Jesaja 7,14 bleibt einer der am meisten diskutierten Verse der hebräischen Bibel, insbesondere hinsichtlich seiner Zitierung in Matthäus 1,23 als eine Prophezeiung, die sich in der jungfräulichen Geburt Jesu erfüllt hat. Viele Gelehrte behaupten, dass der ursprüngliche Kontext eine historische Erfüllung während der Regierungszeit von Ahas und Hiskia erfordert, wodurch Matthäus’ Lesart bestenfalls als nicht wörtlich oder typologisch erscheint.
Auch sprachlich gibt es bedeutsame Einwände gegen eine Übersetzung von ʿalmāh mit „Jungfrau“. Deshalb übersetzen zum Beispiel die Basisbibel oder auch die Gute Nachricht mit „junge Frau“.
In einem bemerkenswerten Aufsatz argumentiert Seth Postell, Professor für Altes Testament am Israel College in Israel, für eine messianische Lesart von Jesaja 7,14. Durch die Lektüre von Jesaja 7 im Lichte seiner Platzierung innerhalb von Jesaja 2–12, einem Abschnitt, der von eschatologischer Hoffnung und messianischer Erwartung geprägt ist, zeigt er, dass Jesaja 7,14 eine zukünftige, wundersame Geburt vorwegnimmt. Darüber hinaus zeigt eine genaue Betrachtung der sprachlichen Merkmale und der wiederkehrenden Bilder von Zerstörung und Erneuerung, dass Jesaja eine kohärente Vision der messianischen Hoffnung präsentiert, wobei die Immanuel-Prophezeiung ein integraler Bestandteil dieser Vision ist. In diesem Licht erscheint die Interpretation des Matthäus nicht als apostolische Auferlegung, sondern als getreue Auslegung der beabsichtigten Botschaft Jesajas.
Aus dem Fazit:
Wir haben uns die bemerkenswerten Ähnlichkeiten zwischen dem davidischen Spross, der hervorgeht, wenn der Zweig des prahlerischen assyrischen Königs vollständig abgeschnitten ist (Jes 10,33–11,1; siehe auch 8,21–9,6), und der Erzählung über Hiskia angesehen, den Gott zusammen mit einem Überrest auf wundersame Weise vor dem prahlerischen König von Assyrien bewahrt hat (Jes 36–37). Die Ähnlichkeiten führen zu einer Spannung zwischen den begrenzten Errungenschaften Hiskias und der Erwartung eines ewigen Friedensreiches. Das Buch Jesaja löst diese Spannung, indem es Assyrien mit Babylon verschmilzt (Jes 13–14), während das Kommen des Messias speziell mit einer zweiten Verbrennung verbunden ist – einer zweiten Zerstörung des Landes durch eine große Weltmacht (6,11–13). Als Teil der literarischen Strategie des Buches verwendet der Autor Hiskia als vorausschauende Analogie für den König, durch den Jesajas Vision erfüllt werden würde. Schließlich argumentierten wir, dass ʿalmāh „junge Jungfrau” bedeutet. Wir argumentierten auch, dass dieses Wort strategisch als Teil eines Wortspiels im unmittelbaren Kontext und als Parallele zu dem Zeichen gewählt wurde, das Hiskia in Jesaja 38 gegeben wurde. Wenn man die Parallele betrachtet, muss das Zeichen des ʿalmāh so hoch wie der Himmel sein, ein Wunder von der Größenordnung, wie wir es in Matthäus 1,23 finden: „Siehe, die Jungfrau wird schwanger werden und einen Sohn gebären, und sie werden ihm den Namen Immanuel geben, was übersetzt bedeutet: Gott mit uns.” Obwohl sich diese Studie ausschließlich auf die Bedeutung von Jesaja 7,14 im Buch Jesaja konzentrierte, haben wir schließlich den Gipfel eines sehr hohen Berges erreicht, und zu unserer großen Überraschung sitzt Matthäus mit verschränkten Armen da und fragt sich, warum wir so lange gebraucht haben, um hierher zu gelangen!
Die Lektüre von „Is Isaiah 7:14 messianic?“, JETS, Vol. 68.3 (2025), S. 465–493, sei hiermit empfohlen. Erreichbar ist der Aufsatz über einschlägige Bibliotheken oder Onlinedatenbanken.
Und außerdem die „Neue-Welt-Übersetzung“ von Jehovas Zeugen. Dort befindet man sich also in bester Gesellschaft.
Mit Sekten und anderen Gnostikern geht man um, wie Tertullian das gelehrt hat.
Um nochmal etwas zur Diskussion der sprachlichen Dimension beizusteuern: Der Google Ngram Viewer befundet einen drastischen Anstieg der Verwendung des Idioms „junge Frau“ im erfassten Textbestand ab dem Jahr 2006 mit einer Vervielfachung der Häufigkeit von 0,0005 % auf 0,002 % im Jahr 2021. Das ist eine satte Vervierfachung gegenüber einer relativ seltenen Verwendung (zwischen 0,0001 und 0,0003 %) über zwei Jahrhunderte davor. Das ist für mich ein Hinweis darauf, dass dieses Idiom vor 1970-1982 ähnlich wie „evangelikal“ vor 1953 nicht existiert haben wird. Das ist bei einer Wortgruppe nur schwieriger nachzuweisen. Die junge Frau war bis zu diesem Zeitpunkt eine gewöhnliche Adjektivkonstruktion, die das Alter der Frau genauer bestimmte. Hier ist meine These dazu: Das neue und häufig verwendete Idiom „junge Frau“ wurde explizit geschaffen, die „Jungfrau“ im Jesaja-Text der „Guten Nachricht“ abzulösen. Die Übersetzerin möchte hier etwas ganz Spezifisches ausdrücken, nämlich ihre Ablehnung von „Ecce virgo concipiet“, wie Jerome schon vor 1600 Jahren eindeutig formulierte. Die ach so… Weiterlesen »
Das trifft so nicht zu. almāh wird schon im AT korrekt mit „junge Frau“ oder „Mädchen übersetzt, z.B. in Gen 24,43–44 o. Ex 2,8. Erschwerend kommt für das Thema hinzu, dass es noch ein anderen hebr. Wort für Jungfrau gibt, nämlich betūlā.
Liebe Grüße, Ron
Da möchte ich noch eine Weihnachtslektüre ergänzen:
https://textandcanon.org/does-isaiah-predict-the-virgin-birth/.
Hallo Ron,
vielen Dank für den Hinweis auf den Artikel. Die ‚Two-Child-Hypothesis‘, wie sie neben Michael Rydelnik auch von Arnold Fruchtenbaum vertreten wird (Der Messias in den hebräischen Schriften), war die Lösung, die mich bisher am ehesten überzeugt hatte. Postell’s Kritik daran werde ich mit Interesse lesen, sobald ich Zeit finde.
Viele Grüße aus Leipzig,
Theo
Womit wir wieder bei dem alten Problem sind, dass sich hebräische Kultur nicht 1:1 ins Deutsche übertragen lässt. Vor diesem Problem stand schon ein gewisser Martin Luther, weshalb er die heutige deutsche Sprache stark mitgeprägt hat. Heute prägen andere Leute diese Sprache und unterwegs wird man irgendwann an dem Punkt ankommen, wo man in deutscher Sprache schlicht keine christlichen Sachverhalte mehr ausdrücken kann. Wenn das Glaubensbekenntnis schließlich unübersetzbar wird („geboren von der jungen Frau Maria“), braucht man sich gar nicht mehr darüber unterhalten, ob Jes 7,14 messianisch ist.
George Orwell hat das Konzept in seinem dystopischen Roman 1984 hervorragend beschrieben.