Die MĂ€r von der Freiwilligkeit des GendernsÂ
Staatsminister Wolfram Weimer hat in seiner Behörde Gendersonderzeichen verboten und dafĂŒr viel Kritik geerntet. Vor allem wird behauptet, dass dieses Verbot ideologisch motiviert sei, da es nie enen Genderzwang gegeben hatte. Fabian Payr verteidigt das Vorgehen von Wolfram Weimer.Â
Vielfach wird Weimer vorgeworfen, er verböte mit seinem VorstoĂ etwas, was nirgends geboten sei. Er beantworte Nichtzwang mit Zwang. Genderzwang â ein Phantasieprodukt? Samira El Ouassil schreibt im âSpiegelâ: âEs musste vorher niemand gendern, wohlgemerkt, aber jetzt darf es dank der neuen Sprachpolizei auch niemand mehr.â Will man einen Zwang zum Gendern empirisch belegen, wird man sicher nicht hinter der BĂ€ckereitheke fĂŒndig, in der Schreinerwerkstatt oder beim Schneider. Anders im universitĂ€ren Milieu, wo laut der Bundeskonferenz der Frauen- und Gleichstellungsbeauftragten an Hochschulen rund 700 âGleichstellungsakteur*innenâ sich auch mit dem Sprachgebrauch an den Unis befassen. Die von ihnen erstellten âLeitfĂ€denâ zum geschlechtergerechten Sprachgebrauch sind âEmpfehlungenâ, entfalten aber eine erstaunliche normative Kraft: Wissenschaftler bringen ihre AufsĂ€tze nicht in Fachzeitschriften oder Fachpublikationen unter, wenn diese nicht gegendert sind, AntrĂ€ge auf Fördermittel haben in ungegenderter Form keine Chance auf Bewilligung, und Studenten mĂŒssen mancherorts mit Punkteabzug rechnen, wenn ihre Arbeiten nicht gegendert sind. Als die âZeitâ 2023 UniversitĂ€ten zu ihrem Umgang mit Gendersprache befragte, antworteten 41 von 132 Einrichtungen auf die Frage âIst es Professoren und anderen Dozenten an Ihrer Hochschule freigestellt, geschlechtergerechte Sprache in PrĂŒfungsleistungen einzufordern?â mit Ja.
Dass der Gebrauch von Gendersprache keine Sache der Freiwilligkeit ist, belegen auch die vielen teils seit Jahrzehnten gĂŒltigen Gesetze und amtlichen Regelungen, die den Sprachgebrauch im öffentlichen Dienst regeln. Wer unbefangen hinschaut, wird ihn entdecken â den Genderzwang in Behörden, Stadtverwaltungen, Ministerien und Firmen. Und es sind beileibe keine exotischen EinzelfĂ€lle, wie gern kolportiert wird. Der Soziologe Steffen Mau berichtet 2023 in einem âSpiegelâ-Interview, dass ihn ein Bundesministerium zu einem Vortrag eingeladen hatte. Vertraglich sollte er sich verpflichten, âgeschlechtergerechte Sprache zu nutzenâ. Mau, der in seinen Publikationen selbst gendert, war irritiert: âIch spreche gern geschlechtergerecht, aber freiwillig.â Wenn Kulturstaatsminister Weimer also von âerzwungenem Gendernâ spricht, dann beschreibt er einen in vielen Bereichen tatsĂ€chlich existenten und nicht eingebildeten Druck zum Gendern.
Die gegen Weimer vorgebrachten Argumente erweisen sich als wenig substanziell, teils sogar kontrafaktisch, wie etwa die MĂ€r von der Freiwilligkeit des Genderns. Sie verschleiern, dass Weimer einen reichlich harmlosen VorstoĂ âgewagtâ hat: Er fordert von seinen Mitarbeitern die Beachtung geltender orthographischer Regeln. Macht ihn das zum KulturkĂ€mpfer? Weimer unterstreicht: âWer im öffentlichen Auftrag spricht, sollte eine Sprache wĂ€hlen, die fĂŒr alle nachvollziehbar ist und breite Akzeptanz findet.â Ein Kulturstaatsminister hat nicht nur das Recht, sondern die Pflicht, dafĂŒr Sorge zu tragen, dass unsere Sprachgemeinschaft imstande ist, sich in einer allgemein verstĂ€ndlichen Sprache mit allgemein gĂŒltigen Regeln zu verstĂ€ndigen.
Mehr: zeitung.faz.net.
Die Debatte um eine geschlechtergerechte Sprache hat das Potential, die Gesellschaft noch weiter zu spalten. Einerseits wird das Gendern von öffentlichen Behörden, UniversitĂ€ten und bei manchen Medien âverordnetâ, andererseits empfinden immer mehr Menschen diese verordneten Eingriffe in die Sprache als Bevormundung. Die Progressiven machen freilich einfach weiter und gehen davon aus, dass sich die Mehrheit an die neue Sprache gewöhnen wird. Nur dann, wenn die Sprache verĂ€ndert werde, könnten patriarchische Strukturen durchbrochen und Frauen endlich sichtbar gemacht werden, meinen sie.