Soziologie

Das Ende der vertikalen Autorität

Der Soziologe Alain Ehrenberg fasst in seinem Buch Das Unbehagen in der Gesellschaft die Sichtweise von Philip Rieff auf den psychologischen Menschen recht gut zusammen (Suhrkamp, 2011, S. 154–156):

In dieser Atmosphäre veröffentlicht der Soziologe Philip Rieff (1922–2006) The Triumph of the Therapeutic. Mit Triumph meint er, daß die Therapie nicht mehr nur ein Mittel ist, um die Menschen zu behandeln, sondern auch und vor allem eine Weltanschauung, die den gesellschaftlichen Menschen in den psychologischen Menschen verwandelt hat, in jene neue Persönlichkeit, die „den Niedergang der asketischen Kultur“ besiegelt und „die Antwort auf die Abwesenheit Gottes“ gibt. „Die Therapie ist die symbolische Wahrheit des gegenwärtigen Zeitalters“, die des Endes „der vertikalen Dimension der Autorität“.

In Humboldts Vermächtnis (1975) erklärt der Held, ein mondäner Schriftsteller, einem Anhänger der Mafia, der Rieffs Buch auf einem Tisch sieht: „Nach Ansicht dieses Schriftstellers kommen, wenn die Kultur nicht mehr imstande ist, mit dem Gefühl der Leere und der Panik, zu welcher der Mensch disponiert ist […], fertig zu werden, andere Kräfte zum Zuge, um uns mit Therapie, mit Leim oder Schlagwörtern oder Spucke zusammenzuflicken […].“ Für Rieff ist der zu Schuldgefühlen neigende Mensch im Verschwinden begriffen. Die „Geister der Persönlichkeit“ haben einen endgültigen Sieg über die „Geister der Form“ errungen.

Das Buch beginnt mit dem berühmten Vers aus Yeats’ Gedicht The Second Coming: „Things fall apart, the center cannot hold.“ Denn das neue Zentrum ist das Selbst, das ganz allein standhält, wenn die Gemeinschaft zerfallen ist. Das Werk verkündet, daß die Therapie „die symbolische Wahrheit des gegenwärtigen Zeitalters“ ist, weil in diesem Zeitalter der „psychologische Mensch“ herrscht. Dieser Mensch ist nicht mehr empfänglich für „den instinkthaften Verzicht“, den „die Autorität einer Kultur [mit sich bringt], die in Begriffen eines gemeinsamen Ziels organisiert ist“. Er befindet sich im Zustand der Selbstanbetung (self-worship). Diese Lehren vom psychologischen Menschen sind individualistisch, weil sie „in tiefem Gegensatz zu den alten Formen der Selbsterlösung (self-salvation) stehen, die durch die Identifikation mit einem gemeinsamen Ziel vermittelt waren“. Der Überfluß führt zur „Entwicklung einer Person, die weiß, anstatt zu einer Person, die glaubt, und die in der Lage ist, das Leben zu genießen, ohne symbolische Hindernisse zu errichten“. Das zeichnet auf einzigartige Weise die im Entstehen begriffene Kultur aus, die insofern eine „Antikultur“ ist, als sie einzig und allein „auf eine ewige Interimsethik der Lockerung überkommener Kontrollstrukturen“ abzielt. „Der religiöse Mensch wurde geboren, um erlöst zu werden; der psychologische Mensch dagegen, um befriedigt zu werden. Der Unterschied entstand vor langer Zeit, als der Ruf des Asketen ‚Ich glaube‘ seine Überlegenheit zugunsten des Kennzeichens der Therapeutik ‚Man fühlt‘ verlor. Und wenn die Therapeutik gewinnen soll, dann muß ganz gewiß der Therapeut sein spiritueller Führer sein.“ Das führt zu dem Schluß, daß „die nächste Kultur lebensfähig sein wird, ohne gültig sein zu müssen“, das heißt ohne jene Tiefe zu haben, die den Menschen über sein materielles Leben und seine Genüsse emporhebt. Die Zukunft der gesellschaftlichen Ordnung liegt dann in „Lehren, die darauf hinauslaufen, jedem zu gestatten, ein versuchsweises Leben zu führen“. Rieff kündigt eine „milde“ Apokalypse an, für die „die Aufhebung des Sinns für das Tragische […] keine Tragödie darstellt“.

Philip Rieff 

Philip Rieff (1922–2006) war ein amerikanischer Soziologe sowie einer der originellsten Gesellschaftskritiker des 20. Jahrhunderts. Er erlangte vor allem als Experte für Sigmund Freud durch seine Analyse der modernen therapeutischen Kultur sowie des Verhältnisses von Kultur, Religion und Autorität große Bekanntheit. 

Zumindest im englischsprachigen Raum trifft das zu. In Europa ist Rieff hingegen kaum bekannt. Soweit ich weiß, wurde noch keines seiner großen Werke ins Deutsche übertragen und selbst Aufsatzübersetzungen sind mir nicht begegnet. Immerhin hat das The Institute for Human Sciences (IWM) in Wien einen englischsprachigen Workshop zu Rieff veranstaltet, der hochranging besetzt war (siehe Teil1, Teil2, Teil3, Teil4).

Kürzlich habe ich das ausgezeichnet recherchierte und übersetzte Buch Professor der Apokalypse: Die vielen Leben des Jacob Taubes (#ad, Suhrkamp 2022) gelesen. Geschrieben wurde diese umfangreiche Biographie über einen einflussreichen linken Intellektuellen von dem Historiker Jerry Z. Muller. Da in den frühen 1950er Jahren in Cambridge (Massachusetts) die Ehepaare Philip Rieff und Susan Sontag sowie Jacob und Susan Taubes eng befreundet waren (alle auch mit Marcuse freundschaftlich verbunden), gibt es in dem Buch allerlei Referenzen auf Philip Rieff. Auf diese Weise habe ich erfahren, dass sich Jerry Z. Muller ebenfalls mit Rieff beschäftigt hat.  

Ich bin sehr dankbar für einen Austausch mit Professor Muller und dafür, dass er mir erlaubt hat, seinen Aufsatz über Philip Rieff, der erstmalig in dem Buch David Murray (Hrsg.), American Cultural Critics, University of Exeter Press, 1995, S. 193–205, erschienen ist, zu übersetzen und hier im TheoBlog zu veröffentlichen. Ich hoffe, dass dadurch die Bekanntheit von Rieffs Sicht auf die Kultur im deutschsprachigen Raum bekannter wird. Sein Werk verdient auch in Europa mehr Beachtung.

Der Aufsatz kann in einer gut lesbaren PDF-Ausgabe hier heruntergeladen werden: J.Muller_on_Philip_Rieff.pdf.

 

Philip Rieff 

Von Jerry Z. Muller

Ein Gelehrter, dessen Werk größere Beachtung verdient

Philip Rieff hat alle Ehrungen erhalten, die das amerikanische akademische Leben zu vergeben hat. Er hatte einen Lehrstuhl für Soziologie an der University of Pennsylvania inne und lehrte außerdem in Berkeley, Harvard und Oxford. Zudem hielt er angesehene Gastvorlesungen an den Universitäten von Yale, Princeton und Columbia. Doch sein Bekanntheitsgrad wird seinen intellektuellen Leistungen kaum gerecht, und das Werk eines der tiefsinnigsten konservativen Denker Amerikas ist unter Kulturkonservativen nach wie vor vergleichsweise wenig bekannt. Sein Einfluss, soweit sich dieser überhaupt nachweisen lässt, scheint am deutlichsten in der sogenannten „anti-liberalen Linken“ zum Ausdruck zu kommen, etwa in Werken wie Christopher Laschs Culture of Narcissism[1] oder Habits of the Heart von Robert Bellah und seinen Mitarbeitern[2]. Er spiegelt sich auch in dem antiliberalen, aber ansonsten schwer einzuordnenden Werk After Virtue von Alasdair MacIntyre wider.[3] Einige von Rieffs intellektuellen Beiträgen mögen auch jenen vage vertraut sein, die seine Arbeiten nie gelesen haben: Vor anderthalb Jahrzehnten bezeichnete Joseph Epstein den Titel von Rieffs Triumph of the Therapeutic von 1966 als „prophetisch“, und der Begriff wird heute in Rieffs Sinn von vielen verwendet, die seine Herkunft überhaupt nicht kennen.[4] Doch selbst in den gelehrtesten Haushalten ist Philip Rieff weit davon entfernt, ein Name zu sein, mit dem jeder vertraut ist. Während Allan Blooms Closing of the American Mind ein Bestseller war,[5] ist Rieffs Fellow Teachers, das viele derselben Punkte bereits eineinhalb Jahrzehnte zuvor mit großer Eindringlichkeit formulierte, ein Geheimtipp geblieben. 

Aphorismen, Ironien und Provokationen

Dass Rieff nur eine begrenzte Leserschaft gefunden hat, mag man bedauern, aber es ist keineswegs rätselhaft. Zunächst einmal ist da sein Stil. Meine anfängliche Begegnung mit Rieff erfolgte durch The Triumph of the Therapeutic, und mein erster Eindruck war, dass es sich um ein faszinierendes Werk handelte, das eine Übersetzung ins Englische verdiente. Rieffs spätere Bücher und Aufsätze sind insgesamt noch schwieriger zu lesen. Doch diese Schwierigkeit ist weder zufällig noch unbeabsichtigt. Bereits in seinem ersten Buch und in zunehmendem Maß im Lauf der Zeit hat Rieff einem gebildeten, akademisch geschulten Publikum eine Reihe von Botschaften vermittelt, die die unhinterfragten Voraussetzungen der dominierenden akademischen Kultur in Frage stellen. Da nur wenige seiner potenziellen Leser einer direkten Attacke auf ihre Voraussetzungen ein respektvolles intellektuelles Gehör schenken würden, hat Rieff einen Stil gewählt, der zugleich aphoristisch, anspielungsreich und ironisch ist. Sein sokratischer Ansatz überlässt es den Lesern, seine Schlüsselgedanken zu entdecken, die häufiger durch dramatische Beispiele angedeutet als ausdrücklich ausformuliert werden. Für die meisten Angehörigen seines Zielpublikums ist Rieffs zentrale Botschaft skandalös. Rieff hat wiederholt vor dem Konflikt zwischen den vorherrschenden Tendenzen unter modernen Intellektuellen und der Wahrung moralischer Anständigkeit gewarnt. „Wenn jede Grenze als Persönlichkeitsbeschränkung gesehen werden kann, ist die Frage, mit der wir jeder Gelegenheit begegnen können: Warum eigentlich nicht?“, hat er geschrieben.[6] „Unsere Klugheit führt dazu, dass wir immer mehr Ausnahmen von jeder Regel entdecken. Eine solche Smartlichkeit kann sich nicht gegenüber der Menschlichkeit durchsetzen, ohne diese zu zerstören.“[7]

Thematische Vielfalt und ein prägendes Anliegen

Rieffs Schriften der letzten vier Jahrzehnte berühren ein bemerkenswert breites Themenspektrum und kehren doch immer wieder zu einigen wenigen einheitlichen Motiven zurück. Er ist der Autor von drei Hauptwerken: Freud: The Mind of the Moralist (erstmals 1959 erschienen), The Triumph of the Therapeutic: Uses of Faith After Freud (1966) und Fellow Teachers (1973). Seit 1979 hat die University of Chicago Press diese drei Werke in neuen Ausgaben vorgelegt, die wichtige spätere Überlegungen Rieffs einschließen. Dank Jonathan Imber dürfen Rieffs Leser jüngst zudem von einer Sammlung seiner Aufsätze profitieren. Diese sind zuerst in verschiedenen Zeitschriften oder als kritische Einleitungen zu Schriften so unterschiedlicher Figuren wie dem deutschen protestantischen Theologen Adolf Harnack, dem amerikanischen Soziologen Charles Horton Cooley oder Oscar Wilde erschienen.[8]

„Die Öffnung von Möglichkeiten, die Liquidierung dessen, was ‚man nicht tut‘, stellt die lange Revolution der Moderne auf ihrer grundlegendsten Ebene dar.“[9] Dieses Zitat aus Rieffs Einleitung von 1968 zu einem Band mit Essays des schwarzen Soziologen Kelly Miller bringt ein zentrales Anliegen seines Schreibens zum Ausdruck. Die Quelle und erste Formulierung von Rieffs Hauptanliegen findet man in seiner Rezension von 1952 zu Hannah Arendts Origins of Totalitarianism[10]. In diesem Buch entdeckte Rieff den Gedanken, dass die Massenmorde im nationalsozialistischen Deutschland und im stalinistischen Russland „eine Offenbarung des Abgrunds der Möglichkeiten“ waren. „Der von seiner Besonderheit emanzipierte Mensch wird nicht menschlich, sondern dämonisch“, schrieb er.[11] Diese Ahnung – der Realität dessen, was die Rabbinen den „yetzer hara“ nannten: die tief verwurzelte menschliche Neigung zum Bösen – liegt einem großen Teil von Rieffs späterem Werk zugrunde. Diejenige Barriere, die Menschen vor dem Abrutschen in den „Abgrund der Möglichkeiten“ bewahrt, nannte Rieff „Kultur“. „Für Menschen ist alles möglich; wir sind allerdings in dem Sinne Mitglieder einer Kultur, dass uns nicht alles erlaubt, ja nicht einmal alles vorstellbar ist.“[12] Rieffs Schriften, die sich mit einer „Theorie der Kultur“ befassen, sind daher alles andere als „akademisch“. Er betrachtet seine Arbeit als „unausweichlich praktisch und moralisch“, sie soll „dem Leser ein kleines Stück Weg zur rechten Führung seines eigenen Lebens weisen“.[13]

Ganz anders als beim modernen Liberalismus und linken Radikalismus, die sich Befreiung von der Vergangenheit und gesellschaftlichen Normen wünschen, hat Rieff das typisch konservative Motiv der Notwendigkeit von Zurückhaltung und Beschränkung hervorgehoben. Während viele soziologische Theorien ein gemeinsames Verständnis dessen, was moralisch wünschenswert und moralisch unerwünscht ist, als Schlüsselelemente des sozialen Zusammenhalts betrachten, konzentriert sich Rieff auf Letzteres, auf das, was jede Kultur verbietet, oder auf das, was er „Interdikte“ nennt, die so oft als „Tabus“ abgetan werden. Gerade die Gleichsetzung des kulturell Verbotenen mit „Primitivismus“ bestreitet er: Es sind Menschen ohne ein gefestigtes Bewusstsein des Verbotenen, die moralisch am gefährlichsten sind, weil sie ethisch primitiv bleiben.

Die moderne Kultur als „Abstieg“

Während die meisten zeitgenössischen Kulturtheoretiker, Clifford Geertz folgend, die ästhetische oder symbolische Natur von Kulturen betonen, insistiert Rieff demgegenüber auf der Zentralität moralischer Forderungen in kulturellen Systemen.[14] Kulturen beruhen nach Rieff auf einer gemeinsamen Vorstellung idealen moralischen Verhaltens, einschließlich des Verhaltens, das verboten ist. In Anknüpfung an geläufige Sprachbilder denkt Rieff diese gemeinsame Kultur räumlich: Das, was moralisch am höchsten steht, ist „oben“, das absolut Verbotene ist „unten“. Die höchste Begründungsinstanz eines kulturellen Systems nennt Rieff seine „Gott-Begriffe“ (god-terms); verbotenes Verhalten nennt er die „transgressiven Tiefen“ der Kultur. Angesichts der moralischen Fehlbarkeit und Schwäche des Menschen werden Übertretungen häufig begangen, und jede Kultur verfügt über Formen der „Remission“, durch die der Einzelne damit leben kann, getan zu haben, was er nicht hätte tun dürfen. Remissionen machen es möglich, mit unserer häufigen Unfähigkeit zu leben, dem, was oben steht, gerecht zu werden und das, was unten steht, zu meiden.

Rieff geht davon aus, dass Menschen ihr Gefühl von Sinn und Bedeutung aus den Kulturen beziehen, in denen sie leben, und dass Kulturen, die ein solches Gefühl von Bedeutung nicht vermitteln können, bei ihren Mitgliedern ein Gefühl der Leere oder der Angst hinterlassen. In den erfolgreichen Hochkulturen der Vergangenheit wurde dieses Gefühl für persönliche Ordnung und Sinnhaftigkeit dadurch geschaffen, dass menschliche Instinkte auf gemeinschaftliche Ziele hin ausgerichtet wurden. Indem das Selbst an ein größeres Ensemble geteilter Ziele gebunden und zugleich gefordert wurde, die unsozialen oder bösen Impulse zu unterdrücken oder auf höhere, letzte Zwecke hin umzulenken, stifteten Kulturen individuellen Lebenssinn und kollektiven Zusammenhalt. Die „Gott-Begriffe“, „transgressiven Tiefen“ und „Remissionen“ einer Kultur wurden in systematischer Form von Intellektuellen ausgearbeitet, deren Hauptaufgabe es war, diese kulturellen Glaubens systeme weiterzugeben.

Rieff zufolge ist eine moralisch erstrebenswerte Kultur eine, in der das System moralischer Anforderungen von den Individuen so tief verinnerlicht ist, dass die bösen, instinktiven Neigungen, zu deren Umsetzung Menschen stets fähig sind, allgemein als abstoßend empfunden werden – so abstoßend, dass man nicht einmal direkt darüber spricht. Bildung ist der Prozess, durch den Individuen den „Konsens der Du-sollst-nicht“ ihrer Kultur verinnerlichen. Die wichtigste Bildungseinrichtung war traditionell die Familie, in der diese kulturelle Autorität zuerst vermittelt wird.[15] Durch Glaubensbekenntnisse und Institutionen werden Männer und Frauen in der notwendigen Begrenzung ihrer Möglichkeiten geschult. Charaktertiefe, so Rieff, entsteht, wenn die kulturellen Gebote und Verbote so sehr Teil von uns werden, dass wir geneigt sind, ihnen fast instinktiv zu entsprechen. Charakter in diesem Sinn führt zu konsistentem Handeln und ist gerade deshalb die Grundlage sozialen Vertrauens. Die eigentliche Rolle derjenigen, die am tiefsten in den Glaubenssystemen einer Kultur bewandert sind – der Intellektuellen – besteht vor allem darin, an jenem Bildungsprozess mitzuwirken, durch den unser kulturell erworbener Charakter uns davor bewahrt, individuell oder kollektiv in den „Abgrund der Möglichkeiten“ abzugleiten. Wo Intellektuelle ihre Aufgabe primär darin sehen, Möglichkeiten zu eröffnen, statt die Gründe dafür in Erinnerung zu rufen, weshalb Möglichkeiten verschlossen bleiben sollten, bereiten sie der Barbarei den Weg. 

Wenn vieles von Rieffs Kulturtheorie vertraut klingt, ja an die Weisheit der Jahrhunderte erinnert, dann ist das nach Rieffs Dafürhalten durchaus erfreulich. „Ich bin froh, sagen zu können, dass ich nie in meinem Leben einen originellen Gedanken hatte“, schreibt Rieff mit rhetorischer Übertreibung. „Ich verdanke jeden Gedanken einem Vorgänger.“[16] Es gehört zu Rieffs Projekt, gerade durch eine genaue Lektüre von Texten von Platon und der Bibel bis hin zu Freud und Kafka jene Weisheit zurückzugewinnen, die in der zeitgenössischen Sozialtheorie und akademischen Bildung so oft vergessen ist. Ja, es ist nach Rieff gerade diese Weisheit über das Wesen der Kultur, über die seine „gebildeten“ Zeitgenossen am wenigsten verfügen, und die ausgerechnet in den Institutionen der höheren Bildung am schwersten zu finden ist.

Die ironische Botschaft, die Rieffs Werk durchzieht, lautet, dass die moderne Kultur nicht „höher“, sondern niedriger geworden ist, dass ein Großteil der Hochschulbildung eine nivellierende Wirkung hat und dass die Verbreitung der für die moderne Kultur charakteristischen Annahmen zur Barbarei führt. Eine kulturelle Elite, die es verachtet, dem zu widerstehen, was einst als Überschreitung und Versuchung als primitive „Tabus“ galt, trägt zur Ausbreitung eines instinktiven Primitivismus bei.[17]Denn Rieff vertritt die Auffassung, dass vergangene Kulturen, die auf politischen oder religiösen Idealen beruhten, im 19. und insbesondere im 20. Jahrhundert von einer neuen Kultur abgelöst wurden, die darauf abzielt, unsere Sensibilität für das Höchste zu schwächen und unsere Akzeptanz für das Niedrigste zu stärken.

Der Sigmund Freud-Exeget

In diesem Prozess spielt Freud eine Schlüsselrolle, wenn auch eine ambivalente. Fast vier Jahrzehnte lang war Freud das häufigste Thema von Rieffs Untersuchungen. Ja, Rieff ist vor allem als Interpret Freuds bekannt. Sein Buch Freud: The Mind of the Moralist (1959) bleibt sein bekanntestes und meistverkauftes Werk; sein zweites Buch, The Triumph of the Therapeutic: Uses of Faith After Freud(1966), knüpfte thematisch und chronologisch dort an, wo das erste aufgehört hatte, und dazwischen gab Rieff eine zehnbändige Ausgabe von Freuds Collected Papers heraus. Die Zustimmung vieler Intellektueller zu Rieffs Freud-Exegese hing zweifellos auch mit ihrer Desillusionierung gegenüber dem Marxismus zusammen. Diese Desillusionierung war bereits von Lionel Trillings Ideenroman The Middle of the Journey aus dem Jahr 1947 geschildert und befördert worden. Doch es gab keinen „Middle of the Analysis“, und tatsächlich war für diejenigen, die ihren Glauben in Freud setzten, die Analyse endlos, eine Art permanente Revolution im eigenen Ich. Rieffs Werk tat für die Freudianer dasselbe, was Trillings Werk für die Marxisten getan hatte – allerdings in hochgradig subtiler und ironischer Weise. In einer Zeit, in der Trilling und andere ehemals radikale, dann geläuterte Liberale Freud als Gegengift gegen die psychologischen Schwächen des fortschrittsgläubigen Liberalismus und als Hohepriester einer nachreligiösen Moral priesen, gehörte Freud: The Mind of the Moralist zu den ersten Arbeiten, die Freud in der Sprache der Geistes- und Sozialwissenschaften als moralischen und ethischen Theoretiker interpretierten. Rieff widmete Freud jene exegetische Aufmerksamkeit, die traditionell den großen Texten der Philosophie vorbehalten war, und er verglich Freuds Auffassungen häufig mit denen Platons oder Augustins.

Zweifellos war Rieffs Werk ein Meilenstein bei der Aufnahme von Freud in den amerikanischen akademischen Kanon. Dennoch war Freud: The Mind of the Moralist ein ambivalentes Buch. Einerseits wurde Freud darin immer wieder als großer, zudem eher konservativer Geist dargestellt. Im Gegensatz zu der weit verbreiteten Vorstellung von Freud als Legitimator sexueller Revolution und instinktiver Selbstentfaltung zeigte Rieff, dass Freud die soziale Unterdrückung von Instinkten als notwendig und unvermeidlich ansah. Andererseits enthielt das Buch gelehrte und pointierte Kritiken an der Willkür von Freuds interpretativer Methode und an der grundlegenden Misogynie seines Denkens. Und sein tieferer Impuls war noch kritischer.

So bemerkenswert Rieffs Exegese der Freudschen Texte in ihrem kulturellen Kontext war, so sehr galt sein eigenes Interesse Freuds Bedeutung als Katalysator einer neuen kulturellen Sensibilität, die er unter den gebildeten Schichten Amerikas für zunehmend vorherrschend hielt. Er bezeichnete Freud als „den ersten ambulanten Patienten der Krankenhauskultur, in der wir leben“ – jener Kultur, die er „die therapeutische“ nannte.[18] Im Zentrum dieser therapeutischen Sensibilität und von Rieffs Freud-Bild stand die „Absenkung“ der Autorität, die Prämisse, dass das, was Menschen als hoch oder letztgültig betrachtet hatten, in Wirklichkeit Ausdruck von etwas Niedrigerem sei, nämlich von Instinkten und deren Sublimation. Freuds Deutung von Kultur und Motivation des Menschen war, so zeigte Rieff, zwangsläufig reduktio nistisch. 

Indem Freud jegliche Ethik der Selbstaufopferung und jeglichen religiösen Glauben als verschleierte und verzerrte Ausdrucksformen der Sexualität interpretierte, entwertete er explizit oder implizit ältere, edlere Bestrebungen. Die Gefühle der Eltern gegenüber ihren Kindern wurden zu „elterlichem Narzissmus“, die der Kinder gegenüber ihren Eltern zu ödipalen Begierden, die Bindung zwischen Leiter und Gefolgschaft zu Identifikation, und die Religion wurde als kollektive Zwangsneurose gedeutet. So wurden alle sozialen und religiösen Ziele interpretativ als verschleierte Ausdrucksformen der Triebe neu konzeptualisiert. Für diejenigen, die von der Freudschen Sensibilität durchdrungen waren, bedeutete Rationalität, jedem Altruismus, jedem öffentlichen Engagement und jedem religiösen Glauben mit Misstrauen zu begegnen. Indem er alle kollektiven Ideale als irrationale Schleier sexueller Instinkte deklarierte, die zu unnötiger Schuld führten, propagierte Freud einen Rationalitätsmaßstab, der die Gruppenbindungen zersetzte. Vor allem lehrte Freud die Irrationalität von Schuld. Schuld zu empfinden, zeuge von mangelndem Selbstverständnis, von übertriebener Intoleranz gegenüber instinktiven Forderungen. Im Freudschen Projekt sollte die rationale Entwicklung des Bewusstseins das Wohlbefinden steigern, indem sie das Schuldgefühl verringerte. Während also die zuvor vorherrschende Kultur des Westens, das Christentum, gelehrt hatte, dass ein schlechtes Gewissen das Ergebnis der Unterdrückung der höheren, moralischen Natur des Menschen sei, vertrat Freud die Ansicht, dass Schuld das Ergebnis der Unterdrückung der niederen, triebhaften Natur des Menschen sei. Während das Christentum den Menschen also dazu ermutigte, den Blick nach oben zu richten, um das Schuldgefühl zu bewältigen, lenkte Freud seine Aufmerksamkeit nach unten.

Freud war damit das, was Rieff einen „Parodisten“ der früheren politischen und religiösen Kulturen nannte, der, indem er „eine Wissenschaft entwickelte, die die Pathologie moralischer Aspirationen aufzeigt“, eine intellektuell schlagkräftige Rechtfertigung für engstirnige Selbstbezogenheit bot.[19] Die Psychoanalyse delegitimierte ererbte kulturelle Identitäten, während sie zugleich ein neues kulturelles Ideal hervorbrachte – das, was Rieff den „psychologischen Menschen“ nannte –, der nur „seiner eigenen sorgfältigen Ökonomie des inneren Lebens“ verpflichtet war.[20] Für den psychologischen Menschen erschienen soziale Beziehungen und kulturelle Bindungen als Formen der Therapie. Zwar traten psychologische Menschen in soziale Beziehungen ein, doch taten sie dies mit tiefem Misstrauen und mit ständiger Aufmerksamkeit dafür, ob sich ihre Investitionen in Form psychischer Gesundheit auch „auszahlten“.

In The Triumph of the Therapeutic (1966) verfeinerte und entfaltete Rieff die Konsequenzen der Ablösung von Politik und Religion durch das therapeutische Weltbild. „Die Therapie aller Therapien, das Geheimnis aller Geheimnisse, die Deutung aller Deutungen bei Freud besteht darin, sich nicht zu exklusiv an einen bestimmten Sinn oder Gegenstand zu binden.“[21] Für den von Rieff so genannten „Therapeutischen“ – den Mann oder die Frau, die in der analytischen Haltung geschult sind – bestand die höchste Weisheit darin, „in Kontakt mit den Optionen zu bleiben, um die herum sein Leben organisiert werden könnte; idealerweise sollten alle Optionen offen gehalten werden, weil theoretisch alle gleichermaßen ratsam – oder unter gegebenen persönlichen Umständen nicht ratsam – sind.“[22]Der therapeutische Typ wurde folglich gegen bindende, dauerhafte Verpflichtungen geschult; die Grundbedingung jedes sozialen Vertrages war für ihn die Ausstiegsklausel. Dies galt nicht nur für persönliche Bindungen, sondern ebenso für kulturelle oder intellektuelle Verpflichtungen. Es war nicht so, dass er oder sie ungebunden blieb, vielmehr galt die Bindung selbst als Form der therapeutischen „Selbststeigerung“, wobei jede Bindung aufgegeben wurde, sobald der „Selbstgewinn“ gedämpft wurde. Therapeutische Menschen waren im tiefsten Sinn „pro-choice“: Die Möglichkeit zu wählen war der höchste Wert, doch es gab keinen zwingenden Grund, sich für eine bestimmte Wahl zu entscheiden.

Die Kultur der Therapie und Analyse war somit der Gegenentwurf zu dem, was Rieff als Hochkultur betrachtete: Indem sie den Einzelnen von den ererbten religiösen und historischen Geboten und Deutungen „dekonvertierte“, machte sie den Geist offen und formbar statt standfest und vertrauenswürdig. Die therapeutische Kultur war eine „remissive“ Kultur, die darin glänzte, die „Du-sollst-nicht“ der Vergangenheit zu entschuldigen oder wegzuerklären, statt ihrerseits zwingende Gründe für anti-institutionelles moralisches Verhalten zu liefern. Sie ebnete so den Weg für einen Aufstand gegen kulturelle Beschränkungen, den Freud selbst nicht gebilligt hätte. 

Nach Rieffs Darstellung waren es die Intellektuellen, die als Erste die Kultur der Therapie übernahmen und maßgeblich für deren Verbreitung in der breiteren Kultur verantwortlich waren. Weit entfernt von ihrer traditionellen Rolle, die Notwendigkeit der Unterdrückung von Begierden im Namen gemeinschaftlicher Ziele und höherer Autorität zu artikulieren, widmeten sich die Intellektuellen zunehmend der Aufdeckung der Willkür aller Beschränk ungen und Autoritäten. 

Die Krise der Bildung

Rieffs nächstes Buch, Fellow Teachers (1973), untersuchte (neben einer Vielzahl anderer Themen) die Zusammenhänge zwischen der therapeutischen Revolte gegen die Autorität, die einst auf die intellektuelle Avantgarde beschränkt war, der Verbreitung solcher Vorstellungen durch den universitären Lehrplan und der Popularisierung dieser Ideen in der sogenannten Gegenkultur. „Diejenigen, die bereits wissen, was nicht zu tun ist, scheinen schwächer als je zuvor zu sein, besonders in den Universitäten“, schrieb Rieff. „Wir Umerzogenen – wir sind die kulturell Deprivierten.“[23] Dieses höchst ungewöhnliche Buch entstand aus Rieffs Antworten auf Fragen zu seinem Werk, die ihm die Herausgeber der Zeitschrift Salmagundi gestellt hatten, und der Anschein, sich an ein Publikum aus Universitätsprofessoren der Geistes- und Sozialwissenschaften zu wenden, wurde durchgehend beibehalten. Als lose zusammenhängende Reihe von Reflexionen, die sich zum Teil aus Überlegungen zu Texten von Kierkegaard, Pirandello und John Barth speiste, war Fellow Teachers ein anspielungsreiches, gelehrtes und selbstoffenbarendes Werk, das viele von Rieffs früheren Themen schärfte und in aphoristischer Form die Richtungen seines späteren Schaffens aufzeigte.

Wirklich kultiviert zu sein – im Sinne von Rieff, für den dies ein Bewusstsein für höchste Wahrheiten und größte Verfehlungen sowie ihrer symbolischen Ausdrucksformen bedeutete – hieß, moralische Kraft und Identität aus der Dankbarkeit gegenüber der eigenen Kultur und der Anerkennung der Schuld gegenüber jenen zu schöpfen, von denen man sie übernommen hatte. Von ihren Lehrern in den Geistes- und Sozialwissenschaften bekommen Studierende hingegen mit hoher Wahrscheinlichkeit das Gegenteil von dem, was sie am nötigsten bräuchten. Rieff zeichnete ein schmerzhaftes Bild von Hochschulstudenten, die in den 1960er Jahren häufig Kinder von Eltern waren, die selbst bereits im therapeutischen Ethos lebten und ihre Kinder daher kulturell enterbt hatten, ohne festen Sinn für historische Erinnerung oder kulturelle Autorität. Diejenigen, die mit einer gefestigten historischen oder religiösen Identität an die Universitäten kamen, wurden ermutigt, sie zugunsten einer kritischen Kultur aufzugeben, die vorgab, rational und universal zu sein, tatsächlich aber nur die Willkür ererbter Autorität zu demonstrieren vermochte. „Eine universale Kultur ist ein Widerspruch in sich“, schrieb Rieff. „Barbarei bedeutet die Universalität jener, die umerzogen oder brutalisiert worden sind, so dass sie nicht länger Mitglied in den bindenden Besonderheiten ihrer Kultur sind und, fähig, alles in Betracht zu ziehen, durch keinen neuen Gott-Begriff mehr gehemmt werden.“[24] Statt die Notwendigkeit bindender Gebote gelehrt zu bekommen, wurden die Studierenden „transgressiv erzogen; der Wagen wird vor das Pferd gespannt, Kritik kommt vor der Loyalität gegenüber dem, was kritisiert wird.“[25] So warnte Rieff, dass die Hochschulbildung zu einer Art „Kindergarten“ geworden sei, in dem den Studierenden beigebracht werde, von einer kulturellen Ordnung zur nächsten zu springen, während sie gleichzeitig gegen die Möglichkeit verbindlicher Autorität und autoritärer Anweisungen immunisiert würden.

In Fellow Teachers und anderen Schriften hat Rieff das Bemühen der So zialwissenschaft nachgezeichnet, Religion zu ersetzen, und das des Sozialwissenschaftlers, an die Stelle von Priester oder Propheten zu treten.[26] Dieses The ma wurde mitunter ausdrücklich angesprochen, etwa im Fall des französischen Begründers der Soziologie, Saint-Simon, der seinen frühen Versuch einer Sozialwissenschaft als „Neues Christentum“ bezeichnete, oder bei Freud, der sich selbst als neuen Moses sah. Ein allgegenwärtiges Thema des modernen sozialen Denkens, auf das Rieff hingewiesen hat, ist die reduktive Erklärung der Religion, also die in vielfältiger Form vorgebrachte Behauptung, das Göttliche sei „in Wirklichkeit“ etwas anderes. Von Feuerbach bis Durkheim behandelten Liberale, wie Rieff in einem frühen Essay bemerkte, Religion als Form sozialer Integration, während andere Theoretiker ebenfalls Gott als „Marionette der gesellschaftlichen Ordnung und insbesondere der Schwächsten in ihr“ entlarvten.[27] Für Marx war Religion bekanntlich das Opium des Volkes; für Freud war Gott im Grunde eine Projektion kindlicher Hilflosigkeit, eine Deutung, die letztlich alle Autorität auf das Verhältnis von Kindern zu ihren Eltern zurückführte. Damit verbunden ist die Leugnung, dass moralische Maßstäbe eine objektive Grundlage haben. In der Folge, so Rieff, teilen säkulare Intellektuelle oft das Vorurteil, dass ein moralisch guter Mensch wahrscheinlich nicht besonders klug sein kann – die Guten seien nämlich diejenigen, die begriffen haben, dass ihre Moral keine objektive Geltung besitzt.[28] Auf diese Weise werden Sozialwissenschaftler – bewusst oder unbewusst – zu Stoßtrupps der langen Revolution der Moderne auf ihrer grundlegendsten Ebene: der „Erschließung neuer Möglichkeiten und der Aufhebung dessen, was ‚man nicht tut‘.“[29]

Die Einprägung dieser sozialwissenschaftlichen Voraussetzungen, sei es in psychoanalytischer oder soziologischer Gestalt, erschwert die Wiederaneignung früherer kultureller Traditionen enorm. Im Vorwort zur Neuauflage von The Triumph of the Therapeutic fasst Rieff dieses Thema wie folgt zusammen: 

„Am Ende des historischen Weges, den der westliche Geist beschritten hat, wartet schließlich der Therapeut, um jeden Erneuerer des Glaubens zu Fall zu bringen und alle Feste göttlicher Verehrung wegzuanalysieren. … Als Regisseur und Darsteller seiner eigenen, unendlich wandelbaren Identitäten duldet der Therapeut als Therapeut keine offenbarten, ewigen und verpflichteten Wahrheiten.“[30]

Für Rieff können zeitgenössische Intellektuelle, die in der kritischen Kultur der Therapie verhaftet sind, daher nur eine Sinnkritik nach der anderen lehren. „Sie öffnen die Tür zur ‚Befreiung‘“ – und hinter dieser Tür verbirgt sich die persönliche Sinnlosigkeit, die daraus entsteht, dass man sich immer wieder neu entscheiden muss, ohne zwingende Gründe für diese Entscheidung zu haben. In Fellow Teachers stellte sich Rieff selbst als einen derjenigen dar, die im kulturellen Widerspruch der kritischen-therapeutischen Weltsicht feststecken, „gefangen in unserem Glauben an die Kritik, nur wenig verschieden von den populären Versionen endloser Ausdruckssuche oder befreiten Verstehens.“[31] Die Botschaft des Buches war daher nicht prophetisch, sondern vielmehr prophylaktisch. Es war eine Warnung an jene, die sich auf dem Weg in die Kultur der Kritik befinden. Er wies auf die Sackgasse hin, die vor ihnen lag.

Die Verdrängung der „heiligen Ordnung“

In Rieffs späteren Arbeiten – vor allem in einem langen Epilog zu Freud: The Mind of the Moralist(1979), einem neuen Prolog zu Fellow Teachers (1985) und mehreren Essays, die inzwischen in Feeling Intellect zugänglich sind – hat Rieff ein Thema immer deutlicher herausgearbeitet, das in seinen früheren Büchern zwar implizit, aber nicht eindeutig zum Ausdruck kam. Diese Botschaft ist religiöser Natur, wenn auch nicht im konfessionellen Sinne. Es gibt eine letzte Begründung für moralisches Handeln, und die Menschen haben dafür ein intuitives Gespür, das sich zwar nicht angemessen mit rationalen oder wissenschaftlichen Begriffen beschreiben lässt, sich aber in unserem Schuldgefühl äußert, wenn wir gegen moralische Gebote verstoßen. Diese höchste Autorität ist in den jüdischen und christlichen Traditionen der ewige Schöpfer, der sich in Exodus 3,14 als „Ehyeh asher Ehyeh“ (dt. „Ich bin, der ich bin“) bezeichnet; und durch unsere Wahrnehmung dieser Autorität, so Rieff, werden wir fähig, die bösen Möglichkeiten in uns zu unterdrücken. Rieff behauptet, dass ein Großteil des modernen kritischen Denkens der Versuch sei, diese Realität zu verleugnen oder zu verdrängen, die er „heilige Ordnung“ nennt.

Hier verlässt Rieff die Rolle des Soziologen – der allenfalls die Unvermeidlichkeit von „Gott-Begriffen“ für jede historische Kultur behaupten könnte. Er schlüpft in die Rolle des religiösen Apologeten, der die Realität Gottes bekräftigt, die in den historischen Kulturen, die diese Realität anerkennen, auf vielfältige Weise wahrgenommen wird. Schuld ist für Rieff der greifbarste Ausdruck der Wirklichkeit heiliger Ordnung und unseres Drangs, sie zu ignorieren, zu verdrängen oder gegen sie zu rebellieren. Das Schuldgefühl ist nach Rieff nicht etwas, das wegerklärt werden sollte, sondern etwas, das kultiviert werden muss: Es ermöglicht Männern und Frauen jenen Charakter zu entwickeln, der aus der Anerkennung der Realität und Macht des bösen Triebs erwächst und aus der Entscheidung, gegen ihn zu handeln, statt ihn als „desublimierende Instinkte“ zu intellektualisieren, die es zu befriedigen gilt. Anerkennung statt Verdrängung der Schuldwirklichkeit ist, so Rieff, der erste Schritt hinaus aus der Sackgasse der therapeutischen Kultur.[32]

Es versteht sich von selbst, dass diese Botschaft in der kritischen Kultur, in der viele von Rieffs potenziellen Lesern leben, schlicht und einfach unglaubwürdig ist. Da ihre wahrscheinliche Reaktion darin besteht, diese Botschaft mit Spott vom Tisch zu wischen, muss Rieff sie davon überzeugen, dass sie, während sie darüber lachen, im Dunkeln sitzen. Dies erklärt die Eigenart seiner Prosa und seiner Haltung. Seine Prosa ist zunehmend poetischer geworden und drückt in metaphorischen Begriffen aus, was Rieff für eine Realität hält, die erst gefühlt werden muss, bevor sie intellektualisiert werden kann, und die von den Prämissen einer rationalistischen Sozialwissenschaft aus nicht erreicht werden kann, da diese kein Vokabular bietet, um das auszudrücken, was am dringendsten gesagt werden muss. Die Vorgehensweise ähnelt derjenigen, die Rieff selbst in einem Essay von 1959 mit dem Titel „The Evangelist Strategy“ beschrieben hat. Die Aufgabe des modernen religiösen Apologeten sei es, schrieb er, jene zu erreichen, die außerhalb des Glaubens stehen. Die Strategie des religiösen Apologeten gleiche der des Evangelisten: Er stellt seine Leser vor die Wahl zwischen „tödlicher Sinnlosigkeit und rettendem Sinn“, er zwingt sie, sich der Frage zu stellen: „Wie lange lässt sich das Elend und die Vergeblichkeit eines Lebens ohne Glauben ertragen?“[33]

Das wurde nun zu Rieffs selbstgewählter Aufgabe: seine gebildeten Leser für die Grenzen der therapeutischen Weltanschauung zu sensibilisieren. Wie Rieff weiß, ist das Publikum, für das er schreibt, am wenigsten geneigt, seiner Botschaft Gehör zu schenken; tatsächlich lehnt es diese zutiefst ab, da sie so viele ihrer verinnerlichten kulturellen Annahmen in Frage stellt. Um ihr erstes Interesse zu wecken, greift er häufig zu Kommentaren und Exegesen der Texte, die im modernistischen Kanon als „heilig“ gelten. Seine Evangelisation ist von einer sehr subtilen und intellektuell anspruchsvollen Art: Statt seine gebildeten Leser mit den Qualen der Hölle oder dem Verlust eines Lebens nach dem Tod zu bedrohen, argumentiert Rieff, dass die Verdrängung des moralischen Sinns in der therapeutischen Kultur zu einer Art spiritueller Taubheit führt, die einem Tod im Leben gleichkommt. Daher Rieffs ironischer Satz: „You only live once, if then.“[34]

Die Liquidierung von Verboten als Projekt der Moderne

Rieff weist zudem auf die verheerenden sozialen und kulturellen Folgen hin, die sich aus der Verweigerung der Möglichkeit von Grenzüberschreitungen ergeben. „Da in der Moderne jede Erfahrung als erstrebenswert gilt, hat eine beispiellose Zunahme der Vulgarität Einzug gehalten.“[35]„Im Denken unserer remissiven Eliten gibt es immer einen entschuldigenden Grund für alles“, bemerkt Rieff im jüngsten Essay in Feeling Intellect. Und er schreibt weiter: „Oder schlimmer noch: Es gibt immer ein mehr oder weniger elaboriertes, rationalisiertes Desinteresse am Entsetzen über eine soziale Verfehlung gegen die heilige Ordnung.“[36] Sobald der menschliche Körper nicht mehr als Tempel Gottes angesehen wird, wie lange dauert es dann, fragt er, bis Vergewaltigung als „paraphile Zwangsstörung“ umdefiniert wird? Während Schamlosigkeit zum idealisierten Zustand der Dinge wird, wenn die Einsicht in die Notwendigkeit, instinktive Möglichkeiten zu unterdrücken, von jenen „erotokratischen Bewegungen der Postmoderne“ bestritten wird, deren Ansprüche inzwischen an vielen führenden Universitäten und Kulturinstitutionen zu durchsetzbaren Kodizes werden, stellt sich die Frage, wer erklären wird, was nicht zu tun ist – und warum.[37] „Die unerbittliche Kritik an allem, was sich im Leben erhebt“, wird so zum Kennzeichen der Kultur, der hohen wie der niederen.[38] In unserer öffentlichen Kultur, so hat Rieff seit Jahrzehnten vorausgesagt, ist „Warum nicht?“ zur am schwersten zu beantwortenden intellektuellen Frage geworden. Rieff hat versucht, die erschreckenden Konsequenzen der Unfähigkeit, diese Frage zu beantworten, zu vermitteln und auf eine angemessene Antwort hinzuweisen. 

Die prognostische Kraft von Rieffs These, dass die Kultur des Therapeutischen keine unteren Grenzen mehr kennt, scheint durch spätere Erfahrungen bestätigt zu werden. „Die Öffnung von Möglichkeiten, die Liquidierung dessen, was ‚man nicht tut‘, stellt die lange Revolution der Moderne auf ihrer grundlegendsten Ebene dar“, schrieb er 1968.[39] Im Sommer 1990 waren die dominierenden amerikanischen Kultur-Eliten nicht mehr in der Lage oder nicht mehr willens zu erklären, warum die Ausstellung von Fotografien eines Mannes, der den Griff einer Peitsche im Anus trägt, nicht von der nationalen Regierung subventioniert werden sollte. Ja, diejenigen, die darauf bestanden, dass dies keine Leistung sei, die einer kollektiven Förderung würdig sei, wurden vom größten Teil des kulturellen Establishments zornig und verächtlich als intellektuelle Neandertaler abgekanzelt. Sie seien zu primitiv, um das Wesen von Kultur zu verstehen, die notwendigerweise der Erkundung immer neuer Erfahrungsbereiche verpflichtet sei. Im Herbst 1990 befand eine Jury im Broward County, Florida, dass die Texte der Gruppe „2 Live Crew“ nicht gegen die lokalen Gemeinschaftsstandards verstießen. Zu diesen Texten gehörten Zeilen wie „He’ll tear the [Schimpfwort für Vagina] open ‚cause it’s satisfaction‘“, und „bust your [dasselbe Schimpfwort] then your backbone … I wanna see you bleed“.[40] Der Abgrund der Möglichkeiten, so scheint es, war inzwischen in die Gemeinschaftsstandards aufgenommen worden.

Rieffs Beitrag zum Verständnis der modernen kulturellen Entwicklung kann auch von jenen gewürdigt werden, die seine konservativen Prämissen oder die religiösen Implikationen seiner jüngsten Arbeiten nicht teilen. Andere haben zwar überzeugendere Erklärungen für die historische Genealogie der therapeutischen Ethik geliefert, doch hat niemand ihre innere Dynamik so eindringlich analysiert oder ihre Gefahren so eindringlich aufgezeigt wie Philip Rieff.

Hinweise zum Aufsatz

Über den Autor: Jerry Z. Muller, geb. 1954, ist Professor emeritus für Geschichte an der Katholischen Universität in Amerika in Washington D. C. Zu seinen Veröffentlichungen gehören u. a. das  Buch Capitalism and the Jews (Princeton University Press 2010) sowie Tyranny of Metrics (Princeton University Press, 2018). Sein vielbeachtetes Buch über Jacob Taubes (1923–1987) ist auch in deutscher Sprache erschienen als: Jerry Z. Muller, Professor der Apokalypse Die vielen Leben des Jacob Taubes, aus dem Englischen übersetzt v. Ursula Kömen, Berlin: Jüdischer Verlag (Suhrkamp), 2022, 927 S.

Hinweise zur Veröffentlichung: Der Aufsatz von Jerry Z. Muller erschien zuerst unter dem Titel „Philip Rieff“ in: David Murray (Hrsg.), American Cultural Critics, University of Exeter Press,  1995, S. 193–205, und wurde im Jahr 2026 von Ron Kubsch mit freundlicher Genehmigung des Autors übersetzt. Die Zwischenüberschriften wurden eingefügt, um die Orientierung im Text zu erleichtern. Insofern vorhanden, wurden bei den Literaturangaben Publikationen in deutscher Sprache angeführt.

Endnoten

[1]              Christopher Lasch, Das Zeitalter des Narzissmus, München: Bertelsmann, 1982.

[2]             Robert N. Bellah et al., Gewohnheiten des Herzens: Individualismus und Gemeinsinn in der amerikanischen Gesellschaft,Köln: Bund-Verlag, 1987.

[3]             Alasdair C. MacIntyre, Der Verlust der Tugend: zur moralischen Krise der Gegenwart, Frankfurt a. M.: Campus Verlag, 2006.

[4]             Aristides [Joseph Epstein], „Incidental Meditations“, The American Scholar (Frühjahr 1976), S. 173–174. Zu weiteren Bewertungen von Rieffs Werk siehe Robert Boyers (Hrsg.), Psychological Man, New York: Harper and Row, 1975, u. Richard H. King, „From Creeds to Therapies: Philip Rieff’s Work in Perspective,“ Reviews in American History (Juni 1976), S. 291–296.

[5]             Allan David Bloom, Der Niedergang des amerikanischen Geistes: ein Plädoyer für die Erneuerung der westlichen Kultur, Hamburg: Hoffmann und Campe, 1988.

[6]             Alle Verweise beziehen sich auf die Ausgaben von Rieffs Büchern bei der University of Chicago Press, die in Anmerkung 8 unten zitiert werden. Philip Rieff, Freud: The Mind of the Moralist, 1979, S. 328.

[7]             Philip Rieff, Fellow Teachers, 1984, S. xvii.

[8]             Philip Rieff, Freud: The Mind of the Moralist, New York: Viking Press; London: Gollancz, 1959; rev. Aufl., New York: Anchor Books, 1961; 2. Aufl., London: Methuen, 1965; 3. Aufl., mit Epilog, „One Step Further,“ Chicago: University of Chicago Press, 1979. Philip Rieff, The Triumph of the Therapeutic: Uses of Faith After Freud, New York: Harper and Row; London: Chatto & Windus, 1966; 2. Aufl., mit neuem Vorwort, Chicago: University of Chicago Press, 1987; Philip Rieff, Fellow Teachers, New York: Harper & Row, 1973; 2. Aufl. erschienen als Fellow Teachers/Of Culture and Its Second Death, mit neuem Vorwort: „A Pretext of Proof Texts,“ University of Chicago Press, 1984. Philip Rieff, The Feeling Intellect: Selected Writings, hrsg. u. eingeleitet von Jonathan B. Imber, Chicago: University of Chicago Press, 1990; dieser Band enthält auch eine vollständige Bibliographie von Rieffs Arbeiten bis 1990. Alle folgenden Anmerkungen beziehen sich, sofern nicht anders angegeben, auf diese Werke Rieffs.

[9]             Philip Rieff, „Kelly Miller’s Radicals and Conservatives“ (1968), in: The Feeling Intellect, 1990, S. 222–231, hier S. 230.

[10]            Hannah Arendt, Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft: Antisemitismus, Imperialismus, Totalitarismus, München: Piper, 2023. Das Original The Origins of Totalitarianism erschien Ende März 1951 in New York. Bei der deutschen Ausgabe, die erstmals Mitte November 1955 in Frankfurt a. M. veröffentlicht wurde, handelte es sich um eine neu bearbeitete Ausgabe.

[11]            Philip Rieff, „The Theology of Politics: Reflections on Totalitarianism as the Burden of Our Time“ (1952), in: The Feeling Intellect, 1990, S. 86–97, hier  S. 88.

[12]            Philip Rieff, „Toward a Theory of Culture: With Special Reference to the Psychoanalytic Case“ (1972), in: The Feeling Intellect, 1990, S. 321–339, hier S. 324.

[13]            Philip Rieff, Freud, 1979,  S. xxiii; Fellow Teachers, 1984, S. 133.

[14]            Siehe insbesondere The Triumph of the Therapeutic, „Introductory: Toward a Theory of Culture,“ S. 1–28; und „Toward a Theory of Culture,“ in: Feeling Intellect, S. 321–30.

[15]            Vgl. Philip Rieff, Fellow Teachers, 1984, S. 38 u. 106; „The Cultural Economy of Higher Education“, in: Feeling Intellect, 1990, S. 247–264, hier S. 247–248.

[16]            Philip Rieff, Fellow Teachers, 1984, S. vii.

[17]            Philip Rieff, „By What Authority? Post-Freudian Reflections on the Repression of the Repressive in Modern Culture“ (1981), in: Feeling Intellect, 1990, S. 330–351, S. 344.

[18]            Vgl. Philip Rieff, Freud, 1979, S. xiii.

[19]            Philip Rieff, Freud, 1979, S. 319.

[20]           Philip Rieff, Freud, 1979, S. 356.

[21]            Philip Rieff, The Triumph of the Therapeutic, 1987, S. 59.

[22]           Philip Rieff, The Triumph of the Therapeutic, 1987, S. 50.

[23]           Philip Rieff, Fellow Teachers, 1984, S. 165n.

[24]           Philip Rieff, Fellow Teachers, 1984, S. 39.

[25]           Philip Rieff, Fellow Teachers, 1984, S. 39.

[26]           Siehe zum Beispiel Philip Rieff, „Nineteenth-Century European Positivism“ (1965), in: Feeling Intellect, 1990, S. 171–172.

[27]           Philip Rieff. „George Orwell and the Post-Liberal Imagination“ (1954), in: Feeling Intellect, 1990, S. 145–160, hier S. 155–56; vgl. Philip Rieff, The Triumph of the Therapeutic, 1987, S. xii.

[28]           Vgl. Philip Rieff, Freud, 1979, S. 279.

[29]           Philip Rieff, „Kelly Miller’s Radicals and Conservatives“ (1968), in: Feeling Intellect, 1990, S. 222–231, hier S. 230.

[30]           Philip Rieff, The Triumph of the Therapeutic, 1987, S. x.

[31]            Philip Rieff, Fellow Teachers, 1984, S. 88.

[32]           Philip Rieff, Fellow Teachers, 1984, S. 100 u. 156 ff.; Freud, 1979, S. 375 ff. u. 417 Anm. 11.

[33]           Philip Rieff, „The Evangelist Strategy“ (1959), in: Feeling Intellect, S. 123–130, hier S. 124.

[34]           Philip Rieff, Fellow Teachers, 1984, S. 111n. Deutsch etwa: „Man lebt nur einmal – wenn überhaupt.“

[35]           Philip Rieff, „By What Authority? Post-Freudian Reflections on the Repression of the Repressive in Modern Culture“ (1981), S. 345.

[36]           Philip Rieff,, „For the Last Time Psychology“ (1987), in: Feeling Intellect, 1990, S. 351–365, S. 362.

[37]           Philip Rieff, Freud, 1979, S. 381.

[38]           Philip Rieff, Fellow Teachers, 1984, S. xi.

[39]           Philip Rieff, „Kelly Miller’s Radicals and Conservatives“ (1968), S. 230.

[40]           Für eine Rieffsche Analyse der Entscheidung der Jury, ihrer kulturellen Ursprünge und sozialen Folgen, siehe: Charles Krauthammer, „Culture has Consequences“, The Washington Post, 26. Oktober 1990.  

Philip Rieffs: Tiefe Individualität besteht nur in der Bindung an die höchste Autorität.

Philip Rieffs schreibt in Charisma: The Gift of Grace, and How It Has Been Taken Away from Us (Knopf Doubleday, 2008, S. 36):

Es ist wichtig zu beachten, dass sich die Bedeutung von Disziplin [gemeint ist die Einhaltung von (geltenden) Regeln; Anm. R.K.] in der Entwicklung der westlichen Kultur nicht von ihrem glaubensbezogenen Charakter trennen lässt. Das konforme Handeln in Massenorganisationen steht im Widerspruch zum Glauben. Tiefe Individualität kann nur in Beziehung zur höchsten Autorität existieren. Keine innere Disziplin kann ohne eine charismatische Institution wirken, und eine solche Institution kann ohne jene höchste Autorität nicht überleben, aus deren Beziehung sich das Selbstvertrauen speist. Ohne eine tief verwurzelte Autorität gibt es kein Fundament für Individualität. Selbstvertrauen drückt somit die Unterwerfung unter die höchste Autorität aus.

Philip: Rieff: Die Gefahren der therapeutischen Kultur

In den nächsten Wochen werde ich einige Beiträge zur Kulturanalyse von Philip Rieff (1922–2006) veröffentlichen. Rieff kann uns nämlich hervorragend dabei helfen, unsere Kultur und ihre Pathologien besser zu verstehen.

Heute schon mal ein Videobeitrag über „Die Gefahren der therapeutischen Kultur“ (es ist möglich, sich deutschprachige Untertitel anzeigen zu lassen):

Die Erfindung der „Geschlechtsidentität“ und ihre zerstörerischen Folgen

Jakob Hayner stellt für die Welt zwei neue Bücher vor, die sich mit der „Geschlechtsidentität“ beschäftigen. Das erste Buch, Geschlechtsidentität: Die Karriere einer Kategorie (#ad), stammt von dem renommierten Soziologen Rogers Brubaker. Dazu heißt es: 

Noch vor wenigen Jahren hätte man bei der Frage, was eine Geschlechtsidentität sei, wohl in viele fragende Gesichter geschaut. Geschlecht? Das kann man bekanntlich anatomisch, genetisch oder hormonell fassen, was in der Geschlechterforschung als biologisches Geschlecht („sex“) gilt. Oder als erlernte Rollen, als soziales Geschlecht („gender“). Aber Geschlechtsidentität? Das „tief empfundene innere und persönliche Gefühl der Zugehörigkeit zu einem Geschlecht“, wie das „LSBTIQ-Lexikon“ verrät, ist etwas völlig Neues. Doch spätestens mit dem Selbstbestimmungsgesetz hat die Geschlechtsidentität die alte Vorstellung vom Geschlecht abgelöst. Wie es zu diesem rasanten Aufstieg kommen konnte und warum der Schlüsselbegriff des Transgender-Aktivismus heftige Kulturkämpfe auslöst, hat der renommierte Soziologe Rogers Brubaker untersucht. Für den US-Professor hat das nichts mit dem Rechts-Links-Schema, aber viel mit der „stillen Revolution“ eines fragwürdigen Imperativs zu tun. Der Begriff der Geschlechtsidentität kommt, wie Brubaker schreibt, eigentlich aus der medizinischen Diagnostik und bezeichnete eine Störung. Indem sich der Transgender-Aktivismus den Begriff aneignete und umwertete, konnte er seinerseits die Medizin vor sich hertreiben, wie bei der Begründung „geschlechtsangleichender Maßnahmen“. Die Pointe dabei ist, dass nun das gefühlte Geschlecht („gender“) als angeboren, während das biologische Geschlecht („sex“) als beliebig anpassbar gilt – eine völlige Verkehrung der alten Gender-Theorie. Brubaker zeichnet detailliert nach, wie diese Idee der Geschlechtsidentität in Medizin, Statistik, Recht und Pädagogik institutionalisiert und mit „symbolischer Macht“ ausgestattet wurde. Geschlechtsidentität wurde zur herrschenden Norm, die für alle gilt, egal ob man persönlich an die Existenz dieser Identität glaubt. Ein „Prinzip der sozialen Klassifizierung“, dem man sich nicht entziehen kann. Man ist aufgefordert, so zu handeln, als ob man eine Geschlechtsidentität hätte.

Und wichtig: „Brubaker hat das vor allem für die USA und Großbritannien untersucht und kommt zu dem Schluss, dass der Siegeszug der Geschlechtsidentität nicht das Ergebnis einer großen öffentlichen Debatte war, sondern eines ‚Insider-Aktivismus‘, der gezielt auf die Bürokratie von Staat und Partei Einfluss genommen hat: eine ‚stille Revolution‘ durch die Hintertür.“

Über das andere Buch von Gerhard Schweppenhäuser, Mitherausgeber und Redaktionsmitglied der Zeitschrift für kritische Theorie, schreibt Hayner: 

Was Brubaker als Kampf „zwischen dem, was gegeben ist, und dem, was gewählt werden kann, zwischen Natur und Kultur“ beschreibt, ist für Gerhard Schweppenhäuser die Verschiebung des Wunschs nach Selbstbestimmung auf das Feld des Körpers und des Geschlechts. Wie der Philosoph in seinem Buch „Das konstruktivistische ‚Interesse am Körper‘ – Geschlecht, Identität und der Naturbegriff der Kritischen Theorie“ ([#ad] Verlag Felix Meiner, 212 Seiten, 25 Euro) schreibt, ist die Geschlechtsidentität eine Wiederauflage der alten Irrlehre vom „geistigen Geschlecht“, die Fiktion radikaler Verfügbarkeit als innerer Kehrseite des entfesselten Kapitalismus. Der Körper wird nicht mehr nur zum Anhängsel der Maschinerie, sondern zum Anhängsel des Diskurses, so Schweppenhäuser.

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Kinderfrei

Menschen, die sich bewusst gegen Nachwuchs entscheiden, bezeichnen sich nicht mehr als kinderlos, sondern als „kinderfrei“. Damit ist (irgendwie) vorausgesetzt, dass Kinder vor allem eine Belastung sind.

Hier wird, so meine Meinung, der radikale Individualismus auf die Spitze getrieben. Es geht nur noch um mich. Und die Folgen für die Gesellschaft werden desaströs sein. Genau die Leute, die sich selbst genügen, solange sie jung und gesund sind, werden dann, wenn sie alt und krank sind, schreien: „Kümmert euch um mich!“

Zitat:

Der Begriff „kinderfrei“ hat eine seltsame Doppelbedeutung. Eltern sagen „Ich habe kinderfrei“, wenn sie ohne ihren Nachwuchs ins Kino gehen, weil die Großeltern auf ihn aufpassen. Das Wort verwenden aber auch immer mehr Menschen zur Selbstbeschreibung – vor allem Frauen –, die sich bewusst gegen eigene Kinder entschieden haben. Das bislang übliche Wort „kinderlos“ klingt für sie zu sehr nach Verlust und Mangel, mit dem Suffix „-frei“ wollen sie ausdrücken, dass ein Dasein ohne eigenen Nachwuchs für sie keinen Verzicht bedeutet, sondern Lebensglück.

Nun steht vor der Nachsilbe „frei“ üblicherweise etwas, das man als Belastung empfindet und gerne los wäre: Wer nicht grübelt, ist sorgenfrei, Raucher wären gerne nikotinfrei und Hauseigentümer schuldenfrei. Im Jahr 1933 wurde überall in Deutschland der Erfolg nationalsozialistischer Unrechtspolitik mit dem Wort „judenfrei“ bejubelt.

Nun also kinderfrei. Ob jemand eigene Kinder oder auch nur den Gedanken daran als Last empfindet, ist höchst individuell und deswegen nicht diskutabel. Doch haben viele der Ich-Texte und Essays, die Kinderlosigkeit als persönliches Lebensmodell beschreiben und zuletzt im Wochentakt in allen großen Publikationen, auch der F.A.Z., erschienen sind, seltsam schrille Untertöne, was den Blick auf das Leben mit Kindern betrifft. Es wird unterstellt, Mütter seien unglücklicher als Frauen ohne Kinder, Eltern hätten schlechteren Sex, und das Bild der einsamen Greisin sei ein Versuch des Patriarchats, Frauen zum Kinderkriegen zu erpressen – und nicht Ausdruck einer demographischen Realität, weil Frauen im Schnitt vier bis fünf Jahre länger leben als Männer. Fast scheint es, als würde sich das über Jahrhunderte geprägte Bild, dass eigene Kinder eine notwendige Bedingung für eine gelungene Biographie sind, langsam umkehren: Ein glückliches Leben genügt sich selbst.

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„Niemand ist cooler als Jesus“ – Wie die Gen Z zurück zum Glauben findet

Während in westlichen Gesellschaften die Kirchenbindung abnimmt, sucht die Generation Z zunehmend Halt im Glauben. Auch in Deutschland. DIE WELT gibt Einblicke:

Soziologen entdecken auch Ähnlichkeiten zwischen kirchlichen Traditionen und aktuellen Trends. So gebe es Analogien zwischen der Selbstoptimierungskultur und der christlichen Askese, fänden sich Parallelen zwischen Challenges wie dem alkoholfreien „Dry January“ oder der „NoFap“-Bewegung, die auf Verzicht auf Pornos und Masturbation setzt, und kirchlich gepredigter Enthaltsamkeit.Sünde, Moral.

Welche Rolle spielt die christliche Ethik für einen jungen Mann wie Lennart Luis Grauer? Er sagt, dass er biblische Wertvorstellungen nicht als aufgezwungene Einschränkungen empfinde. In dem Vorhandensein von Moralvorstellungen sehe er vielmehr einen weiteren Hinweis darauf, dass es einen Gott geben muss, der Werte wie die Ächtung des Tötens von Menschen oder der Vergewaltigung zu etwas Absolutem und Universellem erhebe und unser Gewissen präge. Er selbst habe bestimmte Verhaltensweisen abgelegt, Handlungen, die anderen und ihm selbst schaden. Gott meine es gut, „wenn er sagt, dass ich nicht lügen sollte, nicht rauchen oder nicht so viel trinken.“Das Wichtigste für Lennart Luis Grauer aber sei, die entscheidende Antwort auf die Frage nach dem Sinn des Lebens gefunden zu haben: „Liebe deinen Mitmenschen wie dich selbst. Das ist superschön. Schöner kann’s nicht sein.“

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Traditionelle Hochzeiten degradieren Bräute zum passiven Gut

Unsere klugen Genderprofessorinnen arbeiten sehr hart und können vielfältig belegen, wie ungerecht die Welt doch ist. Professorin Andrea Dorothea Bührmann leitet beispielsweise ein Institut für Diversitätsforschung und hat herausgearbeitet, dass weitverbreitete Hochzeitsrituale nicht nur Rollenstereotype stärken, sondern sich auch an überholten Normen orientieren. Besonders schlimm sei, dass Frauen dabei wie passive Gegenstände behandelt würden. Ergo: Wer nach wie vor traditionell heiratet, sollte das in Zukunft mit einem schlechten Gewissen tun. 

Zitat aus dem Interview „Möglichst große Feiern sollen deutlich machen, dass die Ehe nicht geschieden wird“:

Da wäre der Ritus, dass der Brautvater vor dem Altar seine Tochter an den Bräutigam übergibt. Man könnte fragen, warum nicht umgekehrt die Mutter des Bräutigams ihren Sohn übergibt. Dieser Übergangsritus stammt aus den USA, in Deutschland gibt es ihn noch nicht sehr lang. Trotzdem sehen wir ihn relativ häufig. Mich erschreckt daran, dass die Frau dabei zum passiven Gut und aus der einen an die andere Familie übergeben wird.

Ich denke, viele Paare versuchen zu tun, was anscheinend von ihnen erwartet wird. Die Braut trägt ein weißes Kleid und eben zum Beispiel keinen Minirock. Daran erkennt man, was als Normalität unterstellt wird. Brautpaare inszenieren bei ihrer Hochzeit traditionelle Bilder, die in Medien und im Alltagsdiskurs nach wie vor verbreitet werden. Aber auch die Brautmodengeschäfte leben davon, dass Frauen Prinzessinnenkleider tragen und Männer Prinzenanzüge. Das lässt darauf schließen, dass die Erwartungshaltung doch wichtig ist, sonst würden sie diese Kleidung nicht verkaufen. Wenn sich Paare bei der Hochzeit an diese überkommenen Normen halten, heißt das noch lange nicht, dass die Frauen sich dann als Hausfrau oder die Männer als klassische Versorger selbst verwirklichen wollen. Sie leben im Alltag vielleicht eine ganz andere Arbeitsteilung. Frauen werden vielleicht Vorstandschefinnen eines Dax-Konzerns und Männer werden Hausmänner. Beide haben Spaß am Spiel mit Normen und der Erwartungshaltung.

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Die falschen Freunde der Linken

Ivo Goldstein, Professor für Geschichtswissenschaft an der Universität Zagreb, untersucht in seinem FAZ-Gastbeitrag „Die falschen Freunde der Linken“, weshalb der Islamismus so anziehend auf die westliche Linke wirkt:

In den vergangenen Jahrzehnten wurde das Konzept der Dekolonisierung an westlichen Universitäten und Kulturinstitutionen zu einem intellektuellen und moralischen Imperativ. Der Gedanke, wonach moderne Ungerechtigkeiten auf die Kolonialgeschichte zurückgehen, ist in den Sozialwissenschaften, der feministischen Theorie und im politischen Aktivismus tief verwurzelt. Innerhalb dieses Diskurses wird der Kampf der Palästinenser oft als ein Dekolonisierungsprozess und Kampf gegen „Siedlerkolonialismus“ interpretiert.

Der radikale Islamismus übernahm diese Sichtweise sehr geschickt. Statt auf rein religiöse Rhetorik zu setzen, verwenden islamistische Narrative Begriffe wie „Befreiung“, „Gerechtigkeit“ und „Widerstand“. Ihre Vision ist zwar theokratisch und autoritär, doch die Möglichkeit, sich als die Stimme der Unterdrückten zu präsentieren, verleiht ihnen in den Augen mancher Linken eine zeitweilige moralische Legitimität.

Ein entscheidender Faktor ist die Logik, wonach „der Feind meines Feindes mein Freund ist“. Die liberale Linke und der radikale Islamismus haben gemeinsame Feinde: das kapitalistische System, die US-amerikanische Hegemonie und die israelische Militärmacht. Für Teile der Linken steht Israel für neoliberalen Militarismus und einen technokratischen Westen, der die globale Ungleichheit perpetuiert. Für Islamisten ist Israel der Feind des Islams und ein Anhängsel der „ungläubigen“ Zivilisation.

Michal Cotler-Wunsh und Nadav Steinman kommen in dem Artikel „How antisemitism is entering mainstream culture“, den sie für die Washington Post verfasst haben, zu einem ganz ähnlichen Urteil. Darin suchen sie nach plausiblen Erklärungen für das Phänomen, dass sich westliche Künstler für die Freilassung des palästinensischen Terroristen Marwan Barghouti einsetzen, der wegen 26 Fällen von Mord und versuchten Mordes angeklagt wurde. Sie schreiben:

Der Brief, in dem die Freilassung von Barghouti gefordert wird, muss vor dem Hintergrund dieses umfassenderen kulturellen Wandels verstanden werden. Er spiegelt ein Umfeld wider, in dem Gewalt gegen Israelis romantisiert und Antizionismus als moralische Pflicht dargestellt wird, verpackt in Menschenrechtssprache. Sobald Antisemitismus den Anschein von Legitimität erhält, verbreiten sich die Rechtfertigungen für Extremismus über dieselben Kanäle. Die Normalisierung eines sich ständig wandelnden Antisemitismus schafft die Voraussetzungen für Hass, der nicht bei Juden Halt macht, denn es geht nie nur um Juden. Was sich etabliert, ist eine brutale Mentalität, in der jede Zielgruppe dämonisiert und Menschen zu ihrer eigenen „Sicherheit“ aus dem öffentlichen Raum verbannt werden können. Die tiefere Bedrohung durch den zunehmenden Antisemitismus ist die allgemeine Aushöhlung grundlegender Prinzipien des Lebens und der Freiheit. Der Brief zu Barghouti zeigt nicht nur den moralischen Verfall (mehrerer Dutzend) Prominenter. Er ist eine Sirene, die sich vielen anderen anschließt und vor einem Feuer warnt, das noch lange nicht gelöscht ist. Die Feuerwehr braucht die Hilfe von Millionen Menschen, Juden wie Nichtjuden, die die Prinzipien des Lebens und der Freiheit schätzen.

Mehr (hinter einer Bezahlschranke): www.faz.net.

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