Die EU muss sich dringend wandeln, um zu überleben

Der Kölner Politikwissenschaftler Heinz Theisen hat für die NZZ die Selbstgefälligkeit der Europäischen Union sehr treffend kommentiert: 

Die grösste Bedrohung Europas liegt in der Selbstgefälligkeit jener, die diese Bedrohungen nicht wahrhaben wollen. Für sie scheint die einzige Gefahr in der Angst vor den Folgen ihrer Politik zu liegen, in «Rechtspopulismus und Nationalismus», also in den Symptomen und nicht in den Ursachen.

Es wäre billig, dieses Elitenversagen allein den Politikern in die Schuhe zu schieben. Mit einer Verzögerung von zwei Jahrzehnten haben die esoterischen Theoriemoden aus den Geistes- und Sozialwissenschaften in Medien und Parlamenten Einzug gehalten. Für relevante neue Themen bleibt wenig Aufmerksamkeit. So erregt sich die diskutierende Klasse lieber über geschlechterneutrale Sprache und über die Toilettenordnung für 72 Geschlechter als über die akuten Bedrohungen des europäischen Wertekanons. Man ist erinnert an das «byzantinische Geschwätz» über theologische Spitzfindigkeiten, selbst als die Osmanen schon vor den Mauern Konstantinopels standen.

Diskurse über Selbstbehauptung sind durch die Axiome der politischen Korrektheit, einer Mischung aus kulturmarxistischem Gleichheitswahn und postmoderner Beliebigkeit, faktisch untersagt. An die Stelle dialektischer Argumentation ist wechselseitige Diffamierung getreten. Von einer Suche nach dem besseren Argument, dem erkenntnistheoretischen Trumpf der Demokratie, kann keine Rede mehr sein.

Mehr: www.nzz.ch.

Warum sich alle Christen möglichst frei in der Heiligen Schrift umtun sollen

Philipp Melanchthon schreibt in den Loci Communes von 1521 (1997, S. 15):

Denn im allgemeinen halte ich nicht viel von den Kommentaren, nicht einmal von denen der alten [Väter]. Ich bin weit davon entfernt, daß ich irgend jemand durch eine meiner längeren Schriften vom Studium der kanonischen Schrift abhalten will. Im Gegenteil wünschte ich nichts so sehr, als daß ‐ wenn irgend möglich ‐ alle Christen sich möglichst frei nur in der heiligen Schrift umtun und völlig in ihre Wesensart umgestaltet werden. Denn da die Gottheit ihr ihr vollkommenstes Bild eingeprägt hat, wird sie anderswoher weder sicherer noch näher erkannt werden.

Dorothy Sayers über den Anspruch an christliche Kunst

Dorothy Sayers schreibt in The Man Born to be King (S. 24):

Meine Absicht [beim Schreiben von „The Man Born to be King“] war, die Geschichte mit meinem Medium so gut zu erzählen, wie ich konnte –kurz gesagt: ein so gutes Kunstwerk zu schaffen, wie es mir möglich war. Denn ein Kunstwerk, das nicht als Kunst gut und wahr ist, ist auch in keiner anderen Hinsicht gut und wahr und ist für nichts zu gebrauchen – auch nicht zur Erbauung – denn es ist eine Lüge und der Teufel ist der Vater aller Lügen. Diese Stücke [„The Man Born to be King“] bestehen oder scheitern als Dramen. Die Vorstellung, dass religiöse Stücke nicht an den üblichen Standards von Dramen gemessen werden sollten, entwächst einer engen, einseitigen Theologie, die nicht anerkennt, dass alle Wahrheit in Christus ist – die Wahrheit des Künstlers eingeschlossen – sondern darauf besteht, den Herrn der Wahrheit aus seinem eigenen Herrschaftsbereich auszuschließen.

VD: MV

„Wir haben die Sprache der Heiligen Schrift verlernt“

Horst Georg Pöhlmann in seinem Vorwort zur Ausgabe der Loci Communes (1521) von Philipp Melanchthon (1997, S. 9):

Durch diese Dogmatik sollten die scholastischen Lehrbücher ersetzt werden, in denen die biblische Botschaft durch philosophische und kirchliche Traditionen überfremdet wäre. Dogmatik sollte wieder Theologie der Bibel werden, die sie in ihren Anfängen gewesen sei. Ihr Sinn sei es, »zur Schrift einzuladen« (W 6). Melanchthon schreibt: »Wir haben – unter dem Einfluß der philosophischen Lehrer – nicht nur den Inhalt, sondern auch die Sprache der Heiligen Schrift verlernt und haben, wie in Esra zu lesen ist, ausländische Frauen geheiratet und ihre Sprache anstelle der unseren gesprochen« (2,62); wir müssen aus den »Quellen« schöpfen, nicht aus »Wasserlachen« (3,2). So wollte die Reformation das durch Menschensatzungen verdunkelte biblische Urzeugnis des christlichen Glaubens wiederentdecken.

Die Schlagseite in der Medienberichterstattung

Auf dem kulturellen Schlachtfeld „Sexualität“ haben sich die deutschen Medien offensichtlich für nur eine Seite entschieden, meint der Stefan Meetschen in einem Beitrag für die TAGESPOST. Endlich kommentiert mal jemand die ungleiche Berichterstattung über eine LGBT-Parade auf der einen und eine Lebensrecht-Demo auf der anderen Seite:

Eine Erwähnung des „Marsches für das Leben und die Familie“, bei dem am Sonntag mehr als 200.000 Polen in 130 Städten des Landes auf die Straße gingen (darunter auch Bischöfe), um für das klassische Familienbild und gegen die Einführung neuer sexueller Erziehungsmethoden an Schulen zu demonstrieren, sucht man auf den öffentlich-rechtlichen Websites vergebens. Schade. Eine echte journalistische Sympathie für „Gleichheit“ und „Freiheit“ würde eine ausgewogene Berichterstattung sicher nicht ausschließen.

Mehr: www.die-tagespost.de.

In Deutschland herrscht ein zunehmend repressives Klima

Interventionen und administrative Lösungen aus politischen Interessen ersetzen in Deutschlands Hochschul- und Kulturszene zunehmend den demokratischen Diskurs. Über eine Renaissance des Totalitären. Klaus-Rüdiger Mai kommentiert in der NZZ einen wirklich bedenklichen Klimawandel an den deutschen Hochschulen. Was soll man dazu sagen, dass sich Hochschulen und Studenten die Abschaffung der Freiheit herbeiwünschen (siehe dazu auch hier)? Im Artikel heißt es:

Man muss nur einmal Lenin oder Stalin lesen, um das Muster zu erkennen, um die Sprache zu verstehen, welche die Sprache von Zensoren ist. Die Freiheit wird zur «sogenannten Freiheit» und die «sogenannte Freiheit» zum Vehikel der «Einschränkung der Freiheit von Frauen in der Kunst» wie einst zum Vehikel der Unterdrückung der Proletarier. Bereits das Hashtag #wessenfreiheit stellt die Bewegung als illiberal bloss, denn die Frage allein impliziert schon, dass die einen frei und die anderen unfrei sein sollen. Doch das Wesen der Freiheit besteht in ihrer Universalität, darin, dass sie niemandem gehört und für alle gilt.

Es ist bezeichnend, wenn die #wessenfreiheit-Aufrufenden am 15. Juni zum diesjährigen Aktionstag zusammenkommen, um zu diskutieren, wie «Interventionen, künstlerische Kommentare, Neu-Lektüren» aussehen könnten zu «historischen, kanonischen Beständen rassistischen und/oder sexistischen Inhalts im Museum und für das Theater». Es geht also darum, zu bestimmen, was noch wie im Theater gespielt und im Museum angeschaut werden darf und was nicht. Betreute Kunst? Betreutes Denken?

Die Studenten sägen am Ast, auf dem sie sitzen. Wer soll sich die traurigen, weil überaus politisch korrekten Ausstellungen, Aktionen und Inszenierungen der «neuen Ingenieure der Seele», wie Stalins Chefaufseher Andrei Schdanow das nannte, noch anschauen wollen?

Mehr: www.nzz.ch.

Hartmut Leppin: Die frühen Christen

Die nachfolgende Rezension zu dem Buch:

  • Hartmut Leppin. Die frühen Christen: Von den Anfängen bis Konstantin. C. H. Beck. ISBN: 9783406725104, 2018, S. 511. € 29,95.

erschien in der Zeitschrift GLAUBEN UND DENKEN HEUTE 1/2019 (Nr. 23), S. 58–59):

51F5nD6WRyL SX320 BO1 204 203 200Der Leibnitzpreisträger Hartmut Leppin lehrt als Professor für Alte Geschichte an der Goethe-Universität zu Frankfurt/ Main und zählt zu den renommiertesten Althistorikern Deutschlands. Er hat nun jenen Christen, die in den ersten 300 Jahren nach Christus lebten und von der Entscheidung Kaiser Konstantins, den christlichen Glauben anzunehmen, überrascht wurden, ein Buch gewidmet. Es handelt von ihrem Leben in der Welt und von den Irritationen, die sie unter ihren Zeitgenossen auslösten. Leppin hat kein apologetisches oder dekonstruierendes Buch geschrieben. Er hat vielmehr beobachtet, wie sich die frühen Christen in der Welt eingerichtet haben, ohne in ihr aufzugehen.

Mit den theologischen Voraussetzungen des Christentums setzt sich der Autor nicht ausführlich auseinander. Er nimmt an, dass Jesus eine historische Person ist, aber in den Evangelien nicht als historische Gestalt erscheint, sondern vielmehr als Gegenstand von Erzählungen und Zuschreibungen. In einem Prolog betrachtet Leppin kurz die Auferstehung von Jesus Christus. Er erkennt sie immerhin insofern als historisches Ereignis an, als sie das Leben der ersten Christen auf den Kopf stellte, also sie insofern eine große Wirkung entfaltete: „Es bedarf nach wie vor beachtlicher Anstrengungen der Theologie, um die Ideen von Auferstehung und Himmelfahrt in unsere Zeit zu übersetzen. Der schlichte Historiker aber kann gar nicht anders, als beide ernst zu nehmen, da sie wirkmächtig waren. Denn antike Christen glaubten daran und handelten entsprechend; sehr bald scheinen einige als Missionare diese Nachricht weitergetragen zu haben. Die Erfahrung der Mitteilbarkeit des Glaubens verdichtete sich im Bericht über das Pfingsterlebnis, als die Jünger vom Heiligen Geist erfüllt wurden und in den verschiedensten Sprachen zu predigen begannen, wie man sich berichtete (Apg 2,1–13). Gleichwohl: Der Auferstehungsglaube war nicht selbstverständlich, wurde bestritten und unterlag Änderungen. So waren die Christen auch späterer Zeiten unterschiedlicher Auffassung darüber, ob die Auferstehung Jesu ein reales, einmaliges Ereignis sei oder eher eine Vision, die Menschen immer wieder zuteilwerden könne. Die erstere Position sollte sich in der Kirche durchsetzen, die zweite galt als gnostisch“ (S. 26).

Eigentlich setzt das Buch aber nach dem Osterereignis ein. Es enthält vier Hauptkapitel.

Im ersten Kapitel geht um die Aufhebung ethnischer und sozialer Grenzziehungen unter den ersten Christen. Behandelt werden Themen wie Taufe, christliche Feste, Dämonen oder Speisegewohnheiten. Eindrücklich stellt der Autor heraus, dass der Glaube bei Christen eine Identität stiftete, die tiefer ging als die Volkszugehörigkeit oder der gesellschaftliche Status. „Weder ethnisch-religiöse Grenzen sollen gelten noch solche des sozialen Status noch die zwischen den Geschlechtern. Nichts von dem, was die Gesellschaft gliederte, sollte weitergelten, nein, alle sollten eins in Christus sein. Und das ist bemerkenswert. Denn in der antiken Welt hatte Religion viel mit sozialer Zugehörigkeit zu tun. Die meisten religiösen Praktiken waren an bestimmte Städte oder Völker gebunden“ (S. 34–35). Christen dienten dem lebendigen Gott. Eine Konsequenz war, dass sie keinen anderen Kult mehr praktizierten, „eine ungeheuerliche Vorstellung und keineswegs unumstritten“ (S. 35).

Im zweiten Kapitel erörtert Leppin, wie sich die frühen Christen organisierten und welche Autoritäten unter ihnen um Einfluss rangen. Beschrieben wird, unter Rückgriff auf die Bezeichnung von Max Weber, die Entwicklung von Charisma und Amt. Auch das Phänomen der frühchristlichen Prophetie wird behandelt. Adressiert werden zudem das Bischofsamt, das Sammeln von Geld in den Gemeinden, das Aufkommen der Reliquienverehrung und die Entstehung erster christlicher Zentren.

Das dritte Hauptkapitel ist dem Alltagsverhalten der ersten Christen gewidmet. Hier werden Familie, Sexualität, Sklavenhaltung, Reichtum oder auch Armenfürsorge behandelt. Eine generelle Körperfeindlichkeit kann man den frühen Christen laut Leppin nicht unterstellen. Sie bejahten die Geschöpflichkeit des Leibes und die Natürlichkeit des Sexualdrangs. Freilich wussten sie, dass dieser auch zur Sünde verleiten konnte (vgl. S. 277). Sie verantworteten, anders als ihre heidnische Umwelt, ihre Sexualität vor Gott: „Wenn sich die Christen in ihrer Sexualität grundsätzlich vor Gott verantwortlich fühlten, galt eine Überschreitung der Grenzen zunächst als Sünde vor ihm, während sie für Nichtchristen oft eher […] eine Peinlichkeit gegenüber der Umwelt war, deren man sich vor seinesgleichen schämte, aber nicht vor den Göttern“ (S. 277–278). Christen betonten die eheliche Treue: „War eine Ehe einmal geschlossen, sollten die Partner Treue in einer vorbildlichen Weise leben, und zwar beide: Frau und Mann. Das unterstrichen Christen nachdrücklich, aber zunehmend auch Heiden, zumal in der Kaiserzeit. Indem Christen danach strebten, eine besonders gute Ehe zu leben, werteten sie diese Institution auf, schon deutlich im Scheidungsverbot, das Evangelisten Jesus aussprechen ließen“ (S. 278). Nur wenige Philosophen und die Christen betonten, „dass bestimmte Werte für alle Menschen gültig seien, mithin auch die Intimität von Sklaven Schutz verdiene“ (S. 280). Das gilt besonders vor dem Hintergrund, dass Sklaven für sexuelle Perversionen herhalten mussten. So war die Akzeptanz von Päderastie in bestimmten Kreisen damals verbreitet und die Sklaven im Unterschied zu den freien Bürgern diesem Begehren schutzlos ausgeliefert. Leppin erklärt, dass vielen antiken Autoren wichtig war, die eheliche Sexualität zwischen Mann und Frau zu stärken, da von ihr der Fortbestand der Gesellschaft abhing (vgl. S. 281). So wurden damals homoerotische Praktiken keinesfalls begrüßt. Im Laufe der Kaiserzeit verloren homoerotische und insbesondere päderastische Praktiken sogar an Akzeptanz, „ohne dass sie so stark verdammt wurden wie in manchen späteren Epochen“ (S. 281). Anders als die Heiden verneinten Juden wie Christen weibliche wie männliche homoerotische Beziehungen prinzipiell. „Jüdische Autoren, die wir hören, lehnten homoerotische Praktiken jedweder Art ohnehin konsequent ab. In demselben Sinne lassen sich Christen vernehmen. Über die Ablehnung päderastischer und homoerotischer Praktiken bestand nach allem, was wir sehen können, unter ihnen Konsens. Bereits Paulus setzte sich damit auseinander und erwähnt Lustknaben und Kinderschänder als Menschen, die vom Reich Gottes ausgeschlossen seien, wenn sie sich nicht änderten, und verwendet dabei ein Wort (arsenokoites), das im paganen Kontext nicht auftaucht (1. Kor 6,9). Er sieht in widernatürlichen, wie er es formuliert, Beziehungen einen Ausdruck der Gottlosigkeit der Welt; …“ (S. 281).

Das letzte Kapitel behandelt das Verhältnis der Christen zur politischen Obrigkeit. Nach Leppin war die Synthese von Christentum und Kaisertum keineswegs ein natürlicher Prozess. Die meisten Christen bekundeten zwar die Loyalität gegenüber dem Kaiser, zahlten Steuern und beteten für ihn, „alle aber lehnten es ab, ihn kultisch zu verehren“ und viele verweigerten den Militärdienst (S. 12). Das christliche Kaisertum stellte die Christus-Jünger deshalb vor neue Herausforderungen. Sie mussten das „nur einem Herren dienen“ nun ganz neu überdenken und um Lösungen für diese Konstellation ringen. „Viele Christen akzeptierten, ja priesen das römische Imperium, andere verurteilten es. Doch keiner von ihnen benannte eine politische Alternative; anders als die Juden unternahmen die Christen keine Aufstände oder strebten nach Unabhängigkeit“ (S. 354).

Hartmut Leppin hat eine didaktisch gut aufbereitete, ausgezeichnet lesbare Geschichte der frühen Christen geschrieben. Als Historiker hat er Quellenmaterial souverän eingearbeitet. Gerade Theologen sei empfohlen, sich mit der Perspektive eines Experten für die Geschichte des frühen Christentums vertraut zu machen. Hier und dort dürfen und sollen sie kritisch rückfragen. Alles in allem wird für sie das Studium des Buches ein anregendes Leseerlebnis sein.

David Powlison (1949–2019)

David Powlison, der meiner Meinung nach größte Denker der „Biblische Seelsorge“-Bewegung, starb am Freitag, den 7. Juni 2019, friedlich in seinem Haus in Pennsylvania, nachdem er längere Zeit an Bauchspeicheldrüsenkrebs gelitten hatte. Er war ein großartiger Exeget der Menschen. Er las gern Sigmund Freud, liebte aber vor allem Gottes Wort. Er war ein dienender Meister einer evangeliumszentrierten Seelsorge. Wir werden ihn vermissen. Wie erfrischend radikal seine Sicht auf die Seelsorge war, zeigt dieses Zitat (Seelsorge im Lichte der Bibel, 2012, S. 208–209):

Das Leben des Christen ist ein großes Paradox. Wer seinem „Ich“ stirbt, findet es. Wer seinen Lüsten abstirbt, wird vielfältig wieder empfangen in dieser Zeit und in der zukünftigen Weltzeit das ewige Leben (s. Lk 18,29-30). Er wird neue Leidenschaften finden, für die es sich zu leben und zu sterben lohnt. Wenn ich nach Glück verlange, werde ich Elend finden. Wenn ich geliebt werden will, erlebe ich Ablehnung. Wenn ich bedeutend sein will, empfange ich Sinnlosigkeit. Wenn ich alles im Griff haben will, finde ich das Chaos. Wenn ich Ehre will, werde ich gedemütigt. Aber wenn ich mich nach Gott und seiner Weisheit und seinem Erbarmen sehne, dann werde ich Gott und Weisheit und Erbarmen empfangen. Und dabei werde ich, früher oder später, auch Glück, Liebe, Sinn, Ordnung und Ehre erhalten.

Justin Taylor hat wichtige Stationen seines Lebens nacherzählt: www.thegospelcoalition.org.

Göttlicher Plan und menschliche Freiheit

Die nachfolgende Rezension zu dem Buch:

  • Luis de Molina. Göttlicher Plan und menschliche Freiheit. Concordia: Dispuation 52. Latein – Deutsch. Eingeleitet, übersetzt und kommentiert von Christoph Jäger, Hans Kraml und Gerhard Leibold. Hamburg: Felix Meiner Verlag, 2018. ISBN: 978-3-7873-3023-2, 284 S. € 48,00

erschien in der Zeitschrift GLAUBEN UND DENKEN HEUTE 1/2019 (Nr. 23), S. 74–77):

Der jesuitische Philosoph, Theologe und Rechtstheoretiker Luis de Molina (1535–1600) war einer der einflussreichsten und kontroversesten Denker des 16. Jahrhunderts. Sein Studium wurde von der Auseinandersetzung mit Aristoteles und Thomas von Aquin bestimmt. (1) Molina lehrte nach seinem Studium in den portugiesischen Städten Coimbra und Évora. 1571 wurde er zum Doktor der Theologie promoviert. In der erst 1559 gegründeten Universität von Évora entwickelte er sich schnell zu einer akademischen Leitfigur und erwarb sich „in Europa den Ruf eines führenden zeitgenössischen Religionsphilosophen und Theologen“ (S. XIV).

Ab 1583 bereitete Molina den Druck eines Kommentars zu den Fragen 1–74 des ersten Teils der Summa Theologiae von Thomas von Aquin vor. Aus diesem Kommentar entstand schließlich sein religionsphilosophisches Hauptwerk Liberi Arbitrii cum Gratiae Donis, Divina Praescientia, Providentia, Praedestinatione et Reprobatione Concordia, das kurz Concordia genannt wird (der Kommentar zur Summa erschien erst 1592). Die Ausarbeitung erschien nach heftigsten innerkirchlichen Kontroversen erstmals 1588 in Lissabon und in einer überarbeiteten Fassung 1595 in Antwerpen. Nun liegt die zentrale Disputation 52 unter dem Titel Göttlicher Plan und menschliche Freiheit in einer lateinisch-deutschen Ausgabe mit ausführlicher Einleitung und umfangreichem Kommentar vor.

Unter seinen Anhängern wie Gegnern gilt Molinas Konzept bis heute als einer der geistreichsten Versuche zum Thema Willensfreiheit, die in der Geschichte der Philosophie und Theologie formuliert wurden. Allerdings löste er von Anfang an erbitterte philosophische und theologische Dispute aus. Sie erreichten ihren Gipfelpunkt in dem berühmten Gnadenstreit zwischen 1597 und 1607, der mit seiner Zuspitzung der Frage nach der Existenz und Reichweite menschlicher Handlungs- und Entscheidungsfreiheit eine gewichtige Rolle beim Übergang in die Neuzeit spielte.

Im Wesentlichen geht es darum, ob das Verhältnis zwischen einer libertarischen Theorie menschlicher Willens- bzw. Entscheidungsfreiheit auf der einen Seite und unfehlbarer göttlicher Vorsehung und Allwissenheit auf der anderen Seite widerspruchsfrei gedacht werden kann. Libertarische Freiheitskonzepte gehen davon aus, dass die Freiheit einer Handlung mit einer Determiniertheit durch Quellen, die außerhalb des Agierenden liegen und von diesem nicht kontrolliert werden können, unvereinbar ist. Behauptet wird also, dass zumindest für etliche Handlungen von Personen Freiheit gegeben ist. Das Konzil von Trient (1545–1563) hatte etwa in seinem Dekret zur Rechtfertigung festgelegt, dass menschliche Geschöpfe Entscheidungsfreiheit besitzen und sich Gott aus freien Stücken zuwenden. In Kan. 3 heißt es entsprechend: „Wer sagt, der von Gott bewegte und erweckte freie Wille des Menschen wirke durch seine Zustimmung zu der Erweckung und dem Ruf Gottes nichts dazu mit, sich auf den Empfang der Rechtfertigungsgnade zuzurüsten und vorzubereiten, und er könne nicht widersprechen, wenn er wollte, sondern tue wie etwas Lebloses überhaupt nichts und verhalte sich rein passiv, der sei mit dem Anathema belegt“ (DH 1554, vgl. 1525). Aber wie soll so eine libertarische Freiheit mit göttlicher Vorsehung und Allwissenheit harmonisiert werden? Vorherwissen des Zukünftigen setzt die Entscheidungsfreiheit außer Kraft. Also können Entscheidungsfreiheit und Vorherwissen Gottes hinsichtlich des kontingenten Zukünftigen nicht zusammen bestehen. Wenn Gott die Entscheidungen der Menschen nicht ordnet (und so von ihnen wissen kann), muss er ein Wissen über das konditional Zukünftige haben, d. h. ein Wissen, wie der Mensch sich unter verschiedenen Bedingungen verhalten würde. Molina nannte dieses Wissen das Mittlere Wissen (scientia media) und glaubte, damit den Raum zwischen dem rein Möglichen und dem Zukünftigen gefunden zu haben. (2)

Die Herausgeber des rezensierten Bandes schreiben:

„Molinas Grundidee lautet, dass Gott durch jenes Mittlere Wissen bereits in der Schöpfungssituation, d. h., explanatorisch betrachtet, noch ehe eine bestimmte mögliche Welt zur aktualen geworden ist, von jedem auch nur möglichen freien menschlichen Wesen weiß, für welche Handlung es sich in jeder möglichen Entscheidungssituation, in der es sich in einer bestimmten Welt vorfinden könnte, aus freien Stücken entscheiden würde. Unter anderem im Rückgriff auf dieses Wissen, sagt Molina, entscheide Gott sich für die Aktualisierung einer bestimmten möglichen Welt. Da somit alles, was dann dort geschieht, einschließlich freier kreatürlicher Handlungen und Entscheidungen, in letzter Instanz vollständig vom göttlichen Willen abhängt, bleibt Molina zufolge Gott die absolut souveräne causa prima allen Geschehens. Insofern hängen alle Wirkungen der Vorsehung in der Welt von Gottes freiem Willen ab. Gleichwohl bleiben zumindest viele menschliche Handlungen frei, da sie weder kausal durch Naturvorgänge noch durch göttliches Eingreifen, göttliche Vorsehung oder göttliches Vorauswissen determiniert sind.“

Schauen wir uns genauer an, wie Molina die Spannung zwischen der Souveränität Gottes und der Freiheit des Menschen aufzulösen versucht. In Abschnitt 52.9 führt er zunächst seine berühmt gewordene Unterscheidung zwischen drei Arten göttlichen Wissens ein (Hervorhebungen von mir).

„9. Für uns gilt es, drei Arten von Wissen in Gott zu unterscheiden, wenn wir bei dem Versuch, unsere Entscheidungsfreiheit und die Kontingenz der Dinge mit dem göttlichen Vorherwissen zu versöhnen, vermeiden wollen, gefährlich irrezugehen.

Eine Art ist das rein Natürliche Wissen, das als solches auf keine Weise anders in Gott hat sein können. Durch dieses Wissen kennt er all das, worauf sich die göttliche Macht unmittelbar oder unter Mitwirkung von Zweitursachen erstreckt, und zwar sowohl hinsichtlich der Naturen der Einzeldinge und der notwendigen Zusammensetzungen aus ihnen als auch hinsichtlich ihrer kontingenten Zusammensetzungen. Dabei weiß er nicht etwa, dass die letztgenannten in festgelegter Weise zukünftig vorkommen oder nicht vorkommen würden, sondern er weiß, dass sie gleichermaßen vorkommen oder nicht vorkommen konnten, was ihnen notwendigerweise zukommt und daher ebenfalls unter das Natürliche Wissen Gottes fällt.

Die zweite Art ist das rein Freie Wissen, durch das Gott nach dem freien Akt seines Willens ohne irgendeine Voraussetzung und Bedingung absolut und in festgelegter Weise weiß, welche von allen kontingenten Zusammensetzungen tatsächlich künftig vorkommen werden und welche nicht.

Die dritte Art schließlich ist das Mittlere Wissen, durch das Gott in seinem eigenen Wesen kraft des höchsten und unerforschlichen Erfassens eines jeden freien Entscheidungsvermögens unmittelbar erkennt, was es aus seiner angeborenen Freiheit heraus tun würde, wenn es sich in dieser oder in jener oder auch in unendlich vielen Ordnungen der Dinge befände, auch wenn es tatsächlich das Gegenteil tun könnte, falls es wollte, wie aus dem in den Abhandlungen 49 und 50 Gesagten klar hervorgeht.“ (S. 11–13)

Das Natürliche Wissen (scientia naturalis) bezieht sich auf metaphysisch notwendige Sachverhalte. Durch dieses Wissen kennt Gott alles, worauf sich seine Macht unmittelbar oder mittelbar durch die Mitwirkung von Zweitursachen bezieht (vgl. S. 144). Das Freie Wissen (scientia libera) liegt erst dann vor, wenn Gott durch einen Willensakt eine bestimmte Welt aktualisiert hat. Es umfasst alles, was in der Zukunft der Schöpfung tatsächlich passieren wird. „Im Hinblick auf Molinas atemporalistische Konzeption göttlicher Ewigkeit ist dabei zu beachten, dass Gottes Freies Wissen als seinem kreativen Willensakt nicht etwa zeitlich, sondern logisch oder explanatorisch nachgeordnet gedacht werden muss“ (S. 145). Das Natürliche Wissen ist schon da, bevor Gott etwas schafft. Das Freie Wissen besitzt Gott erst, nachdem er etwas geschaffen hat. Das Mittlere Wissen bedeutet, dass Gott schon vor dem Schöpfungsakt von jedem möglichen freien menschenlichen Wesen weiß, für welche Handlungen es sich in jeder kontingenten Entscheidungssituation entscheiden würde. Gott beschließt demzufolge aufgrund des Natürlichen und des Mittleren Wissens die Aktualisierung einer bestimmten möglichen Welt. Alles, was dann realisiert wird, hänge damit vom souveränen Willen Gottes ab und sichere zugleich freie menschliche Handlungen.

Im folgenden Abschnitt erörtert Molinas die Beziehungen von mittlerem Wissen (lat. scientia media) zum Freien und Natürlichen Wissen. Mittleres Wissen ist keine Spielart von Freiem Wissen, denn es liegt prävolitional (also noch nicht durch den Willen bestimmt, d. h. explanatorisch) vor dem Schöpfungsakt vor, was ja für Freies Wissen nicht gilt. Außerdem unterliegt das, was Gott durch dieses Wissen weiß, nicht seiner Macht. Das gilt für Freies Wissen ebenfalls nicht. Denn hätte sich Gott für die Aktualisierung anderer freier Geschöpfe entschieden, wäre sein Freies Wissen darüber, was in der Welt geschieht oder geschehen wird, ein anderes (vgl. S. 148). Die Herausgeber schreiben:

„Mittleres Wissen ist aber auch kein Natürliches Wissen, denn dieses hätte nicht anders ausfallen können; es gibt für Molina keine mögliche Welt, in der Gottes Wissen hinsichtlich des Notwendigen ein anderes ist als das, was er faktisch besitzt. Gottes Mittleres Wissen hingegen umfasst freie geschöpfliche Handlungen und Entscheidungen, und da freies Handeln für Molina bedeutet, dass seine Subjekte auch anders handeln und entscheiden könnten, könnte auch Gottes Mittleres Wissen ein anderes sein. Das Mittlere Wissen hängt somit nicht allein von Gottes Natur, sondern wesentlich auch von den möglichen Geschöpfen ab, auf die es sich bezieht. Insofern das Mittlere Wissen bereits vor dem Schöpfungsakt in Gott vorliegt, teilt es gleichwohl eine Eigenschaft mit dem Natürlichen Wissen, die aber das Freie Wissen nicht hat. Und insofern es sich auf kontingente Inhalte bezieht, teilt es eine Eigenschaft mit dem Freien Wissen, die das Natürliche Wissen nicht hat. Insofern ist es ein Mittleres zwischen diesen beiden anderen Wissensformen“ (S. 148)

Schon zu Molinas Zeiten war es schwer, zu verstehen, was genau mit dem Mittleren Wissen gemeint ist. Deshalb hat sich der Theologe bemüht, durch weitere Erklärungen Missverständnisse auszuräumen. Er erläutert das Mittlere Wissen folgendermaßen:

„Damit dich aber diese Lehre auf den ersten Blick nicht verwirre, bedenke, dass alle folgenden Sätze ganz offensichtlich miteinander übereinstimmen und zusammenhängen: (i) Nichts ist in der Macht des Geschöpfes, was nicht auch in Gottes Macht ist. (ii) Gott in seiner Allmacht kann unsere freie Entscheidung lenken, wohin er will, außer zur Sünde; dieses nämlich impliziert einen Widerspruch, wie in Abhandlung 31 gezeigt wurde, (iii) Was immer Gott unter Hinzutritt einer Zweitursache bewirkt, kann er auch aus sich allein bewirken, es sei denn, die Wirkung beinhaltet, dass sie von einer Zweitursache stammt, (iv) Gott kann Sünden zulassen, aber nicht anordnen oder zu ihnen anregen oder eine Neigung zu ihnen hervorrufen. (v) Ebenso gilt: Die Tatsache, dass ein mit freiem Entscheidungsvermögen ausgestattetes Wesen sich entweder zur einen oder zur anderen Seite wendet, wenn es sich in einer bestimmten Ordnung von Dingen und Umständen befindet, geht nicht auf Gottes Vorherwissen zurück. Vielmehr weiß Gott dies deshalb vorher, weil es zu einem mit freiem Entscheidungsvermögen ausgestatteten Wesen gehört, eben dies selbst frei zu tun. Jene Tatsache geht auch nicht darauf zurück, dass Gott will, dass sie von diesem Wesen so herbeigeführt wird, sondern darauf, dass es selbst dies frei tun will.

Daraus folgt mit größter Klarheit: Das Wissen, durch das Gott vorhersieht, was ein mit freiem Entscheidungsvermögen ausgestattetes Wesen unter der Voraussetzung tun wird, dass es sich in einer bestimmten Ordnung der Dinge befindet, bevor er beschließt, es zu erschaffen, hängt davon ab, dass jenes Wesen selbst aufgrund seiner Freiheit das eine oder etwas anderes tun wird, und nicht umgekehrt. Das Wissen hingegen, durch das Gott unabhängig von irgendeiner Voraussetzung absolut weiß, was durch die Betätigung von einem geschaffenen freien Entscheidungsvermögen tatsächlich geschehen wird, ist in Gott immer Freies Wissen und hängt von der freien Festlegung seines Willens ab, durch die er ein solches freies Entscheidungsvermögen in einer solchen oder einer anderen Ordnung der Dinge zu erschaffen beschließt.“ (S. 16–17)

Die mit dieser Auffassung angesprochenen Fragen weisen weit über ihren historischen Kontext hinaus. Sie sind bis heute aktuell und berühren Freiheitskonzepte, Handlungstheorien, Kausalitätstheorien, Metaphysik oder auch die Gotteslehre. Innerhalb der Theologie hat sich neben Ansätzen, die die Freiheit Gottes betonen (vgl. reformiertes Lager) und jenen, die die Freiheit des Menschen herausheben (vgl. arminianisches Lager bis hin zum Open Theism) der Molinismus sogar im evangelikalen Raum als vermittelnde Position etablieren können. Ein bekannter christlicher Religionsphilosoph, der den Molinismus in unseren Tagen verteidigt, ist William Lane Craig. (3)

Noch heute disputieren Anhänger und Gegner über das Mittlere Wissen. Christoph Jäger skizziert in diesem Band gewichtige Einwände gegen Molinas Theorie sowie mögliche Erwiderungen (S. CXXXVII–CLXXVI); sogar einige von Molina in Anschlag gebrachte biblische Begründungstexte werden verhandelt. Erläutert wird ebenfalls der Einwand, der aus der Sicht thomistischer und reformierter Theologie besonders denkwürdig ist. Er lautet: Gottes Mittleres Wissen ist mit seiner uneingeschränkten Souveränität unvereinbar. Gottes Einfachheit fordert nämlich, dass sein Wissen nicht durch etwas ihm Extrinsisches oder durch etwas, das nicht durch ihn selbst verursacht ist, bestimmt werden kann. Der Molinismus macht aber nun Gott von etwas anderem abhängig und so ist er in seinem Wissen passiv und nicht mehr actus purus (vgl. S. CXLIV–CXLV). Molina besteht darauf, dass göttliches Wissen in bestimmter Weise darauf beruht, was freie Geschöpfe in bestimmten Umständen tun würden. Zwar versucht er, Gott so darzustellen, als bleibe er die erste Ursache allen weltlichen Geschehens. Die Freiheit seiner Entscheidungen scheint aber letztlich doch von dem abhängig zu sein, was kreatürliche Akteure tun, falls sie tatsächlich aus freien Stücken heraus handeln. Der Molinismus stellt demnach Gottes Aseität, seine absolute Unabhängigkeit, infrage. (4)

Wie beim Meiner Verlag üblich, ist der Druck ausgezeichnet umgesetzt worden. Ein Index hilft bei Erschließen des Werkes. Die Herausgeber haben mit der lateinisch-deutschen Ausgabe der Disputation 52 einschließlich der ausführlichen Einleitung und des vorzüglichen Kommentars eine bemerkenswerte Arbeit geleistet. Ihnen, der Universität Münster, an der dieses Buch entstanden ist, und dem Meiner-Verlag, ist für die Verwirklichung dieses Projektes sehr zu danken.

 

Fußnoten:

  1. Allerdings beschäftigte sich Molina ebenfalls mit Martin Luther und Johannes Calvin. Er meinte, die Vorstellung, Gnade sei eine Art göttliche Substanz, die die Menschen befähige, gute Werke zu vollbringen, sei falsch. Sein Biograph Kirk MacGregor schreibt (Luis de Molina. Grand Rapids (Michigan): Zondervan Academic, 2015, S. 18): „Stattdessen stimmte Molina mit Luther und Calvin überein, die Gnade als Gottes unverdiente Gunst gegenüber sündigen Menschen und Gottes unverdiente Hilfe bei der Sicherung ihrer Wiedergeburt und Heiligung zu verstehen. Aber im Gegensatz zu Luther und Calvin bekräftigte Molina, dass Gott jedem Menschen, den er erschaffen hat, ausreichend Gnade für seine Rettung schenkt. Er begründete das mit biblischen Texten wie 1. Timotheus 2,4 (‚[Gott unser Retter] will, dass alle Menschen gerettet werden und zur Erkenntnis der Wahrheit kommen‘) und 2. Petrus 3,9 (‚der Herr hat Geduld mit euch und will nicht, dass jemand verloren werde, sondern dass jedermann zur Buße finde.‘).
  2. Reinhold Seeberg schreibt über Molinas Entwurf (Lehrbuch der Dogmengeschichte, Zweite Hälfte, 1895, S. 442–443): „Der Mensch ist auch als Sünder frei, nicht blos zu natürlichen, sondern auch zu übernatürlichen Handlungen, vorausgesetzt die Mitwirkung der Gnade. Die Gnade erhebt und beschwingt die Seele, sie macht sie fähig zum Übernatürlichen, aber der eigentliche Akt der Entscheidung wird nicht von der Gnade im Willen bewirkt, sondern der Wille vollzieht ihn selbst und zwar in Verbindung mit der Gnade. Wie also der freie Willensentschluß und die Befähigung der Seele zum Übernatürlichen (Gnade) in ihrer Cooperanz den wirklichen Anfang des Heilsstandes bezeichnen, so bringen beide fortdauernd concursu simultaneo die übernatürlichen Akte hervor. Sie wirken zusammen wie zwei Männer, die an einem Seil ein Schiff ziehen. Nun würde aber die hierdurch erzielte, durchgehende Cooperanz hinfällig, wenn wirklich alle freien Akte der Geschöpfe, wie die Thomisten wollen, von Gott in sich als von ihm selbst gewollt erkannt werden. Hier kommt Mol. der Begriff der scientia media zu Hilfe. Gott sieht nämlich von den freien Geschöpfen voraus, was sie unter Eintritt bestimmter Bedingungen tun oder nicht tun werden. Die scientia media ist also die Erkenntnis des Bedingt-Zukünftigen. Vermöge derselben erschaut Gott das künftige Weltbild und gestaltet die Weltordnung.“
  3. Siehe besonders: William Lane Craig. Divine Foreknowledge and Human Freedom: The Coherence of Theism – Omniscience. Leiden: Brill, 1991.
  4. Siehe zur Einfachheit Gottes: Steven J. Duby. Divine Simplicity: A Dogmatic Account. London, New York, Oxford u. a.: t & t Clark, 2017, bes. S. 118–132. Reziprok deutet übrigens James N. Anderson die Probleme des Molinismus. Er spricht von einem determinierenden Indeterminismus, da eben Gott durch die äußeren Umstände die Entscheidungen des Akteurs letztlich doch prädisponiere. Siehe dazu: URL: https://www.proginosko.com/2014/01/the-fallible-god-of-molinism und URL: https://www.proginosko.com/2014/05/a-brief-response-to-william-lane-craig-on-molinism (Stand: 30.04.2019). Eine gute Darstellung der reformierten Entgegnungen auf den Molinismus ist zu finden in: Richard A. Muller. Post-Reformation Reformed Dogmatics. Bd. 3. Grand Rapids (Michigan): Baker Academics, 2003, S. 417–432.

GLAUBEN UND DENKEN HEUTE 1/2019 online

Die Ausgabe 1/2019 der Zeitschrift für Theologie und Gesellschaft, GLAUBEN UND DENKEN HEUTE, steht online. Neben zahlreichen Buchhinweisen und Rezensionen enthält diese Ausgabe wieder wertvolle Artikel. In der Rubrik „Von den Vätern lernen“ erscheint diesmal ein Brief, den der Kirchenvater Augustinus etwa 405 n. Chr. an Hieronymus geschrieben hat. In dem Schreiben werden interessante Themen behandelt, etwa eine wahrhaftige Streitkultur unter Christen, die Lüge oder der Umgang mit den Kirchenvätern. Von besonderer Bedeutung ist das Schreiben allerdings, weil sich Augustinus darin nachdrücklich zur Autorität der kanonischen Schriften bekennt und erklärt, dass er der Bibel völlig vertraut.

Hier der Inhalt:

Artikel

  • Ron Kubsch: Editorial
  • Thomas Schirrmacher: Fortschritt durch Diskriminierung der Mehrheit?
  • Tanja Bittner: Der Glaube ist die Antwort, aber was war nochmal genau das Problem?
  • Augustinus: Der Heiligen Schrift felsenfest glauben

Rezensionen

  • Christoph Morgenthaler, David Plüss, Matthias Zeindler. Assistierter Suizid und kirchliches Handeln (Christian Enderli)
  • Sinclair B. Ferguson. Some Pastors and Teachers (Daniel Vullriede)
  • Jordan Peterson. 12 Rules for Life (Michael Freiburghaus)
  • Christoph Raedel. Organspende? (Ron Kubsch)
  • Richard Alan Fuhr u. Andreas J. Köstenberger (Hg.). Induktives Bibelstudium (Ron Kubsch)
  • Hartmut Leppin. Die frühen Christen (Ron Kubsch)
  • Heinrich Bullinger. Tigurinerchronik (Ron Kubsch)
  • Siegbert Riecker. The Old Testament Basis of Christian Apologetics (Ron Kubsch)
  • Markus Spieker. Übermorgenland (Tanja Bittner)
  • Christian Stettler. Das Endgericht bei Paulus (Ron Kubsch)
  • Luis de Molina. Göttlicher Plan und menschliche Freiheit (Ron Kubsch)

Buchhinweise

  • Jens Holger Schjørring, Norman A. Helm u. Kevin Ward (Hg.). Geschichte des globalen Christentums (Ron Kubsch)
  • Michael J. McClymond. The Devil’s Redemption (Ron Kubsch)

Die Zeitschrift kann hier heruntergeladen werden: gudh_1_2019_c.pdf.

Kritiker der „Ehe für alle“ wegen Volksverhetzung angeklagt

Ein Biologie-Professor bringt in einem Interview zum Thema „Ehe für alle“ Homosexualität mit Pädophilie in Verbindung. Nun steht der Mann wegen Volksverhetzung vor Gericht. Ich hätte nicht gedacht, dass ich einmal Ulrich Kutschera unterstütze. Ich hoffe, er hat gute Anwälte und faire Richter.

Der 64 Jahre alte Beschuldigte ist wegen umstrittener Äußerungen über Homosexuelle angeklagt. Die Staatsanwaltschaft wirft ihm unter anderem Volksverhetzung in Tateinheit mit Beleidigung und Verleumdung vor. Zum Prozessbeginn stellte die Verteidigung 14 Beweisanträge. Sie will durch Mediziner und Forscher belegen, dass die Äußerungen des Uniprofessors auf wissenschaftlichen Erkenntnissen fußen und keine Beleidigung Homosexueller darstellen.

Hier: www.faz.net.

Über Meerjungmänner und Gebärende

Der Sprachrevisionismus engagierter Gruppen mit Partikularinteressen ist salonfähig geworden. Verwaltung, Parlament und Universitäten, aber auch private Unternehmen huldigen ihm unreflektiert, weil niemand als Bösewicht dastehen will. Wohin führt die neue Pädagogik? Claudia Wirz hat für die NZZ einen starken Beitrag verfasst. 

Hier einige Zitate:

Das Gender-Mainstreaming ist auf einem beispiellosen Erfolgskurs. Schritt für Schritt erobert der aus Amerika importierte politisch korrekte Sprach- und Denkrevisionismus eine Bastion nach der anderen.

Im Staat hat er leichtes Spiel. Hier trifft er auf keinerlei Widerstand, sondern ganz im Gegenteil auf lauter vorauseilenden Gehorsam und nicht zuletzt auf einen grosszügigen Mäzen. Eine links-grün-feministisch-queere Menschenrechts-Vorhut, die mit den Gender-Wissenschaften und den Gleichstellungsfachstellen über eine solide Hausmacht verfügt, gibt dabei die Marschrichtung vor. Und die Hochschule ist ihr beliebtestes, aber beileibe nicht ihr einziges Exerzierfeld. Seit kurzem ist diese vermeintliche Gleichstellungssaga um eine Episode reicher. Im Gleichschritt wollen Universität und ETH Zürich geschlechtsneutrale Ausweise einführen.

Die neue Dogmatik trägt religiöse Züge. Alles Ketzerische, alles Kritische, ja sogar alles abtastend Fragende wird missbilligt und als menschenfeindlich taxiert oder sonst auf eine untere sittliche Stufe gestellt. Eine ernstzunehmende Auseinandersetzung mit der Kritik ist nicht vorgesehen. Es gibt nur das gute und das böse Lager, so wie früher beim Indianer-und-Cowboy-Spiel, das neuerdings auch seine Unschuld verloren hat. Kinder sollen heute «kultursensibel und diskriminierungsfrei» spielen, und da sind die Indianer eben unerwünscht. 

An dieser Stelle der vollständige Beitrag: www.nzz.ch.

E21-Regionalkonferenz 2019: Richtig zweifeln und glauben

Der Glaube an Gott schützt nicht vor Zweifeln, manchmal verschärft er sie sogar. Diese Ansicht vertrat Vaughan Roberts, Hauptpastor der anglikanischen Gemeinde St. Ebbe’s (Oxford), bei der Evangelium21-Regionalkonferenz Süd in der Freien Evangelischen Gemeinde München-Mitte. „Von Gläubigen wie Hiob oder Habakuk lernen wir, dass uns der Glaube in Krisenzeiten manchmal sehr in Not bringen kann“, sagte er vor rund 250 Konferenzteilnehmern. Während Nichtchristen viele Herausforderungen ihres Lebens schlicht hinnehmen müssten, stelle sich für Christen manchmal die Frage, wie sie ihre schweren Erfahrung mit der Vorstellung von einem liebenden und allmächtigen Gott in Einklang bringen könnten. Diese Feststellung verdeutlichte der Pastor am Beispiel des Propheten Habakuk. Dieser habe angesichts der Krise seines eigenen Volkes verzweifelt gerufen: „Gott, warum greifst du nicht ein?“ Roberts ermutigte die Zuhörer, angesichts von Leid und Schwierigkeiten solche Fragen zuzulassen und sie Gott ehrlich zu stellen. Gleichzeitig sei es wichtig, in der Krise nicht alle Überzeugungen über Bord zu werfen. Zweifler sollten sich immer wieder bewusst machen, was sie bereits über Gott wissen. „Offene Fragen stellen weder unsere Beziehung zu Gott, noch seine Allmacht und Liebe grundsätzlich in Frage“, sagte Roberts.

Mehr: www.evangelium21.net.

Rettet Gott begnadigte Sünder oder Gerechte?

Wird im letzten Gericht der Christus vertrauende Sünder oder der Gerechte vor Gott bestehen? Wir hatten vor einem guten Jahr hier auf dem TheoBlog eine Diskussion über dieses Thema. Richard Baxter hat mit seiner Lehre von der doppelten Rechtfertigung gegen Owen darauf bestanden, dass in gewisser Weise unsere guten Werke im letzten Gericht „eingerechnet“ werden. (Ähnlich argumentierten auch Gropper und Bucer auf dem Regensburger Reichstag 1541. Sie versuchten, den Aspekt der angerechneten Gerechtigkeit (iustitia imputata), die von den Protestanten vertreten wurde, mit dem Aspekt der daraus folgenden effektiven Gerechtigkeit (iustitia inhaerens), auf der die Katholiken bestanden, zu verbinden (duplex iustitia). Bucer wurde von Luther und Calvin scharf kritisiert; die Gespräche scheiterten.) Demnach erfolgt die erste Rechtfertigung durch Glauben allein, die zweite Rechtfertigung durch Glauben und Werke. Der Puritaner fürchtete, dass sich sonst die christliche Ethik verflüssigt. Die Werke werden natürlich durch den Geist Gottes getan, aber im Gericht den Glaubenden „angerechnet“.  Wenn man so will, hielt Baxter also an dem sola gratia fest, lehnte aber das sola fide ab. 

In dem Disput wurde auch auf John Piper verwiesen, der sich hin und wieder verquer oder zumindest missverstehbar zu der Thematik geäußert hatte. In der Episode 1348 aus der Serie „Ask Pastor John“ hat er sich nun erfreulich klar dazu bekannt, dass unsere Werke niemals Grundlage unserer Errettung sein können. Er sagt unter anderem:

Wir werden eines Tages vervollkommnet werden – am Ende unseres Lebens, wenn Gott unseren Prozess, praktisch, persönlich und vollkommen rechtschaffen zu werden, vollendet. Aber im Moment, in diesem Leben, ist diese Gerechtigkeit noch nicht vollkommen. Und die Beziehung zwischen diesen beiden Arten der Gerechtigkeit besteht darin, dass wir in der praktischen, gelebten Gerechtigkeit bis zu dem Moment keine Fortschritte machen können, in dem wir von Gott angenommen, unsere Sünden vergeben und durch die von Gott angerechnete Gerechtigkeit in Christus für vollkommen rechtschaffen erklärt werden.

Das ist enorm wichtig zu sehen, denn es bedeutet, dass die Anstrengung, die wir durch den Glauben im Heiligen Geist unternehmen, um Sünden zu töten und in der Praxis immer gerecht zu werden, nicht die Grundlage dafür ist, recht vor Gott zu stehen. Es ist die Konsequenz oder Wirkung unserer rechten Stellung bei Gott. Das ist eine große Sache. Wenn wir das durcheinanderbringen, leben wir nicht das Evangelium; haben wir nicht das Evangelium.

Hier die Episode: 

VD: AR

Bullinger: Geistlicher Ehebruch

Heinrich Bullinger über die falschen Lehrer (H. Bullinger, Schriften V, S. 120).

Und in der Tat wird in der Heiligen Schrift oft vom Bild des geistigen Ehebruchs und der geistigen Hurerei Gebrauch gemacht. Alle Reden der Propheten sind voll von solchen Bildreden. Kirchen oder Menschen, die da anderen Samen, d.h. eine andere Lehre als die des Wortes Gottes, annehmen, nennen sie Ehebrecher, Huren und Hurer. Denn solche, die Ehebruch an Gott betreiben, hängen nicht nur Gott an, lieben nicht nur ihn aus ganzem Herzen, beten nicht nur ihn an, verehren nicht nur ihn und rufen nicht nur ihn an. Sie suchen vielmehr andere für sich aus, die sie entweder anstelle von Gott oder zusammen mit Gott verehren und anrufen.

Professoren gegen Denk- und Sprechverbote

Das Professorenforum, ein Zusammenschluss von über 800 Hochschullehrern in Deutschland und anderen Ländern, sieht eine Verengung der Debattenkultur an deutschen Universitäten. Die Nachrichtenagentur IDEA berichtet:

Dort „häufen sich Vorfälle, bei denen aggressiv auftretende politische Gruppen das Recht der freien Meinungsäußerung sabotieren“, schrieb der Leiter des Professorenforums, Hans-Joachim Hahn (Aßlar), in einer Pressemitteilung. So würden nicht nur Veranstaltungen verhindert, „in denen Positionen vertreten werden, die dem christlichen Menschenbild entsprechen, sondern auch liberale oder konservative Positionen“. Hahn: „Die sie vertretenden Hochschullehrer werden über Soziale Medien attackiert und diffamiert und ihre Auftritte teils physisch bedroht.“ Als Beispiel nannte er eine Veranstaltung der Göttinger Hochschulgruppe Reformatio 21 mit dem Mannheimer Gynäkologen Michael Kiworr zum Thema Lebensschutz am 8. Mai. Nach Protesten der Gruppe „Alternative Linke Liste Göttingen“ lehnte die Universität eine Raumanfrage ab. Die Begründung: Es handele sich um eine weltanschauliche Veranstaltung, die sich an Außenstehende richte. 

Mehr: www.idea.de.