In den vergangenen Jahren erschienen unĂĽberschaubar viele BĂĽcher zum Thema Privatoffenbarungen. Uns wird darin geradezu aufÂdringlich vermittelt, wir könnten Gott schmecken, riechen, spĂĽren, inÂwendig hören oder sehen. Jetzt werden uns auch Seminare angeboten, in denen wir lernen können, Gottes Willen durch Farbfragmente zu erkennen.
NatĂĽrlich wird in den einschlägigen Abhandlungen beständig darauf verwiesen, dass das inwendige Reden Gottes mit der Bibel zu prĂĽfen sei. Dabei weiĂź jeder, dass Gott uns in seinem Wort weder den Namen des Ehepartners nennt, noch uns ĂĽber die Entwicklungen am Aktienmarkt aufklärt. Da umgekehrt Privatoffenbarungen (glĂĽcklicherweise) die in JeÂsus Christus unĂĽberholbar abgeschlossene Offenbarung selten berĂĽhren, bleibt die PrĂĽfung meist ein Akt der WillkĂĽr.
Nehmen wir ein Beispiel aus einem GeÂbetsseminar. Zwei Teilnehmer erkennen die Farbe rot. Rot sagt einem dritten Beter etwas, denn das ist die Farbe seiner Firma, die in einer Krise steckt. So fĂĽhlt der Dritte sich ermutigt, da er nun weiĂź, dass er von Gott wahrgenommen wird.
Das Beispiel ist hochproblematisch. Erstens hätte der Betroffene auch durch die einfache BibellektĂĽre auf den Gedanken kommen können, dass Gott ihn wahrnimmt. Zweitens transportieren Farben keine inhaltlichen bzw. sprachlichen Botschaften, sie haben nur eine Signalwirkung. Die EntschlĂĽsselung des Farbsignals bleibt deshalb eine rein subjektive AngeÂlegenheit. Der Mann hätte das Farbsignal durchaus auch in dem Sinn inÂterpretieren können, dass Gott die sofortige SchlieĂźung des Betriebes erÂwarte. Es wäre ja denkbar, dass die Farbe nicht nur fĂĽr eine Firma, sonÂdern auch fĂĽr Rotlicht »offenbart« worden wäre?
Meines Erachtens lässt sich allerdings herausfinden, ob das von den SeÂminarleitern vorgeschlagene Verfahren zur Gewinnung geistlicher ErÂkenntnis durch das Wort Gottes legitimiert werden kann. Orientieren wir uns dabei an einer klassischen und schlichten Regel der Reformatoren. Sie haben zurecht herausgearbeitet, dass wir unser Leben vor Gott durch das gestalten sollen, was die Bibel gebietet, verheiĂźt oder in Beispielen wiedergibt (z.B. Lutherische Apologie, XXI). Wo in der Bibel finden wir Gebot, VerheiĂźung oder Beispiel dafĂĽr, dass Gott seinen Willen durch Farben offenbart?
Ich gehöre nicht zu den Christen, die prophetische Geistesgaben auf die Zeit vor der Fertigstellung des neutestamentlichen Kanons beschränÂken und halte es fĂĽr möglich, dass Gott sich uns auf diese oder jene Weise klar verständlich mitteilt. Aber als Seelsorger beobÂachte ich zunehmend, wie Christen aufgrund diffuser EindrĂĽcke oder Impulse schwerwiegende Fehlentscheidungen treffen. Die Anleitung zu ihrem UnglĂĽck haben sie meist aus frommen BĂĽcherstuben. So manch kleiner Katastrophe könnten wir vorbeugen, wĂĽrden wir unsere Sinne lieber durch feste Speise und einen vernĂĽnftigen Gottesdienst ĂĽben (vgl. Hebr 5,14 u. Röm 12,1-3). Anstatt ein esoterisches Christentum zu propaÂgieren, sollten verantwortliche Leiter und Lehrer (und Verlagsleiter) bei Augustinus in die Schule gehen (auch wenn er in New Perspective-Kreisen derzeit einen schlechten Ruf hat). Der Kirchenvater, der sich ja bekanntlich ĂĽbernatĂĽrlichen Erfahrungen nicht verschlossen hat, gab Deogratias folÂgenden Rat mit auf den Weg: „Freilich mĂĽssen wir … von solchen WunÂderzeichen und Traumbildern auf den festen Pfad und die glaubwĂĽrdiÂgeren Weissagungen der Heiligen Schrift lenken“ (Vom ersten katechetiÂschen Unterricht II, 10).