Reinhard Bingener

Wie wirklich ist Gott?

Das Christentum hat an begrifflicher Bestimmtheit verloren. Das geht sogar dem linksliberalen Philosophen Jürgen Habermas zu weit (vgl. hier). Reinhard Bingener nutzt die Debatte, um den Weg der neuzeitlichen Theologie nachzuzeichnen. Das macht er sehr gut. Antworten auf die Krise der Theologie gibt er alledings nicht. 

Hier ein Auszug: 

Das Christentum hat es nicht leicht, und Jürgen Habermas hat seinen Anteil daran. Als langjähriges Oberhaupt der Frankfurter Schule hatte der Philosoph mit dafür gesorgt, dass christliches Denken in der Bundesrepublik immer stärker ins Hintertreffen geriet. Der Diskurspapst forderte Theologen nämlich ab, dass sie ihre religiösen Symbole in die säkulare Sprache der diskursiven Vernunft übersetzen müssten, wenn sie sich an gesellschaftlichen Debatten beteiligen.

Mit zunehmendem Alter wird Habermas nun milder. Erste Hinweise dafür lieferte ein Gespräch, das der Philosoph 2004 in der Katholischen Akademie in München mit Joseph Ratzinger führte. Habermas rüstete damals sein Vernunftpostulat ab und gestand zu, dass in öffentlichen Debatten auch religiöse Sprache einen legitimen Platz habe. Vielleicht tat er das aus der Befürchtung, dass seine linksliberale Gesellschaftsidee in Bedrohung gerät, wenn sie sich die Religionen zum Gegner macht, statt sie zu integrieren.

Im Jahr 2019 legte Habermas unter dem Titel „Auch eine Geschichte der Philosophie“ ein Spätwerk vor, das sich dem Verhältnis zwischen Glauben und Wissen in der europäischen Geistesgeschichte widmet. Schon der monumentale Umfang der beiden Bände von insgesamt 1700 Seiten machte klar, dass sich das Thema Religion für Habermas mitnichten erledigt hat. In dem Werk weist Habermas dem religiösen Ritus eine Schlüsselrolle zu.

Vor einigen Wochen hat sich der mittlerweile 96 Jahre alte Philosoph noch einmal geäußert. In einem fünfseitigen „Geburtstagsgruß“ an einen früheren Schüler, den katholischen Religionsphilosophen Thomas Schmidt, lästerte Habermas, dass die christliche Theologie den „dogmatischen Kern einer monotheologischen Erlösungsreligion“ einem beständigen Downgrading ins Ungefähre unterziehe. Besonders nimmt sich Habermas den evangelischen Theologieprofessor Hartmut von Sass zur Brust, der ein Buch mit dem Titel „Atheistisch glauben“ geschrieben hat. Dessen Argument läuft laut Habermas darauf hinaus, dass sich die christliche Hoffnung, nachdem sie vom Glauben nicht mehr über ihre Gegenstände wie die Auferstehung informiert werde, nunmehr mit sich selbst begnügen solle. Also Hoffnung um der Hoffnung willen.

Mehr (hinter einer Bezahlschranke): www.faz.net.

Der Gott der Klimaschützer

In der gestrigen Ausgabe der FAZ sind zwei Beiträge zur Lage der Evangelischen Kirche in Deutschland erschienen. In „Z wie Zukunft oder Z wie Zement?“ gewährt Reinhard Bingener erste Einblicke in den bevorstehenden Reformprozess der Kirche (FAZ vom 11.08.2020, Nr. 185, S. 4). „Die EKD hat im vergangenen Monat ‚elf Leitsätze‘  des sogenannten Z-Teams (‚Z‘ für ‚Zukunft‘) veröffentlicht. Das Gremium beschreibt darin, wie die evangelische Kirche in Zukunft insgesamt arbeiten soll.“

Bingener schreibt:

Läutet das Papier also das Ende der klassischen Ortsgemeinde ein? In Anbetracht der sinkenden Finanzkraft und immer weniger Pfarrer steht zumindest außer Frage, dass es künftig weniger solcher Gemeinden geben wird. Über das Verhältnis der Ortsgemeinde und anderen Formen von Kirche ist damit allerdings kaum etwas gesagt. Hinzu kommt, dass der Verteilungskampf zwischen den parochialen, also ortsgemeindlichen, Strukturen und den überparochialen Einrichtungen nicht auf EKD-Ebene geführt wird, sondern da, wo der mit Abstand größte Teil des Geldes verteilt wird: in den Synoden der einzelnen Landeskirchen. Gleichwohl ist bemerkenswert, wie geringschätzig in dem Papier über die Kirchengemeinden gesprochen wird, während kirchensoziologische Studien deren bleibende Bedeutung unterstreichen.

Am Besten gefällt mir folgender Satz: „Die EKD-Synode wird auf ihrer diesjährigen Tagung im November nicht wie sonst eine politische Frage als Schwerpunktthema haben, sondern die Zukunft der evangelischen Kirche.“

Ulrich Körtner (Wien) hat zudem in dem Artikel „Der Gott der Klimaschützer“ erneut zugeschlagen (S. 11, vgl. seinen Beitrag in der ZEIT). Seiner Auffassung nach reagiert die EKD auf die Glaubenskrise mit einer Musterschüler-Theologie, die keine Antworten auf die wirklich großen Fragen gibt. „Selbst in kirchlichen Stellungnahmen, beispielsweise zu Umwelt und Klimaschutz, gerät der Glaube an Gottes fortlaufendes Schöpfungshandeln und die Erhaltung der Welt durch ihn zunehmend aus dem Blick. So wirkt der biblische Gott in kirchlichen Appellen zur Bewahrung der Schöpfung oft nur noch als Motivator für menschlichen Einsatz zum Schutz der Natur, gewissermaßen als religiöses Add-on, auf das man notfalls verzichten kann.“

Körtner zitiert Feuerbach:

„Der Geist der Zeit oder Zukunft“, notierte Ludwig Feuerbach 1842/43, „ist der des Realismus. Die neue Religion, die Religion der Zukunft ist die Politik.“ Echten Gottesglauben gebe es nicht einmal mehr in den fortbestehenden Kirchen. Die Gläubigen sprächen zwar weiter vom Segen Gottes, doch suchten sie echte Hilfe nur beim Menschen. Daher sei der Segen Gottes „nur ein blauer Dunst von Religion, in dem der gläubige Unglaube seinen praktischen Atheismus verhüllt“.

Entscheidend und stark dann die Selbstkritik. Die Gotteskrise der Gegenwart hat nämlich sehr viel damit zu tun, dass die Kirche ihren eigenen Glauben nicht mehr versteht:

Die Gotteskrise der Gegenwart ist nicht nur eine Glaubens-, sondern auch eine Sprachkrise. Damit ist nicht etwa bloß gemeint, die kirchliche Verkündigungssprache sei zu blutleer und alltagsfremd. Es geht zunächst nicht um Rhetorik, um Kommunikationstechniken und die vielbeschworene Authentizität. Vielmehr sind Theologie und Kirche selbst auf die Anfänge des Verstehens zurückgeworfen, was Sünde und Erlösung, Gnade, Auferstehung und neues Leben überhaupt bedeuten. Sich dieser Lage mit letzter Redlichkeit zu stellen ist die Aufgabe von Theologie in dürftiger Zeit.

Nach oben scrollen
DSGVO Cookie Consent mit Real Cookie Banner