Francis Schaeffer

Francis Schaeffer und dekonstruktivistische Spiritualität

Im Jahr 1951 erlebte Francis Schaeffer eine Glaubenskrise, die später als sein „Heuboden‑Erlebnis“ betitelt werden sollte. Nachdem er die inkonsequente christliche Praxis bei den Menschen um ihn herum und in seinem eigenen Leben beobachtet hatte, erklärte Schaeffer, er müsse zu seinem Ausgangspunkt zurückkehren und seine gesamte Position in Bezug auf das Christentum neu überdenken. Er gab an, er sei an den Anfang seines Denkens zurückgekehrt und habe sich durch all seine Überzeugungen in Bezug auf das Christentum hindurchgearbeitet, wobei er zu dem Schluss kam, dass es tatsächlich wahr ist.

Christopher Talbot meint, dass sich aus Schaeffers radikalem Umgang mit seinen Zweifeln einiges für den heutigen Umgang mit der sogenannten „Dekonstruktion“ lernen lässt. In dem Aufsatz „Die Sonne kam raus und das Lied erklang“ zeichnet er die Krise nach und gibt einige hilfreiche Hinweise für die Gegenwart. 

Zitat: 

Schaeffers Krise führte nicht dazu, dass sein Pendel zu einer anderen Art von Christentum oder gar keinem Christentum ausschlug; sondern dazu, dass er sowohl die intellektuelle als auch die geistliche Realität des historischen christlichen Glaubens bejahte. Schaeffer hatte seine eigene spirituelle Krise durchlebt, in der er das Christentum in seiner Gesamtheit überdachte. Er war bereit, es vollständig zu verwerfen. Dennoch überwand er diese Zeit tiefer Zweifel; er brach durch zu einem neu entfachten Eifer für die Wahrhaftigkeit des christlichen Glaubens. Sein eigenes Engagement, seine apologetische Methode und seine Sichtweise auf das Zeugnis der Kirche im 20. Jahrhundert sind Belege eines Menschen, der sich mit Zweifeln auseinandergesetzt hat und sich um diejenigen kümmerte, die selbst mit Zweifeln kämpfen.

Schaeffer bemühte sich nicht um eine Weiterführung der Dekonstruktion, sondern führte sich und diejenigen, denen er diente, in Richtung Rekonstruktion – hin zu einer Sichtweise, die den christlichen Glauben als wahr für das gesamte Leben betrachtet. Er sah das historische Christentum als etwas Ganzheitliches und Absolutes an. Er erlebte tiefe Zweifel und diente konsequent denen, die zweifelten, während er gleichzeitig auf den ewigen, persönlichen Gott hinwies, der tatsächlich da ist. Schaeffer war nicht perfekt und bietet kein makelloses Vorbild. Dennoch verstand er das Christentum als etwas, das man nur entweder vollständig annehmen oder aber vollständig ablehnen kann. Dies spiegelt sich wieder in seiner Apologetik, die eine ganzheitliche Welt- und Lebensanschauung bietet, welche verifiziert und getestet werden kann. Voll Mitgefühl setzte Schaeffer diese überzeugende Apologetik in die Tat um. Schließlich stellte er die wahre christliche Position konsistent klar und versuchte, das wahre Christentum von unnötigem oder schädlichem kulturellen Ballast zu befreien. Durch die konsequente Umsetzung dieser Elemente bietet uns Francis Schaeffer heute eine überzeugende Vision, wie wir Menschen begleiten können, an denen Dekonstruktion und Zweifel nagen – eine Vision, die heute weitsichtiger denn je erscheint. Wenn wir Schaeffers Vorbild folgen, können wir Menschen, die selbst geistliche Zweifel durchleben müssen und daraus hervorgehen, dazu verhelfen, zu sagen: „Allmählich kam die Sonne raus, und das Lied erklang.“

Mehr: www.evangelium21.net.

Francis Schaeffer’s Whole-of-Life Theology and the Making of the L’Abri Mind

Andrew Carter hat an der Durham University die Untersuchung „Francis Schaeffer’s Whole-of-Life Theology and the Making of the L’Abri Mind“ veröffentlicht.

Im Abtract heißt es: 

Francis Schaeffer (1912–1984) war ein bedeutender evangelikaler Pastor und Apologet, der in den Vereinigten Staaten und in Westeuropa tätig war. Im Laufe seines Lebens kontextualisierte er das Evangelium für eine neue Generation, verfasste über 22 Bücher, hielt unzählige Vorträge zu zahlreichen Themen, drehte zwei Dokumentarfilmreihen und beeinflusste persönlich Tausende von Menschen. 1955 gründete er zusammen mit seiner Frau Edith die L’Abri Fellowship, eine christliche Gemeinschaft, die die Realität Gottes durch das normale Leben demonstrieren soll. Heute gibt es weltweit zehn Zweigstellen von L’Abri, die Gäste einladen, um gemeinsam die tiefsten Fragen des Lebens zu erforschen.

Teil 1 dieser Studie stellt Schaeffer vor und untersucht, warum er so wichtig ist. Teil 2 enthält vier Kapitel, die den integrierenden Faktor in Schaeffers Theologie untersuchen: die Herrschaft Christi über das gesamte Leben und seine Ablehnung einer Spiritualität, die das Leben in verschiedene Bereiche aufteilt. Die Schlussfolgerung dieser Kapitel lautet, dass Schaeffers Herangehensweise an den christlichen Glauben so einzigartig ist, dass man sie als „Schaeffer-Denken” bezeichnen kann. Teil 3 untersucht, wie der Schaeffer-Gedanke von einer neuen Generation von L’Abri-Führern und -Denkern aufgegriffen, modifiziert und weiterentwickelt wurde.

Zu diesem Zweck betrachten wir drei Themen, die zwar bei Schaeffer vorhanden sind, aber von anderen Mitgliedern der Gemeinschaft weiterentwickelt wurden: Erstens die These von Jerram Barrs und Ranald Macaulay, dass Erlösung die Wiederherstellung der wahren Menschlichkeit darstellt, zweitens Dick Keyes’ kulturelle Apologetik und drittens Wade Bradshaws Auseinandersetzung mit einer rivalisierenden Geschichte. Abschließend betrachten wir Nancy Pearcey, die zwar nicht streng genommen zu L’Abri gehört, aber dennoch in dieser Tradition schreibt, Schaeffers Lehre auf den neuesten Stand bringt und sie auf neue Bereiche anwendet.

Die Studie kommt zu dem Schluss, dass sich Schaeffers Denken zu etwas entwickelt hat, das in der breiteren evangelikalen Welt seinesgleichen sucht. Ich nenne dies die L’Abri-Denkweise. Die Studie schließt mit dem Versuch, ihre wichtigsten Bestandteile zusammenzufassen und zu erläutern, warum sie von Bedeutung ist.

Die Untersuchung kann hier heruntergeladen werden: Final_PhD_Document_July_2024_.pdf.

Hypergeistlichkeit

Am 4. Juli 1970 schrieb Francis Schaeffer einen Brief an einen jungen Mann in Japan, der die Beziehung zu einer jungen Amerikanerin mit dem Namen Carolyne beendet hatte, da er unter dem Eindruck stand, dass seine Liebe nicht „rein genug“ war.

Schaeffer griff in hilfreicher Weise Themen wie Vollkommenheitsideal, Hypergeistlichkeit oder Antinomismus auf. Nachfolgend gebe ich einen Auszug weiter (aus #ad Letters of Francis A. Schaeffer: Spiritual Reality in the Personal Christian Life, hrsg. von Lane T. Dennis, Wheaton, IL: Crossway, 1985, S. 197–198):

Ich bin der festen Überzeugung, dass einer der größten Flüche eines Großteils des evangelikalen Christentums darin besteht, dass Menschen das Gefühl haben, sie hätten das Recht, anderen Menschen zu sagen, was der Wille des Herrn für sie ist; und ehrlich gesagt glaube ich, dass einige Deiner Fehler ihren Ursprung in den meiner Meinung nach schlechten Ratschlägen haben, die Dir Christen seit Deiner Rückkehr nach Japan gegeben haben.

Wenn Maßstäbe aufgestellt werden, die nicht wirklich biblisch sind, und insbesondere wenn diese als geistlicher Maßstab dargestellt werden, nach dem wir streben sollten, kann das nur zu Kummer führen. Wenn wir versuchen, eine Geistlichkeit zu erreichen, die höher ist als die, die die Bibel vorgibt, wird sie sich immer als niedriger erweisen. Mir ist klar, dass Christen, die dies tun, nicht glauben, dass sie einen Maßstab aufstellen, der sich von der Schrift unterscheidet, aber in Wirklichkeit ist es genau das.

[Im Bereich der Liebesbeziehung wie auch im gesamten Leben] gibt es zwei Gefahren, denen man widerstehen muss. Die erste ist der Antinomismus. Dies ist seit den Anfängen der Kirche eine Irrlehre. Der Antinomismus lehrt, dass wir durch das Blut Christi und nichts anderes gerettet werden und es daher nach unserer Errettung keine Rolle spielt, wie wir leben. Die gegenteilige Gefahr, die ebenso zerstörerisch ist, ist jede Form von Askese. Askese ist die Abwertung des ganzen Menschen – theoretisch, um den spirituellen Teil des Menschen zu stärken. Diese Abwertung des ganzen Menschen kann die Abwertung des Intellekts, des Künstlerischen oder des Körperlichen sein. Was die Menschen vergessen, ist, dass Gott den ganzen Menschen geschaffen hat und kein Teil des Menschen von Natur aus sündig ist. Jeder Teil des Menschen kann sündhaft sein, und in einer gefallenen Welt gibt es selbst für Christen keine Vollkommenheit in irgendeinem Bereich unseres Lebens.

Somit sind zwei Dinge zu beachten. Die Erkenntnis, dass wir in keinem Bereich unseres Lebens vollkommen sind, bedeutet, dass wir unsere Fehler in jedem Bereich unseres Lebens ständig unter das Blut Christi bringen müssen, um Vergebung zu erlangen. Gleichzeitig müssen wir Christus bitten, seine Frucht in allen Bereichen unseres Lebens hervorzubringen. Das andere, was wir ständig im Auge behalten müssen, ist die Tatsache, dass kein Teil des ganzen Menschen an sich sündhaft ist. Die Vorstellung, dass das „Geistige” hoch und das Intellektuelle oder Körperliche niedrig ist, entspricht nicht dem biblischen Christentum. Es ist eine Askese, die aus der Auferlegung platonischen Denkens auf das Christentum entstanden ist. Ich muss sagen, dass ich aufgrund Deiner Briefe an Carolyn und nun auch Deiner Briefe an mich den Eindruck habe, dass Du diesem Irrtum zum Opfer gefallen bist.

Der Christ und der Antisemitismus

Francis Schaeffer, geboren 1912, hat als Pastor und Lehrer immer wieder gegen Rassismus, Identitarismus und Nationalismus Stellung bezogen. Auch vor Antisemitismus hat er gewarnt. Im Jahr 1943 hat er eine Stellungnahme verfasst, die angesichts einiger Entwicklungen in unseren Tagen recht aktuell klingt. Ich habe sie im Archiv zur Geschichte der Presbyterianer in Amerika gefunden. Erschienen ist sie ursprünglich im The Independent Board Bulletin, Oktober 1943, S. 16–19.

Hier eine Übersetzung:

Der fundamentalistische Christ und der Antisemitismus
Pfarrer Francis A. Schaeffer

„Ich will dich zu einem großen Volk machen.“ Genesis 12,2.

Wir stimmen dem Standpunkt dieses Artikels voll und ganz zu. Wenn seine Haltung die Haltung aller Christen wäre, würde die Angst, in der sogar amerikanische Juden leben,verschwinden und viele würden sich sofort Christus zuwenden. – Die Herausgeber

Wir leben in einer Zeit, in der Antisemitismus eine mächtige Kraft ist. In vielen Ländern hat er zum Tod unzähliger Juden geführt. Selbst in unserem eigenen Land zeigt er sich von Zeit zu Zeit in verschiedenen Formen. Selbst unter denen, die sich als fundamentalistische Christen bezeichnen, finden wir gelegentlich Personen, die einen Großteil ihrer Zeit damit verbringen, die Juden anzugreifen.

Wenn ich über Antisemitismus nachdenke, kommt mir als Erstes die Tatsache in den Sinn, dass Christus Jude war. Wenn wir das Neue Testament bei Matthäus 1,1 aufschlagen, finden wir als allererste Aussage über Christus, dass er von Abraham abstammt und ein Nachkomme Davids ist. Die Bibel sagt nicht, dass Jesus zufällig Jude war, sondern das Wort betont immer wieder, dass er Jude war.

Als er acht Tage alt war, wurde er wie jeder jüdische Mann zum Tempel gebracht und beschnitten. Deshalb müssen wir uns daran erinnern, dass Jesus das körperliche Zeichen des jüdischen Volkes trug. Als er zwölf Jahre alt war, wurde er im Tempel geweiht, was erneut betont, dass seine jüdische Abstammung und sein jüdischer Glaube für ihn keine Nebensache waren, sondern dass sie von seiner frühen Erziehung an seinen wesentlichen menschlichen Hintergrund bildeten. Die Bibel lehrt uns, dass er während seines öffentlichen Wirkens als erwachsener Mann zwar rein menschliche jüdische Traditionen ablehnte, sein Leben jedoch sorgfältig den Maßstäben des Alten Testaments entsprach. Tatsächlich lebte er so, dass sich sogar die Prophezeiungen des Alten Testaments über den Messias vollständig in ihm erfüllten. Er war der Jude aller Juden.

In seinem öffentlichen Wirken finden wir ihn fast ausschließlich im Umgang mit Juden. Kaum jemals berührte er das Leben eines Nichtjuden. Die zwölf Jünger waren alle Juden. Die früheste Kirche bestand ausschließlich aus Juden. Es war Petrus, der Jude, der zu dem Proselyten Cornelius sprach. Es waren die gläubigen Juden, die durch die Verfolgung nach dem Tod des Stephanus in alle Welt zerstreut worden waren, die die Frohe Botschaft nach Antiochia in Syrien brachten, wo die erste nichtjüdische christliche Kirchengemeinde gegründet wurde. Der Missionar, der das heidnische Römische Reich für die Verkündigung des Evangeliums öffnete, war der Jude Paulus.

Und wenn wir uns fragen, warum die Juden einen so wichtigen Platz in der frühen christlichen Kirche einnahmen, müssen wir uns bewusst machen, dass dies kein nachträglicher Einfall in Gottes Plan war, sondern dass Gott zweitausend Jahre lang in der Geschichte gewirkt hatte, um genau diese Tatsache herbeizuführen. Gott berief Abraham aus Ur in Chaldäa als ersten Juden, als die Erde sich vollständig vom lebendigen Gott abgewandt hatte. Er versprach ihm, dass das Land ihm gehören sollte, dass er zahlreiche Nachkommen haben sollte, aber vor allem, dass die ganze Welt durch ihn gesegnet werden sollte. Gott berief Abraham zu diesem bestimmten Zweck, dass durch ihn der Messias kommen sollte. Die Juden waren zweitausend Jahre lang in der Vorsehung Gottes die Wiege des kommenden Erlösers.

Wenn wir die Geschichte dieser zweitausend Jahre betrachten, stellen wir fest, dass Gott den Juden immer wieder die Verheißung des kommenden Messias bekräftigte, sodass die Verheißung nicht nur Abraham, sondern auch Isaak und Jakob gegeben wurde, und dann auf den Stamm Juda und schließlich auf die königliche Familie – die Familie Davids – eingegrenzt wurde. Im Laufe der Jahre wurde auch versprochen, dass er in Bethlehem geboren werden sollte, dass er ein leidender Messias sein sollte, aber auch, dass er in Palästina im Namen seines Volkes, der Juden, regieren sollte.

In diesen zweitausend Jahren, in denen der Weg für das Kommen des Messias bereitet wurde, lag die ganze Erde in Finsternis, bis auf das Licht, das in Israel leuchtete. Während unsere Vorfahren etwas verehrten, von dem wir nicht wissen, was es war, aber sicherlich nicht den lebendigen Gott, wurden die Juden als Gottes auserwähltes Volk bezeichnet. Sie waren von allen anderen Völkern der Erde getrennt. Sie wurden von Gott geliebt, ein Königreich von Priestern. Und selbst in Zeiten ihrer Sünde hielt Gott seine Hand über sie, damit ein Überrest sein sein sollte, aus dem der Gesalbte kommen würde. Nein, Jesus war nicht zufällig Jude, noch war dies eine Nebensächlichkeit im Plan Gottes; wäre Jesus nicht als Jude geboren worden, hätte er gemäß dem Alten und dem Neuen Testament nicht unser Erlöser sein können.

Was die Gegenwart betrifft, in der wir leben, lehrt uns Römer 11,17–24, dass wir als gläubige Heiden uns nicht gegenüber den Juden, den natürlichen Zweigen, rühmen sollen, denn wenn Gott die natürlichen Zweige nicht verschont hat, sollen wir aufpassen, dass er uns nicht verschont. Wie deutlich wird betont, dass, wenn wir, die wir von Natur aus wilde Zweige waren, entgegen der Natur in den guten Olivenbaum eingepfropft wurden, umso mehr die natürlichen Zweige in ihren eigenen Olivenbaum eingepfropft werden. Und was betont Epheser 2,14 uns gegenüber, wenn nicht, dass durch den Tod Jesu die trennende Wand zwischen Juden und Heiden niedergerissen wurde – nicht, dass die Juden verworfen werden sollten, sondern dass wir durch den Glauben einen Platz unter den Juden haben sollten. Abraham ist nun unser Vater, und da wir unseren Glauben an Christus gesetzt haben, sind wir nun geistliche Juden.

Für die Zukunft ist das Wort Gottes nach wie vor eindeutig. In Römer 11,25 wird deutlich gemacht, dass die Verblendung, die jetzt teilweise über Israel gekommen ist, nicht für immer sein wird, sondern nur bis die Vollzahl der Heiden eingegangen ist. Und was wird dann geschehen? Der 26. Vers sagt uns, dass dann ganz Israel gerettet werden wird, wenn der Erlöser alle Gottlosigkeit von Jakob abwendet. Der 29. Vers ist ein Vers, den wir lieben und für uns selbst verwenden: „Denn die Gaben und die Berufung Gottes sind ohne Reue.“

Wir können ihn auf uns selbst beziehen, weil Gott niemals ein Versprechen bricht, aber beachten wir, dass er sich in erster Linie auf die Juden bezieht. Gott hat Israel als Nation Großes versprochen, und dieses Wort sagt uns, dass er es auch erfüllen wird. Wenn er sie nicht erfüllt, dann sind die Gaben und die Berufung Gottes nicht unwiderruflich. In Sacharja 12,10 wird erneut deutlich gesagt, dass der Tag kommen wird, an dem die Juden „auf den blicken werden, den sie durchbohrt haben, und um ihn trauern werden, wie man um den einzigen Sohn trauert“. An dem Tag, an dem Israel gerettet wird, werden sie auf Jesus schauen und erkennen, dass er bei seinem ersten Kommen ihr wahrer Messias war. Nicht nur das Alte Testament verspricht, dass das Land Palästina wieder den Juden gehören wird, sondern auch im Neuen Testament, in Lukas 21,24, wird uns gesagt, dass Jerusalem von den Heiden nur so lange zertreten werden wird, bis die Zeit der Heiden erfüllt ist. Daher sagt uns das Wort Gottes, dass der Tag kommen wird, an dem ganz Israel gerettet wird und die Juden Jesus als ihren wahren Messias erkennen werden und dass auch das verheißene Land wieder ihnen gehören wird. Nicht nur für die Vergangenheit, nicht nur für die Gegenwart, sondern auch für die Zukunft sollten wir, die wir jetzt zu Christus gehören, die Juden lieben.

Wir können nicht erwarten, dass die Heiden, die den Begriff „Christ” lediglich verwenden, um den Unterschied zwischen Heiden und Juden zu bezeichnen, die Juden lieben, aber wir, die wir in der Tat Christen sind, da wir durch den Glauben an Christus gerettet worden sind, sollten sein altes Volk lieben. Vor allem sollten wir in diesem Zusammenhang stets bedenken, dass unser Herr selbst Jude war – als Jude geboren, als Jude gelebt, als Jude gestorben. Auch die große Mehrheit der Helden des Glaubens, die ich persönlich sehen möchte, wenn ich zu meinem Herrn gehe, sind Juden. Ich möchte Abraham sehen, und er ist ein Jude. Und ich möchte Isaak sehen, und er ist ein Jude. Ich möchte Jakob sehen, und er ist ein Jude. Ich möchte Josef sehen, und er ist ein Jude. Ich möchte Mose sehen, und er ist ein Jude. Ich möchte Josua sehen, und er ist ein Jude. Ich möchte Gideon und die anderen Richter sehen, und sie sind Juden. Ich möchte die Propheten sehen – Jesaja, Elia, Elisa und alle anderen, und sie sind Juden. Ich möchte Daniel und Esra und Nehemia sehen, und sie sind Juden. Ich möchte Johannes sehen, und er ist Jude. Ich möchte Jakobus sehen, und er ist Jude. Ich möchte Petrus sehen, und er ist Jude. Ich möchte Paulus sehen, und er ist Jude. Dies sind nur einige von denen, die ich gerne treffen würde und die den Namen „Jude” tragen. Wie könnte ich die Juden hassen?

Und wenn dies für uns, die wir bibelgläubige Christen sind, nicht ausreicht, dann beachten wir das Gebot Gottes in Römer 11,31. Es sagt uns ganz klar, wie unsere Haltung in dieser Zeit gegenüber dem natürlichen Israel sein sollte. Wir sollten ihnen Barmherzigkeit erweisen. Und, meine Freunde, Barmherzigkeit und Antisemitismus in jeglicher Form passen nicht zusammen. Wir können nicht versuchen, sie einzeln für den Herrn Jesus Christus als ihren persönlichen Erlöser zu gewinnen, wenn wir sie in unseren Herzen als Volk verachten.

Vor nicht allzu langer Zeit zitierte mir ein einflussreicher Jude in New York City, Redakteur einer der New Yorker Zeitungen, ein kleines Gedicht, das, wie er sagte, unter den Juden dieser Stadt weit verbreitet sei. Als ich über diesen Reim nachdachte, fand ich ihn mehr als nur einen interessanten Spruch. Er spricht Weisheit über den Menschen aus, der den Namen Christ trägt und dennoch in seinem Denken antisemitisch ist.

„Wie seltsam von Gott, die Juden auszuwählen,
aber nicht so seltsam wie diejenigen,
die den jüdischen Gott wählen und die Juden hassen.“

Religiöse Symbole reichen nicht

Francis Schaeffer (#ad Gott ist keine Illusion, 1974, S. 62–63):

Auf den ersten Blick erscheint die Neo-Orthodoxie sehr „geistlich“. „Ich frage nicht nach Antworten, ich glaube einfach.“ Das klingt ungeheuer fromm, und viele Menschen lassen sich dadurch täuschen, besonders junge Männer und Frauen, die sich nicht damit begnügen, die Phrasen des intellektuellen oder geistlichen Status quo nachzuplappern. Sie sind zu Recht unzufrieden mit den abgedroschenen Sprüchen einer verstaubten und selbstgefälligen Orthodoxie. Die moderne Theologie hingegen erscheint ihnen geistlich und schwungvoll, und so tappen sie in die Falle.

Sie zahlen jedoch für diese vermeintliche „Geistlichkeit“ einen hohen Preis, denn wer im oberen Bereich mit Undefinierten religiösen Wörtern arbeitet, der verliert die Möglichkeit des Erkennens und Handelns für den ganzen Menschen, ja gibt seine Ganzheit auf. Diese jungen Leute dürfen wir nicht auffordem, zu einem erbärmlichen Status quo zurückzukehren, sondern wir müssen sie zu einer lebendigen Orthodoxie rufen, die sich mit dem Verhältnis des ganzen Menschen zu Gott befaßt – einschließlich seiner Vernunft und seines Intellekts.

Wo immer Menschen nach der letzten Wirklichkeit suchen, müssen wir ihnen das wahre Christentum zeigen. Hier können sie die Wirklichkeit finden, denn hier begegnen sie dem Gott, der da ist und der Aussagen über sich selbst gemacht hat, und nicht nur den Symbolen „Gott“ oder „Christus“, die zwar geistlich klingen, es aber nicht sind. Die Menschen, die lediglich das Symbol gebrauchen müßten eigentlich Pessimisten sein, denn das Wort Gott oder die Idee Gott allein bietet keine ausreichende Grundlage für den Optimismus, den sie zur Schau stellen. 

Was wir von Francis Schaeffer für die Gegenwart lernen können

Am Donnerstag, den 25. September 2025, bin ich in Zürich. Es gibt ein Seminar über Francis Schaeffer und seine Apologetik.

Francis August Schaeffer (1912–1984) zählt zu den bedeutendsten christlichen Apologeten des 20. Jahrhunderts. Durch seine Bücher (z. B. Gott ist keine Illusion, Wie sollen wir denn leben? oder Preisgabe der Vernunft), Vorträge und das 1955 gegründete Schweizer Studienzentrum L’Abri (dt. Zufluchtsort) wurden er und seine Frau Edith weltweit bekannt und halfen unzählbar vielen Menschen, ihren Glauben zu festigen sowie intellektuell verantwortbar und kulturrelevant zu bezeugen. In diesem Seminar wird sein Leben sowie seine apologetische Arbeitsweise vorgestellt. Beleuchtet wird jedoch ebenfalls der weniger bekannte Francis Schaeffer, z. B. seine Sicht auf das geistliche Leben, seine Kritik der Mediengläubigkeit oder des Hypercalvinismus.

Gasthörer sind herzlich willkommen.

Mehr Infos hier: 2025-09-25-MBS-Studientag.pdf.

Francis Schaeffers letzte Ansprache

Vor wenigen Tagen wurde Francis A. Schaeffers letze aufgezeichnete Rede auf der Plattform YouTube veröffentlicht. Schaeffer war schwer gezeichnet von seiner Krebserkrankung. Die Aufnahme entstand zwei Monate bevor er heimgegangen ist (während der L’Abri Conference 1984).

Hier: www.youtube.com.

Orientierung in den Wirren der Dekonstruktion

Christopher Talbot beschreibt in dem Aufsatz „‚The Sun Came Out and the Song Came‘: Francis Schaeffer and Deconstructionist Spirituality“ (WTJ, Bd. 85, Ausgabe 2, 2023, S. 309–322) Francis Schaeffers tiefe Zweifel am christlichen Glauben. Diese Phase seines Lebens führte freilich nicht zum Bruch mit dem Christentum, sondern zu einer geistlichen Erweckung. Periode der Dekonstruktion können auch damit enden, dass der Gottesglaube gestärkt wird.

Das Fazit lautet: 

Schaeffers Krise führte nicht dazu, dass das Pendel zu einer anderen Art von Christentum oder gar keinem Christentum ausschlug, sondern dazu, dass er sowohl die intellektuelle als auch die spirituelle Realität des historischen christlichen Glaubens bejahte. Schaeffer hatte seine eigene spirituelle Krise durchlebt und das Christentum als Ganzes mit der Bereitschaft bewertet, es völlig zu verwerfen. Dennoch überstand er diese Zeit des tiefen Zweifels mit einem neu entfachten Eifer für die Wahrheit des christlichen Glaubens. Sein eigenes Engagement, seine apologetische Methode und seine Sicht des kirchlichen Zeugnisses im zwanzigsten Jahrhundert zeugen von einem Menschen, der sich mit Zweifeln auseinandergesetzt hat und sich um die kümmert, die ebenfalls zweifeln.

Schaeffer engagierte sich nicht für die Dekonstruktion, sondern orientierte sich selbst und die Menschen, denen er diente, am Wiederaufbau – daran, den christlichen Glauben als wahr für das ganze Leben zu sehen. Er sah das historische Christentum als etwas Ganzheitliches und Absolutes. Er erlebte tiefe Zweifel, und er diente konsequent denen, die zweifelten, während er gleichzeitig auf den unendlichen, persönlichen Gott hinwies, der in der Tat da ist.

Schaeffer war nicht perfekt und bietet kein makelloses Modell. Dennoch verstand er das Christentum als etwas, das man ganz annehmen oder ganz ablehnen kann. Dies zeigte sich in seiner Apologetik, die eine ganze Welt- und Lebensanschauung bot, die überprüft und getestet werden konnte. Er setzte diese überzeugende Apologetik mit einer Fülle von Mitgefühl um. Schließlich verdeutlichte er konsequent den wahren christlichen Standpunkt und versuchte, das wahre Christentum von allem unnötigen oder schädlichen kulturellen Ballast zu befreien. Indem er diese Elemente konsequent umsetzte, bietet Francis Schaeffer uns heute eine überzeugende Vision dafür, wie wir denen dienen können, die sich in den Wirren der Dekonstruktion befinden, eine Vision, die aktueller ist denn je. Seinem Modell folgend können wir diejenigen, die geistliche Zweifel erleben und daraus hervorgehen, dazu bringen, zu sagen: „Allmählich kam die Sonne heraus und das Lied kam.“

Francis Schaeffer: Die unverzeihliche Sünde

Nachdem eine Pastorenfrau Markus 3,28–30 gelesen hatte, überkam sie der Eindruck, dass sie einmal den Heiligen Geist verflucht und damit die unverzeihliche Sünde der Lästerung des Heiligen Geistes begangen hatte. Sie hat dies gebeichtet und Buße getan, aber sie fand keinen Frieden. In ihrer Not bat sie Francis Schaeffer, der damals in Huémoz (Schweiz) lebte, um einen seelsorgerlichen Rat. Ich zitiere aus seinem Antwortbrief (Letters of Francis A. Schaeffer: Spiritual Reality in the Personal Christian Life, 1985, S. 145–146):

Wenn wir die Passagen in den Evangelien über die unverzeihliche Sünde untersuchen, bezieht sich das nur auf eine Sache, nämlich auf diejenigen, die sagen, dass Christus sein Werk in der Macht des Teufels verrichtet hat. Wenn es sich nur um diese Stellen in den Evangelien handeln würde, dann gäbe es eigentlich überhaupt kein Problem, denn das hat eindeutig keinen Bezug zu Ihnen. Es gibt jedoch eine Stelle in einem der Briefe, in der von einer unverzeihlichen Sünde die Rede ist und die über das hinauszugehen scheint, was in den Evangelien steht [vermutlich ist 1Joh 16–17 gemeint, Anm. R.K.].

Dennoch glaube ich, dass die Antwort, die von den meisten aufmerksamen Theologen, die das Wort Gottes lieben, gegeben wurde, die richtige und die einzig mögliche biblische Antwort ist, nämlich dass die Sünde gegen den Heiligen Geist ein fortwährender, nicht endender und beständiger Widerstand gegen das Wirken des Heiligen Geistes im Leben eines Menschen ist, der ihn zum Heil führen will.

Ich möchte Ihnen von ganzem Herzen ans Herz legen zu erkennen, dass die Art des Studiums von „Beweistexten“, die wir alle in gewisser Weise betreiben, nicht wirklich die richtige Art ist, die Bibel zu lesen. Die gesamte biblische Lehre zu einem Thema ist immer reichhaltiger als ein einzelner Abschnitt. Die Bibel spricht zu uns in Gleichgewichten – und es ist die Fülle des Gesamtgleichgewichts der Schrift, die uns die Fülle der Lehre Gottes vermittelt.

Wenn wir die Frage der unverzeihlichen Sünde im Licht der gesamten Lehre des Neuen Testaments betrachten, bin ich sicher, dass die Erklärung, die ich oben gegeben habe, die einzige biblische ist. Die unverzeihliche Sünde ist nicht etwas, das man einmal getan hat und das, wenn man es getan hat, nicht mehr zu ändern ist. Sie ist der ständige, unablässige Widerstand gegen das gnadenvolle Wirken des Heiligen Geistes zur Erlösung. Dies ist eindeutig nicht Ihr Fall: Was Sie getan haben, war falsch, aber es ist nicht falscher, als wenn ich und andere Christen gegen Gott murren, was wir alle tun. Sowohl in Ihrem als auch in meinem Fall sollte die Sache unter das Blut Christi gebracht, dort belassen und vergessen werden – mit einem „Dankeschön“ an den liebenden Vater, der den liebenden Sohn in den Tod geschickt hat, damit wir diese Vergebung erhalten können.

Sobald wir diese oder eine andere Sünde unter das Blut Christi gebracht haben, ist es eine Entwertung des Werkes Christi, wenn wir uns weiter damit beschäftigen. Sein Tod hat unendlichen Wert, weil er Gott ist und jede Sünde bedeckt. Daher sollte ein Christ nichts auf seinem Gewissen haben. Sobald wir wissen, dass wir gesündigt haben, sollten wir diese spezielle Sünde unter das Blut Christi bringen. Und wenn sie einmal da ist, ist es entehrend für den unendlichen Wert des Werkes Christi, sie noch auf dem Gewissen zu haben.

Ich bitte Sie, diese Sache ein für allemal unter das vollendete Werk Christi zu stellen; und wenn Satan Sie danach mit Sorgen darüber verführt, weisen Sie ihn zurück, indem Sie in Ihrem Kopf oder laut sagen: „Lass mich in Ruhe. Das ist vergeben aufgrund des Werkes Christi, als er am Kreuz starb.“

Das christliche Weltbild und die Naturwissenschaften

Müssen wir befürchten, dass mit der Absage an den christlichen Glauben auch das Bildungs- und Wissenschaftsniveau sinkt? Mehrere Wissenschaftshistoriker sind jedenfalls der Meinung, dass nicht nur die Aufklörung, sondern auch das Christentum die neuzeitliche Wissenschaft beflügelt hat. Francis Schaffer schreibt (Wie können wir denn leben?, 2000, S. 127–128):

Der Beginn der modernen Naturwissenschaft stand nicht in Konflikt mit der Lehre der Bibel; ganz im Gegenteil, an einem kritischen Punkt beruhte die wissenschaftliche Revolution auf der Lehre der Bibel. Sowohl Alfred North Whitehead (1861–1947) als auch J. Robert Oppenheimer (1904–1967) haben darauf hingewiesen, daß die moderne Naturwissenschaft aus dem christlichen Weltbild heraus entstanden ist. Whitehead war ein weithin respektierter Mathematiker und Philosoph. Nachdem Oppenheimer 1947 Direktor des Institute for Advanced Studies an der Princeton Universität geworden war, schrieb er über eine ganze Reihe von Themen in bezug auf Naturwissenschaft, neben seinen Veröffentlichungen in seinem Fachbereich über die Struktur des Atoms und der Atomenergie. Soweit ich weiß, waren beide keine Christen und hätten sich selbst nicht als Christen bezeichnet; jedoch erkannten beide ohne Einschränkung, daß die moderne Naturwissenschaft aus dem christlichen Weltbild geboren wurde.Oppenheimer zum Beispiel stellte das in seinem Artikel „On Science and Culture“ („Über Wissenschaft und Kultur“) in Encounter (Oktober 1962) dar. In den Harvard University Lowell Lectures mit dem Titel Science and the Modern World (1925) („Wissenschaft und die moderne Welt“) erklärte Whitehead, das Christentum sei die Mutter der Wissenschaft wegen „der mittelalterlichen Lehre von der Rationalität Gottes“. Whitehead sprach auch von Vertrauen auf die „verständliche Rationalität eines persönlichen Wesens“. Er er klärte in diesen Vorlesungen, daß die frühen Naturwissenschaftler wegen der Rationalität Gottes einen „unumstößlichen Glauben daran besaßen, daß jedes einzelne Ereignis zu den vorausgegangenen Ereignissen in einer Weise in Beziehung gesetzt werden kann, in der allgemeine Prinzipien zum Ausdruck kommen. Ohne diesen Glauben wären die unglaublichen Anstrengungen der Wissenschaftler ohne Hoffnung gewesen.“ Mit anderen Worten: Weil die frühen Naturwissenschaftler glaubten, die Welt sei von einem vernünftigen Gott geschaffen worden, überraschte es sie nicht, daß es menschenmöglich war, auf der Grundlage der Vernunft wahre Dinge über die Natur und das Universum herauszufinden.

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