„Chatbots sind so etwas wie ein Beichtstuhl“

Zoë Hitzig hat bei dem Unternehmen Open AI gekündigt, weil sie die Entscheidung, Werbung auf ChatGPT einzuführen, nicht mittragen kann. Das verdient Respekt! In einem FAZ-Interview erläutert sie ihre Bedenken. Open AI habe sich gewandelt, „von einem Unternehmen, das Sorgen über Effekte dieser Technologien in den Vordergrund gestellt hat, zum am schnellsten wachsenden Start-up der Geschichte“.

Weiter: 

Und das hat dann etwaige gute Absichten verschwinden lassen?

Ich denke, der überwältigende Erfolg von ChatGPT hat eine massive Versuchung geschaffen, der Leute an entscheidenden Stellen im Unternehmen erlegen sind. Außerdem gibt es ein gnadenloses Rennen um KI-Technologien, nicht nur innerhalb der USA, sondern mit Wettbewerbern aus dem Ausland, zum Beispiel China. Der Markt ist extrem umkämpft, und das setzt die Unternehmen unter Druck.

Warum finden Sie Werbung in Chatbots wie ChatGPT schlimmer als in sozialen Medien?

Aus zwei Gründen. Zum einen wegen der Daten, die KI-Systeme haben. Soziale Medien wissen zwar auch sehr viel über ihre Nutzer. Aber das leiten sie vor allem von ihren Handlungen ab, also was sie anschauen, was sie anklicken oder was sie kaufen. Bei Chatbots geht es um mehr. Sie sind so etwas wie ein Beichtstuhl. Nutzer vertrauen ihnen ihre privaten Gedanken und auch ihre tiefsten Ängste an.

Und der zweite Grund?

Die Einführung von Werbung schafft einen Anreiz für Unternehmen, die Zeit zu maximieren, die Nutzer mit den Chatbots verbringen. Und ich habe Angst, dass wir die sozialen und psychologischen Konsequenzen, die das haben kann, noch gar nicht verstehen. Und wenn ich diese beiden Sachen kombiniere – Maximierung von Zeit mit einer Technologie, die Zugriff auf private Gedanken hat –, dann finde ich das ziemlich furchteinflößend.

Mehr (hinter einer Bezahlschranke): www.faz.net.

Geschlechtsangleichende Maßnahmen für Minderjährige auf dem Prüfstand

Wer vor Geschlechtsumwandlungen bei Jugendlichen warnt, gilt seit Jahren als verbohrt oder rückständig. Das Argument: Die Wissenschaft habe eindeutig belegt, dass Pubertätsblocker, Hormone oder das Entfernen von biologischen Geschlechtsmerkmalen der Goldstandard der medizinischen Versorgung seien. Auch die medizinische Leitlinie zur fachgerechten Behandlung von transgeschlechtlichen Kindern und Jugendlichen, die 2025 von mehreren Fachverbänden verabschiedet wurde, überlässt den Jugendlichen die Entscheidung über eine eventuelle Behandlung: „Über eine geschlechtsangleichende Hormonbehandlung sollte eine jugendliche Person nach Angaben der Leitlinie immer selbst in der Lage sein zu entscheiden, und die Eltern sollten dem zustimmen. Fachleute sollen Betroffene dabei unterstützen, eine abgewogene Entscheidung zu treffen. Für die Begleitung der Jugendlichen ist es der Leitlinie zufolge wichtig, dass diese Expertinnen und Experten mehrere Jahre Erfahrung auf dem Gebiet habe“ (aus dem dpa-Beitrag: Wie Trans-Jugendliche richtig behandelt werden sollten).

Inzwischen kommt Bewegung in die Sache – zumindest in den USA. In der NEW YORK TIMES ist am 24. Februar ein Meinungsbeitrag von Jesse Singal erschienen. Darin stellt er fest, dass die Verantwortlichen bisher nicht der Wissenschaft, sondern eigenen Vorstellungen gefolgt sind. Da jetzt ein entsprechender Fall vor Gericht gelandet ist und einer Person, die sich einer Geschlechtsumwandlung unterzogen hatte, eine Entschädigung in Höhe von 2 Millionen US-Dollar zugesprochen wurde, geraten die Verbände in Schwierigkeiten und müssen reagieren.

Hier ein Zitat. 

Amerikanische Befürworter der Gendermedizin für Jugendliche bestehen seit Jahren darauf, dass überwältigende Beweise dafür sprechen, geschlechtsdysphorischen Jugendlichen Pubertätsblocker, Hormone und, im Falle biologischer Frauen, Operationen zur Entfernung ihrer Brüste zu verabreichen.

Es spielte keine Rolle, dass die Zahl der Kinder, die in Geschlechtskliniken auftauchten, sprunghaft angestiegen war und dass sie häufiger komplexe psychische Erkrankungen hatten als diejenigen, die in den Jahren zuvor in die Kliniken gekommen waren, was die Diagnose erschwerte. Befürworter und Gesundheitsorganisationen blieben einfach hartnäckig. Wie ein Plakatwagen der LGBTQ-Interessengruppe GLAAD im Jahr 2023 verkündete: „Die Wissenschaft ist sich einig.“ Die Human Rights Campaign erklärt auf ihrer Website, dass „die Sicherheit und Wirksamkeit geschlechtsbejahender Behandlungen für transgender und nicht-binäre Jugendliche und Erwachsene eindeutig ist“. Anderswo bezeichneten diese und andere Gruppen, wie die American Civil Liberties Union, diese Behandlungen als „medizinisch notwendig“, „lebensrettend“ und „evidenzbasiert“.

Der Grund, warum diese Befürworter so starke Aussagen machen konnten, ist, dass die wichtigsten medizinischen und psychologischen Fachorganisationen des Landes seit Jahren eine ähnliche Melodie gesungen haben: „Die Wissenschaft“ sei angeblich in Dokumenten festgeschrieben, die von diesen Organisationen veröffentlicht wurden. Wie GLAAD auf seiner Website schreibt: „Alle großen medizinischen Vereinigungen unterstützen die Gesundheitsversorgung für Transgender-Personen und -Jugendliche als sicher und lebensrettend.“

In den letzten Wochen ist jedoch etwas Verwirrendes passiert: In der vermeintlichen Mauer des Konsenses sind Risse aufgetreten.

Nachdem sie 2024 Bedenken hinsichtlich der Evidenzbasis geäußert hatte, war die American Society of Plastic Surgeons am 3. Februar die erste große amerikanische Ärztevereinigung, die die Jugendgeschlechtsmedizin seit ihrer breiten Einführung öffentlich in Frage stellte. Die Organisation veröffentlichte eine neunseitige „Stellungnahme“, in der sie ihren Mitgliedern von geschlechtsbezogenen Operationen vor dem 19. Lebensjahr abriet und darauf hinwies, dass es derzeit keine validierten Methoden gebe, um festzustellen, ob sich die Geschlechtsdysphorie bei Jugendlichen ohne medizinische Behandlung auflösen werde. (Das Dokument räumte auch ein, dass ähnliche Unsicherheiten in Bezug auf Blocker und Hormone bestehen, obwohl dies für die Praxis von plastischen Chirurgen weniger direkt relevant ist.

Am nächsten Tag gab die American Medical Association, die solche Eingriffe seit langem befürwortet, bekannt, dass „in Ermangelung klarer Beweise die A.M.A. mit der A.S.P.S. übereinstimmt, dass chirurgische Eingriffe bei Minderjährigen generell bis zum Erwachsenenalter aufgeschoben werden sollten”.

Diese Erklärungen wurden wenige Tage nach dem Urteil veröffentlicht, mit dem eine Frau namens Fox Varian als erste Person einen Prozess wegen Behandlungsfehlern gewann, nachdem sie sich einer Geschlechtsumwandlung unterzogen hatte und diese später bereute. Frau Varian und ihr Anwalt argumentierten, dass ihr Psychologe und ihr plastischer Chirurg in einem Vorort von New York trotz ihrer ernsthaften psychischen Probleme und ihrer offensichtlichen Ambivalenz gegenüber ihrer Transgenderidentität versäumt hätten, sie zu schützen, indem sie mit 16 Jahren eine doppelte Mastektomie durchführten. (Viele Ärzte und Befürworter der Gendermedizin sind der Ansicht, dass die sorgfältige Prüfung oder sogar Erforschung von Behauptungen einer Transgender-Identität de facto einer Konversionstherapie gleichkommt. Die vom Gericht zugesprochene Entschädigung in Höhe von 2 Millionen Dollar wird Krankenhäusern und Kliniken, die diese Behandlungen weiterhin ohne wesentliche Sicherheitsvorkehrungen anbieten, höchstwahrscheinlich zu denken geben.

Die Wissenschaft scheint doch nicht so eindeutig zu sein, und es ist wichtig zu verstehen, was hier passiert ist. Die Haltung der linksgerichteten Amerikaner und unserer Institutionen – anzunehmen, dass eine wissenschaftliche Organisation, wenn sie eine Grundsatzerklärung zu einem brisanten Thema veröffentlicht, diese Grundsatzerklärung auch korrekt sein muss – zeugt von einem zutiefst naiven Verständnis von Wissenschaft, menschlicher Natur und Politik und deren Wechselwirkungen.

Mehr: www.nytimes.com.

VD: WH

Kehrt das „Sie“ langsam zurück?

Jahrhundertelang wurden die Anredeformen respektvoller, doch seit sechzig Jahren breitet sich das „Du“ aus. Eine Wirkung der 68er-Generation. Jannis Koltermann erklärt die Entwicklung und sieht inzwischen ausgerechnet in Skandinavien Anzeichen für einen Gegentrend.

Hier ein Auszug (FAZ, 21.02.26, Nr. 44, S. 14): 

In den Siebzigerjahren sorgte der Soziologe Richard Sennett mit dem Schlagwort „Tyrannei der Intimität“ für Aufsehen. Die Gegenwart, beklagte er, habe Nähe zu einem moralischen Wert an sich erhoben und den Mythos etabliert, dass sich „sämtliche Missstände der Gesellschaft auf deren Anonymität, Entfremdung, Kälte zurückführen“ ließen.

Die Ausbreitung des Duzens hatte Sennett damals nicht gemeint – vielleicht, weil er sich vorrangig im englischen Sprachraum bewegte, vielleicht, weil sie damals gerade erst eingesetzt hatte. Doch fühlt sich unweigerlich an Sennett erinnert, wer heute an einem gewöhnlichen Tag in Deutschland darauf achtet, wie er von wem angesprochen wird. „Was möchtest du trinken?“, fragt der Kellner im Café. Auf der Arbeit eine E-Mail von der Chefin: „Würdest du das bis heute Abend schaffen?“ Der Energieanbieter teilt mit: „Deine Rechnung ist online.“ Und das Museum verspricht: „Du bist Teil der Geschichte!“

In all diesen Situationen wäre vor sechzig und vermutlich noch vor zwanzig Jahren das Sie üblich gewesen. In all diesen Situationen wird einem das Du heute geradezu aufgedrängt. Servicekräfte und Unternehmen scheinen gar nicht daran zu denken, dass man vielleicht lieber gesiezt werden möchte – und wer lehnt schon das Duz-Angebot seines Vorgesetzten ab? Während man früher im Zweifel auf das Sie setzte, gilt gerade das heute in vielen Situationen als deplatziert. Siezen auf Twitter sei „unhöflich“, befand der Youtuber Rezo einmal.

Historisch ist diese Entwicklung nahezu einmalig. Über Jahrhunderte hinweg wurden die Anredeformen immer respektvoller. Ursprünglich gab es im Deutschen nur das Du, ehe sich im Hochmittelalter das Ihr als höflichere Anrede für und unter Adeligen herausbildete. Um 1600 kam das Er/Sie (dritte Person Singular), um 1700 das Sie (dritte Person Plural) als jeweils noch ehrerbietigere Formen hinzu, sodass im 18. Jahrhundert ganze vier Anredeformen nebeneinanderstanden, mit denen sich gesellschaftliche Rangunterschiede präzise benennen ließen. Dann erfolgte eine Angleichung nach oben: Ihr und Er gerieten allmählich in Vergessenheit, weil das aufstrebende Bürgertum nun ebenfalls das Sie als höchste Höflichkeitsform für sich in Anspruch nahm.

Magisches Denken

Jan Wiele fragt sich, weshalb viele Menschen für die KI schwärmen, obwohl die Schwächen so offensichtlich sind. Hier ein Auszug (FAZ, 23.02.26, Nr. 43, S. 11):

Warum reden rationale Menschen so schwärmerisch über Künstliche Intelligenz wie die Anhänger einer Religion? Woher das Vertrauen?
Was „Künstliche Intelligenz“ angeht, erleben wir seit einiger Zeit einen Extremfall von kognitiver Dissonanz: Auf der einen Seite wird ständig erzählt, wie diese sogenannte Intelligenz immer besser werde und immer komplexere Aufgaben lösen könne. Auf der anderen Seite zeigen sich weiter jeden Tag die haarsträubenden Fehler, die KI erzeugt. Längst ist die Welt durchsetzt von Falschinformationen, die zum Teil leicht erkennbar sind, in vielen Fällen aber nicht, weil das Erkennen Expertenwissen erfordert.

Jüngst etwa musste Google KI-Zusammenfassungen über Leberfunktionstests entfernen. Die falschen Informationen in den Zusammenfassungen wurden von Experten als gesundheitsgefährdend und daher alarmierend eingestuft. Eine von 22 internationalen Nachrichtenportalen gemeinsam durchgeführte Überprüfung aus dem Herbst 2025 ergab, dass KI-Assistenten Nachrichteninhalte in 45 Prozent der Fälle falsch darstellen.

Die Fehler der KI, so auffällig oder so alarmierend sie sind und so oft sie dokumentiert werden, scheinen allerdings weder bei den bezahlten Propagatoren noch den freiwilligen Werbeträgern zu einer Einsicht zu führen. Egal, wie eklatant KI versagt, die Reaktion darauf scheint stets schon ausgemacht: Das seien eben „Kinderkrankheiten“, die bald überwunden sein werden.

Erstaunlich ist, dass dieses Mantra auch aus den Mündern von Menschen kommt, die es eigentlich besser wissen müssten und wider alle Evidenz daran festhalten.

Die große Verunsicherung

Die Karriereberaterin und Therapeutin Brigitte Scheidt beobachtet bei ihren Ratsuchenden eine zunehmende Verunsicherung. 

Hier der Auszug aus einem Interview: 

Vieles ist im Wandel. Macht sich das in Ihrer Praxis als Psychologische Psychotherapeutin bemerkbar?

Die rasante Veränderung ist spürbar. Ich beobachte, dass die Orientierungslosigkeit zunimmt, zumal viele nicht wissen, woran man sich denn orientieren soll. Unter anderem Kirchen und Parteien gelten nur bedingt als Antwortgeber. Unsere Selbstverständlichkeiten brechen weg. Es ist fast revolutionär. Die KI lässt ganze Berufsbilder verschwinden. Werte werden infrage gestellt. Wo es früher ein gemeinschaftliches Verständnis gab, löst sich das auf. Wir leben in polarisierten Zeiten, wo nahezu alles kontrovers gesehen wird.

Und das bewirkt große Verunsicherung?

Dass die Demokratie auf einmal verwundbarer erscheint, wir Krieg in Europa haben und scheinbar sichere Berufe auf einmal nicht mehr sicher sind, das erfordert, mit Ohnmachtserfahrung umzugehen angesichts der Komplexität, in der wir leben. Vor Kurzem Undenkbares wird Realität. Niemand kann sagen, wie die Welt in fünf Jahren aussieht. Damit klarzukommen, muss erst noch gelernt werden.

Mehr (hinter einer Bezahlschranke): www.faz.net.

Die Entheiligung der Sexualität

Carl Trueman liefert in seinem Artikel „Playing God, Becoming Nothing“ Beobachtungen, die für eine Entheiligung und -würdigung des Menschen in einer Kultur sprechen, in der Gott keine Rolle mehr spielt:

In der vergangenen Woche habe ich drei Dinge gelesen, die einen Einblick darin eröffneten, wie leer die moderne Vorstellung davon, was es bedeutet, Mensch zu sein, tatsächlich ist.

Das erste war eine E-Mail, die ich von einem Studenten einer Ivy-League-Universität erhielt [d.h., sie gehört zu den prestigeträchtigsten Universitäten der USA; Anm. R.K.], an der ich kürzlich einen Vortrag über die Verrohung gehalten hatte, die unsere heutige Zeit kennzeichnet. Er erinnerte sich daran, wie er einige Tage nach meinem Vortrag in eine Bar ging, in der sich intelligente, kluge junge Leute aufhielten – Studenten, Anwälte, Vertreter der professionellen, intellektuellen Schichten. Dort fiel ihm auf, dass auf den Fernsehbildschirmen an der Wand nicht wie üblich Profisport übertragen wurde, sondern pornografische Filme mit Sexszenen. So schockierend das für ihn auch war, noch schockierender war die Selbstverständlichkeit, mit der der Barbetrieb wie gewohnt weiterging und die Gespräche unvermindert fortgesetzt wurden.

Pornografie steht für die moderne Entmenschlichung. Sie ist der praktische Höhepunkt der Logik der sexuellen Revolution, indem sie den intimsten Akt der Selbsthingabe zwischen zwei Menschen in einer festen, dauerhaften Beziehung in kostenlose Unterhaltung verwandelt und sexuelle Handlungen und diejenigen, die sie ausüben, zu Waren für die billige Unterhaltung Dritter degradiert. Und in dieser Bar war sie zu nichts weiter als Hintergrundgeräuschen beim Mixen von Cocktails und beim alltäglichen Beisammensein geworden. Was einst den schäbigsten Clubs in den zwielichtigsten Gegenden der Stadt vorbehalten war, findet man heute in Mainstream-Etablissements, wo es bei den Kunden höchstens ein Achselzucken oder ein Augenrollen hervorruft. Etwas, das einst als heilig galt, wurde entweiht, und niemand schien sich darum zu kümmern oder es überhaupt zu bemerken. Man kann nur zu dem Schluss kommen, dass Sex so sehr entweiht wurde, dass jeder Rest seiner heiligen Bedeutung in der Vorstellung der Menschen längst verschwunden ist.

Mehr: firstthings.com. Empfohlen sei auch Der Siegenzug des modernen Selbst von Carl Trueman. 

Die sexuelle Revolution im Judentum

Dennis Prager hat 1993 den bemerkenswerten Aufsatz „Judaism’s Sexual Revolution“ veröffentlicht (Crisis 11, Nr. 8 (September 1993). Seine These: Durch das Judentum (und später das Christentum) wurde die Pansexualisierung der heidnischen Kulturen überwunden. Das bedeutet, dass sexuell völlig überladene Gesellschaften lernten, dass menschliche Sexualität einen Schutzraum benötigt. Diese für den Westen sehr förderliche Entwicklung wird mit dem erneuten Einzug des Heidentums umgekehrt. 

Hier ein Auszug: 

Gesellschaften, die der Sexualität keine Grenzen setzten, wurden in ihrer Entwicklung behindert. Die spätere Vorherrschaft der westlichen Welt lässt sich weitgehend auf die sexuelle Revolution zurückführen, die vom Judentum initiiert und später vom Christentum fortgeführt wurde.

Diese Revolution bestand darin, den sexuellen Geist in die Flasche der Ehe zu zwingen. Sie sorgte dafür, dass Sex nicht mehr die Gesellschaft dominierte, verstärkte die Liebe und Sexualität zwischen Mann und Frau (und schuf damit fast im Alleingang die Möglichkeit von Liebe und Erotik innerhalb der Ehe) und begann mit der mühsamen Aufgabe, den Status der Frau zu verbessern.

Für uns, die wir Tausende von Jahren nach Beginn dieses Prozesses durch das Judentum leben, ist es wahrscheinlich unmöglich, das Ausmaß zu erkennen, in dem undisziplinierter Sex das Leben des Menschen und das Leben der Gesellschaft dominieren kann. In der gesamten Antike und bis in die jüngste Vergangenheit hinein durchdrang Sexualität in vielen Teilen der Welt praktisch die gesamte Gesellschaft.

Die menschliche Sexualität, insbesondere die männliche Sexualität, ist polymorph oder völlig wild (weitaus mehr als die Sexualität der Tiere). Männer hatten Sex mit Frauen und mit Männern, mit kleinen Mädchen und Jungen, mit einem einzigen Partner und in großen Gruppen, mit völlig Fremden und unmittelbaren Familienmitgliedern sowie mit einer Vielzahl von domestizierten Tieren. … Natürlich wurden nicht alle diese Praktiken von der Gesellschaft geduldet – Inzest zwischen Eltern und Kindern und die Verführung der Frau eines anderen Mannes wurden selten toleriert –, aber viele Praktiken wurden toleriert, und alle veranschaulichen, wohin ein ungezügelter oder, in Freudschen Begriffen, „nicht sublimierter“ Sexualtrieb führen kann.

Das Judentum unterwarf die Sexualität Kontrollen. Sie durfte nicht länger das religiöse und gesellschaftliche Leben dominieren. Sie sollte geheiligt – was im Hebräischen „getrennt“ bedeutet – von der Welt und in das Zuhause, in das Bett von Mann und Frau verbannt werden. Die Einschränkung des Sexualverhaltens durch das Judentum war eines der wesentlichen Elemente, die den Fortschritt der Gesellschaft ermöglichten. Zusammen mit dem ethischen Monotheismus führte die Revolution, die die Thora mit ihrer Ablehnung der sexuellen Praktiken der Welt auslöste, zu den weitreichendsten Veränderungen in der Geschichte.

Ich habe den Aufsatz hier gefunden.

Elisabeth Elliot: Jahre des Wachsens

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Elisabeth Elliot – Ehefrau von Jim Elliot, Mutter, Glaubensheldin, mutige Missionarin, Buchautorin und eine Ikone des amerikanischen Christentums: Es gibt viele Bezeichnungen, die auf diese Frau zutreffen (vgl. hier).

Auch in Deutschland ist sie vielen evangelikalen Christen ein Begriff und ein Vorbild, wenngleich ihre Person zunehmend in Vergessenheit zu geraten droht. Um dem entgegenzuwirken, schrieb Ellen Vaughn nach Elisabeth Elliots Tod im Jahr 2015 eine Biographie in zwei Teilen. Der erste Band ist nun unter dem Titel Elisabeth Elliot: Jahre des Wachsens (#ad) in deutscher Sprache erschienen.

Anna Tissen hat das Buch gelesen und eine Rezension verfasst. Hier ein Auszug: 

Der zweite Teil bildet den Kern der Biographie und zeichnet Elisabeth Elliots Leben von ihrer Geburt im Dezember 1926 bis zu ihrer Abreise aus Ecuador im Jahr 1963 nach.

Elisabeth „Betty“ Howard wurde in Brüssel als zweites Kind von US-amerikanischen Missionaren geboren, doch schon wenige Monate später zog die Familie zurück in die USA, wo der Vater für die Zeitschrift Sunday School Times arbeitete. Die Eltern achteten sehr auf Ordnung, Disziplin und Bildung, liebten ihre sechs Kinder jedoch von Herzen und sorgten dafür, dass sie eine unbeschwerte Kindheit hatten. Bettys Interesse an der Missionsarbeit wurde früh geweckt, indem die Familie regelmäßig Missionare einlud, doch bevor sie konkrete Schritte in diese Richtung unternehmen konnte, widmete sie sich ihrer Ausbildung.

Mit 14 Jahren besuchte sie ein christliches Internat in Florida und schrieb sich später am Wheaton College ein, wo sie sich für ihre spätere Tätigkeit als Übersetzerin ausbilden ließ und auch ihren ersten Ehemann Jim Elliot kennenlernte. Ihre lange Liebesgeschichte ist unter anderem durch Bettys spätere Bücher gut dokumentiert.

Nach verschiedenen Zwischenstationen reiste Betty 1952 als ledige Missionarin nach Ecuador aus und machte ihre ersten Erfahrungen in der Volksgruppe der Colorados. In dieser Zeit wurden durch verschiedene Ereignisse „Bettys feste Vorstellungen über Gottes Willen zerstört, auf teils schockierende und brutale Weise. Bei den Colorados war sie, vielleicht zum ersten Mal, mit dem monolithischen, undurchdringlichen Geheimnis konfrontiert, das Gottes Wege umgibt“ (S. 159).

Im Herbst 1953 heirateten Jim und Elisabeth Elliot und begannen ihre gemeinsame Arbeit in Puyupungu im Osten von Ecuador. Mehr und mehr fühlten sie und andere befreundete Missionare die Überzeugung, dass Gott sie zu den Waorani rief, einer Volksgruppe, die im Dschungel lebte und Fremden gegenüber sehr feindselig war. Die Kontaktaufnahme zu diesem Volk führte im Januar 1956 zum Tod von Jim und seinen vier Kollegen und ließ Betty als Witwe mit einem kleinen Kind zurück.

Während sie ihre Arbeit in den nächsten Jahren fortführte und sich als Buchautorin einen Namen machte, knüpfte Betty erste Kontakte mit Waorani-Frauen. Schließlich zog sie gemeinsam mit ihrer Tochter Valerie und einer anderen amerikanischen Missionarin, Rachel Saint, in eine Waorani-Siedlung. Es war eine äußerst herausfordernde Zeit für sie, denn „wie Betty im Laufe der nächsten Jahre öfter feststellen sollte, waren Rachel und sie, was ihre Persönlichkeiten, Ansichten und Vorlieben anging, maximal unterschiedlich“ (S. 306). Betty war zwar eine äußerst begabte Linguistin, doch die schwierige Zusammenarbeit mit Rachel führte schlussendlich dazu, dass sie sich im Jahr 1963 dazu entschied, Ecuador zu verlassen und in die USA zurückzukehren.

Mehr: www.evangelium21.net.

Francis Schaeffer’s Whole-of-Life Theology and the Making of the L’Abri Mind

Andrew Carter hat an der Durham University die Untersuchung „Francis Schaeffer’s Whole-of-Life Theology and the Making of the L’Abri Mind“ veröffentlicht.

Im Abtract heißt es: 

Francis Schaeffer (1912–1984) war ein bedeutender evangelikaler Pastor und Apologet, der in den Vereinigten Staaten und in Westeuropa tätig war. Im Laufe seines Lebens kontextualisierte er das Evangelium für eine neue Generation, verfasste über 22 Bücher, hielt unzählige Vorträge zu zahlreichen Themen, drehte zwei Dokumentarfilmreihen und beeinflusste persönlich Tausende von Menschen. 1955 gründete er zusammen mit seiner Frau Edith die L’Abri Fellowship, eine christliche Gemeinschaft, die die Realität Gottes durch das normale Leben demonstrieren soll. Heute gibt es weltweit zehn Zweigstellen von L’Abri, die Gäste einladen, um gemeinsam die tiefsten Fragen des Lebens zu erforschen.

Teil 1 dieser Studie stellt Schaeffer vor und untersucht, warum er so wichtig ist. Teil 2 enthält vier Kapitel, die den integrierenden Faktor in Schaeffers Theologie untersuchen: die Herrschaft Christi über das gesamte Leben und seine Ablehnung einer Spiritualität, die das Leben in verschiedene Bereiche aufteilt. Die Schlussfolgerung dieser Kapitel lautet, dass Schaeffers Herangehensweise an den christlichen Glauben so einzigartig ist, dass man sie als „Schaeffer-Denken” bezeichnen kann. Teil 3 untersucht, wie der Schaeffer-Gedanke von einer neuen Generation von L’Abri-Führern und -Denkern aufgegriffen, modifiziert und weiterentwickelt wurde.

Zu diesem Zweck betrachten wir drei Themen, die zwar bei Schaeffer vorhanden sind, aber von anderen Mitgliedern der Gemeinschaft weiterentwickelt wurden: Erstens die These von Jerram Barrs und Ranald Macaulay, dass Erlösung die Wiederherstellung der wahren Menschlichkeit darstellt, zweitens Dick Keyes’ kulturelle Apologetik und drittens Wade Bradshaws Auseinandersetzung mit einer rivalisierenden Geschichte. Abschließend betrachten wir Nancy Pearcey, die zwar nicht streng genommen zu L’Abri gehört, aber dennoch in dieser Tradition schreibt, Schaeffers Lehre auf den neuesten Stand bringt und sie auf neue Bereiche anwendet.

Die Studie kommt zu dem Schluss, dass sich Schaeffers Denken zu etwas entwickelt hat, das in der breiteren evangelikalen Welt seinesgleichen sucht. Ich nenne dies die L’Abri-Denkweise. Die Studie schließt mit dem Versuch, ihre wichtigsten Bestandteile zusammenzufassen und zu erläutern, warum sie von Bedeutung ist.

Die Untersuchung kann hier heruntergeladen werden: Final_PhD_Document_July_2024_.pdf.

Augustinus: Wie der Teufel die Häretiker auf den Plan brachte

Im 18. Buch seines De civitate Dei beschreibt Augustinus die Verwirrung, die durch falsche Lehrer gestiftet wird (Vom Gottesstaat, München: DTV, 2007, S. 504, 18,51):

Als nun der Teufel sah, daß die Dämonentempel leer standen und das Menschengeschlecht dem Namen des rettenden Mittlers zueilte, brachte er die Häretiker auf den Plan, die unter dem Deckmantel des christlichen Namens der christlichen Lehre widersprachen; als ob man solche Leute unterschiedslos und ohne Zurechtweisung im Gottesstaate dulden könnte, wie der Staat der babylonischen Verwirrung sich unterschiedslos Philosophen verschiedener und entgegengesetzter Richtungen gefallen ließ. Die also in der Kirche Christi ungesunden und verkehrten Ansichten huldigen und der Zurechtweisung, die sie zum Gesunden und Richtigen zurückführen möchte, hartnäckig widerstreben und ihre verpestenden, todbringenden Lehren nicht aufgeben wollen, sondern unentwegt verteidigen, werden zu Ketzern, verlassen damit die Kirche und werden zu den Feinden gerechnet, die um ihrer Übung willen nötig sind.

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