Instrumentalisiert Peter Thiel den evangelikalen Glauben?
An dem Artikel „Beten per App: Wie Peter Thiel den evangelikalen Glauben digitalisiert“ von Christoph Jehle ist so ziemlich alles falsch, was falsch sein kann. Es ist ein Beispiel für journalistische Hetze, die sich immer mehr ausbreitet und dem gesellschaftlichen Diskurs nur schadet.
Jehle behauptet, dass Peter Thiel und J.D. Vance mit der GebetsApp „Hallow“ die Gesellschaft evangelikal unterwandern möchten. Das klingt dann so:
40 Millionen Dollar haben der rechts-libertäre Paypal-Gründer Peter Thiel und Trumps Vizepräsident J.D. Vance in die App investiert. Mit der App wollen sie die Welt grundlegender verändern als es Politiker je könnten und das auch noch jenseits jeder demokratischen Kontrolle.
In der deutschen Version der App kommen Menschen wie die deutsche Ärztin Jana Hochhalter, die unter dem Pseudonym Jana Highholder auftritt und für ihren freikirchlichen und russlanddeutschen Hintergrund bekannt ist oder der katholische Theologe Johannes Hartl vom Gebetshaus in Augsburg zu Wort, das er als innovativen Ort der christlichen Spiritualität bezeichnet.
Beide Autoren finden in der Online-Welt größeren Zuspruch, als die Institutionen, die gemeinhin als Amtskirche abgetan werden. Ihr festes und klar strukturiertes Weltbild bietet zweifelsohne vielen ihrer Follower die Sicherheit, die sie in Politik und Kirchen vermissen.
Dass die Bibel durchgängig wörtlich ausgelegt werden muss und dass sie in dieser Auslegung die höchste Autorität über das eigene Leben haben muss, sind Grundmerkmale des sogenannten fundamentalistischen Biblizismus. Die Schrift kann aus der Sicht der Evangelikalen auch in Sachfragen nicht irren und das gilt nicht nur für religiöse Fragen.
Dass die Heilige Schrift von unterschiedlichen Autoren stammt und mehrfach die Sprache und den Kulturkreis gewechselt hat und sich auch die jeweiligen Kulturkreise seit der Aufklärung weiterentwickelt haben, wird der Einfachheit gerne ausgeblendet.
Statt wissenschaftlicher Exegese wird hier ein Laienglauben sichtbar, der sich einfacheren Gemütern zur Nachfolge anbietet. Charismatische Erneuerungsbewegungen sind jedoch nicht nur in de USA, sondern auch bundesweit auf dem Vormarsch.
Jenseits aller Zweifel, sind die Evangelikalen in ihrem fundamentalistischen Weltbild gefestigt und überzeugt, dass sie die Wahrheit auf ihrer Seite haben. Diskussionen und Debatten, wie sie für demokratische Prozess notwendig sind, werden gerne als Zeitverschwendung ausgeblendet.
Dass jemand wie Peter Thiel, der sein Vermögen mit digitalen Innovationen gemacht hat, für die es in der Bibel nicht einmal Ansätze der Begründung gibt, darf dann einen unbefangenen Beobachter durchaus verblüffen.
Ich erspare es mit, diesen Unsinn zu widerlegen.
Aber es wird noch schlimmer. Jehle, der keine Ahnung davon zu haben scheint, worüber er schreibt, behauptet, dass kirchliche Strukturen, o wie schlimm, noch aus voraufklärerischen und vordemokratischen Zeiten stammen. Das klingt fast so, als ob alles verboten werden sollte, was älter als 500 Jahre ist. Dass durch das Christentum Wissenschaft und ein selbstkritischer Umgang mit Macht auch gefördert worden sind, hat Jehle wahrscheinlich noch nie gehört.
Der Höhepunkt des Artikels ist die These: Christen, die ihren Glauben ernst nehmen, brauchten keine Argumente, da sich sich ja auf die Prädestinationslehre berufen könnten. Und schließlich wird dann noch eine Seelenverwandschaft mit Wladimir Putin ausgemacht: „Wo Putin ein starkes Russland anstrebt, sieht Thiel eine wiedererstarkte, christlich-konservative USA als Bollwerk gegen das Böse, gegen den Antichristen.“
Sorry, das ist Anti-Journalismus!
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