Syst. Theologie

Warum sollte man heute noch Herman Bavinck lesen?

Der niederländische Theologe Herman Bavinck (1854–1921) erlebt derzeit eine bemerkenswerte Renaissance. Im deutschsprachigen Raum ist er leider weitgehend in Vergessenheit geraten. Es gibt jedoch einige Ausnahmen. So hat sich beispielsweise der Schweizer Hanniel Strebel sehr eingehend mit Bavinck beschäftigt. Zusammen mit Samuel Wiebe habe ich deshalb auf der E21-Konferenz in Hamburg mit Hanniel über diesen großen Theologen gesprochen, von dem wir auch heute noch viel lernen (und bald auch viel in deutscher Sprache lesen) können. (Beim Ton haben wir leider improvisieren müssen, weshalb die Qualität zu wünschen übrig lässt.)

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„Beta-Couples“

Heterofatalismus, Chatbots und „Beta-Couples“: Wer sich auf Social Media, dem Buchmarkt oder in großen Magazinen umschaut, könnte glauben, die Zweierbeziehung sei in Gefahr. Stimmt das?

Thomas Lindemann beschreibt, wie aus der Sicht von Ratgeberautorinnen und Trendforscherinnen „die Bindung auf Dauer“ immer unbeliebter wird. Zweierbeziehungen sind immer häufiger Optionen, werden also ständig neu ausgehandelt. 

Zitat: 

„Seit gut zehn Jahren erodiert die bürgerliche Kleinfamilie merklich“, sagt Eike Wenzel, Medienwissenschaftler und Gründer des Heidelberger Instituts für Trend- und Zukunftsforschung. Eine Ursache ist der demographische Wandel: „Die Menschen werden älter, fühlen sich jünger. Wer heute 60 wird, hat meist noch mindestens 25 gesunde Jahre vor sich“, erklärt Wenzel. „Viele fragen sich dann, ob der Lebensweg noch richtig ist, besonders Frauen. Sie sind heute gut oder sogar besser ausgebildet, sind kommunikativ und teamfähig, in der Gesellschaft verankert. Sie haben zersplitterte Arbeitskarrieren auf sich genommen, sich viel mehr um Haushalt und Kinder gekümmert, wollen nun dafür entschädigt werden. In Zweierbeziehungen werden die Positionen immer wieder neu verhandelt. Auch wenn die Kinder das Haus verlassen oder wenn die Rente beginnt.“

In der Haltung der Generationen habe sich regelrecht etwas umgekehrt: Während die Jungen ängstlicher sind und Sicherheit suchen, fühlen die Alten sich frei und haben die Mittel, sich auszuleben. „Die heute 20- bis 30-Jährigen nennen wir Bumerang-Generation“, erklärt Wenzel. „Weil sie teilweise noch mal ins Elternhaus zurückkommen, die wollen das Erwachsenwerden lange aufschieben.“

Und die etwa 30- bis 50-Jährigen binden sich, sind aber immer auf dem Sprung. „In dieser Gruppe sind Frauen schon gleichberechtigt, selbst in unteren Einkommensgruppen. Die binden sich vorsichtig, leben in sogenannten Beta-Couples, das heißt, alles ist auf Probe.“ Der soziologische Begriff ist von „Beta-Versionen“ einer Software abgeleitet. Diese Versionen stehen kurz vor der Veröffentlichung, sind aber noch nicht endgültig.

Eine solche Bindungshaltung sieht man nicht unbedingt an den Zahlen der Statistik. Aber sie verändert viel – etwa dass eine Trennung immer eine Option ist. Anders als in früheren Generationen. Autorin Lewina sieht noch ein psychologisches Phänomen in diesem Zusammenhang: „Wir haben höhere Ansprüche an eine Liebesbeziehung als früher. Unter anderem wollen manche auch nach vielen Jahren noch ein Sexleben – das entspricht aber nicht unbedingt der Biologie.“

Ich möchte dieser Wahrnehmung gar nicht widersprechen. Das passt zum kulturellen Klima, in dem zunehmend nur noch Interessen ausgehandelt werden. Beim radikalen Individualismus stehen das eigene Wohlbefinden und Glücksgefühl im Vordergrund. In persönlichen und manchmal auch seelsorgerlichen Gesprächen stelle ich allerdings auch etwas anderes fest: Viele Menschen sind aufgrund von Verratserfahrungen verletzt und enttäuscht. Sie haben Angst, sich zu binden, da sie nicht noch einmal schwer enttäuscht werden möchten. Doch genau das wünschen sie sich: eine sichere Bindung an einen verlässlichen Partner.

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„Radikale Hoffnung“

Am Mittwoch, den 13. Mai, sprach der Theologe und Jüngel-Schüler Ingolf U. Dalferth über „Radikale Hoffnung“ in der Carl Friedrich von Siemens Stiftung in München. Die FAZ berichtet:

Schon das „Menschsein selbst ist ein unvollendetes Projekt“, sagte Dalferth pointiert (nicht erst die Moderne). Nietzsche legte dar, dass der Mensch als das noch nicht festgestellte Tier gezwungen ist, sich selbst zu etwas zu machen – Kierkegaard demgegenüber, dass uns auch dies als unverfügbare Möglichkeit zugespielt ist. Und dieser Mangel des Mängelwesens Mensch ist zugleich seine Größe, weil er dadurch auch zum Möglichkeitswesen wird. Und er lässt seinen Anti-Climacus sagen: „Gott ist dies, dass alles möglich ist.“ Dalferth denkt dies radikal zu Ende: Gott ist nicht eine erst noch zu beweisende Möglichkeit, sondern umgekehrt die unvordenkliche, einzigartige Wirklichkeit, ohne die es überhaupt nichts gäbe und nichts möglich wäre, auch niemand, der denkt. Gott zu beweisen, ist daher ganz unnötig, ihn zu bestreiten, sogar noch unsinniger, als die eigene Existenz zu leugnen – ein Gedankengang, der an philosophische Letztbegründungsstrategien erinnert beziehungsweise diese noch überbietet. Schöpfungsrede ist unweigerlich selbstinvolvierend. Da christliches Hoffen-auf-Gott sich auf den richtet, ohne den es die Möglichkeit des Guten, die Hoffbarkeit von etwas überhaupt gar nicht gäbe, ist sie etwas ganz anderes als sonstiges Hoffen-dass oder Hoffen-auf, sie ist nicht nur auf Gehofftes ausgerichtet, sondern ein auf alles bezogener Existenzvollzug.

Ein Glanzstück des Vortrags war sicherlich die genaue Würdigung eines auch an dieser Stelle schon viel beachteten letzten Textes von Jürgen Habermas, „Ein Geburtstagsgruß“ in einer Festschrift für Thomas Schmidt, in dem Habermas noch einmal die Verteidigung der Moralressourcen von Religionen unternimmt. Er bezweifelt dort die Möglichkeit eines „reduzierten“ Hoffens und Glaubens ohne Festlegung auf Inhalte. Dem stimmte Dalferth so weit zu, aber da Habermas auch bei religiösem Hoffen nur propositionales und personales Hoffen sehe, übersehe er das Spezifische des Hoffens-auf-Gott.

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Die Stellung der Trinitätslehre in der Dogmatik

Der Lutheraner Wilfried Joest (1914–1995) schreibt über die Stellung der Trinitätslehre im Gesamtzusammenhang der Dogmatik bis hin zu Karl Barth (Wilfried Joest u. Johannes von Lüpke, Dogmatik I: Die Wirklichkeit Gottes, 5., völlig neu überarbeitete Auflage, Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht, 2010, S. 287–288):

Die Trinitätslehre hatte in der alten Dogmatik ihren festen Platz innerhalb der Gotteslehre (De Deo), und zwar als deren zweiter Teil (De Deo trino oder auch De sanctissimo trinitatis mysterio), nachdem zuerst über Gottes Wesen und Eigenschaften im Allgemeinen gehandelt worden war (De deo uno oder auch De natura Dei et attributis divinis). Damit war die theologia im engeren Sinn der Lehre von Gott selbst abgeschlossen; die oeconomia, d.h. die Geschichte der Heilszuwendung Gottes in Christus und im Heiligen Geist, wurde erst danach entfaltet.

Aber gerade in ihr hat das christliche Bekenntnis zu dem dreieinigen Gott sachlich und geschichtlich seine Wurzel. Fragt man nach der theologischen Begründung und Notwendigkeit der Trinitätslehre, so bleibt ihre gleichsam fertige Vorwegnahme in einer der Entfaltung des Heilsgeschehens vorangestellten Gotteslehre unbefriedigend. Rationalistische Dogmenkritik hat freilich diese Frage gar nicht mehr gestellt; sie war bereit, die Trinitätslehre als spekulatives Hirngespinst überhaupt zu streichen und eine ›vernünftige‹ Gotteslehre auf das Thema De Deo uno zu reduzieren.

Zu diesem Verzicht auf das Kernstück der altkirchlichen Lehr- und Bekenntnisbildung hat sich allerdings die Theologie der neueren Zeit im Allgemeinen nicht bereit gefunden. Auch wo man der Trinitätslehre in ihrer überlieferten Gestalt kritisch gegenüberstand, wollte man sie doch berücksichtigen und suchte ihr interpretierend einen Sinn abzugewinnen. Aber der Ort, an dem sie innerhalb des dogmatischen Systems zu behandeln ist, wurde nun unsicher. Manche stärker der Tradition verpflichteten Theologen verhandeln sie nach wie vor an der alten Stelle.

Bei Schleiermacher erscheint sie dagegen, in erheblicher Umdeutung ihres überlieferten Inhalts, ganz am Ende seiner Glaubenslehre (§§ 170–172) und wirkt hier fast wie ein Anhang, der von dem Duktus des Gesamtwerkes her auch hätte entbehrt werden können. Auch Paul Althaus, Edmund Schlink und Gerhard Ebeling stellen sie ans Ende der Dogmatik, aber inhaltlich in engerem Anschluss an die Tradition und mit stärkerer Gewichtung; sie erscheint hier als zusammenfassender Ausdruck christlichen Gotteszeugnisses. Für die Stellung am Ende spricht auch, dass sich hier von der Eschatologie her der vorläufige Charakter aller Theologie verdeutlichen lässt: Auch und gerade als Trinitätslehre weist sie über sich hinaus auf den Lobpreis Gottes, von dem sie ausgeht und auf den sie hinführen will.

Andere Theologen behandeln die Trinitätslehre innerhalb der Soteriologie in unmittelbarem Anschluss an die Lehre vom Heiligen Geist (so auch Paul Tillich zum Abschluss des vierten Teils seiner Systematischen Theologie). Solche Einordnungen an späterer Stelle können für sich geltend machen, dass sie es ermöglichen, den Sinn der Trinitätslehre von Gottes Selbstmitteilung in Christus und im Geist her zu erhellen, ohne zu Vorwegnahmen der christologischen und pneumatologischen Thematik genötigt zu sein. Nachteilig ist aber, dass die Trinitätslehre nun als ein von der eigentlichen Gotteslehre weit entfernter Nachtrag zu ihr erscheint.

Im Gegensatz dazu stellt Karl Barth sie an den Anfang seiner Kirchlichen Dogmatik. Er entfaltet sie bereits im Zusammenhang seiner Offenbarungslehre: Nur in Christus und nur durch den Heiligen Geist wird Gott erkannt; seine Selbstoffenbarung ist trinitarisches Geschehen und setzt also das dreieinige Sein des Gottes, der sich so und nicht anders erschließt, voraus. Die Trinitätslehre wird hier geradezu zur fundamentaltheologischen Grundlegung der Dogmatik und tritt damit an die Stelle der sonst üblichen Grundlegungen, die zunächst von einer Erwägung des Gottesgedankens an sich und im Allgemeinen ausgehen. 

Selbstlosigkeit (in der Ehe)

Guter Punkt: 

Mein wichtigstes Gebet für mich selbst – ich glaube, mein am häufigsten vorgebrachtes Gebet für mich selbst – ist Vers 4: dass Gott so tief in mir wirkt, dass ich nicht nur „auf [meine] eigenen Interessen, sondern auch auf die Interessen der anderen“ achte (Phil 2,4). Ich möchte einfach weniger egoistisch sein. Ich möchte mich mehr auf andere ausrichten. Ich möchte, dass dies für mich mehr zur Selbstverständlichkeit wird. Ich möchte mich nicht mehr so sehr darum anstrengen müssen. Ich möchte, dass es in mir heranwächst, denn ich glaube: Wenn wir als Gemeinde Vers 4 verkörpern könnten, wären wir einfach so weise. Gott schenkt gerne Weisheit darüber, wie man leben soll, wenn Vers 4 in einer Gemeinde gelebt wird.

Mehr: www.desiringgod.org.

Starke Männer?!

Seit Jahrzehnten wird christlichen Männern eingeredet, ihre Stärke sei ein Problem, ihr Ehrgeiz eine Sünde und Macht sei grundsätzlich gefährlich. Stattdessen wird ihnen ein Glaube angeboten, der Untätigkeit und Passivität hochstilisiert. Nettsein ist zur höchsten Tugend geworden. In seinem Buch Offensive Christianity (#ad, Founders Press, 2026) plädiert Chase Davis dafür, dieser Entwicklung etwas entgegenzusetzen.

Scott Yenor beschreibt in seiner Rezension das Anliegen des Buchs, wobei er einige Schwächen meiner Meinung nach hätte deutlicher herauskehren können:

Die Kirchen haben kaum eine Vorstellung davon, was einen christlichen Mann ausmacht, und missverstehen daher ihre Mission. Vieles davon geht auf den Pietismus zurück. Indem sie persönliche Frömmigkeit und Heiligkeit in den Vordergrund stellten, zogen sich die Pietisten aus der öffentlichen Theologie zurück und lehnten konkrete Belange wie Arbeit, Haushalt, Vermächtnis und Politik als weltliche Ablenkungen von der spirituellen Erfahrung ab. Durch ihre Betonung der inneren Welt neigen die Pietisten dazu, traditionell männliche Eigenschaften zu stigmatisieren, die für ein aktives Eintreten für Christus notwendig sind.

Das andere Extrem, vertreten durch Friedrich Nietzsche und seine Epigonen, besteht darin, ohne Verankerung in christlichen Idealen in die Offensive zu gehen. Davis setzt sich in seinem Buch eingehend mit Nietzsches Kritik am Christentum auseinander. Er stimmt der Diagnose des deutschen Philosophen zu, die eine sentimentale, entmannte Religion beschreibt, und teilt dessen Verachtung für die endlosen Kompromisse eines defensiven Christentums. Dennoch lehnt Davis Nietzsches Lösung unmissverständlich ab. Christus allein ist „der einzige wahre Übermensch“, das Vorbild für – und der einzige Weg zu – wahrer Herrlichkeit. Wo Nietzsche den rohen Willen zur Macht forderte, ruft Davis die Menschen zu einer von Christus geprägten Stärke auf: sanftmütig, aber nicht schwach, ehrgeizig im Hinblick auf Gottes Reich statt auf Selbstverherrlichung. Alfred der Große, Konstantin und Ambrosius sind Beispiele für kühne Eroberer und Kulturstifter, die ihre Männlichkeit der göttlichen Autorität unterordneten.

Davis geht über die Kritik hinaus und skizziert die Pflichten des Mannes, der ein offensives Christentum praktiziert. Der offensive christliche Mann nimmt die Berufung zu Stärke, Versorgung, Schutz und sogar Herrschaft an. Er bringt sich in Form, um in einem schwachen Zeitalter ein Bild von recht geordneter Ambition zu vermitteln. Er kleidet sich und trägt sich mit Ernsthaftigkeit. Er stellt sich den Übeltätern entgegen und führt seinen Haushalt mit Autorität und Dienstbereitschaft. Er ist eine Säule seiner Gemeinschaft.

Hier: firstthings.com.

Kinder leiden, wenn Eltern dauernd aufs Handy starren

Eltern brauchen ihr Smartphone als Werkzeug, Stressventil und zur Verbindung mit der Welt. Doch Kinder bemerken die ständige Ablenkung genau – und das kann ihnen nachhaltig schaden. Diie FAZ berichtet aus der Forschung zum Thema: 

Aber eine kleine Beobachtungsstudie aus den Vereinigten Staaten zeigt, dass das Smartphone sich häufig zwischen Eltern und Kind drängt. Darin wurde die Handynutzung von 58 Eltern mit ein bis fünf Jahre alten Kindern genau überwacht. Mutter und Vater holten das Gerät pro Tag im Schnitt 67 Mal für insgesamt vier Stunden hervor. Befragungen zeigen: 70 Prozent der Eltern geben zu, ihr Handy während des Spielens oder der gemeinsamen Mahlzeiten zu verwenden. 89 Prozent nutzen es täglich im Beisein ihrer Kinder.

Langsam wird klar, welche Folgen das haben kann. In einer Arbeit aus dem „Journal of Child and Family Studies“ ist zu lesen: „Die übermäßige Nutzung digitaler Geräte im Familienalltag hat die Eltern-Kind-Beziehungen grundlegend verändert, was zu einer zunehmenden Entfremdung innerhalb der Familie geführt hat und eine Generation von Kindern hervorgebracht hat, die inmitten der allgegenwärtigen Technologie um die Aufmerksamkeit ihrer Eltern konkurrieren.“

Mehr (hinter einer Bezahlschranke): www.faz.net.

Gottes einzigartige Rechtfertigungserklärung

Meine Veldman schreibt in „Böhl on Justification and Regeneration: Some Implications for Preaching and Pastoring“ (Unio Cum Christo 7, 2 (2021), S. 101):

Wenn Böhl in seiner „Dogmatik“ von der Rechtfertigung im eigentlichen Sinne spricht, verweist er auf Römer 3,28 und insbesondere auf Vers 28: „Darum halten wir fest: Der Mensch wird aus dem Glauben gerecht, ohne die Werke des Gesetzes“, den er als den „locus classicus“ für das richtige Verständnis der Rechtfertigungslehre bezeichnet. Wie wird man also vor Gott gerecht? Die Antwort lautet: nur durch die Zurechnung der Gerechtigkeit Christi und die Vergebung der Sünden vor dem Gericht Gottes (in foro Dei).

Böhl betont, dass die Rechtfertigung eine rechtliche und gerichtliche Angelegenheit ist. Die Ablehnung des Gesetzes (der Zehn Gebote) vor oder nach Christus würde daher die Rechtfertigungslehre untergraben, sowohl hinsichtlich der Sündenüberzeugung (Buße) als auch der Erlösung durch den aktiven und passiven Gehorsam Christi gegenüber dem Gesetz Gottes zugunsten seiner auserwählten Gemeinde. Tatsächlich findet die Gerechtigkeit Gottes, die dem Gläubigen zugerechnet wird, ihren Grund und ihre Grundlage im stellvertretenden Werk Jesu Christi, d. h. in seinem aktiven und passiven Gehorsam. Aus dieser Perspektive ist Römer 3,20 als Zusammenfassung dessen zu verstehen, was unmittelbar vor Vers 28 geschrieben steht, nämlich dass das Gesetz sowohl Heiden als auch Juden verurteilt, was impliziert, dass die Rechtfertigung (d. h. die Vergebung der Sünden und die Zurechnung der Gerechtigkeit Christi) ohne Rücksicht auf Werke des Gesetzes geschieht. Man wird allein durch den Glauben gerechtfertigt und als gerecht angesehen, allein aufgrund des Werkes des passiven und aktiven Gehorsams Christi.

Folglich besteht laut Böhl Gottes einzigartige Rechtfertigungserklärung somit aus zwei Teilen: der Vergebung der Sünden und der Zurechnung der Gerechtigkeit Christi, die beide im Werk Jesu Christi für seine Kirche verwurzelt sind. Erstens tritt Christus vor dem Gericht Gottes an die Stelle des Sünders, damit Gott den Sünder als bedeckt und vergeben annimmt – das heißt, er wird ihm seine Sünden nicht mehr anrechnen. Diese negative Seite der Rechtfertigung wird in Römer 4,6–8 in Übereinstimmung mit Psalm 32,1–2 besonders hervorgehoben. Zweitens dienen auch die positiven Verdienste Christi dazu, ein Urteil zu sichern. Kraft des aktiven Gehorsams Christi wird der Sünder als gerecht angesehen und entspricht Gottes Gesetz. So wird der Mensch nicht nur um Christi willen von Schuld und der Strafe für seine Sünden freigesprochen, sondern gleichzeitig wird dem Sünder auch die Gerechtigkeit Christi positiv zugerechnet und ihm angerechnet, als wäre sie seine eigene.

Die Aufblähung des Menschen als endlichen Subjekt

Wolfhart Pannenberg schreibt (Theologie und Philosophie, Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht, 1996, S. 286–287):

Gerade bei der Reflexion auf die unvermeidliche Endlichkeit menschlicher Denkvollzüge sollte jedoch Hegels Einsicht festgehalten werden, daß die Eliminierung Gottes aus unserem Erkennen durch die Verstandeskritik der Aufklärung zur Aufblähung des Menschen als endlichen Subjekts geführt hat, so als sei der Mensch in seiner Endlichkeit absolut. Man kann sich nicht in scheinbarer Demut auf die eigene Endlichkeit und das Bewußtsein nur endlicher Inhalte beschränken, ohne damit das Endliche als solches und vor allem die Endlichkeit des Menschen selber und das eigene Ich zum Absoluten zu machen und also faktisch an die Stelle Gottes zu setzen.

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