Biographien

Wie Tim Keller sein Leben in seinen letzten Jahren neu ordnete

Michael Keller beschreibt in The Stories We Live By (2016, #ad), wie sein Vater sein Leben nach der Krebsdiagnose neu geordnet hatte: 

Wenn Gott deine größte Liebe ist, kannst du deine Arbeit lieben und deine Familie lieben – in dem Glauben, dass Erfolg und Misserfolg in beiden Bereichen von Bedeutung sind –, aber keine dieser Lieben wird dich zerstören, denn dein Wert wurzelt in Gottes Liebe, nicht in dem, was bei der Arbeit oder in deiner Familie geschieht. Du kannst deine Arbeit wertschätzen und dich um deine Familie kümmern, ohne von ihnen zu verlangen, dass sie dich heilen oder dir einen ultimativen Sinn geben.

Woran erkennst du, ob deine Liebe aus dem Gleichgewicht geraten ist? Drei Fragen decken deine Prioritäten auf. Erstens: Was bereitet dir im Leben die größte Unruhe? Die Dinge, die dir den Frieden rauben, verraten oft, worauf du dich für deine Sicherheit verlässt. Zweitens: Wohin wandern deine Gedanken, wenn sie abschweifen? Deine Tagträume offenbaren deine Sehnsüchte. Worüber du fantasierst, verrät, von welchen Dingen du glaubst, dass sie dich glücklich machen. Und drittens: Wofür gibst du am großzügigsten Geld aus? Kontoauszüge lügen nicht. Wohin du dein verfügbares Einkommen fließen lässt, weist oft auf die Dinge hin, von denen du glaubst, dass sie dir Leben schenken. Wenn du dir diese Fragen stellst, kannst du die Bereiche erkennen, in denen deine Liebesbeziehungen aus dem Gleichgewicht geraten sind.

Ich habe diese Neuordnung im Leben meines Vaters während seiner letzten Krankheitsjahre beobachtet. Als der Krebs deutlich machte, dass seine Tage gezählt waren, änderten sich seine Gewohnheiten. Er war sowohl weniger getrieben als auch fokussierter. Die Dinge, die ihm am meisten am Herzen lagen – die Zeit mit meiner Mutter, das Fertigstellen wichtiger Projekte und die Verbindung zu seinen Söhnen –, genoss er mehr denn je, auch wenn seine Zeit für alles andere immer knapper wurde. Er strahlte eine Leichtigkeit aus, die ich erst jetzt benennen kann: Er brauchte keines seiner Bestrebungen mehr, um sich vollständig zu fühlen. Er war in diesen letzten Jahren kein Mann, der gelernt hatte, weniger zu lieben; er war ein Mann, der gelernt hatte, seine Liebe in die richtige Reihenfolge zu bringen.

Was bedeutet es, „Gott mehr als alles andere zu lieben“? Man kann nicht einfach einen Schalter umlegen oder diesen Satz wiederholen, um das zu erreichen. Man kann sein Herz auch nicht durch Schuldgefühle, Geschrei oder Befehle dazu zwingen. Was man braucht, ist eine Erfahrung, die das Herz in ihren Bann zieht und die Liebe neu ordnet.

Wie können wir das erreichen? Papa verwies auf Johannes 6,27–35: „Jesus sagt nicht: ‚Ich werde euch das Brot des Lebens geben‘, als wäre er ein Austeuerer geistlicher Wohltaten. Er behauptet, das Brot des Lebens zu sein.“ Was bedeutet das? Wenn wir Brot essen, stirbt das Korn, damit wir leben.

Das ist die Logik des stellvertretenden Opfers. Jesus bietet uns keine geistlichen Produkte an; er bietet uns sich selbst an. Am Kreuz hat Jesus wahrhaftig sein eigenes Glück um unseretwillen beiseitegeschoben. Warum? In Hebräer 12,2 heißt es, es sei „um der Freude willen, die ihm in Aussicht gestellt war“. Was ist seine Freude und sein Glück? Das sind du und ich. Er hat dich und mich zu seinem Glück gemacht. Er hat den Verlust, den Schmerz und den Tod auf sich genommen, die wir verdienen, weil wir uns in jeder Hinsicht auf unser eigenes Glück statt auf das Glück anderer konzentrieren – damit wir das Glück haben können, das ihm zusteht.

Quelle: www.christianitytoday.com.

Der lange Schatten von Paul Tillich

Im Dezember 2010 habe ich hier im TheoBlog kurz auf die Radiosendung „Grenzgänger der Liebe: Karl Barth und Paul Tillich im Wechselspiel ihrer Beziehungen“ hingewiesen (der Audiobeitrag ist inzwischen beim BR nicht mehr zu finden). Berichtet wurde darin über Karl Barths Verhältnis mit Charlotte von Kirschbaum (vgl. hier), und Paul Tillichs Leben „on the boundary-line“. Zu hören war im O-Ton etwa Max Horkheimer, der über Tillich verniedlichend die Auskunft gab:

Wenn sie mit ihm ausgingen und man stand vor einem schönen Lokal, auch sogar vor einem Nachtlokal, so konnte er durchaus sagen, wollen wir nicht da hineingehen. Und er hätte sich gut unterhalten. Aber, in einer Weise, die das, was Treue heißt, nicht berührte. Er war fähig, Menschen die Treue zu halten. Ohne dass er gegen andere Menschen verschlossen wurde.

Hanna Tillich wurde mit den Worten zitiert (Hannah Tillich: Ich allein bin, S. 184):

Als ich Paulus’ Vorliebe für Pornographie entdeckte, war ich schockiert und verstört. Ich weinte und war so entsetzt über das verzerrte Menschenbild, das in meinen Augen dahinter stand, dass ich mich einem befreundeten Psychoanalytiker anvertraute, der mir half, die Motive zu verstehen, die der Beschäftigung mit Pornographie zugrunde liegen. Daraufhin versuchte ich von mir aus, Paulus mit pornographischer Lektüre zu versorgen, was natürlich nicht funktionierte, da der Hauptreiz für ihn ja darin lag, sie vor mir geheim zuhalten. Dennoch benutzte er mich, um bestimmte Bücher zu bestellen, und natürlich hatten seine vielen Freundinnen Spaß daran.

Tillich holte sich in den Grenzerfahrungen sado-masochistischer Sexualpraxis Energie für seine theologische und politische Arbeit. Viele Freunde und Bekannte wussten das. Doch den Lesern seiner theologischen Werke blieb das in der Regel verborgen.

Peter Bruderer hat sich nun die Mühe gemacht, diesem „Mysterium” auf den Grund zu gehen. Herausgekommen ist ein gründlich recherchierter Aufsatz, der nebenbei nachzeichnet, dass Paul Tillich unter Postevangelikalen gerade eine Renaissance erlebt. Zitat:

In der Theologie verhält es sich ähnlich wie in der Musik oder Mode. Trends lösen einander ab, während altbekannte Themen und Persönlichkeiten immer wieder eine Renaissance erleben. So ist es auch bei Paul Tillich (1886–1965).

In den vergangenen zirka 15 Jahren beginnen die theologischen Ideen von Tillich bei Aushängeschildern der Emergent-Church-Bewegung wie zum Beispiel Brian McLaren, Rob Bell oder Tripp Fuller wieder zu zirkulieren. So wies ein Gastbeitrag auf dem Blog von Tripp Fuller im Jahr 2013 auf die vielen Parallelen zwischen der Theologie von Paul Tillich und den Inhalten des Rob-Bell-Buches „What We Talk About When We Talk About God“ hin. In einem weiteren Artikel aus dem Jahr 2014 würdigt Brian McLaren Tillich, indem er ihn mit einem Arzt vergleicht, der einem Patienten eine anspruchsvolle, aber dringend notwendige Chemotherapie verschreibt.

Ähnliche Töne sind bei den heutigen Erben der Emergent-Church-Bewegung zu hören, die sich in den postevangelikalen Netzwerken sammeln. So begründet beispielsweise der bekannte Songwriter Martin Pepper im Jahr 2018 seinen Eintritt in die Evangelische Kirche in Deutschland unter anderem mit Paul Tillich. In einem Facebook-Post erklärt er, er habe sich „mit Faszination durch die Systematische Theologie von Paul Tillich“ durchgearbeitet und „autodidaktisch alle wichtigen Veröffentlichungen von ihm mehrfach durchgearbeitet“.

Der Theologe Thorsten Dietz hat im Jahr 2020 das Wirken von Tillich in einem ausführlichen und vielgesehenen Beitrag auf dem Worthaus-Portal präsentiert. Damit liegt er möglicherweise (mit) am Ursprung der kleinen Tillich-Renaissance im deutschsprachigen, postevangelikalen Milieu. Auch Martin Thoms, das jüngste Mitglied in der postevangelikalen Elite, hat Tillich gelesen und dabei erkannt: „Gott und Welt sind keine Gegensätze, sondern zwei Seiten derselben Wirklichkeit.“ Denn „Gott ist die Tiefe des Seins“. Zuletzt hat der junge Theologe Manuel Gräßlin in seinem vielbeachteten Buch „Theophobie – Warum Gott nicht sicher, aber gut ist“ (2026, SCM Brockhaus) in die Lobeshymne auf Paul Tillich eingestimmt. Als Pastor einer ICF-Gemeinde kann Gräßlin dem evangelikalen Milieu zugerechnet werden. In seinem Buch bezeichnet er Tillich als „großen Theologen des 20. Jahrhunderts“ und basiert seine eigenen Gedanken über Zweifel auf dessen „klugen theologischen Überlegungen“.

Das von Tillich entwickelte Korrelationsprinzip hat auch meines Erachtens sehr wirkmächtig zur Entstehung des dekonstruktivistischen Postevangelikalismus beigetragen. Frau Anika Rönz hatte 2012 meine Sichtweise zutreffend wiedergegeben (Materialdienst der EZW, Zeitschrift für Religions- und Weltanschauungsfragen, 75. Jg., 7/12, S. 257–263, hier S. 260–261):

So formuliert beispielsweise Ron Kubsch, Dozent am Martin Bucer Seminar und aktiver Blogger, folgende Vorbehalte: Zum einen problematisiert er den „pluralistischen Denkstil“ von Christinnen und Christen, die der Emerging-Church-Bewegung zuzurechnen sind. Dieser steht für ihn im Gegensatz zur biblischen Forderung nach einem unterscheidenden Denken. Hinzu kommt für ihn eine von der Emerging-Church-Bewegung betriebene Relativierung der Schriftautorität, die sich über das Sola-Scriptura-Prinzip des Protestantismus hinwegsetze und die Bibel nach dem Korrelationsprinzip nach Paul Tillich in einer Wechselbeziehung zwischen biblischer Wahrheit und kulturellen Kategorien auslege. Ebenso wirft er der Bewegung eine Verengung der Sünden- und Sühnopferlehre vor: Indem sie das Sühnopfer Jesu vor dem Hintergrund eines bestimmten Gottesbildes ablehne, verkürze sie die biblische Lehre von Sünde und Sühne. Als einen weiteren Kritikpunkt nennt Kubsch schließlich eine „Religionsvermischung“ und kritisiert hiermit zum einen die Übernahme von Praktiken aus anderen religiösen Traditionen (wie Yoga, Meditation etc.) als auch die schon angesprochene, innerhalb der Bewegung recht verbreitete theologisch-inklusivistische Haltung. Die Aussage beispielsweise, man könne gleichzeitig Hindu sein und Jesus nachfolgen, hält Kubsch für eine „merkwürdige“ Verzerrung des neutestamentlichen Verständnisses. Grundsätzlich sieht er das postmoderne Denken, wie es beispielsweise von Hegel, Nietzsche und Heidegger vertreten wurde, mit dem grundlegenden Gedanken der „Nicht-Existenz einer Metaregel“ im extremen Gegensatz zum Evangelium: „Streng genommen ist das Evangelium innerhalb eines postmodernen Bezugsrahmens überhaupt nicht verstehbar.“

Hier der empfehlenswerte Aufsatz von Peter Bruderer: danieloption.ch.

Warum sollte man heute noch Herman Bavinck lesen?

Der niederländische Theologe Herman Bavinck (1854–1921) erlebt derzeit eine bemerkenswerte Renaissance. Im deutschsprachigen Raum ist er leider weitgehend in Vergessenheit geraten. Es gibt jedoch einige Ausnahmen. So hat sich beispielsweise der Schweizer Hanniel Strebel sehr eingehend mit Bavinck beschäftigt. Zusammen mit Samuel Wiebe habe ich deshalb auf der E21-Konferenz in Hamburg mit Hanniel über diesen großen Theologen gesprochen, von dem wir auch heute noch viel lernen (und bald auch viel in deutscher Sprache lesen) können. (Beim Ton haben wir leider improvisieren müssen, weshalb die Qualität zu wünschen übrig lässt.)

Mehr hier: www.evangelium21.net.

Zum 350. Todestag von Paul Gerhardt

Gestern, am 27. Mai 2026, hat sich der Todestag von Paul Gerhardt zum 350. Mal gejährt. Mein Kollege Dirk Störmer hat zu diesem Anlass einen Artikel über sein Leben verfasst. In „Du meine Seele, singe, wohlauf und singe schön“, heißt es:

Die große Bekanntheit Gerhardts wäre heute sicher nicht mehr vorhanden, wäre er lediglich ein lutherischer Theologe gewesen, der eisern an seiner Prägung und Überzeugung festgehalten hat. Tatsächlich ist die Nachhaltigkeit seiner großen Bekanntheit allein auf sein dichterisches Schaffen zurückzuführen. Es ist nicht der Theologe, sondern der ausgesprochen beliebte Liederdichter, dessen 350. Todestag in diesem Jahr mit zahlreichen kirchlichen und anderen Veranstaltungen und Aktionen gedacht wird.

Dabei wird sicher auch an den glücklichen Umstand erinnert, dass Gerhardt 1643 auf den Kantor der Berliner Nikolaikirche Johann Crüger traf, der als Komponist Texte von Gerhardt vertonte und als Gesangbuchherausgeber Lieder von Gerhardt veröffentlichte. Auch Crügers Nachfolger Johann Georg Ebeling vertonte als Komponist Gerhardts Texte und veröffentlichte Dichtungen von Gerhardt. Die Verbindung der großartigen Texte von Gerhardt mit den großartigen Liedkompositionen von Crüger und von Ebeling ist einer der Gründe für den enormen Erfolg der Lieder von Paul Gerhardt. Ein anderer Grund für diesen Erfolg ist die Lebensnähe der Liedtexte, die stark geprägt wurden von Gerhardts Durchleiden des Dreißigjährigen Krieges, der Pest und der hohen Kindersterblichkeit. Die Realität des Leidens wird in den Werken Paul Gerhardts nicht verleugnet, sondern findet einen die Jahrhunderte überdauernden, sprachmächtigen Ausdruck. Nicht zuletzt aber ist der enorme Erfolg der Lieder auf ihre in Sprache gegossene Glaubenstiefe, auf die häufig genutzte Gebetsform und auf die in ihnen vorfindlichen Bibelparaphrasen zurückzuführen. Paul Gerhardts Texte „atmen“ Gottes Wort.

Trotz allem nachhaltigen Erfolg der Lieder werden sie in der Gegenwart infragegestellt. Manchmal bezieht sich diese Ablehnung lediglich auf die alte Musik. Ist diese Kritik konstruktiv, werden kreativ neue Kompositionen für die Originaltexte geschaffen, was durchaus bereichernd sein kann. Die Ablehnung geht aber oftmals über die Musik hinaus und bezieht sich auf die Liedtexte selbst. Manche Gemeinden möchten den Gottesdienstbesuchern die Texte wegen ihrer partiellen Unverständlichkeit nicht mehr zumuten. Offenbar halten sie es nicht mehr für möglich und sehen auch keine Aufgabe darin, Unverständliches zu erklären.

Die Ablehnung der Liedtexte hat noch eine andere Ursache: In manchen Gemeinden entsprechen die Verse nicht mehr den dortigen Kriterien für eine gendergerechte und rassismusfreie Sprache. Man ist deshalb bestrebt, die Texte von vermeintlich patriarchalen und kolonialen Lasten zu befreien – sie also zu säubern. Dabei scheut man sich nicht davor, die Inhalte sprachlich und theologisch ins Gegenteil zu verdrehen.

Mehr: www.evangelium21.net.

Die spirituelle Reise von David Bowie

81CGberCrWL. SL1500 .

Der Journalist Peter Ormerod hat ein Buch über die spirituelle Reise von David Bowie geschrieben. Der Verlag erklärt zu David Bowie and the Search for Life, Death and God: A Spiritual Meditation on His Music and Creativity (#ad, Bloomsbury Continuum, 2026):

Ormerod nimmt Bowies spirituelle Erkundungen und seinen Glauben ernst und zeigt uns, wie diese Suche nach Sinn ihn durch seine dunkelsten Momente und größten Erfolge trieb und seiner Musik eine Zeitlosigkeit und Tiefe verlieh, die so viele Menschen auf der ganzen Welt angesprochen hat. Ob er nun während seiner okkulten Phase in LA eine dunkle Nacht der Seele durchlebte oder vor Tausenden von Konzertbesuchern das Vaterunser rezitierte – Bowie war stets auf der Suche nach jener universellen Wahrheit, die jenseits der alltäglichen Realität liegt.

John Duggan hat für FIRST THINGS das Buch gelesen und seine Eindrücke in dem Artikel „The Church of David Bowie“ festgehalten. Über das „Vaterunser“, welches der Popstar spontan bei einem Freddie-Mercury-Tribute-Konzert im Jahr 1992 gesprochen hatte, sagt Duggan:

Wie steht Ormerod nun zu dem Gebet in Wembley, das für seine eigene These doch von enormer Bedeutung sein dürfte? Tatsächlich zeigt er seltsamerweise kaum Interesse an diesem Vorfall und erledigt ihn auf etwa zwei Seiten. Vielleicht weil er wusste, wie sehr Bowie aus dem Instinkt heraus handelte und wie diese Instinkte ihn schnell an einen ganz anderen Ort führen konnten, kam Ormerod zu dem Schluss, dass es sinnlos wäre, einer spontanen Geste eine präzise Bedeutung aufzubürden. Bowie sagte, er habe das Gebet einem Freund gewidmet, der an AIDS starb; und damit endet die Spur.

Doch das scheint eine schwache Schlussfolgerung zu sein. Schließlich sprach ihn der Gnostizismus, ein weiteres Glaubenssystem, mit dem sich Bowie beschäftigte, unter anderem deshalb an, weil es „keinen großen Schwerpunkt auf Sünde legte und keine Beichte erforderte“. Doch hier sprach er die Worte „vergib uns unsere Schuld“, „führe uns nicht in Versuchung“, „erlöse uns vom Bösen“. Warum sollte er dieses Gebet vor diesem Publikum bei dieser Veranstaltung rezitieren? Nutzte Bowie seinen Einfluss (und den Überraschungseffekt), um eine Botschaft zu vermitteln, die sonst nicht zu vermitteln gewesen wäre? In einem Beitrag für First Things im Juni 2018 vermutete John Waters, dass für einen intelligenten Mann wie David Bowie die verschiedenen Formen sexueller und narkotischer Abenteuerlust, die er Anfang der siebziger Jahre mit der Welt geteilt hatte, bis 1992 „längst aufgehört hatten, als eindeutige Freiheiten zu erscheinen“.

Mehr: firstthings.com.

Ein letztes Gespräch über letzte Dinge

Friedrich Wilhelm Graf (lehrte früher evangelische Theologie an der LMU in München) beschreibt in der FAZ sein letztes Gespräch mit Jürgen Habermas (FAZ, 16.03.26, Nr. 63, S. 11). Hier ein Auszug: 

Starnberg, 5. Januar. Nach dem üblichen Mittagessen beim Italiener in Söcking sprachen wir mehrere Stunden lang miteinander. Zunächst ging es, wie schon so oft, um Religion und Christentum. In einem kurzen Beitrag zur Festschrift für seinen Schüler Thomas Schmid, den wenige Tage zuvor gestorbenen Frankfurter katholischen Theologen und Religionsphilosophen, hatte er neuerlich darauf insistiert, dass eine nur schwache, rein symbolische Transzendenz des Einzelnen den starken Hoffnungspotentialen der alten christlichen Eschatologie nicht gerecht werde. Eine liberaltheologische Formel wie „Kein Mensch geht im Vorhandenen auf“ drohe die Substanz des Christlichen preiszugeben.

Aber Jürgen Habermas wusste auch, wie voraussetzungsreich und schwierig es unter postmetaphysischen Reflexionsbedingungen ist, alte Glaubensgehalte in einer intersubjektiv kommunikablen, also rationalen Sprache zu vergegenwärtigen. Dass ein Übersetzer in beiden Sprachwelten zu Hause sein müsse, es aber nicht mehr allzu viele religionssensible Vernunftdeuter gebe, räumte er ein. Er beschwor elementare Rettungsgewissheit und erinnerte gern an Gershom Scholem. Dessen Beerdigung im Februar 1982 in Jerusalem sei die berührendste, irgendwie schönste gewesen, an der er je teilgenommen habe. Vor Särgen, am offenen Grab sei ihm die heilsame Kraft von Kult und religiösem Ritus deutlich geworden.

Francis Schaeffer und dekonstruktivistische Spiritualität

Im Jahr 1951 erlebte Francis Schaeffer eine Glaubenskrise, die später als sein „Heuboden‑Erlebnis“ betitelt werden sollte. Nachdem er die inkonsequente christliche Praxis bei den Menschen um ihn herum und in seinem eigenen Leben beobachtet hatte, erklärte Schaeffer, er müsse zu seinem Ausgangspunkt zurückkehren und seine gesamte Position in Bezug auf das Christentum neu überdenken. Er gab an, er sei an den Anfang seines Denkens zurückgekehrt und habe sich durch all seine Überzeugungen in Bezug auf das Christentum hindurchgearbeitet, wobei er zu dem Schluss kam, dass es tatsächlich wahr ist.

Christopher Talbot meint, dass sich aus Schaeffers radikalem Umgang mit seinen Zweifeln einiges für den heutigen Umgang mit der sogenannten „Dekonstruktion“ lernen lässt. In dem Aufsatz „Die Sonne kam raus und das Lied erklang“ zeichnet er die Krise nach und gibt einige hilfreiche Hinweise für die Gegenwart. 

Zitat: 

Schaeffers Krise führte nicht dazu, dass sein Pendel zu einer anderen Art von Christentum oder gar keinem Christentum ausschlug; sondern dazu, dass er sowohl die intellektuelle als auch die geistliche Realität des historischen christlichen Glaubens bejahte. Schaeffer hatte seine eigene spirituelle Krise durchlebt, in der er das Christentum in seiner Gesamtheit überdachte. Er war bereit, es vollständig zu verwerfen. Dennoch überwand er diese Zeit tiefer Zweifel; er brach durch zu einem neu entfachten Eifer für die Wahrhaftigkeit des christlichen Glaubens. Sein eigenes Engagement, seine apologetische Methode und seine Sichtweise auf das Zeugnis der Kirche im 20. Jahrhundert sind Belege eines Menschen, der sich mit Zweifeln auseinandergesetzt hat und sich um diejenigen kümmerte, die selbst mit Zweifeln kämpfen.

Schaeffer bemühte sich nicht um eine Weiterführung der Dekonstruktion, sondern führte sich und diejenigen, denen er diente, in Richtung Rekonstruktion – hin zu einer Sichtweise, die den christlichen Glauben als wahr für das gesamte Leben betrachtet. Er sah das historische Christentum als etwas Ganzheitliches und Absolutes an. Er erlebte tiefe Zweifel und diente konsequent denen, die zweifelten, während er gleichzeitig auf den ewigen, persönlichen Gott hinwies, der tatsächlich da ist. Schaeffer war nicht perfekt und bietet kein makelloses Vorbild. Dennoch verstand er das Christentum als etwas, das man nur entweder vollständig annehmen oder aber vollständig ablehnen kann. Dies spiegelt sich wieder in seiner Apologetik, die eine ganzheitliche Welt- und Lebensanschauung bietet, welche verifiziert und getestet werden kann. Voll Mitgefühl setzte Schaeffer diese überzeugende Apologetik in die Tat um. Schließlich stellte er die wahre christliche Position konsistent klar und versuchte, das wahre Christentum von unnötigem oder schädlichem kulturellen Ballast zu befreien. Durch die konsequente Umsetzung dieser Elemente bietet uns Francis Schaeffer heute eine überzeugende Vision, wie wir Menschen begleiten können, an denen Dekonstruktion und Zweifel nagen – eine Vision, die heute weitsichtiger denn je erscheint. Wenn wir Schaeffers Vorbild folgen, können wir Menschen, die selbst geistliche Zweifel durchleben müssen und daraus hervorgehen, dazu verhelfen, zu sagen: „Allmählich kam die Sonne raus, und das Lied erklang.“

Mehr: www.evangelium21.net.

Elisabeth Elliot: Jahre des Wachsens

81n18JnjkxL. SY522 .

Elisabeth Elliot – Ehefrau von Jim Elliot, Mutter, Glaubensheldin, mutige Missionarin, Buchautorin und eine Ikone des amerikanischen Christentums: Es gibt viele Bezeichnungen, die auf diese Frau zutreffen (vgl. hier).

Auch in Deutschland ist sie vielen evangelikalen Christen ein Begriff und ein Vorbild, wenngleich ihre Person zunehmend in Vergessenheit zu geraten droht. Um dem entgegenzuwirken, schrieb Ellen Vaughn nach Elisabeth Elliots Tod im Jahr 2015 eine Biographie in zwei Teilen. Der erste Band ist nun unter dem Titel Elisabeth Elliot: Jahre des Wachsens (#ad) in deutscher Sprache erschienen.

Anna Tissen hat das Buch gelesen und eine Rezension verfasst. Hier ein Auszug: 

Der zweite Teil bildet den Kern der Biographie und zeichnet Elisabeth Elliots Leben von ihrer Geburt im Dezember 1926 bis zu ihrer Abreise aus Ecuador im Jahr 1963 nach.

Elisabeth „Betty“ Howard wurde in Brüssel als zweites Kind von US-amerikanischen Missionaren geboren, doch schon wenige Monate später zog die Familie zurück in die USA, wo der Vater für die Zeitschrift Sunday School Times arbeitete. Die Eltern achteten sehr auf Ordnung, Disziplin und Bildung, liebten ihre sechs Kinder jedoch von Herzen und sorgten dafür, dass sie eine unbeschwerte Kindheit hatten. Bettys Interesse an der Missionsarbeit wurde früh geweckt, indem die Familie regelmäßig Missionare einlud, doch bevor sie konkrete Schritte in diese Richtung unternehmen konnte, widmete sie sich ihrer Ausbildung.

Mit 14 Jahren besuchte sie ein christliches Internat in Florida und schrieb sich später am Wheaton College ein, wo sie sich für ihre spätere Tätigkeit als Übersetzerin ausbilden ließ und auch ihren ersten Ehemann Jim Elliot kennenlernte. Ihre lange Liebesgeschichte ist unter anderem durch Bettys spätere Bücher gut dokumentiert.

Nach verschiedenen Zwischenstationen reiste Betty 1952 als ledige Missionarin nach Ecuador aus und machte ihre ersten Erfahrungen in der Volksgruppe der Colorados. In dieser Zeit wurden durch verschiedene Ereignisse „Bettys feste Vorstellungen über Gottes Willen zerstört, auf teils schockierende und brutale Weise. Bei den Colorados war sie, vielleicht zum ersten Mal, mit dem monolithischen, undurchdringlichen Geheimnis konfrontiert, das Gottes Wege umgibt“ (S. 159).

Im Herbst 1953 heirateten Jim und Elisabeth Elliot und begannen ihre gemeinsame Arbeit in Puyupungu im Osten von Ecuador. Mehr und mehr fühlten sie und andere befreundete Missionare die Überzeugung, dass Gott sie zu den Waorani rief, einer Volksgruppe, die im Dschungel lebte und Fremden gegenüber sehr feindselig war. Die Kontaktaufnahme zu diesem Volk führte im Januar 1956 zum Tod von Jim und seinen vier Kollegen und ließ Betty als Witwe mit einem kleinen Kind zurück.

Während sie ihre Arbeit in den nächsten Jahren fortführte und sich als Buchautorin einen Namen machte, knüpfte Betty erste Kontakte mit Waorani-Frauen. Schließlich zog sie gemeinsam mit ihrer Tochter Valerie und einer anderen amerikanischen Missionarin, Rachel Saint, in eine Waorani-Siedlung. Es war eine äußerst herausfordernde Zeit für sie, denn „wie Betty im Laufe der nächsten Jahre öfter feststellen sollte, waren Rachel und sie, was ihre Persönlichkeiten, Ansichten und Vorlieben anging, maximal unterschiedlich“ (S. 306). Betty war zwar eine äußerst begabte Linguistin, doch die schwierige Zusammenarbeit mit Rachel führte schlussendlich dazu, dass sie sich im Jahr 1963 dazu entschied, Ecuador zu verlassen und in die USA zurückzukehren.

Mehr: www.evangelium21.net.

Nach oben scrollen
DSGVO Cookie Consent mit Real Cookie Banner