Der Gott der Klimaschützer

In der gestrigen Ausgabe der FAZ sind zwei Beiträge zur Lage der Evangelischen Kirche in Deutschland erschienen. In „Z wie Zukunft oder Z wie Zement?“ gewährt Reinhard Bingener erste Einblicke in den bevorstehenden Reformprozess der Kirche (FAZ vom 11.08.2020, Nr. 185, S. 4). „Die EKD hat im vergangenen Monat ‚elf Leitsätze‘  des sogenannten Z-Teams (‚Z‘ für ‚Zukunft‘) veröffentlicht. Das Gremium beschreibt darin, wie die evangelische Kirche in Zukunft insgesamt arbeiten soll.“

Bingener schreibt:

Läutet das Papier also das Ende der klassischen Ortsgemeinde ein? In Anbetracht der sinkenden Finanzkraft und immer weniger Pfarrer steht zumindest außer Frage, dass es künftig weniger solcher Gemeinden geben wird. Über das Verhältnis der Ortsgemeinde und anderen Formen von Kirche ist damit allerdings kaum etwas gesagt. Hinzu kommt, dass der Verteilungskampf zwischen den parochialen, also ortsgemeindlichen, Strukturen und den überparochialen Einrichtungen nicht auf EKD-Ebene geführt wird, sondern da, wo der mit Abstand größte Teil des Geldes verteilt wird: in den Synoden der einzelnen Landeskirchen. Gleichwohl ist bemerkenswert, wie geringschätzig in dem Papier über die Kirchengemeinden gesprochen wird, während kirchensoziologische Studien deren bleibende Bedeutung unterstreichen.

Am Besten gefällt mir folgender Satz: „Die EKD-Synode wird auf ihrer diesjährigen Tagung im November nicht wie sonst eine politische Frage als Schwerpunktthema haben, sondern die Zukunft der evangelischen Kirche.“

Ulrich Körtner (Wien) hat zudem in dem Artikel „Der Gott der Klimaschützer“ erneut zugeschlagen (S. 11, vgl. seinen Beitrag in der ZEIT). Seiner Auffassung nach reagiert die EKD auf die Glaubenskrise mit einer Musterschüler-Theologie, die keine Antworten auf die wirklich großen Fragen gibt. „Selbst in kirchlichen Stellungnahmen, beispielsweise zu Umwelt und Klimaschutz, gerät der Glaube an Gottes fortlaufendes Schöpfungshandeln und die Erhaltung der Welt durch ihn zunehmend aus dem Blick. So wirkt der biblische Gott in kirchlichen Appellen zur Bewahrung der Schöpfung oft nur noch als Motivator für menschlichen Einsatz zum Schutz der Natur, gewissermaßen als religiöses Add-on, auf das man notfalls verzichten kann.“

Körtner zitiert Feuerbach:

„Der Geist der Zeit oder Zukunft“, notierte Ludwig Feuerbach 1842/43, „ist der des Realismus. Die neue Religion, die Religion der Zukunft ist die Politik.“ Echten Gottesglauben gebe es nicht einmal mehr in den fortbestehenden Kirchen. Die Gläubigen sprächen zwar weiter vom Segen Gottes, doch suchten sie echte Hilfe nur beim Menschen. Daher sei der Segen Gottes „nur ein blauer Dunst von Religion, in dem der gläubige Unglaube seinen praktischen Atheismus verhüllt“.

Entscheidend und stark dann die Selbstkritik. Die Gotteskrise der Gegenwart hat nämlich sehr viel damit zu tun, dass die Kirche ihren eigenen Glauben nicht mehr versteht:

Die Gotteskrise der Gegenwart ist nicht nur eine Glaubens-, sondern auch eine Sprachkrise. Damit ist nicht etwa bloß gemeint, die kirchliche Verkündigungssprache sei zu blutleer und alltagsfremd. Es geht zunächst nicht um Rhetorik, um Kommunikationstechniken und die vielbeschworene Authentizität. Vielmehr sind Theologie und Kirche selbst auf die Anfänge des Verstehens zurückgeworfen, was Sünde und Erlösung, Gnade, Auferstehung und neues Leben überhaupt bedeuten. Sich dieser Lage mit letzter Redlichkeit zu stellen ist die Aufgabe von Theologie in dürftiger Zeit.

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Markus Jesgarz

Dies ist ein Kommentar zu der Aussage im Beitrag: Gott nur als Chiffre https://www.zeit.de/2020/32/ekd-zukunftspapier-glauben-diakonie-evangelische-kirche am 31. Juli 2020 von Ulrich H. J. Körtner im vorletzter Satz: Kirche als religiös angehauchte, aber ganz diesseitsorientierte soziale Bewegung schafft sich ab. Meine Meinung ist: 1. Die Kirche muss sich vor der naturalistischen Weltanschauung hüten. Im Kommentar am 2. Juli 2019 von Markus Jesgarz steht: Im Beitrag: Stellungnahme zur Akkreditierung der Freien Theologischen Akademie Gießen (FTA) https://www.wissenschaftsrat.de/download/archiv/8496-08.pdf?__blob=publicationFile&v=2 steht auf der Seite 70 von 79 am Ende: Jedenfalls seit dem 19. Jahrhundert gehört es zum wissenschaftlichen Selbstverständnis evangelisch-theologischer Fakultäten, dass die historische und philologische Erklärung der biblischen Texte keinen anderen wissenschaftlichen Maßstäben folgen kann als denen der historischen Textwissenschaften im Allgemeinen. Daran gemessen sind im Falle der FTA Gießen bislang weder die aus dem „Grundsatz der Wissenschaftlichkeit“ noch die aus dem „Grundsatz der Gleichwertigkeit“ folgenden Standards gegeben. Tübingen, den 20. März 2008 Prof. Dr. Erhard Blum, Eberhard Karls Universität Tübingen, Lehrstuhl Altes Testament mit Schwerpunkt… Weiterlesen »