel trinken.“Das Wichtigste für Lennart Luis Grauer aber sei, die entscheidende Antwort auf die Frage nach dem Sinn des Lebens gefunden zu haben: „Liebe deinen Mitmenschen wie dich selbst. Das ist superschön. Schöner kann’s nicht sein.“

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Traditionelle Hochzeiten degradieren Bräute zum passiven Gut

Unsere klugen Genderprofessorinnen arbeiten sehr hart und können vielfältig belegen, wie ungerecht die Welt doch ist. Professorin Andrea Dorothea Bührmann leitet beispielsweise ein Institut für Diversitätsforschung und hat herausgearbeitet, dass weitverbreitete Hochzeitsrituale nicht nur Rollenstereotype stärken, sondern sich auch an überholten Normen orientieren. Besonders schlimm sei, dass Frauen dabei wie passive Gegenstände behandelt würden. Ergo: Wer nach wie vor traditionell heiratet, sollte das in Zukunft mit einem schlechten Gewissen tun. 

Zitat aus dem Interview „Möglichst große Feiern sollen deutlich machen, dass die Ehe nicht geschieden wird“:

Da wäre der Ritus, dass der Brautvater vor dem Altar seine Tochter an den Bräutigam übergibt. Man könnte fragen, warum nicht umgekehrt die Mutter des Bräutigams ihren Sohn übergibt. Dieser Übergangsritus stammt aus den USA, in Deutschland gibt es ihn noch nicht sehr lang. Trotzdem sehen wir ihn relativ häufig. Mich erschreckt daran, dass die Frau dabei zum passiven Gut und aus der einen an die andere Familie übergeben wird.

Ich denke, viele Paare versuchen zu tun, was anscheinend von ihnen erwartet wird. Die Braut trägt ein weißes Kleid und eben zum Beispiel keinen Minirock. Daran erkennt man, was als Normalität unterstellt wird. Brautpaare inszenieren bei ihrer Hochzeit traditionelle Bilder, die in Medien und im Alltagsdiskurs nach wie vor verbreitet werden. Aber auch die Brautmodengeschäfte leben davon, dass Frauen Prinzessinnenkleider tragen und Männer Prinzenanzüge. Das lässt darauf schließen, dass die Erwartungshaltung doch wichtig ist, sonst würden sie diese Kleidung nicht verkaufen. Wenn sich Paare bei der Hochzeit an diese überkommenen Normen halten, heißt das noch lange nicht, dass die Frauen sich dann als Hausfrau oder die Männer als klassische Versorger selbst verwirklichen wollen. Sie leben im Alltag vielleicht eine ganz andere Arbeitsteilung. Frauen werden vielleicht Vorstandschefinnen eines Dax-Konzerns und Männer werden Hausmänner. Beide haben Spaß am Spiel mit Normen und der Erwartungshaltung.

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Die falschen Freunde der Linken

Ivo Goldstein, Professor für Geschichtswissenschaft an der Universität Zagreb, untersucht in seinem FAZ-Gastbeitrag „Die falschen Freunde der Linken“, weshalb der Islamismus so anziehend auf die westliche Linke wirkt:

In den vergangenen Jahrzehnten wurde das Konzept der Dekolonisierung an westlichen Universitäten und Kulturinstitutionen zu einem intellektuellen und moralischen Imperativ. Der Gedanke, wonach moderne Ungerechtigkeiten auf die Kolonialgeschichte zurückgehen, ist in den Sozialwissenschaften, der feministischen Theorie und im politischen Aktivismus tief verwurzelt. Innerhalb dieses Diskurses wird der Kampf der Palästinenser oft als ein Dekolonisierungsprozess und Kampf gegen „Siedlerkolonialismus“ interpretiert.

Der radikale Islamismus übernahm diese Sichtweise sehr geschickt. Statt auf rein religiöse Rhetorik zu setzen, verwenden islamistische Narrative Begriffe wie „Befreiung“, „Gerechtigkeit“ und „Widerstand“. Ihre Vision ist zwar theokratisch und autoritär, doch die Möglichkeit, sich als die Stimme der Unterdrückten zu präsentieren, verleiht ihnen in den Augen mancher Linken eine zeitweilige moralische Legitimität.

Ein entscheidender Faktor ist die Logik, wonach „der Feind meines Feindes mein Freund ist“. Die liberale Linke und der radikale Islamismus haben gemeinsame Feinde: das kapitalistische System, die US-amerikanische Hegemonie und die israelische Militärmacht. Für Teile der Linken steht Israel für neoliberalen Militarismus und einen technokratischen Westen, der die globale Ungleichheit perpetuiert. Für Islamisten ist Israel der Feind des Islams und ein Anhängsel der „ungläubigen“ Zivilisation.

Michal Cotler-Wunsh und Nadav Steinman kommen in dem Artikel „How antisemitism is entering mainstream culture“, den sie für die Washington Post verfasst haben, zu einem ganz ähnlichen Urteil. Darin suchen sie nach plausiblen Erklärungen für das Phänomen, dass sich westliche Künstler für die Freilassung des palästinensischen Terroristen Marwan Barghouti einsetzen, der wegen 26 Fällen von Mord und versuchten Mordes angeklagt wurde. Sie schreiben:

Der Brief, in dem die Freilassung von Barghouti gefordert wird, muss vor dem Hintergrund dieses umfassenderen kulturellen Wandels verstanden werden. Er spiegelt ein Umfeld wider, in dem Gewalt gegen Israelis romantisiert und Antizionismus als moralische Pflicht dargestellt wird, verpackt in Menschenrechtssprache. Sobald Antisemitismus den Anschein von Legitimität erhält, verbreiten sich die Rechtfertigungen für Extremismus über dieselben Kanäle. Die Normalisierung eines sich ständig wandelnden Antisemitismus schafft die Voraussetzungen für Hass, der nicht bei Juden Halt macht, denn es geht nie nur um Juden. Was sich etabliert, ist eine brutale Mentalität, in der jede Zielgruppe dämonisiert und Menschen zu ihrer eigenen „Sicherheit“ aus dem öffentlichen Raum verbannt werden können. Die tiefere Bedrohung durch den zunehmenden Antisemitismus ist die allgemeine Aushöhlung grundlegender Prinzipien des Lebens und der Freiheit. Der Brief zu Barghouti zeigt nicht nur den moralischen Verfall (mehrerer Dutzend) Prominenter. Er ist eine Sirene, die sich vielen anderen anschließt und vor einem Feuer warnt, das noch lange nicht gelöscht ist. Die Feuerwehr braucht die Hilfe von Millionen Menschen, Juden wie Nichtjuden, die die Prinzipien des Lebens und der Freiheit schätzen.

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Gegen die Logik der Effizienzgesellschaft

Hartmut Rosa wünscht sich seit vielen Jahren mehr Resonanz (vgl. Resonanz: Eine Soziologie der Weltbeziehung). Er versteht darunter eine gelingende, lebendige Beziehung zwischen Subjekt und Welt, die sich von bloßem Haben, Kontrollieren oder Konsumieren unterscheidet. In einem aktuellen FAZ-Interview erwähnt er, dass unsere Optimierung- und Kontrollsehnsucht der Rezonanz eher im Weg steht. Das klingt so: 

Wir suchen oft nicht mehr den direkten Kontakt zu Menschen, sondern über Apps. Um Freunde zu finden oder etwa Lebenspartner. Damit wollen wir Enttäuschung minimieren und den Erfolg maximieren. Gerade dieser Optimierungs- und Kontrollversuch verhindert aber oft Resonanz. Die Optimierungsgesellschaft zeigt sich auch im Verhältnis zu mir selbst – etwa wenn ich meine Schritte zähle und meine Ernährung anpasse, um bestimmten Idealen zu entsprechen. Nach der Logik der Effizienzgesellschaft ist es irrational, sich auf Resonanz einzulassen, weil es dann als unkontrollierbar und ineffizient gilt.

Und auf die Frage: „Stimmt das überhaupt? Wenn ich ein Produkt kaufe, geht es doch um ein Angebot, das individuell zu mir passt. Die Wirtschaft wirbt doch mit Resonanzerfahrungen“, antwortet Rosa:

Ja, aber das ist eine Täuschung. Uns wird vorgegaukelt, dass diese eine Creme, diese eine Kreuzfahrt, dieses eine T-Shirt genau zu mir passen und Ausdruck meiner Selbstverwirklichung sind. Unternehmen verkaufen aber keine Produkte und Dienstleistungen, um uns zufrieden zu machen, sondern in erster Linie, um Geld zu verdienen. Gerade, weil sich dabei Resonanz oft nicht einstellt und wir unzufrieden sind, kaufen wir das nächste Produkt, damit sich das hoffentlich bald ändert. Resonanz und ein gelingendes Leben lassen sich aber nicht kaufen.

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Doku: The Nomi Song

Vor 15 Jahren erwähnte ich hier im Blog den deutschen Künstler Klaus Nomi, der Pop-Sänger wie Madonna, Lady Gaga, Bjork oder David Bowie beeinflusste. Anlass war die Dokumentation The Nomi Song von Andrew Hornüber über sein Leben, die die Tragik seiner „Karriere“ herausstreicht. Damals schrieb ich:

Nomi zog 1973 nach New York und bewegte sich dort in den Künstlerkreisen des East Village, wo sich unter anderem durch Andy Warhol inzwischen eine lebendige Musik- und Kulturszene entwickelt hatte. Als homosexueller Künstler fand Nomi hier Gleichgesinnte und etablierte sich in der New Wave Underground-Szene. Sogar David Bowie wurde auf ihn aufmerksam und engagierte ihn für einen Auftritt bei „Saturday Night Live“. Nomi trat auf wie ein Außerirdischer und sang wie eine Diva (Countertenor). Der androgyne Nomi ist so etwas wie eine Ikone für die Verschränkung von Kunst und Pop, in der Kunstszene auch „crossover“ genannt. Selbst seine Plattenfirma wusste nicht, ob sie seine Alben unter Klassik oder Pop einsortieren sollte.

Anfang der 80er Jahre schaffte Nomi mit zwei Alben und zahlreichen Auftritten in Europa (besonders in Frankreich) seinen internationalen Durchbruch. Gleichzeitig brach bei ihm eine merkwürdige Krankheit aus, die damals noch Schwulenkrebs („gay cancer“) genannt wurde.

Klaus lag als einer der ersten prominenten AIDS-Patienten im Krankenhaus. Seine schwulen Freunde haben ihn – wie die Dokumentation The Nomi Song von Andrew Horn eindrücklich zeigt –, in seinen schwersten Stunden ausgegrenzt und im Stich gelassen. Sie wollten das Leid nicht mit ansehen. Einige, darunter engste Weggefährten, haben sich noch nicht einmal von ihm verabschiedet. Nomi, keine 40 Jahre alt, starb sehr einsam.

Die Dokumentatoni ist inzwischen in voller Länge bei YouTube abrufbar.

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