Gemeindebau

Wie alt sind die Kirchgänger?

Jim West hat gestern in seinem Blog eine Grafik veröffentlicht, die zeigt, wie alt Kirchgänger verschiedener Denominationen und Anhänger sonstiger religiöser Gemeinschaften in Nordamerika sind. Treffend die Andeutung, dass dieses Ergebnis nicht widerspiegelt, dass in den letzten Jahren mit exorbitantem Aufwand versucht wurde, junge Leute in die Gemeinden zu locken. In der Katholischen Kirche gibt es mehr junge Leute als bei den Südlichen Baptisten.

Hier die Grafik:

VD: JW

City Church goes LGBT

Vor einigen Tagen gab die Leiterschaft der „City Church San Francisco“ (CCSF) bekannt, dass sie ihre ablehnende Einstellung gegenüber dem LGBT-konformen Lebensstil korrigiert. In Zukunft werde von Mitgliedern mit LGBT-Orientierung keine sexuelle Abstinenz mehr erwartet, da diese Erwartung dem Evangelium von Jesus Christus widerspreche.

Obwohl Kenner der Szene rund um den kulturrelevanten Gemeindebau nicht völlig überrascht sein dürften, birgt dieser Richtungswechsel eine gewisse Sprengkraft. Die CCSF bekennt sich einerseits zum historischen Christentum und zur Theologie drei bedeutender reformierter Bekenntnisschriften, nämlich dem Heidelberger Katechismus, dem Helvetischen Glaubensbekenntnis und der Dordrechter Lehrregel. Ihre Entstehung geht außerdem auf Inspirationen zurück, die die Gründer in den 90er-Jahren der renommierten „Redeemer Presbyterian Church“ in New York City unter Tim Keller entnommen haben. Außerdem ist die Gemeinde missionarisch ausgerichtet und in verschiedene Gemeindegründungsprojekte involviert. Dass sie sich jetzt die Sexualethik der „progressiven Evangelikalen“ zu eigen macht, wird  Auftakt weiterer Diskussionen über den kulturattraktiven Gemeindebau sein.

Ich empfehle die gewiss provokative Analyse von Owen Strachan, der sich übrigens auch allgemeiner zum progressiven Evangelikalismus geäußert hat. Ergänzend dazu vier kurze Gedankenanstöße aus dem Bauch heraus:

(1) San Francisco an der Westküste ist so etwas wie die Hauptstadt der Schwulenbewegung. Die Stadt mit ihrem inoffiziellen Symbol der Regenbogenfahne wurde zum Inbegriff der Gegenkultur. Der „Meinungsdruck“, dem dort Andersdenkende ausgesetzt sind, ist besonders groß (freilich ist die Stadt eben auch so etwas wie ein Trendsetter).

(2) Der Schwenk der CCSF hat nichts mit der theologischen Position von Tim Keller zu tun. Der Leiter der „Redeemer Presbyterian Church“ in Manhatten (!) hat seine Sichtweise mehrfach eindeutig zum Ausdruck gebracht, erst kürzlich wieder in der Besprechung zweier Bücher zum Thema.

(3) Die Erklärung der CCSF weist eklatante theologische Schwächen auf. Ich gehe mal davon aus, dass dazu in den nächsten Wochen allerlei geschrieben wird. Hinweisen möchte ich kurz auf das in Stellung gebrachte Argument, Christen sollten nicht über andere Christen richten. Es gibt ein falsches und ein unerlässliches Richten. So verwerflich ein hochmütiger Richtgeist ist, das Urteilen auf der Grundlage des biblischen Wortes ist nicht nur Auftrag, sondern Notwendigkeit der Kirche. Wir sollen allerdings nicht über das Wort Gottes Recht sprechen, sondern unter dem Wort Gottes. Das „Helvetische Bekenntnis“, auf das sich die CCSF unter anderem gründet, gebietet beispielsweise das Prüfen mit der größten Sorgfalt und Klugheit aus dem Wort Gottes. Es ist Kennzeichen der wahren Kirche, dass sie alles nach der Vorschrift des Wortes Gottes tut und alles, „was ihm widerstreitet, von sich weist und Christus als einziges Haupt anerkennt“ (Artikel 29). Gerade das Richten auf der Grundlage subjektiver Meinung, das meiner Erfahrung nach all jene selbstverständlich praktizieren, die das Richten verbieten wollen, ist ein Fallstrick.

(4) Schnell Klarheit schaffen! Je länger man in der Schule oder auf dem Arbeitsplatz damit wartet, sich zu Christus zu bekennen, desto schwerer fällt es. Das Beste ist es, so schnell als möglich unverkrampft Einblick in die eigenen Glaubensüberzeugungen zu geben. Gemeindegründungsprojekte sind gut beraten, ganz ähnlich in den wichtigen Fragen der Lehre und Ethik von Anfang an Transparenz herzustellen. Das Warten macht es nicht einfacher. Im Gegenteil, der Anpassungsdruck, dem gerade kulturattraktive Gemeindeprojekte ausgesetzt sind, macht es schwerer.

Gelungene Vorlesung zum Thema „Gemeindebau“

IMG_0617Am 2. Februar hielt Matthias Lohmann im MBS Studienzentrum München eine wertvolle Vorlesung zum Thema Gemeindebau. Zunächst untersuchte Lohmann den biblischen Befund zum Thema „Gemeinde“. In einem kirchengeschichtlichen Überblick wurden anschließend die Hörer mit heterogenen „Gemeindeverständnissen“ vertraut gemacht. Ausführlicher erörterte er den Kirchenbegriff der Reformation, dem gemäß Gemeinde dort zu finden ist, wo das Wort Gottes gepredigt und Taufe und Abendmahl exerziert werden. Das Augsburger Bekenntnis spricht im VII. Artikel deshalb davon, dass die Versammlung aller Gläubigen dort ist, wo „das Evangelium rein gepredigt und die heiligen Sakramente laut dem Evangelium gereicht werden. Denn das genügt zur wahren Einheit der christlichen Kirche, dass das Evangelium einträchtig im reinen Verständnis gepredigt und die Sakramente dem göttlichen Wort gemäß gereicht werden.“

Später ging es um „Gemeindephilosophien“ der Gegenwart, darunter um die traditionelle Kirchengemeinde, den zielgruppenorientierten Ansatz, die Gemeindewachstumsbewegung sowie die „Emerging Church“. Stärken und Schwächen wurden jeweils offen diskutiert.

Nachmittags stand der evangeliumszentrierte Gemeindebau im Vordergrund. Die Ausführungen von Pastor Lohmann, der auch 1. Vorsitzender des Netzwerkes Evangelium21 ist, waren sehr erfrischend, da deutlich wurde, dass das Evangelium von der Gnade Gottes alle Bereiche des Gemeindelebens erfassen kann. Eindringlich zeigte er, wie wichtig die auslegende Predigt ist: „Von elementarer Bedeutung für die Gemeinde ist, dass Gottes Wort im Zentrum steht. Die gilt vor allem im Bezug auf die Predigt, die das Herzstück des wichtigsten wöchentlichen Treffens der Gemeinde (des Gottesdienstes) sein sollte.“ In einem Exkurs zur „Biblischen Theologie“ demonstrierte Lohmann anhand einiger Beispieltexte, dass jeder Bibelabschnitt einen Bezug zum Evangelium hat und es Aufgabe des Predigers ist, der Gemeinde diesen anschaulich zu machen. „Predigen wir einfach die Zehn Gebote, ohne zu zeigen, dass das Gesetz ein Zuchtmeister auf Christus hin ist“, verkürzen wir die Botschaft der Schrift auf moralische Appelle (vgl. Gal 3,24).“ Wichtig sei es, herauszustellen, dass wir erst vom Evangelium her das Gesetz richtig verstehen können.

Ein gelungener Vorlesungstag, der bereichert wurde durch anregende Gespräche der Teilnehmer, besonders während der Mittagspause. Am 9. März 2013 wird es in München wieder um Gemeindebau gehen. Dann spricht der Referent über heiße Eisen wie z.B. Gemeindereformation, Mitgliedschaft oder Gemeindezucht. Wer sich für die Themen interessiert, kann sich als Gast zur Vorlesung anmelden. Genauere Informationen sind unter www.bucer.eu/muenchen zu finden.

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