Über die Neigung zu Sophismus und Geblende

Mario Vargas Llosa schreibt über die Selbsttäuschung von Michel Foucault und den Sophismus unserer Tage (#ad Alles Boulevard, 2014, S. 88–90):

Nicht von ungefähr erwähne ich Michel Foucault als ein paradoxes Beispiel. Seine Kritik war ernst gemeint, und sein libertäres Ideal ist unbestreitbar. Seine Vorbehalte gegen die westliche Kultur – die trotz aller Begrenztheiten und Verirrungen wie keine andere in der Geschichte die Freiheit, die Demokratie und die Menschenrechte befördert hat – verleiteten ihn zu der Annahme, leichter als in den Klassenzimmern oder an den Wahlurnen erreiche man die moralische und politische Emanzipation mit Steinwürfen auf Polizisten, mit dem Besuch einer Schwulensauna in San Francisco oder eines SM-Clubs in Paris. Und in seiner paranoiden Anprangerung der Tricks, deren sich ihm zufolge die Macht bedient, um die öffentliche Meinung ihren Diktaten zu unterwerfen, leugnete er bis zum Schluss die Wirklichkeit von Aids – der Krankheit, an der er starb – als ein weiteres Täuschungsmanöver des Establishments und seiner wissenschaftlichen Kollaborateure, um die Bürger einzuschüchtern und sie sexuell zu unterdrücken. Sein Fall ist paradigmatisch: Der intelligenteste Denker seiner Generation hatte, bei aller Ernsthaftigkeit, mit der er seine Forschungen auf den unterschiedlichsten Gebieten betrieb – Geschichte, Psychiatrie, Kunst, Soziologie, Erotik und natürlich Philosophie –, immer einen Hang zu Ikonoklasmus und Provokation, was zuweilen zu einer bloßen Attitüde geriet. Auch darin war Foucault nicht allein, er machte sich einen Generationsauftrag zu eigen, der die Kultur seiner Zeit tief prägen sollte: die Neigung zu Sophismus und Geblende.

Genau das ist ein weiterer Grund dafür, dass viele Denker ihre Autorität verloren haben, denn es mangelte ihnen an Ernsthaftigkeit, sie spielten mit den Ideen und Theorien wie die Jongleure im Zirkus mit ihren Bällen und Kegeln, was amüsant sein mag und staunen macht, aber kaum Überzeugungskraft besitzt. In der Kultur gelang ihnen dabei eine kuriose Umkehrung der Werte: Die Theorie, das heißt die Deutung, ersetzte das Kunstwerk, wurde zu seinem Daseinsgrund. Der Kritiker war wichtiger als der Künstler, war der eigentliche Schöpfer. Die Theorie rechtfertigte das Kunstwerk, es existierte allein, um vom Kritiker interpretiert zu werden, war so etwas wie eine Hypostase der Theorie. Diese maßlose Erhöhung der Kritik hatte den paradoxen Effekt, dass die Kulturkritik sich immer weiter vom großen Publikum entfernte, selbst von dem zumindest allgemein gebildeten, und betrieb so mit am wirksamsten die Frivolisierung der heutigen Kultur. Außerdem legten diese Theoretiker ihre Theorien häufig in einem derart esoterischen, eitlen und nicht selten hohlen Jargon vor, dass selbst Foucault, der ihm auch schon mal verfiel, ihn „terroristischen Obskurantismus“ nannte.

Der „Chilling-Effekt“

In seinem Vortrag mit dem Titel „Meinungsfreiheit vor Gericht – Der ‚Fall Latzel‘ und der ‚Fall Räsänen‘“, den er am Dienstag im Rahmen eines Online-Forums der „Tagespost“ hielt, warnte der Jurist Felix Böllmann vor einer zunehmenden Einschränkung von Meinungs- und Religionsfreiheit in Europa. Im Mittelpunkt seines Vortrags standen die Gerichtsverfahren gegen den Bremer Pastor Olaf Latzel und die finnische Politikerin Päivi Räsänen, in denen christlich begründete Äußerungen Gegenstand strafrechtlicher Auseinandersetzungen wurden.

Unter anderem hält Böllmann es für möglich, dass es eine Art „Chilling-Effekt“ geben wird. Zitat:

Als eine Folge dieser Entwicklung sieht Böllmann einen sogenannten „Chilling-Effekt“. Die öffentliche Aufmerksamkeit und die langwierigen Verfahren könnten dazu führen, dass Menschen ihre Überzeugungen künftig zurückhaltender äußern. „Dann kann es ja jedem passieren“, sagte er mit Blick auf die betroffenen Personen.

Diese Entwicklung betreffe nicht nur prominente Persönlichkeiten, sondern könne auch Auswirkungen auf die gesamte Gesellschaft haben. Wenn selbst bekannte Politiker oder Geistliche juristisch belangt würden, könne dies abschreckend auf den öffentlichen Diskurs wirken. Zudem verwies Böllmann auf ähnliche Entwicklungen in anderen Ländern Europas, die aus seiner Sicht auf eine breitere rechtliche und gesellschaftliche Dynamik hindeuten.

Mehr: www.die-tagespost.de.

Die spirituelle Reise von David Bowie

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Der Journalist Peter Ormerod hat ein Buch über die spirituelle Reise von David Bowie geschrieben. Der Verlag erklärt zu David Bowie and the Search for Life, Death and God: A Spiritual Meditation on His Music and Creativity (#ad, Bloomsbury Continuum, 2026):

Ormerod nimmt Bowies spirituelle Erkundungen und seinen Glauben ernst und zeigt uns, wie diese Suche nach Sinn ihn durch seine dunkelsten Momente und größten Erfolge trieb und seiner Musik eine Zeitlosigkeit und Tiefe verlieh, die so viele Menschen auf der ganzen Welt angesprochen hat. Ob er nun während seiner okkulten Phase in LA eine dunkle Nacht der Seele durchlebte oder vor Tausenden von Konzertbesuchern das Vaterunser rezitierte – Bowie war stets auf der Suche nach jener universellen Wahrheit, die jenseits der alltäglichen Realität liegt.

John Duggan hat für FIRST THINGS das Buch gelesen und seine Eindrücke in dem Artikel „The Church of David Bowie“ festgehalten. Über das „Vaterunser“, welches der Popstar spontan bei einem Freddie-Mercury-Tribute-Konzert im Jahr 1992 gesprochen hatte, sagt Duggan:

Wie steht Ormerod nun zu dem Gebet in Wembley, das für seine eigene These doch von enormer Bedeutung sein dürfte? Tatsächlich zeigt er seltsamerweise kaum Interesse an diesem Vorfall und erledigt ihn auf etwa zwei Seiten. Vielleicht weil er wusste, wie sehr Bowie aus dem Instinkt heraus handelte und wie diese Instinkte ihn schnell an einen ganz anderen Ort führen konnten, kam Ormerod zu dem Schluss, dass es sinnlos wäre, einer spontanen Geste eine präzise Bedeutung aufzubürden. Bowie sagte, er habe das Gebet einem Freund gewidmet, der an AIDS starb; und damit endet die Spur.

Doch das scheint eine schwache Schlussfolgerung zu sein. Schließlich sprach ihn der Gnostizismus, ein weiteres Glaubenssystem, mit dem sich Bowie beschäftigte, unter anderem deshalb an, weil es „keinen großen Schwerpunkt auf Sünde legte und keine Beichte erforderte“. Doch hier sprach er die Worte „vergib uns unsere Schuld“, „führe uns nicht in Versuchung“, „erlöse uns vom Bösen“. Warum sollte er dieses Gebet vor diesem Publikum bei dieser Veranstaltung rezitieren? Nutzte Bowie seinen Einfluss (und den Überraschungseffekt), um eine Botschaft zu vermitteln, die sonst nicht zu vermitteln gewesen wäre? In einem Beitrag für First Things im Juni 2018 vermutete John Waters, dass für einen intelligenten Mann wie David Bowie die verschiedenen Formen sexueller und narkotischer Abenteuerlust, die er Anfang der siebziger Jahre mit der Welt geteilt hatte, bis 1992 „längst aufgehört hatten, als eindeutige Freiheiten zu erscheinen“.

Mehr: firstthings.com.

„Niemand ist cooler als Jesus“ – Wie die Gen Z zurück zum Glauben findet

Während in westlichen Gesellschaften die Kirchenbindung abnimmt, sucht die Generation Z zunehmend Halt im Glauben. Auch in Deutschland. DIE WELT gibt Einblicke:

Soziologen entdecken auch Ähnlichkeiten zwischen kirchlichen Traditionen und aktuellen Trends. So gebe es Analogien zwischen der Selbstoptimierungskultur und der christlichen Askese, fänden sich Parallelen zwischen Challenges wie dem alkoholfreien „Dry January“ oder der „NoFap“-Bewegung, die auf Verzicht auf Pornos und Masturbation setzt, und kirchlich gepredigter Enthaltsamkeit.Sünde, Moral.

Welche Rolle spielt die christliche Ethik für einen jungen Mann wie Lennart Luis Grauer? Er sagt, dass er biblische Wertvorstellungen nicht als aufgezwungene Einschränkungen empfinde. In dem Vorhandensein von Moralvorstellungen sehe er vielmehr einen weiteren Hinweis darauf, dass es einen Gott geben muss, der Werte wie die Ächtung des Tötens von Menschen oder der Vergewaltigung zu etwas Absolutem und Universellem erhebe und unser Gewissen präge. Er selbst habe bestimmte Verhaltensweisen abgelegt, Handlungen, die anderen und ihm selbst schaden. Gott meine es gut, „wenn er sagt, dass ich nicht lügen sollte, nicht rauchen oder nicht so viel trinken.“Das Wichtigste für Lennart Luis Grauer aber sei, die entscheidende Antwort auf die Frage nach dem Sinn des Lebens gefunden zu haben: „Liebe deinen Mitmenschen wie dich selbst. Das ist superschön. Schöner kann’s nicht sein.“

Mehr (hinter einer Bezahlschranke): www.welt.de.

Warum es Kirchengemeinden gibt

Mein Fazit zu dem Buch: Brad Edwards, The Reason for Church: Why the Body of Christ Still Matters in an Age of Anxiety, Division, and Radical Individualism (#ad, Grand Rapids, MI: Zondervan Reflective, 2025):

The Reason for Church ist eine erfrischende Verteidigungsschrift für die Institution Kirche. Solche Bücher sind wieder notwendig geworden, da nicht nur Skeptiker die Kirche von außen kritisch unter die Lupe nehmen, sondern auch innerhalb der christlichen Gemeinschaft das Ansehen von Kirchengemeinden stark gelitten hat. Nicht wenige meinen, Glaube ließe sich auch ohne Gemeindeanschluss ausleben. Sie nehmen mit, was zu ihnen passt und möglichst wenig kostet. Damit wird Gott klein gemacht. Ein spiritueller Patchworkpragmatismus betrachtet „die Anbetung durch ein Fernglas rückwärts: Er minimiert Gott, indem er unser Wohl statt seiner Herrlichkeit zum Maßstab für unsere wöchentliche Anbetung macht“ (S. 22).

Edwards Ausführungen gehen über das hinaus, was wir in anderen Büchern über die Bedeutung von lokalen Gemeinden finden. Im ersten Teil liefert er aufschlussreiche soziologische und geistliche Analysen zu den Faktoren, die das geistliche Leben zurückdrängen. Nach der Lektüre wurde mir deutlich, wie sehr ich selbst durch den radikalen Individualismus beeinflusst bin. Die Kultur, mit der ich groß geworden bin, hat sich tief in meine Seele eingeprägt. Und die Gemeinde ist der Ort, an dem Gott mich mit seinem Evangelium umprägen möchte.

Im zweiten Teil lenkt Edwards unseren Blick auf die Schönheit und Transformationskraft lokaler Gemeinden. Dabei nimmt er die Zweifel und Ängste, die viele Menschen im Hinblick auf das Gemeindeleben hegen, ernst. Manche von uns haben erlebt, wie Machtkämpfe, unheilsame Lehren, Lieblosigkeit oder eine evangeliumsarme Verkündigung das geistliche Leben dämpfen oder gar zum Erliegen bringen können. Solche Erfahrungen müssen wir jedoch nicht mit Rückzug, Einsamkeit oder Zynismus quittieren. Edwards liefert Entmutigten und Verunsicherten überzeugende Argumente, die Ortsgemeinde als Gottes Geschenk zu schätzen und zu lieben.

Ich bin nicht mit allem in gleicher Weise glücklich, was Brad Edwards schreibt. Und es ist für mich als Europäer zu sehr auf die Gegebenheiten in Nordamerika zugeschnitten. Aber insgesamt handelt es sich bei The Reason for Church um ein exzellentes Buch, das ich sehr gern empfehle.

Mehr: www.evangelium21.net.

„Longevity“ und Selbstoptimierung im Urlaub

Sie boomen, die Longevity-Hotels. Urlaub ist dort die Fortsetzung der Leistung. Der Mensch lässt sich verkabeln, vermessen und optimieren. Melanie Mühl gewährt Einblick in die Welt von „Longevity“ und Selbstoptimierung:

Der Urlaub, einst als Auszeit gedacht, wird hier zur konsequenten Fortsetzung der eigenen Leistung, körperlich kontrolliert, streng getaktet und unter Laborbedingungen. Störfaktoren werden minimiert. Nicht der Ort ist entscheidend, sondern die technische Ausstattung der Unterkunft. Ein Besuch der Kältekammer, in der man bei bis zu minus 110 Grad die Zähne zusammenbeißen muss, gehört inzwischen zum Standardprogramm. Und ein von Bergen umrahmter See vor der Tür? Schön. Man sieht ihn nur nicht.

Überhaupt ist das Verlassen des Geländes nicht vorgesehen. Die kulinarischen Verlockungen – in der Schweiz bekanntlich Zürcher Geschnetzeltes und Nussgipfel – sind zu groß. Drinnen regiert das Prinzip der Reduktion. Zu den Säulen eines Medical-Resorts zählt eine gesunde, kalorienreduzierte Ernährung. Zwischen Kältekammer und Ozontherapie bleibt ohnehin keine Zeit für einen Ausflug. Der belesene Longevity-Anhänger würde sich jetzt mit Hans Magnus Enzensberger rausreden: „Der Tourist zerstört, was er sucht, indem er es findet.“ Also vermeidet der nur am eigenen Körper interessierte Gast die Welt. Die Longevity-Bewegung, deren Reiz in ihrem Kontrollversprechen über den Körper liegt, ist die konsequente Weiterentwicklung der Quantified-Self-Bewegung. Verglichen mit den Methoden in Medical Resorts mutet die Selbstvermessung allerdings wie Datenspielerei an.

Mehr (hinter einer Bezahlschranke): www.faz.net.

Traditionelle Hochzeiten degradieren Bräute zum passiven Gut

Unsere klugen Genderprofessorinnen arbeiten sehr hart und können vielfältig belegen, wie ungerecht die Welt doch ist. Professorin Andrea Dorothea Bührmann leitet beispielsweise ein Institut für Diversitätsforschung und hat herausgearbeitet, dass weitverbreitete Hochzeitsrituale nicht nur Rollenstereotype stärken, sondern sich auch an überholten Normen orientieren. Besonders schlimm sei, dass Frauen dabei wie passive Gegenstände behandelt würden. Ergo: Wer nach wie vor traditionell heiratet, sollte das in Zukunft mit einem schlechten Gewissen tun. 

Zitat aus dem Interview „Möglichst große Feiern sollen deutlich machen, dass die Ehe nicht geschieden wird“:

Da wäre der Ritus, dass der Brautvater vor dem Altar seine Tochter an den Bräutigam übergibt. Man könnte fragen, warum nicht umgekehrt die Mutter des Bräutigams ihren Sohn übergibt. Dieser Übergangsritus stammt aus den USA, in Deutschland gibt es ihn noch nicht sehr lang. Trotzdem sehen wir ihn relativ häufig. Mich erschreckt daran, dass die Frau dabei zum passiven Gut und aus der einen an die andere Familie übergeben wird.

Ich denke, viele Paare versuchen zu tun, was anscheinend von ihnen erwartet wird. Die Braut trägt ein weißes Kleid und eben zum Beispiel keinen Minirock. Daran erkennt man, was als Normalität unterstellt wird. Brautpaare inszenieren bei ihrer Hochzeit traditionelle Bilder, die in Medien und im Alltagsdiskurs nach wie vor verbreitet werden. Aber auch die Brautmodengeschäfte leben davon, dass Frauen Prinzessinnenkleider tragen und Männer Prinzenanzüge. Das lässt darauf schließen, dass die Erwartungshaltung doch wichtig ist, sonst würden sie diese Kleidung nicht verkaufen. Wenn sich Paare bei der Hochzeit an diese überkommenen Normen halten, heißt das noch lange nicht, dass die Frauen sich dann als Hausfrau oder die Männer als klassische Versorger selbst verwirklichen wollen. Sie leben im Alltag vielleicht eine ganz andere Arbeitsteilung. Frauen werden vielleicht Vorstandschefinnen eines Dax-Konzerns und Männer werden Hausmänner. Beide haben Spaß am Spiel mit Normen und der Erwartungshaltung.

Mehr (hinter einer Bezahlschranke): www.faz.net.

Tabor beruft Martin Grabe zum Professor

Das Buch Homosexualität und christlicher Glaube: ein Beziehungsdrama gehört zu den schwächsten theologischen Büchern, die ich bisher gelesen habe. Nun wurde der Autor Martin Grabe von der Evangelischen Hochschule Tabor zum Professor für Religion und Psychotherapie berufen. 

IDEA meldet: 

Die Evangelische Hochschule Tabor in Marburg hat den Psychiater und Psychotherapeuten Martin Grabe (Oberursel bei Frankfurt am Main) zum Professor für Religion und Psychotherapie berufen. Das Hessische Ministerium für Wissenschaft und Forschung, Kunst und Kultur bestätigte die Berufung Anfang des Jahres, wie der Rektor der Hochschule, Prof. Torsten Uhlig, der Evangelischen Nachrichtenagentur IDEA mitteilte. Mit Grabe ist eine seit mehreren Jahren vakante Professur wiederbesetzt worden, so Uhlig.Grabe war Chefarzt der DGD Klinik Hohe Mark in Oberursel – einer christlichen Fachklinik für Psychiatrie, Psychotherapie, Psychosomatik und Suchtmedizin – und später deren Ärztlicher Direktor. Am 1. April 2025 ging er in den Ruhestand. Insgesamt stand er 32 Jahre im Dienst der Klinik. Seit September 2025 ist er Direktor des Marburger Instituts für Religion und Psychotherapie, das an der Hochschule Tabor angesiedelt ist.

Mehr (hinter einer Bezahlschranke): www.idea.de.

Carl Trueman und Michael Horton im Gespräch über das spätmoderne Menschenbild

Carl Trueman und Michael Horton haben Bücher verfasst, in denen sie die geistliche Entstehungsgeschichte nachzeichnen, die zu unserer heutigen Verwirrung geführt hat. Das neuste Buch von Trueman heißt: The Desecration of Man: How the Rejection of God Degrades Our Humanity (#ad). Michael Hortens neustes Buch ist: Magician and Mechanic: The Roots of „Spiritual but Not Religious“ from the Renaissance to the Scientific Revolution (#ad).

Kürzlich haben beide miteinander gesprochen. In diesem Gespräch verfolgen sie den langen Bogen von der Renaissance bis in die Gegenwart. Ihre These vereinfacht ausgedrückt: Nach dem „Tod Gottes“ verschwindet auch der Mensch. 

Hier der Mitschnitt: 

Hilfe: „Wir mussten ein ganzes Buch lesen!!!“

Für ein Land wie Deutschland, dessen wichtigste Ressource Bildung ist, ist es selbstverständlich von enormer Bedeutung, dass Menschen gut ausgebildet werden. Tatsächlich schneidet das Land der Dichter und Denker im internationalen Vergleich schlecht ab. Es belegt Platz 21 im Bereich Lesen, Platz 25 im Bereich Mathematik und Platz 22 im Bereich Naturwissenschaften.

Professor Michael Sommer hat für DIE WELT beschrieben, was er im Hörsaal für Beobachtungen macht. 20 Prozent der Studenten sind wirklich gut. Sie werden das Studium meistern und sich später im Beruf bewähren. 20 Prozent der Studenten hätten nie an einer Hochschule ankommen dürfen. Und was ist mit dem Mittelfeld, also mit den verbleibenden 60 Prozent? Früher hat die Mitte alles in allem gut abgeliefert. Aber diese Mitte gibt es inzwischen nicht mehr.

Zitat: 

Die neue Mitte ist eine andere. Es beginnt beim Elementaren. In Klausuren schreiben Studenten „warnehmen“ und „erklähren“. Du kriegst die Kriese, denke ich mir beim Korrigieren. Sind denn alle Opfer von „Schreiben nach Gehör“? Die neue Mitte kapituliert vor mittelschweren Texten. Schon so mancher hier veröffentlichte Artikel würde ihre Aufmerksamkeitsspanne überfordern. Dass sie den Zugang zu ideengeschichtlicher oder wissenschaftlicher Literatur finden, ist von diesen Studenten nicht zu erwarten. „Wir mussten ein ganzes Buch lesen“, drei Ausrufezeichen, hat vor drei Semestern ein Namenloser empört in die Kommentarspalte zu meiner Vorlesung geschrieben. Es handelte sich, wohlgemerkt, um eine Einführung ins Studium der Alten Geschichte auf Oberstufenniveau.

Wer wenig oder nicht liest, dessen Sprache verarmt – oder besser: Dessen Sprache ist ein Armutszeugnis, denn sie war ja nie reich. Allerweltswörter wie „allenthalben“ oder „ehedem“ kennen von zwanzig Studenten in einem Seminar vielleicht drei. Dafür kommt ihnen der gendersensible Glottisschlag unfallfrei über die Lippen. Die Sprache von Hausarbeiten ist normalerweise hölzern, bürokratisch, unidiomatisch. Eigentlich wünscht man sich, die Verfasser würden sich bei Gemini oder ChatGPT Hilfe holen. Dafür bräuchte es aber erst einmal das Bewusstsein, dass man sprachlich defizitär unterwegs ist.

Mehr (hinter einer Bezahlschranke): www.welt.de.

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