Sprachwaschmaschine

Sprache wird immer wieder angepasst, um Menschen nicht zu verletzen oder herabzusetzen. Der Sprachwissenschaftler Jürgen Trabant nennt das „Sprachreinigung“. Dahinter stecke meist ein politisches Motiv. Ihm gehen solche „semantischen Zwänge“ oft zu weit.

Im DLF erklärt Trabant, was er unter einer „Sprachwaschmaschine“ versteht und warum aus ihr manchmal eine Gehirnwäsche wird.

Die Sprachwaschmaschine ist ein gesellschaftliches Spiel, wenn Sie so wollen, in dem Sprache, die nicht gefällig ist, korrigiert wird: erst kritisiert wird, dann korrigiert wird. Gefällig heißt in diesem Fall tatsächlich philosophisch und wissenschaftlich nicht gefällig. Was ich da zeige in dem Aufsatz ist, dass aus der Philosophie heraus ein Bedürfnis nach reiner Sprache bestand, und zwar in dem Moment, in dem die Gelehrten, die europäischen Philosophen entdecken, dass die Volkssprachen und die verschiedenen Sprachen der Welt verschiedenes Denken enthalten. Die Entdeckung der verschiedenen Semantiken der Sprachen, das war eigentlich der Ausgangspunkt. Und dann haben die Philosophen gesagt: Um Gottes willen, das Volk denkt ja was ganz Schreckliches, etwas, was nicht der Wissenschaft entspricht, und das müssen wir auf jeden Fall ausmerzen. Der erste, der das richtig leidenschaftlich gedacht hat, war der englische Philosoph Francis Bacon.

Hier der sehr empfehlenswerte Beitrag:

 

VD: AW

Die Sprache von Jürgen Trabant

Preis: EUR 8,95

47 gebraucht & neu erhältlich ab EUR 1,36

Erweiterte Interlinearbibeln für Logos

In der Bibelsoftware Logos ermöglicht eine erweiterte Interlinearbibel den Zugriff auf den biblischen Grundtext in Hebräisch oder Griechisch innerhalb einer Übersetzung und liefert zudem eine linguistische Kurzanalyse.

14851983 5309 46a9 b95a 4f9b9fa809e0 I20Bibelfenster

Bald wird es unter Logos neben der Luther84 zwei weitere deutschsprachige Interlinearbibeln geben, nämlich Schlachter2000 und Luther2017.

Mehr hier: deutsch.logos.com.

Mehr Informationen über deutschsprachige Logos-Ausgaben gibt es hier: de.logos.com.

Der neue Paulus

Die neutestamentliche Wissenschaft diskutiert seit vielen Jahren über die sogenannte „Neue Paulusperspektive“ (engl. „New Perspective on Paul“, abgekürzt meist als „NPP“, siehe dazu auch hier und hier). Die Bezeichnung, die auf einen Aufsatz von James D. G. Dunn aus dem Jahr 1983 zurückgeht, steht für eine theologische Strömung, die die Paulusexegese heute durchdringend prägt und der von manchen Bibelauslegern eine epochale Bedeutung zugeschrieben wird. Die „Neue Paulusperspektive“ tritt mit dem Anspruch auf: Die Paulusauslegung hat bisher versäumt, die Paulustexte innerhalb ihres historischen Kontextes zu deuten. Wenn wir die Brillen der theologischen Traditionen ablegen und zum Verstehen des Neuen Testaments das frührabbinische Judentum heranziehen, begegnen wir dem wahren Apostel Paulus. Der Apostel, den wir bisher zu kennen glaubten, sei nicht viel mehr als eine Fiktion gewesen.

Bei der neuen Sichtweise geht es nicht allein um einen akademischen Diskurs. Neben strittigen Themen wie etwa Antijudaismus, Bundestheologie, Gesetzesfunktion oder Reich Gottes werden auch Kernaspekte der Rechtfertigungslehre verhandelt. Im Raum steht nicht weniger als die große Frage: „Haben wir zentrale Gesichtspunkte des Evangeliums bisher falsch verstanden?“

So manche Entwicklungen in der Praktischen Theologie und Missionswissenschaft, denken wir nur an den missionalen Ansatz, die Transformationstheologie oder die aktuelle Faszination für die politische Theologie, haben mehr mit der NPP zu tun, als das auf den ersten Blick erkennbar ist. Die Befürworter der neuen Sicht betonen die Inklusivität des Evangeliums und das Herabkommen des Himmelreiches auf die Erde. Wir hören Sätze wie: „In der Bibel bedeutet Erlösung nicht: Gott errettet die Menschen aus der Welt heraus, sondern Erlösung ist die Errettung der Welt an sich.“

Ich habe den diesjährigen Sommerurlaub unter anderem dafür genutzt, einige Vorträge, die ich 2016 und 2017 zur „Neue Paulusperspektive“ gehalten habe, für ein kleines Buch mit rund 70 Seiten zu überarbeiten. Im ersten Teil stelle ich bedeutende Wegbereiter der „Neuen Paulusperspektive“ vor. Im anschließenden Kapitel mache ich die Leser mit zwei prominenten Verfechtern der neuen Sichtweise, die auch in bekenntnisorientierten Kreisen fleißig studiert werden und inzwischen eine entsprechende Wirkung entfaltet haben, vertraut. Im dritten Teil skizziere ich herausstechende Anliegen der neuen Paulusinterpretation. Der vierte Teil ist schließlich der kritischen Würdigung gewidmet. Ich versuche zu zeigen, dass die Strömung durchaus unser Bibelstudium stimulieren kann und uns zwingt, genauer hinzuschauen und unsere Exegese hier und da zu revidieren. Ich zeige allerdings ebenfalls, dass es allerlei gute Gründe dafür gibt, Erträge der „Neuen Paulusperspektive“ zu hinterfragen. Meine Kritik beschränkt sich dabei nicht auf die kontroverse Sichtweise der Rechtfertigungslehre. Freilich schenke ich Themen rund um das „Evangelium“ und die „Glaubensgerechtigkeit“ mehr Aufmerksamkeit als anderen. Die Arbeiten von N.T. Wright bekommen dabei besonders viel Raum. Anmerkungen und ein Literaturverzeichnis liefern zahlreiche Anstöße zum Weiterdenken.

Die Abhandlung will nicht mehr als eine Handreichung sein. Der beibehaltende Vortragsstil nötigt, sich auf die „groben Linien“ zu konzentrieren. Gleichwohl hoffe ich, dass die Ausführungen Interessenten, Theologiestudenten und lehrenden Mitarbeitern in den Gemeinden dienlich sind und zur eigenen Auseinandersetzung mit der Strömung der „Neuen Paulusperspektive“ anregen.

Bestellt werden kann die Handreichung als Paperback- und als Kindle-Buch.

Der neue Paulus: Handreichung zur „Neuen Paulusperspektive“ (Geistliche Studien, Band 2) von Ron Kubsch

Preis: EUR 7,85

1 gebraucht & neu erhältlich ab EUR 7,85

Die verlorene Ehre der Böll-Stiftung

Am 19. Juli informierte ich hier im Blog über die grüne Plattform Agent*In, die inzwischen aufgrund der vielen Proteste wieder vom Netz genommen wurde. Claudia Schwarz hat gestern die Vorgänge um den Online-Pranger kommentiert:

Das Internet hat längst den Charakter des Prangers bekommen. Wenn aber nicht die üblichen Hetzer öffentliche Denunziation betreiben, sondern eine Institution wie die in Berlin ansässige Heinrich-Böll-Stiftung, dann geht es nicht einfach um eine Entgrenzung in den Untiefen des Internets. Mit dem Online-Lexikon «agentin.org», das Feminismus-Gegner auflistete, war eine Grenze demokratischer Auseinandersetzung überschritten. Der Think-Tank der Grünen hatte die Plattform vor kurzem eröffnet – und schloss sie nach heftigen öffentlichen Reaktionen flugs wieder.

Die Stiftung schiebt in ihrer Stellungnahme zur Abschaltung des Portals die Verantwortlichkeit an das angegliederte Gunda-Werner-Institut ab. Was die Sache nicht besser macht. Denn jetzt geht es nicht mehr nur um den Stil demokratischer Auseinandersetzung, sondern es gibt Grund zum Zweifel am politischen Gespür der Böll-Stiftung angesichts einer dürren Erklärung, dass leider «die gewählte Form die gesellschaftspolitische Auseinandersetzung zu Antifeminismus überlagert» habe.

Denunziation schlägt nicht selten auf den Denunzianten zurück. Und hier wird nicht mit überzeugenden Argumenten für gute Politik gekämpft, sondern es wurde eine persönliche Beschädigung des politischen Gegners angezettelt.

Hier: www.nzz.ch.

Abschied von den Superfrommen

In der ZEIT beschreibt ein junger Mann unter dem Pseudonym Samuel seine Entkehrung vom superfrommen Glauben der Baptisten. Alte Klamotten. Zwar begründet Samuel seine Abwendung vom Glauben und der Gemeinde mit der wissenschaftlichen Vernunft, tatsächlich scheinen es vor allem emotionale Gründe und eine defizitäre Glaubenslehre gewesen zu sein, die ihn in den Zweifel geführt haben:

Meine Abwendung vom Glauben hat viel damit zu tun, dass ich mich wissenschaftlich und rational damit beschäftigt habe. An der Uni bin ich Argumenten von Muslimen begegnet, die ich genau so fünf Jahre vorher auch noch gebracht hätte. Ich habe gemerkt, dass religiöses Denken immer gleich ist, unabhängig davon, an welchen Gott jemand glaubt.

Im Studium haben wir auch diskutiert, wie heilige Texte entstehen. Ich habe zum Beispiel den Koran kulturwissenschaftlich betrachtet, nicht als heiliges Buch. Erst dadurch wurde mir klar, dass man genau so auch auf die Bibel gucken muss. Ich konnte die Bibel einfach nicht mehr als Wort Gottes verstehen.

Heute würde ich sagen, ich bin Agnostiker. Ich glaube nicht, dass sich die Frage, ob es einen Gott gibt, eindeutig beantworten lässt. Über diese Entwicklung habe ich vor allem mit meiner Frau gesprochen. Sie hat auch an ihrem Glauben gezweifelt. Aber aus anderen Gründen. Bei ihr war es eher etwas Zwischenmenschliches. Sie konnte es zum Beispiel nicht mit ihrem Glauben zusammenbringen, dass Gott Menschen dafür verurteilt, wen sie lieben.

Ich war dann derjenige von uns beiden, der zuerst gesagt hat: Ich kann mich nicht mehr als Christ bezeichnen. Meine Frau und ich sind diesen Weg zusammen gegangen. Vor zwei Jahren haben wir uns trotzdem getrennt. Für meine Eltern ist das die Folge davon, dass wir aus der Kirche ausgetreten sind. Ein einfacher Kausalzusammenhang: Weil wir keine Beziehung mehr zu Gott mehr, löst sich auch unsere Beziehung auf. Für uns ist das eine andere Logik: Wenn wir nicht mehr zusammen glücklich sind, dann trennen wir uns halt.

Mein Leben ist viel individualistischer, seit ich nicht mehr Teil der Gemeinde bin. Ich treffe Entscheidungen nicht mehr im Kollektiv. Gott oder die Beziehung zu Gott fehlt mir überhaupt nicht.

Warum verweise ich überhaupt auf den Beitrag? Aus zwei Gründen. Einmal gibt es die Möglichkeit, sich bei der ZEIT mit konstruktiven und herausfordernden Kommentaren zu Wort zu melden. Darüber hinaus gehört der Beitrag zu der Serie „Jung und Gott“, in der junge Leser (zu denen ich nicht mehr gehöre) sich zum Thema „Glauben“ melden können. Das wäre doch mal eine schöne Übung für Christen, die gern Rechenschaft über ihre Hoffnung ablegen!

Hier der Link: www.zeit.de.

David Platt: Warum Mission jeden Christen etwas angeht

David Platt hielt auf der E21-Konferenz 2017 unter anderem einen Workshop zu Thema Mission ab. Eine Veranstaltung mit notwendigen Provokationen.

Hier der Mitschnitt (die ersten Minuten fehlen), leider nur in englischer Sprache (einen anderen Vortrag mit Übersetzung gibt es hier):

 

Michael Reeves interviewt John Piper

Michael Reeves spricht mit John Piper über das Buch:

  • John Piper: A Peculiar Glory: How the Christian Scriptures Reveal Their Complete Truthfulness, Crossway, 2016, 304 S.

A Peculiar Glory: How the Christian Scriptures Reveal Their Complete Truthfulness von John Piper

Preis: EUR 24,00

13 gebraucht & neu erhältlich ab EUR 17,83

„Politisch korrekte Monokultur“

Der Google-Entwickler James Damore hat die Dominanz der Männer in der Tech-Branche mit biologischen Unterschieden erklärt. Das hat ihn nun seinen Job gekostet. Der entlassene Google-Mitarbeiter überlegt allerdings, juristisch gegen seinen Rauswurf vorzugehen. Das ist gut so! Die FAZ berichtet:

Der Mann, bei dem es sich mehreren Berichten zufolge um einen Softwareentwickler handeln soll, hatte ein Dokument verfasst, in dem er unter anderem die Meinung vertrat, Frauen seien biologisch weniger für den Erfolg in der Technologieindustrie geeignet als Männer. Er schrieb außerdem, Frauen seien im Schnitt neurotischer als Männer und mehr „auf Gefühle und Ästhetik als Ideen ausgerichtet“. Er nannte Gehaltsunterschiede zwischen Männern und Frauen einen „Mythos“.

Zudem beklagte er eine „politisch korrekte Monokultur“ in seinem Unternehmen. Konservative Meinungen würden nicht toleriert und unterdrückt. Die Nachrichtenagentur Bloomberg berichtete, der Mann habe erzählt, das Manifest sei in Teilen auf einem 12-Stunden-Flug während einer Dienstreise nach China entstanden. Der Softwareentwickler habe sich über die Inhalte eines gerade absolvierten Diversity-Trainings geärgert. Die Fortbildung, die eigentlich für mehr Vielfalt und Toleranz unter Mitarbeitern sorgen sollte sei bei dem Programmierer voll nach hinten losgegangen. Er habe gesagt: „Es gab dort so viele Zurechtweisungen im Stile von ’nein, das kannst du nicht sagen, das ist sexistisch‘. Da war einfach so viel Scheinheiligkeit in vielen der Dinge, die sie dort propagierten.“

Ich empfehle dazu auch die Stellungnahme „No, the Google manifesto isn’t sexist or anti-diversity. It’s science“ von Debra Soh.

Trennt Euch!

Der Schweizer Autor Thomas Meyer meint, vier von fünf Beziehungen passen nicht und müssten sofort beendet werden. Alles andere sei unzumutbar. In seinem Buch Trennt Euch! widmet er sich in Form des literarischen Essays genau diesen inkompatiblen Beziehungen und ist – wie kann es anders sein – ein beliebter Gesprächspartner für die Medienwelt. So hat auch der DLF mit dem Trennungsexperten gesprochen.

Hier einige steile Aussagen aus dem Interview:

[Es macht mich betroffen], dass so viele Menschen so sehr leiden in ihren Beziehungen. Und diesem Leiden immer wieder entschuldigend und rechtfertigend gegenübertreten. Und statt es zu beenden, es auch immer wieder relativeren und sich dabei – in meinem Empfinden – immer weiter von sich selbst wegbewegen. Das ist etwas, was mich betroffen macht. [Anmerkung: Was für ein emphatischer Mensch!]

[Das] Vorhaben, aus dem Partner jemanden zu machen, mit dem man besser auskommt, ist – ich würde mich sogar dazu versteigen, das als kriminell zu bezeichnen. [Anmerkung: Einen Menschen verbiegen, hilft wirklich nicht weiter. Aber wie wäre es denn mit gemeinsamer Beziehungsarbeit?]

Denn ich bin wirklich überzeugt, der Mensch, so wie er zur Welt kommt, so ist er nun mal.

„Liebe? Ja, schön und gut. Aber das ist nicht alles!“ Die andere Hälfte des Erfolgs einer schönen Partnerschaft besteht in der Frage der Kompatibilität und des Wohlbefindens, nämlich: „Tut mir das gut mit diesem Menschen nahe zu sein?“ Ist das gut für mich? Bringt es mich weiter? Lässt es mich Ich selbst sein? Ist das produktiv und konstruktiv für mich, hier in dieser Nähe dieses Menschen mich aufzuhalten? [Hervorhebungen von mir.]

Ich finde, es gibt eine gesunde Form von Egoismus, die man konstruktiv auch als Selbstliebe bezeichnen könnte. Denn es geht ja genau darum: Die Qualität einer Beziehung misst sich tatsächlich daran, wie ich mich in dieser Beziehung fühle. Und ich denke nicht, dass das egoistisch ist. Im Gegenteil. Ich finde, man nimmt sich sehr ernst dabei, wenn man sich fragt: Ist das, was ich da habe, ist das zu meinem Wohlbefinden? Und ich meine nicht „Wohlbefinden“:

[Sinngemäß:] Bei dem Trennungsgespräch soll man kurz sagen: „Ich will die Trennung, weil unsere Beziehung mir nicht guttut.“

In Wahrheit findet man nur selbst die Trennung schrecklich, das hat mit den Kindern gar nichts zu tun! Im Gegenteil.

Sind seine Zahlen eigentlich stimmig? Passen vier von fünf Paaren nicht zusammen? Seine Antwort:

Das ist nicht wissenschaftlich, es ist noch nicht mal wirklich verifiziert. Sondern: Es bringt einfach in Zahlen zum Ausdruck, was ich subjektiv empfinde. Ich empfinde, dass die meisten Paare – vier von fünf habe ich gesagt – nicht zusammenpassen. Darum geht’s ja, um dieses „Passen“, um dieses Sich-Verstehen.

Wenn Thomas Meyer schon die totale Ehrlichkeit fordert: Das ist ziemlich großer Blödsinn, den er da verbreitet, Ausdruck einer schon krankhaft narzisstischen Beziehungsunfähigkeit, die leider in unserer Kultur ziemlich verbreitet ist und auch noch (unter anderem durch solche Bücher) gefördert wird. Kurz: Abbruch, wenn mir etwas nicht gut tut! Also Abbruch auch dann, wenn die Kompatibilität meines Kindes nicht genügt? Der „gesunde Egomane“, der ja angeblich die Welt retten möchte, meidet Schwierigkeiten und Konflikte aus Bequemlichkeit, anstatt sie auszutragen und in ihnen zu wachsen. Das bereichert nicht, sondern führt in die seelische Verkümmerung.

Wer ein hilfreiches Buch zum Thema „Beziehungsabbruch“ lesen möchte, sollte sich Tatort Trennung: Ein Psychogramm besorgen (siehe hier).

12 widerständige Brocken

Pfarrer i. R. Burkard Hotz hat „12 widerständige Brocken zur „Ehe für alle“ verfasst. Zwei Zitate daraus:

Wenn der Ratsvorsitzende der EKD jetzt zu den Evangelikalen gewandt sagt, dass die Homosexualität keine Bekenntnisfrage sei, dann ist das insofern belustigend, weil er völlig unterschlägt, dass es immer mehr die Kirchenleitungen und die sie stützenden Synodenmehrheiten selber sind, die die „Ehe für alle“ zur alles entscheidenden evangelischen Bekenntnisfrage machen!

Daher besteht die wesentliche Frage darin, ob es Gemeinden innerhalb der unbiblischen landeskirchlichen Ideologie und ihrer häretischen Leitungsorgane gibt, die bereit sind, auf diesen Bußruf des Evangeliums zu hören und ihm zu folgen? Die es aber tun, die sich Jesus, dem Weg, der Wahrheit und dem Leben zuwenden, die erkennen, wie sehr sie selbst in dieses lebensmüde System der gesellschaftlichen Anpassung verstrickt sind, und die bekennen ihre Schuld. In der Erfahrung der Vergebung wächst die Erkenntnis der eigenen Schuldverstrickung und zugleich und noch viel mehr die hoffnungsvolle Kraft, diese zerstörerische Abhängigkeit zu überwinden und ihre Positionen zu verlassen. Dabei wird der Kampf um Ehe und Familie in ihrer biblischen Sicht von zentraler Bedeutung sein.

Hier alle 12 Brocken mit freundlicher Genehmigung: 12widerständigeBrocken.pdf.

Blitzkriege gegen Ehe und Familie

In Deutschland wurde die so genannte „Ehe für alle“ ohne gesellschaftlichen Diskurs innerhalb einer Woche legalisiert. Laut dem iDAF-Institut war das kein Zufall, sondern ein taktisches Manöver, um den zu erwartenden Widerstand aus der Bevölkerung zu umgehen, den es in anderen europäischen Ländern gegeben hat:

Die Propheten der Homo-Ehe in allen Parteien haben bei europäischen Partnern abgeschaut, wie es möglichst nicht laufen soll und was vermieden werden muss, um die Homo-Ehe auch gegen den Widerstand der Bevölkerung durchzudrücken. In den vergangenen Jahren wurde die Homo-Ehe in Frankreich, Irland, Spanien, Italien nämlich nur nach massiven Protesten auf der Strasse und einer tiefgründigen gesellschaftlichen Diskussion eingeführt. Politiker mussten sich erklären. Transparenz in der Prozedur wurde eingefordert. Die katholischen Bischofskonferenzen sprachen machtlose Hirtenworte, legten sich aber bekenntnisstark mit den ihnen eigentlich nahestehenden christdemokratischen Parteien an. Sie blieben glaubwürdig, auch im Sinne „des Glaubens würdig“. Bürger mobilisierten sich gegen ihre gewählten Funktionsträger. Das jeweilige Volk dachte konservativ, die linken Regierungen setzten wie in Paris Tränengas und Wasserwerfer gegen Kinderwagen ein, der UNO-Menschenrechtsausschuss beschäftigte sich in Genf damit. In Slowenien und Kroatien mussten entsprechende Gesetze wieder annulliert werden. In der sozialdemokratisch regierten Slowakei stimmte die Regierung einer Verfassungsänderung zu, um die Ehe nur als Verbindung von Mann und Frau zu definieren.

Mehr: www.i-daf.org.

Finde die Weisheit der Gebärmutter

DIE ZEIT berichtet darüber, dass sich manche Zeitgenossen mit der zusammenhanglosen Welt der postmodernen Kultur nicht mehr zufrieden geben. Was kann einen Menschen nach dem „Tod Gottes“ noch aus der Zerstreuung oder Verzweiflung herausführen? Besonders wohlhabende Frauen wenden sich nach wie vor der Esoterik zu. Die kann freilich nicht einlösen, was sie verspricht und schließt oft nur eine Tür zum kommerzialisierten Schamanismus auf.

Im Trend sind Mediationen, bei denen Frauen eine Verbindung zu ihrer Gebärmutter herstellen:

Eines der gemeinsam ausgeübten Rituale ist der Rite of the Womb. In den Womb Circles leitet Chloe eine Gruppe von Frauen an, durch Meditation eine Verbindung zu ihrer Gebärmutter herzustellen. Chloe erklärt, dass die weibliche Kraft und Weisheit in der Gebärmutter liegt, wir aber verlernt hätten, uns mit ihr zu verbinden. Frauen neigten dazu, Ängste und Schmerzen in ihr festzuhalten. Nach dem Ritus litten sie nicht mehr so stark an Menstruationsschmerzen, seien in der Lage, schwanger zu werden und erführen Freude, Liebe und Kreativität. „Wir werden in eine maskuline Welt geboren, in der es darum geht, Dinge zu erreichen und zielorientiert zu sein“, sagt Chloe. Bei der zelebrierten göttlichen Weiblichkeit ginge es hingegen um das Empfangen, darum, es den Dingen zu erlauben, zu einem zu kommen.

Das Mantra der Selbstliebe, die Vereinigung mit der Natur oder die radikale „Selbstfürsorge“ werden freilich keine Erlösung bringen. Lilli Heinemann schreibt in ihrem Zeit-Artikel: „Und auf den ersten Blick wirkt die Strömung nicht nur esoterisch, sondern auch egozentrisch. Ständig ist von Self-Care, Self-Discovery, Self-Empowerment die Rede.“

So ist es: Der Trend spiegelt nämlich wider, dass der Mensch ohne Gott nicht wirklich Mensch sein kann, sondern von seinen nichtigen Leidenschaften regiert wird. Wenn wir nicht an Christus glauben, glauben wir an alles, vor allem an die Natur und das eigene Vermögen.

Deshalb: Verkündigen wir mutig den gekreuzigten König, der zwar uns Menschen alles nimmt (vor allem den Glauben an uns selbst, vgl. Lk 14,26–27), andererseits uns ein Leben in Fülle schenkt. Denn Jesus ist gekommen, damit „sie das Leben und volle Genüge haben sollen“ (Joh 10,10).

Sargnägel des Feminismus?

Ein Text des ehemaligen Gender-Studenten Vojin Saša Vukadinović sorgt für Aufsehen. Zurecht. Denn er weist auf zentrale Probleme der Gender-Studies hin.

Diese Entwicklung ist den Prämissen des Gender-Paradigmas geschuldet, das seinen akademischen Siegeszug in den 1990er Jahren angetreten hat und mittlerweile als Nonplusultra eines nicht-essentialistischen, also nicht-biologistischen Geschlechterverständnisses gilt. Demzufolge seien das soziale wie das biologische Geschlecht „konstruiert“, das heißt stets durch Vorannahmen geprägt und nur durch Kultur vermittelbar – bündig: es gäbe keine Natur bzw. keine Realität hinter ihnen. Diese Annahme wird von der Queer Theory gestützt, welche den gleichen Gedanken auf das Sexuelle ausweitet.

Hiervon unbeirrt regiert in den Gender Studies weiterhin das Selbstbild, unverzichtbare universitäre wie gesellschaftspolitische Arbeit zu leisten. Die Fachgesellschaft Geschlechterstudien – der akademische Zusammenschluss aller, die an deutschen Hochschulen in den Gender Studies arbeiten – versteht das eigene Tun beispielsweise als wissenschaftlichen Ausdruck einer dem „Nichtanerkannten und Prekären verpflichteten Gesellschaft“. Die geistige Offenheit und kritische Distanz, die mit dieser Formel suggeriert werden, sind eine Farce: im Gender-Clan herrscht kein Dialog zwischen widerstreitenden Standpunkten, sondern einzig ein Judith-Butler-Monolog. Und der verhält sich – wie die Vordenkerin – bemerkenswert still, wenn es um die Entwürdigung, Misshandlung und Entrechtung von Frauen weltweit geht.

Konkreter: Das Studium der Gender Studies macht Studierende oftmals nicht schlauer, sondern in vielen Fragen dümmer. Sie lernen nicht, globale Probleme objektiv zu erfassen, sondern sie durch eine hochgradig antiimperialistische Agenda zu filtern.

Mehr: www.emma.de.

Roberto Simanowski: Fröhliche Wissenschaft – Abfall

415yLbNuxnL SX263 BO1 204 203 200Der Germanist Roberto Simanowski erzählt in seinem Buch Abfall die Algorithmisierung der Welt als Erbe der Aufklärung. Den Tod Gottes setzt er voraus. Trotzdem liefert er – dem Erbe der Postmoderne verpflichtet (große Antworten gibt es nicht mehr) – ein Buch mit geistreichen Beobachtungen und Denkanstößen.

Hier vier Zitate:

Das anfängliche Lob der (individuellen) Freiheiten und (demokratischen) Möglichkeiten des Internet ist der Kritik seiner Negativposten gewichen: Überwachung, Narzissmus, kollektive Einsamkeit, Self-Tracking, Filter Bubble, algorithmische Regulation –ganz zu schweigen von so gefährlichen Nebenwirkungen wie hyper-attention, power browsing, der Sucht nach instant gratification und der »fear of missing out« (FOMO). Dieser Abfall von den Utopien des Beginnens ist wohl die schmerzlichste Lesart des Titels, den dieses Buch über die neuen Medien trägt. (Kindle-Position 94)

Quantität ist die Währung des Populären, das im Reiche Facebook herrscht. Man bemisst den Wert der Menschen und Beiträge, auf die man hier trifft, nach ihrer Anzahl an Freunden, Shares und Likes. Die Frage ist nicht, welche Freunde man hat und wofür es Likes gab, sondern wie viele. Die Möglichkeit sprachlicher Kommentare hilft da wenig, denn 1. erschöpfen sich diese zumeist auf wenige Worte, 2. verblasst ihre Menge jeweils vor der Fülle an Klickbewertungen und 3. weiß jeder, der auf Facebook mal einen nuancierten Text angeboten hat, wie wenig das dort geliket wird. Die numerische Bewertung ist der Standard auf Facebook mit politisch bedenklichen Folgen. (195)

Der numerische Populismus ist dem postfaktischen Emotionalismus verwandt: begründungslose Likes sind die technische Variation der gebetsmühlenhaften Wiederholung haltloser Slogans. So wie im realen Leben eine Lüge, die oft genug erzählt wird, für viele Wahrheit ist, so gewinnt eine Meldung auf Facebook dadurch an Gewicht, dass sie Gewicht hat: Man klickt immer auf die Angebote mit der höchsten Zahl und befestigt so ihre Spitzenposition. Die Zahl ist ein Appell ans Gefühl, denn so viele können nicht irren, schon gar nicht, wenn meine besten Freunde darunter sind. (196)

Drei Jahrhunderte vor Lennon schrieb der französische Philosoph Blaise Pascal, dass die Menschen deswegen unglücklich seien, weil sie nicht ruhig in einem Zimmer zu bleiben vermögen. Mit sich allein gelassen würde der Mensch über die Mühen des Lebens und über seine Sterblichkeit nachdenken, »so dass er nun, wenn ihm das fehlt, was man Zerstreuung nennt, unglücklich ist«. Deswegen gehe man raus und jage Hasen; nicht weil man hungrig ist, sondern um die Zeit totzuschlagen. Ein Jahrhundert nach Pascal war das Zimmerproblem gelöst: Mit einem Buch konnte man sich in den eigenen vier Wänden zerstreuen, mit einer Lampe noch lange nach Sonnenuntergang. Mit dem Fernsehen ging das auch ohne extra Licht, seit den Privatsendern sogar durch die ganze Nacht. Und durchs Leben! Denn darauf kam es im 20. Jahrhundert immer mehr an. Pascal warb nicht für die Hasenjagd, sondern für Gott. In Gott finde das Sein zum Sinn, in der frohen Botschaft weiche die Angst vor der Stille dem Gefühl der Geborgenheit. Pascal fehlte noch deutlich die dreiste Leichtigkeit der Beatles. Was aber, wenn Gott tot ist, wie Nietzsche zwei Jahrhunderte nach Pascal verkündete? Was wenn auch keine philosophischen und politischen Erzählungen mehr den Sinn geben, den sie vor dem Aufstieg der Postmoderne und dem Niedergang des Realsozialismus noch beanspruchen konnten? Dann gibt es drei Möglichkeiten: Man richtet sich in der Aussichtslosigkeit ein, man reanimiert Gott oder man sucht nach einem Narkotikum, das sicher durch Nacht und Leben bringt. (1468-1480)

Die Hasenjagd des 21. Jahrhunderts findet im Verbund der sozialen und mobilen Medien statt. Die Alternative zum Priester ist der Programmierer. Die Moderne kann ihr Projekt, das mit der Rückkehr der Religion scheitern würde, nur durch die Flucht ins Technische retten: Indem sie »Rückbindung« in »Religion« als »Link« übersetzt und zum heilbringenden Medium nicht die Kanzel kürt, sondern das soziale Netzwerk. Dort ereignen sich die Begegnungen unserer Zeit im schwindelerregenden Takt der Updates. Dort feiert sich, in Anbetung unentwegter Gegenwart, die ewige Wiederkunft des Gleichen. Der Facebook-User entkommt, solange er das Kommunikationskarussell am Leben hält, nicht der Weltbejahung. (1510-1516)

Wenn Gott tot ist, wartet der Nihilismus oder die Zerstreuung via Facebook & Co. Was aber, wenn Gott ist?

Hier eine Besprechung des DLF:

 

Fröhliche Wissenschaft: Abfall: Das alternative ABC der neuen Medien von Roberto Simanowski

Preis: EUR 15,00

55 gebraucht & neu erhältlich ab EUR 7,95

Günter Rohmoser: Höher als alle Vernunft

51g9afG89rL SX354 BO1 204 203 200Harald Seubert hat aus dem Nachlass des Kulturphilosophen Günter Rohrmoser (1927–2008) ein Buch mit zwei außergewöhnlichen Vorlesungsreihen vorgelegt. Rohrmoser, der Philosoph und Theologe war, hielt eine große Paulusvorlesung, der sich eine Vorlesung über Luther anschloss.

Die Kernbereiche der Lutherrezeption Rohrmosers stellen dabei die Römerbriefvorlesung, die Vorlesung zum Galaterbrief und vor allem die in einer breiteren Öffentlichkeit fast völlig vergessene, aber für Luthers Theologie zentrale Streitschrift „Vom unfreien Willen“ (De servo arbitrio) dar. Rohrmoser zeichnet unter kraftvollem Rückgriff auf Luthers Feder in brillanter Weise die von Paulus beschriebenen Heilslinien nach und klärt, hier Philosoph im besten Sinne des Wortes, über die Entwicklungen des aktuellen Zeitgeschehens im Lichte der biblischen Offenbarung auf. Mit erstaunlicher Sensibilität hat Rohrmoser vor über zwei Jahrzehnten theologische und geschichtliche Entwicklungen kommen sehen und sie mit geradezu prophetischer Scharfsicht vorweggenommen kommentiert. Das ganze Buch ist so ein Ruf zum Einsatz von Glauben und Vernunft als Diagnosemittel über den Zeichen dieser Zeit und damit, für den Philosophen, der davon überzeugt war, es gäbe nur die Alternative zwischen Christentum oder Barbarei, ein Ruf zum Wort Gottes, zum Kreuz, zu Christus.

Nachfolgend einige Zitate aus dem Buch:

Luther wusste, dass die Kirche, die eigene Kirche und Gemeinde, immer die schwerste Form der Anfechtung für den Christen bedeutet. Wir haben diese tiefe Einsicht im Allgemeinen vergessen und durch eine modische Friedlichkeit ersetzt. Luther hätte sich über Zustände wie die heutigen gar nicht gewundert, denn er hat vielfältig zum Ausdruck gebracht, dass der Antichrist die Neigung hat, seine Herrschaft gerade in der Mitte der Kirche zu errichten. Wir dürfen nicht vergessen, dass Luther den Kampf gegen die damalige Gestalt der Kirche als den Kampf gegen die Herrschaft des Antichristen in der Kirche geführt hat. (S. 20)

Die Zukunft in unserer Welt wird jenen Mächten gehören, die von ihrer Wahrheit am überzeugtesten sind und am konsequentesten für sie einstehen. Wenn das Christentum aus dem deutschen Volk weichen sollte und aufhören sollte, eine geschichtliche, öffentlich wirksame, ja politische Kraft zu sein, wird dieses Vakuum nicht leer bleiben. Wir werden die liberalen Champagnerarien nicht noch weitere Jahrzehnte singen können, sondern werden Missionsland außereuropäischer Religionen werden, zuletzt wahrscheinlich Jünger Allahs. Wenn die Kirchenleitungen heute meinen, den Begriff Mission streichen zu müssen, werden wir von anderen erfolgreich missioniert werden. Wenn wir meinen, unsere Freiheit sei nicht mehr mit der Furcht Gottes zu vereinbaren, werden andere uns wieder zur Gottesfurcht zurückführen. Die Furcht Gottes ist aller Weisheit Anfang. Wenn sie nicht am Anfang steht, werden wir alle kleine Götter. (S. 21)

Was lag Luther am Evangelium? Er wusste, dass es die Wurzel der Freiheit ist. Es ist die Gabe und Kraft Gottes, die den Menschen befreit, ja die Freiheit des Menschen selbst erst befreit. Nur das Evangelium kann die natürlichen, intellektuellen, bürgerlichen Freiheiten des Menschen freisetzen und zur wirklichen Freiheit für den Menschen machen. Die ganze moderne Welt, auch mit ihren Häresien und Ideologien, steht und fällt damit, ob sie begreift, was Luther mit dieser Freiheit gemeint hat. Er hat nichts anderes gemeint, als dass die lebendige Kraft des Evangeliums die Menschen von Sünde, Tod und Teufel frei macht. (S. 22)

Das ganze Problem besteht darin, dass wir diese Sprache nicht mehr verstehen. Es ist kein Problem der Sache. Die Geistmächtigkeit unserer Theologen müsste sich darin erweisen, dass sie diese Mächte, Sünde, Tod und Teufel, heute als reale und uns versklavende Mächte unter uns aufdeckten. Das Christentum hat sich in der antiken Welt durchgesetzt und deren absterbende Kultur überwunden, weil seine Mitte die Botschaft der Auferstehung war. Auferstehung heißt, dass die Christen von einer Macht herkommen, die den Tod überwunden hat! „Tod, wo ist dein Stachel? Hölle, wo ist dein Sieg?“ Unter den Christen ist heute dieser Lebensmut erstorben, der damals die niedergehende Kultur erneuerte. Das ganze orthodoxe Christentum ist bis heute, wo es lebendig ist, eine einzige Siegesfeier auf den Ruf „Christ ist erstanden!“. Aus dieser Kraft hat das russische Volk letztlich auch die grauenhaften Jahre des Sozialismus überstanden. (S. 22)

Der eigentliche Stein des Anstoßes bei Paulus, den Luther überdeutlich erfasst hat, ist der Begriff der Sünde. Die moderne Welt kann sich nahezu alle Elemente des Christentums aneignen, nicht aber die Lehre von der Sünde, dem peccatum. Auf dem Standpunkt der Autonomiethematik und des Autonomiepostulates des modernen Menschen ist der theologische Begriff der Sünde schlechterdings nicht assimilierbar. Das Autonomiepostulat steht dem entgegen. Es setzt voraus, dass das Ziel der Welt-und Menschheitsgeschichte größtmögliche Autonomie und menschliche Selbstverwirklichung ist. Mit diesem Ansatz des Autonomiepostulates ist der Begriff der Sünde unvereinbar, auch der unausgetragene Konflikt zwischen der Tradition des Christentums und der modernen Welt. (S. 51)

Mit dem Gericht rechnet heute keiner mehr. Mit dem Wegfall der Gerichtsvorstellung verblasst auch der Gedanke der Verantwortung. Nietzsche hat aber festgehalten, dass ohne Gericht der Ernst aus dem menschlichen Leben verschwindet. Nachdem die Aufklärung sehr erfolgreich die Gerichtsvorstellung eliminiert hat, fielen die Menschen anderen Menschen in die richtenden Hände, sie haben zwar das göttliche Gericht verneint, aber damit nahm die Geschichte selber die Form eines permanenten Gerichtes an, in dem wechselnde Menschen über andere permanent zu Gericht sitzen. „Tribunalisierung der Wirklichkeit“ ist dies treffend genannt worden (O. Marquard). Unsere Wirklichkeit ist so, dass jeder jeden jederzeit zur Rechenschaft ziehen kann und dass über ihn gerichtet wird. Nachdem die Aufklärung die Höllenvorstellung entfernt hat, ist sie in den Konzentrationslagern und den Gulagsystemen des 20. Jahrhunderts höchst konkret verwirklicht worden! (S. 241)

  • Günter Rohrmoser, Höher als alle Vernunft …: die Aktualität der Reformation heute, hrsg. von Harald Seubert, Windsbach: Logos Editions, 2017, S. 304, € 19,90

Höher als alle Vernunft…: Die Aktualität der Reformation heute von Günter Rohrmoser

Preis: EUR 19,90

1 gebraucht & neu erhältlich ab EUR 19,90

Südafrika: Verpflichtende Registrierung?

Aus Südafrika gibt es beunruhigende Nachrichten. Die Politik des Landes reagiert auf – zugegebenermaßen hochproblematische Entwicklungen in der religiösen Szene mit Einschränkungen der Religionsfreiheit und will die religiösen Gemeinschaften und Amtsträger stärker kontrollieren.

Am 11. Juli 2017 präsentierte die Kommission für die Förderung und den Schutz von kulturellen, Religions- und Sprachgemeinschaften („Commission for the Promotion and the Protection of the Rights of Cultural, Religious and Linguistic Communities, kurz CRL) ihren Bericht zum Thema „Kommerzialisierung der Religion und Missbrauch des Glaubens“. Anlass waren unter anderem Fälle von finanzieller Ausbeutung, Machtmissbrauch, gesundheitsgefährdende Praktiken sowie Gesetzesverstöße wie mangelnde Buchführung.

Die Vorschläge der CRL an den Gesetzgeber umfassen unter anderem eine verpflichtende Zulassung von Pastoren, „religiösen Praktikern“, traditionellen Heilern, etc. sowie die verpflichtende Registrierung von Religionsgemeinschaften als Bedingung für die Betätigung, wobei alle zugelassenen Gemeinschaften einem akkreditierten Dachverband angehören müssen. Auch eine Begutachtung durch Kollegen („Peer Review“) ist vorgesehen. Darunter versteht CRL eine Begutachtung durch einen „Ausschuss oder sonstige Körperschaft, welche die jeweilige Religion versteht bzw. wie diese funktionieren sollte“, und die feststellen kann, ob eine Lehre oder Praxis „für uns normal“ oder ungewöhnlich ist. Jede Religion soll über ein Peer Review Komitee verfügen. Das Christentum (alle Konfessionen) soll über ein einziges gemeinsames Komitee verfügen. Dies ist ein massiver Eingriff in die Religionsfreiheit und das legitime Recht der einzelnen Gemeinschaften auf Selbstregulierung. Die CRL selbst beabsichtigt, in den Peer Review Komitees vertreten zu sein und diese durch Bereitstellung von „Forschung, rechtlicher Unterstützung, des Sekretariats und sonstiger notwendiger Dienste“ de facto betreiben und auch zu finanzieren. Die Finanzierung soll unter anderem aus von den Gemeinschaften und Funktionsträgern zu entrichtenden Zulassungsgebühren kommen. Damit untersteht jedes Peer Review Committee – sollten die Vorschläge verwirklicht werden – der CRL. Die endgültige Entscheidungsgewalt soll beim Rechtsausschuss der CRL liegen. Damit würde die CRL über die Kontrolle über alle Religionsgemeinschaften verfügen.

Die Hauptaufgabe der Peer Review Committees wäre die Einrichtung und Zulassung von Dachorganisationen, deren Aufgabe es wäre, Kirchen und Gemeinden fachlich zu unterstützen, zu beraten, die Aufsicht über sie zu führen und sie bei der personellen Entwicklung zu unterstützen. Damit würde die CRL Entscheidungen treffen, ob eine Doktrin oder Praxis akzeptabel ist, was in direktem Widerspruch zum verfassungsmäßigen Recht auf Religionsfreiheit steht.

Die CRL besteht darauf, dass alle Pastoren, „religiösen Praktiker“ und Gottesdienststätten einem zugelassenen Dachverband ihrer Wahl angehören müssen, womit die Macht der Zulassung oder Nichtzulassung verbunden ist. Dies ist ein Verstoß gegen die Religions- und Versammlungsfreiheit, die als Menschenrecht auch für Gemeinschaften gilt, die sich nicht registrieren lassen.

Die CRL ist eine staatliche Institution, deren Mitglieder vom Staatspräsidenten ernannt werden. Das heißt, dieser Vorschlag läuft auf staatliche Kontrolle der Religionsausübung hinaus. Der gesetzliche Auftrag der CRL ist, die religiösen Rechte von Gemeinschaften zu fördern und zu schützen, niemals jedoch diese zu kontrollieren. Als „Chapter 9 Institution“ (nach Kapitel 9 der südafrikanischen Verfassung eingesetzte Institution zum Schutz der Demokratie) verfügt die CRL nicht über Exekutivbefugnisse. Zahlreiche Religionsgemeinschaften in Südafrika haben sich gegen diese Vorschläge ausgesprochen und weisen darauf hin, dass Missbräuche durch bestehende Gesetze abgestellt werden können. So wurde ein sogenannter Pastor, der als „Prophet of Doom“ bekannt ist, nach bestehenden Gesetzen mit einer Gefängnisstrafe bedroht, sollte er weiterhin Anhänger mit Insektiziden besprühen („Doom“ ist sowohl das englische Wort für Untergang bzw. Verdammungsurteil als auch der Handelsname eines in Südafrika verbreiteten Insektizids). Finanzielle Unregelmäßigkeiten können leicht durch bestehende Gesetze geahndet und abgestellt werden. Eine wichtige Aufgabe der CRL ist auf jeden Fall, sicherzustellen, dass religiöse Leiter und ihre Organisationen ihre gesetzlichen Verpflichtungen verstehen und ihnen nachkommen. Viele Missstände sind auf mangelnde Erfüllung von Vorschriften aufgrund von Unkenntnis zurückzuführen. Dabei muss man bedenken, dass Schätzungen zufolge nur etwa 5 % der in Südafrika tätigen Pastoren (darunter viele in kleinen Hausgemeinden) über eine Ausbildung verfügen. Daher kann die CRL eine wertvolle Rolle bei der Verbesserung des Bildungsniveaus und der Kapazitätsbildung in den Religionsgemeinschaften spielen. Es gibt derzeit praktische und leistbare Initiativen, die breite Unterstützung in religiösen Kreisen genießen. Die CRL kann und sollte auch an einem Konsultationsprozess zur Erarbeitung eines Ethikcodes mitwirken.

Quellen: HRWF (Human Rights without Frontiers), Brüssel Council for the Protection and Promotion of Religious Rights and Freedoms, Südafrika FOR SA (Freedom of Religion South Africa). Übersetzung: AKREF Österreich.