Apologetik

Die Kirche im Zeitalter der Therapie

Matthew Loftus schreibt in „Die Kirche im Zeitalter der Therapie“: 

Im Jahr 1966 schrieb Philip Rieff in The Triumph of the Therapeutic : „Der religiöse Mensch wurde geboren, um gerettet zu werden; der psychologische Mensch wurde geboren, um zufrieden zu sein.“ Irgendwann haben wir eine Schwelle überschritten, und die allgemeinen Werte der westlichen Kultur richteten sich mehr auf Selbstverwirklichung und Freiheit von Zwängen aus als auf die Erlösung von unseren Sünden und die Gemeinschaft mit Gott. Wir befinden uns nun an einem Punkt, an dem die Sprache der Therapie jede Ebene des Diskurses durchdringt.
Wie sind wir hierhergekommen? Manche geben Sigmund Freud und anderen frühen Psychologen die Schuld dafür, dass sie ein überzeugendes intellektuelles Argument dafür geliefert haben, alles zu tun, was wir wollen – mit der Begründung, dass die Verdrängung unserer Wünsche schädlich sei und wir uns selbst treu bleiben müssten. Dieser Darstellung zufolge sind Christen (vor allem liberale) auf diesen Köder hereingefallen und haben christliche Lehren gegen psychologische Modeerscheinungen eingetauscht, sodass nur noch ein Rest gläubiger Menschen übrig geblieben ist, die ihr Bestes getan haben, um sich gegen eine steigende Flut von Psychogeschwätz zu behaupten.

Das ist sicherlich ein Teil der Geschichte, und es gibt kein Happy End für eine Kirche, die die Wahrheiten aufgibt, die wir seit zwei Jahrtausenden schätzen, in der Hoffnung, tiefere Wahrheiten zu entdecken, die sich bequem mit dem modernen Zeitgeist decken. Doch diese Darstellung vernachlässigt die Tatsache, dass wir in der Welt leben, die Freud mitgeschaffen hat, und es ist unmöglich, sinnvoll über die menschliche Psychologie zu sprechen, ohne auf seine Erkenntnisse zurückzugreifen. Wir halten viele Ideen, die uns durch moderne psychologische Theorie und Forschung vermittelt wurden, für selbstverständlich; jede Kritik an der Therapiekultur muss diese Realität ernst nehmen.

Darüber hinaus lässt sich die Verflechtung des Christentums mit der Therapiekultur nicht von der christlichen Begeisterung für Heilung und dem Beharren der Kirche auf ganzheitlicher Fürsorge für leidende Menschen trennen. Jesus selbst fordert seine Jünger auf, die Kranken zu heilen (therapeuete), und frühchristliche Schriftsteller (darunter Augustinus) nutzten weltliche Heilmethoden als Analogien für das kraftvolle Wirken Gottes in der Seele eines Gläubigen. Vorwissenschaftliche Christen scheinen größtenteils die Theorien akzeptiert zu haben, die damals die psychische Gesundheit bestimmten, darunter auch Dinge wie die vier Körpersäfte. Christen haben sich schon immer dafür interessiert, was es für uns bedeutet, in Herz, Seele, Verstand und Kraft zu gedeihen – man frage nur Thomas von Aquin.

Die moderne Psychologie hat dieses Streben nach Entfaltung einfach aufgegriffen und eingegrenzt, in der Annahme, dass unsere Gedanken, Emotionen und Wünsche uns alles sagen könnten, was wir über ein gutes Leben wissen müssten. Die Erkenntnisse Freuds (und vieler anderer) enthüllten Wahrheiten über unser Innenleben, die zwar nicht so unumstößlich wie die Thermodynamik oder so praktisch nützlich wie die Keimtheorie waren, aber mit ausreichender Stringenz gewonnen wurden, sodass sich die Psychologie als eine Wissenschaft neben anderen betrachten konnte. Die Psychologie erzählte fesselnde Geschichten, wie zum Beispiel die Vorstellung, dass moralische Verpflichtungen im besten Fall nützliche soziale Werkzeuge und im schlimmsten Fall Hindernisse dafür sind, der Mensch zu werden, der wir sein sollen. Wir erzählten diese Geschichten immer wieder, bis sie zu den zentralen Mythen unserer Kultur wurden.

Carl Trueman beschreibt die Folgen dieser kulturellen Mythen in seinem Buch Der Siegeszug des modernen Selbst (#ad):„Zufriedenheit und Sinn – Authentizität – werden heute durch eine Hinwendung nach innen gefunden, und die Kultur wird zu diesem Zweck neu gestaltet. Tatsächlich muss sie nun dem Zweck dienen, meine psychologischen Bedürfnisse zu befriedigen; ich darf meine psychologischen Bedürfnisse nicht an die Natur der Gesellschaft anpassen, denn das würde Angst auslösen und mich unecht machen.“

Charles Murray: Taking Religion Seriously

Der US-amerikanischer Politikwissenschaftler und Publizist Charles Murray ist Hayek-Emeritus-Stipendiat am American Enterprise Institute, einem konservativen Thinktank, und wurde vor allem für seine Bücher Losing Ground (1984), The Bell Curve (zusammen mit Richard Herrnstein; 1994) und Coming Apart (2012) bekannt. Neuerdings bekennt er sich zum christlichen Glauben an Gott (siehe sein Zeugnis hier) und hat seine Überzeugungen in dem Buch Taking Religion Seriously (2025, #ad) niedergeschrieben. James N. Anderson hat das Buch gelesen und dabei einige Schwächen entdeckt, beispielsweise in der Christologie. Abgesehen von diesen Mängeln lassen sich seiner Meinung aus dem Buch zumindest fünf nützliche Erkenntnisse gewinnen.

Zitat: 

(1) Westliche säkulare Intellektuelle lehnen das Christentum in der Regel nicht ab, weil sie die Beweise verantwortungsbewusst geprüft hätten und dennoch nicht überzeugt seien, sondern weil sie durch die vorherrschende Meinung vorgeprägt sind, dass es keine seriösen intellektuellen Grundlagen für christliche Überzeugungen gibt. Um einen Satz von G.K. Chesterton abzuwandeln: Das Christentum wurde nicht untersucht und für mangelhaft befunden; es wurde als unliebsam empfunden und daher nicht untersucht.

(2) Im Zusammenhang mit dem vorangegangenen Punkt: Intellektueller und sozialer Gruppendruck spielt eine wesentliche Rolle dabei, zu erklären, warum säkulare Wissenschaftler Religion nicht ernster nehmen. Wie Murray offen zugibt, war ein Grund für seine große Abneigung gegenüber den Beweisen, dass er zum „Stamm der Klugen“ gehörte und nicht wollte, „als leichtgläubig und töricht zu gelten und aus dem Stamm verstoßen zu werden“ (S. 147).

(3) Die Beweise für die Wahrheit des Christentums liegen in Hülle und Fülle vor für diejenigen, die Augen haben, sie zu sehen – das heißt für diejenigen, deren Blick nicht durch naturalistische Vorannahmen und intellektuellen Snobismus verengt ist.

(4) Auch wenn philosophische und historische Argumente vielleicht nicht der übliche Weg sind, auf dem Menschen zum christlichen Glauben finden, sind sie dennoch wichtig, insbesondere wenn die Bekehrten ein Publikum aus intellektuellen Gleichgesinnten haben. Lewis liefert ein solches Beispiel; Murray nun ein weiteres. Bemerkenswert ist, dass in beiden Fällen der Weg sowohl philosophische Reflexion als auch eine Reihe göttlicher Fügungen umfasste.

(5) Christliche Wissenschaft ist wichtig! Betrachten wir eine Auswahl der Wissenschaftler, deren Arbeit Murray dafür verantwortlich macht, dass er im Laufe der Zeit seine Meinung geändert hat: Stephen Meyer, Larry Hurtado, Paul Barnett, Richard Bauckham, Brand Pitre, Craig Blomberg, Michael Bird, Peter J. Williams, N. T. Wright, Gary Habermas und – nota bene – der emeritierte RTS-Professor Charles E. Hill. (Es sei angemerkt, dass Murray auch die Werke skeptischer Wissenschaftler wie Brian Greene, Sean Carroll, John Dominic Crossan und Bart Ehrman herangezogen hat – was die Bedeutung fundierter Wissenschaft zur Verteidigung des orthodoxen Christentums noch weiter unterstreicht.)

Die übergeordnete These von Taking Religion Seriously ist relativ bescheiden: Jeder, der sich Fragen der Religion mit offenem Geist und dem Engagement eines Wissenschaftlers nähert, den Beweisen zu folgen, wohin sie auch führen mögen, wird entdecken, dass es ernstzunehmende Argumente gegen den materialistischen Atheismus und zugunsten des christlichen Theismus gibt. Ob ein Ungläubiger solche Themen – abgesehen von einem Wirken göttlicher Gnade – wirklich unvoreingenommen angehen kann, ist eine Frage, die in dem Buch nicht aufgeworfen wird. Dennoch ist Murrays persönliches Zeugnis ein Grund zur Freude: „Gottes Gnade ist für mich Wirklichkeit geworden“ (S. 153). Man kann fast hören, wie sich die Engel im Himmel freuen.

Mehr: journal.rts.edu.

David Hume (1711–1776)

David Humes Todestag hat sich am 25. August zum 205. Mal gejährt. Er wurde im Mai 1711 in Edinburgh (Schottland) geboren und als Kind von seiner Mutter gewissenhaft in den Lehren des Calvinismus unterrichtet (sein Vater starb, als er ca. 2 Jahre alt war). Als junger Mann verwarf Hume allerdings den christlichen Glauben und entwickelte sich zu einem der schärfsten Aufklärer und Religionskritiker der Neuzeit. Er widmete sich dem Ziel, die Autorität von Offenbarung, Wundern und den klassischen Gottesbeweisen philosophisch zu erschüttern.

Es scheint so, dass ihm eine unter Frommen manchmal verbreitete Doppelmoral tief aufgestoßen ist. Ja er ging sogar davon aus, dass religiöse Menschen besonders unmoralisch leben. In seiner Naturgeschichte der Religion schreibt er (Meiner Verlag, 2000, S. 70–71):

Was für ein edles Vorrecht ist es doch für die menschliche Vernunft, die Erkenntnis des höchsten Wesens zu erlangen und von den sichtbaren Naturwerken auf ein so erhabenes Prinzip wie das ihres höchsten Schöpfers schließen zu können! Aber man betrachte einmal die Kehrseite der Medaille. Wenn man die meisten Völker und Jahrhunderte überblickt und diejenigen religiösen Prinzipien untersucht, die tatsächlich in der Welt geherrscht haben, so wird man kaum zu der überzeugung gelangen, daß sie etwas anderes als die Träume kranker Menschen sind; es sei denn, man zöge es vor, sie eher für übermütige Grillen von Affen in Menschengestalt als für ernsthafte, bestimmte und dogmatische Überzeugungen eines sich selbst mit dem Namen „vernünftig“ schmückenden Wesens zu halten.

Hört man die verbalen Beteuerungen der Leute an, so ist nichts so gewiß wie die Lehre ihrer Religion; untersucht man jedoch ihren Lebenswandel, so wird man kaum annehmen, daß sie das geringste Vertrauen in sie setzen. Der größte und aufrichtigste Eifer gewährt uns keine Sicherheit vor der Heuchelei; die offensichtlichste Gottlosigkeit ist von geheimer Furcht und Gewissensbissen begleitet.

Es gibt keine noch so schreienden theologischen Unsinnigkeiten, die nicht bisweilen von Leuten mit größtem und gebildetstem Verstand angenommen, und keine noch so strengen religiösen Vorschriften, die nicht von den wollüstigsten und lasterhaftesten Menschen befolgt worden wären. „Unwissenheit ist die Mutter der Frömmigkeit“: ein Satz der sprichwörtlich ist und durch allgemeine Erfahrung bestätigt wird. Man halte nach einem Volk Ausschau, das ohne jede Religion ist. Wenn sich ein solches überhaupt findet, dann darf man sicher sein, daß die Menschen dort nur wenige Grade von den Tieren entfernt sind.

Was ist so rein wie manche Sittenlehren, die in einigen theologischen Systemen enthalten sind? Was ist so verderbt wie einige der Handlungen, die von diesen Systemen veranlaßt werden? Die tröstenden Aussichten, die uns der Glaube an ein zukünftiges Leben eröffnet, sind entzückend und herrlich. Wie schnell aber vergehen sie angesichts seiner Schrecken, die fester und dauerhafter Besitz von dem menschlichen Gemüt ergreifen?

Hume wollte daher eine Morallehre entwickeln, die ohne göttliches Gesetz auskommt. Ob ihm das gelungen ist, hat James N. Anderson in seiner Einführung zu Hume untersucht (#ad):

  • James N. Anderson, David Hume, R&P Publishing, 2019.

Die vergebliche Suche der Moderne nach einem guten Leben

Im vergangenen Jahr wurde ich im Rahmen des Projekts „Forming a Christian Mind“ von einer Gruppe Studenten der Universität Cambridge eingeladen, um mit ihnen einige drängende Fragen zu klären. Erstens: Was bedeutet es, ein „gutes Leben“ zu führen? Zweitens: Würden Christen in der heutigen westlichen Welt diese Frage anders beantworten als ihre säkularen Nachbarn? Zu diesem Thema gibt es kaum ein aufschlussreicheres Buch als Charles Taylors umfangreiches und brillantes Werk Quellen des Selbst.

James Eglinton schreibt dazu:

Es stellt sich natürlich die Frage, warum man zur Beantwortung der genannten Fragen ein so komplexes Buch über moderne Identitätsbildung zurateziehen sollte. Taylor argumentiert, dass wir das „gute Leben“ erst dann begreifen können, wenn wir verstanden haben, wie unsere Identität überhaupt entsteht. Worauf meine Identität gründet, bestimmt letztlich auch, ob ich mein Leben als „gut“ empfinde.

Das Buch Quellen des Selbst beginnt mit einer provokanten Behauptung. Im modernen Westen beschreiben wir unsere Kernidentitäten trotz aller Fokussierung auf unser komplexes Innenleben anhand erstaunlich einfacher Begriffe. Wir betrachten und präsentieren uns – und andere – auf eindimensionale Weise. Wenn wir fragen „Wer sind wir?“, reduzieren wir alles auf ein einziges Etikett und schreiben ihm eine tragende Rolle bei unserer Identitätsbildung zu. Für die einen ist dieses Etikett die Nationalität, für andere der Beruf, die Geschlechtsidentität, die sexuelle Orientierung, die soziale Klasse oder eine gesellschaftliche Rolle. In den sozialen Medien wird dieser Reduktionismus besonders deutlich: Wer sich auf einer Plattform wie X registriert, muss als Erstes in seiner Bio schreiben, wer er ist – und das in maximal 160 Zeichen.

Eine der Leitideen in Quellen des Selbst ist jedoch, dass unsere Identität weitaus komplexer ist, als unsere reduktionistischen Tendenzen vermuten lassen. Die menschliche Identität ist alles andere als geradlinig. Um dies zu verdeutlichen, knüpft Taylor Verbindungen über weite Zeiträume hinweg – von Homer bis Platon, von Augustinus bis Calvin, von Descartes über Herder bis Kant und schließlich bis zu uns. Auf diese Weise entwirft er ein Bild der modernen westlichen Identität. Wenn man für diese generische westliche Person eine X-Bio schreiben müsste, würde sie in etwa so lauten: #UniverselleGerechtigkeit #GutesTunInDerWelt #Gleichheit #Freiheit #LeidenVermeidenWollen.

Diese Werte sind insofern typisch westlich, als dass sie nicht von allen Kulturen zu allen Zeiten geteilt wurden. Die alten Spartaner sahen im Leiden etwas Charakterbildendes und im Schmerz ein nützliches Werkzeug. Die konfuzianische Kultur bejaht Hierarchien – statt Gleichheit – als natürlich und notwendig. In ihrer vorchristlichen Vergangenheit war der nordischen Kultur ein würdevoller Tod wichtiger als ein moralisches Leben. Und die heidnische römische Kultur betrachtete eine Sklavenklasse als notwendig, um das Aufblühen ihrer freien Bürger überhaupt erst zu ermöglichen.

Im Gegensatz dazu empfindet die moderne westliche Identität die Werte dieser alten Kulturen als völlig fremd und rückschrittlich. Allerdings ist unsere eigene Identität laut Taylor keineswegs einheitlich. Vielmehr unterscheidet sich die Art und Weise, wie wir unsere Intuitionen in Bezug auf Gerechtigkeit, Gleichheit, Nächstenliebe, Freiheit und Leiden begründen, von Mensch zu Mensch drastisch. Das liegt daran, dass wir keinen homogenen moralischen Orientierungsrahmen mehr teilen.

Wie also würden zwei Menschen, die in der westlichen Kultur aufgewachsen sind – der eine christlich, der andere säkular –, die Frage „Was ist ein ‚gutes Leben‘?“ beantworten? Quellen des Selbst kommt zu einer beachtlichen Erkenntnis: In beiden Fällen, so Taylor, sei das Konzept eines „guten Lebens“ von den Vorstellungen von Rechtfertigung und Heiligung bestimmt. Ich möchte mich im Folgenden darauf konzentrieren, wie genau diese Konzepte Christen eine einzigartige Perspektive auf die moderne Identitätsbildung eröffnen.

Mehr: www.evangelium21.net.

Die Aufblähung des Menschen als endlichen Subjekt

Wolfhart Pannenberg schreibt (Theologie und Philosophie, Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht, 1996, S. 286–287):

Gerade bei der Reflexion auf die unvermeidliche Endlichkeit menschlicher Denkvollzüge sollte jedoch Hegels Einsicht festgehalten werden, daß die Eliminierung Gottes aus unserem Erkennen durch die Verstandeskritik der Aufklärung zur Aufblähung des Menschen als endlichen Subjekts geführt hat, so als sei der Mensch in seiner Endlichkeit absolut. Man kann sich nicht in scheinbarer Demut auf die eigene Endlichkeit und das Bewußtsein nur endlicher Inhalte beschränken, ohne damit das Endliche als solches und vor allem die Endlichkeit des Menschen selber und das eigene Ich zum Absoluten zu machen und also faktisch an die Stelle Gottes zu setzen.

Die Logik des Herzens bei Pascal

Christian Link schreibt über den apologetischen Ansatz von Pascal („Pascal und die Krise der neuzeitlichen Metaphysik“, Zeitschrift für Theologie und Kirche 121, 1 (2024), S. 48–81, hier S. 52):

Der Anruf an den Gott der Bibel gewinnt sein Gewicht und seine Wahrheit durch die Verleugnung des „Gottes der Philosophen“, der in der wissenschaftlichen Tradition als Ursprung des Seins und der Wahrheit gedacht wird. Mit dieser Absage an den vorchristlichen Gott der Antike ist die Metaphysik in ihre tiefste Krise geraten. Denn wenn die Philosophie Gott nicht mehr als Grund der Wahrheit in jeglichem Denken mitzudenken vermag, wenn sie, wie heute am Tage liegt, von Gott schweigt, dann muss die jahrhundertelang festgehaltene Synthese von biblischer Wahrheit und metaphysischer Gewissheit zerbrechen. Pascal hat diesen (bei Nietzsche definitiv erreichten) kritischen Punkt bereits im 17. Jahrhundert vorweggenommen. Der Horizont, den die Wahrheit der Offenbarung uns öffnet – das ist die provozierend neue Einsicht – ist der Wahrheit des Denkens schlechthin entgegengesetzt. Sie gehört einer anderen Quelle und Ordnung an, der Ordnung und Logik des Herzens. Die in und mit den Pensées vorbereitete Apologie des Christentums hat folgerichtig auf alle metaphysischen Hilfestellungen verzichtet. Ihr neuer Adressat und Partner ist die aus dieser obsolet gewordenen Klammer entlassene Wissenschaft selbst. Mit den Worten einer zeitgenössischen Interpretin, Irène E. Kummer, gesagt: „Pascals Apologie war die erste, welche den neuen Geist der Wissenschaft, des kritischen Denkens, das sich aus dogmatischen und theologischen Bindungen gelöst hatte, nochmals auf den Glauben zu beziehen, versuchte, gerade indem er die säkularisierenden Tendenzen ernst nahm und einbezog. Die Pensées sind also eigentlich der erste Dialog des modernen Menschen mit dem Glauben.“

Warum es Kirchengemeinden gibt

Mein Fazit zu dem Buch: Brad Edwards, The Reason for Church: Why the Body of Christ Still Matters in an Age of Anxiety, Division, and Radical Individualism (#ad, Grand Rapids, MI: Zondervan Reflective, 2025):

The Reason for Church ist eine erfrischende Verteidigungsschrift für die Institution Kirche. Solche Bücher sind wieder notwendig geworden, da nicht nur Skeptiker die Kirche von außen kritisch unter die Lupe nehmen, sondern auch innerhalb der christlichen Gemeinschaft das Ansehen von Kirchengemeinden stark gelitten hat. Nicht wenige meinen, Glaube ließe sich auch ohne Gemeindeanschluss ausleben. Sie nehmen mit, was zu ihnen passt und möglichst wenig kostet. Damit wird Gott klein gemacht. Ein spiritueller Patchworkpragmatismus betrachtet „die Anbetung durch ein Fernglas rückwärts: Er minimiert Gott, indem er unser Wohl statt seiner Herrlichkeit zum Maßstab für unsere wöchentliche Anbetung macht“ (S. 22).

Edwards Ausführungen gehen über das hinaus, was wir in anderen Büchern über die Bedeutung von lokalen Gemeinden finden. Im ersten Teil liefert er aufschlussreiche soziologische und geistliche Analysen zu den Faktoren, die das geistliche Leben zurückdrängen. Nach der Lektüre wurde mir deutlich, wie sehr ich selbst durch den radikalen Individualismus beeinflusst bin. Die Kultur, mit der ich groß geworden bin, hat sich tief in meine Seele eingeprägt. Und die Gemeinde ist der Ort, an dem Gott mich mit seinem Evangelium umprägen möchte.

Im zweiten Teil lenkt Edwards unseren Blick auf die Schönheit und Transformationskraft lokaler Gemeinden. Dabei nimmt er die Zweifel und Ängste, die viele Menschen im Hinblick auf das Gemeindeleben hegen, ernst. Manche von uns haben erlebt, wie Machtkämpfe, unheilsame Lehren, Lieblosigkeit oder eine evangeliumsarme Verkündigung das geistliche Leben dämpfen oder gar zum Erliegen bringen können. Solche Erfahrungen müssen wir jedoch nicht mit Rückzug, Einsamkeit oder Zynismus quittieren. Edwards liefert Entmutigten und Verunsicherten überzeugende Argumente, die Ortsgemeinde als Gottes Geschenk zu schätzen und zu lieben.

Ich bin nicht mit allem in gleicher Weise glücklich, was Brad Edwards schreibt. Und es ist für mich als Europäer zu sehr auf die Gegebenheiten in Nordamerika zugeschnitten. Aber insgesamt handelt es sich bei The Reason for Church um ein exzellentes Buch, das ich sehr gern empfehle.

Mehr: www.evangelium21.net.

Carl Trueman und Michael Horton im Gespräch über das spätmoderne Menschenbild

Carl Trueman und Michael Horton haben Bücher verfasst, in denen sie die geistliche Entstehungsgeschichte nachzeichnen, die zu unserer heutigen Verwirrung geführt hat. Das neuste Buch von Trueman heißt: The Desecration of Man: How the Rejection of God Degrades Our Humanity (#ad). Michael Hortens neustes Buch ist: Magician and Mechanic: The Roots of „Spiritual but Not Religious“ from the Renaissance to the Scientific Revolution (#ad).

Kürzlich haben beide miteinander gesprochen. In diesem Gespräch verfolgen sie den langen Bogen von der Renaissance bis in die Gegenwart. Ihre These vereinfacht ausgedrückt: Nach dem „Tod Gottes“ verschwindet auch der Mensch. 

Hier der Mitschnitt: 

Francis Schaeffer und dekonstruktivistische Spiritualität

Im Jahr 1951 erlebte Francis Schaeffer eine Glaubenskrise, die später als sein „Heuboden‑Erlebnis“ betitelt werden sollte. Nachdem er die inkonsequente christliche Praxis bei den Menschen um ihn herum und in seinem eigenen Leben beobachtet hatte, erklärte Schaeffer, er müsse zu seinem Ausgangspunkt zurückkehren und seine gesamte Position in Bezug auf das Christentum neu überdenken. Er gab an, er sei an den Anfang seines Denkens zurückgekehrt und habe sich durch all seine Überzeugungen in Bezug auf das Christentum hindurchgearbeitet, wobei er zu dem Schluss kam, dass es tatsächlich wahr ist.

Christopher Talbot meint, dass sich aus Schaeffers radikalem Umgang mit seinen Zweifeln einiges für den heutigen Umgang mit der sogenannten „Dekonstruktion“ lernen lässt. In dem Aufsatz „Die Sonne kam raus und das Lied erklang“ zeichnet er die Krise nach und gibt einige hilfreiche Hinweise für die Gegenwart. 

Zitat: 

Schaeffers Krise führte nicht dazu, dass sein Pendel zu einer anderen Art von Christentum oder gar keinem Christentum ausschlug; sondern dazu, dass er sowohl die intellektuelle als auch die geistliche Realität des historischen christlichen Glaubens bejahte. Schaeffer hatte seine eigene spirituelle Krise durchlebt, in der er das Christentum in seiner Gesamtheit überdachte. Er war bereit, es vollständig zu verwerfen. Dennoch überwand er diese Zeit tiefer Zweifel; er brach durch zu einem neu entfachten Eifer für die Wahrhaftigkeit des christlichen Glaubens. Sein eigenes Engagement, seine apologetische Methode und seine Sichtweise auf das Zeugnis der Kirche im 20. Jahrhundert sind Belege eines Menschen, der sich mit Zweifeln auseinandergesetzt hat und sich um diejenigen kümmerte, die selbst mit Zweifeln kämpfen.

Schaeffer bemühte sich nicht um eine Weiterführung der Dekonstruktion, sondern führte sich und diejenigen, denen er diente, in Richtung Rekonstruktion – hin zu einer Sichtweise, die den christlichen Glauben als wahr für das gesamte Leben betrachtet. Er sah das historische Christentum als etwas Ganzheitliches und Absolutes an. Er erlebte tiefe Zweifel und diente konsequent denen, die zweifelten, während er gleichzeitig auf den ewigen, persönlichen Gott hinwies, der tatsächlich da ist. Schaeffer war nicht perfekt und bietet kein makelloses Vorbild. Dennoch verstand er das Christentum als etwas, das man nur entweder vollständig annehmen oder aber vollständig ablehnen kann. Dies spiegelt sich wieder in seiner Apologetik, die eine ganzheitliche Welt- und Lebensanschauung bietet, welche verifiziert und getestet werden kann. Voll Mitgefühl setzte Schaeffer diese überzeugende Apologetik in die Tat um. Schließlich stellte er die wahre christliche Position konsistent klar und versuchte, das wahre Christentum von unnötigem oder schädlichem kulturellen Ballast zu befreien. Durch die konsequente Umsetzung dieser Elemente bietet uns Francis Schaeffer heute eine überzeugende Vision, wie wir Menschen begleiten können, an denen Dekonstruktion und Zweifel nagen – eine Vision, die heute weitsichtiger denn je erscheint. Wenn wir Schaeffers Vorbild folgen, können wir Menschen, die selbst geistliche Zweifel durchleben müssen und daraus hervorgehen, dazu verhelfen, zu sagen: „Allmählich kam die Sonne raus, und das Lied erklang.“

Mehr: www.evangelium21.net.

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