„Manche Eltern haben regelrecht Angst, Grenzen zu setzen“

Mütter und Väter heute haben hohe Ansprüche an die Erziehung, doch die Kinderärztin Katharina Schroth warnt: Wenn die angeblichen Bedürfnisse des Kindes immer an oberster Stelle stehen, schadet das. Hier Auszüge aus einem Interview: 

Sie erleben, dass Eltern, die keine Grenzen setzen, am Ende sind?

Ja, absolut. Was ich häufig beobachte: Eltern, die den Anspruch der Bedürfnisorientierung exzessiv verfolgen, schaffen es beim ersten Kind vielleicht gerade noch so. Beim zweiten geraten viele schnell an ihre Grenzen. Manche Mütter stillen dann zum Beispiel im Tandem, verlieren deutlich an Gewicht, berichten über starken Haarausfall und sind körperlich wie nervlich völlig erschöpft. Das Problem ist für mich nicht das Stillen oder das Familienbett an sich, sondern wenn sich dauerhaft alles nur noch um die Bedürfnisse der Kinder dreht und die Eltern ihre eigenen Grenzen und Bedürfnisse aus den Augen verloren haben. Und selbst dann haben viele noch ein schlechtes Gewissen, weil sie glauben, ihren eigenen Ansprüchen nicht gerecht geworden zu sein.

Wenn Sie in der Praxis merken, dass Eltern kurz vor dem Burnout stehen: Nutzen Sie dann die Möglichkeit, das anzusprechen?

Dahinter steckt ja ein vielschichtiges Problem. Es liegt nicht nur an der Idee der Bedürfnisorientierung, sondern an massiven strukturellen und gesellschaftlichen Belastungen. Oft ist das Kind elf Monate alt, der Wiedereinstieg in den Job steht an, es wird noch gestillt, und die Väter sind wieder voll im Beruf eingebunden. Wenn Mütter dann erschöpft bei mir sitzen, sage ich nicht einfach „Holen Sie sich Hilfe“ oder „Organisieren Sie sich besser“. Ich sage ihnen ganz bewusst: „Es ist völlig in Ordnung, wenn das Kind mal vor dem Fernseher sitzt.“ Und es ist auch völlig menschlich, wenn man mal die Nerven verliert und lauter wird. Das soll kein Freifahrtschein für Gewalt oder eine Rückkehr zu autoritären Schlägen sein – überhaupt nicht! Aber wir müssen viel milder mit uns selbst sein, denn was in uns passiert, überträgt sich auch aufs Kind. Wir Erwachsenen steuern ja schließlich das Schiff. Es ist nicht nur legitim, einem Kind Grenzen zu setzen und Nein zu sagen; es ist auch menschlich, wenn man mal an seine eigenen Grenzen stößt.

Eltern müssen also den Perfektionismus ablegen?

Ja, genau. Viele Eltern haben sich das Ziel gesetzt, dass ihr Kind absolut frei aufwachsen soll, ohne jeglichen Zwang. Dahinter steckt oft auch eine große Sehnsucht nach einer perfekt harmonischen, fast freundschaftlichen Beziehung zum eigenen Kind. Manche haben regelrecht Angst, diese Nähe durch Konflikte, klare Grenzen oder ein Nein zu gefährden. Aber wenn man den Punkt verpasst hat, frühzeitig klare Routinen einzuführen – etwa beim Zähneputzen, Zubettgehen oder bei den Mahlzeiten –, dann ist es mit einem Dreijährigen unglaublich kräftezehrend, das noch nachzuholen und plötzlich strenge Regeln durchzusetzen.

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