Glauben und Denken heute 1/2021 online

Die Ausgabe Nr. 27 (1/2021) der Zeitschrift für Theologie und Gesellschaft Glauben und Denken heute ist erschienen. In dieser Ausgabe wirft Gottfried Herrmann einen Blick auf das Leben und Werk von Matthias Flacius. Daniel Dangendorf beschäftigt sich mit der „Liedauswahl im Spannungsfeld polyphoner Gottesdienstformen“ und Michael Pöpel hat sich die Aktuelle Version der Bibelsoftware „Logos“ genauer angesehen. Thomas Jeising steuert den Aufsatz „Wahrheit und Methode: Überlegungen zum Methodeneinsatz in der Seelsorgelehre und -praxis“ bei unf fragt darin unter anderem nach der Vereinbarkeit von Seelsorge und Psychotherapie. In der Reihe „Von den Vätern lernen“ kommt in dieser Ausgabe Johannes Calvin zu Wort, und abschließend befasst sich Douglas Groothuis mit der „Apologetik nach dem zweifachen Tod von Ravi Zacharias“.

Hier der Inhalt: 

  • Editorial: Freut euch, wenn ihr mit Christus leidet (Ron Kubsch)
  • Umstritten und vergessen: Matthias Flacius und was wir ihm verdanken (Gottfried Herrmann)
  • Im Einklang mit dem Evangelium: Liedauswahl im Spannungsfeld polyphoner Gottesdienstformen (Daniel Dangendorf)
  • Die Bibel-Software Logos 9 (Michael Pöpel)
  • Wahrheit und Methode: Überlegungen zum Methodeneinsatz in der Seelsorgelehre und -praxis (Thomas Jeising)
  • Von den Vätern lernen: Der Sinn der Wege Gottes (Johannes Calvin)
  • Apologetik nach dem zweifachen Tod von Ravi Zacharias (Douglas Groothuis)
  • Rezensionen
    • Clausen/Fink u. a.: Frag los! 50 Antworten für Skeptiker und Glaubende (Daniel Facius)
    • Christian Hofreiter: Making Sense of Old Testament Genocide (Benjamin Graber)
    • Sr. Heidemarie Führer: Ermordet in Kabul (Ron Kubsch)
    • Stefan Gustavsson: Kein Grund zur Skepsis! Acht Gründe für die Glaubwürdigkeit der Evangelien (Franz Graf-Stuhlhofer)
    • Gregory K. Beale: Redemptive Reversals and the Ironic Overturning of Human Wisdom (Daniel Vullriede)
    • David Bradnick: Evil, Spirits, and Possession (Gottfried Sommer)
    • Helge Stadelmann: Das Okkulte: Herausforderungen – Einordnung – Seelsorge (Tanja Bittner)
  • Buchhinweise
    • Stefan Schweyer. Freikirchliche Gottesdienste: Empirische Analysen und theologische Reflexionen (Ron Kubsch)
    • Günter Thomas. Im Weltabenteuer Gottes leben: Impulse zur Verantwortung für die Kirche (Ron Kubsch)

Die Ausgabe kann hier heruntergeladen werden: 2021_1_GuDh.pdf.

„Worüber man nicht spricht“

Barbara Zehnpfennig beschreibt in ihrem Artikel „Worüber man nicht spricht“ (FAZ, Nr. 103, 05.05.2021, S. N4) die wachsende Zahl von Ausladungen und Sprechverboten an den deutschen Hochschulen. Die Cancel Culture, die im Namen einer vermeintlichen Toleranz den Meinungsstreit verhindert, treffe die Wissenschaft in ihrem Kern, meint die Autorin:

Wie verhält es sich also tatsäch­lich mit der Wissen­schafts­frei­heit? Kann man bei uns alles sagen? Ja, das kann man in der Tat. Die Frage ist aber, zu welchem Preis man das kann. Schon dass es einen Preis hat, als Wissen­schaft­ler über bestimm­te Themen wie Kolo­nia­lis­mus, Geschlecht oder Islam in einer Weise zu denken, die nicht den von mino­ri­tä­ren Deutungs­eli­ten vorge­ge­be­nen Denk­mus­tern entspricht, ist ein Problem. Damit ist keines­wegs das Problem gemeint, auf Wider­spruch zu stoßen. Ganz im Gegen­teil, der Wider­spruch, das Aufein­an­der­tref­fen von Argu­ment und Gegen­ar­gu­ment, ist das Lebens­eli­xier der Wissen­schaft. Wer das nicht aushält, wer es nicht erträgt, wenn die eige­nen Forschungs­er­geb­nis­se kriti­siert und gele­gent­lich auch zerpflückt werden, ist in der Wissen­schaft nicht am rech­ten Ort.

Leute, die den Mainstream infrage stellen, erhalten oft gar keine Gelegenheit mehr, ihre Positionen vorzustellen und zu begründen: 

Die Mittel des Ausschlus­ses sind viel­fäl­tig. Gegen einen Kommu­ni­ka­ti­ons­wis­sen­schaft­ler, der in einem Beitrag für das Forum einer Fach­zeit­schrift die Praxis des Genderns kriti­siert, wird eine Unter­schrif­ten­lis­te orga­ni­siert, in der 82 Fach­kol­le­gen fordern, derar­ti­ge Beiträ­ge nicht mehr zu drucken. Ein Pegida-Forscher, der dafür plädiert, mit den Teil­neh­mern an den Pegida-Demons­tra­tio­nen doch auch einmal zu reden, um ihre Motive zu verste­hen, wird viel­fach öffent­lich ange­fein­det. Von studen­ti­schen und städ­ti­schen Grup­pen wird ihm das Recht bestrit­ten, an ihrer Univer­si­tät einen Vortrag zu halten. Schlie­ß­lich zündet irgend­je­mand sein Auto an. Gegen einen Poli­tik­wis­sen­schaft­ler, der das Tragen eines Kopf­tuchs in der Schule als Verstoß gegen das staat­li­che Neutra­li­täts­ge­bot wertet, erstat­tet eine Studen­tin Anzei­ge wegen Volks­ver­het­zung. Die Stadt Hanno­ver sagt den Vortrag eines renom­mier­ten Histo­ri­kers über die Kolo­ni­al­ge­schich­te ab, weil eine rassis­mus­kri­ti­sche Initia­ti­ve das Auftre­ten eines „weißen Mannes“ zu diesem Thema bemän­gelt und an der Diskus­si­on, die im Anschluss an den Vortrag geplant war, nicht mehr teil­zu­neh­men bereit ist. Beispie­le unter vielen.

Und was sind die Folgen? Frau Prof. Barbara Zehnpfennig schreibt dazu: 

Das bedeu­tet die Ausbrei­tung des Duck­mäu­ser­tums und der Heuche­lei in die Wissen­schaft. Man macht seinen Kotau vor Diver­si­tät, Gender und euro­päi­scher Univer­sal­schuld und versucht, dahin­ter verbor­gen doch noch etwas von dem zu retten, was einem eigent­lich wich­tig ist. Oder man ergibt sich völlig dem Druck und liefert das Gefor­der­te. In beiden Fällen verstärkt man die schon vorhan­de­ne Tendenz. 

Warum sollte ich die Kirchenväter lesen?

Warum sollten wir uns mit den Kirchenvätern beschäftigen? Michael Haykin nennt einige Gründe: 1. Um die Kirche vom Zeitgeist des 21. Jahrhunderts zu befreien, 2. um ihr einen erfahrenen Leiter auf ihrem Weg mit Christus zu geben, 3. um ihr zu helfen, das grundlegende Zeugnis ihres Glaubens, das Neue Testament, zu verstehen, 4. um den schlechten Ruf der frühen Kirche zu widerlegen und um 5. ein Mittel für geistliches Wachstum zu nutzen.

Mehr hier: www.evangelium21.net.

Theologie goes Gender

Der DLF bringt immer wieder Beiträge rund um das Thema „Gender“. Letztes Jahr wurde Werbung für angeblich fluide Geschlechtervorstellungen in der Bibel gemacht. Diesmal kommen die Initiator*Innen der Ringvorlesung „Religion* Macht Sex*. Geschlechterbilder in den Religionen“ zu Wort. Wir bekommen Einblicke in die herausragenden Leistungen der Genderforscher*Innen. Sie sind sehr bemüht, die Bilder, die mit der „Gartenerzählung“ vermittelt werden, umzuschreiben. Da können wir vieles lernen, vor allem, dass die alten Texte völlig neu interpretiert werden müssen und dass das islamische Narrativ geschlechtergerechter ist als das jüdisch-christliche. Wenn die Wirkungsgeschichte eine andere war – ich empfehle, sich mit dem Thema „Frau im Islam“ zu beschäftigen – dann muss das wohl mit einer falschen Deutung zusammenhängen.

Übrigens: Aktuell gibt es an deutschen, österreichischen und Schweizer Hochschulen in 30 Fachgebieten 223 Professuren für Frauen- und Geschlechterforschung / Gender Studies. Von ihnen sind zehn mit Männern besetzt, schreibt news4teachers. Weiter:

Das geht aus einer aktuellen Erhebung der „Berliner Datenbank Genderprofessuren“ hervor, über die die Zeitschrift „Forschung & Lehre“ in ihrer November-Ausgabe berichtet. In Deutschland gibt es demnach 146 Genderprofessuren an Universitäten und 50 Genderprofessuren an Fachhochschulen. Das entspricht nahezu der Anzahl der Pharmazieprofessuren (191) und ist fast doppelt so hoch wie die Anzahl der Professuren in Altphilologie (113).

Hier der Beitrag des DLF:

Bullinger unerwünscht

Seit einiger Zeit darf ich keine Bullinger-Zitate mehr twittern. Das Konto wurde gesperrt. Auf Nachfrage bei Twitter erhielt ich folgende Antwort:

Account-Sperrungen erfolgen in der Regel aufgrund von Verstößen gegen die Twitter Regeln (https://twitter.com/rules) oder die Allgemeinen Geschäftsbedingungen (https://twitter.com/tos). Wiederholte Verstöße können dazu führen, dass ein Account permanent gesperrt wird.

Ich habe jetzt mal gefragt, was Twitter an den Bullinger-Zitaten aus dem 16. Jahrhundert stört. Bin auf die Antwort gespannt.

Rod Dreher: Ein Handbuch für christliche Dissidenten

Nachfolgend veröffentliche ich einen Gastbeitrag von Sören K. (Pseudonym). Vorgestellt wird folgendes Buch:

515KymfQCTL SX329 BO1 204 203 200


Wie jedes Zeitalter, so ist auch unseres geprägt vom aktuellen Zeitgeist. Das christliche Abendland und die USA haben sich zu einer post-christlichen Gesellschaft gewandelt, auch wenn dieser traurige Sachverhalt von erschreckend wenigen Christen überhaupt in seiner Deutlichkeit wahrgenommen wird. Erstaunlich für mich ist ferner, dass bei uns in der westlichen Kirche so wenige prophetische Stimmen zu hören sind, die entweder den Zeitgeist entlarven oder gar vermitteln, was „der Geist den Gemeinden“ in unser Zeit sagt.

Die Stimme von Rod Dreher hebt sich von den christlichen Stimmen des Zeitgeists ab. Rod Dreher ist ein amerikanischer Intellektueller. Er ist ein orthodoxer Christ und führt den Internet-Blog The American Conservative. Das Buch Live Not by Lies ist ein Weckruf, sowohl den immer massiver werdenden gesellschaftlichen Druck auf alle konservativen Werte ernst zu nehmen – der nicht nur von Seiten der Politik, sondern noch weit massiver von den großen Konzernen ausgeübt wird – als auch die Gefahr der noch nie zuvor realisierten Omnipräsenz an freiwilliger technischer Überwachung durch Google, Alexa, Smartphone etc. zu erkennen.

Die Hauptthese von Dreher ist, dass wir uns im Aufschwung eines „sanften“ Totalitarismus befinden, welcher schon jetzt erschreckend viele Ähnlichkeiten mit Aldous Huxleys Dystopie, Brave New World, aufweist. Dreher sieht auch einen engen Zusammenhang zwischen der abgeflachten Verkündigung eines christlichen Glaubens ohne Gericht und ohne Verständnis für Leid in der westlichen Kirche auf der einen Seite und der Naivität und Blindheit, der daher auch die meisten Christen den aktuellen Entwicklungen ausgeliefert zu sein scheinen, auf der anderen.

Erster Teil: In was für einer Welt leben wir?

Das Buch ist in zwei Teile gegliedert. Der erste Teil heißt: Den sanften Totalitarismus verstehen. Als sanft wird der Totalitarismus beschrieben, weil er eben nicht mit der militärischen Härte des kommunistischen Totalitarismus daherkommt, sondern zu großen Teilen getrieben wird von Komfortstreben und Anpassung. Zugleich nimmt die aktuelle gesellschaftliche Entwicklung mit vermehrt radikaler Ausgrenzung von Andersdenkenden auch ein zunehmend totalitäres Ausmaß an. (Eine mögliche Definition von Totalitarismus: Es darf nichts existieren, was sich gegen die herrschende gesellschaftliche Ideologie wendet. S. Kapitel 2) Im zweiten Teil des Buchs entfaltet Dreher die bereits im Untertitel des Buchs erwähnte Anleitung für christliche Dissidenten. Diese zweite Hälfte des Buchs trägt die Überschrift: Leben in der Wahrheit. Da auch ein sanfter Totalitarismus ein Totalitarismus ist, führt Rod Dreher eine Vielzahl von beeindruckenden Persönlichkeiten vor, die in den Zeiten des Ostblocks ihren Glauben gelebt, bewahrt, und bezeugt haben. Der Zerbruch des Kommunismus ging maßgeblich auf solche Persönlichkeiten zurück. Daher ist es auch kein Zufall, dass schon das Buch von Dreher denselben Titel trägt wie das vielleicht berühmteste Essay des russischen Dissidenten Alexander Solschenizyns.

In der Einleitung des Buchs beschreibt Dreher, dass wir Westler uns fast nicht vorstellen können, in unseren Demokratien einen Totalitarismus zu erleben. Auch Dreher wurde 2015 wachgerüttelt von Überlebenden des Ostblock-Totalitarismus. Diese Emigranten haben feinere Antennen für die aktuellen Entwicklungen und bezeugen alle, dass sie denken, Amerika schlittert in Richtung einer Art Totalitarismus. Bürger, die nicht den aktuellen Vorgaben von Sprache und Verhalten entsprechen, werden für Ihre Tabubrüche immer extremer bestraft. Es kann bedeuten, seinen Job oder auch seinen guten Ruf für immer zu verlieren. Bereits Papst Benedikt sprach von der Diktatur des Relativismus, einer weltweiten Diktatur scheinbar humanistischer Ideologien. Er benannte diese Manifestationen als die geistliche Kraft des Antichristen. Diese geistliche Kraft entfaltet sich aktuell in privaten Institutionen, in Konzernen, in Hörsälen und in den Medien. Das Ziel des weichen Totalitarismus ist dasselbe wie das Ziel des harten: Die Welt von aller echten Christenheit zu befreien – und wir sind nicht ausgestattet, diesem hinterlistigen Angriff zu widerstehen.

Den Mindestanspruch, den zu erfüllen Alexander Solschenizyn aufruft, ist niemals wissentlich eine Lüge zu unterstützen. Du magst nicht die Kraft haben, öffentlich aufzustehen und zu sagen, was du wirklich glaubst, aber du kannst dich weigern zu bestätigen, was du nicht glaubst. Wenn man schon unter einer Diktatur von Lügen lebt, dann soll unsere Antwort sein, dass ihre Regentschaft nicht durch uns aufrechterhalten bleibt.

1. Kapitel: Der Prophet Kolakovic

Ein Name, der sich wie kein anderer durch das Buch zieht, ist Kolakovic. Eigentlich hieß Kolakovic erst gar nicht Kolakovic. 1943 musste der Jesuitenpriester und Antifaschist Tomislav Pogljen vor der Gestapo aus Kroatien fliehen. In der Tschechoslowakei nannte er sich nach dem Mädchennamen seiner Mutter – Kolakovic. Schnell merkte er, dass die rote Arme die Nazis besiegen würde, man ihr aber auch nicht trauen konnte. Er warnte die slowakische Kirche vor einem Sowjet-Regime und setzte seine ganze Energie daran, die Kirche für die kommende Verfolgung vorzubereiten.

Kolakovic wird als charismatischer Leiter beschrieben. Er predigte, dass nur eine völlige Lebenshingabe an Christus ermöglichen würde, der kommenden Versuchung zu widerstehen. Diese Ganzhingabe war keine Abstraktion, kein frommer Gedanke, sondern wurde konkret in Gemeinschaft erlebt. Ähnlich wie schon in Belgien nach dem Ersten Weltkrieg durch Josep Cardijn eine Laienbewegung ins Leben gerufen wurde, so etablierte Vater Kolakovic schon in der deutsch-okkupierten Slowakei kleine Zellen treuer Katholiken, die sich trafen zu Gebet, Bibelstudium und Gemeinschaft. Ein Kernelement der Lehre war die Verantwortung vor Gott. Der Leitsatz lautete: Sehen (was die Realität ist), (Be-)urteilen (im Licht der Wahrheit), Handeln (um dem Bösen zu widerstehen).

Dreher zeigt auf, dass wir in einer Zeit leben, in der zunehmend mehr Leute bereit sind, politische Rechte aufzugeben im Austausch für höheres privates Wohlbefinden und Sicherheit. Viele Haushalte stellen in ihren Häusern Smart Devices auf und lassen bereitwillig Ihr ganzes Leben von Geräten abhören bzw. von Großkonzernen überwachen, nur um etwas mehr Komfort wie Fernbedienung und automatische Bestellungen zu erlangen.

Dreher konstatiert, dass die christliche Verkündigung des Westens sich heute fast nur auf eine Glaubensaussage reduziert: Gott existiert – und er möchte von uns lediglich dass wir nett und glücklich sind. Dies ist eigentlich kein christlicher Glaube mehr, sondern moralisch therapeutischer Deismus. In dieser therapeutischen Kultur gibt es keine größere Sünde, als jemand anderem im Weg zu stehen auf die Facon glücklich zu werden, die er sich wünscht. Das Recht auf eigene sexuelle Orientierung ist wichtiger als Biologie und auch wichtiger als das Grundrecht der Religionsfreiheit. Nur relativ wenige Christen sind heute noch bereit, für ihren Glauben zu leiden, denn die therapeutische Gesellschaft, die sie geformt hat, leugnet, dass Leiden jemals richtig ist und einen Sinn haben kann. Die Idee, dass man bereit sein sollte, um der Wahrheit willen Schmerz zu ertragen, scheint den meisten Leuten heute eher absurd. Solschenizyn ruft uns zu: Lebt nicht mit der Lüge (s.o.).

2. Kapitel: Unsere vor-totalitäre Kultur

Der Kommunismus war u.a. deswegen attraktiv für viele Russen, da die jungen Intellektuellen den Glauben an eine mögliche Reform ihres Landes verloren hatten. Sie waren bereit, alles niederzureißen, um etwas völlig Neues zu errichten. Die Kommunisten waren geradezu religiös darin, säkular zu sein. Die meisten Revolutionäre kamen aus privilegierten Kreisen. Es durfte nichts existieren, was sich gegen die herrschende gesellschaftliche Ideologie wendet.

Um seine These eines sich anbahnenden Totalitarismus zu begründen, greift Dreher auf wichtige Forschungsergebnisse der bekannten jüdischen Intellektuellen, Hannah Arendt, zurück. 1951 verfasste Hannah Arendt das Buch: Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft. Einsamkeit und Atomisierung der Gesellschaft sieht sie als die maßgeblichen Faktoren. Im Jahr 2000 verfasste der Harvard Politologe Robert Putnam ein Buch mit dem Titel „Bowling alone“- Allein auf der Kegelbahn. Trotz aller sozialen Medien, die – virtuelle – Verbundenheit ermöglichen, wird die Gesellschaft zunehmend einsam und isoliert. Durch die zunehmende Auflösung von (Groß-)familien, gemeinsamen Mahlzeiten, enger Nachbarschaft, und Vereinen entsteht eine zunehmend isolierte und verletzliche Gesellschaft. (Und das schon vor Corona!). Zugleich haben die meisten Menschen den Glauben an Hierarchien und Institutionen verloren, sie haben aufgehört, außerhalb ihrer eigenen Person nach Autorität und Lebensinhalt zu suchen. Arendt verweist auf den Umstand, dass ein wichtiges Kennzeichen von Totalitarismus ist, dass Loyalität zur vorherrschenden Ideologie wichtiger als Fachkompetenz ist.

2014 wurde Brendan Eich, der Erfinder von JavaScript aus seiner eigenen Gesellschaft als Geschäftsführer entlassen, da er 2008 eine kleine Spende an eine konservative Familienorganisation gemacht hatte, die sich gegen die Einführung der Homo-Ehe in Kalifornien einsetzte. Ein russlandstämmiger amerikanischer Arzt vertraute Rod Dreher an, dass er auf Sozialen Netzwerken nie etwas Kritisches über Diversität und Inklusion veröffentlicht, da er weiß, dass die Personalabteilung seines Krankenhauses die Accounts der Angestellten regelmäßig auf solch unpässliche Inhalte überprüft. In atemberaubendem Tempo konnte sich die Gender-Ideologie in allen westlichen Ländern durchsetzen. Zugleich gewinnen Homo-Rechte einen Blitzkrieg gegen das Grundrecht der Religionsfreiheit. Die Kluft zwischen Arm und Reich ist heute so groß wie seit 100 Jahren nicht mehr, die Gesellschaft ist atomisiert und etliche Soziologen beschreiben die jüngste Generation als generation porn – ein düsterer Ausblick für die Zukunft.

Kapitel 3: Progressives Denken als Religion

Der Westen war über viele Jahrzehnte fortschrittsgläubig – und trotz aller Resignation der heutigen Jugend über unsere Zeit dominiert die Einstellung, dass sie selbst es heute besser weiß als unsere Geschichte. Völlig selbstbewusst geht sie davon aus, dass die heutige postmoderne und progressive Sichtweise zwangsläufig der veralteten christlichen Weltsicht überlegen ist. Während gemäß des puritanischen Ideals Freiheit dazu genutzt werden soll, um tugendhaft zu leben, besteht das heutige Ideal darin, Freiheit zu nutzen, um sein eigenes Wohl zu verbessern, so wie es der unantastbare Wille des Individuums gerade möchte. Der Mensch ist nichts, als das, was er aus sich selbst macht – und kann alles sein, was er selbst definiert. Jeder, der sich gegen progressives Denken stellt, stellt sich gegen Fortschritt, und damit gegen die natürliche Entwicklung der Dinge.

Hier fügt Dreher einen kurzen Exkurs über Marx und sein Versprechen durch den Kommunismus den Himmel auf Erden herbeizuführen ein. Um diesen zu erreichen, müssten vorher durch den Umsturz aller Hindernisse Opfer gebracht werden. Dreher verweist dann auf das erschreckend ähnliche Denken der heutigen progressiven Linken und ihre radikale Haltung gegenüber Andersdenkenden. Dies wird anhand der Erfahrungen des britischen Konservativen Sir Roger Scruton nachvollziehbar gemacht. Schon jetzt müssen immer mehr weiße Männer in leitenden Positionen ihre konservativen Wertvorstellungen strikt privat halten, um nicht ihren Job zu gefährden. Dies beschreibt Dreher als eine sanfte Form von Totalitarismus.

Die sogenannte „Soziale Gerechtigkeit“ (Social Justice) entwickelt und verbreitet sich wie ein Kult. Wichtige Grundsätze: Von zentraler Bedeutung für die menschliche Existenz ist Macht und wie sie gebraucht wird. Jede Beziehung wird als Machtverhältnis aufgefasst – und überall wo ungleiche Machtverhältnisse herrschen, muss die Gesellschaft neu geordnet werden. Wer sich dem widersetzt, der praktiziert „Hass“. Es gibt keine objektive Wahrheit – es gibt nur vorherrschende Meinungen. Identitätspolitik befreit die Unterdrückten von den Unterdrückern. (Ein armer weißer Protestant, der mit Harz IV lebt ist ein „Täter“, eine schwarze lesbische Professorin ist ein „Opfer“). Unsere Sprache definiert und verändert menschliche Realität und muss von einer Wortpolizei kontrolliert werden. Ursprünglich war „soziale Gerechtigkeit“ ein christlicher Begriff, der dafür stand, dass alle Individuen Verantwortung tragen für das Gemeinwohl der Gesellschaft (die aus Menschen besteht, die in Gottes Bild geschaffen sind). Die neue Definition von sozialer Gerechtigkeit ist losgelöst von jeglicher Transzendenz definiert als Gleichverteilung von materiellem Wohlstand, freier sexueller Orientierung und Relativismus. Da konservative Christen jedoch einen engen Moralkodex für Sexualität haben, sind sie automatisch Feinde der „neuen“ sozialen Gerechtigkeit. Bereits 1986 warnte Papst Johannes Paul II. vor dem Geist der Finsternis, der die Menschheit verführt „Gott als Feind seiner eigenen Kreatur darzustellen, insbesondere als Feind des Menschen, als Gefahrenquelle und Bedrohung des Menschen.“

Noch in den 60-er Jahren wurden Themen von sozialer Gerechtigkeit von Schwarzen in biblischen Worten und mit biblischen Werten vertreten, aber nach Dreher betrachtet die heutige soziale Gerechtigkeit wertkonservative Christen als ihr größtes verbleibendes Hindernis auf ihrem Feldzug, die Gesellschaft zu glücklichen, selbstbestimmten Individuen zu „befreien“. Egal wo wir uns befinden, sie werden uns suchen und verfolgen. Aus ihrer Sicht müssen Christen bestraft und beseitigt werden, um die Welt gerechter zu machen. Deshalb müssen wir ein Auge auf die Macht und Reichweite der Überwachungstechnologie haben.

Kapitel 4: Der neue Kapitalismus: Woke and Watchful

Der Begriff Woke oder Wokeness (engl. „erwacht“ oder „wach“) wird erst seit wenigen Jahren verwendet, um ein erhöhtes Bewusstsein für Rassismus und gesellschaftliche Privilegien zu umschreiben und kann mit aktivistischem oder gar militantem Eintreten für den Schutz von Minderheiten einhergehen. Der Begriff wird mit LGBTIQ, Feminismus, der Black-Lives-Matter Bewegung und der progressiven Linken in Verbindung gebracht.

Dreher berichtet von einer Begegnung Kamila Benda in Prag. Gemeinsam mit ihrem Mann Vaclav hat sie im Kommunismus Untergrundseminare gehalten, um die Widerstandsbewegung aufzubauen. Sie kann nicht nachvollziehen, wie Amerikaner freiwillig ihr Haus voller Smart-Devices bestücken über die sie ständig abgehört werden können. Kamila konstatiert: Um frei zu bleiben, die Wahrheit zu sagen, muss man um sich herum eine echte Privatsphäre haben, die uneindringbar ist. Sie erinnert sich noch gut an die Zeiten, wo ihre Wohnung durch Wanzen abgehört wurde und die ganze Familie musste sich stets der andauernden Überwachung bewusst bleiben. Keine Konsumentenvorteile könnten ihr dieses Risiko jemals schmackhaft machen. Kamila und Vaclav haben nach dem Kommunismus die Wanzen aus den Wänden gezogen. Selbst heute benutzt sie weder Smartphone noch E-mail. Das erscheint ihr zu riskant. Sollte es zu einem Totalitarismus kommen, egal ob hart oder weich, so müsste ein Polizeistaat in USA oder Europa kein Informationsnetz aufbauen, um das Privatleben der ganzen Gesellschaft zu überwachen. Dieses System existiert bereits – und die wenigsten sind sich der Allgegenwart dieser Überwachung überhaupt bewusst. In den letzten zwei Jahrzehnten haben der Staat und die Großkonzerne Überwachungsmöglichkeiten aufgebaut, von denen Lenin und Stalin nur träumen konnten.

Die Generation, die zwischen 1960 und 1980 geboren wurde, wuchs auf mit der Lektüre von George Orwell in ihrer Schulzeit und sie war mit Lebensberichten von Opfern der totalen Staatskontrolle konfrontiert. In Amerika wurde der Staat immer schon etwas kritisch betrachtet, aber nicht die Unternehmen und Konzerne. Im letzten Vierteljahrhundert haben etliche Konzerne durch Globalisierung und Technologie eine unfassbare Expansion von Macht entwickelt und sind in den letzten 20 Jahren kontinuierlich weiter nach links gerückt und auch viel stärker politisch aktiv geworden.

Dreher geht im Folgenden auf den aggressive sozialen Progressivismus in Amerika ein, der von Kritikern mit „Woke Capitalism“ bezeichnet wird. Etwa 90% der Großkonzerne wollen durch ihr Engagement einen sozialen Beitrag leisten – aus ihrer Sicht sind sozial Konservative genauso wie traditionelle Christen ein Hindernis für das Gemeinwohl. Gleichzeitig ist auf der mikro-Ebene durch das Internettracking plus die Smarten Lautsprecher, Gesundheitsapps, etc. von Google, Amazon, Facebook und Apple das Zeitalter des Überwachungskapitalismus entstanden. Rod Dreher führt hier die Harvard Professorin, Shoshana Zuboff an, die 2019 ein Buch mit genau diesem Titel herausgegeben hat: The Age of Surveillance Capitalism.

Jede einzelne E-mail, die mit Gmail geschrieben ist, wird von Google nach Schlüsselbegriffen gescannt und kategorisiert, durch Cookies werden die Websites registriert, die mit dem Google-Browser durchgelesen werden inkl. der Verweildauer – und durch die Wegzeit zur Arbeit wird ein eher vorsichtiger oder aggressiver Fahrstil vermerkt. Dieses Datenpaket wird dann inklusive wichtiger Gesundheitsdaten, den Hobbies und der Konsumausgaben an Versicherungsfirmen und Marketing Agenturen teuer verkauft.

Die Überwachung wird zunehmend durch die Praxis des Deplatforming (engl. von der Plattform entfernen) politisch instrumentalisiert. Wer die Transfrau Caitlyn Jenner z.B. mit seinem echten Namen „Bruce“ bezeichnet oder maskuline Pronomen verwendet, dem wird von Facebook der Zugang gelöscht. Bei dem online Finanzdienstleister Paypal darf die konservative christliche Rechtsanwaltsvereinigung ADF kein Konto eröffnen, um Spenden zu bekommen oder Zahlungen zu tätigen. Das Silicon Valley ist ein Mekka des Kults der progressiven Linken geworden mit dem erklärten Ziel durch Algorithmen und Big Data das menschliche Verhalten zu „engineeren“. Dissidenten anhand von Schlagworten zu identifizieren und von Plattformen zu verbannen ist nur die Frage eines Knopfdrucks. Durch staatlichen Zugriff der NSA und CIA auf diese Daten (und bei uns mit dem Netzwerkdurchsetzungsgesetz) kann sich der Staat auch bei uns ebenso leicht nach Belieben unter dem Stichwort „Hassrede“ einschalten. Fast sämtliche menschen-generierte Information ist den Geheimdiensten verfügbar.

Wenig überraschend wird China uns als warnendes Beispiel genannt: Dort werden die online Datenmassen (Big Data) mit den Überwachungskameras der Straßen und dem politisch gewünschten Verhalten verknüpft und die Individuen in den Großstädten kategorisiert in privilegierte Leistungsträger, die pünktlich zahlen und die gewünschten politischen Äußerungen tätigen und Dissidenten, die von wichtigen Plattformen inkl. ihrer Zahlungssysteme ausgeschlossen werden – alles unterstützt von künstlicher Intelligenz. Hier wird auf das Werk des deutschen Journalisten Kai Strittmatter Die Neuerfindung der Diktatur (2018) verwiesen. Strittmatter hat mehrere Jahre als deutscher Journalist in Beijing gelebt hat.
Immer wieder drängt sich dem Leser die Frage auf, ob Ähnliches wirklich bei uns im Westen geschehen könnte. Dreher beschreibt nüchtern unser soziales Gefüge. Viele junge Menschen investieren alles, um ein möglichst Instagram-taugliches Selbstbild zu entwerfen, sie leben für und vom Applaus der Anderen, mit einer fragilen Psyche, in einer zunehmen einsamen und atomisierten Gesellschaft. Der Kult der sozialen Gerechtigkeit füllt ein Vakuum in der sinnentleerten post-christlichen Gesellschaft. Zugleich haben Großkonzerne und ein weichgespültes Wohlfühlevangelium die westliche Gesellschaft auf Spaß, Komfort, und Bequemlichkeit konditioniert. Wie können wir dem widerstehen?

Zweiter Teil: Das Leben in der Wahrheit

Kapitel 5: Achte nichts höher als die Wahrheit

Die wichtigste Anweisung von Solschenizyn für potentielle Dissidenten ist: „lebe in der Wahrheit.“ Eben hierin liegt die Macht der Machtlosen. Václav Havel schrieb 1978: Eine Person, die sich nur für ihren eigenen Komfort und Überleben einsetzt, und dabei bereit ist, mit oder in einer Lüge zu leben, ist eine demoralisierte Person. Ein Jahr später wurde er inhaftiert. Wiederum 10 Jahre danach führte Havel eine friedliche Revolution an und wurde der erste Präsident eines freien Tschechien. Ein Wort der Wahrheit wiegt mehr als die ganze Welt. Wie lebt man in der Wahrheit inmitten einer Welt voller Lügen?

Wähle ein Leben abseits der Masse.
Anhand von wirklich beeindruckenden Lebenszeugnissen bekommt der Leser eine Vorstellung mit welchen Opfern und mit welcher Kühnheit, welchem glühenden Glauben ein Leben als Non-Konformist geführt werden will. Vater Kaleda, Pastor Sipko und Maria Wittner sind Zeugen der Wahrheit. Ihre Geschichten zu erzählen und ihr Leben zu ehren, geben uns und unseren Kindern Orientierung.

Kapitel 6: Ein Kulturgedächtnis schaffen und kultivieren

Inzwischen hat eine Mehrheit der jungen Leute in USA und Europa die Gräuel des Kommunismus verdrängt und laufen blauäugig neo-marxistischen Idealen hinterher. An vielen Universitäten wird ein idealisiertes Bild vom Kommunismus gezeichnet. Dieser Beobachtung stellt Dreher das Zitat von Cicero entgegen: „Nicht zu wissen, was passierte bevor du geboren wurdest, bedeutet auf ewig ein Kind zu bleiben.“ Dies ist auch der Grund, warum der Kommunismus so viel Wert darauf legte, die Lufthoheit über den Kinderbetten zu haben. Ein kollektiver Verlust von Geschichte im Westen wird eine schreckliche Folge für die Zukunft haben. Wir müssen uns erinnern, wie man erinnert.

Der britische Anthropologe Paul Connerton und sein Werk Wie sich Gesellschaften erinnern wird hier angeführt. Er unterteilt in eine historische Erinnerung (vergangener Geschehnisse), eine soziale Erinnerung (das, was Menschen entscheiden als bedeutsam zu erinnern) und eine kulturelle Erinnerung (Geschichten, Ereignisse, Menschen oder Phänomene, die als bedeutsam gelten), die Eingang in Musik, Feiertage und Volksheldentum Eingang findet und Bausteine der Identität einer Kultur werden. Je totalitärer ein Regime, desto stärker wird es versuchen, Einfluss zu nehmen auf die kulturellen Erinnerungen. Der polnische Intellektuelle Leszek Kolakowski sieht darin eine große Ambition des Totalitarismus darin, in den Besitz der menschlichen Erinnerung zu gelangen und sie zu kontrollieren. Erinnerungen wach zu halten ist ein Baustein, sich gegen eine neue dominante Ordnung zu stemmen. Religion und Familie sind zwei zentrale Pfeiler von Erinnerung. Karol Wojtyla, der Papst des Anti-Kommunismus, hat den Angriff der Nazis auf diese beiden Pfeiler erlebt, als diese versuchten, Polen zu zerstören. Heute liegt eine wichtige Aufgabe allein darin, zu zeigen, was eine normale, monogame Ehe und Familie ist.

Kapitel 7: Familien sind Zellen des Widerstands

Ein starkes Vorbild für Familienbande und anti-totalitären Widerstand ist die Familie Benda aus Prag. Trotz aller unserer Fehlerhaftigkeit und Gebrechen ist die Familie das größte Hindernis für Marxisten genauso wie heute für die woke Linke. Internet und Smartphone sind vielleicht das wichtigste Instrument, um aus Kindern nicht mündige Bürger sondern lediglich autonome Konsumenten zu machen, die keine größere Verpflichtung kennen als ihr eigenes Wohlbefinden. Laut Benda muss sich ein Vater in erster Linie als Diener Christi verstehen, um ein starker Leiter zu sein. Es folgen weitere Ratschläge zur Erziehung. Anhand der Familie Benda zeigt Dreher, dass wir in Hinblick auf den kommenden sanften Totalitarismus die Familie und das Familienleben noch ernsthafter betrachten müssen. Das christliche Familienleben ist nicht nur eine gute Idee, sondern eine Überlebensstrategie in Zeiten der Verfolgung.

Kapitel 8: Religion: Das Grundgestein des Widerstands

Nicht jeder Anti-Kommunist war ein Christ und nicht jeder Christ konnte dem Totalitarismus entgegenstehen. Aber Dreher berichtet, dass jeder Christ, den er für sein Buch interviewt hat, einen tiefen inneren Frieden ausstrahlte, einen Frieden, den diese Menschen in ihrem Glauben fanden. Sie hätten jedes Recht, um permanent verärgert zu sein über das, was sie, ihre Familien, ihre Kirchgemeinden erleben und erleiden mussten. An dieser Stelle des Buches werden Lebensbilder von Christen vorgestellt, die auf den Leser einen tiefen Eindruck hinterlassen. Hier strahlen Vorbilder auf, die uns im Inneren berühren und deren Lebenszeugnis mehr als einmal gelesen werden sollte.

Der Arzt Dr. Silvester Krčméry. Auswendig gelernte Bibelworte stellten für seine Gefangenschaft eine starke Basis dar. Er betete täglich um Demut und die Bereitschaft, alles für Christus zu erleiden. Gemeinsam mit anderen Veteranen der Untergrundkirche konnte er 1988 die Kerzendemonstration in der slowakischen Hauptstadt Bratislava organisieren, die maßgeblich zu Befreiung und Demokratie führte.

Auch Vater Dmitry Dudko, der 2004 verstarb, war ein Licht in der Finsternis. Er musste 8 Jahre in den Gulags verbringen, weil er ein Gedicht verfasst hatte, das kritisch gegen Stalin war. Danach wurde er Priester und predigte trotz KGB-Überwachung offen das Evangelium. Er sprach in das Leid und in die Herzen der Menschen. Selbst Atheisten und Intellektuelle kamen, um ihn zu hören, Juden und Marxisten, Christen aller Konfessionen. Die Menschen hatten Durst nach Worten des Lebens – und nach Zeugen des Evangeliums, die in der Wahrheit lebten. Er sagt: „Es ist vielleicht eine steile These, aber wenn du widerstehen willst, dann musst du bereit sein, für die Prinzipien und die Dinge, die Du im Glauben bekennst, zu sterben. Ich sehe keinen anderen Weg.“ In aller Finsternis erlebten diese Heiligen Gottes inneren Beistand, manchmal auch übernatürliche Zeichen.

Dreher bereitet seine Leser vor auf eine Zeit schmerzhafter Versuchung, vielleicht auch Verfolgung. Lauwarmes oder seichtes Christsein wird dann nicht halten. Wir müssen unsere Bibel und unsere Glaubensgrundsätze studieren, um den aktuellen Zeitgeist als das zu erkennen, was er ist: Ein Rivale des authentischen Christseins. Wir müssen erkennen, welche Werte dieser Welt in das Leben und die Verkündigung hinübergeschwappt sind. Sind wir nur Bewunderer von Jesus oder auch echte Nachfolger? Jesus hat für die Menschheit gelitten und ruft uns, Teil seiner Passion zu werden. Er verspricht uns im Diesseits nichts als das Kreuz. Nicht Spaß, sondern die Freude gesegnet zu sein. Nicht materiellen Reichtum, sondern geistlichen Reichtum. Nicht Selbstbestimmung, sondern Gehorsam. Das hat Christus gelebt. Dazu lädt Christus uns ein. Wenn wir dieses Evangelium ergreifen und leben, dann werden wir zu Steinen, an denen die Welt zerbricht. Und wenn diese Steine zusammenstehen, bilden sie eine Mauer der Solidarität, welche der Feind nicht überwinden kann.

Kapitel 9: Solidarität

So wichtig die Lebensbilder einzelner Christen sind, macht Dreher deutlich, wie entscheidend das Moment der Gemeinschaft für diese mutigen Zeugen war. Was uns dieser Blick auf die Kirche im Kommunismus und der Blick auf die Zeichen unserer Zeit lehrt ist eins: Alle Christen von allen Konfessionen sollten beginnen Zellgruppen zu gründen, nicht nur um das geistliche Leben zu stärken, sondern um sich ganz spezifisch auf aktiven Widerstand vorzubereiten.

Sehen, Urteilen, Handeln: Die Atomisierung hat die Meisten von uns verletzbar gemacht für Hoffnungslosigkeit und daher auch für Manipulation. Je länger wir in der jetzigen Freiheit allein bleiben, desto schwerer wird es werden, in der Verfolgung zusammenzurücken. Wir müssen lernen in unseren Brüdern und Schwestern nicht eine Bürde der Verpflichtung zu sehen sondern ein Segen zu unserer eigenen Freiheit von Einsamkeit und Schwäche. Wir sollten dem Beispiel von Vater Kolakovic folgen und Netzwerke und Zellgruppen ins Leben rufen, solange wir noch frei sind, dies zu tun. Christen müssen echte Bruderschaft bilden sowohl über Konfessionsgrenzen als auch international. Leiter von Zellgruppen müssen geschult werden und bereit sein, Katechismus (Glaubensgrundsätze) zu lehren und vorbereitet werden, Amtshandlungen durchzuführen, die typischerweise von Pastoren ausgeübt werden.

Kapitel 10: Das Geschenk des Leidens

Dies ist vielleicht die überraschendste Überschrift in dem Buch. Zu deutlich ist uns beigebracht worden, dass ein gutes Leben gleichbedeutend ist mit einem Leben, das frei von Leid ist.

Leiden als Zeugnis für die Wahrheit: Während der frühere Totalitarismus die Gesellschaft durch Angst vor Schmerz besiegt hat, wird der neue schon allen durch die Angst vor Unsicherheit und mangelndem Komfort siegen. Wenn wir nicht bereit sind zu leiden und gar für Christus zu sterben, dann kann sich unser Glaube nicht bewähren. Wieder wird der Leser vor die Frage gestellt, ob er wirklich Nachfolger oder lediglich Bewunderer ist.

Leiden ohne Bitterkeit: Ogorodnikov hatte in seiner Todeszelle Visionen von seinen Mitgefangenen, die tagsüber evangelisierte und denen er die Beichte abnahm und für die er Fürbitte tat. Gott weckte ihn manchmal nachts und offenbarte ihm die Männer, die am nächsten Morgen hingerichtet werden würden.

Ein Christentum für die kommenden Tage: Der Glaube dieser Märtyrer ist fernab von der therapeutischen Religion unserer heutigen Zeit mit ihrer lauten Verkündigung von Wohlstand und Abwesenheit von Krankheit und Leid. Auch als konservativer Christ wird man hier kleinlaut, demütig und fragend. Wird mein Glaube vielleicht schon bei kleinerer Bedrängnis verbrennen? Pastor Wurmbrand, lutherischer Pastor, der die Verfolgung inklusive Gefangenschaft in Rumänien erlebte, schrieb einmal, dass es zwei Arten von Christen gibt: die, welche ernsthaft an Gott glauben und jene, die ebenso ernsthaft glauben, dass sie glauben. Oh wie ernsthaft müssen wir lernen, das kostbare Evangelium neu zu lieben, zu predigen und zu leben. Vielleicht sollten auch wir evangelikale Christen uns mit den Vorbildern von Glaubensvätern, Märtyrern und Heiligen beschäftigen und demütig beten, dass Gott uns vorbereiten möge auf unsere dunklen Stunden, die vielleicht auch auf uns warten.

Sehen, Urteilen, Handeln: Dreher mahnt an: Um den Wert des Leidens zu erkennen, müssen wir das Zentrum der christlichen Verkündigung und die Geschichte des Christentums wiederentdecken, den Pfad der Pilgerschaft, den jede Generation seit den 12 Aposteln gehen musste. Wir müssen uns völlig gegen das populäre Christentum stellen, welches ein seichter Selbsthilfe-Kult geworden ist, mit dem Hauptziel persönliche Ängste zu bewältigen, anstatt zur Jüngerschaft zu rufen und diese zu kultivieren. Natürlich dürfen wir wie Jesus beten, dass ein Kelch des Leidens an uns vorübergehe, aber wenn er kommt, dann müssen wir bereit sein, Schmerz und Verlust für das Reich Gottes zu ertragen. Es ist eine gute Vorbereitung, wenn wir uns mit den Geschichten von heiligen Märtyrern vertraut machen.

Fazit

Das Buch von Rod Dreher ist keine leichte Lektüre. Zu unbequem die These, zu düster die Dämonen der Vergangenheit und vielleicht auch der Gegenwart. Und doch hört der Leser in dem Buch eine Stimme der Wahrheit, einen Ruf in den Ernst der Nachfolge, eine Inspiration der Glaubensgeschwister, die wirklich überwunden haben, obwohl sie äußerlich in die Niederlage geführt wurden. Der Untertitel – eine Anleitung für Dissidenten – mag am Ende fast unbeantwortet nachhallen.

Rod Dreher führt den Leser eigentlich nur so weit, dass er die Zeichen der Zeit neu oder besser versteht. Der Ruf zu einer inneren Vorbereitung ist laut und deutlich und zugleich weniger konkret als der geneigte Leser es sich vielleicht wünscht. Neben der inneren Vorbereitung wird auch die Bedeutung von Gemeinschaft und Kleingruppen deutlich gemacht. Aber eine konkrete Anleitung ist das nicht. Bei mir jedenfalls hallte monatelang die Frage nach: Was tun? Darüber habe ich einiges reflektiert und meine Notizen gemacht. Hierüber bin ich in engerem Austausch mit einigen Freunden und wir suchen den Austausch mit weiteren Geschwistern, die den Ernst der Lage unserer Zeit auch empfinden. Die einen laut und deutlich, andere eher als dumpfe Ahnung.

Das Buch rüttelt auf in dem es uns die Schwächen der heutigen Verkündigung, den Mangel an Leidensbereitschaft und die fast völlige Abwesenheit von Vorbereitung auf Christenverfolgung in der westlichen Kirche aufzeigt. Mein Wunsch und mein Gebet ist jedoch, dass Gott seine Gemeinde vorbereitet, dass ER geistliche Leiter beruft, welche die Gemeinde auf die kommenden schweren Zeiten vorbereiten – und zwar jetzt, wo dies noch möglich ist, „dass jener Tag nicht plötzlich über euch hereinbricht, wie ein Fallstrick“ Luk 21,34. Nichts wäre verloren, wenn wir auf Verfolgung und auf den wiederkommenden Herrn vorbereitet sind und beides nicht (mehr) erleben – aber vieles, vielleicht alles, wäre verloren, wenn wir weder auf zunehmendes Ungemach noch den wiederkommenden Herrn vorbereitet sind. Mich hat das Buch bewegt. Lasst uns hören, „was der Geist der Gemeinde sagt“.

The Celebration of Apostasy

Sich vom Glauben abzuwenden ist kein neues Phänomen. Schon Paulus klagte: „Demas hat mich verlassen, da er den jetzigen Zeitlauf lieb gewonnen hat“ (2Tim 4,10). In jüngster Zeit sind einige prominente Leute mit ihrer „Entkehrung“ an die Öffentlichkeit gegangen und lästern über ihre fromme Vergangenheit.

In einem aktuellen Podcast sprechen Todd Pruitt and Carl Trueman unter anderem über Abraham Piper. Abraham, Sohn des bekannten Pastors John Piper, hat viel Aufmerksamkeit auf sich gezogen, weil er die großen Plattformen der sozialen Medien und prominente Publikationen nutzt, um seine persönliche Geschichte zu verbreiten.

Hier der empfehlenswerte Beitrag:


Zur Vertiefung empfehle ich den deutschsprachigen Beitrag „Die Geschichte einer Glaubensabkehr auf dem Prüfstand“ von Alisa Childers: www.evangelium21.net.

Finnland: Christin drohen sechs Jahre Haft wegen Bibelversen

In Finnland droht der christlichen Parlamentarierin Päivi Räsänen eine sechsjährige Haftstrafe, weil sie angeblich drei Straftaten begangen hat. Um welche Straftaten geht es?  Um angebliche „Hassrede“ und das Teilen ihrer Meinung über Ehe und Sexualität in sozialen Netzwerken, im Fernsehen und auch schriftlich. Die Tagespost berichtet mir Berufung auf Christian Post über die Hintergründe:

Der von ADF International, Paul Coleman, fügte hinzu: „Die Entscheidung der finnischen Generalstaatsanwältin, diese Anklagen gegen Dr. Räsänen vorzubringen, erzeugt eine Kultur der Angst und der Zensur“. Es sei „ernüchternd“, so Coleman weiter, „dass solche Fälle in ganz Europa allzu alltäglich werden. Wenn engagierte Staatsdiener wie Päivi Räsänen für das Aussprechen ihrer tiefsten Glaubensüberzeugungen strafrechtlich verfolgt werden, dann hat das eine abschreckende Wirkung auf das Recht aller, sich frei zu äußern“.

Ich kann nur hoffen, dass Dr. Räsänen einen kompetenten rechtlichen Beistand erhält und dieser Versuch der Einschüchterung zurückgewiesen werden kann. Falls nicht, werden mehr und mehr Christen wegen ihrer ethischen Überzeugungen vor die Gerichte gezerrt werden.

Mehr hier: www.die-tagespost.de.

Die Moralismusfalle

31m+H7QPWsL SX303 BO1 204 203 200Christian Neuhäuser und Christian Seidel, die Herausgeber des Buches, Kritik des Moralismus, kritisieren die Kultur der Besserwisserei. Der DLF stellt das Buch vor und sagt:

Indem der Moralisierende die Gegenseite ins schlechte Licht stellt, erscheint sein eigenes moralisches Blitzeblanksein umso strahlender. Auch in öffentlichen Diskursen wird gerne der moralische Zeigefinger erhoben. Bewusst werden Konsumenten durch verschiedene Labels – Tierwohl, Bio etc. – beispielsweise daran erinnert, dass sie mit ihrer Kaufentscheidung auch eine moralische Entscheidung treffen. So könne man eine „zunehmende Moralisierung der Lebenswelt konstatieren“, schreiben die Herausgeber, „die moralische Bewertung dieser Entwicklungen“ sei ambivalent. „Einerseits kann man sich davon eine Verbesserung von Missständen und weniger Fehlverhalten erhoffen. Andererseits können der steigende gesellschaftliche Rechtfertigungsdruck und das Gefühl, zunehmend ‚unter moralischer Beobachtung‘ zu stehen, gerade als Freiheitseinschränkung von der Art empfunden werden, gegen die sich John Stuart Mill in On Liberty wandte.“

Die von Christian Neuhäuser und Christian Seidel herausgegebene „Kritik des Moralismus“ ist ein herausfordernder und anregender philosophischer Diskurs zum öffentlichen Moralisieren. Die Autorinnen und Autoren werfen darin einen reflektierten und historisch fundierten Blick auf Moralismusfallen in Zeiten von Identitätspolitik und digitalen Massenmedien. Sie bemühen sich um Differenzierungen in einer Debatte, in der es um das Schwingen der Moralkeule geht. So kritikwürdig Moralismus im Allgemeinen auch sein mag, er führt letztlich auch dazu, unser moralisches Urteilsvermögen zu schärfen. Dafür ist dieses Buch ein Beleg.

Hier die Buchkritik:


Pfarrer oder Pastor?

Wie eine Person, die einen christlichen Gottesdienst leitet, angesprochen wird, hängt nicht nur von ihrer Konfession ab. Auch die Region spielt eine Rolle. Wo entlang die „Pfarrer-Pastor-Grenze“ verläuft, verrät der nachfolgende DLF-Beitrag. Entgegen weit verbreiteter Annahmen gibt es übrigens auch katholische Pastoren.

Hier:

John Stott würde wollen, dass wir innehalten, studieren und streiten

John W. Yates hat  zum 100. Geburtstag ein Porträt von John Stott bei CT veröffentlicht und dabei seinen Willen zur Gemeinschaft herausgestellt:

John war ein schüchterner und emotional zurückhaltender Engländer, aber er war äußerst großzügig in der Freundschaft. Er hatte eine besondere Sorge für die Unterbemittelten und Unterprivilegierten und eine bleibende Zuneigung für junge Christen. Er würde mit einem Studenten aus Burundi genauso schnell einen monatelangen Briefwechsel führen wie mit dem Erzbischof von Kenia.

Und er pflegte diese Freundschaften über Jahre hinweg und freute sich, wenn sie auf die nächste Generation übersprangen. Das war die Geschichte meiner eigenen Beziehung zu John, den ich zum ersten Mal kennenlernte, als ich ein kleiner Junge war und er ein häufiger Gastprediger in der Kirche meines Vaters.

Johns Fähigkeit zur Führung war außergewöhnlich. Die Auswirkungen seiner Arbeit sind heute auf der ganzen Welt zu spüren und werden noch viele Jahrzehnte lang zu spüren sein. Sein Einfluss reicht jedoch weit über die von ihm gegründeten Institutionen und die von ihm geprägten Bewegungen hinaus. Er zeigt sich am stärksten in den Beziehungen, die er förderte.

Während dieser langen Zeit der Isolation und Trennung, die durch die Pandemie verursacht wurde, habe ich oft an Onkel Johns Fähigkeit zu persönlichen Beziehungen und sein unermüdliches Engagement für alle Arten von Menschen gedacht, unabhängig von sozialen, kulturellen oder rassischen Schranken. Durch seine Großzügigkeit und Standhaftigkeit in der Freundschaft schuf er um sich herum eine dichte Gemeinschaft von erstaunlich unterschiedlichen Menschen, die in der Gnade Christi verwurzelt sind. Es ist ein wunderbares Bild dafür, was die Kirche für ein Welt, die von Spaltung und Gleichgültigkeit geplagt ist, sein kann.

Mehr: www.christianitytoday.com.

John Bunyan: Wahre Gottesfurcht bewirkt Demut

41 h7jCWTZL SX309 BO1 204 203 200Der Prediger John Bunyan schreibt in seinem Buch Gottesfurcht (Herold, 2020, S. 101–102):

Als der Apostel Paulus die römischen Christen vor dem Gift des Stolzes warnte, führte er ihnen die Gottesfurcht als Gegengift vor Augen: „Sei nicht hochmütig, sondern fürchte dich!“ (Röm 11,20). Stolz oder Hochmut ist eine besonders verachtenswerte Sünde. Es war diese Sünde, die Satan zu Fall brachte, und die auch zum Fall des Menschen führte (vgl. 1.Tim 3,6). Ich würde sagen, dass Stolz die Ursünde und damit eine sehr tödliche Sünde ist. Aber gegen diese tödliche Sünde hat Gott eben ein Gegenmittel: die Demut. Über dieses anmutige Kleidungsstück sagt der Apostel: „Umkleidet euch mit Demut im Umgang miteinander!“ (1.Petr 5,5). Die Frage ist jetzt allerdings, wie wir diese Demut erhalten. Darauf antwortet der Apostel: durch die Gottesfurcht! „Sei nicht hochmütig, sondern fürchte dich!“ Das bedeutet: Fürchte dich vor dir selbst und sei ständig darum besorgt, dass dein böses Herz nicht in die Falle des Teufels gerät, und er daraus einen Vorteil ziehen könnte. Fürchte dich, damit du nicht vergisst, was du von Natur aus bist. Vergiss nicht, wie sehr du fortwährend die Vergebung und Unterstützung des Heiligen Geistes benötigst, damit du nicht stolz über deine eigenen Fähigkeiten wirst und vergisst, was du alles von Gott empfangen hast. Fürchte Gott, das wird dich in deinen eigenen Augen klein machen und dich demütig halten und dich dahin bringen, dass du Gott um Barmherzigkeit anflehst. Die Gottesfurcht wird auch bewirken, dass du niedrig über dich selbst denkst und deinen Nächsten höher achtest als dich selbst. Auf diese Weise wirst du demütig wandeln und fortwährend von Gott gelehrt werden. „Er leitet die Sanftmütigen im Recht und lehrt die Sanftmütigen seinen Weg“ (Ps 25,9).

Die Gottesfurcht bewirkt diese wundervolle Demut. Aber sie bewirkt nicht nur Demut, sondern sie bewahrt sie auch. Wenn ein Mensch Gott im Glauben fürchtet, nimmt ihm dies sein Vertrauen auf sich selbst und bewirkt, dass er alle Hilfe und Weisheit von Gott erbittet und bereitwillig auf seinen Rat hört.

Das Buch kann direkt beim Herold Verlag bestellt werden: herold-mission.com.

Calvin: „Lass uns an deinem Mund hängen“

Ein Gebet des Reformators Johannes Calvin:

Allmächtiger Gott! Wir danken dir für dein Wort, durch das du uns zu deinem erwählten Volk sammeln willst, damit wir dich verehren, wie es uns dein Gesetz gebietet. Lass uns an deinem Mund hängen und mach uns ganz zu deinem Eigentum. Bewahre uns, dass wir weder zur Rechten noch zur Linken weichen. Erhalte uns bei der reinen Lehre, die du uns gibst. Der ständige Strom deiner Gnade mache uns gewiss, dass du in unserer Mitte regierst. Stärke unsere Herzen, dich je länger je mehr zu lieben, zu ehren und zu fürchten. Nimm alle Unreinheit in unserem Leben von uns. Heilige uns an Seele und Leib. Vollende uns mehr und mehr in rechter Frömmigkeit, und bringe uns endlich zu dem seligen Erbe, das uns dein eingeborener Sohn erworben hat in seiner Hingabe für uns. Amen.

Stott on the Christian Life

41inAA8HQ4L SX331 BO1 204 203 200Heute vor 100 Jahren wurde John Stott, einer der großen Evangelikalen des 20. Jahrhunderts, geboren. Ein guter Tag, um das Buch Stott on the Christian Life von Tim Chester zu besprechen. Ich schreibe dort zum Thema „Selbstverleugnung versus Selbstliebe und Selbsthass“:

Nun hat Stott bemerkt, dass viele Menschen mit lähmenden Minderwertigkeitsgefühlen zu kämpfen haben. Oft hängt das mit Erfahrungen in der Kindheit und Jugend und kulturellen Einflüssen zusammen. Die Botschaft der täglichen Selbstverleugnung (vgl. z.B. Lk 9,23) wird von solchen Christen bisweilen so aufgenommen, dass sie sich noch weniger zutrauen, als dies sowieso schon der Fall ist. Deshalb rief Stott weder zum Selbsthass noch zur Selbstliebe auf, sondern zur Selbstverleugnung und zur Selbstbejahung: „Er hebt sowohl die biblischen Appelle zur Selbstverleugnung hervor – insbesondere den Aufruf Jesu, uns selbst zu verleugnen und unser Kreuz auf uns zu nehmen (Mk 8,34) – als auch die Bejahung unseres Menschseins, die wir in der Lehre und Haltung Jesu erkennen“ (S. 107).

Wie ist dieser scheinbare Widerspruch zu verstehen? Stott löst die Spannung auf, indem er von einer zweifachen Identität des Christen spricht. „Diese doppelte Identität hilft uns zu erkennen, was Selbstverleugnung beinhaltet: ‚Das Selbst, das wir verleugnen, ablegen und kreuzigen sollen, ist unser gefallenes Selbst, alles in uns, was mit Jesus Christus unvereinbar ist“ (S. 107). Weil das so wichtig ist, zitiere ich das im Zusammenhang aus der deutschen Ausgabe von Das Kreuz. Zunächst schreibt er: „Was wir sind (unser Selbst oder unsere persönliche Identität) ist zum Teil das Resultat der Schöpfung als Ebenbild Gottes und zum Teil das Resultat des Sündenfalls als entstelltes Ebenbild. Das Selbst, das wir verleugnen, von dem wir uns lossagen und das wir kreuzigen sollen, ist unser gefallenes Selbst, alles in uns, was nicht mit Jesus Christus vereinbar ist (daher seine Aufforderungen ‚verleugne er sich selbst‘ und dann ‚folge mir nach‘). Das Selbst, das wir bejahen und wertschätzen sollen, ist unser erschaffenes Selbst, alles in uns, was mit Jesus Christus vereinbar ist (daher seine Aussage, dass wir uns selbst finden werden, wenn wir uns durch Selbstverleugnung verlieren). Wahre Selbstverleugnung, die Verleugnung unseres falschen, gefallenen Selbst, ist nicht der Weg zur Selbstzerstörung, sondern zur Selbstfindung.“

Mehr hier: www.evangelium21.net.

C.S. Lewis: Lass sie ständig auf der Jagd sein

In seinen 31 Briefen gibt Onkel Screwtape seinem unerfahrenen Neffen hilfreiche Dienstanweisungen, wie man die Seele eines Patienten nicht durch große, spektakuläre Sünden, sondern durch Ausnutzung alltäglicher menschlicher Schwächen zur Beute der Hölle machen kann. C.S. Lewis’ Dienstanweisungen für einen Unterteufel sollte man in seinem Leben mehrmals lesen (vgl. auch hier).

Im 15. Brief erklärt der Unterteufel, weshalb es für ihn so hilfreich ist, Christen nicht in der Gegenwart leben zu lassen. Die Zukunft ist nämlich „der Ewigkeit am wenigsten ähnlich“. Wenn die Menschen ihre Gedanken ganz auf die Zukunft richten, dann können sie in der Gegenwart nicht viel anstellen (Dienstanweisungen für einen Unterteufel, 1995, S. 74):

Wir wollen eine ganze Rasse, die ständig auf der Jagd
nach dem Ende des Regenbogens ist, die niemals jetzt
ehrlich oder freundlich oder glücklich ist, sondern stets
jede wirkliche Gabe, die ihr in der Gegenwart zuteil
wird, nur als Brennstoff benutzt, den sie auf den Altar
der Zukunft häuft.