Vom Vertrauen in die Schrift

Gottfried Hermann fragt in seinem ausgezeichneten Artikel zur Reformation („Mehr als ein Kinderspiel“, Theologische Handreichung und Information, Nr. 4, 11/2017, S. 3–16, hier S. 15), woher der Martin Luther sein Gottvertrauen nahm? Die Antwort:

Es beruhte auf seinem unerschütterlichen Vertrauen in die Heilige Schrift als unverbrüchliches Wort Gottes. In diesem Wort fand er Halt in allen Anfechtungen. Denn in der Bibel redet Gott klar und verständlich zu uns Menschen. Das war es, was Luther 1525 dem großen Humanisten Erasmus entgegenhielt, der behauptet hatte, die Hl. Schrift enthalte viele dunkle (unverständliche) Stellen. Luther demonstrierte ihm das Gegenteil. Und er zeigte Erasmus gleichzeitig, dass der menschliche Wille zu nichts fähig ist, wenn es darum geht, vor Gott Heil und Gnade zu erlangen. Weil es in seiner Schrift „De servo arbitrio“ (Von geknechteten Willen) um diese beiden grundlegenden Themen ging, hielt Luther diese Schrift (neben dem Katechismus) für sein wichtigstes theologisches Werk.

Von Gender-Mainstreaming zur Akzeptanz sexueller Vielfalt

51ygbRo6ufL SX329 BO1 204 203 200Christoph Raedel hat ein zweites Buch über Gender-Mainstreaming geschrieben. Ich konnte es bisher nur überfliegen. Ohne es ganz gelesen zu haben, empfehle es gern weiter und schließe mich der Rezension, die Moritz Breckner für das MEDIENMAGAZIN PRO geschrieben hat, an:

„Der blinde Fleck im Konzept von Gender-Mainstreaming ist die fehlende Frage nach den Bedürfnissen von Kindern“, schreibt Raedel. Kinder unter drei Jahren brauchen für die optimale Entwicklung eine feste Bezugsperson, im Normalfall die Mutter – dies sei wissenschaftlich unstrittig. Auch in der Sexualpädagogik und beim Adoptionsrecht sei Ideologie wichtiger als reale Gegebenheiten.

Raedels nicht immer ganz objektives, aber stets sachliches Buch ist eine Bereicherung für den Diskurs. „Gender“ kann ein Augenöffner sein für alle, die sich in die Thematik hineinarbeiten wollen, und ein Nachschlagewerk für Pastoren, Journalisten oder Pädagogen. Der Theologe liefert Argumente, nicht um jeden Streit zu gewinnen, aber um als Christ begründet Zweifel anzubringen am Menschen- und Geschlechterbild, das der Zeitgeist gerade vorgibt. Was es wirklich brauche, schlussfolgert Raedel, sei ein „Familien-Mainstreaming“, das die Frage stelle, „wie Familien darin unterstützt werden können, als Familien zu leben, anstatt lediglich als Projektionsfläche feministischer Gleichheitsfantasien oder als Modul marktwirtschaftlicher Rechenspiele betrachtet zu werden“.

Lebendiger Glaube

Martin Luther schreibt zu Röm 3,28:

So halten wir nun dafür, dass der Mensch gerecht wird ohne des Gesetzes Werke, allein durch den Glauben.

in seinen „Thesen für fünf Disputationen über Römer 3,28 (1535–1537)“ (G. Wartenberg, W. Härle, & J. Schilling (Hrsg.), Christusglaube und Rechtfertigung: Deutsche Texte, Leipzig: Evangelische Verlagsanstalt, Bd. 2, S. 403–405):

1. Glaube muss hier als wahrer Glaube und als Gabe des Heiligen Geistes verstanden werden. 2. Wenn Paulus so verstanden wird, dass er vom erworbenen oder historischen Glauben redet, dann müht er sich ganz vergeblich. 3. Denn sogar die Scholastiker, obwohl sie von diesen Dingen keine Ahnung haben, gestehen zu, dass ein solcher Glaube nicht rechtfertigt. 4. Sie lehren ja sogar, dass selbst der vom Heiligen Geist eingegossene Glaube nicht rechtfertigt, wenn er nicht durch die Liebe geformt ist. 5. Denn das bekräftigen sie öffentlich, dass der eingegossene Glaube zusammen mit einer Todsünde bestehen und dass er verdammt werden kann. 6. Hieraus folgt: Wenn man meint, Paulus rede von einem solchen Glauben, dann meint man, er verkündige einen untätigen und erträumten Christus. 7. Denn Christus hilft und nützt solchen Gläubigen nicht mehr als selbst den Dämonen und Verdammten. 8. Da aber Paulus wortreich dem Glauben die Rechtfertigung zuschreibt, ergibt sich zwingend, dass er nicht über solche Glaubensgestalten (um sie so zu nennen) redet, die man als erworbenen, eingegossenen, ungeformten, geformten, nicht entfalteten, entfalteten, allgemeinen oder besonderen Glauben bezeichnet. 9. Diesen erworbenen Glauben gestehen sie sogar den Dämonen und den allerbösesten Menschen zu. 10. [Paulus] muss also von einem anderen Glauben sprechen, der Christus in uns zur Wirkung bringt gegen Tod, Sünde und Gesetz, 11. und der uns nicht den Dämonen und den Menschen, die zur  Hölle fahren, gleichen lässt, sondern uns den heiligen Engeln und den Kindern Gottes, die zum Himmel auffahren, gleich macht. 12. Das aber ist (wie wir ihn nennen) der Glaube, der Christus ergreift, der für unsere Sünden stirbt und um unserer Gerechtigkeit willen aufersteht, 13. das heißt, der nicht nur hört, was die Juden und Pilatus bei der Kreuzigung Christi getan haben oder was von seiner Auferstehung erzählt wird, 14. sondern der erkennt, dass die Liebe Gottes, des Vaters, dich durch Christus, der für deine Sünden hingegeben ist, erlösen und retten will. 15. Paulus verkündigt diesen Glauben, den der Heilige Geist auf die Evangeliumspredigt hin in den Herzen der Glaubenden bewirkt und erhält.

Voodoo-Rituale und der Menschenhandel

Erst am 5. September habe ich darauf aufmerksam gemacht  dass sich Voodoo heute auch in Europa großer Beliebtheit erfreut und die Bedenken gegenüber dem Zauber auf Klischees und Vorurteile zurückgehen. Im Grunde verhielten sich nur noch die Evangelikalen gegenüber dem Kult „extrem intolerant“.

Zugleich wird merkwürdigerweise sichtbar, welch große Rolle der Voodoo-Kult im Menschenhandel spielt. „Grausige Rituale, skrupellose Verwandte und verängstige junge Frauen: Mit großen Versprechungen werden Mädchen aus Nigeria nach Europa gelockt, mit Hilfe der afrikanischen Voodoo-Religion gefügig gemacht und so jahrelang zur Prostitution gezwungen“, berichtet der FOCUS.

Journalisten des Magazins STERN haben beobachtet, wie Frauen in Ritualen seelisch gebunden werden:

„Ich musste meine Finger- und Fußnägel schneiden und dann den oberen Teil meines Schamhaars“, erzählt Faith. Sie nahm ein Bad zwischen Tierhäuten, schluckte heißes Gebräu, sie strichen ihr das Blut einer geschlachteten Ziege auf die Stirn. Nackt verneigte sie sich vor dem Priester, sprach ihm nach und leistete den Schwur: Sie würde nach Europa gehen, sie folge allen Anweisungen, sie zahle 35.000 Euro zurück, sie erzähle nichts der Polizei. Breche sie den Eid, würde Ayelala Vergeltung üben in ihrer Familie, bis hin zum Tod.

Die Zeitschrift DIE WELT berichtet

„Die Täter gehen oft mit großer Brutalität vor“, sagte BKA-Präsident Jörg Ziercke in Berlin. Die Opfer würden durch körperliche Gewalt, Vergewaltigungen und Todesdrohungen zur Prostitution gezwungen. In schwarzafrikanischen Ländern würden zunehmend Voodoo-Rituale eingesetzt, um Frauen Angst einzujagen und ihnen vor der Schleusung nach Deutschland ein Schweigegelübde aufzuerlegen. Diese Opfer sind dann meist auch nicht bereit, mit der deutschen Polizei zusammenzuarbeiten. Ihre Aussagen aber sind notwendig, um überhaupt gegen die Täter ermitteln zu können.

Ist Voodoo also ganz harmlos? Der Kenianer Amkele Baming’a erklärte dem DLF, was heute kaum noch jemand glauben will: „Diese Witchdoctors benutzen satanische Kräfte. Denn Dämonen sind real. Das steht sogar in der Bibel: Mit satanischen Kräften kann man Wunder wirken.“

Die tödliche Versuchung

Markus Somm hat für die Basler Zeitung die lange Blutspur des Kommunismus nachgezeichnet. Das fatale Experiment hat wahrscheinlich 100 Millionen Menschen das Leben gekostet. Trotzdem hat der Kommunismus Intellektuelle angezogen und er tut es immer noch. Die Sowjetunion war der erste Staat, der Gott abschaffte und dessen Führung sich gleichzeitig für unfehlbar erklärte.

Lenins Putsch von 1917 bleibt eine der grössten Tragödien der Menschheitsgeschichte. Es war ein tollkühner, brutaler Coup, auf den das permanente Massaker folgte, das man als Kommunismus bezeichnete, und dank dem unzählige Linke, oft Söhne und Töchter aus bestem Hause wie Daniel Vischer, die alle Vorzüge des Kapitalismus kannten, sich eine gerechtere Welt erhofften. Doch selten haben Menschen anderen Menschen so viel Schlimmes, Grausames, Entsetzliches angetan, im Glauben, so das Los der Menschheit zu verbessern. Wie viele Menschen die Kommunisten in der Sowjetunion, in China, Vietnam, Kambodscha, Nordkorea, Kuba, Osteuropa oder Afrika umgebracht haben, ist Gegenstand der wissenschaftlichen Debatte nach wie vor. Unbestritten ist, dass es mindestens 65 Millionen waren, die starben, wahrscheinlich gingen gar 100 Millionen Menschen daran zugrunde. Die grössten Mörder hiessen Lenin, Stalin, Mao Zedong und Pol Pot, ihnen assistierten Abertausende kleiner Mörder.

Mehr: bazonline.ch.

Maggie Nelson will verkomplizieren

Miriam Zeh hat für den DLF-Büchermark ein Loblied auf Maggie Nelsons Die Argonauten gesungen. Die Literaturprofessorin Nelson ist von Roland Barthes beeinflusst und zieht gern Judith Butler oder Julia Kristeva heran. Sie erzählt in ihrem erfolgreichen Buch die Geschichte von der „Liebe der Zukunft“, die jenseits von Stereotypen und Konventionen fluide Geschlechtsidentitäten bejaht. Die These: Dort, wo – wie bei uns – die Begriffe „Mann“ und „Frau“ ihre Bedeutung mehr und mehr verlieren, entstehen neue Formen von Liebe, Freiheit und Familie.

Denn:

„Binäre Maschinen wie Frage – Antwort, männlich – weiblich, Mensch – Tier etc. haben hier ihren Sinn verloren. Das könnte eine Unterhaltung sein: Prozess und Verwirklichung eines Werdens.“

Maggie Nelson schreibt in „Die Argonauten“ einen äußerst kunstvollen, gleichermaßen intellektuellen wie poetischen Text. Und Jan Wilm trifft in seiner fantastischen Übersetzung einen Ton, der sowohl Nelsons analytischen wie auch ihrem lyrischen Nuancen gerecht wird. Dabei mag man Nelson vorwerfen, dass sie keine politische Agenda verfolgt, dass sie unschlüssig ist, sprunghaft und subjektiv.

All das stimmt und es ist großartig. Maggie Nelson will nichts einfacher oder eindeutiger machen, sie will verkomplizieren. Ihr gelingt eine Bekenntnisliteratur, die zu keinem Zeitpunkt beschämend ist, provozierend oder zornig. „Die Argonauten“ eröffnet allen Menschen jenseits von Konventionen und Stereotypen neue Räume von Liebe, Begehren und Freiheit. Maggie Nelson hat dafür eine wunderbare eigene, kluge und vielschichtige Form gefunden.

Hier das Loblied:

 

Orwell in China

China möchte bis 2020 ein System aufbauen, das das Verhalten seiner Bürger bewertet. Das chinesische „Sozialkreditsystem“ soll möglichst alles erfassen: Zahlungsmoral, Strafregister, Einkaufsgewohnheiten, Lebensstil und Lebenswandel. Dafür werden Daten über Daten gesammelt. In Städten, in denen Pilotprojekte laufen, machen viele Bürger begeistert mit. Wer gehorcht, wird belohnt.

Ich kann die Sendung aus der Reihe SWR2 Kontext sehr empfehlen:

 

Gründlich hören (1): Von der Wichtigkeit der Theologie

Vor längerer Zeit habe ich angefangen, einige Texte zum kritischen Lesen vorzuschlagen. Im Jahr 2015 startete die Reihe mit dem Beitrag: Braucht Gott dich?.

Heute wird allerdings gar nicht mehr so viel gelesen. Vor allem jüngere Leute hören, zum Beispiel beim Joggen oder im Stau. So erlaube ich mir, einen Vortrag für das gründliche Hören zu empfehlen:

Manuel Schmid, Dozent am Theologischen Seminar St. Chrischona und Theologiebeauftragter der ICF-Bewegung, hat kürzlich einen Vortrag zum Thema: „Warum diese Welt Theologen braucht“, gehalten. Pastor Schmid ist definitiv ein guter Kommunikator (Leute, die mit dem Schweizer Deutsch nicht so gut klar kommen, mögen das etwas anders sehen. Ich liebe es.). Seine evangelikale Selbstkritik bringt echte Nöte auf den Punkt und ich selbst bin offen für eine faire Kritik des Evangelikalismus. Dennoch geht der Vortrag in eine merkwürdige Richtung. Die Empfehlung einer „Jesus-Hermeneutik“ und das Finale mit der Rob Bell’schen Losung „Das letzte Wort hat die Liebe“ relativiert letztendlich die Kompliziertheit und zugleich die Einfachheit der Theologie empfindlich. Ich freue mich auf die Kommentare!

Hier:

„Ehe für alle“ – Fortschritt wohin?

Reinhard Junker hat für das Blog von Markus Till einen Gastbeitrag zum Thema: „Ehe für alle“ – Fortschritt wohin? verfasst. Darin heißt es:

Beim Thema „Ehe“ fängt man aus christlicher Sicht am besten buchstäblich bei Adam und Eva an. Nach dem biblischen Schöpfungszeugnis schuf Gott den Menschen als Mann und Frau, beide zusammen zu seinem Bilde (1. Mose 1,27), unterschiedlich – nicht nur körperlich, sondern auch in ihrem Fühlen, Denken und Handeln. Das unterstreicht 1. Mose 2, wo gesagt wird, dass die Frau als „passende Entsprechung“ zu Adam geschaffen wurde. Die Frau ergänzt den Mann im Sinne einer Gleichstufigkeit und Gleichwertigkeit.[1] Auch wird die Unterschiedlichkeit von Anfang an betont, die schon vor dem Fall schöpfungsmäßig vorgegeben ist. Beide werden mit einer bipolaren Sexualität ausgestattet: „Er schuf sie männlich und weiblich.“ 1. Mose 2,18.20 bringt die Zuordnung und das Miteinander der beiden Geschlechter zum Ausdruck: Der Mann ist hilfs- und ergänzungsbedürftig; „es ist nicht gut“, dass Adam allein ist.[2] Der Mann ist unvollständig und bedarf eines passenden Gegenübers. Die wunderhafte Erschaffung Evas nicht aus Staub (wie bei Adam), sondern aus der „Seite“ (wahrscheinlich aus der Herzgegend) bringt zum Ausdruck, wie wesensverwandt beide sind. Der abschließende Jubelruf Adams in 2,23 und 2,24 bestätigt, wie großartig Gottes Idee der Ehe ist, die hier eingesetzt wird.

Die Unterschiedlichkeit von Mann und Frau ist also schöpfungsmäßig gegeben, es handelt sich um eine geschöpfliche Grundtatsache, und so ist auch die Ehe zwischen Mann und Frau von Gott als Grundordnung eingesetzt worden. Jesus bestätigt dies nach dem Zeugnis der Evangelien ausdrücklich und uneingeschränkt mit Verweis auf die Heilige Schrift (Mt 19,4-5: „Habt Ihr nicht gelesen?“) und zitiert sinngemäß aus 1. Mose 1 und wörtlich aus 1. Mose 2. Es geht in Mt 19,3ff. zwar um die Frage der Ehescheidung, aber Jesus begründet die Antwort auf die ihm gestellte Frage mit Verweis auf den Anfang und bekräftigt damit, dass die Unterschiedlichkeit von Mann und Frau geschöpfliche Realitäten sind und dass die Ehe von Gott selber am Anfang eingesetzt wurde. Entscheidend ist hier die Grundhaltung Jesu zur (damals gegebenen) Heiligen Schrift, die er als Autorität anerkennt.

Anschließend widerlegt Dr. Junker gängige Einwände zum biblisch-tradierten Verständnis von Ehe, wie sie heute beispielsweise von den Befürwortern der Efa gebracht werden. 

Hier: blog.aigg.de.

Totem des Konsumkapitalismus

Matthew Crawford schreibt in Die Wiedergewinnung des Wirklichen: Eine Philosophie des Ichs im Zeitalter der Zerstreuung (Berlin, 2017, S. 121–121):

Ob man sie nun als infantil oder als höchste Errungenschaft des europäischen Denkens betrachtet: Die Vorstellungen Kants sind der philosophische Ursprung der modernen Gleichsetzung von Freiheit und Wahlmöglichkeit, wobei die Wahl als bloßer Ausdruck des unbedingten Willens verstanden wird. Das ist grundlegend für das Verständnis unserer Kultur, denn der so verstandene freie Wille dient als zentrales Totem des Konsumkapitalismus, und wir halten jene, die uns die Wahlmöglichkeiten anbieten, für Diener unserer Freiheit.

Mann kann nicht behaupten, dass Kant die Grundausrichtung dieser Eingriffe verursacht hat. Aber wenn man von der Prämisse ausgeht, die stumpfsinnige Natur bedrohe unsere Freiheit als vernünftige Wesen, ist die Verlockung groß, eine virtuelle Realität zu konstruieren, die weniger real ist – ein nettes Wunderhaus, in dem das Selbst nicht mit der Welt kollidiert und in dem es keine Kontingenz gibt, die unsere Handy-Dandy-Maschine nicht vorwegnehmen könnte. Kant versuchte, die Freiheit des Willens gegen äußere Einflüsse abzuschotten und zu einem „unbedingten“ apriorischen Gesetz zu machen, aber dazu musste er den Willen in eine separate Sphäre auslagern, aus der er keine kausale Wirkung in dieser, von der Newton’schen Kausalität beherrschten Welt entfalten kann. Der Preis für diese Illusion der Autonomie ist Machtlosigkeit.

Die Wiedergewinnung des Wirklichen: Eine Philosophie des Ichs im Zeitalter der Zerstreuung von Matthew B. Crawford

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ELThG²

226801000Der erste Band des neu herausgegebenen Evangelischen Lexikons für Theologie und Gemeinde (ELThG) ist erschienen als:

  • Heinzpeter Hempelmann (Hrsg.), Uwe Swarat (Hrsg.): Evangelisches Lexikon Für Theologie Und Gemeinde (ELThG²), völlig neu bearbeitete Auflage, Band 1, Holzgerlingen: SCM R. Brockhaus, 2017, € 128,00.

Das ELThG ist ein geschätztes Standardwerk der Theologie. Nun wurde es komplett überarbeitet und auf den neuesten Stand der Forschung gebracht.

Das neue ELThG² ist ein vierbändiges, breit angelegtes Lexikon, das alle Felder der Theologie aus protestantischer Perspektive darstellt. Es richtet sich an Theologen in Wissenschaft und Praxis, Theologiestudenten, kirchliche Mitarbeiter und theologisch interessierte Gemeindeglieder. Seine besonderen Kennzeichen sind die überkonfessionelle Ausrichtung, der interdisziplinäre Ansatz und die Allgemeinverständlichkeit der Artikel.

Mein Eintrag zum reformierten Theologen Herman Bavinck ist im ersten Band enthalten.

ELThG² – Band 1: Evangelisches Lexikon für Theologie und Gemeinde, Neuausgabe von

Preis: EUR 128,00

47 gebraucht & neu erhältlich ab EUR 128,00

 

Wie Banalitäten skandalisiert werden

Ich habe im Blog schon mehrfach darauf hingewiesen, dass in den USA verschärfte Antidiskriminierungsrichtlinien die Meinungsfreiheit an öffentlichen Einrichtungen bedrohen. Die postmoderne politische Korrektheit wird allmählich zu einer Gefährdung für die freie Lehre (vgl. z.B. hier).

Philip Kuhn beschreibt in einem Beitrag für DIE WELT, wie auch an den deutschen Universitäten inzwischen ein Geist einzieht, der Widerspruch und Eigenständigkeit kaum noch duldet. Wer aus dem Rahmen fällt, muss schnell mit arbeitsrechtlichen oder sonstigen Konsequenzen rechnen (vgl. auch: Die totale Anständigkeit oder „Ist das Gedicht frauenfeindlich?“).

In dem Artikel „An deutschen Unis werden Banalitäten skandalisiert“ heißt es:

Es hat sich etwas verändert an deutschen Universitäten. Banalitäten werden skandalisiert, der Wunsch, alles richtig zu machen und auf jede Befindlichkeit zu achten, hat vielerorts Überhand genommen. Ständig fühlt sich jemand verletzt. Und die Unis spielen mehr oder weniger freiwillig mit. So wie in Göttingen.

Am vergangenen Freitag wurden dort mehrere Dutzend Kunstwerke in der Zentralmensa der Universität abgehängt. Der Grund: Einige Studenten hatten sich an den nur leicht bekleideten Frauen und Männern auf den Bildern gestört. Die Ausstellung mit dem Titel „Geschmackssache“ war erst am 20. Oktober in der Unimensa eröffnet worden – angesichts wachsender Kritik vor allem in den sozialen Medien entschlossen sich die beteiligten Künstler aber rasch zum Abbruch.

Befeuert wurde der Ärger über die Kunst vom Allgemeinen Studierendenausschuss Asta und der Göttinger Gleichstellungsbeauftragten: Die freizügigen Bilder der Künstlerin Marion Vina seien „diskriminierend und sexistisch“, sie hätten in der Uni nichts verloren. Die Studenten sollen sich über „idealisierende und normschöne“ Frauenkörper geärgert haben. Zudem seien auf den Bildern insgesamt mehr halb nackte Frauen als Männer zu sehen.

Anders als in Würzburg war die Studentenschaft zumindest gespalten: Im aufgeklärten Universitätsmilieu müsse es möglich sein, satirische und provozierende Ausstellungen zu zeigen, hieß es in einer Stellungnahme des Studentenwerks. Man hoffe, dass dies nicht der Beginn einer Entwicklung sei, die Kunst über guten oder schlechten Geschmack definiere.

Mehr hier: www.welt.de.

VD: CR

Kaltstellung nach Kritik?

Nach einem kritischen Brief tritt Thomas Weinandy als Berater der amerikanischen Bischofskonferenz zurück. Der Amerikaner ist ein Mann der Mitte, ein weltweit renommierter Theologe und ein von Franziskus 2014 bestätigtes Mitglied der Internationalen Theologischen Kommission des Vatikans. Seine Worte lassen allerdings aufhorchen.

Die FAZ zitiert:

Sie haben oft von der Notwendigkeit der Transparenz in der Kirche gesprochen. Sie haben oft, besonders während der Synoden, alle ermutigt, besonders die Bischöfe, ihre Meinung zu sagen und keine Angst davor zu haben, was der Papst dazu denken würde. Aber haben Sie bemerkt, dass die Mehrheit der Bischöfe weltweit bemerkenswert still ist? Warum ist das so? Bischöfe lernen schnell, und was viele von Ihrem Pontifikat gelernt haben, ist nicht, dass Sie offen für Kritik sind, sondern, dass sie Kritik übelnehmen. Viele Bischöfe schweigen, weil sie Ihnen gegenüber loyal sein möchten, und deshalb äußern sie die Sorgen nicht, die Ihr Pontifikat aufwirft, zumindest nicht öffentlich, privat liegen die Dinge anders. Viele fürchten, dass sie an den Rand gedrängt werden oder Schlimmeres erfahren, wenn sie ihre Meinung sagen.

Mehr: www.faz.net.

Ein offenes Geheimnis

In meinen Gesprächen über den christlichen Glauben werde ich gern mit Erzählungen und Argumenten konfrontiert, die über Hollywood filmisch verbreitet worden sind. Beispielsweise: Film XYZ zeigt doch eindeutig, dass das Christentum eine verfälschte Bibel unters Volk gebracht hat. Oder: Dieser Film legt offen, dass (alle) Christen fürchterliche Heuchler sind. Manchmal habe ich den Eindruck, die neue Übererzählung, die uns heute vermeintlich helfen soll, in einer komplizierten Welt unseren Weg zu finden, stammt aus den Filmstudios.

Leider ist wahrscheinlich genau diese Branche verlogener als manche Institution, die wir so gern vor den moralischen Gerichtshof ziehen. Hollywood ist eine übergroße Inszenierung und in weiten Kreisen ziemlich verlogen.

Der Weinstein-Skandal, der ans Licht brachte, dass ein einflussreicher Produzent (z.B. Pulp Fiction, Shakespeare in Love, Inglourious Basterds, Mandela – Der lange Weg zur Freiheit) Frauen sexuell ausgebeutet hat, kratzt da nur an der Oberfläche. Kevin Spacey’s (American Beauty, House of Cards) geduldete Ausbeuterei werden wir in ein paar Monaten wahrscheinlich wieder vergessen haben. Ein anderes Kaliber ist allerdings Amy Bergs Dokumentarfilm „An Open Secret“ über Pädophilie in Hollywood. Ich habe den Film gesehen und mir wurde dabei schlecht. Kinderstars, deren Leinwandlächeln wir beim Familienabend gemeinsam bestaunt und beklatscht haben, wurden möglicherweise systematisch sexuell versklavt. Es war (und ist?) kein Geheimnis!

Dankenswerterweise berichtet die FAS über den Dokumentarfilm, der seit einigen Wochen endlich so ernst genommen wird, wie er es verdient hat. Die FAS schreibt:

Die Regisseurin Amy Berg zum Beispiel musste erleben, wie die Tagline zu ihrem Film „An Open Secret“ auf hässliche Weise wahr wurde. „The film Hollywood doesn’t want you to see“ hieß es, als er 2014 herauskam, und tatsächlich gab es ihn jenseits von drei oder vier nicht allzu großen Festivals auch kaum irgendwo zu sehen. Obwohl die Kritiken positiv waren, mochte kein Verleih, kein Sender, kein Streamingportal die Rechte erwerben. Als dann der Skandal um Harvey Weinstein losbrach, machte der Produzent den Film auf dem Portal Vimeo gratis zugänglich. Seit dem 12. Oktober hat er mehr als drei Millionen Viewings gehabt.

Amy Berg lässt in ihrer Dokumentation ehemalige Kinderstars zu Wort kommen, die davon erzählen, wie sie auf verschiedene Weise in Hollywood missbraucht wurden. Man sieht die Commercials und Shows, in denen sie auftraten, man hört die Eltern, die fassungslos sind und sich bisweilen für ihre Blindheit zu rechtfertigen versuchen, man erfährt einiges über die traumatischen Folgen. Niemand ist hier verpixelt; bei Berg kommen nur Opfer vor, die auch bereit waren, vor die Kamera zu treten. Das reicht mühelos, um die Strukturen eines langjährigen Pädophilen-Netzwerks zu erkennen.

Mehr: www.faz.net.

Heißt das nun, dass alles, was aus Hollywood kommt, verwerflich ist, dass es dort keine integren Akteure gibt? Nein! Wir sollten uns jedoch nicht blenden lassen!

Ersetzung der Wirklichkeit

Matthew Crawford schreibt in Die Wiedergewinnung des Wirklichen: Eine Philosophie des Ichs im Zeitalter der Zerstreuung (Berlin, 2017, S. 116):

Die schleichende Ersetzung der Wirklichkeit durch die virtuelle Realität ist ein herausragendes Merkmal des heutigen Lebens, aber sie hat Vorläufer im abendländischen Denken. Sie ist ein Kulturprojekt, das sich ausgehend von Immanuel Kants Versuch entwickelt hat, die Autonomie des menschlichen Willens zu verwirklichen, indem die materielle Wirklichkeit durch Abstraktionen gefiltert wird.

Die Wiedergewinnung des Wirklichen: Eine Philosophie des Ichs im Zeitalter der Zerstreuung von Matthew B. Crawford

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Aufmerksamkeitslandschaften

Matthew Crawford schreibt in Die Wiedergewinnung des Wirklichen: Eine Philosophie des Ichs im Zeitalter der Zerstreuung (Berlin, 2017, S. 69–70):

Man kann es auch so ausdrücken: Im Rahmen des Befreiungsprojekts der Linken wurden überkommene kulturelle Vorrichtungen beseitigt, die dem Leben des Individuums einst eine gewisse Kohärenz verliehen hatten (die vorteilhaft oder nachteilig sein mochte). Es entstand ein kulturelles Autoritätsvakuum, das mit Aufmerksamkeitslandschaften gefüllt wurde, passend entworfen vom Entscheidungsarchitekten, der sich der Aufgabe mit größter Energie widmete. Und normalerweise handelte es sich um einen Architekten, der ein Ertragspotential sah.

Die Wiedergewinnung des Wirklichen: Eine Philosophie des Ichs im Zeitalter der Zerstreuung von Matthew B. Crawford

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