G. Machens Paulusbuch aus der Sicht von R. Bultmann

Bei Recherchen zur Paulusexegese bin ich auf die Wiederveröffentlichung einer interessanten Buchbesprechung gestoßen. Rudolf Bultmann rezensierte 1924 das Buch The Origin of Paul’s Religion (1921) von Gresham Machen in der Theologischen Literaturzeitung 49, Nr. 1 (1924), S. 14–14. William Dennison hat den Text 2009 neu herausgegeben (Rudolf Karl Bultmann, „Rudolf Bultmann’s Review of J. Gresham Machen’s, The Origin of Paul’s Religion“, Zeitschrift fĂŒr neuere Theologiegeschichte 16, Nr. 2 (2009): S. 236–240).

Obwohl sich Bultmanns WĂŒrdigung des Buches in Grenzen hĂ€lt und er echte Innovationen vermisst, konnte er der LektĂŒre durchaus etwas abgewinnen:

„Der Hauptwert des Buches besteht m. E. in der ĂŒbersichtlichen und ruhigen Darstellung der Entwicklung der Forschung, in der klaren Herausarbeitung von FĂŒr und Wider bei den einzelnen kritischen Fragen. Und in dieser Hinsicht hat das klare und durch geschickte Formulierungen ausgezeichnete Buch Anspruch auf Dank.“ (S. 237–238)

Wirklich aufschlussreich finde ich allerdings etwas anderes. Gresham Machen lag viel an dem Nachweis, dass die liberale Theologie mit ihrem Ausschluss des ÜbernatĂŒrlichen auf einem Holzweg war (vgl. Christentum und Liberalismus: Wie die liberale Theologie den Glauben zerstört). In seinem Paulusbuch zeigt er, dass die Religion des Apostels Paulus nicht rein innerweltlich erklĂ€rt werden kann. Er behauptet das Paradox, die einzige natĂŒrliche ErklĂ€rung fĂŒr Religion des Paulus sei es, zu akzeptieren, dass es – anders als die Naturalisten es annehmen – in ihr ĂŒbernatĂŒrliche Faktoren gebe.

Nachdem Bultmann Machens Sicht kurz skizziert hat, legt er in einer unverhĂŒllten Weise seine eigenen Denkvoraussetzungen offen, die freilich Konsequenzen fĂŒr die methodische Herangehensweise haben. Bemerkenswert deutlich wird dabei der Grundkonflikt einer Bibelexegese auf den Punkt gebracht, die selbstverstĂ€ndlich davon ausgeht, dass unsere Welt fĂŒr Gottes Wirken verschlossen bleibt. Die eigenen Denkvoraussetzungen, der Naturalismus also, verbietet es, das, was in den Bibeltexten gesagt wird, zu glauben. Bultmann oder seine SchĂŒler sind gezwungen, Wunder natĂŒrlich zu erklĂ€ren.

Bultmann schreibt:

„Ich kann diese Anschauung [gemeint ist die Anschauung G. Machens; R.K.] nicht teilen, die zum VerstĂ€ndnis der Geschichte des supranaturalen Faktors als eines Faktors neben anderen bedarf, und die das supranaturale Geschehen so gut wie das natĂŒrliche der methodischen geschichtlichen Betrachtung unterwirft. Als ‚Naturalist‘ im Sinne des Verf. bin ich der Meinung, daß in der Fragestellung des Historikers schon der Verzicht auf die Annahme supranaturaler Faktoren vorausgesetzt ist; und ich glaube, daß der Konflikt zwischen dem ‚naturalistischen‘ VerstĂ€ndnis der Geschichte und ihrer ‚supranaturalistischen‘ Deutung auf anderem Boden ausgetragen werden muß als dem der methodischen, historischen Erforschung der Quellen und der darauf gegrĂŒndeten Rekonstruktion des Geschichtsverlaufs.“

Als EinfĂŒhrung in G. Machens Denken empfehle ich den Vortrag von Stephen Nichols (gehalten auf der E21-Konferenz 2016):