IT

Informationstechnologie

Prozess der Entwirklichung

Die FAZ hat einen guten Beitrag über den Einfluss des Smartphones publiziert. Das Smartphone bringt unser Leben zum Leuchten, jeder wird zum Regisseur und spinnt sich sein Netz der Anerkennung. Ein Artikel über die Psychologie einer großen Illusion.                                         

Die Bilder, die von ihren Freundinnen bei Whatsapp täglich auf sie einprasseln, seien eine „Beschränkung der Freiheit“, schrieb die Schweizer Autorin Claudia Mäder kürzlich in der „Neuen Zürcher Zeitung“. Das klang nach einer großen These, war aber ganz einfach gemeint: Sie wolle sich lieber einen schönen Garten vorstellen, als Bilder von kümmerlichen Pflänzchen zu sehen, und auch auf die Impressionen von kaffeetrinkenden Freundinnen oder bergsteigenden Kollegen auf weißen Gipfeln könne sie verzichten. All diese Bilder empfindet sie als „Eindringlinge in die Sphäre der mentalen Imagination“.

Daniel Salber erkennt in dem Prozess der Entwirklichung, den die sozialen Netzwerke mit sich bringen, eine Strukturanalogie zur Spekulationsblase der Finanzkrise von 2008. Der Wunsch, ohne Aufwand reich und glücklich zu werden, werde durch die Struktur der sozialen Medien befördert: Keine Anstrengung, kein Scheitern, permanente Selbstmaximierung und Perfektion nach außen – erwünscht ist das makellose Dasein in einer glatten Welt, die nichts mehr dem Zufall überlässt.

Ich bin, was ich erlebe. Ich zeige, was ich erlebe. Ich erlebe, was ich kaufe.

Hier: www.faz.net.

Facebook ist das neue Fernsehen

Das geschriebene Wort verliert an Bedeutung, im Internet dominieren Videos. Das nervt. So verlernen wir das Denken.

Hier ein Beitrag von Hossein Derakhshan, erschienen in der SZ:

Noch alarmierender ist eine andere Entwicklung: Nachdem Print-Journalismus an Bedeutung verloren hat, ist das Internet der letzte öffentliche Raum, in dem das Wort im Vordergrund steht – und ausgerechnet das Netz kapituliert gerade vor dem Format des Fernsehens. Das Verständnis des „Streams“, wie es Facebook, Twitter & Co. pflegen, tötet das Netz und damit den Journalismus in Textform. Facebook ähnelt mittlerweile eher der Zukunft des Fernsehens als dem, wonach das Internet mehr als zwei Jahrzehnte aussah.

Forscher der Universität Oxford zeigten vor kurzem, dass der Konsum von Online-Videos in den USA und den meisten anderen Teilen der Erde steigt. Die Ausnahme ist Nordeuropa. Das liegt vielleicht daran, dass die Menschen dort ein gesünderes Verhältnis von Leben und Arbeit pflegen und ihr öffentliches Bildungssystem nach wie vor Lesen und kritisches Denken fördert.

Mehr: www.sueddeutsche.de.

 

Automatisierter Hass im Netz

Immer mehr Hetzkommentare im Internet stammen von Maschinen. Mit ihnen werden die sozialen Netzwerke manipuliert – doch das hat auch Folgen für die reale Welt.

Immer mehr Roboter wie Tay, sogenannte Social Bots, greifen mit Hetzkommentaren in die Leserdebatten der sozialen Netzwerke ein und lenken die Diskussionen im Auftrag obskurer Auftraggeber in eine bestimmte Richtung. Ganze Nutzerprofile werden von Computerprogrammen angelegt und mit Menschlichkeit und damit zugleich mit Glaubwürdigkeit erfüllt: Die Roboter-User posten erst von einem erfundenen Frühstück, dann etwas Belangloses über ihre „Freunde“ und schließlich Hetzkommentare etwa zur Flüchtlingskrise.

Das soziale Phänomen des „Echokammerprinzips“, wie der amerikanische Soziologe Cass Sunstein es genannt hat, wird dadurch noch verstärkt: Auch in den sozialen Medien umgeben wir uns vor allem mit Menschen, die die gleiche Auffassung vertreten – mit der Folge, dass abweichende Meinungen immer mehr an den Rand gedrängt und in der „Blase der Gleichgesinnten“ schon bald nicht mehr wahrgenommen werden. Wenn diese Tendenz des gegenseitigen Bestärkens jetzt noch durch künstliche Intelligenz aufgegriffen wird, wird die übelriechende Brühe aus Hetzparolen, halbgaren Mutmaßungen und Beschimpfungen noch ungenießbarer.

Mehr: www.faz.net.

VD: JS

Alles unter Kontrolle

79 Prozent aller Smartphone-Benutzer fangen nach Schätzungen ihren Tag damit an, dass sie gleich nach dem Aufwachen ihr Gerät checken. Geht die reale Welt langsam unter? Für die digitale Existenz ist die Wirklichkeit auch bloß eine App. Wie uns das Internet abhängig von künstlich erzeugten Gefühlen macht, beschreibt das Buch Hooked: Wie Sie Produkte erschaffen, die süchtig machen.

Mark Siemons gibt uns Einblicke in die guten Manipulationen der Netzwelt und die Sehnsucht nach dem Wirklichen. Lösungen gibt es nicht, aber gute Beschreibungen der Einwicklungen:

In seinem Buch „Hooked“ stellt der amerikanische Verbraucherpsychologe Nir Eyal das Internet als gigantische Manipulationsmaschine dar. Anders als zu Don Drapers Zeiten brauche das Marketing heute nicht mehr von außen in das Bewusstsein seiner Zielgruppen einzudringen, da es die potentiellen Kunden dazu verleiten könne, sich freiwillig selber in sein Inneres zu begeben: Das entscheidende Ziel für große Silicon-Valley-Konzerne ebenso wie für kleinste Start-ups bestehe in der Veränderung habituellen Verhaltens. Mit einer aus der Glücksspielautomaten-Industrie übernommenen Psychologie versuchten die Internetfirmen, die Menschen in einem geschlossenen Zirkel zu fangen.

Bemerkenswert an dieser Diagnose ist, dass sie nicht von einem Kulturkritiker, geschweige denn von einem Netzkritiker stammt, sondern von einem Agenten des beschriebenen Systems. Das Buch ist ein Ratgeber, „wie Sie Produkte erschaffen, die süchtig machen“ – so formuliert es der Untertitel der deutschen Übersetzung. Der Autor präsentiert ein vierstufiges „Hakenmodell“: Ein äußerer Auslöser (Trigger), etwa in Form einer E-Mail oder eines App-Icon, muss die möglichst überzeugende assoziative Verbindung zu einer schon vorhandenen oder erst neu geschaffenen Emotion herstellen, zum Beispiel der Angst vor Langeweile oder Einsamkeit. Es folgt die durch eine möglichst benutzerfreundliche Oberfläche gelenkte Handlung, also das Klicken auf ein Bild oder eine Website, die eine Belohnung, also die Bewältigung des in der ersten Phase aufgerufenen Problems verspricht (zum Beispiel durch Kommunikation). Entscheidend ist dann, dass diese Belohnung variabel ausfällt, also jedes Mal etwas Neues, Überraschendes bietet, weil erst das eine habituelle und nicht bloß einmalige Verhaltensänderung bewirkt: „Variabilität schafft eine Fokussierung, welche diejenigen Gehirnareale unterdrückt, die mit Urteilsfähigkeit und Vernunft verknüpft sind.“ In der vierten Stufe investiert der Nutzer schließlich aus freien Stücken seine Zeit und seine Daten, vielleicht auch sein Geld, und schafft damit die Voraussetzung, dass er den Hakenzyklus immer wieder durchlaufen wird.

Mehr: www.faz.net.

VD: JS

 

Die Ich-Maschinen

Mathias Müller von Blumencron hat für die FAZ einen hilfreichen Beitrag über die neusten Informationstrends geschrieben. Eines der besten Schaufenster für die Zukunft der Informationsgesellschaft ist seiner Meinung nach das gerade zu Ende gegangene Tech-Festival „South by Southwest“ (SXSW) im texanischen Austin (USA). Seine These: Das Tun der Nutzer orientiert sich nicht primär an der Welterkenntnis, sondern stellt Identität her und ist ein Akt der Selbstvergewisserung. Subjektivität wird verobjektiviert.

Einige Schnipsel:

„Facebook verschlingt die ganze Welt“

Informationsrituale wie das morgendliche Abrufen von redaktionell komponierten Websites, Zeitungslektüre in der S-Bahn oder der Fernsehabend verschwinden. Der ständige Zugriff auf das Smartphone – bei Jüngeren im Schnitt mehr als hundertsechzig Mal pro Tag – führt zu einer Gleichzeitigkeit von Information, eigenem Erleben und Kommunikation, deren Adressaten weitere Reaktionskaskaden auslösen. Das Ergebnis ist ein unaufhörliches Schlagzeilen-Crescendo und ein granularer Medienstrom. Die Informationsgrundlagen des demokratischen Gemeinwesens verschieben sich, ohne dass der Gesellschaft Zeit bleibt, sie zu reflektieren.

Emily Bell ist eine besonnene Wissenschaftlerin, bekannt für ihre klugen Analysen des Medienwandels. Doch wenn das Gespräch auf Facebook kommt, wird die ehemalige Digital-Chefin des „Guardian“ emotional: „Das Ende der Nachrichten, wie wir sie kennen: Wie Facebook den Journalismus verschlingt“ betitelte sie kürzlich eine Rede. Dabei hebt die Medienwissenschaftlerin, die an der Columbia School of Journalism in New York lehrt, eigentlich stets die Chancen der neuen Medien-Technologien hervor. Doch zuweilen kommt sie ins Zweifeln: „Unser News-Ökosystem hat sich in den vergangenen fünf Jahren stärker verändert als zu irgendeiner Zeit in den vergangenen fünfhundert Jahren“, sagt sie, „Facebook verschlingt die ganze Welt.“

Die Ego-Maschinen füttern

„Buzzfeed“ ist Vorbild für Dutzende von Start-ups und eines Geschäftsmodells, von dem auch etablierte Medien profitieren wollen. Entscheidend ist nicht mehr die Komposition von relevanten, aktuellen, unterhaltenden Stücken zu einem Gesamtprodukt wie einer Website, sondern die Distribution der einzelnen Werke auf alle Kanäle des sozialen Webs.

Traditionelle Medien nutzen die Verteilmechanismen und die Auslieferungstechnologie der Plattformen. Sie produzieren „Instant Articles“ für Facebook oder füttern Snapchats Medienecke „Discover“. Und zwar in großem Stil. „Das System fluten“ nennt das Mat Yurow, Direktor für „Audience Development“ bei der „New York Times“, einer Profession, die in Deutschland noch nahezu unbekannt ist, „und dann Facebook den Job machen lassen.“ Was Yurow meint: Die „New York Times“ postet einen Großteil ihrer Geschichten direkt auf Facebook und nutzt dessen Algorithmen, um die Artikel in die Timelines mutmaßlich interessierter Leser zu pressen. Geld verdient der Verlag, indem er die Artikel selbst mit Anzeigen belegt.

Es geht um die Selbstvergewisserung der Nutzer

Denn bei „Buzzfeed“ und ähnlichen Angeboten geht es primär nicht um Neuigkeiten, Nützliches oder Unterhaltendes. Es geht um die Selbstvergewisserung der Nutzer. Das höchste Ziel seiner Plattform sei es, sagt Frank Cooper, „Menschen mit sich selbst zu verbinden“. Danach komme die „Connection“ mit dem engsten Freundeskreis und dann mit der passenden Subkultur. Erst ganz am Schluss geht es um die Vermittlung gesellschaftlicher Themen.

Diese Ich-Bezogenheit und Selbstsucht ist der Motor von Facebook, „Buzzfeed“ und aller anderen Maschinen, die mit großer Raffinesse Millionen von Nutzern fesseln und durch das ganze Netz verfolgen. Das wäre möglicherweise noch zu verkraften. Allerdings sehen schon vierzig Prozent der Amerikaner, so ermittelte das Pew Research Center aus Washington, Facebook als Nachrichtenquelle an, um sich über das Geschehen in ihrem Land und der Welt zu informieren. So wird Subjektivität verobjektiviert. „Buzzfeed“ & Co. sind mediale Drogen einer im tiefsten Inneren verunsicherten Gesellschaft.

Hier mehr: www.faz.net.

VD: JS

„Facebook war Gift für mich“

Selbstmitleid, Neid, Gelähmtsein: Kati Krause erzählt wohltuend offen, wie ihr die Sozialen Netzwerke in einer Lebensphase, die von Depressionen geprägt war, überhaupt nicht gut getan haben.

Ein Symptom von Depression ist Energielosigkeit. Außerdem hat man eine sehr geringe Aufmerksamkeitsspanne. Ein Buch zu lesen, einen Film zu schauen, das ging alles nicht. Es gab nur den einen Gedanken: Ich brauche jetzt irgendwas. Und weil nichts anderes ging, war ich eben in sozialen Netzwerken unterwegs. Ich habe die App geöffnet und hatte die Hoffnung, im Netzwerk irgendetwas Positives zu erleben. Da kam dann aber nichts, sobald ich online war.

Facebook checken war für mich in der Depression ein Teufelskreis, aus dem ich nicht rauskam. Als gesunder Mensch sagt man sich irgendwann: Ich mache das jetzt zu. In der Depression ist das viel schwerer. Man kann keine Entscheidungen treffen, wie ein gesunder Mensch das tun würde. Das bezieht sich natürlich nicht nur auf meine Nutzung sozialer Medien, sondern alle Lebensbereiche. Die Apps sind auch so gebaut, Nutzer immer wieder anzulocken: Blinkt eine neue Nachricht auf? Habe ich einen neuen Follower? Die Vorfreude, der Dopaminausstoß, währte aber immer nur kurz.

Hier mehr: www.spiegel.de.

Aufmerksamkeitskiller Smartphone

Smartphones lenken ab, führen sogar zu schlechteren Leistungen. Dennoch setzen Hochschulen vermehrt auf den Smartphone-Einsatz. Die taz berichtet von einem Professor, der zu drastischen Maßnahmen greift, falls in der Vorlesung so ein digitales Spielzeug zu viel Aufmerksamkeit bekommt:

„Die Generation Studierender, die heute an die Universitäten kommen, sind alle Digital Natives“, sagt Jaroch vom Deutschen Hochschulverband. Die meisten hätten Smartphones. Aber man müsse auch die im Blick haben, die keines besäßen. „Da muss man vorsichtig sein, dass man niemand abhängt.“ Experimentleiter Riedl hält für bedenklicher, dass sie ständig auf ihr Handy blicken müssen: „Sie können gar nicht mehr anders. Das ständige Onlinesein ist eine Sucht.“ Damit konfrontiert er seine Studentinnen und Studenten auch in der Vorlesung. Wer das Gerät nicht freiwillig wegpackt, müsse aufstehen und sagen: „Ich bin Klaus und ich bin süchtig.“ Die Nachricht verstehen die Studierenden sofort.

Ich sollte diesen Ansatz übernehmen!

Hier mehr: www.taz.de.

Digital-Manifest

Joachim Müller-Jung informiert über einen Versuch, im digitalen Zeitalter die Macht der Rechner und Daten zu begrenzen. Neun Wissenschaftler arbeiten an einem „Digital-Manifest“:

„Das Biohacking des Menschen läuft.“ Markus Hengstschläger, Genetiker und Chef der österreichischen Bioethik-Kommission, sieht seine Zunft an einem historischen Punkt und fürchtet, dass erstmals in der Geschichte unserer Gattung das „endogene Grundgerüst des Menschen zur Disposition steht“. Mit Genome-Editing, so fürchtet er, könnte schon bald ein Weg direkt zur Selbstoptimierung führen, am Ende zum gefährlichen Spiel mit dem Schicksal nachfolgender Generationen. Nun, wenn Genom-Manipulation der Verlust der Natürlichkeit im Inneren darstellt, könnte das, was in der Spektrum-Veröffentlichung behandelt wird, als der Frevel an dem äußeren Grundgerüst des Menschseins, seiner Selbstbestimmung, und damit als Verrat an unseren kulturellen Errungenschaften bezeichnet werden. Es geht, um es auf den Punkt zu bringen, um die fortschreitende Manipulation unseres Verhaltens durch digitale Systeme. Um Fremdsteuerung und Fremdoptimierung.

Neun namhafte und manche durchaus prominente Wissenschaftler, Kultur- wie Naturwissenschaftler, Sozial- und Bildungsforscher, IT-Praktiker und –Theoretiker, haben sich gemeinsam zur Formulierung eines „Digital-Manifestes“ verabredet.

Hier mehr: blogs.faz.net.

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