Historische Theologie

Hegel und die Theologie

Im Gegensatz zu Wolfhart Pannenberg (1928–2014) stand der Lutheraner Hans Joachim Iwand (1899–1960) dem Philosophen Georg Wilhelm Friedrich Hegel (1770–1831) ausgesprochen kritisch gegenüber. Für Iwand war Hegel ein Hauptvertreter jener Denkbewegung im 19. Jahrhundert, die Geschichte, Geist, Kultur und menschliche Selbstentfaltung viel zu stark mit Gottes Offenbarung identifizierte. Iwand warf der Theologie im Fahrwasser Hegels vor allem vor, die reformatorische Sicht der radikalen Sündhaftigkeit des Menschen, der Unverfügbarkeit Gottes und der Rechtfertigung allein aus Gnade zu verniedlichen.

Zugleich war Iwand kein naiver Anti-Hegelianer. Er hatte erkannt, dass wir im 20. Jahrhundert mehr oder weniger hegelianische Luft atmen und uns gar nicht so ohne weiteres von seinem Einfluss losreißen können. Man muss Hegel zunächst einmal verstehen, um zu erkennen, wie allgegenwärtig er ist.

Sehr hilfreich wird das deutlich in seiner Vorlesung zur „Geschichte der protestantischen Theologie“, aus der ich hier gern mal einen längeren Abschnitt zitiere (Hans Joachim Iwand, Theologiegeschichte des 19. und 20. Jahrhunderts: „Väter und Söhne“, 2001. S. 188–191):

Schleiermacher ist ganz gewiß der Theologe des neunzehnten Jahrhunderts geworden und gewesen. Hegel, sein großer Berliner Rivale, hat ihn nicht „aufzuheben“ vermocht. Hegel ist zwar nicht wegzudenken aus der Geschichte der Theologie, aber er wirkt wie ein Meteor, der einen Moment ein unerhört helles Licht ausstrahlt und dann wieder sich dem Auge entzieht. Ob er wohl wiederkommt? Ob etwa das zwanzigste Jahrhundert ihm die Reverenz erweisen wird, die ihm das neunzehnte versagte? Ob nicht Nietzsche, ob nicht Croce – ob nicht Spengler, ob nicht Heidegger, – ob nicht der östliche Marxismus wenn auch nicht Geist von seinem Geist, so doch sicher Fleisch von seinem Fleisch sind? Ob wir Deutschen nicht gut daran täten, uns diesen Mann ein wenig genauer anzusehen, zumal er wohl zur Zeit noch einiges mehr zu sagen hat als – Kant? Vielleicht hat der Neukantianismus uns allzulange den Aufmarsch der längst totgesagten Hegelschen Philosophie verborgen, bis sie auf einmal – wie eine Rachegöttin – als Tat und Ereignis über denen stand, die meinten, sie für immer beerdigt zu haben. Es gibt ein paar Dinge zwischen Himmel und Erde, von denen sich unser Verstand nichts träumen läßt. Ich würde fragen: Wissen wir eigentlich, daß wir Hegel die Dogmengeschichte verdanken, dieses spezifische Phänomen, wie es Ferdinand Christian Baur und Isaak August Dörner, auf anderer Ebene Gottfried Thomasius und Nathanael Bonwetsch ausbilden? Wissen wir, daß Hegels großer Schatten – freilich sehr verdünnt – hinter der Theologie Reinhold Seebergs steht? Wissen wir, daß auch eine scheinbar so innertheologische Erscheinung wie der Schriftbeweis von Johann Christian Konrad von Hofmann sich in Wahrheit nur im Hegelschen Denkraum vollziehen konnte? Und auch David Friedrich Strauß, auch Ludwig Feuerbach, auch all diese gescheiterten theologischen Existenzen bis hin zu Bruno Bauer und den „Freien“, jenen Berliner Radikalen – sie sind im Grunde genommen alle einmal von jenem Gipfel angezogen, vielleicht nur auf jene Höhe gezogen worden, um im Nebel irgendwo abzustürzen.

Wie der große Mann rechts und links von seinem Wege die zerbrochenen Versuche seiner Nachfolger und Weggenossen aufweist, so ist auch der Weg Hegels umsäumt von solchen Katastrophen – man weiß nicht, ob eine spätere Zeit auch Marx dazu rechnen wird. Aber auch noch die Katastrophen sind Ereignisse, sind nicht leere Nichtigkeiten, sondern sind Fehlzündungen gleich, die immerhin Zündungen sind und eine bestimmte Dynamik zur Entladung bringen. Die Theologiegeschichte jener Tage ist dadurch bestimmt, daß Hegel, der Tübinger Stiftler – der in seinen Frühschriften eigentlich nur theologische Probleme kennt, der schließlich immer wieder auf seinen Höhepunkten zur Geheimsprache der Theologie zurückkehrt – durch sie hindurchgegangen ist. Aus Tübingen und Erlangen ist Hegel nun einmal nicht wegzudenken. Aber schließlich ist seine Wirkung innerhalb der engeren Theologie immer noch begrenzt, immer noch domestiziert. Selbst Strauß, selbst Bruno Bauer haben nicht allzuviel bedeutet: Sie haben das Problem der Mythologisierung aufgeworfen, haben schießlich die Christusmythe als letztes halten wollen – aber da sie zu wenig vom eigentlichen Hegel in sich tragen, da sie nur die Destruktion, nicht die Konstruktion begriffen haben, bleiben sie schließlich doch ephemer. Immerhin, auch die großen Theologen wie I. A. Dörner und F. C. Baur sind Hegelianer – jedenfalls in gewissem Sinne. Hegel wirkt überall da stark, wo seine Idee von Dogma verstanden wird. Das Dogma ist ja jene Einheit, in der Denken und Gedachtes eins sind. Das Dogma hat zum Subjekt nicht den einzelnen Frommen, nicht dessen Erleben, nicht sein Erlösungsbedürfnis – sondern den Gesamtgeist, die Christenheit bzw. die Kirche. Hegel kann sich kein theologisches Denken vorstellen, das nicht vom Dogma herkäme und auf das Dogma hinzielte. Wie seine Methode endgültig ist, so ist ihr Inhalt dogmatisch. Freilich so dogmatisch, daß er die Kritik in sich aufgenommen, daß er auch die Negation seiner selbst umgreift. Was später ein Theologe wie Erik Peterson geschrieben hat: Das Dogma ist die Elongation des Leibes Christi – würde in dem Munde der Hegelianer lauten: Das Dogma ist die Elongation des Geistes Christi.


Denn mit der Erdenwanderung Christi hat – nach ihnen – erst die Offenbarung begonnen. Sie schreitet fort, in der Lehre expliziert sich durch ständige Negation die Wahrheit. Das Dogma ist also das Fortwirken, das eigentliche Leben des Geistes der Offenbarung. Kein Wunder, daß die Orthodoxen in Hegel einen Bundesgenossen sahen, der nicht nur dem Dogma seinen Platz zurückgab, sondern es auch zum Fundament der Philosophie machte. Hegel hat wieder gewagt, den Gottesbeweis in die Philosophie einzubeziehen und ihn zum Angelpunkt seines Ansatzes zu machen (das dürfte ein heimlicher Spinozismus, also dessen Axiomatik sein). Aber ob die Theologen ihn damit wirklich verstanden haben, ob sie nicht zu früh gejubelt haben, daß nun durch Hegel der Satz des finitum capax infiniti (Endliches vermag Unendliches zu fassen) gerechtfertigt sei, daß man endlich die philosophische Berechtigung der Inkarnation gefunden habe? Ob sie sich nicht ebenso geirrt haben, wie der preußische Staat, der sich schmeichelte, mit Hegel den rocher de bronce gefunden zu haben, auf den man in unsicheren Zeiten Dynastien gründen kann?


Denn andere haben es anders erlebt: Sie haben sich von Hegel losgerissen und sind erst, mit abgekehrtem Angesicht, Christen geworden – das größte Beispiel ist vielleicht Friedrich Julius Stahl. Der Pietismus roch hier, daß die Sache nicht stimmen konnte; ein Mann wie Kähler kannte eigentlich nur einen theologischen Antipoden, den er für gefährlich hielt – der Begriff des absoluten Geistes von Hegel, der Gott zum X da droben macht. Die Theologen, die – wie Kähler – am Dogma festhielten, ohne doch Hegelianer zu werden, sahen, daß hier der Gedanke einen Rang erhielt, den er in der Schrift nicht hat, und Kählers Gebet:


Führ aus den Gedanken ins Leben hinein,

ganz ohne Wanken dein Eigen zu sein 


liest sich wie die Bitte eines, der sich von Hegel mit Mühe losgerissen hat.


Aber es kommt noch eine andere Überlegung hinzu: Wir werden sehen, wie nahe uns manches von dem erscheint, was Hegel sagt. Ist es nicht doch seltsam, wie Gedanken Geschichte machen? Wir stehen heute in einer für die meisten von uns kaum übersehbaren Katastrophe. Wir gleichen zunächst noch den Schiffbrüchigen, die ins Wasser gestürzt und so stark mit ihrem endlichen Dasein beschäftigt sind, daß ihr Denken zunächst ganz davon bestimmt wird – also von dem praktischen Endzweck ihrer Handlungen. Aber wenn wir uns einmal erheben würden, wenn wir ein wenig Distanz dazu gewinnen könnten, ein wenig objektiver und härter das Gestern und vielleicht auch das Morgen der europäischen Katastrophe ins Auge faßten, dann würden wir wahrscheinlich immer wieder auf Hegels Spuren stoßen, würden sehen, daß dies sein Jahrhundert ist, würden erschrecken, daß die Orthodoxie auch heute noch nicht darüber hinausgekommen ist – wie sie auch heute noch nicht abgehen will von der These, daß der Staat das Allgemeine und darum das dem einzelnen Dasein Überlegene sei. Wer von uns weiß, wie tief wir alle in Hegel selbst drinstecken – und sei es nur in der Gewißheitsfrage, denn was suchen wir, wenn nicht die Identität des Glaubenden mit dem Geglaubten? Oder in der Frage der Mythologisierung – denn was heißt das, wenn nicht der Rückgang hinter die Vorstellungen auf den reinen Begriff? Oder in der Frage der politischen Moral – denn wie könnten wir sonst mit dem Gewissen (mit unserem bürgerlichen Gewissen) bei der Demokratie, mit dem Herzen aber (mit unserem eigentlichen Glauben) bei dem Staat von morgen, dem omnipotenten Staat stehen, der Macht und Recht in einem – also die eigentliche Manifestation Gottes ist?


Wenn wir heute – nach den Erkenntnissen und Erschütterungen, durch die wir gegangen sind, und angesichts derer, die uns bevorstehen – Hegel lesen, dann spüren wir förmlich, daß vor hundert Jahren die Entscheidungen fielen, die wir heute als unsere auszugeben belieben – daß wir nur die faktischen Auswirkungen jener Phänomene erfahren, die sich als gewaltige Ereignisse im Reiche des geistigen Lebens vollzogen und die im Namen und in der Sache, die Hegel vertrat, eine noch nicht absehbare Entwicklung eingeleitet haben.

Die große evangelikale Verwischung

Ranald Macaulay, verheiratet mit Susan, einer Tochter von Francis Schaeffer, schreibt in „Die große evangelikale Verwischung“:

Als sich Schaeffer Anfang der 1930er-Jahre auf seine Ordination in der Presbyterianischen Kirche vorbereitete, hatte der Liberalismus der alten Schule die theologischen Seminare bereits erobert. Princeton war nicht mehr länger eine Bastion protestantischer Orthodoxie. Die Größen der Vergangenheit – wie die beiden Hodges und B.B. Warfield – waren nicht mehr da, und die Gegenoffensive, die J. Gresham Machen (einer der wichtigsten Einflüsse auf Schaeffer) kurz zuvor zu starten versucht hatte, war gescheitert. Für seine Mühen war er seines Amtes enthoben und 1936 entlassen worden. Da die Kirche damals immer noch eine Stimme war, die gesellschaftliches Gewicht hatte, sorgte Machens Ausschluss für Schlagzeilen. Schaeffer hebt dies hervor, um die Schnelligkeit zu betonen, mit der sich die amerikanische Gesellschaft veränderte. Der begrenzte Respekt, den gewöhnliche Menschen für die alten Werte (z.B. die Heiligkeit der Ehe und das ungeborene Leben) hatten, war immer noch spürbar. Innerhalb nur eines Jahrzehnts wurde dies jedoch beiseitegefegt. Die alten Spielregeln galten nicht mehr: Die sogenannte sexuelle Befreiung hatte begonnen.

Interessanterweise macht Schaeffer die bibeltreuen Gemeinden selbst für diesen moralischen Verfall verantwortlich. Warum? Weil die Verantwortlichen, nichts unternommen hatten, um es zu verhindern, obwohl sie wussten, dass dies geschehen würde. Er sagt:

„Eben diese Umwälzung [die in den protestantischen Mainline-Kirchen von 1900 bis 1936 stattfand] legte die Grundlage für die kulturellen, sozialen, moralischen, gesetzlichen und staatlichen Veränderungen, die bis in unsere Gegenwart hineinreichen. Ohne diese Strömung in den Denominationen hätten die Veränderungen der letzten fünfzig Jahre in unserer Gesellschaft meiner Überzeugung nach doch sehr andersartige Ergebnisse hervorgebracht, als wir sie jetzt haben. Als sich die Reformationskirchen in ihrer Ansicht änderten, wurde der Konsens der Reformation untergraben.“

Nach 1936 begannen die Mainline-Denominationen stark an Mitgliedern zu verlieren. Warum sollte man in die Kirche gehen, wenn man dort nur moralische Plattitüden geboten bekam? Die bibeltreuen Denominationen hingegen erlebten einen Aufschwung. Ein unverhohlenes Bekenntnis zum Evangelium und zur historischen Zuverlässigkeit der Bibel erwies sich als attraktiv. Das Time-Magazin brachte sogar eine Titelgeschichte über dieses neue Phänomen: eine evangelikale Mehrheit in der amerikanischen Nation!

Mehr von Ranald Macaulay über die Hintergründe zu Francis Schaeffers letztem Buch Die große Anpassung (#ad) hier: www.evangelium21.net.

Wie hat die frühe Kirche getauft?

In der Taufdiskussion kommt man meiner Meinung nach nicht an der „Aland–Jeremias-Kontroverse“ vorbei. Joachim Jeremias hat die frühe Säuglingstaufe differenziert verteidigt. Kurt Aland widersprach und entwickelte eine starke historisch-exegetische Kritik der Säuglingstaufe.

Die wichtigen Publikationen dazu sind:

  • Joachim Jeremias, Hat die älteste Christenheit die Kindertaufe geübt?, Göttingen, 1938.
  • Joachim Jeremias, Die Kindertaufe in den ersten vier Jahrhunderten, Göttingen, 1958.
  • Joachim Jeremias, Nochmals: Die Anfänge der Kindertaufe. Eine Replik auf Kurt Alands Schrift „Die Säuglingstaufe im Neuen Testamen und in der alten Kirche”, München, 1962.
  • Kurt Aland, Die Säuglingstaufe im Neuen Testament und in der alten Kirche. Eine Antwort an Joachim Jeremias, München 1961.
  • Kurt Aland, Die Stellung der Kinder in den frühen christlichen Gemeinden – und ihre Taufe, München 1967.
  • Kurt Aland, Taufe und Kindertaufe. 40 Sätze zu Aussagen des Neuen Testaments, Gütersloh, 1971.

Aus baptistischer Sicht ist noch das Buch Baptist in the New Testament aus dem Jahr 1962 interessant, das später auch in deutscher Sprache herausgegeben wurde als: 

  • Beasley-Murray, George R., Die christliche Taufe: Eine Untersuchung über ihr Verständnis in Geschichte und Gegenwart, Kassel, 1968.

Nicht jeder wird die Zeit haben, viele Bücher zur Frage der Taufpraxis in der frühen Kirche zu lesen. Um sich einen ersten Überblick zu verschaffen, kann man sich einen Blogbeitrag von Wyatt Graham zum Thema anschauen. Der Einstieg jedenfalls klingt spannend:

Kaum eine Lehre trennt die Christen so sehr wie die Lehre von der Taufe. Und doch haben Christen stets betont, dass die Taufe uns zu einem Leib vereint. Wie können wir also diesen unschönen Zustand überwinden? Nun, durch Gottes Gnade, durch viel Gebet, Besinnung und den Heiligen Geist. Als möglichen ersten Schritt in diesem Prozess könnten wir uns auch damit befassen, wie Christen in den ersten zweihundert Jahren des Christentums tauften. Zum größten Teil waren sie sich trotz regionaler Unterschiede über die Bedeutung der Taufe einig.

Vielleicht finden wir in ihnen ein Vorbild dafür, wie man Meinungsverschiedenheiten ausräumen und gleichzeitig in den wesentlichen Punkten vereint bleiben kann. Aber selbst wenn nicht, kann uns diese historische Betrachtung helfen, besser zu verstehen, was Christen unter der Taufe verstanden haben. Das scheint mir an sich schon lohnenswert zu sein.

Im Folgenden skizziere ich daher, wie die frühen Christen die Taufe verstanden und praktiziert haben. Ich erhebe keinen Anspruch auf Vollständigkeit, sondern möchte lediglich aufzeigen, wie einige repräsentative christliche Gemeinschaften in den ersten beiden Jahrhunderten des Christentums die Taufe verstanden und praktiziert haben.

Methodisch habe ich versucht zu erklären, wie Christen in den ersten Jahrhunderten die Taufe mit ihren eigenen Worten beschrieben haben. Die Gläubigen in diesen frühen Jahrhunderten sahen keine Notwendigkeit, die Mechanismen der Taufe übermäßig zu nuancieren oder zu artikulieren. Sie hatten keine jahrhundertelangen Taufdebatten wie wir.

Aus diesem Grund bekräftigen sie die Notwendigkeit der Taufe in biblischer Sprache, unbeeinträchtigt von späteren Debatten. Ich hoffe, dass dieser Artikel den Lesern hilft, sowohl die grundlegende Kontinuität zu erkennen, die wir mit den frühen Christen teilen, als auch wahrzunehmen, wie anders diese Welt ist.

Vor diesem Hintergrund beginnt dieser Artikel kurz mit einer Erörterung der Taufwaschungen vor dem Neuen Testament, bevor er sich mit dem Neuen Testament und auch mit christlichen Schriftstellern bis etwa 250 n.Chr. zum Thema Taufe befasst.

Hier: www.wyattgraham.com.

Francis Schaeffer’s Whole-of-Life Theology and the Making of the L’Abri Mind

Andrew Carter hat an der Durham University die Untersuchung „Francis Schaeffer’s Whole-of-Life Theology and the Making of the L’Abri Mind“ veröffentlicht.

Im Abtract heißt es: 

Francis Schaeffer (1912–1984) war ein bedeutender evangelikaler Pastor und Apologet, der in den Vereinigten Staaten und in Westeuropa tätig war. Im Laufe seines Lebens kontextualisierte er das Evangelium für eine neue Generation, verfasste über 22 Bücher, hielt unzählige Vorträge zu zahlreichen Themen, drehte zwei Dokumentarfilmreihen und beeinflusste persönlich Tausende von Menschen. 1955 gründete er zusammen mit seiner Frau Edith die L’Abri Fellowship, eine christliche Gemeinschaft, die die Realität Gottes durch das normale Leben demonstrieren soll. Heute gibt es weltweit zehn Zweigstellen von L’Abri, die Gäste einladen, um gemeinsam die tiefsten Fragen des Lebens zu erforschen.

Teil 1 dieser Studie stellt Schaeffer vor und untersucht, warum er so wichtig ist. Teil 2 enthält vier Kapitel, die den integrierenden Faktor in Schaeffers Theologie untersuchen: die Herrschaft Christi über das gesamte Leben und seine Ablehnung einer Spiritualität, die das Leben in verschiedene Bereiche aufteilt. Die Schlussfolgerung dieser Kapitel lautet, dass Schaeffers Herangehensweise an den christlichen Glauben so einzigartig ist, dass man sie als „Schaeffer-Denken” bezeichnen kann. Teil 3 untersucht, wie der Schaeffer-Gedanke von einer neuen Generation von L’Abri-Führern und -Denkern aufgegriffen, modifiziert und weiterentwickelt wurde.

Zu diesem Zweck betrachten wir drei Themen, die zwar bei Schaeffer vorhanden sind, aber von anderen Mitgliedern der Gemeinschaft weiterentwickelt wurden: Erstens die These von Jerram Barrs und Ranald Macaulay, dass Erlösung die Wiederherstellung der wahren Menschlichkeit darstellt, zweitens Dick Keyes’ kulturelle Apologetik und drittens Wade Bradshaws Auseinandersetzung mit einer rivalisierenden Geschichte. Abschließend betrachten wir Nancy Pearcey, die zwar nicht streng genommen zu L’Abri gehört, aber dennoch in dieser Tradition schreibt, Schaeffers Lehre auf den neuesten Stand bringt und sie auf neue Bereiche anwendet.

Die Studie kommt zu dem Schluss, dass sich Schaeffers Denken zu etwas entwickelt hat, das in der breiteren evangelikalen Welt seinesgleichen sucht. Ich nenne dies die L’Abri-Denkweise. Die Studie schließt mit dem Versuch, ihre wichtigsten Bestandteile zusammenzufassen und zu erläutern, warum sie von Bedeutung ist.

Die Untersuchung kann hier heruntergeladen werden: Final_PhD_Document_July_2024_.pdf.

Augustinus: Gottes Gerechtigkeit ist mit seiner Güte vereinbar

Auf Anfrage des karthagischen Diakons Quodvultdeus verfasste Augustinus parallel zu seinen berühmten Retractationes in den Jahren vor seinem Tod einen sogenannten „Häretikerkatalog“, in dem er insgesamt 88 Gruppierungen unter dem Oberbegriff der Häresie klassifizierte und beschrieb.

Vanessa Bayha hat in ihrer im Wintersemester 2022/21 von der Theologischen Fakultät der Universität Tübingen angenommenen Dissertation diesen augustinischen Häretikerkatalog fortlaufend kommentiert. Dabei rückt Augustins spezifische Kenntnis der jeweiligen Gruppierungen vor dem Hintergrund seines eigenen antihäretischen Engagements und seines Gesamtwerks sehr gut in den Blick. Die Untersuchung wirft ein Schlaglicht auf so gut wie alle Kontroversen, in denen Augustinus zeitlebens verwickelt war.

Der Beitrag in haer. 21 im Häretikerkatalog lässt deutlich erkennen, dass sich Augustinus sowohl gegen die Manichäer als auch gegen die Pelagianer für die Einheit im Gottesbild sowohl des Alten als auch des Neuen Testaments aussprach.

Ich zitiere aus (#ad): Bayha, V., Augustins „De haeresibus“: Ein Kommentar, Paderborn: Brill Schöningh, 2023, S. 150–151:

Irenäus, auf den die Vorlage für haer. 21,2–4 zurückgeht, hält gegen gnostische Tendenzen, Gottes Gerechtigkeit und Güte als unvereinbar zu betrachten, Gott als den Ursprung der Gerechtigkeit fest. Gottes iustitia manifestiert sich demnach sowohl in der Gabe des alttestamentlichen Gesetzes als auch in der Inkarnation Jesu Christi. Augustins Argumentation bezüglich des deus iustus ist allem voran gegen Manichäer und Pelagianer ausgerichtet; so verteidigt er gegen erstere besonders die Gerechtigkeit des alttestamentlichen Gottes und hält gegen letztere fest, dass Gott auch dann gerecht ist, wenn er einige nicht erwählt. Gegen die manichäische Behauptung, die göttliche Natur sei nicht vollkommen gut, setzt Augustin iustitia diuina [sic ?]und bonitas dei konstitutiv in eins; in der pelagianischen Kontroverse werden entsprechend iustitia und caritas dei parallelisiert. Für die Interpretation von haer. 21,3 hat dies zur Folge, dass die Alternative bonus oder iustus in ihrer Applikation auf den Gott des Gesetzes und der Propheten Augustin zufolge im Grundsatz verfehlt ist. Für Augustin gibt es nur einen Gott, der in beiden Testamenten bezeugt wird, den er als summum bonum bekennt und den er in der Konfrontation mit der manichäischen Zurückweisung des Gesetzes und des Alten Testaments verteidigt. Im Zuge dieser Verteidigung der Einheit im Gottesbild beider Testamente hält Augustin auch an der Güte und Gerechtigkeit des Gesetzes und an der Kontinuität zwischen dem mosaischen Gesetz und der lex Christi als Manifestationen des einen Gotteswillens fest. Christus gilt demzufolge als Geber des neuen Gesetzes und auch die Entsprechung zwischen der „lex, quae per Moysen data est“ und der „gratia et ueritas per lesum Christum facta“ wird im Zuge des übergreifenden Schemas von Verheißung und Erfüllung interpretiert. Entsprechend der paulinischen Gesetzesvorstellung hält Augustin fest, dass das Gesetz heilig, gerecht und gut sei (vgl. Röm 7,12), insofern es dem Menschen das Gute bekannt macht und einen Weg zu seiner Erfüllung aufzeigt. Im Zusammenhang der pelagianischen Kontroverse arbeitet Augustin sein Gesetzesverständnis weiter aus, wobei die positive Funktion des Gesetzes per se bestehen bleibt, da es denjenigen zur Gerechtigkeit dient, die es erfüllen. Durch das Kommen Christi bleibt die lex in Geltung; eine Neuerung findet im Menschen statt, der kraft göttlicher Gnade in den Stand versetzt wird, der eine Gesetzeserfüllung möglich macht In De spiritu et littera wird diese Wechselbeziehung zwischen lex und gratia deutlich, wenn Augustin etwa formuliert: „lex ergo data est, ut gratia quaereretur, gratia data est, ut lex impleretur“. Wenngleich Augustin zufolge die Konfrontation des Menschen mit seiner Unfähigkeit, das Gesetz zu erfüllen, durch das Zuteilwerden der Christusgnade vollkommen übergipfelt wird, appliziert er den Begriff der lex auf beide Zusammenhänge, wenn er der lex operum die lex fidel gegenüberstellt und somit betont, dass der Maßstab der Gerechtigkeit kontinuierlich in Geltung steht. Die gnadenhafte Restitution der Beziehung zwischen Gott und Mensch in Christus kann wiederum mit dem Terminus der iustitia beschrieben werden. Somit ist letztlich die verfehlte Antithese zwischen bonus und iustus nicht nur für haer. 21,3 aufzuheben, vielmehr wäre die Einheit beider Attribute nach Augustin auch dem pater Christi (vgl. haer. 21,4) zuzuschreiben.

Der Christ und der Antisemitismus

Francis Schaeffer, geboren 1912, hat als Pastor und Lehrer immer wieder gegen Rassismus, Identitarismus und Nationalismus Stellung bezogen. Auch vor Antisemitismus hat er gewarnt. Im Jahr 1943 hat er eine Stellungnahme verfasst, die angesichts einiger Entwicklungen in unseren Tagen recht aktuell klingt. Ich habe sie im Archiv zur Geschichte der Presbyterianer in Amerika gefunden. Erschienen ist sie ursprünglich im The Independent Board Bulletin, Oktober 1943, S. 16–19.

Hier eine Übersetzung:

Der fundamentalistische Christ und der Antisemitismus
Pfarrer Francis A. Schaeffer

„Ich will dich zu einem großen Volk machen.“ Genesis 12,2.

Wir stimmen dem Standpunkt dieses Artikels voll und ganz zu. Wenn seine Haltung die Haltung aller Christen wäre, würde die Angst, in der sogar amerikanische Juden leben,verschwinden und viele würden sich sofort Christus zuwenden. – Die Herausgeber

Wir leben in einer Zeit, in der Antisemitismus eine mächtige Kraft ist. In vielen Ländern hat er zum Tod unzähliger Juden geführt. Selbst in unserem eigenen Land zeigt er sich von Zeit zu Zeit in verschiedenen Formen. Selbst unter denen, die sich als fundamentalistische Christen bezeichnen, finden wir gelegentlich Personen, die einen Großteil ihrer Zeit damit verbringen, die Juden anzugreifen.

Wenn ich über Antisemitismus nachdenke, kommt mir als Erstes die Tatsache in den Sinn, dass Christus Jude war. Wenn wir das Neue Testament bei Matthäus 1,1 aufschlagen, finden wir als allererste Aussage über Christus, dass er von Abraham abstammt und ein Nachkomme Davids ist. Die Bibel sagt nicht, dass Jesus zufällig Jude war, sondern das Wort betont immer wieder, dass er Jude war.

Als er acht Tage alt war, wurde er wie jeder jüdische Mann zum Tempel gebracht und beschnitten. Deshalb müssen wir uns daran erinnern, dass Jesus das körperliche Zeichen des jüdischen Volkes trug. Als er zwölf Jahre alt war, wurde er im Tempel geweiht, was erneut betont, dass seine jüdische Abstammung und sein jüdischer Glaube für ihn keine Nebensache waren, sondern dass sie von seiner frühen Erziehung an seinen wesentlichen menschlichen Hintergrund bildeten. Die Bibel lehrt uns, dass er während seines öffentlichen Wirkens als erwachsener Mann zwar rein menschliche jüdische Traditionen ablehnte, sein Leben jedoch sorgfältig den Maßstäben des Alten Testaments entsprach. Tatsächlich lebte er so, dass sich sogar die Prophezeiungen des Alten Testaments über den Messias vollständig in ihm erfüllten. Er war der Jude aller Juden.

In seinem öffentlichen Wirken finden wir ihn fast ausschließlich im Umgang mit Juden. Kaum jemals berührte er das Leben eines Nichtjuden. Die zwölf Jünger waren alle Juden. Die früheste Kirche bestand ausschließlich aus Juden. Es war Petrus, der Jude, der zu dem Proselyten Cornelius sprach. Es waren die gläubigen Juden, die durch die Verfolgung nach dem Tod des Stephanus in alle Welt zerstreut worden waren, die die Frohe Botschaft nach Antiochia in Syrien brachten, wo die erste nichtjüdische christliche Kirchengemeinde gegründet wurde. Der Missionar, der das heidnische Römische Reich für die Verkündigung des Evangeliums öffnete, war der Jude Paulus.

Und wenn wir uns fragen, warum die Juden einen so wichtigen Platz in der frühen christlichen Kirche einnahmen, müssen wir uns bewusst machen, dass dies kein nachträglicher Einfall in Gottes Plan war, sondern dass Gott zweitausend Jahre lang in der Geschichte gewirkt hatte, um genau diese Tatsache herbeizuführen. Gott berief Abraham aus Ur in Chaldäa als ersten Juden, als die Erde sich vollständig vom lebendigen Gott abgewandt hatte. Er versprach ihm, dass das Land ihm gehören sollte, dass er zahlreiche Nachkommen haben sollte, aber vor allem, dass die ganze Welt durch ihn gesegnet werden sollte. Gott berief Abraham zu diesem bestimmten Zweck, dass durch ihn der Messias kommen sollte. Die Juden waren zweitausend Jahre lang in der Vorsehung Gottes die Wiege des kommenden Erlösers.

Wenn wir die Geschichte dieser zweitausend Jahre betrachten, stellen wir fest, dass Gott den Juden immer wieder die Verheißung des kommenden Messias bekräftigte, sodass die Verheißung nicht nur Abraham, sondern auch Isaak und Jakob gegeben wurde, und dann auf den Stamm Juda und schließlich auf die königliche Familie – die Familie Davids – eingegrenzt wurde. Im Laufe der Jahre wurde auch versprochen, dass er in Bethlehem geboren werden sollte, dass er ein leidender Messias sein sollte, aber auch, dass er in Palästina im Namen seines Volkes, der Juden, regieren sollte.

In diesen zweitausend Jahren, in denen der Weg für das Kommen des Messias bereitet wurde, lag die ganze Erde in Finsternis, bis auf das Licht, das in Israel leuchtete. Während unsere Vorfahren etwas verehrten, von dem wir nicht wissen, was es war, aber sicherlich nicht den lebendigen Gott, wurden die Juden als Gottes auserwähltes Volk bezeichnet. Sie waren von allen anderen Völkern der Erde getrennt. Sie wurden von Gott geliebt, ein Königreich von Priestern. Und selbst in Zeiten ihrer Sünde hielt Gott seine Hand über sie, damit ein Überrest sein sein sollte, aus dem der Gesalbte kommen würde. Nein, Jesus war nicht zufällig Jude, noch war dies eine Nebensächlichkeit im Plan Gottes; wäre Jesus nicht als Jude geboren worden, hätte er gemäß dem Alten und dem Neuen Testament nicht unser Erlöser sein können.

Was die Gegenwart betrifft, in der wir leben, lehrt uns Römer 11,17–24, dass wir als gläubige Heiden uns nicht gegenüber den Juden, den natürlichen Zweigen, rühmen sollen, denn wenn Gott die natürlichen Zweige nicht verschont hat, sollen wir aufpassen, dass er uns nicht verschont. Wie deutlich wird betont, dass, wenn wir, die wir von Natur aus wilde Zweige waren, entgegen der Natur in den guten Olivenbaum eingepfropft wurden, umso mehr die natürlichen Zweige in ihren eigenen Olivenbaum eingepfropft werden. Und was betont Epheser 2,14 uns gegenüber, wenn nicht, dass durch den Tod Jesu die trennende Wand zwischen Juden und Heiden niedergerissen wurde – nicht, dass die Juden verworfen werden sollten, sondern dass wir durch den Glauben einen Platz unter den Juden haben sollten. Abraham ist nun unser Vater, und da wir unseren Glauben an Christus gesetzt haben, sind wir nun geistliche Juden.

Für die Zukunft ist das Wort Gottes nach wie vor eindeutig. In Römer 11,25 wird deutlich gemacht, dass die Verblendung, die jetzt teilweise über Israel gekommen ist, nicht für immer sein wird, sondern nur bis die Vollzahl der Heiden eingegangen ist. Und was wird dann geschehen? Der 26. Vers sagt uns, dass dann ganz Israel gerettet werden wird, wenn der Erlöser alle Gottlosigkeit von Jakob abwendet. Der 29. Vers ist ein Vers, den wir lieben und für uns selbst verwenden: „Denn die Gaben und die Berufung Gottes sind ohne Reue.“

Wir können ihn auf uns selbst beziehen, weil Gott niemals ein Versprechen bricht, aber beachten wir, dass er sich in erster Linie auf die Juden bezieht. Gott hat Israel als Nation Großes versprochen, und dieses Wort sagt uns, dass er es auch erfüllen wird. Wenn er sie nicht erfüllt, dann sind die Gaben und die Berufung Gottes nicht unwiderruflich. In Sacharja 12,10 wird erneut deutlich gesagt, dass der Tag kommen wird, an dem die Juden „auf den blicken werden, den sie durchbohrt haben, und um ihn trauern werden, wie man um den einzigen Sohn trauert“. An dem Tag, an dem Israel gerettet wird, werden sie auf Jesus schauen und erkennen, dass er bei seinem ersten Kommen ihr wahrer Messias war. Nicht nur das Alte Testament verspricht, dass das Land Palästina wieder den Juden gehören wird, sondern auch im Neuen Testament, in Lukas 21,24, wird uns gesagt, dass Jerusalem von den Heiden nur so lange zertreten werden wird, bis die Zeit der Heiden erfüllt ist. Daher sagt uns das Wort Gottes, dass der Tag kommen wird, an dem ganz Israel gerettet wird und die Juden Jesus als ihren wahren Messias erkennen werden und dass auch das verheißene Land wieder ihnen gehören wird. Nicht nur für die Vergangenheit, nicht nur für die Gegenwart, sondern auch für die Zukunft sollten wir, die wir jetzt zu Christus gehören, die Juden lieben.

Wir können nicht erwarten, dass die Heiden, die den Begriff „Christ” lediglich verwenden, um den Unterschied zwischen Heiden und Juden zu bezeichnen, die Juden lieben, aber wir, die wir in der Tat Christen sind, da wir durch den Glauben an Christus gerettet worden sind, sollten sein altes Volk lieben. Vor allem sollten wir in diesem Zusammenhang stets bedenken, dass unser Herr selbst Jude war – als Jude geboren, als Jude gelebt, als Jude gestorben. Auch die große Mehrheit der Helden des Glaubens, die ich persönlich sehen möchte, wenn ich zu meinem Herrn gehe, sind Juden. Ich möchte Abraham sehen, und er ist ein Jude. Und ich möchte Isaak sehen, und er ist ein Jude. Ich möchte Jakob sehen, und er ist ein Jude. Ich möchte Josef sehen, und er ist ein Jude. Ich möchte Mose sehen, und er ist ein Jude. Ich möchte Josua sehen, und er ist ein Jude. Ich möchte Gideon und die anderen Richter sehen, und sie sind Juden. Ich möchte die Propheten sehen – Jesaja, Elia, Elisa und alle anderen, und sie sind Juden. Ich möchte Daniel und Esra und Nehemia sehen, und sie sind Juden. Ich möchte Johannes sehen, und er ist Jude. Ich möchte Jakobus sehen, und er ist Jude. Ich möchte Petrus sehen, und er ist Jude. Ich möchte Paulus sehen, und er ist Jude. Dies sind nur einige von denen, die ich gerne treffen würde und die den Namen „Jude” tragen. Wie könnte ich die Juden hassen?

Und wenn dies für uns, die wir bibelgläubige Christen sind, nicht ausreicht, dann beachten wir das Gebot Gottes in Römer 11,31. Es sagt uns ganz klar, wie unsere Haltung in dieser Zeit gegenüber dem natürlichen Israel sein sollte. Wir sollten ihnen Barmherzigkeit erweisen. Und, meine Freunde, Barmherzigkeit und Antisemitismus in jeglicher Form passen nicht zusammen. Wir können nicht versuchen, sie einzeln für den Herrn Jesus Christus als ihren persönlichen Erlöser zu gewinnen, wenn wir sie in unseren Herzen als Volk verachten.

Vor nicht allzu langer Zeit zitierte mir ein einflussreicher Jude in New York City, Redakteur einer der New Yorker Zeitungen, ein kleines Gedicht, das, wie er sagte, unter den Juden dieser Stadt weit verbreitet sei. Als ich über diesen Reim nachdachte, fand ich ihn mehr als nur einen interessanten Spruch. Er spricht Weisheit über den Menschen aus, der den Namen Christ trägt und dennoch in seinem Denken antisemitisch ist.

„Wie seltsam von Gott, die Juden auszuwählen,
aber nicht so seltsam wie diejenigen,
die den jüdischen Gott wählen und die Juden hassen.“

Die Geschichte hinter dem Heidelberger Katechismus

Michael Horton hat mir R. Scott Clark über die Entstehung des Heidelberger Katechismus (lat. Catechesis Palatina) besprochen. 

Der Katechismus wurde hauptsächlich von Zacharias Ursinus (unter Mithilfe von Caspar Olevianus) verfasst. Meiner Meinung nach ist der „Heidelberger“ einer der schönsten Katechismen. Clark hat sich in seinem Buch The Heidelberg Catechism (2025, #ad) mit der Theologie des Katechismus auseinandergesetzt und diese kommentiert. Sehr hilfreich! 

Hier: 

Augustins’ Gottsuche unter der ziehenden Kraft der Gnade

Bengt Hägglund schreibt über die Bekehrung von Augustins (Geschichte der Theologie, 1997, S. 89).

In den „Confessiones“ beschreibt Augustin seinen Weg zum Christentum: Er irrte danach in seiner Blindheit auf falschen Wegen umher, stand die ganze Zeit über jedoch unter der ziehenden Kraft der Gnade und wird immer wieder von der Liebe zur Wahrheit ergriffen, bis diese Liebe und sein Sinn schließlich durch die Bekehrung beständig auf die geistliche Wirklichkeit gelenkt werden. Zuvor habe er die Wahrheit nur verschwommen in der Feme geschaut; die Liebe zu ihr habe nur aus zeitweiligen Stimmungen bestanden, die die Liebe zur Welt nicht zu überwinden vermochten. Das Vielerlei in der Welt habe ihn gefangengehalten und sein Wesen zersplittert. Erst als er zum Glauben vordrang und sich der Wahrheit der Schrift unterwarf, habe er Frieden gefunden. Erst da erreichte er das, wonach er vordem gesucht hatte, ohne es finden zu können. Diese Erfahrung ist es, die Augustin mit den bekannten Worten zusammenfaßt: „Fecisti nos ad te, et inquietum est cor nostrum donec requiescat in te“ (Du hast uns zu Dir hin geschaffen, und unruhig ist unser Herz, bis es Ruhe findet in Dir – Conf. 1,1).

Eine Höhlenwanderung: Der öffentlich-rechtliche Rundfunk, wie man ihn kennt (und fürchtet)

ARD, ZDF und Deutschlandradio nahmen im Jahr 2024 insgesamt 10,4 Milliarden Euro ein. Eine solche Summe erreicht kein anderes öffentlich-rechtliches Rundfunksystem (ÖRR) weltweit (siehe hier). Da könnte man meinen, dass der ÖRR sehr viel Wert auf Sorgfalt und journalistische Standards legt. Wer jedoch selbst einmal in einer Reportage des ÖRR aufgetreten ist, hat möglicherweise die Erfahrung gemacht, dass die Darstellungen stark interessengeleitet sind. Besonders viel Spaß scheinen einige Redakteure daran zu haben, fromme Christen als weltabgewandte und durchgeknallte Hinterwäldler darzustellen.

Romy W. (Klarname ist mir bekannt) hat im letzten Jahr einige solcher Dokumentationen gesehen. Da es zwischen dem ÖRR und dem gewöhnlichen Gebührenzahler ein übergroßes Machtgefälle gibt, kommt man mit Richtigstellungen meist nicht sehr weit. Aber man kann auch anders an die Sache herangehen und die Eindrücke in einen bissigen und humorigen Text „hineinlegen“. Genau das hat Romy W. mit „Eine Höhlenwanderung“ gemacht.

Gern gebe ich den Beitrag nachfolgend wieder:

Eine Höhlenwanderung

Der öffentlich-rechtliche Rundfunk, wie man ihn kennt (und fürchtet)

Die Redakteure des öffentlich-rechtlichen Rundfunks (ÖRR) haben wieder einmal tief und genussvoll in den verbürgten Topf der Rundfunkgebühren (früher GEZ) gegriffen. Sie haben es sich so richtig gegönnt. Das ist das Großartige an ihrem nie versiegenden Jungbrunnen: Er fließt und fließt in Strömen. Deswegen muss man sich auch nicht die Mühe machen, sorgfältige journalistische Arbeit zu leisten. Wer braucht schon Qualität, wenn die Kohle auch so stimmt?

Warum es sich also nicht gönnen? Warum, wenn die Ideen für bereichernde und kluge Berichterstattungen allmählich ausgehen, nicht am reichhaltigen Buffet eines Lieblingsthemas bedienen: Den dummen, zurückge-bliebenen und zugleich hochgefährlich digitalisierten, moralisch verdrehten, autoritären, gesellschafts- und kulturfeindlichen Christen?

Dieses Jahr haben wir bereits einige mit Herzblut recherchierte Dokumentationen über diese höchst manipulative Bewegung zu sehen bekommen. Wir durften lernen, wie bedrohlich öffentliche Glaubensbekenntnisse christlicher Profifußballer sind. Wir wurden aufgeklärt über mysteriöse Zusammenkünfte von Demokratiefeinden im „hippen“ Charismatiker-Gewand. Wir wurden „wohlgeframed“ über die ideologisch verblendeten freikirchlichen „Systeme“ informiert, die eigentlich nur dazu dienen, einer auserwählten Heiligenschar zu Reichtum zu verhelfen. Wir hörten von aus politisch-rechtem Gedankengut gespeisten, rappenden Chart-Erschleichern. Glücklicherweise ist die Gemeinde Jesu Christi nicht tot. Glücklicherweise lässt sich hinter jeder Biegung eine weitere Schreckensmeldung finden, die sich bildreich vermarkten lässt. Jüngst haben sich unsere Qualitätsjournalisten die katholisch-charismatische Bewegung, insbesondere Johannes Hartl, vorgeknöpft.

Es ist einfach viel zu reizvoll, um nicht kreativ mit diesem Rohmaterial zu arbeiten. Deswegen sei auf der Hut, Deutschland! Wir helfen dir beim Anlegen der Höhlenausrüstung. Wir schalten die Stirnlampe für dich ein. Wir nehmen deine Hand und führen dich. Bleib uns dicht auf den Fersen, denn nun steigen wir hinab in die rutschigen Tropfsteinhöhlen der Verblendung. In die verschlingende Finsternis des christlichen Glaubens. Fürchte dich nicht, denn wir erleuchten die Höhle für dich. Wir zeigen dir, dass diese Welt nur aus Schatten besteht.

Da wir eine äußerst hochwertige Ausrüstung tragen, sind wir nicht auf plausible Argumente angewiesen. Wie die gegnerische Seite bedienen wir uns einer wunderbaren postmodernen Errungenschaft: Der Postfaktizität.

Uns reicht es, wenn wir genügend versprengte Einzelstimmen aus dem letzten Jahrzehnt zusammenkratzen. Wir benötigen keinen rechtlichen Fehltritt. Keine verfassungsfeindlichen Zitate. Wir brauchen keine nachgewiesene Veruntreuung. Noch nicht einmal auf einen dramatischen Missbrauchsskandal sind wir angewiesen. Pornokritische Zitate reichen völlig aus. Wie, ihr habt Studien gelesen, in denen die neurologischen Auswirkungen und die sozialen Gefahren von Pornokonsum beleuchtet werden? Das kann nicht sein! Wir leben in einer postfaktischen Zeit. Es lässt sich leicht lösen. Wir wählen dramatische Musik. Wir entscheiden uns für einen mitleidigen Tonfall. Wir rühren kräftig um. Und wie schön: Es funktioniert. Seht ihr, wie die bunten Emotionen die Fakten übermalen?

So können wir uns gemeinsam in der Drohkulisse sonnen: Der Drohkulisse gesunder Ehen, verkörperter Sexualität anstelle von losgelöstem Digitalkonsum, und vertrauensbasierter Beziehungen. Aber bevor du angesichts dieses Schreckensszenarios in die Hosen machst: Fürchte dich nicht. Die ARD ist bei dir! Gemeinsam werden wir das Tal der Rückwärtsgewandtheit erfolgreich durchwandern. Mehr noch: Schon bald werden wir wieder in aufgeklärte Sphären aufsteigen. Dorthin, wo das freie Individuum als Mittelpunkt der Realität für Recht und Ordnung sorgt. Fürchte dich nicht! Dieser graue Kollektivismus, dieses Untergraben der radikalen Selbstverwirklichung auf Kosten aller, ist bloß ein Hirngespinst. Der aufgeklärte Mensch ist sich selbst genug. Die Eingliederung in eine Gruppe ist höchstgefährlich für die Selbstentfaltung.

(Außer natürlich in die Demokratie.)
(Und natürlich in den herrschenden Zeitgeist.)
(Und natürlich in den Cancel-Mob gegen Andersdenkende.)
(Bei Shitstorms hat man sich bitte schön dem Kollektiv unterzuordnen. Hexenjagden sind schließlich die letzten kommunalen Rituale unserer säkularen Gesellschaft.)
(Wenn wir einander schon gewohnheitsmäßig die menschliche Würde absprechen, lasst uns bitte gleich zusammen als Tierherde agieren.)

Vielleicht reden wir am Thema vorbei. Vielleicht haben wir den Kern der Sache nicht verstanden. Vielleicht geht es hier nicht um Macht, und vielleicht ist in dieser Sphäre nichts politisch. Vielleicht geht es hier um etwas ganz anderes.

Das interessiert uns wenig. Wir sind das Licht. Unsere Stirnlampe bleibt fokussiert. Wir vertrauen ihr und fordern Vertrauen ein – postfaktisch.
Wir beherrschen unser Geschäft, und der Erfolg wird uns recht geben. Wenn wir unseren Brei weich genug vorkauen, können wir Deutschland damit füttern. Denn Brei sättigt. Und wer satt ist und gut unterhalten wird, braucht nicht eigenständig denken.

Wir haben hervorragende Techniken: Aus Meinungen und Gefühlen erschaffen wir scheinbar aufklärende Dialoge. Wir schneiden an geeigneten Stellen Witzfiguren hinein. Närrische Tänzer, Händeheber oder Verliebt-in-Jesus-Leute eignen sich gut für unsere Dokumentationen. Es macht Spaß, die geistlich Armen vorzuführen.

Und jetzt, husch, husch, zurück an die Frischluft. Verweilt nicht zu lang in dem Zwielicht dieser Höhle. Sonst findet ihr noch Gefallen an ihr. Die Gefahr ist real: Uns ist zu Ohren gekommen, dass immer mehr Menschen sie ohne unsere erleuchtende Begleitung betreten. Sie bleiben dort hängen – ohne dass wir ihnen erklären können, wie verhängnisvoll das ist. Gruselige Geschichten haben wir gehört. Immer mehr Junge und Alte sollen erkannt haben, dass dieser Jesus tatsächlich vom Tode auferstanden ist und Menschen aus ihrer Verlorenheit und Zerrissenheit rettet.

Jemand hat uns sogar erzählt, diese Sehnsucht nach der Gemeinschaft mit Gott sei unausrottbar. Gott habe seinen Geschöpfen die Ewigkeit ins Herz gelegt. Die Leute kämen nicht davon los. Seit tausenden Jahren nicht. Ihre Bibel habe Dekonstruktion um Dekonstruktion überlebt.

Das klingt beinahe unmenschlich. Es weckt Ängste.

Denn was, wenn es vielleicht anders ist, als wir denken? Was, wenn sie im Licht tanzen und wir uns an die Dunkelheit klammern?

Romy W.

John Stott: Das Gebet

Im Jahr 2006 predigte John Stott in der Redeemer Presbyterian Church (New York) über Epheser 2,18, wo steht: „Denn durch ihn haben wir beide durch einen Geist den Zugang zum Vater.“ Das Thema der Predigt war also das Gebet.

Ich empfehle die Aufzeichnung nicht nur wegen der Predigt, sondern auch aufgrund der einleitenden Worte durch den Hauptpastor der Gemeinde. Dort bekennt sich Tim Keller zum Einfluss John Stotts auf sein eigenes Leben und das seiner Frau Kathy. Zudem erläutert er, welche Bedeutung John Stott für das evangelikale Christentum in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts hatte.

Sollte jemand nicht wissen, wer John Stott ist, kann er sich über die Buchbesprechung zu Stott on the Christian Life einen ersten Eindruck verschaffen.

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