Leihmutterschaftsdrama

Wie dramatisch sich Leihmutterschaften entwickeln können, zeigt sich an dem Rechtsstreit, den die Leihmutter McKenna West (leider bisher vergeblich) gegen ein Bestellpaar aus Kalifornien führt. DIE TAGESPOST berichtet: 

Zum Hintergrund: Die Bestelleltern Nausheen Gilkar und Omar Ahmed, ein Paar aus Los Angeles, schlossen im August 2025 mit McKenna West, einer Krankenschwester aus Alaska, einen Leihmutterschaftsvertrag. Die alleinerziehende Mutter zweier Kinder sollte für das Paar, das bereits acht erfolglose Versuche einer künstlichen Befruchtung hinter sich hatte, ein Kind austragen. Für ihre Dienste als Leihmutter sicherte das Paar McKenna West vertraglich ein Honorar in Höhe von 60.000 US-Dollar zu.

Nachdem Ärzte in der 20. Schwangerschaftswoche bei dem Kind ein hypoplastisches Linksherzsyndrom (HLHS) diagnostizierten, forderten die Bestelleltern die Leihmutter auf, das Kind abzutreiben. Dabei beriefen sie sich auf den mit ihr geschlossenen Vertrag. Der soll eine Klausel beinhalten, die es den Bestelleltern erlaubt, eine Abtreibung des Kindes zu verlangen, wenn Ärzte bei diesem Anomalien feststellen.

West weigerte sich jedoch, das Kind abzutreiben, und floh mit diesem nach Texas. Der Grund: In dem im Süden der USA gelegenen Bundesstaat sind Abtreibungen grundsätzlich verboten. Laut Chapter 170 A des texanischen „Health and Safety Code“ darf auf dem Territorium des Bundesstaates niemand „wissentlich eine Abtreibung vornehmen, veranlassen oder einleiten.“ Außerdem gilt laut dem „Texas Family Code“ grundsätzlich die Frau als Mutter, die das Kind zur Welt bringt, auch als rechtliche Mutter. Mit einer Ausnahme: Liegt eine gerichtlich bestätigte Gestationsvereinbarung vor, können die Bestelleltern rechtlich als Eltern anerkannt werden, obwohl die Leihmutter das Kind geboren hat.

Die Bestelleltern verklagen daraufhin McKenna West wegen Vertragsbruchs auf Schadenersatz in Höhe von 100.000 US-Dollar sowie Anwaltskosten. 

Mehr: www.die-tagespost.de.

Charles Murray: Taking Religion Seriously

Der US-amerikanischer Politikwissenschaftler und Publizist Charles Murray ist Hayek-Emeritus-Stipendiat am American Enterprise Institute, einem konservativen Thinktank, und wurde vor allem für seine Bücher Losing Ground (1984), The Bell Curve (zusammen mit Richard Herrnstein; 1994) und Coming Apart (2012) bekannt. Neuerdings bekennt er sich zum christlichen Glauben an Gott (siehe sein Zeugnis hier) und hat seine Überzeugungen in dem Buch Taking Religion Seriously (2025, #ad) niedergeschrieben. James N. Anderson hat das Buch gelesen und dabei einige Schwächen entdeckt, beispielsweise in der Christologie. Abgesehen von diesen Mängeln lassen sich seiner Meinung aus dem Buch zumindest fünf nützliche Erkenntnisse gewinnen.

Zitat: 

(1) Westliche säkulare Intellektuelle lehnen das Christentum in der Regel nicht ab, weil sie die Beweise verantwortungsbewusst geprüft hätten und dennoch nicht überzeugt seien, sondern weil sie durch die vorherrschende Meinung vorgeprägt sind, dass es keine seriösen intellektuellen Grundlagen für christliche Überzeugungen gibt. Um einen Satz von G.K. Chesterton abzuwandeln: Das Christentum wurde nicht untersucht und für mangelhaft befunden; es wurde als unliebsam empfunden und daher nicht untersucht.

(2) Im Zusammenhang mit dem vorangegangenen Punkt: Intellektueller und sozialer Gruppendruck spielt eine wesentliche Rolle dabei, zu erklären, warum säkulare Wissenschaftler Religion nicht ernster nehmen. Wie Murray offen zugibt, war ein Grund für seine große Abneigung gegenüber den Beweisen, dass er zum „Stamm der Klugen“ gehörte und nicht wollte, „als leichtgläubig und töricht zu gelten und aus dem Stamm verstoßen zu werden“ (S. 147).

(3) Die Beweise für die Wahrheit des Christentums liegen in Hülle und Fülle vor für diejenigen, die Augen haben, sie zu sehen – das heißt für diejenigen, deren Blick nicht durch naturalistische Vorannahmen und intellektuellen Snobismus verengt ist.

(4) Auch wenn philosophische und historische Argumente vielleicht nicht der übliche Weg sind, auf dem Menschen zum christlichen Glauben finden, sind sie dennoch wichtig, insbesondere wenn die Bekehrten ein Publikum aus intellektuellen Gleichgesinnten haben. Lewis liefert ein solches Beispiel; Murray nun ein weiteres. Bemerkenswert ist, dass in beiden Fällen der Weg sowohl philosophische Reflexion als auch eine Reihe göttlicher Fügungen umfasste.

(5) Christliche Wissenschaft ist wichtig! Betrachten wir eine Auswahl der Wissenschaftler, deren Arbeit Murray dafür verantwortlich macht, dass er im Laufe der Zeit seine Meinung geändert hat: Stephen Meyer, Larry Hurtado, Paul Barnett, Richard Bauckham, Brand Pitre, Craig Blomberg, Michael Bird, Peter J. Williams, N. T. Wright, Gary Habermas und – nota bene – der emeritierte RTS-Professor Charles E. Hill. (Es sei angemerkt, dass Murray auch die Werke skeptischer Wissenschaftler wie Brian Greene, Sean Carroll, John Dominic Crossan und Bart Ehrman herangezogen hat – was die Bedeutung fundierter Wissenschaft zur Verteidigung des orthodoxen Christentums noch weiter unterstreicht.)

Die übergeordnete These von Taking Religion Seriously ist relativ bescheiden: Jeder, der sich Fragen der Religion mit offenem Geist und dem Engagement eines Wissenschaftlers nähert, den Beweisen zu folgen, wohin sie auch führen mögen, wird entdecken, dass es ernstzunehmende Argumente gegen den materialistischen Atheismus und zugunsten des christlichen Theismus gibt. Ob ein Ungläubiger solche Themen – abgesehen von einem Wirken göttlicher Gnade – wirklich unvoreingenommen angehen kann, ist eine Frage, die in dem Buch nicht aufgeworfen wird. Dennoch ist Murrays persönliches Zeugnis ein Grund zur Freude: „Gottes Gnade ist für mich Wirklichkeit geworden“ (S. 153). Man kann fast hören, wie sich die Engel im Himmel freuen.

Mehr: journal.rts.edu.

Warum Christen ihre Social-Media-Konten löschen sollten

Brad East ist der Meinung, dass die sozialen Medien mehr schaden als nutzen, und plädiert für die Schließung der Konten. Hier sein Appell:

Eine Zeit lang habe ich … meine „moderate“ Nutzung sozialer Medien verteidigt. Aber ich konnte mich nicht länger selbst belügen. Ich hasste das Gefühl, das es in mir auslöste. Ich hasste, was es mit mir machte. Ich hasste den Voyeurismus, den Zwang, das Verlangen des Süchtigen nach immer noch ein bisschen mehr. Schließlich stehe ich gerade in der Abholschlange vor der Schule oder warte in der Arztpraxis. Was machen da schon zehn Minuten mehr aus?

Vor etwa fünf Jahren habe ich dann endlich das Handtuch geworfen. Ich habe meine Konten nicht nur deaktiviert – ich habe sie gelöscht. Das war eine der besten Entscheidungen, die ich je getroffen habe. Und seitdem bin ich so etwas wie ein Verfechter eines Lebens jenseits der sozialen Medien geworden.

…

Lieber Christ, ich möchte, dass du nach den höchsten Zielen strebst, nicht nach den niedrigsten. „Alles ist erlaubt“, so Paulus, „aber nicht alles ist nützlich“ (1Kor 10,23). Soziale Medien mögen technisch gesehen zulässig sein – die Bibel verbietet sie nie namentlich –, doch sie helfen weder, noch bauen sie auf. Sie formen die Seele nicht in der Tugend; sie bringen keine Früchte des Geistes hervor. Aus christlicher Sicht liegt die Beweislast daher bei demjenigen, der soziale Medien nutzen möchte – Warum ist es gut oder gar notwendig für mich, sie zu nutzen? – und nicht bei demjenigen, der darauf verzichtet.

Also schneide es ab. Ein Leben ohne soziale Medien ist besser. So einfach ist das. Im Moment mag es sich vielleicht nicht so anfühlen. Eine Zeit lang wirst du vielleicht noch das Phantomglied spüren. Aber mit der Zeit wirst du dich daran gewöhnen und dankbar sein für dessen Abwesenheit und den Raum, den diese Abwesenheit für bessere Dinge schafft.

Ich sehe das nicht so radikal, kann aber einige Gründe und die Entscheidung gut nachvollziehen und denke, dass es für einige Leute der richtige Schritt wäre. Die Vorstellung jedoch, dass Christen auf den sozialen Medien gar nicht mehr präsent sind, ist auch nicht so prickelnd. 

Wie seht ihr das?

Mehr: www.christianitytoday.com.

Ausgrenzung von Juden an den Universitäten

Es gibt also auch einen guten Antisemitismus. Die Antisemitismusforscherin Julia Bernstein  bescheinigt:

Die Antisemitismusforschung ist tief gespalten. Es gibt nicht wenige Antisemitismusforscher, die den israelbezogenen Antisemitismus, der an den Hochschulen stark verbreitet ist, ignorieren und sich ganz auf den rechten und den historischen Antisemitismus konzentrieren. Nicht selten stehen dann gegenüber Wissenschaftlern, die auf den israelbezogenen Antisemitismus hinweisen, Vorwürfe im Raum, zum Beispiel zu übertreiben oder sogar rassistisch zu agieren.

Mehr: www.faz.net.

Wie Tim Keller sein Leben in seinen letzten Jahren neu ordnete

Michael Keller beschreibt in The Stories We Live By (2016, #ad), wie sein Vater sein Leben nach der Krebsdiagnose neu geordnet hatte: 

Wenn Gott deine größte Liebe ist, kannst du deine Arbeit lieben und deine Familie lieben – in dem Glauben, dass Erfolg und Misserfolg in beiden Bereichen von Bedeutung sind –, aber keine dieser Lieben wird dich zerstören, denn dein Wert wurzelt in Gottes Liebe, nicht in dem, was bei der Arbeit oder in deiner Familie geschieht. Du kannst deine Arbeit wertschätzen und dich um deine Familie kümmern, ohne von ihnen zu verlangen, dass sie dich heilen oder dir einen ultimativen Sinn geben.

Woran erkennst du, ob deine Liebe aus dem Gleichgewicht geraten ist? Drei Fragen decken deine Prioritäten auf. Erstens: Was bereitet dir im Leben die größte Unruhe? Die Dinge, die dir den Frieden rauben, verraten oft, worauf du dich für deine Sicherheit verlässt. Zweitens: Wohin wandern deine Gedanken, wenn sie abschweifen? Deine Tagträume offenbaren deine Sehnsüchte. Worüber du fantasierst, verrät, von welchen Dingen du glaubst, dass sie dich glücklich machen. Und drittens: Wofür gibst du am großzügigsten Geld aus? Kontoauszüge lügen nicht. Wohin du dein verfügbares Einkommen fließen lässt, weist oft auf die Dinge hin, von denen du glaubst, dass sie dir Leben schenken. Wenn du dir diese Fragen stellst, kannst du die Bereiche erkennen, in denen deine Liebesbeziehungen aus dem Gleichgewicht geraten sind.

Ich habe diese Neuordnung im Leben meines Vaters während seiner letzten Krankheitsjahre beobachtet. Als der Krebs deutlich machte, dass seine Tage gezählt waren, änderten sich seine Gewohnheiten. Er war sowohl weniger getrieben als auch fokussierter. Die Dinge, die ihm am meisten am Herzen lagen – die Zeit mit meiner Mutter, das Fertigstellen wichtiger Projekte und die Verbindung zu seinen Söhnen –, genoss er mehr denn je, auch wenn seine Zeit für alles andere immer knapper wurde. Er strahlte eine Leichtigkeit aus, die ich erst jetzt benennen kann: Er brauchte keines seiner Bestrebungen mehr, um sich vollständig zu fühlen. Er war in diesen letzten Jahren kein Mann, der gelernt hatte, weniger zu lieben; er war ein Mann, der gelernt hatte, seine Liebe in die richtige Reihenfolge zu bringen.

Was bedeutet es, „Gott mehr als alles andere zu lieben“? Man kann nicht einfach einen Schalter umlegen oder diesen Satz wiederholen, um das zu erreichen. Man kann sein Herz auch nicht durch Schuldgefühle, Geschrei oder Befehle dazu zwingen. Was man braucht, ist eine Erfahrung, die das Herz in ihren Bann zieht und die Liebe neu ordnet.

Wie können wir das erreichen? Papa verwies auf Johannes 6,27–35: „Jesus sagt nicht: ‚Ich werde euch das Brot des Lebens geben‘, als wäre er ein Austeuerer geistlicher Wohltaten. Er behauptet, das Brot des Lebens zu sein.“ Was bedeutet das? Wenn wir Brot essen, stirbt das Korn, damit wir leben.

Das ist die Logik des stellvertretenden Opfers. Jesus bietet uns keine geistlichen Produkte an; er bietet uns sich selbst an. Am Kreuz hat Jesus wahrhaftig sein eigenes Glück um unseretwillen beiseitegeschoben. Warum? In Hebräer 12,2 heißt es, es sei „um der Freude willen, die ihm in Aussicht gestellt war“. Was ist seine Freude und sein Glück? Das sind du und ich. Er hat dich und mich zu seinem Glück gemacht. Er hat den Verlust, den Schmerz und den Tod auf sich genommen, die wir verdienen, weil wir uns in jeder Hinsicht auf unser eigenes Glück statt auf das Glück anderer konzentrieren – damit wir das Glück haben können, das ihm zusteht.

Quelle: www.christianitytoday.com.

Zwei Rechtfertigungen?

Edmund Clowney: 

Unsere Rechtfertigung wartet nicht auf den letzten Tag, an dem alle vor Gottes Gericht erscheinen werden. Da wir mit Christus vereint sind, gilt für uns, was für ihn gilt. Als er für die Sünde starb, starben auch wir; als er zum ewigen Leben auferstand, sind wir mit ihm auferstanden. Als er in den Himmel auffuhr, sind wir mit ihm in die himmlische Wohnstätte eingegangen. Aus diesem Grund ist unsere Rechtfertigung nicht einfach eine zukünftige Hoffnung in einer gegenwärtigen Wirklichkeit, die uns durch den Glauben zuteilwird.

Quelle: reformedreader.wordpress.com.

Was bedeuten die „alle“-Aussagen in Römer 5,18 und 1. Korinther 15,22?

Viele Vertreter einer Allversöhnungslehre ziehen für die Begründung die sogenannten „Alle-Ausagen“ heran. C. Jung hat sich zwei bekannte Stellen genauer angeschaut und kommt zu folgendem Ergebnis: 

Vertreter der Allversöhnungslehre, die die beiden hier erörterten Verse „wörtlich“ nehmen wollen, beachten den jeweiligen Zusammenhang und die gesamtbiblischen Aussagen nicht ausreichend und reißen somit ungewollt sowohl Römer 5,18 als auch 1. Korinther 15,22 aus dem Zusammenhang. Damit diese Lesart von Römer 5,18 oder 1. Korinther 15,22 „funktioniert“, müssen eine postmortale Bekehrung in den Text hineingelesen und Gerichtspassagen relativiert werden.

Diese scheinbar wörtliche Auslegung der „alle-Aussagen“ in Römer 5,18 und 1. Korinther 15,22 wird dann absolut gesetzt, so dass alle dieser Deutung widersprechenden Aussagen dazu passend gemacht oder untergeordnet werden müssen.

Mehr: www.evangelium21.net.

Die doppelte Berufung der Jesus-Nachfolger

VM Jaeschke Menschenfischen Werbematerial U1.

Pfarrer Ulrich Parzany hat das Buch Menschenfischen & Schafeweiden (Verbum Medien, 2026 #ad) von Wolf Christian Jaeschke besprochen. Hier ein Auszug:

Das Buch ist nach dem Missionsauftrag Jesu (Matthäus 28,18–20) mit seinen zwei Komponenten Glaubensvermittlung („Menschen fischen“) und Glaubensvertiefung („Schafe weiden“) inhaltlich geordnet. Beide Komponenten bilden das „Zu-Jüngern-Machen“, mit dem Jesus seine Nachfolger beauftragt. Leider wird in der Christenheit mal die eine, mal die andere Komponente vernachlässigt. Nachdem die Revision der Lutherbibel 2017 das „machet zu Jüngern alle Völker“ (Luther 1984) wieder in „lehret alle Völker“ (Luther 1912) zurückverwandelt hat, ist die begriffliche und theologische Klärung, die Jaeschke bietet, äußerst hilfreich.

Er schreibt: „Das ‚Jüngermachen‘ wird es wohl nicht in den Duden schaffen. Anders ist die Entwicklung im Englischen gelaufen. Dort sind die Begriffe discipling/disciplemaking und discipler/disciplemaker sprachliche Neuschöpfungen des 20. Jahrhunderts und haben sich als solche etabliert. Zu Matthäus 28,19 schrieb der bedeutende baptistische Neutestamentler John Albert Broadus 1886 in seinem großen Matthäuskommentar: ‚Wir brauchen dringend für diese Stelle und für [Mt] 13,52 und Apg 14,21 ein englisches Verb ‚[to] disciple‘.‘ Zu dieser Neuschöpfung kam es dann im Zuge der sogenannten Jüngerschaftsbewegung“ (S. 27). Die vor der Mitte des 20. Jahrhunderts entstandene neue Jüngerschaftsbewegung beschreibt Jaeschke anhand der Geschichte und Arbeit der Navigatoren.

Ich selber habe die Arbeit der Navigatoren durch die Teilnahme an der Billy-Graham-Evangelisation 1960 in Essen kennengelernt. Denn in der Vorbereitung und Nacharbeit zu diesen Großevangelisationen mit Billy Graham ging es nicht um Massen und öffentliche Kampagnen, sondern um persönliche Einladungen, Aufbau von Beziehungen und Begleitung Neubekehrter sowie Vertiefung ihres jungen Glaubens. Wolf Christian Jaeschke berichtet, wie die Navigatoren-Arbeit mit Dawson Trotman (1906–1956) in den 1930er Jahren begann und wie Billy Graham Dawson Trotman 1951 überzeugte, den Gemeinden in der Nacharbeit der großen Evangelisationsveranstaltungen zu helfen. Wie fruchtbar diese Zusammenarbeit war, habe ich als junger Christ erlebt.

Jaeschke erschließt für den deutschsprachigen Raum Theologie und Praxis der „Jüngerschaftsbewegung“. Er stellt sie mit ihren wesentlichen Inhalten sowohl in einen biblisch-theologischen als auch in einen kirchengeschichtlichen und missionstheologischen Zusammenhang. Er diskutiert auch die Kritik, die an dieser Bewegung geübt wurde.

Diese theologische Reflektion hätten wir in den 1970er Jahren gut gebrauchen können, bevor sich viele von der angeblichen Simplifizierung des Evangeliums durch die sogenannten „Vier geistlichen Gesetze“ abwandten. Jaeschke beschreibt die 1951 entstandene Brückenillustration (S. 72f.), die das Evangelium anschaulich zusammenfasst und die kurz als „Die vier geistlichen Gesetze“ formuliert wurde. Die Erläuterungen Jaeschkes werden heute hoffentlich vielen helfen, das rettende Evangelium von Jesus Christus wieder klar und anschaulich zu verkünden – im persönlichen Gespräch und in der öffentlichen Verkündigung. An dieser Klarheit mangelt es heute vielfach.

Auch das stellt Jaeschke überzeugend klar dar: Beide Komponenten des Missionsauftrags – das Menschenfischen und das Schafeweiden – geschehen in zwei Handlungsfeldern, nämlich öffentlich und individuell. Das öffentliche Handlungsfeld wird vor allem von den hauptamtlichen Mitarbeitern der Gemeinde bestellt, das individuelle vor allem von den ehrenamtlichen Gemeindegliedern. Jaeschke lässt keinen Zweifel daran, dass er das individuelle Handlungsfeld für wichtiger hält. Dem muss man zustimmen: Ohne die Mobilisierung aller Jesus-Nachfolger ist der Auftrag der Weltmission nicht zu erfüllen.

Mehr: www.bibelundbekenntnis.de.

Der lange Schatten von Paul Tillich

Im Dezember 2010 habe ich hier im TheoBlog kurz auf die Radiosendung „Grenzgänger der Liebe: Karl Barth und Paul Tillich im Wechselspiel ihrer Beziehungen“ hingewiesen (der Audiobeitrag ist inzwischen beim BR nicht mehr zu finden). Berichtet wurde darin über Karl Barths Verhältnis mit Charlotte von Kirschbaum (vgl. hier), und Paul Tillichs Leben „on the boundary-line“. Zu hören war im O-Ton etwa Max Horkheimer, der über Tillich verniedlichend die Auskunft gab:

Wenn sie mit ihm ausgingen und man stand vor einem schönen Lokal, auch sogar vor einem Nachtlokal, so konnte er durchaus sagen, wollen wir nicht da hineingehen. Und er hätte sich gut unterhalten. Aber, in einer Weise, die das, was Treue heißt, nicht berührte. Er war fähig, Menschen die Treue zu halten. Ohne dass er gegen andere Menschen verschlossen wurde.

Hanna Tillich wurde mit den Worten zitiert (Hannah Tillich: Ich allein bin, S. 184):

Als ich Paulus’ Vorliebe für Pornographie entdeckte, war ich schockiert und verstört. Ich weinte und war so entsetzt über das verzerrte Menschenbild, das in meinen Augen dahinter stand, dass ich mich einem befreundeten Psychoanalytiker anvertraute, der mir half, die Motive zu verstehen, die der Beschäftigung mit Pornographie zugrunde liegen. Daraufhin versuchte ich von mir aus, Paulus mit pornographischer Lektüre zu versorgen, was natürlich nicht funktionierte, da der Hauptreiz für ihn ja darin lag, sie vor mir geheim zuhalten. Dennoch benutzte er mich, um bestimmte Bücher zu bestellen, und natürlich hatten seine vielen Freundinnen Spaß daran.

Tillich holte sich in den Grenzerfahrungen sado-masochistischer Sexualpraxis Energie für seine theologische und politische Arbeit. Viele Freunde und Bekannte wussten das. Doch den Lesern seiner theologischen Werke blieb das in der Regel verborgen.

Peter Bruderer hat sich nun die Mühe gemacht, diesem „Mysterium” auf den Grund zu gehen. Herausgekommen ist ein gründlich recherchierter Aufsatz, der nebenbei nachzeichnet, dass Paul Tillich unter Postevangelikalen gerade eine Renaissance erlebt. Zitat:

In der Theologie verhält es sich ähnlich wie in der Musik oder Mode. Trends lösen einander ab, während altbekannte Themen und Persönlichkeiten immer wieder eine Renaissance erleben. So ist es auch bei Paul Tillich (1886–1965).

In den vergangenen zirka 15 Jahren beginnen die theologischen Ideen von Tillich bei Aushängeschildern der Emergent-Church-Bewegung wie zum Beispiel Brian McLaren, Rob Bell oder Tripp Fuller wieder zu zirkulieren. So wies ein Gastbeitrag auf dem Blog von Tripp Fuller im Jahr 2013 auf die vielen Parallelen zwischen der Theologie von Paul Tillich und den Inhalten des Rob-Bell-Buches „What We Talk About When We Talk About God“ hin. In einem weiteren Artikel aus dem Jahr 2014 würdigt Brian McLaren Tillich, indem er ihn mit einem Arzt vergleicht, der einem Patienten eine anspruchsvolle, aber dringend notwendige Chemotherapie verschreibt.

Ähnliche Töne sind bei den heutigen Erben der Emergent-Church-Bewegung zu hören, die sich in den postevangelikalen Netzwerken sammeln. So begründet beispielsweise der bekannte Songwriter Martin Pepper im Jahr 2018 seinen Eintritt in die Evangelische Kirche in Deutschland unter anderem mit Paul Tillich. In einem Facebook-Post erklärt er, er habe sich „mit Faszination durch die Systematische Theologie von Paul Tillich“ durchgearbeitet und „autodidaktisch alle wichtigen Veröffentlichungen von ihm mehrfach durchgearbeitet“.

Der Theologe Thorsten Dietz hat im Jahr 2020 das Wirken von Tillich in einem ausführlichen und vielgesehenen Beitrag auf dem Worthaus-Portal präsentiert. Damit liegt er möglicherweise (mit) am Ursprung der kleinen Tillich-Renaissance im deutschsprachigen, postevangelikalen Milieu. Auch Martin Thoms, das jüngste Mitglied in der postevangelikalen Elite, hat Tillich gelesen und dabei erkannt: „Gott und Welt sind keine Gegensätze, sondern zwei Seiten derselben Wirklichkeit.“ Denn „Gott ist die Tiefe des Seins“. Zuletzt hat der junge Theologe Manuel Gräßlin in seinem vielbeachteten Buch „Theophobie – Warum Gott nicht sicher, aber gut ist“ (2026, SCM Brockhaus) in die Lobeshymne auf Paul Tillich eingestimmt. Als Pastor einer ICF-Gemeinde kann Gräßlin dem evangelikalen Milieu zugerechnet werden. In seinem Buch bezeichnet er Tillich als „großen Theologen des 20. Jahrhunderts“ und basiert seine eigenen Gedanken über Zweifel auf dessen „klugen theologischen Überlegungen“.

Das von Tillich entwickelte Korrelationsprinzip hat auch meines Erachtens sehr wirkmächtig zur Entstehung des dekonstruktivistischen Postevangelikalismus beigetragen. Frau Anika Rönz hatte 2012 meine Sichtweise zutreffend wiedergegeben (Materialdienst der EZW, Zeitschrift für Religions- und Weltanschauungsfragen, 75. Jg., 7/12, S. 257–263, hier S. 260–261):

So formuliert beispielsweise Ron Kubsch, Dozent am Martin Bucer Seminar und aktiver Blogger, folgende Vorbehalte: Zum einen problematisiert er den „pluralistischen Denkstil“ von Christinnen und Christen, die der Emerging-Church-Bewegung zuzurechnen sind. Dieser steht für ihn im Gegensatz zur biblischen Forderung nach einem unterscheidenden Denken. Hinzu kommt für ihn eine von der Emerging-Church-Bewegung betriebene Relativierung der Schriftautorität, die sich über das Sola-Scriptura-Prinzip des Protestantismus hinwegsetze und die Bibel nach dem Korrelationsprinzip nach Paul Tillich in einer Wechselbeziehung zwischen biblischer Wahrheit und kulturellen Kategorien auslege. Ebenso wirft er der Bewegung eine Verengung der Sünden- und Sühnopferlehre vor: Indem sie das Sühnopfer Jesu vor dem Hintergrund eines bestimmten Gottesbildes ablehne, verkürze sie die biblische Lehre von Sünde und Sühne. Als einen weiteren Kritikpunkt nennt Kubsch schließlich eine „Religionsvermischung“ und kritisiert hiermit zum einen die Übernahme von Praktiken aus anderen religiösen Traditionen (wie Yoga, Meditation etc.) als auch die schon angesprochene, innerhalb der Bewegung recht verbreitete theologisch-inklusivistische Haltung. Die Aussage beispielsweise, man könne gleichzeitig Hindu sein und Jesus nachfolgen, hält Kubsch für eine „merkwürdige“ Verzerrung des neutestamentlichen Verständnisses. Grundsätzlich sieht er das postmoderne Denken, wie es beispielsweise von Hegel, Nietzsche und Heidegger vertreten wurde, mit dem grundlegenden Gedanken der „Nicht-Existenz einer Metaregel“ im extremen Gegensatz zum Evangelium: „Streng genommen ist das Evangelium innerhalb eines postmodernen Bezugsrahmens überhaupt nicht verstehbar.“

Hier der empfehlenswerte Aufsatz von Peter Bruderer: danieloption.ch.

Frankreich will Abtreibungsgesetzgebung weiter lockern

2024 wurde die sogenannte „Freiheit zur Abtreibung“ in der französischen Verfassung verankert. Nun plant das Gesundheitsministerium zusätzlich längere Fristen und sogar das Ende der Gewissensklausel, die Personal bisher vor dem Antreibungszwang schützt. 

DIE TAGESPOST schreibt:

Die „besondere Gewissensklausel“ schützt bisher Ärzte und Hebammen ausdrücklich davor, selbst eine Abtreibung vornehmen zu müssen. Laut der französischen Zeitschrift „Tribune Chrétienne“ würde ihre Abschaffung nicht nur bedeuten, dass sämtliche allgemeinen Gewissensrechte des medizinischen Personals entfielen. Der Schritt hätte darüber hinaus erhebliche symbolische Bedeutung: Der besondere Charakter der Abtreibung, der bislang einen eigenen gesetzlichen Gewissensschutz begründet, würde dadurch relativiert: Die Abtreibung „wird zu einer Gesundheitsleistung unter vielen, deren moralische Besonderheit ausgelöscht werden soll.“

Im Strategiepapier des Ministeriums erscheint die Gewissensklausel nicht bloß als mögliches organisatorisches Hindernis. Ihre Existenz wird mit der „anhaltenden Stigmatisierung“ der vorgeburtlichen Kindstötung in Verbindung gebracht, was den Gewissensvorbehalt politisch unter Rechtfertigungsdruck bringt.

Außerdem sieht der „Fahrplan“ vor, instrumentelle Abtreibungen in weiteren Einrichtungen (Zentren für sexuelle Gesundheit, multidisziplinäre Gesundheitszentren) anzubieten, entsprechende Kompetenzen von Hebammen auszubauen und die „Versorgung“ von Frauen zu verbessern, die sich dem Ende der gesetzlichen Frist nähern. Als ausdrückliche Ziele nennt das Gesundheitsministerium die „Verringerung territorialer und sozialer Ungleichheiten“, den Ausbau des Angebots und den Kampf gegen die „Stigmatisierung“ der Abtreibung.

Mehr: www.die-tagespost.de.

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