Das Geschlecht als Gefühl

Ein kürzlich publiziertes Interview mit Frau Prof. Dr. med. Sibylle M. Winter von der Charité in Berlin bestätigt wieder einmal, wie wichtig es ist, dass das Buch Der Siegeszug des modernen Selbst von Carl Trueman in diesem Herbst bei Verbum Medien erscheinen soll. 

Trueman zeigt in seiner Untersuchung zur kulturellen Amnesie und dem expressiven Individualismus, dass der postmoderne Mensch keine Autorität jenseits des eigenen Gefühls mehr gelten lässt. Sogar der eigene Körper wird dem inneren psychologischen Selbst unterworfen. Der Leib darf (angeblich) nicht mehr „mitsagen“, wer ich bin. Was bleibt, ist ein expressiver Individualismus und Subjektismus, dem die Gesellschaft sich anschließen darf. 

Und damit zurück zu Sibylle Winter. Die FAZ hat die Ärztin anlässlich des geplanten Selbstbestimmungsgesetzes gefragt, wie denn festgestellt werden könne, ob eine Person transident sei (Transidentität liegt laut Genderforschung dann vor, wenn die Geschlechtsidentität mit dem bei der Geburt festgestellten Geschlecht nicht übereinstimmt). Die Antwort lautet wie folgt: 

Die Geschlechtsidentität ist eine sub­jektive Einschätzung. Es gibt keine Diagnostik wie eine Blutentnahme oder Ähnliches. Deshalb ist es sehr wichtig, den jungen Menschen die Möglichkeit zu geben, uns ihre Gedanken zu ihrer Geschlechtsidentität mitzuteilen. Wenn wir das nicht infrage stellen, können die jungen Menschen eigene Unsicher­heiten zulassen und ihren Weg finden. Ihre subjektive Einschätzung ist für uns maßgeblich. Dabei ist die Haltung ­wichtig, dass Transsexualität heute nicht mehr als Krankheit gesehen wird, wie man früher noch dachte. Sondern ein subjektives Gefühl. Für uns bedeutet das: Wir prüfen nicht, wir stellen es nicht infrage. Wir schauen nicht, ob es wirklich so ist.

Kurz gesagt: Geschlechtsidentität ist ein subjektives Gefühl, das nicht infrage gestellt wird (werden darf). Es wird nicht überprüft, ob das Gefühl mit der Wirklichkeit übereinstimmt. Die subjektive Selbstauskunft hat das letzte Wort.  

Stellen wir uns mal vor, wir würden auch in anderen Bereichen der Medizin (oder in sonstigen Wissenschaften) so vorgehen. Was wollen wir denn einer Frau sagen, die subjektiv das sichere Gefühl hat, eine Katze zu sein und darunter leidet, nicht nur einen falschen Köper zu haben, sondern auch in der falschen Spezies geboren worden zu sein? 

Oder ein anderes Beispiel: Es gibt Menschen, die intakte Körperteile als fremd empfinden und – um dem wahren Ich näher zu kommen – diese Körperteile entfernen oder zerstören lassen möchten (man sprich auch von „Apotemnophilia“ oder besser von „Body Integrity Identity Disorder“,  also: Störung der körperlichen Integrität und Identität, vgl. dazu: Ron Kubsch, Eine fatale Sehnsucht: Wenn sich Menschen eine Behinderung wünschen, ideaSpektrum 31/23 2006). Was würde denn passieren, wenn wir nicht schauen, ob es wirklich so ist? Rechtfertigt das seelische Leid Betroffener einen unwiderruflichen ärztlichen Eingriff, der zur Körperbehinderung führt, also etwa der Amputation eines gesunden Armes? 

Ich hoffe nicht. Menschen reifen doch gerade dann, wenn sie sich infrage stellen lassen und ihre eigenen Wahrnehmungen, Gedanken, Gefühle und Ideen an der Wirklichkeit prüfen. Wo soll denn ein Absolutismus des Selbst hinführen? 

Es ist höchste Zeit, dass wir die Vorstellung vom Menschen als eine plastische Person, deren psychologisches Wesen es mit sich bringt, dass sie ihre persönliche Identität nach Belieben erschaffen und verändern kann, hinterfragen. Nur wenn uns das gelingt, sind wir in der Lage, die mit diesem Konzept aufgeworfenen Fragen solide zu beantworten. Trueman: 

Die Welt, in der diese Art des Denkens plausibel geworden ist, hat sowohl intellektuelle als auch materielle Wurzeln. Philosophische Denkströmungen aus dem neunzehnten Jahrhundert haben die Annahme, dass die menschliche Natur etwas Gegebenes ist, etwas, das eine intrinsische, nicht verhandelbare Autorität darüber hat, wer wir sind, stark geschwächt oder sogar abgeschafft. Die Veränderungen in unseren materiellen Verhältnissen haben es ermöglicht, dass die diesen Philosophien zugrundeliegenden, anti-essentialistischen Prinzipien plausibel und vielleicht sogar zum Maßstab unseres heutigen Denkens über das Selbstsein geworden sind.

Marie-Luise Vollbrecht vertritt einen inhumanen Biologismus

Wahrscheinlich hat es inzwischen jeder mitgekommen: Die Biologin Marie-Luise Vollbrecht wollte in der „Langen Nacht der Wissenschaften“ in Berlin an der Humboldt-Universität einen Vortrag über Sex und Gender halten. Aus Sicherheitsgründen wurde der Auftritt abgesagt. Denn Frau Vollbrecht ist dafür bekannt, dass sie die biologische Zweigeschlechtlichkeit des Menschen für gegeben hält. Wir dürfen dankbar sein, dass die Absage des Vortrags vielen Redaktionen aufgestoßen ist. Susanne Gaschke schrieb:

Normale Menschen werden nicht begreifen, warum diese biologische Erkenntnis so kontrovers ist, dass Genderaktivisten ihre Kommilitonin und die Universität mit Demonstrationen und offenbar auch mit Gewalt bedrohten – anders wäre jedenfalls nicht zu verstehen, warum die Uni-Leitung sofort einknickte und den Vortrag aus „Sicherheitsgründen“ im „Interesse der Gesamtveranstaltung und der Besucherinnen und Besucher“ absagte.

Thomas Thiel meinte: „Für Vollbrecht sind die Anfeindungen keine Bagatelle. Der Vorwurf der Trans- und Menschenfeindlichkeit schadet ihrer Reputation und gefährdet ihre Laufbahn. Für die Wissenschaft ist es eine gefährliche Tendenz, wenn ganze Disziplinen unter Verdacht gestellt werden.“

Der Druck auf die Humboldt-Universität war offensichtlich so stark, dass diese sich gedrängt fühlte, zu reagieren. Die FAZ informiert darüber, dass der gecancelter Gender-Vortrag am 14. Juli nachgeholt werden soll. Freilich erwartet die Universität, dass die Biologin ihre Behauptungen „kontextualisiert“.

Es gibt aber auch anderslautende Stellungnahmen. Volker Beck, der uns als „Vater“ der „Ehe für alle“ in Erinnerung bleiben wird, schreibt etwa auf Twitter: „Sicherheitsbedenken sollten kein Grund zur Absage eines Vortrages in einer demokratischen Gesellschaft sein. Die Ablehnung des inhumanen Biologismus der Vortragenden schon.“ Mit anderen Worten: Nach Beck ist die Behauptung, dass es nur zwei biologische Geschlechter gibt, unmenschlich. Aber nicht nur das: Es sollte eigentlich verboten werden, so etwas zu behaupten.

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Die Nachrichtenagentur ntv meldet:

Bei der „Langen Nacht der Wissenschaften“ der Humboldt-Uni Berlin soll eigentlich auch die Biologin Vollbrecht sprechen. Doch Vollbrecht ist wegen ihrer Positionen in der Gender-Debatte höchst umstritten. Eine Studentenvereinigung kündigt Proteste an, die Uni-Leitung sagt den Vortrag kurzerhand ab.

Das muss man sich mal vorstellen. Die Redaktion benutzt das Wording „höchst umstritten“, weil Frau Vollbrecht als Biologin in der Genderdebatte die Position verteidigt: es gibt zwei Geschlechter.

Da wir schon mal beim Thema sind: Michael Kämpfer hat 2019 eine TV-Sendung des Wissenschaftsjournalisten Ranga Yogeshwar zum Thema Zweigeschlechtlichkeit untersucht. Dabei hat er feststellen müssen, dass „der Aufklärer“ des öffentlich-rechtlicher Rundfunks ein Lehrstück postmoderner Umdeutung naturwissenschaftlicher Erkenntnisse abgeliefert hat. Fazit: „Warum gibt es mehr als zwei Geschlechter? Nicht weil es dafür eine reale Entsprechung in der Natur gäbe, sondern weil postmoderne Denkweisen eine nicht gerechtfertigte Umdeutung von Wissenschaft und Wirklichkeit bewirkt haben.“ Es lohnt sich, diese Analyse anzuschauen: b-19-2_geschlechter.pdf.

Die erste nachchristliche Generation

Die Zahl der Kirchenaustritte ist so hoch wie nie, und daran ist nicht nur der Missbrauchsskandal schuld: Gott und die Kirche sind den jungen Menschen nicht mehr wichtig. Nietzsche würde wohl sagen: „Recht hatte ich! Die Kirchen sind die Grabsteine Gottes.“ 

Sarah Obertreis schreibt für die FAZ

Die Generation der heute 25- bis 35-Jährigen hat sich derart schnell von der Kirche entfernt, dass selbst hochrangige EKD-Vertreter glauben, dass gerade die erste nachchristliche Generation heranwächst. Still und leise beenden so viele junge Menschen ihre Kirchenmitgliedschaften, dass man in einer der wenigen aktuellen Statistiken, die nach dem Alter der Austretenden aufgeschlüsselt sind, in der jun­gen Generation einen deutlichen Aus­schlag nach oben erkennt.

Mit einem Austritt gehen den Kirchen nicht nur die Austretenden selbst ver­loren, sondern auch ihre zukünftigen Kinder. Früher wuchsen ihre Mitglieder einfach nach. Heute sterben sie aus.

Lukas und seine Frau haben vor an­derthalb Jahren ein Baby bekommen. Ihr Sohn soll später selbst entscheiden, ob er Anhänger einer Religion werden will oder nicht. Erziehen werden sie ihn atheistisch. Die Wahrscheinlichkeit, dass er später mal Mitglied einer der beiden Kirchen werden wird, geht damit gegen null. Die christlichen Werte wird Lukas’ Sohn aber trotzdem verinnerlicht haben. „Hilfsbereitschaft, Solidarität und Nächstenliebe sind längst zu säkularen Werten geworden“, sagt der Religions­soziologe Pollack. Ei­nen moralischen Kompass hat die junge Generation schon – auch ohne die Kirche.

Das bestätigt natürlich, dass es den Kirchen in den letzten Jahrzehnten vor allem um einen gewissen diesseitigen Wertekanon ging, etwa um Klimawandel, Flüchtlingshilfe oder – besonders im Fall der EKD – sexuelle Vielfalt. Und ich befürchte, dass die bekenntnisorientierten Kreise, die den Schwerpunkt auf Gesellschaftstransformation legen, einen ähnlichen Niedergang erleben werden wie die großen Kirchen in Deutschland. Der Hauptauftrag der Kirche ist nämlich ein anderer und er deckt sich mit dem, was ist: Die christliche Kirche hat den Menschen ihre Erlösungsbedürftigkeit zu spiegeln und die rettende Botschaft vom Kreuz weiterzugeben. Es sagt eben etwas aus, dass in diesem Artikel Begriffe wie „Sünde“, „Tod“, „Vergebung“ „Bibel“, „Jesus“, „Nachfolge“, „Kreuz“, „Erlösung“, „ewiges Leben“ gar nicht mehr vorkommen. An so etwas denken vielleicht junge Kirchgänger oder Journalisten schon gar nicht mehr, wenn sie an „Kirche“ denken (Frau Obertreis ist 1992 geboren). Aber darum geht es. 

Hier: www.faz.net.

D. Bonhoeffer: Predigt möglichst bei Tageslicht schreiben

Dietrich Bonhoeffer sagte in seiner Finkenwalder Homiletik zur Predigtvorbereitung (laut Mitschrift seiner Studenten, in: Illegale Theologenausbildung: Finkenwalde 1935−1937, Logos-Sonderausgabe, Bd. 14, Gütersloh: Gütersloher Verlagshaus, S. 487–489):

Die Predigt ist möglichst bei Tageslicht zu schreiben, nicht bei Dämmerung. Sonst ist man abends begeistert, morgens ernüchtert. Man soll die Predigt nicht auf einmal schreiben. Beim einmal gewählten Text bleiben! Zumal schließlich jeder Text dieselbe Sache sagen kann. Möglichst keine anderen Predigten zum eigenen Text lesen, ehe nicht der eigene Entwurf fertig ist. Kommentare lesen ist gut, nicht unbedingt nötig. Klare gedankliche Disposition, sonst läßt sie sich schwer lernen und ist auch nicht gut. Spätestens Dienstag anfangen, spätestens Freitag fertig sein! Es muß wenigstens zwölf Stunden daran gearbeitet werden.

Eine fertig geschriebene Predigt ist noch keine fertige Predigt! Nicht Worte, sondern Gedankenzusammenhänge memorieren. Bei jedem Abschnitt den ersten und letzten Gedanken merken, dann das andere dazwischen.

Sonnabend Abend unter allen Umständen freihalten. Es ist schön, wer Sonnabend Nachmittag noch seelsorgerliche Besuche machen kann, die wirklich streng seelsorgerlich sind. Grundsätzlich jede Einladung in der Gemeinde absagen. Eine Predigt wird zweimal geboren, in der Pfarrstube und auf der Kanzel, die zweite ist die eigentliche Entstehung. Ein unvorbereiteter Prediger wird unsicher in der Sache und muß davon durch allerlei Techniken ablenken, die aus seiner Eitelkeit kommen: Lärmen, pathetisch, auf die Tränendrüsen drücken. Größtmögliche Sachlichkeit auf der Kanzel infolge bester Vorbereitung. Der Prediger ist frei gegenüber der vorbereitenden Arbeit, soweit es die Sache erfordert, nicht gebunden an wörtliches Auswendiglernen. Sakristeigebet vor der Predigt. Das Niederknien gehört nicht auf die Kanzel, sondern in die Sakristei. Nach der Predigt Gebet um Frucht des Wortes Gottes durch den Geist.

Bonhoeffer war übrigens der Meinung, dass ohne Arbeit mit dem Urtext keine gute Predigt entsteht. Die Kommentare, die er empfohlen hatte und die über die Bibliothek zugänglich waren, stammten von Luther, Calvin, Bengel, Kohlbrügge, Vilmar und Schlatter.

Was sehr wichtig ist (ebd., S. 489):

Predigt ist dadurch charakterisierte Rede, daß sie Predigt über einen Text ist. Weil sie Gottes Wort sein will, ist sie an die Schrift gebunden. Die Verheißung, daß Gott redet, liegt allein in der Schriftgemäßheit der Predigt.

Der Transgender-Boom

Geschlechtsangleichungen haben gravierende körperliche Folgen. Seit 2013 ist die Zahl der Geschlechtsumwandlungen unter Jugendlichen weltweit um das Zehn- bis Zwanzigfache gestiegen. Immer mehr Kinder und Jugendliche, besonders Mädchen, wünschen sich einen anderen Körper. Es liegt auf der Hand, dass kulturelle Trends hier eine Rolle spielen. Doch das Familienministerium will eine offene Debatte über die Risiken verhindern.

Thomas Thiel schreibt für die FAZ:

In Frankreich warnten mehr als fünfzig Mediziner und Psychologen vor einem „ideologischen“ und – die Gendermedizin ist ein Wachstumsmarkt – vor einem „kommerziellen Zugriff auf den Körper von Kindern“. In Schweden, das eine besonders freizügige Praxis hatte, hat die Fernsehdokumentation „Transtrain“, die erstmals auch negative Konversionsgeschichten thematisierte, einen Stimmungsumschwung bewirkt. Das Stockholmer Karolinska-Institut, die führende schwedische Gender-Klinik, hat den Einsatz von Pubertätsblockern vor dem Alter von sechzehn Jahren wegen der Gefahr dauerhafter Schäden verboten. Auch Finnland ist von der liberalen Vergabepraxis abgerückt. Ricard Nergårdh vom Karolinska-Institut bezeichnete die Vergabe der Präparate als chemische Kastration mit schweren psychischen Folgen. Darüber wurde nach den Worten einer Klinikmitarbeiterin auch an der Karolinska lange nicht gesprochen. Ärzte hätten fast nie Nein gesagt, wenn ein Kind seinen Wunsch nach Geschlechtsangleichung erklärte, im Gegenteil, man habe ihm dazu gratuliert, obwohl in diesem Augenblick noch gar nicht feststand, ob es die Transition einmal glücklicher machen würde.

Und in Deutschland?

Die Ampelkoalition will nun in dieser Legislaturperiode mit der Reform des Transsexuellengesetzes die juristischen Grundlagen für den spontanen Geschlechtswechsel schaffen; weil man sich im Grundsätzlichen einig ist, stehen die Chancen dafür gut. Nach dem bisher vorliegenden Entwurf der Grünen, der im vergangenen Jahr noch gescheitert war, dürfen Kinder das „soziale“ Geschlecht jederzeit und ohne Zustimmung der Eltern wechseln, einer Geschlechtsoperation dürfen sie sich nur mit Zustimmung der Eltern oder, falls diese nicht zustimmen, eines Familiengerichts unterziehen.

Mehr: www.faz.net.

Frank Schaeffer in der NZZ

Die NZZ hat den Artikel „Der Mann, der die amerikanischen Abtreibungsgegner radikalisierte“ veröffentlicht, in dem vor allem die Sichtweise von Frank Schaeffer zu seinen Eltern und der Abtreibungshaltung der Evangelikalen protegiert wird. Es heißt in dem Artikel: 

Etwas mehr als zwanzig Jahre alt war Frank, als er seinen Vater zu einer Sache drängte, die er dann während seines weiteren Lebens bereuen sollte. Im Januar 1973 fällte der amerikanische Supreme Court das wegweisende Urteil «Roe v. Wade». Darin anerkannte das Oberste Gericht ein verfassungsmässiges Recht auf Abtreibung. Francis Schaeffer arbeitete zu diesem Zeitpunkt an seinem Buch und der gleichnamigen Dokumentarfilmserie «How should we then live?». Das Thema Abtreibung spielte darin keine Rolle. Es ging um eine Kulturgeschichte: darum, wie die Renaissance und die Aufklärung mit ihrem säkularen Humanismus angeblich den «christlichen Konsens» und damit auch die Grundlage der Freiheit in den USA zersetzen.

Doch Frank Schaeffer drängte seinen Vater dazu, das Skript umzuschreiben und das Recht auf Abtreibung zu kritisieren: «Wie kannst du sagen, dass du an die Einzigartigkeit jedes menschlichen Wesens glaubst, ohne für diese Sache einzustehen?» Doch Francis Schaeffer antwortete: «Ich will nichts zu tun haben mit dieser katholischen Angelegenheit.»

Francis Schaeffer war zu diesem Zeitpunkt bereits eine bekannte und ungewöhnliche Stimme in der evangelikalen Welt. Für ihn war jedes Wort in der Bibel wahr, aber er sprach nicht nur in Bibelversen. Er verstand sich nicht nur als Pastor, sondern auch als Kunsthistoriker und Philosoph. «Er konnte auch Vorlesungen über Bob Dylans Songtexte oder Woody Allens frühe Filme halten», erzählt Frank Schaeffer. Sein Vater teilte die Kritik der linken Hippiegeneration an der materialistischen Bourgeoise, nicht aber ihre Lösungen. Leute wie Jimmy Page, der Gitarrist von Led Zeppelin, oder Eric Clapton sollen Francis Schaeffers Buch «Escape from Reason» gelesen haben. Auch der LSD-Hohepriester Timothy Leary besuchte L’Abri.

Zu dem Artikel gäbe es viel zu sagen (es gibt übrigens viele ähnliche Beiträge in der englischsprachigen Welt). Nur zwei kleine Hinweise:

(1) Frank erweckt den Eindruck, dass sein Vater sich bis zur Finalisierung des Drehbuchs zum Film Wie sollen wir denn leben? nicht für das Thema Abtreibung interessiert habe. Es sei eine „katholische Angelegenheit“ gewesen. Richtig ist, dass die Evangelikalen sich in den 70er-Jahren in der Frage des Schwangerschaftsabbruchs nicht einig waren. Es stimmt auch, dass Frank seinen Vater davon überzeugt hat, das Thema politisch anzugehen (vgl. dazu: Barry Hankins, Francis Schaeffer an the Shaping of Evangelical America, 2008, S. 175). Freilich hatte Francis Schaeffer schon früher eine ethische Position zum Schwangerschaftsabbruch, wie etwa in seinem Buch Back to Freedom and Dignity (1972) deutlich wird. Er war allerdings skeptisch, was den Aktivismus anbetrifft und ist erst von seinem Sohn dazu überredet worden und dann tatsächlich zu einem Vorreiter der politischen bzw. religiösen Rechten geworden. Randall Balmer schreibt in „The Religious Right and the Abortion Myth“ (Politico):

Als Francis Schaeffer, der intellektuelle Pate der religiösen Rechten, in den späten 1970ern versuchte, Billy Graham für seine Anti-Abtreibungs-Kampanie zu gewinnen, lehnte Graham, der berühmteste Evangelikale des 20. Jahrhunderts, ab. Sogar James Dobson, der Gründer von Focus on the Family, der später zu einem unerbittlichen Gegner der Abtreibung wurde, räumte 1973 ein, dass die Bibel zu diesem Thema schweige und es daher für einen Evangelikalen plausibel sei zu glauben, dass „ein sich entwickelnder Embryo oder Fötus nicht als vollwertiges menschliches Wesen angesehen wird“.

Nun Francis Schaeffer als jemanden hinzustellen, der Trump den Weg geebnet hat, ist meines Erachtens Effekthascherei. Ich vermute, dass die Schaeffers gegenüber dem Trump-Kult genauso kritisch gewesen wären wie gegenüber einer Verehrung Obamas. 

(2) Die Sache mit Frank Schaeffer und seiner Bewertung der Arbeit seiner Eltern und L’Abri ist insgesamt recht kompliziert. Eine nach wie vor hilfreiche Quelle zur Wertung seiner Sichtweise ist eine Rezension, die Os Guinness anlässlich der Veröffentlichung des Buches Crazy for God: How I Grew Up as One of the Elect, Helped Found the Religious Right, and Lived to Take All von Frank Schaffer geschrieben hat. Er verteidigt dort, übrigens ohne zu beschönigen, die Schaeffers mit Haut und Haaren gegen den Vorwurf der Heuchelei:

Ich bestreite diesen zentralen Vorwurf von Frank mit allem, was ich habe. Ich und viele meiner engsten Freunde, die die Schaeffers gut kannten, sind sich sicher, dass sie sie ebenfalls in Frage stellen würden. Francis und Edith Schaeffer waren Verteidiger der Wahrheit für andere und selbst Menschen der Wahrheit.

Sechs Jahre lang stand ich Frank so nahe wie niemand außerhalb seiner eigenen Familie, und wahrscheinlich näher als viele in seiner Familie. Ich war sein Trauzeuge bei seiner Hochzeit. Das Leben hat uns in den letzten dreißig Jahren in unterschiedliche Richtungen geführt. Aber ich betrachtete ihn als meinen lieben Freund und erlebte viele der Eskapaden, von denen er erzählt, und noch viele mehr, die es nicht wert wären, in gedruckter Form wiedergegeben zu werden. Es schmerzt mich daher zu sagen, dass sein Porträt grausam, verzerrt und eigennützig ist. Aber ich kann es nicht unwidersprochen lassen, ohne nachdrücklich auf eine andere Sichtweise der Geschichte zu drängen. Es gibt einen großen Unterschied zwischen Fehlern und Heuchelei. Francis und Edith Schaeffer waren Löwen für die Wahrheit. Niemand könnte weiter von Betrügern entfernt sein, selbst von unwissentlichen Betrügern, als die Francis und Edith Schaeffer, die ich kannte, mit denen ich lebte und die ich liebte.

Hier die gesamte Rezension von Os Guinness in englischer Sprache: banneroftruth.org.

Geisteswissenschaftler lesen zu wenig

André Kieserling fast für FAZ ein Papier zusammen, dass Andrew Abbott über das Leseverhalten von jüngeren Geisteswissenschaftler publiziert hat. Fazit: Es wird viel geschrieben, kaum noch gelesen und nicht mehr exakt zitiert:

Die Folgen für das Leseverhalten sind Abbott zufolge verheerend. Sie bestehen darin, dass eine wissenschaftliche Jugend, die ihr Heil in unablässigem Publizieren sucht, einerseits die Menge des zu Lesenden rasch anwachsen lässt, andererseits nun auch selbst nicht mehr zum Lesen kommt. Die stärkste Evidenz dafür, dass es sich wirklich so verhält, sieht Abbott in gut belegten Änderungen des Zitierverhaltens. In der Wachstumsphase der Universitäten verhielt es sich in zwei von drei Fällen so, dass die gelesenen Texte nicht pauschal, sondern genau, nämlich unter Verweis auf bestimmte Seiten oder Seitenfolgen, zitiert wurden. Im nahezu vollständigen Verfall dieser Praxis in den Jahrzehnten seither sieht Abbott ein Symptom dafür, dass eigene Lektüreleistungen vielfach nur vorgetäuscht werden. Die imponierenden Literaturverzeichnisse am Ende wissenschaftlicher Arbeiten simulieren eine Teilnahme an wissenschaftlicher Kommunikation, die gar nicht stattfand, weil dem publizistisch betriebsamen Youngster die Zeit dafür fehlte.

Dass aber zum Autor einer Wissenschaft tauge, wer zum Lesen ihrer Texte nicht kommt, wird niemand erwarten. Dem Publikum, das sie nicht finden werden, hätten die Publikationen dieser Nichtleser denn auch nur wenig zu bieten. Ihrer sozialen Funktion nach oft nur ein ängstliches Bewerbungsschreiben, mit dem der Autor seine intellektuelle Offenheit nach allen Seiten bekundet, bleibt ihr Erkenntnisanspruch vielfach nur Prätention. So sieht es jedenfalls Andrew Abbott, der hier allerdings mit besonderer Autorität als langjähriger Herausgeber einer der angesehensten Zeitschriften seines Faches urteilen kann.

Mehr hinter einer Bezahlschranke: www.faz.net.

Mit 50 bist du zu alt

Auf dem Filmfest München beklagen Regisseure Formen von Altersdiskriminierung. Junge Leute und Frauen würden von den Anstalten auffällig bevorzugt. Jörg Seewald schreibt: „Wenn es stimmt, dass das Fernsehen gesellschaftliche Verhältnisse abbildet, dann sollte das auch für das Personal hinter der Kamera gelten. Und dann ist neben der die Gesellschaft eher zersetzenden Genderdebatte ein zweiter Kampfplatz eröffnet: die Altersdiskriminierung.“

Weiter heißt es: 

Einer, der nichts mehr zu verlieren hat, weil er schon einmal kalt gestellt wurde, ist der Autor und Regisseur Rolf Silber, ein unabhängiger Kopf, Mitgründer der U5-Filmproduktion in Frankfurt und einer von fünf Vorständen im Bundesverband Regie. „Den Jungen“, sagte er, komme zurzeit entgegen, „dass die Branche – noch – dreht, bis der Arzt kommt und angeblich bei den Sendern die Devise ausgegeben wurde: ,Bring mir wen, der unter Dreißig ist und möglichst Frau‘“. Zugleich meldeten sich junge Kollegen, denen Vertrags- und Drehbedingungen präsentiert werden, die man Älteren nicht vorzulegen gewagt hätte. „Und wir fragen uns, ob da Zusammenhänge bestehen.“ Silber weiß zu berichten, dass man schon mit Fünfzig als „alt“ gilt. „Ein Alter also, das mal eines war, wo man von Regisseurinnen und Regisseuren Filme erwartete, die dem Höhepunkt ihres Schaffens entsprangen.“ Nun sei das Problem „existenziell, weil – manchmal über Nacht – Karrieren und damit Existenzen vernichtet werden.“ Der Regisseur Thomas Jauch sagte, er sei froh, dass er sich schon „im Sonnenuntergang“ seiner Karriere befinde. „Wenn ich 50 wäre, hätte ich Angst.“ Auch ihm sei es nicht nur einmal passiert, dass ihm eine Regie angeboten wurde „und zwei Wochen später hieß es: Du machst das doch nicht. Das soll jetzt eine Frau machen.“

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Worauf du dich verlassen kannst?!

Nachfolgende gebe ich mit freundlicher Genehmigung den Poetry-Slam „Worauf du dich verlassen kannst?!“ von Petra Piater wieder:

Worauf du dich verlassen kannst?!
Voll einsam – verlassen,
völlig allein gelassen,
weil alle mich hassen,
bleib’ ich versteckt,

mache mich klein,
will nicht ich selber sein,
sehn’ mich nach Sonnenschein,
bin aber verdreckt.

Von außen und innen drinnen,
bin wie von Sinnen,
wie kann ich neu beginnen?
Fühl mich, als wär’ ich schon verreckt,

wo ist das Ende aller Nacht?
Stopp – wenn Gott mich hat gemacht
und Jesus am Kreuz laut sagt: »Es ist vollbracht!«
– dann sieht er auch, was in mir steckt!

Fällt kübelweise Seelen-Regen,
will er dennoch Segen geben
und zwar an jedem Tag im Leben –
auch, wenn man eigne Wunden leckt.

Gott lässt mich nicht im Regen steh‘n,
mit ihm als Retter, Coach und Kapitän
werde ich nicht untergeh‘n –
er hat die Hand schon nach mir ausgestreckt!

Sie muss und will ich jetzt ergreifen,
darf im Begreifen reifen,
lass – wenn’s sein muss – ihn mich nach Hause schleifen:
Jesus hat sogar Tote auferweckt!

Ich hab die Wahl und werde wählen:
Sein Opfertod für mich wird zählen,
egal, wie lang mich Schrecken quälen,
die Gottes Feind mitunter ausgeheckt!

Den dreieinen Gott ringt niemand nieder:
Gemeinde bleibt und singt ihm Lieder,
bis er’s als Richter richtet, kommt er einst wieder.

Es bleibt sein Wort, in dem du seine Liebe fand‘st,
als bußfertig du dich zu ihm einst wand‘st,
ja, an seiner Seite bist du der, der letztlich tanzt
darauf du dich verlassen kannst!

©Petra Piater

Der Psalter – ein unvergleichlicher Schatz

Dietrich Bonhoeffer sagte über den Psalter (Gemeinsames Leben; Das Gebetbuch der Bibel, Sonderausgabe unter Logos, Bd. 5, Gütersloher Verlagshaus, 2015, S. 115–116): 

In vielen Kirchen werden sonntäglich oder sogar täglich Psalmen im Wechsel gelesen oder gesungen. Diese Kirchen haben sich einen unermeßlichen Reichtum bewahrt, denn nur im täglichen Gebrauch wächst man in jenes göttliche Gebetbuch hinein. Bei nur gelegentlichem Lesen sind uns diese Gebete zu übermächtig in Gedanken und Kraft, als daß wir uns nicht immer wieder zu leichterer Kost wendeten. Wer aber den Psalter ernstlich und regelmäßig zu beten angefangen hat, der wird den anderen, leichten, eigenen „andächtigen Gebetlein bald Urlaub geben und sagen: ach, es ist nicht der Saft, Kraft, Brunst und Feuer, die ich im Psalter finde, es schmeckt mir zu kalt und zu hart“ (Luther).

Wo wir also in unseren Kirchen die Psalmen nicht mehr beten, da müssen wir den Psalter um so mehr in unsere täglichen Morgen- und Abendandachten aufnehmen, jeden Tag mehrere Psalmen möglichst gemeinsam lesen und beten, damit wir mehrmals im Jahr durch dieses Buch hindurchkommen und immer tiefer eindringen. Wir dürfen dann auch keine Auswahl nach eigenem Gutdünken vornehmen, damit tun wir dem Gebetbuch der Bibel Unehre und meinen besser zu wissen, was wir beten sollen, als Gott selbst. In der alten Kirche war es nichts Ungewöhnliches, „den ganzen David“ auswendig zu können. In einer orientalischen Kirche war dies Voraussetzung für das kirchliche Amt. Der Kirchenvater Hieronymus erzählt, daß man zu seiner Zeit in Feldern und Gärten Psalmen singen hörte. Der Psalter erfüllte das Leben der jungen Christenheit. Wichtiger als dies alles aber ist, daß Jesus mit Worten der Psalmen auf den Lippen am Kreuz gestorben ist.

Mit dem Psalter geht einer christlichen Gemeinde ein unvergleichlicher Schatz verloren, und mit seiner Wiedergewinnung werden ungeahnte Kräfte in sie eingehen.

Documenta: Eine Kunstausstellung ohne Künstler

Erstmals führt ein Kollektiv von nichtwestlichen Kuratoren Regie an der Weltkunstausstellung Documenta in Kassel. Was dabei herausgekommen ist, hat mit Kunst nur am Rand zu tun. Es geht um Kolonialismus, Rassismus, Klima und Nachhaltigkeit.

Philipp Meier schreibt:

So sind diesmal die Namen der allermeisten vom indonesischen Kuratorenteam Ruangrupa Eingeladenen weisse Flecken auf der internationalen Kunstkarte. Genauer gesagt, findet man kaum wirkliche Künstler auf den Teilnehmerlisten. Eingeladen wurden Plattformen, Archive, Workshops, Agenturen und Verlage, Aktivisten, Queergruppierungen und Frauenorganisationen, die nun in Kassel eine Bühne erhalten. Und diese wurden nicht nach Nationen ausgewählt, sondern nach Zeitzonen: Berücksichtigt wurde etwa die westindonesische, die ostafrikanische oder die usbekische Zeit und, ja, sogar die mitteleuropäische Zeit.

Bei vielen Gruppen an der Documenta geht es indes nur am Rand um Kunstspezifisches. Ihre Anliegen sind vielmehr sozialer Natur. Da geht es um Gender, aber auch um Kolonialismus und Rassismus oder um Klima, Nachhaltigkeit und alternative Formen der Landwirtschaft. Wo Künstler als Einzelpersonen in Erscheinung treten, sind sie oft Aktivisten, die sich künstlerischer Mittel bedienen.

Mehr: www.nzz.ch.

Gottesfurcht – Eine überraschend gute Nachricht

Sebastian Götz hat das Buch Gottesfurcht – Eine überraschend gute Nachricht von Michael Reeves gelesen und stellt es nachfolgend vor (vielen Dank!):

Eine Rezension von Sebastian Götz

VM SocialMedia Post41bGottesfurcht – ein Thema, das in evangelikalen Kreisen viele Jahre ein Schattendasein führte, wird in den letzten Monaten wieder stark diskutiert. Sollte man vor Gott Angst haben, auch dann noch, wenn ich ein Kind Gottes bin? Michael Reeves will in seinem Buch Gottesfurcht: Eine überraschend gute Nachricht darauf Antwort geben. Ich war gespannt, wie ihm das gelingt.

Er steigt mit einer steilen These in das Thema ein: In dem Mangel an Gottesfurcht sieht er den Grund, warum unsere Gesellschaft zunehmend ängstlicher wird. Weil Gott keine Rolle mehr spielt, nehmen andere Dinge, wie Gesundheit, Weltrettung und vieles mehr seinen Platz ein und lehren uns das Fürchten.

Aber auch beim Lesen der Bibel entstehen Fragen: Vielfach werden wir zu einem „Fürchte dich nicht!“ aufgefordert (der häufigste Appell in der Schrift), während gleichzeitig Verse wie Spr 1,7 uns dazu ermahnen, Gott zu fürchten. Wie passt das zusammen?

Gottesfurcht ist nicht gleich Gottesfurcht

Um diese scheinbaren Gegensätze zu verstehen, ist es für Reeves zentral, zwischen sündiger Gottesfurcht und rechter Gottesfurcht zu unterscheiden. Sündige Gottesfurcht beschreibt er dabei als ein „sich vor Gott fürchten“. Sie entfernt den Sünder von Gott, weil er in seinem Herzen gegen Gott revoltiert und sich fürchtet, von ihm als Sünder entlarvt zu werden. Dabei entspricht es der Strategie Satans, Gott als schrecklich und gnadenlos darzustellen, um Menschen von ihm fernzuhalten. Die rechte Gottesfurcht zieht den Menschen umgekehrt zu Gott. Für den Gläubigen ist eine Furcht – wie oben beschrieben – nicht mehr angemessen. Auch rechte Furcht zittert dabei vor Gott, aber gerade wegen seiner großen Güte und Barmherzigkeit, welche der Gläubige erfahren hat.

In einem weiteren Block arbeitet Reeves heraus, wie zwei Perspektiven auf Gott uns überwältigen und so zur rechten Gottesfurcht führen. Er beginnt damit, Gott als Schöpfergott hervorzuheben. Grundsätzlich können alle Menschen Gott als Schöpfer erkennen. Aber auch hier verändert sich der Blick des Christen. So sieht er hinter der gewaltigen Macht des Schöpfers gleichzeitig den erlösenden, liebenden Gott. Dadurch wird die unvorstellbare Größe des Schöpfers anziehend und gibt Geborgenheit.

Nicht mehr hinter Jesus zurückgehen

Reeves fordert aber dazu heraus, hierbei nicht stehen zu bleiben. Wir dürfen in der Frage der Gottesoffenbarung nicht mehr hinter Jesus Christus zurück! Gott hat sich schließlich in seinem Sohn uneinholbar offenbart (vgl. Joh 14,8–9). Deshalb dürfen Christen erkennen, dass die größte Offenbarung von Gottes Herrlichkeit in seiner Identität als Erlöser begründet ist.

Wie kann ich als Christ nun in dieser Gottesfurcht wachsen? Hier stellt Reeves zunächst klar, dass es um keine äußeren Handlungen geht. Gottesfurcht zielt auf den inneren Menschen ab, auf das, was das Herz bewegt. Deshalb muss in aller erster Linie dieses Herz auf Gott ausgerichtet werden. Und dies geschieht nirgendwo so sehr wie am Kreuz, dort wo Gottes Vergebungshandeln den fulminanten Höhepunkt erreicht. Deshalb muss sich unser Blick nach Golgatha richten, um Gott als den gnädigen und barmherzigen Erlöser immer tiefer kennen zu lernen. Ein Mittel dazu ist laut Reeves die Predigt, weshalb Prediger herausgefordert sind, ihre Zuhörer zur rechten und nicht zur sündigen Gottesfurcht zu führen. Nur so kann eine Herzensveränderung erreicht werden, ohne in eine nur äußerliche Frömmigkeit zu kultivieren.

Dies alles führt zur „Herrlichkeit der Gemeinde“, wie Reeves es nennt. Wenn unser Leben als Kinder Gottes geprägt ist von rechter Gottesfurcht, wird diese unsere natürlichen Ängste verdrängen. Dies befreit, um der Welt, gewirkt durch Gottes Geist, etwas von dieser unbeschreiblichen Herrlichkeit Gottes zu zeigen, die sich in seinen Kindern widerspiegelt.

Abgerundet wird das Buch durch einen Blick auf die Herrlichkeit, die bei Gott ist. Wenn wir über diesen Gott staunen und zittern, verlieren andere Ängste ihre Macht. Dann, wenn wir überwältigt und anbetend für alle Ewigkeit diesen wunderbaren, liebenden, gnädigen und barmherzigen Schöpfergott begegnen, macht uns das frei.

Fazit

Michael Reeves gelingt es, den Leser ins Staunen zu führen über diesen gnädigen und barmherzigen Gott. Besonders hilfreich ist seine Unterscheidung zwischen sündiger und rechter Gottesfurcht. Sie bewahrt davor, eine von Angst geprägte Gottesfurcht zu entwickeln, welche meist nicht das Herz verändert, sondern oft nur fromme äußere Werke hervorbringt. Sein Kapitel „Überwältigt vom Vater“ hilft dabei, über Gott neu zu staunen. Gerade Christen, die im Vater nur den Schöpfer und Richter sehen, dürfen sich hier herausgefordert wissen, weiterzugehen und in Gott auch den liebenden, gnädigen und barmherzigen Vater zu erkennen, der in Christus die Welt mit sich selbst versöhnt hat.

Ich wünsche dem Buch eine weite Verbreitung und dass es viele Kinder Gottes wachsen lässt in rechter Gottesfurcht, damit sie immer mehr staunen und zittern über diesen unbeschreiblich herrlichen Gott.

Paul sieht rot

VM Powlison Paul Webseite Mockup01 1080xIn dem Kinderbuch Paul sieht rot geht es um den angemessenen Umgang mit Wut. Paul Eichhorn und seine Familie haben einen großen Tag vor sich: Der Wintervorrat an Eicheln soll gesammelt werden und alle helfen mit. Nur leider verläuft der Tag gar nicht nach Plan und Ärger und Wut greifen um sich. Aber dabei bleibt es nicht. Die Familie besinnt sich auf Gottes Wort, das uns dazu auffordert, einander zu vergeben. Eltern finden am Ende des Buches, das eine spannende Geschichte erzählt, eine Doppelseite mit biblischen Ratschlägen, um ihren Kindern dabei zu helfen, richtig auf Ärger und Wut zu reagieren. Das Buch beinhaltet eine Extra-Seite mit Bibelversen, die ausgeschnitten und in den Alltag mitgenommen werden können, um Kinder (und Erwachsene) an die Geschichte und das Gelernte zu erinnern.

Paul sieht rot kann hier bestellt werden: verbum-medien.de.

Die Bibel als Literatur lesen

C.S. Lewis stellte einmal fest: „Die Bibel, die ja nun einmal Literatur ist, kann gar nicht richtig gelesen werden, außer als Literatur; und ihre verschiedenen Teile nicht anders als die verschiedenen Arten von Literatur, die sie sind.“ Diese häufig zitierte Aussage ist der Leitgedanke eines Artikels von Leland Ryken. Er schreibt in „Die Bibel als Literatur lesen“:

Wenn der literarische Charakter der Bibel anhand ihres Erfahrungsgehalts bestimmt werden kann, dann ist dies auch in Bezug auf die Formen möglich, die diesen Inhalt transportieren. Im Laufe der Jahrhunderte war die gängigste Methode, einen Text als literarisch zu bezeichnen, ihn bestimmten Gattungen oder literarischen Typen zuzuordnen. Schon seit Langem wurden einige Gattungen als expositorisch und andere als literarisch anerkannt. Der expositorische Diskurs vermittelt Informationen direkt und abstrakt (z.B. Berichte, Tagebucheinträge und Aufsätze). Zu den literarischen Gattungen gehören Geschichte oder Erzählung, Poesie, Satire, visionäres Schreiben, Sprichwort und Epistel. Die Bibel ist eine der umfangreichsten Sammlungen verschiedener literarischer Gattungen und Formen in der Welt. Ihr Vorhandensein zeigt klar, dass es sich bei der Bibel um Literatur handelt.

Ein zweiter Hinweis auf den literarischen Charakter der Bibel ist ihre hohe Qualität, die wir als Kunstfertigkeit bezeichnen und mit der wir automatisch Schönheit assoziieren. Allgemein kann man dies an der durchgängigen Struktur einer Geschichte oder dem sorgfältigen Aufbau eines Gedichts nach dem Prinzip von Thema und Variation erkennen. In Psalm 1 wird die Glückseligkeit des gottesfürchtigen Menschen so beschrieben, dass wir verschiedene Facetten eines einzigen Themas betrachten können. Die Schönheit des Wortes durchdringt die Bibel und macht sie zum aphoristischsten Buch, das wir kennen – voller einprägsamer, leicht zu merkender Aussagen. Die rhetorische Gestaltung ist eine Form der Kunstfertigkeit, wie in Matthäus 5,2–10 zu sehen ist, wo jede Seligpreisung dem gleichen Muster folgt: (1) Segenszusage, (2) Benennung einer Gruppe, (3) Grund für den Segen, der mit der Formel denn beginnt, und (4) Nennung einer versprochenen Belohnung. Zum Beispiel: „Glückselig sind die geistlich Armen, denn ihrer ist das Reich der Himmel!“ (Mt 5,3).

Mehr: www.evangelium21.net.

Christen müssen sich nicht an die Gesellschaft anpassen

Vor 25 Jahren formierte sich im Studienzimmer von Prof. Dr. Thomas Schirrmacher das Martin Bucer Seminar, das in den vergangenen zweieinhalb Jahrzehnten zu einer großen deutschsprachigen theologischen Ausbildungsstätten gewachsen ist und sich einem reformatorischen und bibeltreuen Ansatz verpflichtet weiß. Am vergangenen Samstag, also dem 11. Juni 2022, haben wir das Jubiläum in Bonn in einer kleinen Runde gefeiert. Der Staffelstab wurde eigentlich schon vor zwei Jahren an Dr. Frank Hinkelmann übergeben. Doch wegen der Covid-19-Auflagen haben wir den Festakt auf das Jahr 2022 verschoben.

Während des vorangehenden Mitarbeitertreffens und der Jubiläumsfeier gab es eine Reihe von wertvollen Vorträgen. Ein Highlight für mich war der Vortrag „Gegen den Strom – was wir von den Christen der frühen Kirche lernen können“ von Prof. Dr. Roland Werner. Falls meine Notizen korrekt sind, hob er sieben Merkmale heraus, die kennzeichnend für viele Gemeinden in den ersten beiden Jahrhunderten gewesen sind und die heute Gemeinde Jesu ebenfalls auszeichnen sollten:

  1. Ein zentrales Bekenntnis zum Christusglauben.
  2. Eine eindeutige Definition dessen, was es bedeutet, ein Christ zu sein.
  3. Die tiefe Identifikation mit Jesus Christus.
  4. Das ziehen von Grenzen (eine Unterscheidung zwischen drin oder draußen).
  5. Offene Türen für Außenstehende (Credo, Einladung, Teil der neuen Familie zu werden, Werke der Barmherzigkeit (etwa bei den antiken Pandemien).
  6. Eine Unterscheidende Ethik. Christen leben anders als Menschen, die Jesus nicht kennen (unter Berufung auf): „So sage ich nun und bezeuge in dem Herrn, dass ihr nicht mehr leben dürft, wie die Heiden leben in der Nichtigkeit ihres Sinnes“ (Eph 4,17). Das schließt ein: Liturgia (Feier des Glaubens), Koinonia (Gemeinschaft) u. Martyrium (Bereitschaft, für den Glauben zu leiden).
  7. Feste und starke Hoffnung: Das Beste kommt noch.

Epheser 4 enthält übrigens auch den Leitvers für das Martin Bucer Seminar: „damit die Heiligen zugerüstet werden zum Werk des Dienstes“ (Eph 4,12a).

Die Nachrichtenagentur Idea war auch dabei und schreibt in dem Artikel „Christen müssen sich nicht an die Gesellschaft anpassen“:

Christliche Gemeinden müssen sich nicht an die Gesellschaft anpassen. Diese Ansicht vertrat der Vorsitzende der Evangelisationsbewegung proChrist, der Theologe und Sprachwissenschaftler Prof. Roland Werner (Marburg), bei der Jubiläumsfeier „25 plus 1“ des Martin Bucer Seminars (MBS/Bonn). Die Veranstaltung fand am 11. Juni in den Räumen der FeG Bonn statt.

Werner hielt einen Festvortrag mit dem Titel „Gegen den Strom – was wir von den Christen der frühen Kirche lernen können“. Die Situation heutiger Christen werde derjenigen der frühen Kirche immer ähnlicher, sagte er. Wegen der fortschreitenden Säkularisierung könnten sie sich nicht mehr auf die Unterstützung des Staates verlassen. Stattdessen müssten sie die Menschen wieder durch Worte und Taten überzeugen. Die frühen Christen hätten als kleine Minderheit innerhalb weniger Generationen das riesige Römische Reich grundlegend verändert. Das sei ihnen unter anderem durch ihr klares Bekenntnis zu Jesus Christus gelungen.

Außerdem hätten sie sich in ihrem Lebenswandel erkennbar von ihrer Umgebung unterschieden, etwa durch ihre Sexualethik. Sie seien zwar offen für jeden Menschen gewesen, hätten von ihren Mitgliedern aber eine konsequente Entscheidung für Jesus verlangt. Die heutige Zeit brauche wieder starke christliche Gemeinden, die erkennbar seien, statt sich an die Gesellschaft anzupassen.

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Dankrede von Prof. Thomas Kinker für den Gründungsrektor Prof. Dr. Thomas Schirrmacher (Bild: RK)

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Prof. Dr. Roland Werner (Bild: RK)

Der neue Rektor Dr. Frank Hinkelmann (Bild: RK)