Themenbereich Intersexualität

In der medialen Öffentlichkeit ist der Themenbereich „Sexuelle Vielfalt“ nahezu allgegenwärtig. Da ist von sexueller Orientierung oder von sexuellen Identitäten die Rede, wird über gendergerechte Sprache oder Unisex-Toiletten gestritten. Bei genauerem Hinsehen fällt auf, dass diese Stichworte meist nur oberflächlich behandelt werden. Bei genauerem Hinsehen stellt sich vielfach heraus, dass das Bild, welches über die Skala der Geschlechter und die Intersexualität vermittelt wird, im Gegensatz zu den wissenschaftlich abgesicherten Erkenntnissen steht.

Michael Kämpfer hat sich gründlicher mit dem Thema beschäftigt und seinen Diskussionsbeitrag hier publiziert: b-19-2_geschlechter.pdf.

VD: BH

Deutschlands erster christlicher Sexshop

In Bielfeld haben es sich einige Leute vorgenommen, den Missionsbegriff zu erweitern. Es geht diesmal nicht um Umweltschutz oder soziale Gerechtigkeit, sondern um besseren Sex. Denn:

Sex sei nicht nur zum Kinderkriegen gemacht, erklären die vier die Philosophie, die sie antreibt. „Sex macht auch Spaß“, sagt Wellington Estevo: „Das Gefühl hat uns Gott mit der Schöpfung geschenkt. Gerade Christen müssen Vorreiter sein, wenn es um das Thema Sexualität geht.“ Es sei an der Zeit, offen über Lust und Liebe zu reden.

Dass beim 500. Reformationsjubiläum so einiges schief gelaufen ist, wissen wir.  Dass die Feier der Reformation den Anstoß dafür gab, einen christlichen Sexshop zu gründen, überrascht selbst mich. 

 Es bedürfe Zeit, mit den Tabus zu brechen, die die Kirche jahrhundertelang getragen habe. Die Idee der Shopgründung kam ihnen vor zwei Jahren beim 500. Reformationsjubiläum. „Morgens saßen wir mit Freunden zusammen und überlegten, dass wir etwas machen müssen“, erinnert sich Estevo: „Abends stand die Idee, das ging ganz schnell.“ Ein wenig wie die Jungfrau zum Kinde. Als Jugendliche hätten doch alle erlebt, dass Sexualität stiefmütterlich tabuisiert wurde, so die vier.

Da sehen wir also die Früchte der neuen „Sex-Perspektive“. Das ist leider keine Satire. Hier glauben Christen, Vorreiter zu sein. Tatsächlich springen sie nur auf einen Zug, der schon lange unterwegs ist und zu einer plastikhaltigen Konsumkultur einlädt. Dabei gäbe es so viele echte Möglichkeiten, in Sachen Sexualität Zeichen zu setzen. 

Hier mehr: www.lz.de.

VD: AM

Über den Habermas-Schredder

Das Debatten-Magazin THE EUROPEAN hat mit Norbert Bolz über die fehlende Streitkultur an Universitäten, mittelmäßige Lehre, den Bologna-Prozess und den Habermas-Schredder, durch den Philosophie an der Uni zu Püree wird, gesprochen. Die Lektüre ist ein Genuss. 

Einige Fragmente:

Es gab noch nie so viel geistige Unfreiheit nach dem 2.Weltkrieg wie heute. Das spüren die jungen Leute, die Karriere machen müssen, um zu überleben. Die Stromlinienförmigkeit wird durch Selbstzensur sehr, sehr früh erzeugt. Es ist ja schon in der Schule so, dass die intelligenten Kinder in Fächern wie Politik, Philosophie oder Gemeinschaftskunde spüren, was der Lehrer gerne hören möchte. Es ist ja nicht so, dass man offen diskutieren könnte.

Das ist ja das Grundproblem der Bildungspolitik, dass sie jetzt gemacht wird. Früher wurde sie nicht gemacht. Man hat sich nicht für Unis und Schulen interessiert. Das war „Gedöns“, und das war ein Segen. Also, Helmut Kohl hat sich nie für Universitäten interessiert, und damals war die Welt noch in Ordnung. Während heute Leute, die von Tuten und Blasen keine Ahnung haben, denken Sie an Frau Schavan, eine einzige Katastrophe, sich da einmischen. Die hat dann aber sinngemäß gesagt: „Ihr seid die ewig Gestrigen, wir aber gehen mit Bologna in die Zukunft“. Die Leute, die von der Sache keine Ahnung haben, dürfen aufgrund ihrer Macht alles steuern. Das ist das Problem, nämlich die Politisierung aller möglichen Bildungsprozesse. Das hat es so früher auch nicht gegeben. Die Re-Education, damals nach dem zweiten Weltkrieg, war insofern noch harmlos, weil man sie mit großer Distanz betrachtet hat. Jetzt aber wird es von der Kita bis zur Uni durchgezogen. Kriterien werden vorgegeben. Politiker haben ganz andere Schwerpunkte und von der Sache hier keine Ahnung. Das ist auch ein neues Problem.

Hier mehr: www.theeuropean.de.

Luther: Wahrer Gottesdienst

Gudrun Neebe schreibt über den wahren Gottesdienst nach Luther (Apostolische Kirche, 1997, S. 118–119):

Nachdem Luther das entscheidende Kriterium für die Differenzierung zwischen wahrem und falschem Gottesdienst bereits benannt hat, geht er dann an den Zehn Geboten entlang und konkretisiert und detailliert anhand dieser jenes Kriterium noch, weil s.E. in den Zehn Geboten zusammengefaßt ist, was es heißt, Gott zu dienen, so daß allein derjenige Gott dient, der Gottes Gebote hält. 

Luther bezeichnet mit dem Terminus Gottesdienst folglich nicht ausschließlich die Versammlung und Feier der Christen im Gotteshaus, sondern das gesamte Leben des Menschen vor dem Angesicht Gottes, wie seine Bezugnahme auf die Zehn Gebote deutlich macht.

Gott recht zu dienen, heißt nach der Auffassung Luthers:

1. Gott alle Zeit zu ehren und von ganzem Herzen zu lieben, sowie alle Zuversicht und alles Vertrauen auf ihn zu setzen. (Dies ist der Hauptgottesdienst und das höchste Stück.)

2. Gott in Not anzurufen und sich jederzeit öffentlich zu ihm zu bekennen.

3. Bereit zu sein, für dieses Bekenntnis zu Gott, Leid und Verfolgung auf sich zu nehmen.

Glauben, Bekennen und Leiden fordere die erste Tafel der Gebote. Auf diese Weise werde der Welt und diesem Leben entsagt und allein Gott gelebt. Gott recht zu dienen, heißt nach der zweiten Tafel der Gebote:

4. Vater und Mutter gehorsam zu sein, sie zu ehren und ihnen zu helfen.

5. Niemandem Schaden zuzufügen und statt dessen jedermann wohl zu tun.

6. Keusch und gemäßigt zu leben.

7. Niemanden zu betrügen und zu übervorteilen, sondern jedermann auszuhelfen und vor Schaden zu bewahren.

8. Keinen Menschen durch Worte zu verletzen und jeden zu schonen und zu entschuldigen.

9. u. 10. Niemandes Weib noch Gut zu begehren.

Ausschließlich dies verlange Gott, so daß überall dort, wo mehr oder anderes gefordert werde, Gott nicht recht gedient, sondern ein falscher Gottesdienst erfunden werde, so meint Luther.

Zahl der Menschen mit „drittem Geschlecht“ gering

Deutlich weniger Menschen als bisher angenommen definieren sich in Deutschland weder als Mann noch als Frau. Wie die Zeitschrift ZEIT jetzt berichtete, handelt es sich lediglich um einige hundert Personen in Deutschland. Das ÄRZTEBLATT schreibt:

Die Wochenzeitung beruft sich auf eine eigene Umfrage bei den Standesämtern der elf größten deutschen Städte. Diese habe ergeben, dass bislang lediglich 20 Personen bean­tragt haben, ihren Geschlechtseintrag auf „divers“ ändern zu lassen (Stand Mitte April 2019).  Rechne man die Zahlen, die von ähnlichen Umfragen der vergangenen Wochen bestätigt würden, auf ganz Deutschland hoch, seien es rund 150 Fälle, schreibt die Zeit. Eltern me­dizinisch intersexueller Neugeborener, die ihr Kind als „divers“ eintragen ließen, gibt es in den befragten Städten laut Umfrage bislang keine, heißt es weiter.

Das Bundesverfassungsgericht ging der Zeit zu­folge in seinem Inter­sexualität-Urteil 2017, bei dem die Richter einen dritten Geschlechts­eintrag im Behör­denregister gefordert hatten, noch von bis zu 160.000 Betroffenen aus.

Hier mehr: www.aerzteblatt.de.

Bullinger: Die bessere Auslegung

Heinrich Bullinger über die Auslegung der Schrift (Schriften, Bd. V, 2006, S. 186)

Der Unterricht der Fortgeschrittenen besteht vorwiegend in Auslegung der Heiligen Schrift. Aus den Schriften der alten Bischöfe geht hervor, dass es in jener alten, glückseligen und gottgefälligen Kirche Brauch war, den Gemeinden nicht nur zelne Teile oder ausgewählte Stellen der biblischen Bücher, dem ganze Bücher des Neuen und des Alten Testaments zulegen.Und daraus ist für die Kirchen kein geringer Nuterwachsen. So machen wir auch heute noch die Erfahrung, dass die Gemeinden nicht besser unterrichtet und nicht stärker bewegt werden können als durch die Worte Gottes selbst und durch eine zuverlässige Auslegung der Bücher des Evangeliums, des Gesetzes, der Propheten und der Apostel.

An dieser Stelle will ich nebenbei daran erinnern, dass eine Auslegung der Heiligen Schrift nicht dem Verlangen entspringt, sich irgendetwas zudenken und die Schriften hin und her zu biegen, sondern dass sie ein erfurchtsvolles Vergleichen der Heiligen Schriften und eine besondere Gabe des Heiligen Geistes ist. Denn der heilige Petrus hat gesagt (2Petr 1,20): „Keine Weissagung der trift kommt durch der Propheten eigene Deutung zustande.“ Deshalb hat niemand die Vollmacht, die Heiligen Schriften nach seinem eigenen Gutdünken auszulegen. Die bessere Auslegung ist auch nicht von einer Mehrheit abhängig, als ob eine bessere Auslegung die sei, der eine Mehrheit zustimmt. Dann würden nämlich der arianische und der türkische Glaube das Christentum bei weitem übertreffen. Die bessere Auslegung ist jeweils die, die nicht mit dem Glauben und der Liebe streitet und die nichts verbiegt, um den Ruhm und die Habgier der Menschen zu verteidigen und zu verbreiten.

„Fränkischer Jugendtag“ zum Thema Helden

Bildschirmfoto 2019 05 08 um 08 59 32Der „Fränkische Jugendtag“ wird von Jugendlichen und junggebliebenen Erwachsenen verschiedener fränkischer Freikirchen organisiert. Was uns verbindet ist der gemeinsame Glaube an Jesus Christus und die Begeisterung, junge Menschen positiv durch das Evangelium zu prägen. Ziel des Jugendtags ist es, Jugendliche für ein Leben mit Jesus Christus zu motivieren und sie in eine tiefere Beziehung zu Gott zu führen. Dies wollen wir erreichen durch tiefgehende Predigten aus Gottes Wort, lebendige Anbetung, sowie durch die Förderung von Freundschaften unter den Jugendlichen.

Beim Jugendtag am 30. Mai 2019 geht es um „Helden“. Die Geschichten großer Helden haben die Menschheit schon immer begeistert. Das zeigen unzählige Bücher und Blockbuster. Auch die Bibel zeigt uns echte Helden. Es waren Männer und Frauen, die Großes für Gott wagten, weil sie ihm voll und ganz vertrauten. Durch ihr Beispiel ruft Gott uns auf, immer mehr im Glauben zu leben, um auch mit unserem Leben Geschichte zu schreiben. Hauptreferent ist Rudi Tissen.

Hier geht es zur Konferenzseite mit weiteren Informationen: www.fraenkischer-jugendtag.de.

Die Rückkehr des Autors

Wer begreifen will, woher der Argwohn gegenüber der Verstehbarkeit von Texten stammt, wird irgendwann bei Leuten wie T.S. Eliot, Roland Barthes oder Jacques Derrida ankommen. Barthes, der französische Soziologe und Schriftsteller, Mitbegründer des Poststrukturalismus, hat die verbreitete Lust an der Dekonstruktion von Texteinheiten reichlich beflügelt. Schon 1968 sprach er vom „Tod des Autors“. Er wandte sich gegen die Annahme, der Urheber eines Textes verfolge eine dezidierte Intension. „Heute wissen wir, dass ein Text nicht aus einer Reihe von Wörtern besteht, die einen einzigen, irgendwie theologischen Sinn enthüllt (welcher die ‚Botschaft‘ des Autor-Gottes wäre), sondern aus einem vieldimensionalen Raum, in dem sich verschiedene Schreibweisen [écritures], von denen keine einzige originell ist, vereinigen und bekämpfen. Der Text ist ein Gewebe von Zitaten aus unzähligen Stätten der Kultur.“ (Roland Barthes: „Der Tod des Autors“, in: Fotis Jannidis, Gerhard Lauer, Matias Martinez, Simone Winko (Hg.), Texte zur Autorschaft, 2000, S. 181–193, hier S. 190).

Das Subjekt ist keine statische Einheit mehr, sondern verflüssigt sich. Der Autor ist nur Kristallisationspunkt unterschiedlichster kultureller Einflüsse. Er greift notwendig auf andere Texte, Bilder oder Ideen zurück. Doch nicht nur das. Der Rezipient schreibt den Text mit. Der Leser ist nicht nur Sinnkonsument, sondern Sinnkonstrukteur. „Wir wissen, dass der Mythos umgekehrt werden muss, um der Schrift eine Zukunft zu geben. Die Geburt des Lesers ist zu bezahlen mit dem Tod des Autors“ (ebd., S. 193). Der Ort, an dem ein Text lebendig wird, ist der Geist des Lesers.

Gegen die vermeintliche Eindeutigkeit von Texten bringt Barthes das „Rauschen der Sprache“ und die Vielsinnigkeit ins Spiel, die bindende Interpretationen unmöglich machen. „Einen Text interpretieren heißt nicht, ihm einen (mehr oder weniger begründeten, mehr oder weniger freien) Sinn geben, heißt vielmehr abschätzen, aus welchem Pluralen er gebildet ist“ (Roland Barthes, S/Z, 2012 [1987], S. 9).

Barthes hat auch die strukturelle Zeichenlehre, Semiotik genannt, erweitert. Ferdinand de Saussure unterschied zwischen dem Zeicheninhalt (Signifikat) und dem Bezeichnendem (Signifikant). Schon bei ihm gibt es keine natürliche Beziehung mehr zwischen den Bezeichnungen und dem Bezeichneten. Die Beziehung wird beim Gebrauch der Sprache hergestellt. Die Sprache bildet Gedanken also nicht nur ab, sondern formt diese mit. Barthes ging weiter und sah in dem Zeichen die Gesamtheit von Signifikant und Signifikat. Ein Text ist „eine Galaxie von Signifikanten und nicht Struktur von Signifikaten“ (ebd., S. 10).

Er lenkte die Aufmerksamkeit auf die Zeichen, in denen der Sinn zu finden sei. Barthes illustrierte seine Sichtweise am Beispiel eines Rosenstraußes (Roland Barthes: Mythen des Alltags, 1964, S. 85):

Man denke an einen Rosenstrauß: ich lasse ihn meine Leidenschaft bedeuten. Gibt es hier nicht doch nur ein Bedeutendes und ein Bedeutetes, die Rose und meine Leidenschaft? Nicht einmal das, in Wahrheit gibt es hier nur die ‚verleidenschaftlichten‘ Rosen. Aber im Bereich der Analyse gibt es sehr wohl drei Begriffe, denn diese mit Leidenschaft besetzten Rosen lassen sich durchaus und zu Recht in Rosen und Leidenschaft zerlegen. Die einen ebenso wie die andere existierten, bevor sie sich verbanden und dieses dritte Objekt, das Zeichen, bildeten. Sowenig ich im Bereich des Erlebens die Rosen von der Botschaft trennen kann, die sie tragen, so wenig kann ich im Bereich der Analyse die Rosen als Bedeutende den Rosen als Zeichen gleichsetzen: das Bedeutende ist leer, das Zeichen ist erfüllt, es ist ein Sinn.

Der Poststrukturalismus hat übrigens die Bibelauslegung der letzten Jahrzehnte stark geprägt. Wenn heute von Evangelikalen „das Fortschreiben der Bibel“ oder „das nebeneinander Stehenlassen“ unterschiedlicher exegetischer Befunde gefordert wird, ist der Einfluss dieser Betrachtungsweise erkennbar. In einem Vortrag sagte ich 2016:

Während Luther und mit ihm andere große Lehrer der Reformation in der Bibel sehr klar das Evangelium von der Gerechtmachung des gottlosen Sünders vernahmen und die liberalen Aufklärungstheologen immerhin noch nach einer sittlichen Botschaft für alle Menschen suchten, vernimmt der „Postprotestantismus“ in den biblischen Texten nur noch das Schweigen Gottes. Die verbindende Grunderfahrung des postprotestantischen Nordeuropas – schreibt der bekannte Schweizer Exeget Ulrich Luz – „ist die der grundsätzlichen Verborgenheit Gottes“. Gott kommt nur noch „unter der Gestalt menschlicher Texte, menschlicher Theologie, menschlicher Geschichte und unter der Gestalt völlig pluraler und mehrdeutiger menschlicher religiöser Erfahrungen“ vor. Klaus-Peter Jörns erklärt ganz ähnlich, dass es in den biblischen Dokumenten keine göttliche Wahrheit gibt, sondern wir auf menschliche Konstruktionen angewiesen sind, die „notwendigerweise pluralistisch“ sein müssen.

Wir verstehen Bibeltexte also nicht mehr, indem wir uns ihnen unterordnen und sie im Sinne ihrer Autoren auslegen, sondern wir schaffen uns im Gespräch mit den alten Texten neue Wirklichkeiten. Der ursprüngliche Autor und sein Text sind entmachtet (Tod des Autors). Da wir sowieso nicht objektiv verstehen können, was ein Text sagt, verschiebt sich das Gewicht auf den Ausleger. Nicht das, was der Text objektiv sagt (kein Text sagt etwas objektiv), sondern das, was der Text in uns auslöst, ist entscheidend für das Textverständnis. Nicht der Ursprungstext ist autoritativ, sondern das, was dieser Text mit uns macht. Gott hat gesprochen, alles andere ist Interpretation.

Interessant ist, dass der Literaturkritiker Eric Donald Hirsch bereits Mitte der 60er-Jahre auf die Probleme dieser Position hinwies und sogar ihre Absurdität beweisen konnte. Schon damals sprach er davon, dass es Aufgabe der Kulturhistoriker sei, „herauszufinden, warum diese Doktrin in den letzten Jahren so weite Verbreitung finden konnte“ (Prinzipien der Interpretation, 1972 [1967], S. 16). E. D. Hirsch zeigte auf, dass zwar die Autoren „verbannt“ wurden, die Kritiker aber blieben. Und so darf gefragt werden: Sind nicht die Kritiker auch Autoren?

Hier mal ein längeres Zitat aus Prinzipien der Interpretation: (S. 16–18):

Von Literaturwissenschaftler ist oft das Argument ins Feld geführt worden, daß die Theorie von der Unwichtigkeit des Autors sich äußerst günstig auf Literaturkritik und philologische Gelehrsamkeit auswirkte, weil sie das Zentrum der Untersuchung vom Autor auf sein Werk verlagerte. Gestützt auf diese Theorie, haben moderne Literaturkritiker getreulich und sorgfältig ihre Texte untersucht, um deren unabhängig existierenden Sinn, anstatt der vorher für wichtig gehaltenen Bedeutung für das Leben des Autors, herauszufinden. Daß diese Verschiebung in Richtung auf die Exegese wünschenswert war, wird nur von wenigen Wissenschaftlern bestritten werden, ganz gleich, ob sie nun zu den Anhängern der Theorie der semantischen Autonomie zählen oder nicht. Es waren jedoch historische, nicht logische Gründe, die diese Theorie mit der exegetischen Bewegung in Verbindung brachten, da es keine logische Notwendigkeit gibt, die einen Kritiker zwingt, den Autor völlig auszuschalten, nur um sein Werk analysieren zu können. Nichtsdestoweniger hat die Theorie durch ihre historische Verbindung mit der Textanalyse viel Feingefühl und Intelligenz zutage gefördert. Leider hat sie auch häufig zu Eigensinnigkeit und Extravaganzen in der wissenschaftlichen Kritik beigetragen; sie war ein wichtiger Grund für den heute herrschenden Skeptizismus, der die Möglichkeit einer objektiv richtigen Interpretation in Zweifel zieht. Natürlich wären diese Nachteile zu ertragen, wenn die Theorie richtig wäre. Skepsis ist in geistigen Dingen besser als Illusionen.
Die Nachteile der Theorie konnten in jenen erregenden Zeiten, als die alte Ordnung der Literaturwissenschaft zerbrach, nicht leicht vorhergesehen werden. Damals wurden Naivitäten, wie die positivistische Einstellung der Literaturgeschichte, das Suchen nach Einflüssen und anderen kausalen Zusammenhängen, die nachromantische, den Prozeß des Schreibens umgebende Faszination über Gewohnheiten, Gefühle und Erlebnisse mit völligem Recht angegriffen. Es wurde in zunehmendem Maße deutlich, daß die theoretischen Fundamente der alten Literaturwissenschaft schwach und unzureichend waren. Man kann also nicht sagen, daß die Theorie von der Unwichtigkeit des Autors schlechter ist als die Theorien oder quasi-Theorien, die sie ersetzte; es kann auch nicht bezweifelt werden, daß die unmittelbare Wirkung der Verbannung des Autors insgesamt positiv und erneuernd war. Heute, nach mehreren Jahrzehnten, sind die Schwierigkeiten, die die Theorie der semantischen Autonomie mit sich bringt, deutlich sichtbar; sie sind für das Unbehagen verantwortlich, das an den Hochschulen herrscht, obwohl diese Theorie dort seit langem eine unbestritten dominierende Stellung innehat.
Daß dieser Zustand akademischer Skepsis und Verwirrung zum großen Teil der Theorie von der Unwichtigkeit des Autors entspringt, ist, wie ich glaube, ein geistesgeschichtliches Faktum der unmittelbar zurückliegenden Zeit. Denn nachdem der Autor als bestimmendes Element für den Sinn eines Textes radikal eliminiert worden war, wurde allmählich klar, daß kein geeignetes Prinzip für die Beurteilung der Richtigkeit einer Interpretation existierte. Durch immanente Notwendigkeit wurde aus der Frage, „was ein Text aussagt“, die Frage, was er dem einzelnen Kritiker bedeute. Es kam in Mode, über das „Textverständnis“ [Orig.: „reading“] eines Kritikers zu sprechen, ein Wort, das nun in den Titeln gelehrter Werke aufzutauchen begann. Das Wort schien zu implizieren, daß der Autor verbannt worden war, der Kritiker aber blieb, und sein neues, originelles, kultiviertes, geniales und relevantes „Verständnis“ per se Interesse beanspruchen durfte.

Die „vergessene Verfolgung“

Christen sind bei weitem die am meisten verfolgte religiöse Gemeinschaft und erleben derzeit etwas, was in einigen Teilen der Welt einem Völkermord gleichkommt, dies ergebe ein Bericht, der vom Auswärtigen Amt Großbritanniens in Auftrag gegeben wurde. Außenminister Jeremy Hunt habe gemäß einem Artikel von DAILY MAIL Anfang Mai die „politische Korrektheit“ kritisiert. Sie habe nämlich dazu geführt, dass man sich mit der Unterdrückung der Christen, die er die „vergessene Verfolgung“ nannte, nicht auseinandergesetzt habe.

Hier der Beitrag: www.dailymail.co.uk.

Der synoptische und paulinische Christus

Bonhoeffer (Nachfolge, S. 219):

Wer sagt uns, daß wir die Gegenwart Christi, wie sie Paulus verkündigt, noch heute haben? Wer anders sagt es uns, als die Schrift selbst? Oder sollte eben hier von einer freien, nicht ans Wort gebundenen Erfahrung der Christusgegenwart und -wirklichkeit geredet werden? Ist es aber allein die Schrift, die uns die Gegenwart Christi bezeugt, so tut sie es | eben als ganze, und also zugleich als solche, die uns die Gegenwart des synoptischen Jesus Christus bezeugt. Der synoptische Christus ist uns nicht ferner und nicht näher als der paulinische Christus. Gegenwärtig ist uns der Christus, den uns die ganze Schrift bezeugt. Er ist der Menschgewordene, Gekreuzigte, Auferstandene und Verklärte, er begegnet uns in seinem Wort.

LOGOS: Der „Bauer“ im Infofenster

Moral als beliebige Setzung

Bei dem katholischen Apologeten Norbert Clasen habe ich ein sehr schönes Zitat gefunden (Im Garten des Unmenschlichen, 2018, S. 16–17):

In der Tat kann es, wie Nietzsche scharfsichtig sah, eine wirkliche, d.h. von den Dingen selbst ausgehende sittliche Verpflichtung in einer Welt ohne Gott nicht geben, die von der Option des wissenschaftlichen Positivismus bzw. Evolutionismus ausgeht und auf »Zufall und Notwendigkeit« beruht. Wenn es für die Natur selber gleichgültig ist, ob z.B. Walfische und Delphine existieren, Bach-Partituren unverfälscht überliefert werden, Unschuldige leben bleiben und Kinder geliebt werden, dann achten wir in der Sittlichkeit bloß unseren eigenen Entschluss, so zu tun, als ob der »Aggregatzustand« »Walfisch«, »Kind« oder »Bach-Partitur« Dauer haben sollte. Wenn aber alles Sollen nur menschliche Illusion oder Setzung ist, dann ist es aufhebbar.

Wer dies durchschaut, ist mit Nietzsche aller sittlichen Verpflichtung ledig, für ihn herrscht die »Unschuld des Werdens«, und er steht »jenseits von Gut und Böse«. Auch die Menschenwürde ist dann bloß ein Selbstmissverständnis. Die Natur hat uns als blindes, gleichgültiges Zufallsprodukt erzeugt. Uns entsteht nur die Illusion, dass es auf uns ankäme. Wenn wir den illusionären Schein, den unsere Gehirnphysiologie erzeugt, durchschauen und uns folglich nicht mehr als »Zwecke an sich« achten, setzen wir lediglich das evolutionistische Grundprinzip wieder in Kraft, demzufolge es völlig gleichgültig ist, was geschieht und folglich auch, wie man sich verhält.

Einen Menschen zu töten, ist, so gesehen, im Prinzip nur ein »Umarrangement« von Materie, eine Atomverbindung löst sich auf und neue bilden sich, so wie wenn ein Kind am Strand seine Sandburg zerstört.

»Dem Evolutionismus widerspricht allerdings die konkrete sittliche Erfahrung, die wir machen: Wenn ich sehe, dass mein Kind krank ist, dann ist das die Aufforderung, mit ihm zum Arzt zu gehen. Dass es nicht die Eltern sind, die in das kranke Kind ihren Wunsch auf dessen Gesundheit projizieren, zeigt sich daran, dass wir Eltern, die an Fahrlässigkeit oder Herzlosigkeit ihr krankes Kind vernachlässigen, sittlich verurteilen. Wir muten ihnen zu, jenen Imperativ zu hören, weil er nicht von ihrem Belieben abhängt, sondern aus der Natur der Sache erwächst.«

Griechisch-deutsches Wörterbuch „Bauer“ unter Logos verfügbar

Das Griechisch-deutsche Wörterbuch zu den Schriften des Neuen Testaments und der frühchristlichen Literatur steht in der 6. Auflage unter der Bibelsoftware Logos zur Verfügung. Wer bisher die englischsprachige Ausgabe benutzt hat (BDAG), kann nun auf die deutschsprachige Ausgabe umstellen.

Gott gewollte Religionsvielfalt?

Es war ein historischer Moment. Am 4. Februar 2019 haben Papst Franziskus und der Kairoer Großimam Ahmad Mohammad Al-Tayyeb in Abu Dhabi das „Dokument über die Geschwisterlichkeit aller Menschen für ein friedliches Zusammenleben in der Welt“ unterzeichnet. 

Erster Kernpunkt der Erklärung ist die Behauptung, „dass die Religionen niemals zum Krieg aufwiegeln und keine Gefühle des Hasses, der Feindseligkeit, des Extremismus wecken und auch nicht zur Gewalt oder zum Blutvergießen auffordern“. Alle Religionen sind demgemäß unterschiedslos friedlich und tolerant. Falls doch im Namen einer Religion zu Gewalt und Intoleranz aufgerufen wird, dann geschieht das, weil weil die Religion missbraucht werde.

Ein zweiter Kernpunkt der Erklärung erfährt zunehmend auch innerhalb der Katholische Kirche Kritik. Es heißt dort:

Der Pluralismus und die Verschiedenheit in Bezug auf Religion, Hautfarbe, Geschlecht, Ethnie und Sprache entsprechen einem weisen göttlichen Willen, mit dem Gott die Menschen erschaffen hat. Diese göttliche Weisheit ist der Ursprung, aus dem sich das Recht auf Bekenntnisfreiheit und auf die Freiheit, anders zu sein, ableitet. Deshalb wird der Umstand verurteilt, Menschen zu zwingen, eine bestimmte Religion oder eine gewisse Kultur anzunehmen wie auch einen kulturellen Lebensstil aufzuerlegen, den die anderen nicht akzeptieren.

Während die Konklusion, dass nämlich niemand zum Glauben an eine bestimmte Religion gezwungen werden darf, unumstrittene Zustimmung findet, wird darüber diskutiert, ob Gott die Vielfalt der Religionen aktiv gewollt und geschaffen habe.

Die FAZ berichtete am 29. April 2019:

Aus der Sicht der Kritiker widerspricht die Behauptung, dass Gott die Vielheit der Religionen gewollt habe, dem christlichen Missionsauftrag, wie er etwa am Schluss des Matthäus-Evangeliums formuliert sei: „Darum geht zu allen Völkern und macht alle Menschen zu meinen Jüngern; tauft sie auf den Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes und lehrt sie, alles zu befolgen, was ich euch geboten habe.“ Und im Evangelium nach Markus werde neben dem Missionsauftrag ausdrücklich die Einzigartig- und Ausschließlichkeit der christlichen Religion als Weg zur Erlösung festgestellt. Jesus sage zu seinen Jüngern: „Geht hinaus in die ganze Welt und verkündet das Evangelium der ganzen Schöpfung! Wer glaubt und sich taufen lässt, wird gerettet; wer aber nicht glaubt, wird verurteilt werden.“

Der konservative Weihbischof Athanasius Schneider aus Astana in Kasachstan berichtet, er habe bei einem Besuch im Vatikan Anfang März vom Papst eine Klärung erbeten, ob dieser im umstrittenen Pluralitätspassus der Erklärung von Abu Dhabi den tätigen, aktiven Willen Gottes oder bloß dessen zulassenden, permissiven Willen gemeint habe. Eine eindeutige, gar verbindliche Antwort habe er nicht erhalten.

Die folgsame Schar der Moralisten

Milosz Matuschek hat für die NZZ eine starke Kolumne über die Tugendwächter in Politik und Medienwelt verfasst. Die große Frage steht im Raum: Wie werden wir diese den Ungeist der politischen Korrektheit wieder los?

Praktisch umgekehrt ist der Prozess aus Sicht der Political- Correctness-Bewegung. Hier steht die Wahrheit in Form der Doktrin bereits fest, weshalb sich Debatten im Grunde erübrigen. Der Debattenraum wird im Namen einer Ideologie somit erst teilprivatisiert und dann schrittweise universalisiert, bis der Privatstandard der Doktrin als einzig neuer zulässiger Meinungskorridor erscheint. Nietzsche hat in seiner «Genealogie der Moral» von der «creatio ex nihilo» der moralischen Begriffe gesprochen. Der Moralist trägt seine Vorurteile in den Eingeweiden. In einer anmassenden Deutungsmacht über korrekte Begriffe wird eine Einteilung in gute Kollektive (LGBT, Frauen, marginalisierte Gruppen) und schlechte Kollektive (alte weisse Männer, Personen rechts der Mitte) vorgenommen, welche mancherorts über Zulassung zu öffentlichen Debatten entscheidet. Die latente Androhung von Shitstorms oder Karrierenachteilen resultiert in einer Narkotisierung des Debattenraums und einer Omertà der Intellektuellen.

Mehr: www.nzz.ch.

Liest du genug?

Douglas Groothuis hat auf seiner Facebook-Seite gefragt, ob wir genug lesen. Seiner Meinung signalisieren einige Verhaltungsweisen Lesefaulheit. Hier ein paar Auszüge:

  • Du weißt mehr über Fernsehsendungen als über die Heilige Schrift, großartige Bücher oder bemerkenswerte zeitgenössische Autoren.
  • Du gibst fast kein Geld für Bücher aus.
  • Du verbringt sehr viel Zeit mit Videospielen.
  • Du verlierst nie ein Buch, weil du nicht genug Bücher hast, damit ein Buch verloren gehen kann.
  • Du hast keine Lieblingsautoren.
  • Du empfiehlst anderen keine Bücher.