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Zum Akkreditierungsentzug der STH

Der STH in Basel (Schweiz) wird die staatliche Anerkennung unter anderem deshalb entzogen, weil sie nur männliche Professoren hat – und weil der „Diversitätsbegriff“ der Hochschule zu eng sei.

Die FAZ berichtet: 

In der Schweiz, wo sich das akademische Geschlechterverhältnis auf ähnlichem Niveau wie in Deutschland bewegt, versuchte man jetzt etwas nachzuhelfen. Wie die „Neue Zürcher Zeitung“ berichtet, verlor die in Basel ansässige „Staatsunabhängige Theologische Hochschule“ (STH) ihre staatliche Anerkennung unter anderem deshalb, weil sie zu wenig weibliches Führungspersonal hat. Alle fünf Professuren der Privathochschule sind mit Männern besetzt. Der Akkreditierungsrat wertete dies als Verstoß gegen das Gleichstellungsprinzip.

…

Außerdem rügen die Gutachter den zu engen, nur auf Mann und Frau begrenzten Diversitätsbegriff der STH. Soll die Hochschule akademische Stellen demnach nicht nur bevorzugt an Frauen, sondern auch bevorzugt an andere unterrepräsentierte Gruppen vergeben, und wenn ja, in welcher Gewichtung? Bezieht sich Diversität nur auf äußere Merkmale oder auch auf die intellektuelle Vielfalt oder soziale Herkunft? Und wie kann das mit dem Leistungsprinzip in Einklang gebracht werden an einer kleinen Hochschule, die nur wenige Professuren zu besetzen hat? Das Gutachten gibt darauf nur die nebulöse Antwort, der interdisziplinäre Diversitätsdiskurs sei „noch nicht aufgenommen, reflektiert und mit strategischen Zielen einbezogen“ worden.

Mehr: www.faz.net.

Jay Adams und die Antithese in der biblischen Seelsorge

Jared Poulton hat den Seelsorgeansatz von Jay Adams daraufhin untersucht, ob er die von Cornelius Van Til betonte „Antithese“ akkurat aufgenommen hat. Und er ist zu dem Ergebnis gelangt, dass Adams die Antithese leider nicht im Sinne von Bavinck oder Van Til interpretiert, was zu einem falschen Verständnis des „sola scriptura“ in der biblischen Seelsorge geführt hat.

Er schreibt (Van Tils’s Counseling Movement (2026, S. 215–216, #ad):

Die Antithese ist ein zentrales Element von Adams’ Beratungssystem. Jay Adams passte dieses Van-Tilianische Konzept an den Beratungskontext an und argumentierte, dass säkulare Beratungssysteme in ihrem Kern die menschliche Autonomie im Gegensatz zu Gott hochhalten. Die Antithese ermöglicht es Jay Adams, den kosmischen Konflikt hervorzuheben, der sich in der Welt zwischen dem Rat Gottes und dem satanischen Rat entfaltet. Aufgrund der Anfälligkeit christlicher Seelsorge für satanische Unterwanderung kommt Adams zu dem Schluss, dass Christen nur dann sicher sind, wenn sie ihren gesamten Rat aus der Heiligen Schrift ableiten.

Dennoch begeht Adams einen entscheidenden Fehler, indem er Van Tils Verständnis der Antithese falsch interpretiert. Er übersieht Van Tils wesentliche ethische Einschränkungen hinsichtlich dieses Prinzips der Feindseligkeit im Herzen des gefallenen Menschen. Der niederländische Apologet beschreibt die Antithese zwar als absolut, stellt jedoch klar, dass sie ethischer Natur ist und grundsätzlich nur aufgrund der ethischen Einschränkungen der metaphysischen Verfassung des Menschen und des mäßigenden Wirkens der allgemeinen Gnade zum Tragen kommt. Aufgrund der Antithese zögern viele biblische Seelsorger, Nichtchristen positive Beiträge in Bezug auf Wissen, Moral oder Ratschläge zuzuschreiben. Da Nichtchristen nach Gottes Ebenbild geschaffen wurden und Empfänger der allgemeinen Gnade sind, verfügen sie jedoch möglicherweise über relatives moralisches Wissen und relative Güte, die mit dem in der Heiligen Schrift enthaltenen Wahrheitssystem im Einklang stehen, was es unmöglich macht, dass christliche und nichtchristliche Seelsorgesysteme einander absolut entgegengesetzt sind.

Eine Analyse von Adams’ Verständnis der Antithese offenbart verschiedene Implikationen für die moderne Bewegung der biblischen Seelsorge. Bis vor relativ kurzer Zeit fand Adams’ nouthetischer Seelsorgeansatz außerhalb fundamentalistischer Kreise kaum Beachtung. Die biblische Seelsorge dringt in neue kirchliche Zielgruppen vor, und Adams’ Darstellung der Antithese verliert ihre Bedeutung als Kennzeichen für den Unterschied zwischen biblischer und nichtchristlicher Seelsorge. Es wird wichtig sein zu beobachten, ob die Bewegung der biblischen Seelsorge weiterhin an Adams’ radikaler Antithese zwischen nichtchristlicher Seelsorge und aus der Schrift abgeleiteter Seelsorge festhält, ob sie Van Tils notwendige ethische Voraussetzungen anwenden wird oder ob sie die Antithese sogar von ihrer zentralen Rolle innerhalb des Systems der biblischen Seelsorge entthronen wird.

Gottes Antwort auf die Erscheinung des Bösen

Der Schriftsteller Willy Kramp hat einmal einen Amtsrichter besucht, der einer Okkultistengesellschaft vorstand. Kramp hat diese Erfahrung anschließend in einem Essay verarbeitet, welches den Titel „Vom Wesen der Offenbarung“ trägt (Von der Gleichzeitigkeit ds Lebendigen, 1956, S. 36–37). Er schließt seinen Text mit folgenden wunderbaren Worten:

Aber dennoch antwortet Gott auf die Erscheinung des Bösen. Und zwar durch Offenbarung: Er wird Mensch, nimmt Tod und Schuld auf sich, bricht zusammen unter Haß und Finsternis. Dem Rätsel des Bösen stellt er das Geheimnis seiner Liebe gegenüber. Damit „löst“ er uns jenes Rätsel zwar nicht; aber er erlöst uns von seiner Gewalt.

Dieses Mysterium wird ohne Vorhang gespielt. Die Erde in ihrer armen, plumpen Sichtbarkeit gibt die Bühne her für das erhabene Spiel der Menschwerdung und des Opfers Gottes. Jener „äußerste Zipfel“ der Wirklichkeit, dem mein Magier so gar keine Beachtung mehr schenkte, wird für wert gehalten, dem Ewigen Wort Fleisch und Blut zu leihen. Wie sollten wir nun noch die Leiblichkeit verachten dürfen, die unser Teil ist? Wie sollten wir dieser uns zugemessenen Welt entfliehen wollen, um Gott zu erkennen?

Wer da meint, er müsse sich einer „höheren“ Welt zuwenden, weil die irdische Sichtbarkeit wesenlos sei, der wird in Wahrheit beides verlieren: die Erde und den Himmel. Immer mehr wird er Luzifer ähnlich werden, dem schönen Leiblosen, der alles weiß und nichts glaubt; der nur Erkenntnis, aber kein Sein hat. Wer sich jedoch den Offenbarungen untertan macht, die Gott uns Menschen zubestimmt hat, der wird dem Herrn zwar nicht seine Geheimnisse entreißen; aber er wird, schauend und glaubend, ein Sein gewinnen, das sich aus der Kraft und Wahrheit Gottes nährt. Und er wird übers dies erfahren, daß diese unsere Welt auch in ihrer Gefallenheit noch die Züge dessen trägt, den sie geheimnisvoll verhüllt.

VD: BK

Vom Gebet

Martin Luther (Großer Katechismus, 1996, S. 110–111):

Denn das sollen sie wissen, dass unser ganzer Schutz und Schirm allein im Gebet besteht. Denn wir sind viel zu schwach gegenüber dem Teufel, der sich mit seiner Macht und seinem Anhang uns entgegenstellt; sie könnten uns wohl mit ihren Füßen zertreten. Darum müssen wir wachsam sein und zu den Waffen greifen, mit denen die Christen gerüstet sein sollen, um gegen den Teufel zu bestehen. Denn was meinst du, woran es gelegen hat, dass wir die Ratschläge und Pläne, den Mord und Aufruhr unserer Feinde haben abwehren und dämpfen können, mit denen der Teufel versucht hat, uns und das Evangelium zu unterdrücken? Es waren die Gebete etlicher frommer Leute, die wie eine eiserne Mauer auf unserer Seite dazwischengekommen sind und uns geschützt haben. Sie hätten sonst etwas ganz anderes erleben können, nämlich wie der Teufel ganz Deutschland in seinem eigenen Blut ins Verderben gebracht hätte. Sie mögen jetzt nur getrost darüber lachen und spotten, wir jedoch wollen sowohl unsern Feinden als auch dem Teufel gegenüber Manns genug sein – allein mit der Kraft des Gebetes, wenn wir nur fleißig beten und im Gebet nicht nachlässig werden. Denn wo immer ein frommer Christ betet: „Lieber Vater, lass doch deinen Willen geschehen“, spricht Gott droben: „Ja, liebes Kind, es soll gewiss sein und geschehen, dem Teufel und aller Welt zu Trotz.“

Das gewöhnliche Leben als Christ

Andreas Reckwitz hat in Die Gesellschaft der Singularitäten (2019, #ad, vgl. hier) gezeigt, dass es in unserer Kultur eine große Sehnsucht nach dem Einzigartigen gibt. Das Durchschnittsleben steht unter Banalitätsverdacht. 

Das färbt auch auf das Verständnis der Jesusnachfolge ab, in dem viele Christen auf der Suche nach dem Besonderen sind. Erfrischend klingen da die Worte von Kevin DeYoung, mit denen er ein Loblied auf das gewöhnliche Leben singt (Christsein schafft eh keiner, Verbum Medien, 2026, S. 130–132, #ad): 

Das Familienleben hat mich vieles gelehrt. Mit einer lebhaften und fröhlichen Frau verheiratet zu sein, die in den meisten Fällen wundervoll entspannt reagiert, hat mir gezeigt, dass es sehr viele verschiedene Wege gibt, ein reifer und liebevoller Christ zu sein. Es gibt wenige Menschen, die so lieb und fürsorglich sind wie meine Frau. In jeder Gemeinde, in der wir Mitglieder waren, wurde sie geliebt und bewundert und als sehr entspannt wahrgenommen. Auch unsere vielen Kinder haben mir gezeigt, dass viele unserer Charaktereigenschaften und Persönlichkeitsmerkmale schon von Geburt an vorhanden sind. Das Vatersein hat mich auch gezwungen, mich an das Alltägliche eines Lebens mit Kindern zu gewöhnen, die gebadet und gefüttert werden müssen, die Hilfe bei den Hausaufgaben benötigen und zum Schwimmunterricht gefahren werden müssen, die neue Schuhe und Kleider brauchen und dann noch mehr Essen.

Das gewöhnliche Leben ist gleichzeitig auch etwas Außergewöhnliches. Wir erweisen der Gemeinde keinen Dienst, wenn wir Menschen glauben lassen, dass zu heiraten, Kinder zu bekommen, verheiratet zu bleiben, Kinder in die Gemeinde zu bringen, ihnen den Glauben zu lehren, Schuhe zu kaufen und sie zu mutigen und liebevollen Christen zu erziehen etwas anderes als radikale Nachfolge ist. Wenn auch wir „Fremdlinge“ sind (vgl. 1 Petr 1,1), dann ist Jeremias Anweisung an die Juden in Babylon auch für uns relevant: Werdet ansässig, gründet Familien und sucht das Beste der Stadt, in der ihr euch vorübergehend befindet (vgl. Jer 29,4–7). Wenn wir Jesus nachfolgen, indem wir andere lieben, unsere Kinder (ob leiblich oder im Glauben) erziehen, uns in einer guten Gemeinde einbringen und mit anderen unseren Glauben und unseren Besitz teilen, dann tun wir ganz sicher etwas.

Permanente Geschlechtsmarkierung

Gendersterne und andere „gerechte“ Sonderzeichen widersprechen den amtlichen Rechtschreibregeln. Dennoch machen sie sich schon im Unterricht für Grundschüler breit. Gerald Ehegartner schreibt: 

Gendern steht auch in einem Spannungsverhältnis zum sprachlichen Ökonomieprinzip. Untersuchungen zeigen, dass Sprachen Informationen trotz großer struktureller Unterschiede mit einer erstaunlich ähnlichen Rate von durchschnittlich rund 39 Bit pro Sekunde übertragen. Wird für eine vergleichbare Information mehr sprachliches Material benötigt, zum Beispiel mit der Paarform „Schülerinnen und Schüler“ oder mit „Schüler:innen“ statt „Schüler“, so verlängert sich tendenziell die Übertragungsdauer.

Sprache unterliegt einem natürlichen Ökonomisierungsdruck: Was häufig gebraucht wird, tendiert zu Verkürzung und Vereinfachung – nicht zu zusätzlicher Komplexität.

Gendern wirkt diesem Prinzip entgegen: Es erweitert oder markiert Personenbezeichnungen zusätzlich und unterbricht in der gesprochenen Form bei Sonderzeichen den Redefluss durch einen Glottisschlag. Zugleich markiert die Gendersprache permanent das Geschlecht – auch wenn dieses völlig unerheblich ist. Das gilt ebenso für die Paarform. Gendern sexualisiert damit die deutsche Sprache – nicht im Sinne einer Erotisierung, sondern einer permanenten Kategorisierung nach Geschlecht.

Dabei verlieren Tausende grammatisch maskuline Oberbegriffe wie „Bürger“ oder „Schüler“ ihre geschlechtsneutrale Funktion. Oberbegriffe sind für das abstrakte und schnelle Verarbeiten von Informationen jedoch unerlässlich.

Damit stellt sich die Frage, ob der Verlust einer universellen, generischen Ebene unsere Fähigkeit schwächt, sprachlich vom Besonderen zu abstrahieren und das Allgemeine zu denken. Der erzwungene Einschub der Geschlechterklasse fragmentiert jedenfalls die sprachliche Repräsentanz des Universalen – das generische, also geschlechtsneutrale Maskulinum muss einer permanenten Geschlechtsmarkierung weichen.

Mehr: www.welt.de.

Michel Foucault: Das Nichts als Götzenbild

Heute jährt sich der 100. Geburtstag von Michel Foucault. Schon zu Lebzeiten war er einflussreich, doch 42 Jahre nach seinem Tod ist Foucault eine Größe, mit der sich Soziologen und Philosophen auseinandersetzen müssen. Vom Postkolonialismus bis zur Queer-Theorie bleibt er eine der meistzitierten und einflussreichsten Persönlichkeiten der Geisteswissenschaften. Tatsächlich hat er diese nach seinem eigenen Bild neu geprägt.

Freilich hat er keine einheitliche Theorie hinterlassen. Und das wird ihm gern verziehen oder als Stärke ausgelegt. „Dass seine Theorie selbst viele Widersprüche und Wendungen in sich trägt und damit unterschiedliche Lesarten begünstigt, kann man eher als Ausdruck der Beweglichkeit seines Denkens denn als Schwachstelle einer Theorie sehen, die nie auf Systematik zielte. Schon den Werkbegriff als solchen wies er für seine Arbeit streng zurück“, schreibt Tania Martini in ihrem Nachruf auf Foucault (FAZ, 02.10.2026, S. L11).

Sowohl Michel Foucault (1926–1984) als auch Georges Bataille (1897–1962) haben sehr düstere, ja sogar finstere Seiten. Beschrieben hat sie zum Beispiel James Miller in seiner Biographie Die Leidenschaft des Michel Foucault (1995). In seinem eigenen Rückblick stellt Carl Trueman den Nihilismus Foucaults heraus.

So brillant er auch war: Bei Foucault drängt sich den Lesern die Frage nach Leben und Denken mit einer gewissen Dringlichkeit auf. Er hatte eine dunkle, unheimliche Seite. Er scheint stets am Rande des Wahnsinns geschwebt zu haben. Sein heimliches schwules Leben führte zu frühen Selbstmordversuchen und Nervenzusammenbrüchen. Nachdem er sich in den 1970er Jahren geoutet hatte, tauchte er in die BDSM- und Saunaszene ein und nahm damit die perversen Exzesse der heutigen sexuellen Anarchie vorweg. Es gibt sogar Behauptungen – umstritten, aber überzeugend –, dass er nach Afrika reiste, um gegen Bezahlung Sex mit minderjährigen Jungen auf Friedhöfen zu haben, und dass er andere wissentlich mit dem AIDS-Virus infizierte.

Natürlich wimmelt es in der Welt talentierter Intellektueller nur so von Persönlichkeiten, deren Privatleben von libidinösen Exzessen geprägt war. Doch Foucault scheint dennoch ein Extremfall zu sein. Und seine sexuellen Vorlieben, die durch Grenzüberschreitungen, Schmerz, Dominanz, Unterwerfung und das Spiel mit dem Tod gekennzeichnet waren, lassen sich zu deutlich mit seinen akademischen Interessen in Verbindung bringen, als dass sich beides klar voneinander trennen ließe. Er war kein Teilchenphysiker, der zufällig gerne Bondage-Clubs besuchte, nachdem das Labor am Abend geschlossen hatte. Es bestand eine tiefe Kontinuität zwischen seiner Philosophie und seiner Lebensweise. Erstere lieferte ihm die theoretische Legitimation für Letztere.

Seinem Denken lag zudem ein tiefer Nihilismus zugrunde, der jegliches Gefühl für moralische Werte ausschloss. Zu Lebzeiten trat er als Mann der Linken auf, doch das war das Ergebnis des Kontextes, nicht seiner Überzeugung. Seine Kritik an der Macht machte ihn zu einer oppositionellen Figur, und das Frankreich seiner Zeit – das von de Gaulle und später d’Estaing – neigte zufällig zur Rechten. Er war kurzzeitig Kommunist und liebäugelte zwar mit dem Maoismus, doch im Grunde hatte er keine stabile, positive politische Vision. Seine Äußerungen zur iranischen Revolution waren damals lächerlich und erscheinen heute umso mehr so, doch sie standen im Einklang mit seinem Fehlen jeglichen moralischen Kompasses. In einem 1980 in „Il Contributo“ veröffentlichten Interview fragte ihn der Interviewer, ob er die Demokratie für besser halte als den Totalitarismus. Sehr zum Frust des Interviewers wich Foucault der Frage immer wieder aus. Dies stand im Einklang mit seinem Bekenntnis zu einem genealogischen Ansatz in der Geschichtswissenschaft, der die Frage nach der Wahrheit vermied; es entlarvte aber auch den ohnmächtigen Nihilismus seines Denkens. Tatsächlich zitierte er in einem Aufsatz über Nietzsche und Genealogie die Bemerkung des Philosophen, dass es der Geschichte an einer von der Vorsehung bestimmten Gestalt und einem sinnvollen Schicksal mangele und sie nichts weiter sei als das Ergebnis „der eisernen Hand der Notwendigkeit, die den Würfelbecher des Zufalls schüttelt“. Nun, wenn die Geschichte nichts bedeutet, dann tun es auch diejenigen nicht, die sie gestalten.

Es war diese Leere, die sein Ende prägte. In seinem Roman „An den Freund, der mir das Leben nicht gerettet hat“ schilderte Hervé Guibert seine Freundschaft mit einem Mann namens Muzil und die Kämpfe, denen sich beide nach ihrer AIDS-Erkrankung stellen mussten. Muzil war Foucault, der „Roman“ eine kaum verhüllte Autobiografie.

Guiberts Beschreibung des körperlichen Leidens in Muzils letzten Tagen ist erschütternd, doch am eindringlichsten ist seine Schilderung eines Besuchs bei ihm im Krankenhaus, als er sich dem Ende näherte: Muzil saß vor dem sonnendurchfluteten Fenster in einem weißen Liegesessel aus Kunstleder, in jenem Raum, der nach gebratener Makrele stank, in der Stille jenes verlassenen Krankenhauses am Pfingstwochenende. Er vermied es, mir in die Augen zu sehen, und sagte: „Man glaubt immer, dass man in einer bestimmten Situation etwas dazu zu sagen hat, und nun stellt sich heraus, dass es doch nichts zu sagen gibt.“

Angesichts des Todes verstummte Foucault schließlich. Der Mann, der die Geisteswissenschaften nach seinem eigenen Bild neu gestaltete und der Millionen von Worten seiner zahlreichen Epigonen inspirierte, starb, ohne etwas zu sagen zu haben. Nichts.

Als ich diese Passage zum ersten Mal las, kamen mir sofort Gedanken an Psalm 115. Nachdem der Psalmist die leblosen Götzen beschrieben hat, die Menschen anfertigen und anbeten, zieht er eine vernichtende Schlussfolgerung: Diejenigen, die sie anfertigen, werden ihnen gleichen. Und Foucault hatte aus dem Nichts ein Götzenbild gemacht. So war es trotz all seiner faszinierenden Einsichten, seines schillernden Intellekts und seines enormen Einflusses sein Nihilismus, der das letzte Wort hatte – oder, vielleicht besser gesagt, ihm seine letzten Worte raubte.

Mehr: firstthings.com.

Was hinter der Diagnose „trans“ bei Jugendlichen steckt

Eine Klientin bereut die Operation: Ihre Stimme und ihre Brüste sind weg. Ein Patient hat alle Eingriffe hinter sich, doch die Schmerzen und die Depression bleiben. In ihrer Praxis hat die Psychotherapeutin Dr. Ingeborg Kraus keinen einzigen Fall erlebt, in dem die Diagnose eindeutig war. Trotzdem gilt in deutschen Kliniken der affirmative Ansatz: zustimmen, nicht nachfragen. Kraus beschreibt, was dabei übersehen wird, warum sich kaum eine Kollegin traut, das öffentlich zu sagen, und was Eltern tun können, deren Kind glaubt, im falschen Körper zu sein.

Sie schreibt: 

Am 12. April 2024 habe ich mir die Debatte im Parlament zum Selbstbestimmungsgesetz angehört. Ich war über die Art der Debatten erstaunt.! Seitens der SPD und Grünen wurde mit Thesen argumentiert, die völlig unwissenschaftlich und falsch waren wie: Es gäbe mehr als zwei Geschlechter und, man könne das Geschlecht wechseln. Die SPD-Abgeordnete Anke Hennig brachte sogar das Beispiel eines sechsjährigen Mädchens ein, das denkt, sie wäre ein Junge, und dem nun aufgrund des Selbstbestimmungsgesetzes unkritisch entsprochen werden kann. Das ist kein Kinderschutz, sondern Kindeswohlgefährdung, der Frau Hennig hier mit ihrem Beispiel den Weg ebnet. Kinder können nämlich die weitreichenden Folgen so einer Entscheidung nicht ermessen.

Dieses Gesetz wurde vom Deutschen Bundestag trotz dieser absurden Argumentationen beschlossen. Das schockierte mich und motivierte mich, einen Essay darüber zu schreiben. Mein Beitrag, „Warum ich das Selbstbestimmungsgesetz als Psychotherapeutin gänzlich ablehne“, erhielt innerhalb kürzester Zeit eine sehr hohe Reichweite auf „X“ (ca. 500.000 Views).

In den folgenden Wochen und Monaten kontaktierten mich sehr viele Menschen: darunter verzweifelte Mütter, deren Kinder sich als „trans“ identifizierten. Verunsicherte Lehrerinnen, die von Schülern gezwungen werden, sie mit einem anderen Pronomen und Namen anzusprechen, Kolleginnen und Kollegen, die mir zustimmten.

In meinem Essay sprach ich über meine klinische Erfahrung mit „Trans“-Menschen aus meiner psychotherapeutischen Tätigkeit. Meine Erfahrungen kollidieren nämlich mit dem gängigen Bild, das von den Befürwortern des Selbstbestimmungsgesetzes verbreitet wird, wie: „Kinder und Jugendliche wüssten über ihr Geschlecht ganz genau Bescheid“. Und: „Das Geschlecht sei ein Gefühl, man sollte es nicht in Frage stellen“. Die Befürworter des SBGG zeichnen ein sehr vereinfachtes Bild von „Transsexualität“ bzw. „Geschlechtsdysphorie“, das mittlerweile sogar im Schulunterricht vermittelt wird.

Mehr hier: frauenheldinnen.de.

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