Syst. Theologie

Was hinter der Diagnose „trans“ bei Jugendlichen steckt

Eine Klientin bereut die Operation: Ihre Stimme und ihre Brüste sind weg. Ein Patient hat alle Eingriffe hinter sich, doch die Schmerzen und die Depression bleiben. In ihrer Praxis hat die Psychotherapeutin Dr. Ingeborg Kraus keinen einzigen Fall erlebt, in dem die Diagnose eindeutig war. Trotzdem gilt in deutschen Kliniken der affirmative Ansatz: zustimmen, nicht nachfragen. Kraus beschreibt, was dabei übersehen wird, warum sich kaum eine Kollegin traut, das öffentlich zu sagen, und was Eltern tun können, deren Kind glaubt, im falschen Körper zu sein.

Sie schreibt: 

Am 12. April 2024 habe ich mir die Debatte im Parlament zum Selbstbestimmungsgesetz angehört. Ich war über die Art der Debatten erstaunt.! Seitens der SPD und Grünen wurde mit Thesen argumentiert, die völlig unwissenschaftlich und falsch waren wie: Es gäbe mehr als zwei Geschlechter und, man könne das Geschlecht wechseln. Die SPD-Abgeordnete Anke Hennig brachte sogar das Beispiel eines sechsjährigen Mädchens ein, das denkt, sie wäre ein Junge, und dem nun aufgrund des Selbstbestimmungsgesetzes unkritisch entsprochen werden kann. Das ist kein Kinderschutz, sondern Kindeswohlgefährdung, der Frau Hennig hier mit ihrem Beispiel den Weg ebnet. Kinder können nämlich die weitreichenden Folgen so einer Entscheidung nicht ermessen.

Dieses Gesetz wurde vom Deutschen Bundestag trotz dieser absurden Argumentationen beschlossen. Das schockierte mich und motivierte mich, einen Essay darüber zu schreiben. Mein Beitrag, „Warum ich das Selbstbestimmungsgesetz als Psychotherapeutin gänzlich ablehne“, erhielt innerhalb kürzester Zeit eine sehr hohe Reichweite auf „X“ (ca. 500.000 Views).

In den folgenden Wochen und Monaten kontaktierten mich sehr viele Menschen: darunter verzweifelte Mütter, deren Kinder sich als „trans“ identifizierten. Verunsicherte Lehrerinnen, die von Schülern gezwungen werden, sie mit einem anderen Pronomen und Namen anzusprechen, Kolleginnen und Kollegen, die mir zustimmten.

In meinem Essay sprach ich über meine klinische Erfahrung mit „Trans“-Menschen aus meiner psychotherapeutischen Tätigkeit. Meine Erfahrungen kollidieren nämlich mit dem gängigen Bild, das von den Befürwortern des Selbstbestimmungsgesetzes verbreitet wird, wie: „Kinder und Jugendliche wüssten über ihr Geschlecht ganz genau Bescheid“. Und: „Das Geschlecht sei ein Gefühl, man sollte es nicht in Frage stellen“. Die Befürworter des SBGG zeichnen ein sehr vereinfachtes Bild von „Transsexualität“ bzw. „Geschlechtsdysphorie“, das mittlerweile sogar im Schulunterricht vermittelt wird.

Mehr hier: frauenheldinnen.de.

Die Wurzeln des christlichen Abendlandes

Anhand von faszinierenden psychologischen Experimenten, ausgedehnten Feldforschungen und einer Fülle von Daten zeigt der Psychologe Joseph Henrich in seinem Buch Die seltsamsten Menschen der Welt: Wie der Westen reichlich sonderbar und besonders reich wurde (2025, #ad), wie unter anderem das Christentum das westliche Denken und Leben beeinflusst hat. Thomas Jeising hat das Buch gelesen und stellt einige Dinge heraus. Zum Beispiel:

Zu den Faktoren zählt Henrich die Ablösung der „verwandtschaftsbasierten Institutionen“, d.h. das Ende des vorherrschenden Stammes- oder Clan-Denkens. Weiter sieht er die Entwicklung eines „gruppenübergreifenden Wettbewerbs“, der den eigenen Vorteil nicht auf Ausbeutung gründet, sondern auch den Vorteil des Partners im Blick hat. Er nennt die Entwicklung eines Rechtssystems, das alle Menschen gleichbehandeln will. Er sieht die wachsende Arbeitsteilung, die nur auf der Grundlage von Vertrauen und Miteinander in der Wertschätzung des Gewinns bei gegenseitiger Ergänzung gedeihen konnte. Er erkennt in der Idee vom Beruf als einer Berufung, in der der Mensch Gott dient und darin Erfüllung findet, einen wichtigen Faktor nach der Reformation. Henrich sieht das alles – und damit auch die zugrunde liegenden Werte – in einem „unerbittlichen Wettbewerb“ stehend, damit es sich etablieren konnte. Als wichtige Aspekte der „sonderbaren Psychologie“ benennt er vier, die sich alle leicht auf die Ausbreitung des christlichen Denkens zurückführen lassen:

  • Das „analytische Denken“, das Zusammenhänge aufgrund von Eigenschaften erkennt und Widersprüche wahrnimmt und möglichst überwinden will;
  • die Bedeutung innerer Werte, Überzeugungen und Absichten von einzelnen Personen inklusive der Annahme, dass eine Person persönliche Rechte haben kann;
  • drittens die „Unabhängigkeit und Nonkonformität“, die Menschen dazu führt, sich nicht einfach anzupassen und in Gruppen und Systeme einzupassen, sogar wenn sie sich dabei selbst überschätzen;
  • viertens die Achtung von unparteiischen Regeln und allgemeinen Gesetzen, die nicht nur für bestimmte Personen gelten, sondern für alle gleichermaßen (vgl. S. 555–557).

Was im Westen sozialisierten Menschen „normal“ vorkommt, ist es tatsächlich im weltweiten kulturübergreifenden Vergleich betrachtet keineswegs. Henrich macht die allgemeinen Prinzipien an vielen konkreten Entwicklungen fest, von denen ich einzelne genauer beschreibe und auf die biblischen Wurzeln verweise.

Mehr: www.evangelium21.net.

„Manche Eltern haben regelrecht Angst, Grenzen zu setzen“

Mütter und Väter heute haben hohe Ansprüche an die Erziehung, doch die Kinderärztin Katharina Schroth warnt: Wenn die angeblichen Bedürfnisse des Kindes immer an oberster Stelle stehen, schadet das. Hier Auszüge aus einem Interview: 

Sie erleben, dass Eltern, die keine Grenzen setzen, am Ende sind?

Ja, absolut. Was ich häufig beobachte: Eltern, die den Anspruch der Bedürfnisorientierung exzessiv verfolgen, schaffen es beim ersten Kind vielleicht gerade noch so. Beim zweiten geraten viele schnell an ihre Grenzen. Manche Mütter stillen dann zum Beispiel im Tandem, verlieren deutlich an Gewicht, berichten über starken Haarausfall und sind körperlich wie nervlich völlig erschöpft. Das Problem ist für mich nicht das Stillen oder das Familienbett an sich, sondern wenn sich dauerhaft alles nur noch um die Bedürfnisse der Kinder dreht und die Eltern ihre eigenen Grenzen und Bedürfnisse aus den Augen verloren haben. Und selbst dann haben viele noch ein schlechtes Gewissen, weil sie glauben, ihren eigenen Ansprüchen nicht gerecht geworden zu sein.

Wenn Sie in der Praxis merken, dass Eltern kurz vor dem Burnout stehen: Nutzen Sie dann die Möglichkeit, das anzusprechen?

Dahinter steckt ja ein vielschichtiges Problem. Es liegt nicht nur an der Idee der Bedürfnisorientierung, sondern an massiven strukturellen und gesellschaftlichen Belastungen. Oft ist das Kind elf Monate alt, der Wiedereinstieg in den Job steht an, es wird noch gestillt, und die Väter sind wieder voll im Beruf eingebunden. Wenn Mütter dann erschöpft bei mir sitzen, sage ich nicht einfach „Holen Sie sich Hilfe“ oder „Organisieren Sie sich besser“. Ich sage ihnen ganz bewusst: „Es ist völlig in Ordnung, wenn das Kind mal vor dem Fernseher sitzt.“ Und es ist auch völlig menschlich, wenn man mal die Nerven verliert und lauter wird. Das soll kein Freifahrtschein für Gewalt oder eine Rückkehr zu autoritären Schlägen sein – überhaupt nicht! Aber wir müssen viel milder mit uns selbst sein, denn was in uns passiert, überträgt sich auch aufs Kind. Wir Erwachsenen steuern ja schließlich das Schiff. Es ist nicht nur legitim, einem Kind Grenzen zu setzen und Nein zu sagen; es ist auch menschlich, wenn man mal an seine eigenen Grenzen stößt.

Eltern müssen also den Perfektionismus ablegen?

Ja, genau. Viele Eltern haben sich das Ziel gesetzt, dass ihr Kind absolut frei aufwachsen soll, ohne jeglichen Zwang. Dahinter steckt oft auch eine große Sehnsucht nach einer perfekt harmonischen, fast freundschaftlichen Beziehung zum eigenen Kind. Manche haben regelrecht Angst, diese Nähe durch Konflikte, klare Grenzen oder ein Nein zu gefährden. Aber wenn man den Punkt verpasst hat, frühzeitig klare Routinen einzuführen – etwa beim Zähneputzen, Zubettgehen oder bei den Mahlzeiten –, dann ist es mit einem Dreijährigen unglaublich kräftezehrend, das noch nachzuholen und plötzlich strenge Regeln durchzusetzen.

Mehr (hinter einer Bezahlschranke): www.faz.net.

Homosexualität: „Progressive“ Argumente und konservative Antworten

Franz Graf-Stuhlhofer hat sich eingehend mit „progressiven” Argumenten zum Thema Homosexualität auseinandergesetzt. Hier seine treffenden Schlussworte:

Wie gehen Christen damit um, dass die – als Mitteilung Gottes anerkannte – Bibelwichtige Einschränkungen auf sexuellem Gebiet auferlegt? Manche solcher Einschränkungen betreffen letztlich alle Christen, nämlich Ledige: In diesem Stand waren auch Verheiratete – bis zur Heirat – eine Zeitlang (manche jahrzehntelang). Außerdem gilt das für die Verwitweten nach dem Tod des Partners. Solche Einschränkungen lassen sich mit Leitplanken vergleichen: Autofahrer tun gut daran, sie zu beachten. Ähnliches gilt, im übertragenen Sinn, für Christen: Es ist wichtig, dass sie sich daran orientieren. Es fällt uns nicht leicht, die in vielen Fällen gebotene Enthaltsamkeit zu verwirklichen. Mitunter beschränken sich Christen darauf, jene Richtlinien Gottes einzuhalten, die uns als berechtigt einleuchten. Wenn wir ein Gebot nicht (ganz)verstehen, und wenn unser eigenes Empfinden in eine andere Richtung weist, sindwir stark gefordert. Aber gerade in solchen Fällen kann sich unser Vertrauen zu Gott erweisen, und wir können dieses Vertrauen einüben – mit Gottes Hilfe.

Die gesamte Untersuchung kann hier heruntergeladen werden: mbstexte200.pdf.

Möglichkeiten und Grenzen religiöser Projektion

Ludwig Feuerbachs große Projektionsthese lautet: Gott ist keine von Menschen unabhängige Wirklichkeit, sondern die Projektion des idealisierten menschlichen Wesens. Alles, was Menschen Gott zuschreiben – wie etwa Liebe, Vernunft, Allmacht, Vollkommenheit oder Unsterblichkeit –, sind laut Feuerbach menschliche Wünsche, Fähigkeiten und Gattungsideale, die nach außen verlegt und als eigenständiges göttliches Wesen verehrt werden. Daher (Vorlesungen über das Wesen der Religion, Leipzig, 1851, Zwanzigste Vorlesung, S. 241):

Denn nicht Gott schuf den Menschen nach seinem Bilde, wie es in der Bibel heißt, sondern der Mensch schuf, wie ich im Wesen des Christentums zeigte, Gott nach seinem Bilde.

Der niederländische Philosoph Jacob Klapwijk liegt meines Erachtens richtig, wenn er zeigt, dass Feuerbach nicht völlig falsch liegt. Menschliche Religion neigt in der Tat dazu, sich einen Gott nach eigenem Bilde zu schaffen, weshalb ja auch Johannes Calvin davon sprach, dass der menschliche Geist einer „Götzenfabrik“ gleicht (Institutio I,11,8).

Aber hören wir auf Jacob Klapwijk (Philosophische Kritik und göttliche Offenbarung, 1990, S.26–29):

Wie ist Feuerbachs einflußreiche Religionskritik zu bewerten? Wo stehen wir selbst? Aus dem Blickwinkel der Heiligen Schrift und der christlichen Überlieferung kann und muß Feuerbachs Lehre aus systematisch-theologischen Gründen zurückgewiesen werden. Doch eine theologische Kritik allein reicht nicht aus. Eine wissenschaftliche Beurteilung muß auch die Argumente würdigen und daher Feuerbachs religionsphilosophische Thesen einer philosophischen Kritik unterziehen.

Kritik an Feuerbach bedeutet zugleich auch Selbstkritik. Ein schuldbekennendes Wort ist hier am Platze, denn Kirche und Religion präsentieren sich in der Tat weitgehend als Bedürfnisreligion. Der damalige Pietismus und eine damit konform gehende Erlebnistheologie in der Nachfolge Hegels und Schleiermachers deuteten Religion als subjektives Bedürfnis, als subjektiven Gefühlsdrang zum Unendlichen. Wird der Kern der Religion als frommes, schlechthinniges Abhängigkeitsgefühl bestimmt (Schleiermacher), ist der Weg frei für die Schlußfolgerung: Gott ist Veräußerlichung, Projektion dieses frommen, subjektiven Gefühls.


Die Frage an uns lautet: Unterscheidet sich unser Christsein wesentlich von dem des 19. Jahrhunderts? Ist unser Glaube mehr als ein Bündel rationalisierter, subjektiver Gefühle? Verstehen wir unter Beten etwas anderes als das Auflisten privater Wünsche? Haben wir möglicherweise selbst der verbreiteten Meinung Vorschub geleistet, hinter dem frommen Getue gehe es letztlich nur um Eigennutz und Wohlergehen des christlichen Menschen. Oder anders: Wer ist Gott für uns? Erfüllungsgehilfe und Garantieschein – oder wesentlich mehr und wesentlich anders als das?
Feuerbach hatte nicht ganz unrecht, das damalige europäische Christentum als Bedürfnisreligion zu brandmarken: In Bedürfnisreligion steckte und steckt tatsächlich ein Stück Projektion. Und noch in einem zweiten Punkt ist Feuerbach stattzugeben, nämlich in seiner Verwerfung einer Verdopplung der Welt in eine natürliche und eine übernatürliche. Diese Doppelwelt-Lehre (Supranaturalismus) war eine Konstruktion der mittelalterlichen Scholastik, im Grunde mehr platonisch-neuplatonisch als christlich. Prägt die Vorstellung einer Weltverdoppelung das allgemeine Bewußtsein, dann eignet sich die obere Welt zweifellos als Projektionsraum für alle unerfüllten Sehnsüchte hier unten. In dieser Hinsicht ist Feuerbachs Kritik nicht abwegig.

An dieser Stelle ist wiederum eine theologische Selbstprüfung angebracht. In welchem Maß ist auch unser Denken von diesem scholastischen Dualismus gefärbt? Vermögen wir noch die Einheit des göttlichen Schöpfungshandelns wahrzunehmen? Erkennen wir noch, daß die ganze Welt auf Gott bezogen ist? Verstehen wir, daß Himmel und Erde gemeinsam der Vollmacht Jesu unterstehen? Ist die Welt als Schöpfung, als Kreatur nicht natürlich und übernatürlich in einem? Bereits die Rede von der Schöpfung als “Natur“ löst jene aus ihrem Gottesbezug. Die nachträgliche Addition eines sogenannten “übernatürlichen Seins“ ist im Grunde nur Flickwerk. Eines steht fest: Das Reich Gottes schwebt nicht über dieser Welt, sondern bricht sich in dieser Welt Bahn. In diesem Reich wird die Schöpfung nicht vernichtet, sondern vollendet.

Feuerbach fordert uns nicht nur zur Selbstprüfung auf, er konfrontiert uns auch mit einem prinzipiellen Problem, und dies zwingt zu einer christlich-philosophischen Kritik. Wenn wir mit Feuerbach davon ausgehen, daß Religion zu einem großen Teil in einer Projektion besteht, dann lautet die Frage: Welches sind die Bedingungen der Möglichkeit religiöser Projektion?
Ich sehe es folgendermaßen: Wenn nach Gen 1 der Mensch im Bilde Gottes geschaffen wurde, dann besagt dies: Der Mensch ist auf dieser Welt, um Gottes Liebe und Herrlichkeit in seinem eigenen Leben widerzuspiegeln. Dies ist sein Wesen und seine Bestimmung, seine Begrenztheit und seine Größe: Ein Bild, ein Abbild Gottes zu sein und sein zu müssen. Dies ist sein anthropologischer Status, zu dem der Mensch berufen ist und dazu bestimmt, anderen vorzuleben, wer Gott ist. Als Bildträger ist der Mensch in einem sehr besonderen Sinn Gott-bezogen.

Als Folge des Sündenfalls ist dieses Bild aber verzerrt, als habe sich gleichsam ein Vorhang zwischen das göttliche Urbild und das menschliche Abbild geschoben. Dennoch bleibt der Mensch Geschöpf Gottes und als solches unausweichlich auf seinen Schöpfer gerichtet, also abhängig. Die Sünde jedoch pervertiert das Gottesverhältnis in eine andere, selbstproduzierte Abhängigkeit – dies lesen wir im 1. Kapitel des Römerbriefes. Der Gott-lose Mensch setzt in seiner Torheit das Bild eines vergänglichen Menschen oder anderen Geschöpfes an die Stelle Gottes. Was soll das besagen?

Der unabstreifbaren Ausrichtung auf Gott bei gleichzeitiger Verdunkelung des Bildes Gottes im Menschen ist nur so zu begegnen, daß sich der Mensch selbst, bewußt oder unbewußt, ein Ideal-Bild schafft, auf welches hin er sich orientiert. Die Gott-Beziehung wird zur Abgott-Beziehung. Ist dem Geschöpf die Abbildung seines Schöpfers versagt, übernimmt die Einbildung diese Funktion, denn unentrinnbar bleibt der Mensch gottbezogenes, bildtragendes Geschöpf. In dieser Situation kommt es zur Veräußerlichung und Projektion – nicht nur in der Form des Götzenkultes, sondern in allen Formen selbstgemachten Gottesdienstes, auch innerhalb des Christentums. Feuerbach hat dies gesehen. Leider sah er im Christentum nichts anderes als Projektion. Was Feuerbach allerdings nicht recht erklären konnte, nämlich warum solch eine Veräußerlichung sich im Menschen ereignet, wird verständlich, sobald die biblische Botschaft ernstgenommen und der anthropologische Status des Menschen entdeckt wird. 

Die Frage ist nicht nur, wie Projektion beginnt, sondern auch: Wie hört Projektion auf? Die Bibel sagt verschiedentlich, das wahre Bild Gottes habe sich in Jesus Christus manifestiert. Er ist nach Hebr 1 der Abglanz des Wesens Gottes. Daher liegt in der Begegnung mit ihm der kritische Maßstab. Erst in der konkreten, persönlichen Übereignung des Lebens an Christus hört die Motorik der Projektion auf. Dann wird der verdekkende Schleier der Sünde entfernt und werden wir selbst wieder zu Bildträgern Gottes. Die Bildmacher werden zu Bildträgern! Dann erfüllt sich 2. Kor 3, 18: „Wir alle aber spiegeln mit unverhülltem Angesicht die Herrlichkeit des Herrn wider und werden umgewandelt in dasselbe Bild von Herrlichkeit zu Herrlichkeit, nämlich von des Herrn Geistes.“ Weil Feuerbach die Ursache der Projektion philosophisch verkannt hat, verfehlte er auch die Möglichkeit ihrer Beendigung. Nicht der Geist der Aufklärung, sondern der Geist des Herrn macht allen religiösen Projektionen ein Ende.
 

Was ist klassische Theologie?

Kevin DeYoung und Carl Trueman unterhalten sich in diesem Video sehr informativ über die klassische Theologie, unter anderem über die Sprache, die wir in der Gotteslehre oder Christologie gebrauchen. Und natürlich ist auch Thomas von Aquin ein Thema.

Die Kirche im Zeitalter der Therapie

Matthew Loftus schreibt in „Die Kirche im Zeitalter der Therapie“: 

Im Jahr 1966 schrieb Philip Rieff in The Triumph of the Therapeutic : „Der religiöse Mensch wurde geboren, um gerettet zu werden; der psychologische Mensch wurde geboren, um zufrieden zu sein.“ Irgendwann haben wir eine Schwelle überschritten, und die allgemeinen Werte der westlichen Kultur richteten sich mehr auf Selbstverwirklichung und Freiheit von Zwängen aus als auf die Erlösung von unseren Sünden und die Gemeinschaft mit Gott. Wir befinden uns nun an einem Punkt, an dem die Sprache der Therapie jede Ebene des Diskurses durchdringt.
Wie sind wir hierhergekommen? Manche geben Sigmund Freud und anderen frühen Psychologen die Schuld dafür, dass sie ein überzeugendes intellektuelles Argument dafür geliefert haben, alles zu tun, was wir wollen – mit der Begründung, dass die Verdrängung unserer Wünsche schädlich sei und wir uns selbst treu bleiben müssten. Dieser Darstellung zufolge sind Christen (vor allem liberale) auf diesen Köder hereingefallen und haben christliche Lehren gegen psychologische Modeerscheinungen eingetauscht, sodass nur noch ein Rest gläubiger Menschen übrig geblieben ist, die ihr Bestes getan haben, um sich gegen eine steigende Flut von Psychogeschwätz zu behaupten.

Das ist sicherlich ein Teil der Geschichte, und es gibt kein Happy End für eine Kirche, die die Wahrheiten aufgibt, die wir seit zwei Jahrtausenden schätzen, in der Hoffnung, tiefere Wahrheiten zu entdecken, die sich bequem mit dem modernen Zeitgeist decken. Doch diese Darstellung vernachlässigt die Tatsache, dass wir in der Welt leben, die Freud mitgeschaffen hat, und es ist unmöglich, sinnvoll über die menschliche Psychologie zu sprechen, ohne auf seine Erkenntnisse zurückzugreifen. Wir halten viele Ideen, die uns durch moderne psychologische Theorie und Forschung vermittelt wurden, für selbstverständlich; jede Kritik an der Therapiekultur muss diese Realität ernst nehmen.

Darüber hinaus lässt sich die Verflechtung des Christentums mit der Therapiekultur nicht von der christlichen Begeisterung für Heilung und dem Beharren der Kirche auf ganzheitlicher Fürsorge für leidende Menschen trennen. Jesus selbst fordert seine Jünger auf, die Kranken zu heilen (therapeuete), und frühchristliche Schriftsteller (darunter Augustinus) nutzten weltliche Heilmethoden als Analogien für das kraftvolle Wirken Gottes in der Seele eines Gläubigen. Vorwissenschaftliche Christen scheinen größtenteils die Theorien akzeptiert zu haben, die damals die psychische Gesundheit bestimmten, darunter auch Dinge wie die vier Körpersäfte. Christen haben sich schon immer dafür interessiert, was es für uns bedeutet, in Herz, Seele, Verstand und Kraft zu gedeihen – man frage nur Thomas von Aquin.

Die moderne Psychologie hat dieses Streben nach Entfaltung einfach aufgegriffen und eingegrenzt, in der Annahme, dass unsere Gedanken, Emotionen und Wünsche uns alles sagen könnten, was wir über ein gutes Leben wissen müssten. Die Erkenntnisse Freuds (und vieler anderer) enthüllten Wahrheiten über unser Innenleben, die zwar nicht so unumstößlich wie die Thermodynamik oder so praktisch nützlich wie die Keimtheorie waren, aber mit ausreichender Stringenz gewonnen wurden, sodass sich die Psychologie als eine Wissenschaft neben anderen betrachten konnte. Die Psychologie erzählte fesselnde Geschichten, wie zum Beispiel die Vorstellung, dass moralische Verpflichtungen im besten Fall nützliche soziale Werkzeuge und im schlimmsten Fall Hindernisse dafür sind, der Mensch zu werden, der wir sein sollen. Wir erzählten diese Geschichten immer wieder, bis sie zu den zentralen Mythen unserer Kultur wurden.

Carl Trueman beschreibt die Folgen dieser kulturellen Mythen in seinem Buch Der Siegeszug des modernen Selbst (#ad):„Zufriedenheit und Sinn – Authentizität – werden heute durch eine Hinwendung nach innen gefunden, und die Kultur wird zu diesem Zweck neu gestaltet. Tatsächlich muss sie nun dem Zweck dienen, meine psychologischen Bedürfnisse zu befriedigen; ich darf meine psychologischen Bedürfnisse nicht an die Natur der Gesellschaft anpassen, denn das würde Angst auslösen und mich unecht machen.“

Leihmutterschaftsdrama

Wie dramatisch sich Leihmutterschaften entwickeln können, zeigt sich an dem Rechtsstreit, den die Leihmutter McKenna West (leider bisher vergeblich) gegen ein Bestellpaar aus Kalifornien führt. DIE TAGESPOST berichtet: 

Zum Hintergrund: Die Bestelleltern Nausheen Gilkar und Omar Ahmed, ein Paar aus Los Angeles, schlossen im August 2025 mit McKenna West, einer Krankenschwester aus Alaska, einen Leihmutterschaftsvertrag. Die alleinerziehende Mutter zweier Kinder sollte für das Paar, das bereits acht erfolglose Versuche einer künstlichen Befruchtung hinter sich hatte, ein Kind austragen. Für ihre Dienste als Leihmutter sicherte das Paar McKenna West vertraglich ein Honorar in Höhe von 60.000 US-Dollar zu.

Nachdem Ärzte in der 20. Schwangerschaftswoche bei dem Kind ein hypoplastisches Linksherzsyndrom (HLHS) diagnostizierten, forderten die Bestelleltern die Leihmutter auf, das Kind abzutreiben. Dabei beriefen sie sich auf den mit ihr geschlossenen Vertrag. Der soll eine Klausel beinhalten, die es den Bestelleltern erlaubt, eine Abtreibung des Kindes zu verlangen, wenn Ärzte bei diesem Anomalien feststellen.

West weigerte sich jedoch, das Kind abzutreiben, und floh mit diesem nach Texas. Der Grund: In dem im Süden der USA gelegenen Bundesstaat sind Abtreibungen grundsätzlich verboten. Laut Chapter 170 A des texanischen „Health and Safety Code“ darf auf dem Territorium des Bundesstaates niemand „wissentlich eine Abtreibung vornehmen, veranlassen oder einleiten.“ Außerdem gilt laut dem „Texas Family Code“ grundsätzlich die Frau als Mutter, die das Kind zur Welt bringt, auch als rechtliche Mutter. Mit einer Ausnahme: Liegt eine gerichtlich bestätigte Gestationsvereinbarung vor, können die Bestelleltern rechtlich als Eltern anerkannt werden, obwohl die Leihmutter das Kind geboren hat.

Die Bestelleltern verklagen daraufhin McKenna West wegen Vertragsbruchs auf Schadenersatz in Höhe von 100.000 US-Dollar sowie Anwaltskosten. 

Mehr: www.die-tagespost.de.

Charles Murray: Taking Religion Seriously

Der US-amerikanischer Politikwissenschaftler und Publizist Charles Murray ist Hayek-Emeritus-Stipendiat am American Enterprise Institute, einem konservativen Thinktank, und wurde vor allem für seine Bücher Losing Ground (1984), The Bell Curve (zusammen mit Richard Herrnstein; 1994) und Coming Apart (2012) bekannt. Neuerdings bekennt er sich zum christlichen Glauben an Gott (siehe sein Zeugnis hier) und hat seine Überzeugungen in dem Buch Taking Religion Seriously (2025, #ad) niedergeschrieben. James N. Anderson hat das Buch gelesen und dabei einige Schwächen entdeckt, beispielsweise in der Christologie. Abgesehen von diesen Mängeln lassen sich seiner Meinung aus dem Buch zumindest fünf nützliche Erkenntnisse gewinnen.

Zitat: 

(1) Westliche säkulare Intellektuelle lehnen das Christentum in der Regel nicht ab, weil sie die Beweise verantwortungsbewusst geprüft hätten und dennoch nicht überzeugt seien, sondern weil sie durch die vorherrschende Meinung vorgeprägt sind, dass es keine seriösen intellektuellen Grundlagen für christliche Überzeugungen gibt. Um einen Satz von G.K. Chesterton abzuwandeln: Das Christentum wurde nicht untersucht und für mangelhaft befunden; es wurde als unliebsam empfunden und daher nicht untersucht.

(2) Im Zusammenhang mit dem vorangegangenen Punkt: Intellektueller und sozialer Gruppendruck spielt eine wesentliche Rolle dabei, zu erklären, warum säkulare Wissenschaftler Religion nicht ernster nehmen. Wie Murray offen zugibt, war ein Grund für seine große Abneigung gegenüber den Beweisen, dass er zum „Stamm der Klugen“ gehörte und nicht wollte, „als leichtgläubig und töricht zu gelten und aus dem Stamm verstoßen zu werden“ (S. 147).

(3) Die Beweise für die Wahrheit des Christentums liegen in Hülle und Fülle vor für diejenigen, die Augen haben, sie zu sehen – das heißt für diejenigen, deren Blick nicht durch naturalistische Vorannahmen und intellektuellen Snobismus verengt ist.

(4) Auch wenn philosophische und historische Argumente vielleicht nicht der übliche Weg sind, auf dem Menschen zum christlichen Glauben finden, sind sie dennoch wichtig, insbesondere wenn die Bekehrten ein Publikum aus intellektuellen Gleichgesinnten haben. Lewis liefert ein solches Beispiel; Murray nun ein weiteres. Bemerkenswert ist, dass in beiden Fällen der Weg sowohl philosophische Reflexion als auch eine Reihe göttlicher Fügungen umfasste.

(5) Christliche Wissenschaft ist wichtig! Betrachten wir eine Auswahl der Wissenschaftler, deren Arbeit Murray dafür verantwortlich macht, dass er im Laufe der Zeit seine Meinung geändert hat: Stephen Meyer, Larry Hurtado, Paul Barnett, Richard Bauckham, Brand Pitre, Craig Blomberg, Michael Bird, Peter J. Williams, N. T. Wright, Gary Habermas und – nota bene – der emeritierte RTS-Professor Charles E. Hill. (Es sei angemerkt, dass Murray auch die Werke skeptischer Wissenschaftler wie Brian Greene, Sean Carroll, John Dominic Crossan und Bart Ehrman herangezogen hat – was die Bedeutung fundierter Wissenschaft zur Verteidigung des orthodoxen Christentums noch weiter unterstreicht.)

Die übergeordnete These von Taking Religion Seriously ist relativ bescheiden: Jeder, der sich Fragen der Religion mit offenem Geist und dem Engagement eines Wissenschaftlers nähert, den Beweisen zu folgen, wohin sie auch führen mögen, wird entdecken, dass es ernstzunehmende Argumente gegen den materialistischen Atheismus und zugunsten des christlichen Theismus gibt. Ob ein Ungläubiger solche Themen – abgesehen von einem Wirken göttlicher Gnade – wirklich unvoreingenommen angehen kann, ist eine Frage, die in dem Buch nicht aufgeworfen wird. Dennoch ist Murrays persönliches Zeugnis ein Grund zur Freude: „Gottes Gnade ist für mich Wirklichkeit geworden“ (S. 153). Man kann fast hören, wie sich die Engel im Himmel freuen.

Mehr: journal.rts.edu.

Warum Christen ihre Social-Media-Konten löschen sollten

Brad East ist der Meinung, dass die sozialen Medien mehr schaden als nutzen, und plädiert für die Schließung der Konten. Hier sein Appell:

Eine Zeit lang habe ich … meine „moderate“ Nutzung sozialer Medien verteidigt. Aber ich konnte mich nicht länger selbst belügen. Ich hasste das Gefühl, das es in mir auslöste. Ich hasste, was es mit mir machte. Ich hasste den Voyeurismus, den Zwang, das Verlangen des Süchtigen nach immer noch ein bisschen mehr. Schließlich stehe ich gerade in der Abholschlange vor der Schule oder warte in der Arztpraxis. Was machen da schon zehn Minuten mehr aus?

Vor etwa fünf Jahren habe ich dann endlich das Handtuch geworfen. Ich habe meine Konten nicht nur deaktiviert – ich habe sie gelöscht. Das war eine der besten Entscheidungen, die ich je getroffen habe. Und seitdem bin ich so etwas wie ein Verfechter eines Lebens jenseits der sozialen Medien geworden.

…

Lieber Christ, ich möchte, dass du nach den höchsten Zielen strebst, nicht nach den niedrigsten. „Alles ist erlaubt“, so Paulus, „aber nicht alles ist nützlich“ (1Kor 10,23). Soziale Medien mögen technisch gesehen zulässig sein – die Bibel verbietet sie nie namentlich –, doch sie helfen weder, noch bauen sie auf. Sie formen die Seele nicht in der Tugend; sie bringen keine Früchte des Geistes hervor. Aus christlicher Sicht liegt die Beweislast daher bei demjenigen, der soziale Medien nutzen möchte – Warum ist es gut oder gar notwendig für mich, sie zu nutzen? – und nicht bei demjenigen, der darauf verzichtet.

Also schneide es ab. Ein Leben ohne soziale Medien ist besser. So einfach ist das. Im Moment mag es sich vielleicht nicht so anfühlen. Eine Zeit lang wirst du vielleicht noch das Phantomglied spüren. Aber mit der Zeit wirst du dich daran gewöhnen und dankbar sein für dessen Abwesenheit und den Raum, den diese Abwesenheit für bessere Dinge schafft.

Ich sehe das nicht so radikal, kann aber einige Gründe und die Entscheidung gut nachvollziehen und denke, dass es für einige Leute der richtige Schritt wäre. Die Vorstellung jedoch, dass Christen auf den sozialen Medien gar nicht mehr präsent sind, ist auch nicht so prickelnd. 

Wie seht ihr das?

Mehr: www.christianitytoday.com.

Nach oben scrollen
DSGVO Cookie Consent mit Real Cookie Banner