Alexander Dugin

Kognitive Krieger

Kerstin Holm beschreibt in ihrem Artikel „Kognitive Krieger“, wie einige Eliten in Russland den Ukrainefeldzug und die antiwestliche Politik intellektuell rechtfertigen (FAZ, Nr. 34, 10.02.2026, S. 11). Dabei ist natürlich auch Alexander Dugin mit seiner „eurasischen Theorie“ (ich empfehle dazu den Aufsatz „Eurasien aus neototalitärer Sicht: Zur Renaissance einer Ideologie im heutigen Russland“ von Leonid Luks). 

Hier ein längeres Zitat aus dem Artikel von Kerstin Holm:

Auch wenn unklar bleibt, ob Russland seine Einflusssphäre erweitern kann, wird die Militarisierung der Gesellschaft im Bildungssystem vorangetrieben. Die Geistes- und Sozialwissenschaften lehren, Gehorsam gegenüber den Machthabern sei erste Bürgerpflicht, und westliche Ideen etwa von der Emanzipation des Individuums führten ins Verderben.

Der Vordenker eines apokalyptischen Kampfes zwischen Russland und dem Westen, Alexander Dugin, der an der Moskauer Geisteswissenschaftlichen Universität die Iwan-Iljin-Schule für Politik leitet und den Ukrainekrieg preist, propagiert schon lange die Rückkehr eines „glänzenden“ Mittelalters. Dugin, ein belesener Autodidakt, der sich für antimodern-okkulte Denker wie René Guénon und Julius Evola, aber auch Heidegger begeistert, hat soeben ein fast 900 Seiten starkes Lehrbuch für das von ihm erfundene Fach „Westkunde“ (Westernologija) herausgebracht, worin er die westliche Aufklärung und Renaissance, die zu Liberalismus, Genderpolitik und Transhumanismus führten, zum absoluten Bösen erklärt.

Schlüssige Argumente und Analysen sind Dugins Sache nicht, er bevorzugt eine dunkel dräuende Rhetorik, bei der Verweise auf das Metaphysische vor allem die Vertikale der Autorität abbilden und dem Adressaten seine Nichtigkeit vorführen. Der Guru des Eurasiertums instrumentalisiert insbesondere die kontemplative ostkirchliche Gebetspraxis des Hesychasmus politisch und leitet von ihr ein autoritär-antieuropäisch staatlich-religiöses System mit sakralisierter Macht ab.

Dugins Mitstreiter sind eine Gruppe sogenannter Z-Philosophen – nach dem Z-Zeichen für den russischen Ukrainefeldzug –, die zur Mobilmachung gegen den Westen aufrufen und das gesamte zivile und kulturelle Leben ihres Landes als „Hinterland“ definieren, das den Militäreinsatz stützen soll. Einer davon ist der an Dugins Iljin-Schule als Experte geführte Wladimir Warawa, der voriges Jahr ein Buch über den Sowjetschriftsteller Andrej Platonow (1899 bis 1951) mit dem Titel „Der russische Soldat ist für mich heilig“ und der Gattungsbezeichnung „Philosophie des Krieges“ herausgebracht hat. Platonows Hauptwerke wie die Romane „Tschewengur“ oder „Die Baugrube“ vergegenwärtigen zugleich die utopischen Hoffnungen des sowjetsozialistischen Projekts und seine dystopische Umsetzung, weshalb sie erst während der Perestrojka in den späten Achtzigerjahren erscheinen konnten.

Selenskyj als Antichrist

Reinhard Flogaus beschreibt in einem Gastbeitrag für die FAZ (27.01.2022, Nr. 301, S. 15), dass die politische, mediale und kirchliche Propaganda in Russland zunehmend religiöse Bilder für die Rechtfertigung des Krieges mit der Ukraine in Anspruch nimmt. Die verwendeten Assoziationen und Sinnbilder sind absurd. Ich befürchte jedoch, dass es Anhänger gibt, die darauf reinfallen.

Einige Beispiele:

Der von Putin gegen den Westen gerichtete Vorwurf des Satanismus war schon im April von dem russischen Ultranationalisten Alexander Dugin zur Rechtfertigung des Krieges in der Ukraine benutzt worden. In einem Artikel bezeichnete Dugin den Krieg in der Ukraine als Auseinandersetzung zwischen „geistigen Wirklichkeiten“. Entweder die Ukraine komme wieder „unter die Herrschaft Christi und seiner unbefleckten Mutter, oder sie wird unter der Herrschaft Satans bleiben“, so Dugin. Mit dem Kampf in der Ukraine habe die große endzeitliche Schlacht zwischen der „Orthodoxen Zivilisation“ und „der Welt des westlichen Antichrists“ begonnen. Auf die Pest der Corona-Pandemie folge nun der zeite apokalyptische Reiter – der Krieg. Nicht Russland brauche die Ukraine, wohl aber Christus.

Fanden Dugins Endzeitphantasien zunächst kein großes Echo, so änderte sich dies nach Putins Anprangerung des angeblichen „Satanismus“ des Westens. Zu den Kriegszielen der Entnazifizierung und Entmilitarisierung der Ukraine kam in der russischen Propaganda nun auch das der „Entsatanisierung“. Als Erster forderte dies das Oberhaupt der Republik Tschetschenien, Ramsan Kadyrow. Aber auch Alexej Pawlow, der stellvertretende Sekretär des Russischen Sicherheitsrates, behauptete, die satanischen Kulte nähmen in der Ukraine überhand und Russland müsse die Ukraine „entsatanisieren“. Schon der Umsturz in der Ukraine 2014 sei ein Werk neuheidnischer Kräfte gewesen. Und Ex-Präsident Dmitrij Medwedjew, der sich seit geraumer Zeit als der radikalste Kremlvertreter zu profilieren sucht, beschimpfte am 4. November, dem russischen „Tag der Einheit des Volkes“, die ukrainische Regierung als einen „Haufen von Wahnsinnigen und Drogensüchtigen“ und erklärte, es sei die Aufgabe Russlands, in der Ukraine den obersten Herrscher der Hölle zu stoppen, egal welchen Namen er trage – „Satan, Luzifer oder Iblis“. Anfang Dezember wurde im russischen Staatsfernsehen allen Ernstes diskutiert, ob Selenskyj selbst der Antichrist sei oder nur einer seiner Dämonen.

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