Bibelwissenschaft

Die Theologie des Hebräerbriefs

Es gibt ein neues Werk zum Hebräerbrief (#ad): 

Robert J. Cara schreibt dazu: 

Dieses Buch, „Perfect Priest for Weary Pilgrims: A Theology of Hebrews“, ist Teil der RHebreweihe „New Testament Theology“, herausgegeben von Thomas Schreiner und Brian Rosner. Ziel der Reihe ist es, sich auf die Theologie einzelner neutestamentlicher Bücher zu konzentrieren, dabei jedoch „die übergreifende Erzählung der Bibel und ihren christozentrischen Fokus im Blick zu behalten“ (S. xi). Dieses Ziel passt offensichtlich gut zu Johnsons Interessen und den vielen Themen im Hebräerbrief selbst, ganz zu schweigen davon, dass es das Herz jedes reformierten Christen erwärmt, der eine umfassende Bundestheologie bejaht. Im Vergleich zu anderen Büchern dieser Reihe enthält Johnsons Werk explizitere pastorale Anwendungen. Zum Beispiel: „Gottes pilgerndes Volk befindet sich nicht in freundlichem Gebiet … Der Hebräerbrief ist ein Geschenk an müde Pilger, um unseren Glauben zu nähren und unsere Ausdauer zu stärken, während wir uns durch die feindliche Wildnis dieser Welt zur himmlischen Stadt vorarbeiten“ (S. 165–66).

Was einleitende Fragen angeht, plädiert Johnson kurz für überwiegend traditionelle Schlussfolgerungen. Der Hebräerbrief war ursprünglich eine Predigt, die an eine überwiegend ethnisch jüdische Gemeinde gerichtet war, in der viele dieser jüdischen Christen von der breiteren jüdischen Gemeinschaft schikaniert wurden. Außerdem „stellten einige der Gemeindemitglieder die Hinlänglichkeit des Opfers Christi in Frage und warfen sehnsüchtige Blicke zurück auf die tröstlich vertrauten und sichtbaren Rituale des israelitischen Heiligtums“ (S. 20). Johnson sieht, „dass der ermahnende Zweck die theologische Diskussion prägt“ (S. 12). Und nein, der Verfasser des Hebräerbriefes ist nicht Paulus.

Wie zu erwarten, behandelt der größte Teil des Buches die theologischen Themen im Hebräerbrief auf sehr exegetische Weise, und Johnson tut dies auf bewundernswerte Weise. In Kapitel 1 beginnt er mit dem „Paradigma der Wüstenwanderung“ aus Hebräer 3,7–4,13. Er zeigt viele Aspekte des Zitats aus Psalm 95 und dessen Implikationen für heutige Gläubige auf. Was die umstrittene „Ruhe“ in Hebräer 4,3 und 4,11 betrifft, so ist diese gänzlich zukünftig und eschatologisch.

Johnson nutzt Hebräer 1,2 als Ausgangspunkt in Kapitel 2, um die vielen Verse im Hebräerbrief zu erörtern, die sich sowohl auf Gottes sich entfaltenden heilsgeschichtlichen Plan als auch auf Gottes Offenbarung beziehen. Interessanterweise kommt er zu dem Schluss, dass διαθήκη in Hebräer 9,16–17 sich auf „Bund“ und nicht auf „Testament“ bezieht. Er führt diese hermeneutische Diskussion in Kapitel 3 fort und konzentriert sich dabei auf die verschiedenen Arten, wie der Verfasser des Hebräerbriefes die alttestamentlichen Schriften interpretiert. So verwendet Johnson beispielsweise drei prägnante Sprüche, um einige der hermeneutischen Vorgehensweisen des Verfassers des Hebräerbriefes zu erfassen: „Wenn A so wäre, würde die Schrift nicht B sagen“; „Um wie viel mehr? Vom Guten zum Besseren, vom Schlechten zum Schlimmeren“; und „Das Schweigen der Schrift spricht“.

Mehr: journal.rts.edu.

Peter Stuhlmacher: Nur der Weinstock gibt den Reben das Leben

Peter Stuhlmacher schreibt in seiner Biblischen Theologie des Neuen Testaments über Jesu Weinstockrede (#ad, Bd. 2, 1999, S. 267):

Nach Joh 15,1–8 stellt sich das Verhältnis Jesu zur Jüngerschar wie das des Weinstocks zu den Reben dar. Diese Bildrede hat eine dreifache Pointe. Die erste besteht darin, daß nur der Weinstock den Reben Leben gibt, die Reben ganz vom Weinstock leben und vernichtet werden, wenn sie nicht reichlich Frucht bringen. Im Klartext: Die Jünger leben aus der Liebe Jesu, sind aber auch (auf Gedeih und Verderb) dazu verpflichtet, in dieser Liebe zu bleiben (vgl. 15,9; 17,23). – Die zweite Pointe liegt darin, daß Jesus seine Jünger in 15,15 nicht mehr unwissende Sklaven (douloi), sondern Freunde (philoi) nennt, die von wahrer Gotteserkenntnis erfüllt sind. Der Ehrentitel ,Freunde Jesu’  steht dem judenchristlich üblichen, auch in Apk 1,1; 2,20; 7,3 u.ö. beibehaltenen Wortgebrauch von douloi Chrisou oder douloi Theu für die Apostel und Gemeindeglieder (vgl. Röm 1,1; 6,15–23; 1Petr 2,16; Jak 1,1; Jud 1 usw.) gegenüber und hat sapientiale Wurzeln: Nach Weish 8,18 wird man von der sophia nicht versklavt, sondern ist mit ihr befreundet, und nach Weish 7,14.27 schafft die Weisheit durch den Eingang in heilige Seelen ,Freunde Gottes’. Die Freunde Jesu stehen also in einem besonders innigen Verhältnis zu ihrem Herrn. – Die dritte Pointe liegt in dem Begriff ,wahrer Weinstock’ (…). Da der Weinstock geläufiges Symbol für Israel ist (vgl. Ps 80,9), deutet die Metapher an, daß nicht das vorfindliche Israel, sondern Jesus und seine Jünger das wahre Gottesvolk bilden.

Der Kreuzestod offenbart die Herrlichkeit des Christus

Im Johannesevangelium 13,31–32 lesen wir: 

Da Judas nun hinausgegangen war, spricht Jesus: Jetzt ist der Menschensohn verherrlicht, und Gott ist verherrlicht in ihm. Ist Gott verherrlicht in ihm, so wird Gott ihn auch verherrlichen in sich und wird ihn bald verherrlichen. 

Mit der Entlassung des Judas hat die Verwirklichung des Heilsplans also eine weitere entscheidende Phase erreicht. Als Jesus Judas mit den Worten entließ: „Was du tust, das tue bald!“ (Joh 13,27), bekundete er seine entschlossene Bereitschaft, für die Seinen in den Kreuzestod zu gehen. Durch diesen Gehorsam und diese Liebe wurde Jesus als Menschensohn verherrlicht bzw. erhöht.

Jesus hatte dem Volk schon zuvor erklärt, dass der Menschensohn erhöht werden muss (vgl. Joh 12,34). Schließlich muss in Erfüllung gehen, was der Prophet Jesaja angekündigt hatte: „Siehe, meinem Knecht wird’s gelingen, er wird erhöht und sehr hoch erhaben sein“ (Jes 52,13).

Das heißt: Der Menschensohn wird gerade in dem Augenblick, der für ihn Niederlage, Schande und Unheil zu bedeuten scheint, verherrlicht! Der grausame Tod am Kreuz lässt die Hoheit und Herrlichkeit von Jesus Christus offenbar werden.

Johannes Calvin hat das wunderbar erkannt und kommentierte den V. 32 mit den Worten (Das Evangelium des Johannes, Joh 13,32):

Anstatt die Hoheit Christi in Schatten zu stellen, hat vielmehr der erlittene Kreuzestod seine Hoheit erst ins rechte Lichte gestellt: in vollen Strahlen erglänzt von Golgatha aus seine unfassbar große Liebe für die Menschheit, seine abgrundtiefe, die Sühnung aller Schuld, die Versöhnung des Zornes Gottes bewirkende Gerechtigkeit, seine Heldenkraft, die in der Überwindung des Todes, in der Unterjochung Satans, in der Erschließung der Himmelspforten Wunder verrichtete. Was aber Christus hier von sich sagt, das findet auch auf uns seine Anwendung. Mag die ganze Welt sich verschwören, Schmach und Schande auf uns zu häufen, wenn wir nach wie vor in Lauterkeit und von Herzen der Ehre Gottes zu dienen uns befleißigen, so ist kein Zweifel daran: auch Er wiederum wird uns Ehre zuwenden. Umso tröstlicher wird die Verheißung, die Christus gibt, dadurch, dass er betont, solches werde bald geschehen. Wenn nun auch die Verklärung, von welcher er hier redet, am Ostermorgen begann, so denkt er doch wohl vor allem an die bald danach erfolgende Ausbreitung des Evangeliums von ihm, der für uns starb und auferstand, in aller Welt.

„Leser dürfen erwarten, dass das Buch auf sie zukommt“

Jeff Bezos von Amazon hat bei der von ihm gekauften WASHINGTON POST massive Kürzungen durchgesetzt. Einerseits kann ich verstehen, dass er irgendwann mal schwarze Zahlen schreiben möchte, andererseits ist es irgendwie betrüblich, dass er auch die Redaktion der „Book World“ und damit den kompletten Rezensionsteil rausgeworfen hat. Amazon ist ursprünglich mit dem Verkauf von Büchern groß geworden. Bücher scheinen aber inzwischen für den Chef (und den Konzern) nur noch Waren zu sein, mit denen Geld verdient werden soll. 

In dem Artikel „Büchertapete gefällig?“ (FAZ, 28.02.2026, Nr. 50, S. 12) weist Steffen Martus darauf hin, dass die Einstellung der seriösen Literaturkritik ein Symptom einer größeren Entwicklung sei. Diese Entwicklung könne auf den Punkt gebracht werden: „Der Kunde wird überall zum König. Dieser Marketinggrundsatz, den sich niemand so sehr zu eigen gemacht hat wie Amazon, klingt schlicht, bedeutet aber für bestimmte Gesellschaftsbereiche eine enorme Herausforderung. Statt nämlich die Güte eines Produkts aus dessen Leistung und Qualität abzuleiten, tritt der Rezeptionserfolg in den Vordergrund. Der Fehler liegt somit stets beim Produkt, das sich nicht verständlich machen kann, und nicht etwa beim Kunden, der zu wenig von der Sache versteht.“

Für Bücher bedeutet das:

Diese Umorientierung ist durch viele unscheinbare Signale fest im Alltag verankert. So bestätigen etwa die omnipräsenten Kundenbefragungen den Konsumenten permanent in seiner Urteilsbefugnis und erzeugen im gleichen Moment Urteilsbedarf. Wer an immer mehr Orten – in der Toilette, im Zug, im Restaurant, beim Bäcker, in der Bibliothek, im Museum – und in immer mehr Situationen als Kunde angeschaut wird, schaut dann eben auch immer häufiger als Kunde zurück, und zwar auch auf jene Bereiche, denen das nicht guttut. Im Fall des Buches bedeutet dies: Die Leser dürfen erwarten, dass das Buch auf sie zukommt und nicht umgekehrt. Die Populärliteratur hat damit, wie der Namen [sic!] schon sagt, keine Probleme. Für die „hohe“ Literatur, die auf Originalität, Konventionsbruch und die Herausforderung der Leser setzt, verändert es die Geschäftsgrundlage.

Wenn ein Buch immer nur den Erwartungen der Leser entspricht, bleibt kaum Raum für eine Transformation durch die Lektüre. Bücher dürfen und sollen Leser herausfordern – und auch überfordern. Kant hat die Welt verändert, obwohl seine Leser zunächst die kantische Sprache erlernen mussten – nicht, weil er ihnen entgegengekommen ist.

Übrigens lässt sich in der christlichen Szene ein vergleichbarer Trend im Umgang mit der Bibel feststellen. Die Bibelleser werden dazu erzogen, dass die Heilige Schrift auf sie zukommt. Einige Kirchenvertreter fordern, dass die alten Sprachen aus dem Theologiestudium verbannt werden. Und auch die immer stärkere Verbreitung kommunikativer Bibelübersetzungen ist nichts anderes als ein Auf-den-Leser-Zugehen. Sätze in der BasisBibel enthalten in der Regel nicht mehr als 16 Wörter. Der eine Satz aus Epheser 1,3–14 enthält nach meiner Zählung 202 Wörter. 

Wenn die Bibel ständig an den Erkenntnishorizont ihrer Leser herangeführt wird, können diese nicht aus ihrer Erkenntnisenge herausgeführt werden. Kommunikative Bibelübersetzungen haben durchaus ihre Daseinsberechtigung. Bei ihrem besonnenen Einsatz darf allerdings nicht vergessen werden, dass es der menschliche Sinn ist, der einer Transformation bedarf. Die Bibel darf und soll ihren Leser überfordern, aufregen und stören. Nur dann kann das Gedankenkarussell des menschlichen Denkens aufgebrochen werden. 

Gleiches ließe sich über die Predigt sagen. In vielen Kirchengemeinden wird noch maximal 15 Minuten gepredigt. Das mag den Erwartungshaltungen der Hörer entsprechen. Bibeltexte gründlich auslegen kann man in so einer kurzen Zeit aber nicht. 

Hier übrigens noch eine Buchempfehlung für Bibeleinsteiger: Bibelstudium für Einsteiger: Eine Einführung in das Verstehen der Heiligen Schrift von R.C. Sproul (#ad).

“Nicht zu verachten …“ – Johannes Calvin und die Apokryphen

Wie bewertete Johannes Calvin die apokryphen Schriften des Alten Testaments? Matthias Freudenberg schreibt („‚Nicht zu verachten …‘ (Johannes Calvin) – Die Apokryphen im Spiegel der reformierten Theologie“, Catholica 76, 4 (2022), S. 234–47):

Wie in den bekannten Bibelausgaben der Reformation finden sich auch in der Bibel Pierre Robert Olivetans (1535) – einem Vetter Calvins – und in der Genfer Bibel (1546) die Apokryphen im Anschluss an die alttestamentlichen Bücher. Auch hier verdient Beachtung, dass sie überhaupt abgedruckt und nicht ignoriert wurden – jedenfalls in der Anfangszeit. In der Vorrede zu den Apokryphen in der Olivetanbibel (1535) schreibt Calvin, dass die Apokryphen gelesen werden, aber nicht öffentlich im Gottesdienst, sondern „im Geheimen und abseits“, also privat; sie seien „weder als verbindlich angenommen noch als legitim angesehen worden, weder von den Hebräern noch von der ganzen Kirche“.

Unter Bezug auf Hieronymus fährt er fort: „Wir haben sie abgetrennt und beiseite gesetzt, um sie besser zu unterscheiden und kenntlich zu machen, damit man weiß, aus welchen Büchern das Zeugnis als bindend angenommen werden muss und aus welchen nicht.“ Affirmativ heißt es, dass der Glaube Gewissheit im Wort Gottes erhält. Calvin liegt an der Glaubensgewissheit, und diese kann sich nur auf die Wahrheit der „lebendigejn] und kraftvollejn] Schrift“ gründen.

Ein Jahrzehnt später argumentiert Calvin in der Vorrede zu den Apokryphen der Genfer Bibel (1546), einer Revision der Olivetanbibel: „Diese Bücher, Apokryphen genannt, sind immer von den Schriften unterschieden worden, die man ohne Schwierigkeit als Heilige Schrift bezeichnete. Denn die Kirchenväter wollten der Gefahr vorbeugen, einige profane Bücher mit denen zu vermischen, die sicherlich vom Heiligen Geist hervorgebracht waren.“ Allerdings räumt er ein: „Es ist wahr, dass die Apokryphen nicht zu verachten sind, soweit sie gute und nützliche Lehre enthalten.“ Daraus erwachse „Lehre zur Erbauung“. Doch habe das, was durch den Heiligen Geist gegeben ist, Vorrang „vor allem, was von Menschen gekommen ist“. Glaubensgewissheit können diese Schriften nicht hervorrufen und seien daher nicht verbindlich, sondern sollen privat gelesen werden. Auch wenn Calvins Zurückhaltung gegenüber den Apokryphen unübersehbar ist, verzichtet er darauf, diese gänzlich abzuwerten. Ihm geht es um die Glaubensgewissheit, die der Heilige Geist mit Hilfe der kanonischen Schriften bekräftigt; von diesen müssen die Apokryphen als private Texte ohne Rechtskraft unterschieden werden. Calvin stellt die Glaubensgewissheit aus öffentlich beglaubigten Urkunden (Kanon) und die Lehre zur Erbauung (Apokryphen) aus Privatschriften einander gegenüber.

Ebenfalls 1546 erhielt Calvin Kenntnis von der Trienter Konzilsentscheidung, mit der in Sessio IV der Umfang des Kanons dogmatisiert und zum Alten Testament auch die Apokryphen gezählt wurden (DH 1502–1504). Ein Jahr später reagierte er darauf mit einer Streitschrift Acta Synodi Tridentinae cum Antidoto gegen die Konzilsakten und bestritt die Gleichrangigkeit der apokryphen mit den kanonischen Schriften sowie deren Einordnung ins Alte Testament; die apokryphen im Anschluss an die alttestamentlichen Texte einzuordnen, schloss er indes nicht aus.

Zudem machte er theologische Einwände. Es gäbe „keinen noch so ungeheuerlichen Aberglauben, zu dem sie nicht gleichsam den [siebenhäutigen] Schild des Ajax herantragen, um ihn damit beschützen zu wollen“; dazu zählen das Fegefeuer (2Makk 7,36; 12,43–45), die Vermittlung der Heiligen (2Makk 3,25–30; 10,29f.; 11,8), die Genugtuung (Tob 4,10f.; 12,9) und die Exorzismen (Tob 6,8.17). Einzelne Stellen aus den Apokryphen dienten zur Beglaubigung von kirchlichen Lehren, nämlich „zur Färbung ihrer Irrtümer mit unechter Schminke“: „Woher sollen sie besser den Bodensatz schöpfen [als aus den Apokryphen]?“ Allerdings räumt Calvin ein, dass er diese Bücher keineswegs gänzlich verdammen wolle. Doch eine Vertrauensbasis für den Glauben böten sie nicht. Im Übrigen widerspreche ihre Kanonisierung dem Konsens der Alten Kirche, da sie den Glauben nicht förderten.

Jesaja 7,14 doch messianisch?

Jesaja 7,14 bleibt einer der am meisten diskutierten Verse der hebräischen Bibel, insbesondere hinsichtlich seiner Zitierung in Matthäus 1,23 als eine Prophezeiung, die sich in der jungfräulichen Geburt Jesu erfüllt hat. Viele Gelehrte behaupten, dass der ursprüngliche Kontext eine historische Erfüllung während der Regierungszeit von Ahas und Hiskia erfordert, wodurch Matthäus’ Lesart bestenfalls als nicht wörtlich oder typologisch erscheint.

Auch sprachlich gibt es bedeutsame Einwände gegen eine Übersetzung von ʿalmāh mit „Jungfrau“. Deshalb übersetzen zum Beispiel die Basisbibel oder auch die Gute Nachricht mit „junge Frau“.

In einem bemerkenswerten Aufsatz argumentiert Seth Postell, Professor für Altes Testament am Israel College in Israel, für eine messianische Lesart von Jesaja 7,14.  Durch die Lektüre von Jesaja 7 im Lichte seiner Platzierung innerhalb von Jesaja 2–12, einem Abschnitt, der von eschatologischer Hoffnung und messianischer Erwartung geprägt ist, zeigt er, dass Jesaja 7,14 eine zukünftige, wundersame Geburt vorwegnimmt. Darüber hinaus zeigt eine genaue Betrachtung der sprachlichen Merkmale und der wiederkehrenden Bilder von Zerstörung und Erneuerung, dass Jesaja eine kohärente Vision der messianischen Hoffnung präsentiert, wobei die Immanuel-Prophezeiung ein integraler Bestandteil dieser Vision ist. In diesem Licht erscheint die Interpretation des Matthäus nicht als apostolische Auferlegung, sondern als getreue Auslegung der beabsichtigten Botschaft Jesajas.

Aus dem Fazit: 

Wir haben uns die bemerkenswerten Ähnlichkeiten zwischen dem davidischen Spross, der hervorgeht, wenn der Zweig des prahlerischen assyrischen Königs vollständig abgeschnitten ist (Jes 10,33–11,1; siehe auch 8,21–9,6), und der Erzählung über Hiskia angesehen, den Gott zusammen mit einem Überrest auf wundersame Weise vor dem prahlerischen König von Assyrien bewahrt hat (Jes 36–37). Die Ähnlichkeiten führen zu einer Spannung zwischen den begrenzten Errungenschaften Hiskias und der Erwartung eines ewigen Friedensreiches. Das Buch Jesaja löst diese Spannung, indem es Assyrien mit Babylon verschmilzt (Jes 13–14), während das Kommen des Messias speziell mit einer zweiten Verbrennung verbunden ist – einer zweiten Zerstörung des Landes durch eine große Weltmacht (6,11–13). Als Teil der literarischen Strategie des Buches verwendet der Autor Hiskia als vorausschauende Analogie für den König, durch den Jesajas Vision erfüllt werden würde. Schließlich argumentierten wir, dass ʿalmāh „junge Jungfrau” bedeutet. Wir argumentierten auch, dass dieses Wort strategisch als Teil eines Wortspiels im unmittelbaren Kontext und als Parallele zu dem Zeichen gewählt wurde, das Hiskia in Jesaja 38 gegeben wurde. Wenn man die Parallele betrachtet, muss das Zeichen des ʿalmāh so hoch wie der Himmel sein, ein Wunder von der Größenordnung, wie wir es in Matthäus 1,23 finden: „Siehe, die Jungfrau wird schwanger werden und einen Sohn gebären, und sie werden ihm den Namen Immanuel geben, was übersetzt bedeutet: Gott mit uns.” Obwohl sich diese Studie ausschließlich auf die Bedeutung von Jesaja 7,14 im Buch Jesaja konzentrierte, haben wir schließlich den Gipfel eines sehr hohen Berges erreicht, und zu unserer großen Überraschung sitzt Matthäus mit verschränkten Armen da und fragt sich, warum wir so lange gebraucht haben, um hierher zu gelangen!

Die Lektüre von „Is Isaiah 7:14 messianic?“, JETS, Vol. 68.3 (2025), S. 465–493, sei hiermit empfohlen. Erreichbar ist der Aufsatz über einschlägige Bibliotheken oder Onlinedatenbanken. 

Martin Bucer: Die Quelle ewiger Erlösung

In Römer 3,21 lesen wir: „Nun aber ist ohne Zutun des Gesetzes die Gerechtigkeit, die vor Gott gilt, offenbart, bezeugt durch das Gesetz und die Propheten.“Der Reformator Martin Bucer kommentiert den Vers mit folgenden Worten (Gwenfair Walters Adams, Timothy George u. Scott M. Manetsch (Hrsg.), Romans 1–8: New Testament, Bd. VII, Reformation Commentary on Scripture, Downers Grove, IL: IVP Academic: An Imprint of InterVarsity Press, 2019, S. 164):

Unsere Sache wird stets durch diese Verse des größten Apostels und von Christus auserwählten Werkzeugs gestützt. Kein anderer Apostel hat uns jemals die Lehre eingeprägt, dass die Gerechtigkeit allen Menschen allein durch den Glauben an Jesus Christus, der für uns gestorben ist, zuteilwird. Lasst uns unsere Gedanken noch tiefer auf genau diese Sache richten und die Angelegenheit sorgfältig und würdig prüfen. Denn niemand hat diese Frage jemals ausreichend berücksichtigt. Dies ist wahrhaftig ein Schatz des Lebens und eine Quelle ewiger Erlösung. Denn wer kann darüber nachdenken, dass Gott aus seiner unaussprechlichen Liebe zu uns um unseretwillen seinen eingeborenen Sohn seinen Feinden zum Tode übergeben hat, damit wir durch ihn ewig leben können, und dies glauben und dennoch nicht glauben, dass er selbst bereits sicher und gesegnet ist, und sich ganz Gottes Brust hingeben? Daraus lernen wir auch wahrhaftig und erkennen fest, wie verloren wir in und aus uns selbst sind, dass aus absolut nichts, was von uns oder einem anderen Geschöpf kommt, es geschehen kann, dass Gott an uns Gefallen findet, so dass es notwendig war, dass das Wort Gottes Mensch wurde und der Eingeborene Gottes einen schrecklichen Tod starb, um uns wiederherzustellen. Dieser Gedanke bewahrt die wahre Demut in uns, lässt uns in Widrigkeiten ausharren und entfacht in uns das Bestreben, böse Begierden zu korrigieren und uns ernsthaft der Aufgabe der Heiligung und Gerechtigkeit zu widmen. Paulus wollte „nichts anderes wissen als den Herrn Jesus und ihn als den Gekreuzigten“, weil er erkannt hatte, dass im Kreuz unseres Herrn die wahre Philosophie und alles rettende Wissen enthalten ist.

Luther: Der Vorrang der Schrift

Oswald Bayer geht in seinem Buch Martin Luthers Theologie auch der Frage nach, warum für den Reformator die Heilige Schrift Autorität besitzt. Dabei hebt Bayer heraus, dass für Luther die Schrift sich selbst zu Gehör bringt. Bei aller notwendigen wissenschaftlichen Arbeit am und mit dem Text ist das Verkündigen und Hören eben ein Prozess, der uns Menschen überfordert und deshalb ohne Geistwirken undenkbar ist.

Zitat (Oswald Bayer, Martin Luthers Theologie, 2007, S. 62–63):

Luthers Grundthese lautet: Sacra scriptura „sui ipsius interpres“ — die Heilige Schrift legt sich selbst aus. Diese These reicht weit über die Konkordanzmethode hinaus, wonach eine Schriftstelle durch die andere auszulegen und mit ihr in Übereinstimmung zu bringen ist. Sie betrifft nämlich die Wirksamkeit des Textes im Bezug auf seine Leser, Hörer und Ausleger. In diesem umfassenden Sinn besagt „sacra scriptura sui ipsius interpres“: Der Text bringt sich selbst zu Gehör.

Bei aller Arbeit der Auslegung, die wissenschaftlich – handwerklich solide sowie klar und kontrollierbar – zu leisten ist, bleibt das Verstehen des biblischen Wortes im letzten unverfugbar. Wir haben diese Spannung in Luthers Theologiebegriff schon wahrgenommen: Bildungsarbeit einerseits – grammatische und philosophische Bildung des Theologen, geduldiges Meditieren und Auslegen –, zugleich aber die unverfugbare Geistgabe, wie sie Luther selbst mit seiner reformatorischen Entdeckung empfing, als sich ihm mit dem Aufleuchten der Gottesgerechtigkeit „die Tore des Paradieses“ öffneten. Nicht der Ausleger ist es, der dem Text einen Sinn gibt oder den Text verständlich macht; vielmehr soll der Text von sich aus sagen dürfen, was er von sich aus zu sagen hat. Dann wird die gängige Unterscheidung, wonach die Heilige Schrift als Formalprinzip des Protestantismus gilt und die Rechtfertigung als dessen Materialprinzip, sich erledigen. Die Autorität der Schrift ist keine formale, sondern eine höchst materiale, inhaltliche. Sie ist die Stimme ihres Autors, der gibt: der staunen, klagen und loben lässt, fordert und erfüllt.

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Die ELB-Studienbibel

 

Cover ElberfelderBibelStudienausgabe.3a29dfbb.

 

Es gibt eine neue deutschsprachige Studienbibel. Die Herausgeber, der SCM R. Brockhaus und die Christliche Verlagsgesellschaft, haben das Werk ELBERFELDER BIBEL: Die große Studien- und Kommentarausgabe „getauft“.

Angeboten werden zwei wertige Ausgaben. Die Standardausgabe mit Kunst ledereinband kostet 130 Euro, die Echtlederausgabe mit Goldschnitt satte 180 Euro. Das ist jeweils eine Menge Geld. Lohnt sich die Investition? Die Antwort auf diese gute Frage gibt es hier in einer Buchbesprechung: www.evangelium21.net.

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