Die Dreiteilung des alttestamentlichen Gesetzes

Die klassische Dreiteilung des alttestamentlichen Gesetzes wird heute von vielen Theologen abgelehnt, mitunter auch von jenen, die in der Tradition der reformierten Theologie stehen. Zumindest sind viele gegenüber dieser Unterscheidung misstrausch.

Um ein Beispiel zu nennen: D.A. Carson hält es für möglich, dass sich die Kategorien Moralrecht, Zivilrecht und Zeremonialgesetz aus der Schrift entwickeln lassen – auch wenn sie dort nicht ausdrücklich gelehrt werden. Aber diese Unterscheidung ist problematisch, wenn wir sie a priori in die Schrift eintragen. Er schreibt („Mystery and Fulfillment: Toward a More Comprehensive Paradigm of Paul’s Understanding of the Old and the New“, in: P.T. O’Brien u. M.A. Seifrid (Hrsg.), Justification and Variegated Nomism: The Paradoxes of Paul, Bd. 2, Baker Academic; Tübingen: Mohr Siebeck u. Grand Rapids, MI: Baker Academics, 2004, S. 429):

Kurz gesagt, das Problem mit der Dreiteilung des Gesetzes, die als Mittel zur Erklärung von Kontinuität und Diskontinuität zwischen den Testamenten auf Thomas von Aquin zurückgeht, besteht darin, dass sie versucht, ein apriorisches Raster zu konstruieren, um herauszufinden, welche Teile des Gesetzes Christen halten oder tun müssen, und dass sie davon ausgeht, dass Paulus ein solches Raster übernommen haben muss, auch wenn er es nicht ausdrücklich nennt. Wenn wir uns stattdessen in dieser Hinsicht enger an die paulinische Terminologie halten, können wir immer noch sinnvollerweise von der Dreiteilung aus einer a posteriori-Perspektive sprechen: Nachdem wir die Muster von Kontinuitäten und Diskontinuitäten, die Paulus aufstellt, beobachtet haben, können jene Gesetze des alten Bundes, die Christen in einer Weise „erfüllen“, die ihrer Funktion innerhalb des alten Bundes am ehesten entspricht, sicher als „moralisch“ bezeichnet werden, ohne zu befürchten, dass eine a priori-Definition Paulus‘ Denken domestiziert.

Das Buch From the Finger of God: The Biblical and Theological Basis for the Threefold Division of the Law von Philip S. Ross untersucht die biblische und theologische Grundlage für die klassische Unterteilung des alttestamentlichen Gesetzes. Es beleuchtet einige der Auswirkungen dieser Unterteilung auf die Lehre von der Sünde und der Sühne und kommt zu dem Schluss, dass die Theologen diese Unterteilung zu Recht als in der Heiligen Schrift verwurzelt und die Zehn Gebote als ewig verbindlich ansahen.

Auch für jene, die die Dreiteilung ablehnen, liefert das Buch eine solide Darstellung und Erklärung der alten Differenzierung. Es verfolgt die Spuren nicht nur zurück bis zu den Kirchenvätern, sondern sucht schon im Judentum nach Indizien und macht dafür Anleihen bei den Untersuchungen von Walter Kaiser (S. 20): 

Kaiser weist darauf hin, dass die Suche nach den Ursprüngen der Dreiteilung, die bei den Kirchenvätern endet, nicht weit genug zurückreicht. Obwohl er nicht behauptet, dass sie von den Rabbinern stammt, zitiert er Montefiores und Dalmans Zeugnis über die Unterscheidung zwischen „schweren“ und „leichten“ Geboten durch die Rabbiner.

Wenn Montefiore recht hat, kannten die Rabbiner die Unterscheidung zwischen zeremoniellen und moralischen Geboten, und im Großen und Ganzen betrachteten sie die „moralischen“ als wichtiger und grundlegender als die „zeremoniellen“ – sie akzeptierten eine Zweiteilung. Dies mag den Grundstein für den von einigen Kirchenvätern bevorzugten Ansatz gelegt haben, und in späteren Kapiteln wird sich zeigen, dass der Vorrang des „moralischen“ Gesetzes eine fest etablierte Ansicht war.

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Rechtes Christentum

Der kanadische Religionsphilosoph Charles Taylor hat in seinem Buch Das säkulare Zeitalter den Begriff „Soziales Vorstellungsschema“ entwickelt. Er beschreibt damit Überzeugungen, Verhaltensweisen, normativen Erwartungen und unbewussten Annahmen, die Angehörige einer Gesellschaft teilen und die ihren Alltag prägen. Zusammengefasst ist das soziale Vorstellungsschema die Art und Weise, wie Menschen sich die Welt vorstellen und intuitiv in ihr handeln.

Wie deutlich sich das Soziale Vorstellungsschema in den letzten Jahren auch in kirchlichen Kreisen gewandelt hat, offenbart ein frischer Text aus der Evangelischen Zentralstelle für Weltanschauungsfragen (EZW). Martin Fritz geht dort der Frage nach, was „rechte Christen“ sind und wie man mit ihnen umgehen soll. Kurz: Wer die Sexuelle Revolution für eine Fehlentwicklung hält, wer für das Lebensrecht eintritt, wer gelebte Homosexualität nicht bejaht, wer die Verflüssigung von Geschlechtszuschreibungen und Geschlechterrollen (vgl. Judith Butler) ablehnt, ist laut Fritz im Netz einer rechtschristlichen Anti-Haltung gefangen. Wörtlich schreibt er:

Die Basis rechtschristlicher Anti-Haltung ist ein umfassendes Krisenbewusstsein. Die Protagonisten leiden an den kulturellen Wandlungen, die sie oftmals mit dem Symboljahr „1968“ verbinden und als allgemeinen „Linksruck“ beschreiben. Sexuelle Revolution, Straffreiheit von Abtreibung, Legalisierung und Akzeptanz der Homosexualität (bis hin zur „Homo-Ehe“), Verflüssigung von Geschlechtszuschreibungen und Geschlechterrollen („Genderismus“) – der Umbruch in diesen sexual- und genderethischen Fragen wird von vielen als „Kulturbruch“ empfunden. Hinzu kommen die ethnisch-kulturellen Verschiebungen durch die „Masseneinwanderung“, gerade aus mehrheitlich muslimischen Ländern, aber auch die Transformationswirkungen von globalisiertem Kapitalismus und technischem Fortschritt, die in der Wahrnehmung vieler eine geistentleerte Kultur der Zerstreuung und des Konsumismus hervorgebracht haben. Die öffentlich und mit Nachdruck erhobenen Forderungen radikalen Umdenkens und Umsteuerns in Fragen der Vergangenheitsaufarbeitung und Diskriminierungsprävention (Postkolonialismus, „Wokismus“, Gendersprache) sowie des Umwelt- und Klimaschutzes („Ökologismus“) werden schließlich von nicht wenigen als bedrohliche Eingriffe in ihre bewährten Selbstverständnisse und Lebensgewohnheiten erlebt.

Nun enthalten diese Behauptungen ja nichts Neues. Bezeichnend für den Wandel des Soziales Vorstellungsschemas ist die Tatsache, dass diese Zuschreibungen, die wir seit Jahren aus der FRANKFURTER RUNDSCHAU oder TAZ kennen, aus der EZW stammen.

Die EZW ist die Nachfolgeorganisation der Apologetischen Centrale, die nach dem Ersten Weltkrieg durch Innere Mission in Berlin gegründet wurde. Geleitet wurde sie viele Jahre von Walter Künneth (1901–1997). Künneth hat den Einsatz für das Lebensrecht, die historische christliche Sexualethik und die binäre Geschlechterordnung als wesensmäßig für den christlichen Glauben verstanden. Auch wenn er Vorbehalte gegenüber den Ideen einer „Schöpfungsordnung“ oder dem „Naturrecht“ hegte (weil er hier die Auswirkungen der Sünde zu wenig berücksichtigt fand), trat er doch entschieden für eine göttliche „Erhaltungsordnung“ ein, die der Kirche in der Botschaft der Heiligen Schrift anvertraut ist.

Aus der Sicht von Martin Fritz sind „ordnungstheologische Figuren“, egal, wie sie letztlich genannt werden, bereits Kennzeichen eines „rechten Christseins“ und damit Verirrungen. Es werden weltliche Vorstellungsschemata herangezogen, um christliches Denken und Leben zu dekonstruieren.

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Viele Märtyrer bezeugten trotz entsetzlicher Qualen ihren Glauben

Berthold Seewald beschreibt für DIE WELT die schweren Christenverfolgungen unter Kaiser Diokletian im Februar 303:

Diokletian gab daraufhin alle Zurückhaltung auf und setzte eine reichsweite Verfolgung in Gang. Diese wurde von den Beamten vor Ort allerdings mit unterschiedlichem Engagement durchgeführt. Während Galerius (auf dem Balkan) und Maximian (Italien, Spanien, Nordafrika) sich dabei hervortaten, scheint sich Constantius (Gallien, Britannien) auf die Zerstörung von Kirchen beschränkt zu haben.

Christen, die dem Kaiser opferten, blieben verschont. Aber viele Märtyrer bezeugten ihren Glauben durch bewundernswerte Leidensfähigkeit. Von einem Sklaven wird berichtet, dass man ihn zunächst nackt auszog, in die Höhe zog und auspeitschte. Sodann träufelte man ihm Essig und Salz in die Wunden und röstete ihn langsam auf einem Rost, berichtet der Kirchenhistoriker Wolfram Kinzig.

Vor allem im Osten des Reiches wurden die Edikte ab 303 mit großer Konsequenz durchgesetzt. Kinzig zitiert den christlichen Historiker Eusebius von Caesarea, von dem eine nach Regionen geordnete Liste von Folter- und Hinrichtungsarten überliefert ist: In Arabia bevorzugte man die Hinrichtung mit dem Beil, in Kappadokien das Brechen der Beinknochen. In Mesopotamien wurden die Verurteilten den Kopf voran über schwelendes Feuer gehängt und starben an Rauchvergiftung. In Alexandria schnitt man ihnen Nasen, Ohren, Hände und andere Körperteile ab. In Antiochia wurden sie geröstet, gezwungen, einen Arm ins Feuer zu halten, oder im Meer ertränkt.

Gefürchtet war der Tod auf dem Streckpferd, der mit eisernen oder glühenden Krallen herbeigeführt wurde. Kämpfe mit wilden Tieren oder verschiedene Arten von Feuerhinrichtungen – auf dem eisernen Stuhl oder am Pfahl – erfreuten sich beim paganen Publikum großer Beliebtheit. Um in der Arena für spektakuläre Auftritte zu sorgen, ließen Ausrichter ihrer morbiden Fantasie freien Lauf. Frauen blieben manchmal am Leben, um ins Bordell gesteckt zu werden. In Ägypten ließ ein Statthalter den Christen mit Scherben die Haut aufreißen. Frauen wurden nackt kopfüber an einem Bein aufgehängt und in die Luft gezogen. Andere Verurteilte zerriss man zwischen auseinander schnellenden Bäumen.

Doch derartige Spektakelmartyrien waren ambivalent. Zum einen schreckten sie ab, zum anderen wirkten Standhaftigkeit und der Mut vieler Christen angesichts von Leiden und Tod auch anziehend, „denn sie dokumentierten die Wirkkraft der neuen Religion auf das gläubige Individuum und dessen Hoffnung auf Belohnung im Jenseits“, schreibt Kinzig.

Mehr: www.welt.de.

Was heißt Biblizismus?

Hans Joachim Iwand sagte in einer Göttinger Vorlesung über die Theologiegeschichte des 19. und 20. Jahrhunderts (Hans Joachim Iwand u. Gerard Cornelis den Hertog (Hg.), Theologiegeschichte des 19. und 20. Jahrhunderts: Vater und Söhne, Nachgelassene Werke, Bd. 3,  Gütersloh: Gütersloher Verlagshaus, 2001, S. 27):

Was heißt Biblizismus? Es bezeichnet den Kampf um die Autopistie [unmittelbare Glaubwürdigkeit; Anm.]der Heiligen Schrift, also um die Frage, was nun die kritische Wissenschaft, die vergleichende, quellenkritisch vorgehende Wissenschaft des Alten und Neuen Testaments, die im neunzehnten Jahrhundert ihre größten Triumphe feiert, für das Vertrauen des Christen zur Heiligen Schrift bedeutet. Schiebt sich nicht hier ein neuer Papalismus [die Auffassung, nach der dem Papst die volle Kirchengewalt zusteht; Anm.] nämlich die Gelehrten – zwischen das Wort und den Glauben? Der Biblizismus im neunzehnten Jahrhundert ringt darum, hier einen vielleicht sehr engen, aber doch unantastbaren Zugang frei zu halten. Er sieht die furchtbare Gefahr, die in Positivismus und Liberalismus liegt – daß an die Stelle des Vertrauens zum Wort Gottes das Vertrauen auf die Wissenschaft tritt, ein Vertrauen, das nicht ausreicht, um die Seligkeit und Gewißheit darauf zu gründen. Darum ist dieser Kreis von Theologen – unter denen Menken, Beck und Kähler insonderheit zu nennen sind, – immer wieder von der Gewißheitsfrage bewegt – und Karl Heim ist der bis in unsere Generation hineinreichende, lebendige Vertreter dieser wichtigen theologischen Tradition. Vielleicht wird man hier auch Kohlbrügge, auch den älteren Blumhardt nennen müssen. Sie fühlen sich als die Vertreter des Laien in der Theologie, und einer unter ihnen hat diese Aufgabe geradezu als die der Dogmatik bezeichnet. 

„Einen Sohn zu haben, ist problematisch“

Das Leben mit ihren zwei Söhnen hat den Feminismus einer Berliner Autorin Shila Behjat umgekrempelt. Gerade in progressiven Kreisen beobachtet die 41-Jährige eine Abneigung gegen alles Männliche. Das bereitet ihr inzwischen große Sorgen. Zurecht.

Im Interview mit DER WELT sagte sie:

Ich habe gemerkt, dass viele Mütter von Söhnen gerade dieselben Themen haben: Einen Sohn zu haben, ist irgendwie problematisch in der heutigen Zeit. Ich würde wirklich sagen, Jungs sind mittlerweile benachteiligt. Denn es gibt, zumal in unseren „progressiven“ Kreisen in Berlin, nichts, das weniger sexy ist, als ein weißer Mann zu sein. Ich beobachte, dass wir gesellschaftlich keine Antwort gefunden haben, was die Zukunft der Geschlechterrollen betrifft. Und aus dieser Leerstelle entsteht ein Wirrwarr für meine männlichen weißen Kinder. Sie sollen nur nicht. Nicht dominieren. Nicht das Wort ergreifen. Nicht die Ersten sein. Sie sind einfach nicht dran. Und gleichzeitig dreht die Welt sich aber genauso weiter, eine Welt, in der es brutal um Wettbewerb geht. Von einer Mutter von Söhnen zu erwarten, dass sie einfach nur sagt: Na gut, sie sind eben nicht dran. Das macht einfach keine.

Übrigens: Nancy Pearcey, Autorin des Buches The Toxic War on Masculinity, kommt im Juni in die Schweiz und spricht auf der Konferenz Culture Shift: Glaube, Gender und Sexualität in der heutigen Zeit.

Hier geht’s zum Interview mit Shila Behjat: www.welt.de.

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Soll Leihmutterschaft gesellschaftliche Normalität werden?

Im April soll eine Fachkommission der Bundesregierung ihre Ergebnisse zur Leihmutterschaft vorlegen. Während Liberale eine Legalisierung als gesellschaftlichen Fortschritt begrüssen würden, warnt die CDU davor, dass Kinder zur Ware werden könnten, meldet die NZZ:

Die Ampelregierung aus Sozialdemokraten, Grünen und FDP hat eine Kommission eingesetzt, die nicht nur die Legalisierung der altruistischen Leihmutterschaft überprüfen soll, sondern auch die bisher in Deutschland verbotene Eizellenspende, ausserdem die künftige Straffreiheit des Schwangerschaftsabbruchs. Die Kommission werde am 15. April 2024 ihre Ergebnisse vorlegen, antwortet das Bundesjustizministerium auf Anfrage. Bis dahin sind ihre Mitglieder zur Verschwiegenheit verpflichtet.

Einberufen wurde die Kommission von dem FDP-Justizminister Marco Buschmann, der grünen Bundesfamilienministerin Lisa Paus und dem SPD-Gesundheitsminister Karl Lauterbach. Zum Erscheinen dieses Textes hat lediglich das Familienministerium Fragen der NZZ zu der Kommission konkret beantwortet. Da die gesetzliche Regelung zur Leihmutterschaft bereits 30 Jahre alt sei, solle geprüft werden, «inwieweit dieses Verbot noch zeitgemäss» ist.

Es geht um eine Praxis, die noch vor einigen Jahrzehnten völlig unbekannt, wenn nicht undenkbar war: Eine Frau, fast immer in finanzieller Notlage, wird künstlich befruchtet, gebärt ein Kind und verkauft, sofern es gesund ist, das Baby an ihr unbekannte Kunden. Eine Agentur fungiert als Händler zwischen der Frau und den ‹neuen Eltern›. Die Mutter wird im wahrsten Sinne des Wortes zur Gebärmaschine.

Allein der Versuch, diese Praxis zu legalisieren, zeigt die Orientierungslosigkeit einer Politik, die nur noch ein positives Recht kennt. Arthur Schopenhauer hat den Irrtum gut erkannt und benannt (Die Welt als Wille und Vorstellung, 1977, Kap. 47, S. 695):  

„Die, welche, mit Spinoza, leugnen, daß es außer dem Staat ein Recht gebe, verwechseln die Mittel, das Recht geltend zu machen, mit dem Rechte. Des Schutzes ist das Recht freilich nur im Staat versichert, aber es selbst ist von diesem unabhängig vorhanden. Denn durch Gewalt kann es bloß unterdrückt, nie aufgehoben werden.“ 

Christentum und funktionaler Liberalismus

Unter einem „theologische Liberalismus“ können sich viele Leute etwas vorstellen. Sie denken dabei beispielsweise an Friedrich Schleiermacher oder Ernst Troeltsch. Aber schon mal was von einem „funktionalen Liberalismus“ gehört?

Der funktionale Liberalismus unterscheidet sich vom bekannten „alten Liberalismus“, indem er den Lehrbekenntnissen offiziell zustimmt, sie aber in der Praxis untergräbt – sei es, „indem er ihre Bedeutung herunterspielt, sie uminterpretiert oder ihre logischen Implikationen ablehnt“.

Doug Ponder und Bryan Laughlin haben das näher herausgearbeitet: 

Während Machen über das Christentum und den Liberalismus schrieb, schreiben wir, dazu ergänzend, eine Art Anhang über das Christentum und den funktionalen Liberalismus.13 Wir nennen ihn „funktionalen Liberalismus“ (und nicht Liberalismus simpliciter), weil diese Sorte des Virus im Gegensatz zur Bedrohung zu Machens Zeiten nicht die gleichen Symptome aufweist (auch wenn er eine ähnliche Ursache hat). Machens Liberale waren Modernisten, die offen die Zuverlässigkeit der Bibel, die Realität des Übernatürlichen, die Notwendigkeit des Sühneopfers und die physische Auferstehung Jesu Christi von den Toten leugneten. Wie die berühmte Karikatur von E.J. Pace aus dem Jahr 1922 illustriert, vollzog sich die Abkehr der Liberalen vom Glauben oft in Etappen, wobei die Wahrhaftigkeit der Bibel als Erstes infrage gestellt wurde. Es gibt noch einige wenige Liberale dieser Art. Aber diejenigen, die an dem Glauben festhalten, der den Heiligen ein für alle Mal überliefert worden ist (vgl. Jud 3), sind – zum großen Teil dank Machen und seinen Erben – nicht versucht, sie als Teil des Leibes Christi anzuerkennen (vgl. 1Joh 2,19).

Das Problem, mit dem wir heute konfrontiert sind, ist von einer etwas anderen Art. Während der Liberalismus eine offene Verleugnung zentraler christlicher Lehren beinhaltete, besteht das Wesen des funktionalen Liberalismus darin, dass er den Lehrbekenntnissen auf dem Papier zustimmt, sie aber in der Praxis untergräbt – sei es, indem er ihre Bedeutung herunterspielt, sie uminterpretiert oder ihre logischen Implikationen ablehnt. Wir sind nicht die Ersten, die diese Beobachtung machen. Irgendwo in den Annalen von D.A. Carsons gewaltigem Werk findet sich ein Vortrag, in dem er eine eindringliche Warnung ausspricht: „Die Zukunft des Liberalismus in den amerikanischen Gemeinden wird nicht so aussehen wie vor einem Jahrhundert. In konservativen Seminaren und Gemeinden wird es keine schamlose Verleugnung zentraler Lehrsätze geben, um die in der Vergangenheit Schlachten ausgetragen wurden. Stattdessen werden dort Leute auftreten, die behaupten, die Lehren zu bekräftigen, während sie sie durch subtile, aber substanzielle Neuinterpretationen untergraben.“

Ein wichtiger Aufsatz, auch wenn seine Beispiele alle aus Nordamerika stammen.

Mehr hier: www.evangelium21.net.

Die Heuchelei der kulturellen Elite in Sachen Ehe

Hört man auf die Leute, die heutzutage in Sachen „Beziehungen“ den Ton angeben, dann erscheint die Ehe als Auslaufmodell. Dabei ist es in Wirklichkeit gar nicht so schlecht um die traditionelle Ehe bestellt (jedenfalls ins Nordamerika), wie ein Artikel von Brad Wilcox aus The Atlantic zeigt.

Fazit: 

Menschen, die Kurse über das Eheleben geben oder Artikel und Bücher darüber schreiben, sollten ihren Schülern und Zuhörern die Wahrheit über Ehe und Familie sagen. Ja, die Ehe ist schwierig. Ja, manche Familien sind dysfunktional. Ja, es gibt toxische Partner da draußen. Und ja, es ist natürlich möglich, ein gutes Leben zu führen, ohne zu heiraten. 

Es sollte aber auch gesagt werden: Heute sind die meisten Ehen glücklich, die Wahrscheinlichkeit, geschieden zu werden, liegt jetzt deutlich unter 50 Prozent, und verheiratete Eltern (im Alter von 18 bis 55 Jahren) sind glücklicher als jede andere vergleichbare Gruppe. Die Öffentlichkeit, insbesondere unsere Kinder und jungen Erwachsenen, müssen dies deutlicher und häufiger hören. Dabei geht es nicht darum, junge Menschen zu schikanieren, sondern zu verdeutlichen, dass Ehe und Familienleben Sinn, Orientierung und Glück vermitteln. Wir können immer noch tolerant gegenüber individuellen Umständen sein, ohne die Tatsache aus den Augen zu verlieren, dass nicht alle Wege mit gleicher Wahrscheinlichkeit zu dem gewünschten Ergebnis führen.

Hier: www.theatlantic.com.

VD: WH

Der Zensurzonen-Plan: Friedliche Gebete dürften eigentlich nicht verboten werden

In den vergangenen Wochen hatte ein neuer Gesetzesentwurf für Verunsicherung und Diskussionen gesorgt: Das Vorhaben, das zurzeit vom Bundesrat behandelt wird, sieht die Einführung von Zensurzonen vor und Bußgelder von bis zu 5000€ bei Verhalten, das „verwirrend“ oder „verstörend“ wirken könnte.

Dabei ist unklar, ob die Regierung die friedlichen Gebete verbieten möchte. Rechtsexperte und Leiter der europäischen Rechtsabteilung bei ADF International, Dr. Felix Böllmann, ist sich sicher: „Friedliches Gebet kann nicht verboten werden. Die Überzeugung, dass jedes Leben schützenswert ist und Unterstützung verdient, ist nicht kriminell. Die Einführung von Zensurzonen schadet der Gesellschaft und nützt nur Abtreibungsorganisationen, die schon seit langem dafür lobbyieren. Die Grundrechte sind auf der Seite der friedlichen Beter. Unabhängig davon, was man über Abtreibung denkt, schadet die Zensur von Hilfsangebot und Überzeugung jedem.“

Doch was soll genau verboten werden? Sind Belästigungen, gar Hass und Hetze, wie die Bundesfamilienministerin unlängst behauptete, vor Abtreibungsorganisationen tatsächlich ein akutes, landesweites Problem? Auf Anfrage gab die Bundesregierung kürzlich zu: „Konkrete zahlenmäßige Erkenntnisse … liegen der Bundesregierung nicht vor.“

„Die Bundesregierung will etwas verbieten, weiß aber nicht was und warum.“

„Friedliche Gebetsversammlungen sollten vom Staat geschützt, nicht bekämpft werden. Die Bundesregierung will etwas verbieten, weiß aber nicht was und warum. Das ist gesetzgeberischer Blindflug! Dadurch entsteht ausschließlich Verwirrung, und zwar bei rechtstreuen Bürgern, die sich für eine gute Sache engagieren ebenso, wie bei Polizeibeamten und Ordnungsamtsmitarbeitern, die die vagen Verbotstatbestände dann vor Ort umsetzen müssten“, so Dr. Felix Böllmann.

Elisabeth Elliots dritte Ehe

Die Missionarin und Autorin Elisabeth Elliot (1926–2015) ist für viele Christen (auch) in Deutschland eine wertvolle Ratgeberin geworden. Sie hat zum Beispiel erzählt, wie lange sie auf ihre Ehe mit Jim wartete. Fünf Jahre dauert es, bis Jim Elliot den Eindruck hatte, Gott erlaube ihm, Elisabeth zu heiraten. Fünf quälend lange Jahre. Literarisch verarbeitet in dem Buch Eine harte Liebe (#ad).

Zusammen mit ihrem Mann Jim arbeitete Elisabeth später als Missionarin im östlichen Teil von Ecuador. Und auch dort hat Gott ihr und ihrem Mann sehr viel abverlangt. Im Januar 1956 wurden Jim und vier weitere Missionare von Huaorani-Indianern ermordet.

Elisabeth missionierte weiter und hat viele anrührende Bücher geschrieben. Ihre Leser spürten die Tiefe, lernten von ihrem Gottvertrauen – und ahnte etwas von dem Schmerz, der sie begleitete.

Was ich nicht wusste und möglicherweise auch viele ihrer Leser bisher nicht erfahren haben: Die dritte Ehe von Elisabeth verlief sehr unglücklich. In zwei neuen Biographien wird davon berichtet.

Liz Charlotte Grant, die sich inzwischen von ihrer evangelikalen Herkunft distanziert, hat in einem Artikel die Biographien vorgestellt und dabei auch ihre Ehe mit Lars Gren beschrieben. Ehemänner finden hier ihr Anti-Vorbild.

Einige Auszüge:

Die Biografin Ellen Vaughn beschreibt die Logik von Elliots dritter Ehe folgendermaßen: „Ich konnte … Elisabeths verständliche Einsamkeit, ihr tiefes Bedürfnis nach Bestätigung, ihren körperlichen Hunger, ihre Müdigkeit und ihren Wunsch, ‚beschützt‘ zu werden, sehen, die sie allmählich und heimtückisch, Schritt für Schritt, in eine schwierige dritte Ehe führten, die sie für den Rest ihres langen Lebens einschränkte und kontrollierte.“ Elliot „tauschte … Freiheit gegen Sicherheit. Sie wurde zu einem Menschen, dessen höchster Wert der Wunsch war, sich sicher zu fühlen.“ Leider hatte Gren keine Sicherheit zu bieten, und seine Anwesenheit verschlimmerte Elliots Schmerz nur noch.

Beide Biographen beschreiben eine dramatische Einschränkung von Elliots Freiheit, nachdem sie das dritte Mal geheiratet hatte. Gren bestimmte, wann sie eine Tasse Tee trank, ein Bad nahm und wann sie schlief. Er kontrollierte häufig den Kilometerzähler ihres Autos und vergewisserte sich, dass sie keine ungeplanten Stopps eingelegt hatte. Er kontrollierte das Thermostat im Haus. Er belauschte ihre Telefongespräche und hatte das letzte Wort darüber, ob sie ihre Freunde besuchte, wobei er Einladungen für sie oft in letzter Minute ablehnte. Wenn er wütend auf seine Frau war, weigerte er sich tagelang, mit ihr zu sprechen. Und am schmerzlichsten für Elliot war, dass Gren „ihr willkürlich den Zugang zu ihrer Tochter, ihrem Schwiegersohn und ihren Enkelkindern, die sie über alles liebte, verwehrte“, schreibt Vaughn.

Die Manipulationen verschlimmerten sich, als Elliots Ehemann die Leitung der „Elisabeth-Elliott-Industry“ übernahm, wie Austen es in einem Interview bezeichnete. Austen schreibt: „Er stellte sie auf dem Podium vor, justierte ihr Mikrofon, verwaltete den Büchertisch und sorgte dafür, dass sie aß. Er entschied, wann sie sich ausruhte, wann sie arbeitete und wann sie sich unterhielt … er tadelte sie für Fehler beim Sprechen … und kritisierte sogar ihre Körperhaltung.“ Gren hielt einen zermürbenden Redeplan für die introvertierte Elliot aufrecht, die oft Alpträume vom öffentlichen Reden hatte und sich in ihren späteren Jahren lieber aus dem öffentlichen Leben zurückgezogen hätte. Sie fügte sich jedoch den unerbittlichen Erwartungen von Gren, und so wuchs ihr Einfluss (zu ihrem Leidwesen) weiter.

Noch lange nach ihrer Alzheimer-Diagnose in den 1990er Jahren hielt Elliot wegen Gren eine Vielzahl von Vorträgen – selbst nachdem sie die Fähigkeit zu sprechen verloren hatte. Mindestens einmal ließ Gren sie lächelnd auf der Bühne sitzen, während er ein Band mit einer Rede abspielte, die sie Jahre zuvor aufgenommen hatte. Erst als ein Arzt das Ende ihrer Reise anordnete, wurde sie von den Zumutungen ihres Mannes erlöst.

Mehr: therevealer.org. Siehe auch den Artikel „Elisabeth Elliot und die tröstliche Souveränität Gottes“ von Miriam Münch.

VD: NP

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Bollwerke des Unglaubens

Immer mehr Menschen im Westen bezeichnen sich als Atheisten oder sind zumindest praktische Atheisten. Sie leben so, als ob es Gott nicht gäbe.

Christliche Apologeten reagieren auf diese traurige Wirklichkeit meist, indem sie rationale Argumente für Gottes Existenz entwickeln. Ich will nicht sagen, dass das unwichtig ist. Ich bin im Gegenteil der Meinung, dass die Klärung religionsphilosophischer Fragen vom Standpunkt des christlichen Glaubens aus notwendig ist. Und doch greift das allein zu kurz. Was viele Menschen in den praktischen oder theoretischen Atheismus treibt, ist die gefühlte Abwesenheit Gottes, wie der spätmoderne Mensch sie erlebt.

Joseph Minich hat genau darüber ein anspruchsvolles und doch hochspannendes Buch geschrieben. Er zeigt, dass die jüngsten technologischen und kulturellen Veränderungen im Westen dazu geführt haben, dass Gott „nicht mehr gebraucht wird“. In dem Maße, in dem die moderne Technokultur unsere Wahrnehmung der Realität und unseren Glauben an das Unsichtbare umgestaltet, verstärkt sie ihrerseits das scheinbare Schweigen Gottes.

Der beste Film, den ich 2023 gesehen habe, heißt „Stowaway – Blinder Passagier“ (2021, Regie: Joe Penna). Eine dreiköpfige Raumschiff-Crew reist zum Mars. Sie finden einen blinden Passagier an Bord. Sauerstoffmangel treibt die Astronauten in schwierigste ethische Dilemma.

Trotz kleiner Mängel im Drehbuch ein atmosphärisch und intellektuell begeisternder Film. Was mich vor allem berührt hat: Es geht um große Menschheitsfragen, etwa um Zeit, Schönheit, Wissenschaft, Schmerz, Familie und den Sinn des Lebens. Aber Gott kommt gar nicht mehr vor, noch nicht einmal als Denkmöglichkeit. Uns begegnet die Kultur, die Joseph Minich in Bulwarks of Unbelief: Atheism and Divine Absence in a Secular Age (dt.  Bollwerke des Unglaubens: Atheismus und göttliche Abwesenheit in einem säkularen Zeitalter) beschreibt. Doch am Ende drängen sich Gedanken wie Nächstenliebe, Stellvertretung und Opfer auf. Es ist fast so, als wenn sich das Evangelium – von den Autoren wohl eher unbeabsichtigt – Mitten im „Schweigen Gottes“ Gehör verschafft.

Hier der offizielle Trailer:

Das Buch Bulwarks of Unbelief gibt es in einer Logos-Version und im Buchhandel (#ad).

Martin Hengel: Jesus als Vollender

Martin Hengel schreibt („Jesus und die Tora“, Theologische Beiträge, Jahrgang 9, 1978, S. 152–172):

Seine endzeitliche Funktion macht nach dem Urteil Jesu den Täufer zu dem Größten unter den vom Weibe Geborenen, „aber der Kleinste in der Gottesherrschaft ist größer als er“ (Mt. 11,11–Lk. 7,28). Ganz gleich wie dieses rätselhafte Wort Jesu zu deuten ist, ob auf Jesus selbst oder auf die, die an der Gotte herrschaft teilhaben, es zeigt ebenfalls das qualitativ Neue, Andersartige, das mit der Zeit der Erfüllung, dem Anbruch der Gottesherrschaft verbunden ist. Da kommt auch in dem Makarismus Jesu zum Ausdruck „Selig sind die Augen, die sehen, was ihr seht (und die Ohren, die hören, was ihr hört), denn ich sage euch, viele Propheten und Könige wollten sehen, was ihr seht, und sahen es nicht, und wollten hören, was ihr hört, und hörten es nicht“ (Lk. 10,23 f.). Das Sehen und Hören bezieht sich auf Jesu Taten und Worte, die selbst schon Teil der Erfüllung sind. Denn mit seinem Auftreten ist die Gottesherrschaft schon im Anbruch: „Wenn ich mit dem Finger Gottes die Dämonen austreibe, dann ist die Gottesherrschaft zu euch gekommen“ (Lk. 11,20). Sie „kommt nicht mit der Beobachtung (äußeren Vorzeichen)“, denn sie „ist mitten unter euch“ – in der Person Jesu, ihr begreift es nur nicht (Lk. 17, 20 f.). Die Kontrastgleichnisse zeigen gerade im Kontrast auch die Kontinuität zwischen dem äußerlich unscheinbaren Wirken Jesu und der Vollendung der Gottesherrschaft „in Kraft” (Mk. 9,1). Das bedeutet aber, daß es ein grundlegender Irrtum war, in Jesus eine nichtmessianische Gestalt zu vermuten, in ihm den bloßen „Rabbi und Propheten“ sehen zu wollen. Auch die von Conzelmann eingeführte Kategorie des „letzten Rufers“ (RGG3 3,633) reicht nicht aus, sie sollte eher auf den Täufer bezogen werden. Jesus tritt nicht mit dem Anspruch auf, letzter Rufer, sondern – messianischer – Vollender zu sein. 

Theologie für Kinder: „In jeder Hinsicht genial“

Ich zitiere Yvonne Schwengeler aus ihrer Besprechung des Buches Theologie für Kinder, ethos, 2/2024, S. 62):

„Des vielen Büchermachens ist kein Ende, und viel Studieren macht den Leibmüde“,sagte schon Salomo. Diese Bibelstelle wird oft scherzhaft zitiert angesichts der grossen Zahl an Büchern, die jährlich produziert werden. „Nichts Neuesunter der Sonne“, stellt man oftmals fest. Bei der Publikation „Theologie für Kinder“ ist das anders. Selbst über Jahrzehnte in dieser Branche tätig, habe ich nie etwas Vergleichbares gesehen. Bevor ich das Buch gelesen hatte, war ich eher skeptisch. Ich erwartete eine trockene, theoretische Abhandlung, von der ich mir nicht vorstellen konnte, dass Kinder dafür zu begeistern sind. Falsch, ganz falsch! Das Buch ist in jeder Hinsicht genial und ich hätte mir gewünscht, dieses Werk schon an der Hand zu haben, als unsere Kinder noch klein waren! Biblische, heilsgeschichtliche Wahrheiten werden hier lebendig und prägnant weitergegeben. Themen sind zum Beispiel die Lehre von Gott, vom Menschen, von der Sünde, von Verheissung und Gesetz, von Christus, vom Heiligen Geist, von der Adoption in die Familie Gottes, von der Verwandlung, von der Gemeinde, von der Endzeit, von Gottes Wort.

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Die Kirche nimmt Abschied vom Sonntag

Seit rund 2000 Jahren gilt Christen der erste Tag der Woche als der Gottesdienst-Tag. Das ändert sich nun. Die rheinischen Protestanten, zweitgrößte evangelische Landeskirche der Bundesrepublik, wagen die Abkehr – getrieben von einbrechenden Zahlen bei Gottesdienstbesuchern und Pfarrern. Andere Kirchen dürften dem Beispiel folgen.

DIE WELT schreibt: 

Die zweitgrößte evangelische Landeskirche Deutschlands treibt alternative Gottesdienstformate und Kirchenriten derzeit voran wie niemand sonst in der Republik. Und wagt den Bruch mit jahrtausendealter Tradition. Gottesdienst, Taufe, Abendmahl oder Trauung können fortan fast überall und jederzeit gefeiert werden. Das beschlossen die rheinischen Protestanten auf ihrer Landessynode vergangene Woche. Die Kirche als Ort und der Sonntag als Zeit für diese Feiern sind damit dem Belieben der einzelnen Gläubigen anheimgestellt. Nun liegt es bei den 2,2 Millionen Mitgliedern der EKiR, wo, wann und wie sie trauen, taufen oder Gottesdienste veranstalten. Bei der Gelegenheit lockerte die rheinische Kirche gleich auch die Voraussetzungen für die Teilnahme am Abendmahl und den Empfang der Taufe. Alles ist möglich.

Als Kritiker des Trends wird Ulrich Parzany zitiert. Ich schließe mich seinem Urteil an: 

Kritiker Parzany, selbst ordinierter Pfarrer der rheinischen Kirche, wittert hier erneut „Schönfärberei und Verschleierung der traurigen Tatsache, dass aus Mangel an Besuchern und Pfarrern nicht mehr an jedem Sonntag in jeder Kirche Gottesdienste stattfinden“. Natürlich sei Gottesdienst mehr als die Feier am Sonntagvormittag. Aber: „Die Versammlung am Sonntag oder früher am Sabbat war seit der Urchristenheit grundlegend für das Leben der Gläubigen. Erst die Versammlung der Gläubigen stärkt den Einzelnen so, dass er anschließend im Alltag mit Gott zu leben vermag.“

Mehr: www.welt.de.

Ein bedrohlicher Teufelskreis für Juden unter uns

Jüdische Eltern schicken ihre Kinder wieder auf jüdische Schulen und sorgen sich um ihre Sicherheit. Die Öffentlichkeit nimmt das einfach hin, als traurige Normalität. Heike Schmoll kommentiert die Entwicklung mit besorgten und zugleich klaren Worten: 

Jüdische Eltern haben vielerorts ihre Kinder von allgemeinen Schulen genommen und sie auf jüdische Institutionen geschickt, wo die Kinder gut bewacht hinter Mauern und Zäunen mit anderen jüdischen Kindern lernen. Nicht selten werden sie von den Eltern abgeholt, weil sie nicht mit öffentlichen Verkehrsmitteln fahren sollen.

Jüdische Symbole werden nicht mehr offen getragen, es werden keine jüdischen Lieder gesungen, wenn andere zuhören können, und schon gar nicht wird Hebräisch gesprochen. Wie lange will die Öffentlichkeit hinnehmen, dass Juden sich wieder verstecken und in ständiger Angst leben müssen? Der Teufelskreis der Sicherheit statt Sichtbarkeit muss jetzt durchbrochen werden, weil es um die Zukunft des Zusammenlebens geht.

Mehr (hinter einer Bezahlschranke): www.faz.net.

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