Auf der Suche nach Halt

Uwe Wolf hat für DIE TAGESPOST einen Band mit dem Briefwechsel zwischen Ingeborg Bachmann und Heinrich Böll vorgestellt (#ad Ingeborg Bachmann u. Heinrich Böll: „Was machen wir aus unserem Leben?“ Der Briefwechsel, hrsg. von Renate Langer, Berlin: Suhrkamp Verlag, 2025, 485 S.). Und er deutet diesen Austausch zwischen den beiden Schriftstellern zurecht als ein Werk, das den Traditionsverlust im 20. Jahrhundert dokumentiert. Es war die Zeit, in der die Asche des Abendlandes vom Winde verweht wurde.

Hier ein Auszug:

Böll schickte gerne Postkarten mit religiösen Motiven an die Freundin und lud sie zu einem Madonnenspaziergang nach Köln ein. Er liebte damals das alte katholische Irland, für das sein Freund George Fleischmann, Kameramann von Leni Riefenstahl, Türöffner war. Böll hatte wie Grass in der Wehrmacht gedient. In Irland wurde Hitler fast „wie eine mythische Gestalt“ verehrt, weil er den Engländern die Stirn geboten habe. Die Dämonie der Geschichte beschäftigte Böll auch als Leser von Joseph von Görres: „Es macht mich bange bei dem Gedanken, dass die Kirche seit langer Zeit schon den Exorzismus nicht mehr anwendet. Ich kann nicht glauben, dass die Dämonen um die Mitte des 19. Jahrhunderts herum plötzlich alle gestorben sein sollen.“

Bachmanns Dämonen trugen keine schwarzen Uniformen. Sie kamen von innen und wurden mit Tabletten, Alkohol und Nikotin in Schach gehalten. Auch Böll war nikotinsüchtig und rauchte im Alter nach der Amputation seines Raucherbeines weiter. Im Vorfeld des 50. Geburtstages stürzte er in eine schwere mentale Krise. Er fühlt sich „schon mehr als lebensmüde“. Der Arzt hatte ihm das Rauchen und Trinken verboten. Natürlich ohne Folgen. Bachmann meldet aus Rom schwere depressive Anfechtungen durch ihre Dämonen und „Angst, mit nichts zurechtzukommen“ und „Geldsorgen natürlich, wie immer“. Da sie keinen Halt in sich findet, stürzt sie sich in neue Beziehungen, die immer in einer Katastrophe enden. Das gilt auch für ihre Flucht in die Politik. Günter Grass hatte die Trommel für die SPD geschlagen. Böll aber marschierte nicht mit. Aus dem sowjetisch besetzten Riga berichtet er am Tag Assumptio Mariae 1965 über seinen „Eindruck, dass die SPD die niederträchtigste Partei sei“. Grass’ Engagement halte er „für Selbstmord, durchaus jenem vergleichbar, den so viele Deutsche verübten, weil sie 1933 politisch für etwas sein wollten, nicht immer dagegen.“ SPD? „Ich kann für diese bürgerlich-nationalistische Idiotenpartei nichts tun.“

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