Ulrich Kutschera freigesprochen

Das Landgericht Kassel hat den Evolutionsbiologen Prof. Ulrich Kutschera (Kassel) vom Vorwurf freigesprochen, sich in einem Interview 2017 beleidigend und volksverhetzend über Schwule und Lesben geäußert zu haben. 

Eine gute Nachricht für diejenigen, denen die Meinungsfreiheit ein hohes Gut ist.

Das Nachrichtenmagazin idea berichtet:

Das Gericht kam am 2. März zu dem Schluss, dass seine Aussagen von der im Grundgesetz geschützten Meinungsfreiheit gedeckt sind. Meinungen dürften auch scharf und verletzend sein. Für viele Menschen schwer erträgliche Aussagen seien nicht gleich strafbar.

Damit hob das Landgericht das vorherige Urteil des Amtsgerichts Kassel vom August 2020 auf. Es hatte den heute 66-jährigen Wissenschaftler wegen beleidigender Äußerungen über Homosexuelle zu einer Geldstrafe von 6.000 Euro verurteilt worden.

Gegenüber der Evangelischen Nachrichtenagentur IDEA sagte Kutschera zum Urteil: „Nach so viel negativer Berichterstattung und einer klaren Vorverurteilung war ich über den Freispruch erstaunt.“

Der Richter am Landgericht Kassel habe seine Äußerungen im Rahmen der grundgesetzlich verankerten Meinungsfreiheit verortet: „Leider haben die Mainstream-Medien wieder einseitig berichtet.“ An allen drei Verhandlungstagen vor dem Landgericht habe er dargelegt, dass seine Aussagen im kath.net-Interview zur „Ehe für alle“ sachlich korrekt gewesen seien: „Darüber schweigen die Leitmedien, was ich bedauere.“

Wie unsachlich die Mainstream-Medien berichtet, ist gelegentlich schon an den Überschriften abzulesen. Die FAZ titelte: „Freispruch für Professor nach homophoben Äußerungen“.

Mehr: www.idea.de.

Es gibt eine neue pastorale Herausforderung

Carl Truman berichtet in dem Journal First Things über neue pastorale Herausforderungen, die sich angesichts der unter dem US-Präsidenten Biden eingeführte Transgender-Politik ergeben:

Letzte Woche erzählte mir ein befreundeter Pastor von einem neuen Problem, mit dem er sich in seiner Gemeinde konfrontiert sieht. [Es] ist, ist die Frage, wie man Eltern von Mädchen im Teenageralter berät, die nichts trinken wollen, bevor sie zur Schule gehen, damit sie nicht die Toiletten benutzen müssen: Die sind nämlich dank der Unterschrift von Präsident Biden nun auch für Jungen im Teenageralter offen.

Und zwar für Jungen, die glauben – oder behaupten – im falschen Körper geboren worden zu sein. Es scheint, dass die Angst und das körperliche Unbehagen, die durch die neue Toilettenpolitik verursacht werden, nun die neue Normalität für junge Highschool-Mädchen sein werden.

Trans-Aktivisten benutzen gerne die Sprache der „Sicherheit“, um mit der Ästhetik unserer therapeutischen Kultur zu spielen und ihre Kritiker zu delegitimieren. Nun, diese biologischen Frauen fühlen sich nicht mehr sicher. Ihre Räume, wie auch ihr Geschlecht, sind ihnen von Männern und für Männer gestohlen worden. Sie fühlen sich jetzt in einer solchen Gefahr, dass sie nicht einmal vor der Schule Wasser trinken, um nicht tagsüber auf die Toilette zu müssen.

Amerika hat eine Reihe von Präsidenten gehabt, deren Appetit für viele Frauen, die ihnen über den Weg gelaufen sind, eine Gefahr darstellte. Doch der gegenwärtige Präsident hat sie alle übertroffen. Seine Politik macht ihn zu einer Gefahr für alle Frauen, auch denen, die eine Schultoilette benutzen möchten.

Mehr hier: www.firstthings.com.

VD: AW

Postmoderne Theorien fördern intellektuelle Regression und Gewalt

Ich zitiere heute Nico Hoppe, der in Leipzig Philosophie studiert und offensichtlich unter der Verblödung, die mit der Vereinnahmung der Geisteswissenschaften durch postmoderne Theorien einhergeht, ziemlich leidet. Aber nicht nur das. Er erkennt auch – und ich stimme ihm darin zu – die faschistischen Momente dieses spätmodernen Aufbäumens. Vielleicht ist „Krieg dem Ganzen“ ja wörtlicher zu verstehen, als wir das wahrhaben wollten? Es wäre wirklich schön, wenn wenigsten einige Theologen der Postmoderne die Irrwege durchschauten und umkehrten.

Aber nun einige Zitate (FAZ, 17.02.2020, Nr. 40, S. N4):

Seit einigen Jahren werden an den Universitäten der westlichen Welt jene Konzepte erprobt, die später von Medien, Wirtschaft und Politik übernommen werden. Ob es sich um Inklusionsregeln, die Auflösung des körperlichen Geschlechts oder die Ansicht handelt, der Wert einer Aussage sei an der Herkunft des Sprechers zu messen – sie alle wurden zuerst an Hochschulen populär, bevor sie praktischen Einfluss auf Politik und Gesellschaft nahmen. Gemeinsam ist diesen Konzepten auch die Herkunft aus dem französischen Poststrukturalismus und den postmodernen Theorien, die seit den neunziger Jahren an amerikanischen Universitäten Karriere machten.

Die Begriffe des Wissens, der (Fortschritts-)Geschichte und des Menschen (Michel Foucault und Jean-François Lyotard), der Rationalität und der Psychoanalyse (Gilles Deleuze und Félix Guattari), des Subjekts (Jacques Derrida) sowie der Identität und des Körpers (Judith Butler) sollen als konstruierte Narrative entlarvt und dekonstruiert werden. Die beiden Todfeinde sind Metaphysik und Essentialismus, worunter schon die Annahme eines Wesens im Gegensatz zur Erscheinung fällt. Immer wiederkehrende Schlüsselbegriffe sind der alles bestimmende Diskurs nebst der unhintergehbaren Macht, die er über die Subjekte ausübt. Der Begriff der Wahrheit wird dem Recht des Stärkeren geopfert: Geltung ersetzt Objektivität.

Der Poststrukturalismus erliegt dem Missverständnis, der Bruch mit der Tradition und die Dekonstruktion des Überkommenen seien allein schon progressiv. Die Ersetzung der alten Oberbegriffe von Wahrheit und Vernunft durch unzugängliche Prinzipien wie die Differenz schafft nur neue Kerker des Denkens.

Man erliegt dem Faszinosum des Umbruchs und gefällt sich auch außerhalb der Universität im blinden Zuschütten des scheinbar Überkommenen (von Familie, Nation, Staat und Religion über tradierte Sprache bis hin zum bürgerlichen Ideal zivilisierter Distanziertheit), ohne zur Kenntnis zu nehmen, dass gerade die kulturrevolutionäre Raserei gegen die Tradition stetes Attribut faschistischer Bewegungen war. Vom postmodernen Aufbäumen ist deshalb nicht Befreiung, sondern fortschreitende Regression zu erwarten.

Warum Mathematik rassistisch ist

Ich bin ganz dankbar, dass die postmoderne Theorie mit ihrer Identitätsschwärmerei immer buntere Blüten treibt. Das stärkt meine Hoffnung, dass doch mehr und mehr Menschen aufwachen und sich vor dem König, der keine Kleider trägt, nicht mehr verbeugen.

Worum geht es diesmal? Ausnahmsweise nicht um die Dekonstruktion des biologischen Geschlechts, sondern um die der Mathematik. Die Idee, dass die Mathematik objektiv sei, zeige nämlich, dass es sich um eine Wissenschaft der „weißen Vorherrschaft“ handelt. Das berichtet die heute Ausgabe der FAZ (02.03.2020, Nr. 51, S. 7):

Den Anfang machte Brittany Marshall. „Die Idee von 2 + 2 = 4 hat kulturelle Gründe. Als Folge von westlichem Imperialismus/Kolonisierung halten wir sie für das einzig Richtige“, twitterte die Studentin der Rutgers-Universität im vergangenen Sommer – und brach in den Vereinigten Staaten die Debatte über Mathematik, Hautfarbe und Herkunft los. Marshall, laut ihrem Profil Lehrerin, Kämpferin für sozialen Wandel und Anhängerin der Bewegung „Black Lives Matter“, machte öffentlich, was nur gelegentlich und verhalten in Schulverwaltungen und bei Bildungskonferenzen diskutiert wurde: die These, dass nichtweiße Schüler in Mathematik benachteiligt würden, da sich das Fach auf westliche Werte stütze.

Ideen haben Konsequenzen. In Oregon kam die Idee offenbar gut an. Denn:

Zumindest in Oregon schien die Warnung zunächst nicht angekommen zu sein. Das Kultusministerium des Pazifikstaats forderte seine Lehrer auf, sich in einem Kursus für „Ethnomathematik“ weiterzubilden. Der Bildungstrend, so der Rundbrief, gehe davon aus, dass der Fokus auf das korrekte Resultat im Mathematikunterricht ein Zeichen „weißer Vorherrschaft“ sei. Ein Ziel der Fortbildung solle daher sein, für jede Aufgabe mindestens zwei Ergebnisse zu erarbeiten. Auch das Vorführen von Rechenwegen durch die Schüler vertrage sich nicht länger mit den Vorstellungen des Kultusministeriums in Portland. Es sei ein Signal für die Infiltration des Klassenzimmers mit „White Supremacy Culture“.

„Das Konzept, dass Mathematik rein objektiv ist, ist eindeutig falsch. An der Idee festzuhalten, dass es immer richtige und falsche Antworten gibt, schreibt diese Objektivität und die Furcht vor offenem Konflikt fort“ – mit diesen Worten warf das Department of Education den bisherigen Ansatz über den Haufen. Auch Objektivität, heißt es in dem Begleitbuch zur neuen Lehrmethode unter dem Titel „Abbau von Rassismus“, sei ein charakteristisches Zeichen für „weiße Vorherrschaft“.

Dann hoffen wir mal, dass die Vertreter der Ethnomathematik keine Brücken bauen.

Das erinnert an einen Fleischwolf

Die klugen Beobachtungen von Rieke Hümpel zur Gender-Sprache empfehle ich sehr gern.

Zum Beispiel:

In der Ausbildung zur Journalistin habe ich gelernt, dass Sätze verständlicher werden, je genauer man die Handelnden benennt. Wenn der Schulleiter nun von Lehrkräften spricht, denke ich: Ich möchte nicht, dass mein Sohn von einer Kraft unterrichtet wird. Sollten Medien, Bildungseinrichtungen und Online-Wörterbüchern gelingen, dass generische Maskulinformen künftig als politisch unkorrekt gelten, so werden die Menschen dennoch versuchen, die lange Beid-Nennung zu umgehen. Die Folge wird sein, dass Menschen in unserer Sprache immer mehr „neutralisiert“ werden. Wollen wir das wirklich? Eine Welt voller Lehrkräfte, Gartenkräfte, Hilfskräfte, Führungskräfte, Pressepersonen, Gastpersonen, Reitpersonen, Schiffspersonen – und Diverse. Was macht das mit uns?

Oder:

Etwas anderes ist es, wenn ein Staat Sprachgebrauch per Gesetz, Vorschrift oder Erlass vorschreibt– das nennt man dann Zwang. Und auch wenn Gleichstellungsbeauftragte in Universitäten Leitfäden zur gendersensiblen Sprache verteilen, ist das keine natürliche Sprachentwicklung. Sprache per Zwang und Druck zu normieren, führt in die Unfreiheit. Es gibt keinen freien Sprachzwang. Bisher waren dafür eher Diktaturen wie das Dritte Reich oder die Franco-Diktatur bekannt. Ich finde es beschämend, dass nun eine Demokratie in ein derart wichtiges Werkzeug der Freiheit so stark eingreift, und nehme es als lautes Alarmsignal wahr.

Mehr: www.welt.de.

Zusammenleben in einer post-männlichen Zivilisation

Die Biologin Meike Stoverock ist davon überzeugt, dass die Evolution früher oder später ein Matriarchat herbeiführen wird. Ihrer Meinung nach steuern wir mit Volldampf auf eine post-männliche Weltordnung zu. Die stellt sie sich folgendermaßen vor:

Nun macht Meike Stoverock Vorschläge, wie das Zusammenleben von Männern und Frauen in einer post-männlichen Zivilisation aussehen könnte, einer Weltordnung, in der Frauen im Lauf ihres Lebens tendenziell mehrere Alphamänner auswählen, in der aber nicht jeder Topf einen Deckel findet. Sie rechnet ab mit der Institution der Ehe, in der sie ein Instrument der Unterdrückung von Frauen sieht, fordert eine Abkehr von der romantischen Vorstellung, dass Männer und Frauen in lebenslanger Monogamie glücklich werden können.

Männer, die in dieser neuen Weltordnung keine Frauen mehr finden, sollen auf andere Weise versorgt werden – Stoverock denkt über Sexualassistentinnen nach und über die Rolle von Prostitution, sie bezeichnet Pornografie als mögliche „gesellschaftsverträgliche Stütze“ für Männer.

„Männer, die nie oder nur sehr selten Sexpartnerinnen finden, müssen ethische und gesellschaftlich akzeptierte Möglichkeiten bekommen, ihre sexuellen Bedürfnisse zu erfüllen.“

Meike Stoverock hat ein aufwühlendes Buch geschrieben. Es ist radikal und provoziert manchen Widerstand. Damit geht sie klug und vorausschauend um und entkräftet Gegenargumente, die beim Lesen aufsteigen können. Man muss das nicht alles mögen, was sie schreibt, man kann sich empören über ihr Bild von Männern und Frauen, ihre Ablehnung der Ehe, die Art ihrer Religionskritik. Aber gerade deshalb ist ihr Buch so lesenswert – weil es dazu auffordert, völlig neu über das Verhältnis von Männern und Frauen nachzudenken und auch: zu streiten.

Ich finde die Thesen weder überzeugend noch originell, wie wohl die meisten Leute. Trotzdem sehe ich vor meinem inneren Auge Frau Dr. Meike Stoverock schon von einer Talkshow zur anderen tingeln. Die Moderatorinnen werden so begeistert sein wie Monika Dittrich, die das Buch für das DLF-Format „Ausdruck“ besprochen hat:

VD: WH

J.I. Packer: Gott erkennen

Benjamin Schmidt vom Herold Verlag stellt eines der wichtigsten christlichen Bücher aus dem 20. Jahrhundert vor: Gott erkennen von J.I. Packer. In seiner Besprechung schreibt er:

Packer weist in seinem Vorwort darauf hin, dass es ihm beim Verfassen des Buches Gott erkennen nicht darum ging, eine Abhandlung über Gott zu schreiben. Vielmehr wollte er „eine Reihe kleiner Studien über große Themen“ zu einem großen Thema über Gott und über unser Leben zusammenzufassen (S. 9). Die meisten Abschnitte des Buches waren ursprünglich für eine Artikelreihe des Evangelical Magazine erschienen und wurden für die Buchausgabe noch einmal stark erweitert.

Gott erkennen richtet sich an Menschen, die ein Gespür für den herrschenden Mangel an der Kenntnis über Gottes Wesen (sowohl in Kirche und Gesellschaft als auch im persönlichen Leben) haben, die sich aber mit der Flucht in den Skeptizismus nicht abfinden wollen. Ein großer Vorteil von Gott erkennen ist, dass es sich nicht an Theologen, sondern an gewöhnliche „aufrichtige Leser“ richtete, weshalb die Sprache bewusst einfach gehalten wurde. Dennoch sollte man schon eine gewisse Wertschätzung für – oder zumindest keine Abneigung gegen – handfeste Bekenntnisse haben, wenn man dieses Buch mit Gewinn lesen will. Wer sich aber darauf einlässt, der wird ermutigende und vor allem tragfeste Antworten finden.

Mehr: www.evangelium21.net.

Aktive Sterbehilfe als Ausdruck christlicher Nächstenliebe

Vor etwa 20 Jahren habe ich mich ergiebig mit dem Verhältnis von Seelsorge und Psychologie o. Psychotherapie beschäftigt und bin dabei unter anderem bei der Feministin Isolde Karle gelandet. An der Seelsorgelehre in der Tradition Schleiermachschers hat mich immer abgeschreckt, dass die Theologie fast völlig für die Anthropologie verzweckt wurde. Alles, selbst Gott, dreht sich um den Menschen. Ein ähnliches Unbehagen empfand ich bei der Lektüre von Seelsorge in der Moderne, auch wenn ich dankbar war, dass Karle der Gemeinde in der Seelsorge wieder mehr Raum zugestehen wollte. Zitat (Seelsorge in der Moderne, 1996, S. 224):

Der Realitätsbezug der Parochie scheint manchen Pastoralpsychologen
aufgrund ihrer starken Orientierung an der psychotherapeutischen
Praxis verloren gegangen zu sein. Selbst Scharfenbergs Beispiele
erinnern eher an die therapeutische, denn an die parochial-seelsorgerliche
Praxis, obwohl er sich intensiv um die Vermittlung beider
Beratungsformen bemüht.

Als ich verstand, dass sie sich in postmoderner Manier für die Destabilisierung der Zweigeschlechtlichkeit stark macht, hatte sich mich dann allerdings völlig verloren (S. 191):

Eine Überwindung der Geschlechterbinarität ist nicht wahrscheinlich, solange unsere Kultur die Zuordnung zu einem Geschlecht so wichtig nimmt. Dennoch ist eine Destabilisierung der Geschlechterpolarität möglich und gesellschaftlich längst schon im Gange. Wie im ersten Kapitel dieser Studie ausführlich dargestellt, läßt sich eine Diversifizierung der Geschlechter: beobachten, die mit den Modernisierungsund sozialen Wandlungsprozessen der letzten Jahrzehnte einhergeht. Durch die „nachholende Individualisierung“ von Frauen, durch ihre Partizipation an den Funktionssystemen der Gesellschaft, durch die Selbstverständlichkeit der Berufstätigkeit von Frauen sind Entdifferenzierungsprozesse in Gang gekommen, die das zweigeschlechtliche Symbolsystem relativieren. Wenn Frauen die Tätigkeiten von Männern und Männer die Tätigkeiten von Frauen übernehmen, verlieren die geschlechtsdifferenzierenden Bedeutungen von Tätigkeiten ihren Sinn. Nehmen die Optionen, das eigene Leben individuell zu gestalten, zu, werden die Selbstkonzepte und damit die Identitäten auch und gerade im Hinblick auf das je eigene Geschlecht variabler und vielfältiger. Durch zunehmende Überlappungen und Grenzüberschreitungen schleift sich die Schärfe des Geschlechterdualismus ab und verliert dieser tendenziell seine Polarität.

Frau Prof. Karle gehört zu jenen evangelischen Theologen und Theologinnen, die diakonischen Einrichtungen in Ausnahmefällen den assistierten Suizid ermöglichen möchten (vgl. hier). Sie wurde kürzlich von Ute Welty für den DLF zu dem von ihr mitgetragenen Vorstoß interviewt. Frau Karle lehnt die Mithilfe bei einem affektiven Suizidwunsch strickt ab. Auch Beihilfe bei einem gefestigten Suizidwunsch muss die „absolute Ausnahme“ bleiben. Wenn sie jedoch angemessen scheint, sei das ein Akt christlicher Nächstenliebe.

Dieses Umdeuten ist nicht ganz neu. Ich habe es hier bereits vor 9 Jahren vorgestellt und kritisiert. Alan Mann und Steve Chalke hatten die aktive Sterbehilfe wie folgt „geframed“:

Der Christ kann in der Euthanasie – und das betrifft auch die aktive Sterbehilfe – keinen Akt der autonomen Selbstbestimmung sehen, denn das stellte die Usurpation göttlichen Rechts dar, Leben zu nehmen. Eine solche Entscheidung sollte von einer fürsorglichen und mitfühlenden Gemeinschaft im Glauben getroffen werden. Sie dem Einzelnen zu überlassen, wäre ein Akt höchstmöglicher Preisgabe und widerspräche diametral der ethischen Einstellung eines jeden, der behauptet, Nachfolger Jesu zu sein.

Wir nehmen kein Leben, sondern räumen dem Einzelnen das Recht ein, von sich aus auf ein Weiterleben zu verzichten und dem Gott, der das Leben gegeben hat zu vertrauen, dass nichts uns „kann scheiden von der Liebe Christi … weder Leiden noch Tod“ (Röm 8,35ff.).

Genau lesen. Der Einzelne hat nicht die Vollmacht, sich über von Gott gesetzte Grenzen hinwegzusetzen. Die Gemeinschaft der Glaubenden darf allerdings – so die beiden Emergenten – im Glauben die Gebote Gottes suspendieren. Und derjenige, der sein Leben gewollt beendet, stiehlt nicht etwa das Geschenk des Lebens. Nein, er verzichtet bescheiden auf das Leben.

Das ist die sanfte Umdeutung der christlichen Botschaft, die heutzutage fast überall aufblitzt und leider auch von vielen, die ihre Bibel lesen, nicht erkannt wird.

Wer das glaubt, wird nicht selig.

Hier nun das Interview mit Prof. Karle:

The Gospel Animated

Ordinary Folk ist ein Motion-Design- und Animationsstudio mit Sitz in Vancouver (Kanada), das vom Kreativdirektor Jorge R. Canedo E. gegründet wurde.Nun haben sie in einem Clip versucht, das Evangelium „darzustellen“. Gut gemacht.

Hier:

VD: JT

Visual Bible Guide

Helmut Henschel hat für Evangelium21 das hier schon im Dezember empfohlene Buch Visual Bible Guide rezensiert. Er schreibt:

Challies Visual Bible GuideDie größte Stärke des Buches zeigt sich im dritten und letzten Teil des Visual Bible Guide. Dort wird der rote Faden des Heilsplanes Gottes im Sinne der Biblischen Theologie ausgebreitet. Jesus selbst ist Mitte und Auslegungsprinzip der Schrift. Von ihrem Anfang bis zu ihrem Ende zeigt die Bibel, dass es in ihr nicht so sehr um uns, sondern um Gott – d.h. Jesus – geht. An diesem Punkt sind die Visualisierungen besonders hilfreich, ist es so doch möglich, sehr schnell einen Überblick über die Entfaltung von Gottes Plan durch die ganze Schrift zu erhalten. Dabei wird aufgezeigt, wie die einzelnen Bücher und Gattungsgruppen der Bibel auf ihre eigene Art auf Jesus hinweisen und seine Zentralität deutlich machen. Das bringt am Ende sehr effektive Auslegungshilfen, die beim eigenen Studium enorm hilfreich sein können. Durch die Grafiken einprägsam ausgeführt, erfährt man z.B., dass man die literarischen Bücher des Alten Testaments als Ausdruck der Sehnsucht nach Jesus verstehen sollte. Das dürfte gerade jungen Christen eine große Ermutigung sein, die Texte nicht nur zu lesen, sondern auch diesbezüglich zu interpretieren.

Zwei Eigenschaften heben diese Publikation besonders hervor: Naturgemäß die Visualisierungen und Informationsgrafiken, die ihre besondere Stärke im letzten Teil entwickeln, und der konsequent biblisch-theologische Ansatz, der sich durch das ganze Buch zieht und dann vor allem im dritten Teil ausführlich zur Sprache kommt. Das alleine ist eine Anschaffung und Lektüre auf jeden Fall wert.

Mehr: www.evangelium21.net.

NYT am Scheideweg

Kürzlich habe ich über die Entlassung des Wissenschaftsredakteurs McNeil bei der „New York Times“ informiert. Er hat einen bei der NYT auf dem Index stehenden Begriff in einem nichtrassistischen Sinn verwendet. Patrik Bahners schildert und kommentiert für die FAZ die Vorgänge bei der Zeitung und stellt dabei die entscheidende Frage:

Wann sollen Wörter korrigiert werden? Wenn sie Gefühle verletzen oder wenn sie Tatsachen widersprechen? An dieser Frage hängt die Zukunft der „New York Times“.

Mehr: www.faz.net.

London will ein Anti-Zensur-Gesetz

Wie schlimm es um die Meinungsfreiheit in der westlichen Welt bestellt ist, offenbart ein Vorstoß des britischen Bildungsministers Gavin Williamson. Seiner Auffassung nach ist die freie Rede an den Universitäten inzwischen derart gefährdet, dass er sie unter einen besonderen Schutz stellen möchte und sogar Entschädigungen für Opfer der „Cancel Culture“ vorsieht. 

Die FAZ schreibt: 

Mit seinem Vorstoß reagiert Williamson auf zunehmende Klagen über ein Klima der Einschüchterung im akademischen Bereich. In den vergangenen Jahren mehrten sich Fälle, in denen Veranstalter Redner ausluden, weil sie nicht genehme Meinungen vertreten oder auch nur mit einer bestimmten Politik in Verbindung gebracht wurden. Diese „Cancel Culture“, heißt es in einer Studie der Denkfabrik „Policy Exchange“, sei aber „nur die Spitze des Eisbergs“. Jährlich gebe es nicht mehr als fünfzig solcher Fälle – dahinter würden sich jedoch „viel größere Effekte verbergen“. 

Die Autoren der Studie stellten fest, dass viele Studenten und Wissenschaftler „abweichende Meinungen nicht mehr öffentlich kundtun“. Diese „Selbstzensur“ reflektiere nicht nur die Angst, sich unwohl zu fühlen. Vielmehr sei sie, vor allem unter jungen Akademikern, eine „rationale Reaktion auf einen Arbeitsplatz, bei dem das Äußern solcher Ansichten negative Auswirkungen auf ihre Karrieren hat.“

Linke Studenten und Aktivisten sind mit diesem Vorschlag freilich überhaupt nicht einverstanden. „Es gebe ‚keine Hinweise auf eine Krise der Redefreiheit auf dem Campus‘, sagte Hillary Gyebi-Ababio, Vizepräsidentin der Nationalen Studentenunion.“

Mehr (allerdings nur hinter der Bezahlschranke): www.faz.net.

J.I. Packer: Die ehrfurchtslosen Mißachtung des Wortes

J.I. Packer (Wie Gott vorzeiten geredet hat, 1988, S. 48):

Der gegenwärtige Zustand unserer Kirchen läßt kaum daran zweifeln, daß Gott begonnen hat, uns in diesen Tagen zu verlassen, als ein Gericht wegen unserer ehrfurchtslosen Mißachtung seines geschriebenen Wortes.

Was sollen wir tun? Mit unserer eigenen Kraft können wir den Heiligen Geist nicht zurückrufen und Gottes Werk unter uns neu beleben. Es ist Gottes alleiniges Vorrecht, uns wieder lebendig zu machen. Aber wir können zumindest die Hindernisse aus dem Weg räumen, über die wir gefallen sind. Wir können neu über die Lehren der Offenbarung und Inspiration nachdenken, wobei wir das Licht, das die moderne Forschung auf die menschlichen Aspekte der Schrift wie Kultur, Sprache, Geschichte und so fort geworfen hat, nicht verwerfen, aber den Skeptizismus bezüglich ihrer Göttlichkeit und ewigen Wahrheit ausscheiden. 

Der vergessene Wegbereiter der „Neuen Calvinisten“

Wenn du Kenner der Evangelikalen danach fragst, wer in den 70er und 80er-Jahren des 20. Jahrhunderts den reformierten Flügel dieser großen Bewegung geprägt hat, wirst du Namen wie J.I. Packer, Martyn Lloyd-Jones, John Stott, Francis Schaeffer, R.C. Sproul oder James Montgomery Boice hören. Ihre Predigten, Vorträge und Bücher konnten eine beachtliche Wirkung entfalten und werden heute noch gern gelesen. Von David F. Wells haben – besonders in Europa – nur sehr wenige etwas gehört. Es wird also Zeit, dass Sarah Eekhoff Zylstras Artikel über diesen beeindrucken Mann in der deutschen Sprache erscheint. Vielen Dank an die Mitarbeiter von Evangelium21 für die Übertragungsarbeit!

Wells Buch No Place for Truth kann ich herzlich empfehlen. Wells beschreibt dort ein sich wandelndes Wahrheitsverständnis der Frommen in den Vereinigten Staaten. Dazu schreibt Sarah Eekhoff Zylstra:

Amerikaner begannen damit, Medikamente, Selbsthilfebücher und Therapeuten zu suchen, um mit dieser Scham fertig zu werden. Und Christen, die dieselben öffentlichen Schulen besuchten und dieselben Fernsehprogramme sahen, waren dieser Veränderung gegenüber nicht immun.

Anstatt das Leben an der Bibel auszurichten, begannen Christen, sich an ihren Gefühlen, Gedanken und Erfahrungen zu orientieren, wofür sie dann entsprechende Bibelstellen heraussuchten. Pastoren fokussierten sich nicht mehr darauf, biblische Lehre zu studieren und zu erklären, sondern begannen, den Menschen zu helfen, sich in ihrem Leben zurechtzufinden. Die Gemeinden gaben schwierigere Lehren zugunsten von besucherfreundlichem Marketing auf. Die Emerging Church interpretierte Anbetung, Evangelisation und was es bedeutet, Pastor zu sein, um.

Zunehmend verlagerte sich auch der Unterricht in den theologischen Seminaren von systematischer Theologie oder hebräischer Exegese zu Kursen wie „Geistliches Wachstum“ oder zu Themen wie Theologie und die Künste. Christliche Buchläden, die einst vor Theologiebüchern strotzten, tauschten diese langsam gegen weniger ernsthafte Bücher aus, bevor sie selbst diese gegen Poster und Potpourri eintauschten, bemerkte der Präsident des Southern Baptist Theological Seminary, Al Mohler.

„Wenn man seinen geistlichen Dienst beginnt, sind diese Einsichten, wie das Evangelium auf die Gemeinschaft und die Kultur einwirkt, sehr wichtig“, sagt Pastor Chris Castaldo, der kurz nach dem Erscheinen von No Place am Moody Bible Institute und anschließend bei Wells am Gordon-Conwell studierte. „Wells war eine der Stimmen, die das auf eine Art und Weise angesprochen haben, die durchdacht und klar war. Er hatte keine Angst, Dinge zu benennen und zu sagen: ‚Das ist so nicht richtig‘“.

Wells geht in No Place nicht so sehr auf die Lösung ein, was bei einigen Lesern Kritik hervorgerufen hat. Der Grund hierfür war aber schlicht, dass er noch nicht fertig war (No Place wurde zu einer Reihe ausgebaut) und weil er dachte, die Antwort sei selbstverständlich: Kehre zurück zum Evangelium. Lebe ein gottzentriertes, durch die Gnade und das Opfer Christi bestimmtes Leben.

Mehr: www.evangelium21.net.