Gesellschaft

Die große Verunsicherung

Die Karriereberaterin und Therapeutin Brigitte Scheidt beobachtet bei ihren Ratsuchenden eine zunehmende Verunsicherung. 

Hier der Auszug aus einem Interview: 

Vieles ist im Wandel. Macht sich das in Ihrer Praxis als Psychologische Psychotherapeutin bemerkbar?

Die rasante Veränderung ist spürbar. Ich beobachte, dass die Orientierungslosigkeit zunimmt, zumal viele nicht wissen, woran man sich denn orientieren soll. Unter anderem Kirchen und Parteien gelten nur bedingt als Antwortgeber. Unsere Selbstverständlichkeiten brechen weg. Es ist fast revolutionär. Die KI lässt ganze Berufsbilder verschwinden. Werte werden infrage gestellt. Wo es früher ein gemeinschaftliches Verständnis gab, löst sich das auf. Wir leben in polarisierten Zeiten, wo nahezu alles kontrovers gesehen wird.

Und das bewirkt große Verunsicherung?

Dass die Demokratie auf einmal verwundbarer erscheint, wir Krieg in Europa haben und scheinbar sichere Berufe auf einmal nicht mehr sicher sind, das erfordert, mit Ohnmachtserfahrung umzugehen angesichts der Komplexität, in der wir leben. Vor Kurzem Undenkbares wird Realität. Niemand kann sagen, wie die Welt in fünf Jahren aussieht. Damit klarzukommen, muss erst noch gelernt werden.

Mehr (hinter einer Bezahlschranke): www.faz.net.

Die Entheiligung der Sexualität

Carl Trueman liefert in seinem Artikel „Playing God, Becoming Nothing“ Beobachtungen, die für eine Entheiligung und -würdigung des Menschen in einer Kultur sprechen, in der Gott keine Rolle mehr spielt:

In der vergangenen Woche habe ich drei Dinge gelesen, die einen Einblick darin eröffneten, wie leer die moderne Vorstellung davon, was es bedeutet, Mensch zu sein, tatsächlich ist.

Das erste war eine E-Mail, die ich von einem Studenten einer Ivy-League-Universität erhielt [d.h., sie gehört zu den prestigeträchtigsten Universitäten der USA; Anm. R.K.], an der ich kürzlich einen Vortrag über die Verrohung gehalten hatte, die unsere heutige Zeit kennzeichnet. Er erinnerte sich daran, wie er einige Tage nach meinem Vortrag in eine Bar ging, in der sich intelligente, kluge junge Leute aufhielten – Studenten, Anwälte, Vertreter der professionellen, intellektuellen Schichten. Dort fiel ihm auf, dass auf den Fernsehbildschirmen an der Wand nicht wie üblich Profisport übertragen wurde, sondern pornografische Filme mit Sexszenen. So schockierend das für ihn auch war, noch schockierender war die Selbstverständlichkeit, mit der der Barbetrieb wie gewohnt weiterging und die Gespräche unvermindert fortgesetzt wurden.

Pornografie steht für die moderne Entmenschlichung. Sie ist der praktische Höhepunkt der Logik der sexuellen Revolution, indem sie den intimsten Akt der Selbsthingabe zwischen zwei Menschen in einer festen, dauerhaften Beziehung in kostenlose Unterhaltung verwandelt und sexuelle Handlungen und diejenigen, die sie ausüben, zu Waren für die billige Unterhaltung Dritter degradiert. Und in dieser Bar war sie zu nichts weiter als Hintergrundgeräuschen beim Mixen von Cocktails und beim alltäglichen Beisammensein geworden. Was einst den schäbigsten Clubs in den zwielichtigsten Gegenden der Stadt vorbehalten war, findet man heute in Mainstream-Etablissements, wo es bei den Kunden höchstens ein Achselzucken oder ein Augenrollen hervorruft. Etwas, das einst als heilig galt, wurde entweiht, und niemand schien sich darum zu kümmern oder es überhaupt zu bemerken. Man kann nur zu dem Schluss kommen, dass Sex so sehr entweiht wurde, dass jeder Rest seiner heiligen Bedeutung in der Vorstellung der Menschen längst verschwunden ist.

Mehr: firstthings.com. Empfohlen sei auch Der Siegenzug des modernen Selbst von Carl Trueman. 

Kognitive Krieger

Kerstin Holm beschreibt in ihrem Artikel „Kognitive Krieger“, wie einige Eliten in Russland den Ukrainefeldzug und die antiwestliche Politik intellektuell rechtfertigen (FAZ, Nr. 34, 10.02.2026, S. 11). Dabei ist natürlich auch Alexander Dugin mit seiner „eurasischen Theorie“ (ich empfehle dazu den Aufsatz „Eurasien aus neototalitärer Sicht: Zur Renaissance einer Ideologie im heutigen Russland“ von Leonid Luks). 

Hier ein längeres Zitat aus dem Artikel von Kerstin Holm:

Auch wenn unklar bleibt, ob Russland seine Einflusssphäre erweitern kann, wird die Militarisierung der Gesellschaft im Bildungssystem vorangetrieben. Die Geistes- und Sozialwissenschaften lehren, Gehorsam gegenüber den Machthabern sei erste Bürgerpflicht, und westliche Ideen etwa von der Emanzipation des Individuums führten ins Verderben.

Der Vordenker eines apokalyptischen Kampfes zwischen Russland und dem Westen, Alexander Dugin, der an der Moskauer Geisteswissenschaftlichen Universität die Iwan-Iljin-Schule für Politik leitet und den Ukrainekrieg preist, propagiert schon lange die Rückkehr eines „glänzenden“ Mittelalters. Dugin, ein belesener Autodidakt, der sich für antimodern-okkulte Denker wie René Guénon und Julius Evola, aber auch Heidegger begeistert, hat soeben ein fast 900 Seiten starkes Lehrbuch für das von ihm erfundene Fach „Westkunde“ (Westernologija) herausgebracht, worin er die westliche Aufklärung und Renaissance, die zu Liberalismus, Genderpolitik und Transhumanismus führten, zum absoluten Bösen erklärt.

Schlüssige Argumente und Analysen sind Dugins Sache nicht, er bevorzugt eine dunkel dräuende Rhetorik, bei der Verweise auf das Metaphysische vor allem die Vertikale der Autorität abbilden und dem Adressaten seine Nichtigkeit vorführen. Der Guru des Eurasiertums instrumentalisiert insbesondere die kontemplative ostkirchliche Gebetspraxis des Hesychasmus politisch und leitet von ihr ein autoritär-antieuropäisch staatlich-religiöses System mit sakralisierter Macht ab.

Dugins Mitstreiter sind eine Gruppe sogenannter Z-Philosophen – nach dem Z-Zeichen für den russischen Ukrainefeldzug –, die zur Mobilmachung gegen den Westen aufrufen und das gesamte zivile und kulturelle Leben ihres Landes als „Hinterland“ definieren, das den Militäreinsatz stützen soll. Einer davon ist der an Dugins Iljin-Schule als Experte geführte Wladimir Warawa, der voriges Jahr ein Buch über den Sowjetschriftsteller Andrej Platonow (1899 bis 1951) mit dem Titel „Der russische Soldat ist für mich heilig“ und der Gattungsbezeichnung „Philosophie des Krieges“ herausgebracht hat. Platonows Hauptwerke wie die Romane „Tschewengur“ oder „Die Baugrube“ vergegenwärtigen zugleich die utopischen Hoffnungen des sowjetsozialistischen Projekts und seine dystopische Umsetzung, weshalb sie erst während der Perestrojka in den späten Achtzigerjahren erscheinen konnten.

Kritiker der Queer-Lobby werden stigmatisiert

Der Philosoph Uwe Steinhoff analysiert in einem Interview die Mechanismen, die die LGBTQ+-Lobby nutzt, um die öffentliche Meinung zu dominieren.

Zitat:

Transorganisationen lieben keine argumentativen Auseinandersetzungen, da sie die verlieren (deshalb sind sie auch begeisterte Anhänger von „deplatforming“ und Zensur). Sie diffamieren den Gegner lieber, etwa als „transphob“ oder als „rechts“, wobei diese Kreise üblicherweise liberal-demokratische Rechte von Nationalsozialisten so wenig zu scheiden vermögen wie Männlein von Weiblein. Diese Diffamierungen sind durch inflationären Gebrauch abgestumpft. Noch weniger greifen sie, wenn selbst prominente homosexuelle Einzelpersonen oder Organisationen die besagte Affinität konstatieren. Und das ist der Fall. Die bekannte britische Feministin Julie Bindel oder den Mitgründer der britischen LGB Alliance (einer transgenderkritischen Organisation homo- und bisexueller Menschen) Malcolm Clark als „Nazis“ oder auch nur als konservativ zu titulieren, ist so dumm, dass man mit solchen Attacken nur das Grab der eigenen Glaubwürdigkeit schaufelt.

Mehr: www.die-tagespost.de.

Pornocracy

Kate Lucky hat das gerade erschienene säkulare Buch Pornocracy von Jo Bartosch und Robert Jessel gelesen. Die Autoren weisen in ihrem Buch unter anderem nach, dass durch den Pornokonsum Sexualität immer gewalttätiger wird und vor allem Frauen die Leidtragenden sind.

Zitat aus der Buchbesprechung „The Insufficient Secular Case Against Porn“:

Was Nutzer online sehen, wirkt sich auch außerhalb des Bildschirms aus. Im Jahr 2023 hat eine französische Behörde „Millionen von Videos auf den größten internationalen Pornographie-Websites überprüft und festgestellt, dass 90 % davon verbale, körperliche und sexuelle Gewalt gegen Frauen zeigten“, berichtet Pornocracy. Studien haben wiederum einen tatsächlichen Anstieg von Würgen und Schlagen unter jungen Menschen beim Sex dokumentiert. Eine weitere Analyse ergab die Beliebtheit von Stichwörtern wie „barely legal“ (gerade volljährig) oder „teen“ (Teenager).

Einige Männer, die wegen Besitzes von Material über sexuellen Missbrauch von Kindern verurteilt wurden, hatten laut Pornocracy „vor dem Konsum von Pornos kein sexuelles Interesse an Kindern“. Das „Streben nach Abwechslung“ – die Suche nach „Schulmädchen“ – führte sie schließlich in die Kriminalität.

Die meisten Pornokonsumenten sind Männer, und Bartosch und Jessel haben Verständnis für ihre Lage. „Generationen, die mit Smartphones aufgewachsen sind, haben nun Szenen von Vergewaltigung, Würgen und Inzest gesehen, bevor sie ihren ersten (echten) Kuss erlebt haben”, beklagen sie. Zu viele junge Männer haben ihre „Fähigkeit verloren, erfüllende, respektvolle Beziehungen zu genießen”, stattdessen sind sie darauf programmiert, „auf das zu reagieren, was sie auf dem Bildschirm sehen, anstatt ihre Partner zu schätzen und gegenseitiges Vergnügen mit ihnen zu finden”. Pornos lehren Jungen, dass „ein Mann zu sein bedeutet, unempfindlich gegenüber Intimität und Empathie zu sein”.

Interessant klingt auch, was der Verlag auf dem Cover schreibt:

Man sagt, dass jeder Pornos konsumiert. Das ist falsch. Die Menschen konsumieren keine Pornografie – sie werden von ihr konsumiert. Und man muss sie nicht anschauen, um zu ihren Opfern zu gehören.

In diesem zum Nachdenken anregenden und aktuellen Buch enthüllen Jo Bartosch und Robert Jessel, wie die milliardenschwere Pornographieindustrie die Menschheit in ihren Bann gezogen hat. Von der Umprogrammierung unseres Gehirns über die Normalisierung sexueller Gewalt bis hin zur Entstehung neuer Protestbewegungen hat die pornographische Revolution einen erstaunlichen und fast vollständigen Sieg errungen.

Der Triumph der Pornokraten wird noch unheimlicher durch die weit verbreitete Akzeptanz in der Gesellschaft …

Hinweis: Wer im Blick auf Pornographiekonsum und – abhängigkeit Hilfe sucht, kann hier fündig werden: unbeschwert-laufen.de.

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Fehlentwicklungen im „Neuen Calvinismus“

Bob The Baptist hat nicht nur einen einladenden Humor, sondern er ist hin und wieder etwas zu kritisch. Jedenfalls sehe ich das so.

Trotzdem trifft er immer wieder wunde Punkte, über die es sich nachzudenken lohnt. Und wenn er im nachfolgenden Video Schwächen oder sogar dunkle Seiten der Bewegung des „Neuen Calvinimus“ benennt, dann bin ich dankbar dafür.

Im Rückblick lässt sich gut erkennen, dass es unter den „Young, Restless, Reformed“-Leuten Fehlentwicklungen gegeben hat und gibt. Oft sind auch hier „Power“ und „Einfluss“ relevante Themen. Wer sich zum Beispiel für das Leben und Werk von Mark Driscoll oder Paul Maxwell interessiert (auch„Manosphere“ oder „Christian Nationalism“), sollte sich das Video von Bob anschauen:

Säkularisierung und Toleranzschwund

Christen erleben in Deutschland zunehmend Feindseligkeiten. Die Menschenrechtsorganisation ADF International hat die Gründe analysiert. Hier ein Auszug aus einem IDEA-Beitrag dazu:

Die Ursachen sind vielfältig. Die fortschreitende Säkularisierung entzieht christlichen Werten Rückhalt; zugleich wächst die Intoleranz gegenüber Überzeugungen, die von der Mehrheitsmeinung abweichen. Christlich basierte Positionen zu Lebensschutz oder Sexualethik werden heute oft als Provokation empfunden. Dabei vertreten Christen diese Werte bereits seit 2.000 Jahren.

Politik und Medien reagieren häufig zurückhaltend, wenn Christen zur Zielscheibe von Angriffen oder Ausgrenzung werden. Religiöse Anliegen gelten in einem säkular geprägten Umfeld schnell als rückständig. Das erzeugt ein Klima stiller Duldung. Die Folge: Täter fühlen sich bestätigt und bleiben meist unbehelligt. Ähnliche Muster gibt es auch gegenüber anderen Religionen, besonders dem Judentum und teils dem Islam – jedoch trifft die geringe gesellschaftliche Sensibilität vor allem das Christentum.

Ob „normale“ Bürger oder prominente christliche Fußballer und Rapper: Glaubensbasierte Äußerungen werden zunehmend als „Belästigung“ gewertet. Schnell folgt der Vorwurf, „rechts“ oder „radikal“ zu sein – und damit per se gefährlich. Wichtige Debatten werden so von vornherein tabuisiert.

Auch Gesetze gegen sogenannte „Hassrede“ schränken die offene Diskussion oder Meinungsäußerung ein. Aus menschenrechtlicher Sicht ist das höchst problematisch. ADF International stand in den letzten Jahren wiederholt Christen in Deutschland juristisch zur Seite, die aufgrund zunehmender Anfeindungen rechtliche Herausforderungen meistern mussten.

Clara Ott, Vorsitzende der Gruppe „ProLife Europe“ an der Universität Regensburg, kennt diese Dynamik: Seit 2021 verweigerte die Bildungseinrichtung ihrer Gruppe mehrfach die Akkreditierung. Sie sei „allgemein schädlich“, so die Begründung. Tatsächlich setzt sich die Gruppe für eine wertschätzende Kultur ungeborenen und geborenen Lebens ein.

Ohne die Zulassung kann ProLife Europe weder Broschüren an der Universität auslegen noch deren Räume nutzen. Erst eine Klage und ein folgender Vergleich 2024 erlaubte den Lebensrechtlern die Teilnahme am Campusleben. Eine offizielle Entschuldigung oder Kostenübernahme blieb aus. Heidelberger Lebensschützer mit ähnlichen Problemen hoffen auf eine Signalwirkung durch den Fall.

Mehr: www.idea.de.

Andrew Lowenthal: „Deutschland hat Zensurkomplex“

Es ist ein beunruhigender Befund: Der Australier Andrew Lowenthal hat in den USA ein Netzwerk aus NGOs, Geheimdiensten, Regierungsstellen und Tech-Plattformen erforscht, das seiner Meinung nach die öffentliche Debatte mitsteuert. Nun hat er sich die Lage in Deutschland angeschaut und kommt zu dem Ergebnis, dass die Situation hier nicht besser ist. Hier gibt es einen Zensur-Industrie-Komplex aus NGOs, Universitätszentren, Faktencheck-Programmen, Thinktanks, Stiftungen und Regierungsabteilungen, die gemeinsam Online-Inhalte entfernen – in der Regel unter dem Vorwand, gegen „Desinformation“ oder „Hassrede“ vorzugehen.

Zitat: 

Ein besonders drastisches Beispiel ist das Bundesprogramm „Demokratie leben!“, das nach unseren Daten der größte staatliche Geldgeber für Anti-Hassrede- und Anti-Desinformations-Projekte ist und de facto zu den größten staatlichen Finanzierungsmaschinen für Inhalts- und Narrativkontrolle gehört. Das Programm, betrieben vom Bundesfamilienministerium, bewegt jährlich nahezu 200 Millionen Euro und verteilt diese Mittel auf Dutzende Organisationen und über 170 Projekte. Viele davon arbeiten direkt an der Regulierung vermeintlicher Desinformation, Hassrede oder anderer politisch definierter Ausdrucksformen. Ein illustrativer Fall ist HateAid: Die Organisation hat über die Jahre fortlaufende staatliche Förderung erhalten – insgesamt mehr als 2,39 Millionen Euro aus Mitteln des Familienministeriums und des Justizministeriums – und fungiert zugleich als „Trusted Flagger“ im Sinne des „Digital Services Act“ der EU, mit der Befugnis, Inhalte zur beschleunigten Prüfung zu markieren, was in der Praxis häufig zu schnellen Löschungen führt. Durch diese Förderstrukturen entsteht ein staatlich finanziertes Netzwerk, das nicht nur klassische Bildungsarbeit leistet, sondern direkt in die Bewertung, Einstufung und Eskalation von Online-Äußerungen eingreift.

Und noch ein Zitat:

In Deutschland gelten bestimmte Positionen nicht als politische Haltungen, sondern als bürgerliche Pflicht. So werden Debatten verengt. Maßnahmen werden als ethisch notwendig dargestellt – nicht als politische Entscheidung. Doch was als unzulässige Rede gilt, ist immer selbst politisch.

Ich befürchte, dass die Debatte, die durch solch einen Befund angeleiert werden müssten, zumindest im ÖRR nicht stattfinden wird. 

Mehr (hinter einer Bezahlschranke): www.welt.de.

Natürliche Freiheit versus moralische Freiheit

Robert Bellah, Richard Madsen et al. schreiben in Gewohnheiten des Herzens über den Puritaner John Winthrop (Bund-Verlag, 1987, S. 53):

Die Puritaner waren nicht uninteressiert an materiellem Wohlstand und werteten ihn unglücklicherweise als ein Zeichen der Belohnung durch Gott Dennoch war ihr grundlegendes Erfolgskriterium nicht der materielle Reichtum, sondern der Aufbau einer Gemeinschaft, in deren Mittelpunkt ein genuin ethisches und geistiges Leben stand. Während seiner zwölf Amtsperioden als Gouverneur widmete sich Winthrop, ein für die damalige Zeit relativ reicher Mann, vor allem der Aufgabe, für die Wohlfahrt der Kolonie zu sorgen. Er verwendete dazu oft auch eigenes Geld für öffentliche Zwecke. Gegen Ende seines Lebens mußte er sein Gouverneursamt aufgeben, weil sein vernachlässigtes Landgut vom Bankrott bedroht war. Die puritanischen Siedlungen des 17. Jahrhunderts können als der erste Versuch verstanden werden, eine utopische Gemeinschaft in Amerika zu schaffen. Viele ähnliche Projekte folgten. Sie gaben dem amerikanischen Experiment insgesamt eine utopische Färbung, die nie ganz verblaßte, auch wenn die Utopien scheiterten.

Für Winthrop war Erfolg viel ausdrücklicher an die Stiftung einer ethischen Gemeinschaft gebunden, als es für die meisten Amerikaner heute der Fall ist. Seine Freiheitsidee unterscheidet sich mehrfach von der unserer Gegenwart. Er wandte sich gegen die von ihm so genannte „natürliche Freiheit“, unter der er die Freiheit des Menschen verstand, zu tun, was er will, ob es nun böse oder gut sei. Dagegen sei wahre Freiheit, die er auch „moralische“ Freiheit nannte, „in Ehrfurcht vor dem Bund zwischen Gott und den Menschen, (…) dem Guten, Gerechten und Ehrenvollen“ verpflichtet. „Für diese Freiheit“, so sagte er, „müßt ihr mit dem Wagnis eures Lebens einstehen.“ Jede Autorität, die diese Freiheit verletzt, ist keine wahre Autorität und muß beseitigt werden. Hier betont Winthrop wieder den ethischen Kern seiner Freiheitsidee, den andere Traditionen in Amerika nicht anerkannt haben.

In ganz ähnlicher Form war Gerechtigkeit für Winthrop ein grundsätzliches Anliegen und nicht nur eine Frage des Verfahrens. Cotton Mather beschreibt Winthrops Regierungsstil folgendermaßen: „Er hat als Gouverneur äußerst gründlich ein Buch studiert, das, obwohl es vorgab, Politik zu lehren, nur drei Blätter enthielt. Auf jedem dieser Blätter stand nur ein Wort, und das hieß ‚Mäßigung‘.“ Als ihm während eines besonders langen und harten Winters berichtet wurde, ein armer Mann aus seiner Nachbarschaft hätte Holz bei ihm gestohlen, rief Winthrop ihn zu sich und teilte ihm mit, daß er wegen der Strenge des Winters und seiner Bedürftigkeit die Erlaubnis erhalte, für den Rest der kalten Jahreszeit Winthrops Holzvorräte mitzubenutzen. Freunden erzählte er, diesen Mann habe er gründlich vom Stehlen kuriert.

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