Philosophie

Nietzsche und die Bibel

Bild: Friedrich Nietzsche gemalt von Edvard Munch, Public Domain

Friedrich Nietzsche starb vor 125 Jahren in Weimar. Eine Gelegenheit, auf den Aufsatz „Nietzsche und die Bibel“ von Andreas Urs Sommer hinzuweisen (Jahrbuch für Internationale Germanistik, Nr. 1, 2008, S. 49–63). Wer wissen möchte, wie Nietzsche mit biblischen Begriffen und Aussagen umgegangen ist, kommt an diesem Überblick nicht vorbei. Nietzsche hat nicht auf die Bibel gehört, sondern sie für eigene Absichten verzweckt.

Ein Auszug:

Wer Auskunft über Nietzsches Verwendung einzelner, (auch) in der Bibel belegter Wörter benötigt, ist mit dem neuen, von der Nietzsche Research Group in Nijmegen herausgegebenen Nietzsche-Wörterbuch sehr gut versorgt. Hingegen fehlt bislang eine befriedigende Monographie, die Nietzsches Auseinandersetzung mit dem Neuen Testament in allen Facetten und ohne Voreingenommenheiten thematisiert. Nietzsches frühe Begegnung mit dem Neuen Testament dokumentiert Martin Pernets Berner Dissertation „Das Christentum im Leben des jungen Nietzsche“ (vgl. oben Anm. 5) eingehend. Manche Einzelaspekte von Nietzsches Bezugnahmen auf das neue Testament sind in der Forschung sehr ausführlich zur Sprache gekommen. Theologisch interessierte Autoren haben sich insbesondere an Nietzsches Rekonstruktion Jesu, namentlich an seiner „Psychologie des Erlösers“ im Antichrist abgearbeitet. Sehr richtig hat freilich Ulrich Willers in seiner magistralen Studie „Friedrich Nietzsches antichristliche Christologie“ zu den grassierenden Inanspruchnahmen des antichristlichen Nietzsche für einen neuen christlichen Jesuanismus bemerkt: „Isoliert erwecken diese Texte [im „Antichrist“] möglicherweise den Eindruck, Nietzsche wolle das wahre Evangelium Jesu gegen das ‚Dysangelium‘ des Paulus, der Kirche, des Christentums stark machen. Wahr daran ist nur, dass Nietzsche im Kampf gegen das Christentum auch Jesus selbst als Schlag-Waffe gebrauchen kann und daher einsetzt. Falsch daran ist jedoch die mitgeführte Vorstellung, Nietzsche sei so etwas wie der Lehrer einer imitatio Christi.“  Willers leistet eine Differenzierungsarbeit, die von vielen danach mit dem Thema beschäftigten Beiträgen nicht erreicht wird. Die vornehmlich argumentationsstrategische Bedeutung des scheinbar positiven Jesus-Rekurses im „Antichrist“ hatte bereits Ernst Benz in seinem Buch „Nietzsches Ideen zur Geschichte des Christentums und der Kirche“ herausgestellt, während der katholische Religionsphilosoph Eugen Biser in seinen zahlreichen Veröffentlichungen zum Thema nicht müde wird, Nietzsches „nie ganz aufgegebene Verbundenheit“ zu Jesus zu betonen. Wie stark theologische Autoren gerade im Hinblick auf Nietzsches Behandlung Jesu auf eine christliche Repatriierung Nietzsches hoffen, zeigen in aller Drastik die scharfsinnigen Analysen des theologischen Nietzsche-Diskurses bei Peter Köster und bei Dieter Schellong. Die gebotene Zurückhaltung im Hinblick auf eine vorgeblich von Nietzsche erneuerte Jesus-Frömmigkeit muss freilich keineswegs ambitionierte philosophische Deutungen der Jesus-Figur im „Antichrist“ ausschliessen, wie sie etwa Werner Stegmaier vorgelegt hat.

Ebenfalls im Brennpunkt der Forschung steht Nietzsches Paulus-Bild. Pionierarbeit hat dabei Jörg Salaquarda in seinem Aufsatz „Dionysos gegen den Gekreuzigten“ geleistet (vgl. oben Anm. 34), während eine umfassende Darstellung erst mit der Greifswalder Dissertation „Der Apostel der Rache“ von Daniel Havemann vorgelegt worden ist. 45 Dabei ist bei Havemann ein theologisch-systematisches Interesse leitend, wogegen ich selbst im Kommentar zum „Antichrist“ stärker die philosophisch-historischen Perspektiven herauszuarbeiten versucht habe (vgl. oben Anm. 19).

Abgesehen von Jesus und Paulus haben andere neutestamentliche Figuren und Themen in Nietzsches Werk nur sporadisch Aufmerksamkeit gefunden. So wäre – um nur ein Beispiel herauszugreifen – Nietzsches Deutung des johanneischen Schrifttums einer näheren Betrachtung bedürftig. Auch sein Verhältnis zu bestimmten Auslegungstraditionen müsste noch genauer untersucht werden. Resümierend ist festzuhalten, dass Nietzsche biblische Texte, Figuren, Motive und Redeformen schon früh für eigene Zwecke, für seine eigene philosophische Verkündigung instrumentalisiert hat. Dabei ist es ihm – trotz des stellenweise hohen Bibeltons – aber meist auch gelungen, diese eigene Verkündigung skeptisch zu relativieren.

Mehr: www.ingentaconnect.com.

Nochmal: Der Mensch und das Naturrecht

Der Moraltheologe Peter Schallenberg hat erfreulicherweise den hier im Blog schon thematisierten Artikel „Das Grundgesetz ist nicht von Gott gesetzt“ von Friedrich Wilhelm Graf (ebenfalls in der FAZ) inhaltlich widerlegt. Er nutzt dafür interessanterweise eine existenzialistische Argumentationsfigur (aus dem Da-Sein entfaltet sich das So-Sein) und ein Kant-Argument (der Wert eines Menschen kennt keinen Preis). Inhaltlich stimme ich zu: die Menschenwürde ist unbedingt. Es ist kein naturalistischer Fehlschluss zu meinen, „es sei oberste Aufgabe der Verfassung, das unbedingte Lebensrecht jedes Menschen vom frühestmöglichen Zeitpunkt der Individuation bis zum spätestmöglichen medizinischen Ende zu garantieren. Es ist vielmehr modernes Naturrecht als Personrecht.“

Hier ein Auszug aus „Der Mensch als unverzichtbares Wesen der Gesellschaft“ (FAZ, 07.08.2025, Nr. 181, S. 9):

Die bisherige Rechtsprechung relativiert nicht die Menschenwürde des ungeborenen Menschen gegenüber der Mutter, sondern verzichtet lediglich auf die Strafverfolgung im Fall der Rechtswidrigkeit – ein ungewöhnlicher, aber nicht undenkbarer Vorgang. Das Strafrecht sieht sich außerstande, eine rechtswidrige Tat zu ahnden, nicht mehr und nicht weniger. Daraus lässt sich aber keine Abstufung des Lebensrechtes oder eine Relativierung der Menschenwürde ableiten. Das ist nämlich auch der Sinn des Artikels 1 GG: Die Würde des Menschen ist selbstverständlich nicht nur unantastbar für den Staat, sie ist auch unantastbar für den Mitmenschen und für den Menschen selbst (weswegen Selbsttötung eben nicht eigentlich eine Freiheitstat, sondern ein Abbruch der Freiheit zum Leben ist).

Das alles ist nicht zuerst christlich (und schon gar nicht katholisches Exoticum wie eine Fronleichnamsprozession) und erst recht nicht „rechts“ im Unterschied zu „links“. Qualität folgt vielmehr der Quantität, Da-Sein entfaltet sich zum So-Sein. Jeder Mensch hat das unbedingte Recht auf Überleben, am frühesten Anfang des Lebens als soeben befruchtete Eizelle, als Embryo und als menschliche Person. Und am spätestmöglichen Ende des Lebens, möglicherweise dement und inkontinent und schwerst pflegebedürftig: aber vollkommen unbezweifelbar als liebenswürdige Person. Was christlich Gottebenbildlichkeit heißt, nennen die Philosophie und das Naturrecht Menschenwürde: unbezweifelbar und unbedingt. Dies ist kein naturalistisch-biologistischer Fehlschluss, wie die Befürworter einer liberalen Regelung des Abtreibungsrechts behaupten, sondern Ausdruck der Grundüberzeugung unseres Grundgesetzes, dass von Natur aus – daher Naturrecht – jeder Mensch leben will und leben soll. Darin liegt seine unantastbare Menschenwürde als Person.

Und diese Menschenwürde, verstanden als Ausnahme und Herausnahme in einer Welt der Dinge und der Gebrauchsgegenstände, ist eben nicht, wie Frauke Brosius-Gersdorf meint, zu trennen vom Lebensrecht. Spitzfindig meint sie, dem frühen Embryo komme wohl Lebensrecht, aber nicht Menschenwürde zu, da sonst jede Form der Abtreibung unerlaubt sei. Ungewollt trifft sie in der Tat den kantianischen Nagel auf den Kopf: In der Tat ist nach Immanuel Kant jede direkte Tötung eines Menschen immer und überall unerlaubt, weil ihr eine Bewertung und damit eine Verzwecklichung der Menschenwürde vorangeht. Diese strikten Ansichten zum Lebensschutz haben auch unser Grundgesetz mit den unveräußerlichen Grundrechten wesentlich geprägt. Und hier ist eben keine „Politik des Kompromisses“ möglich, wie Graf im Anschluss an Hans Kelsen nahelegt. Vielmehr meint ein modernes und doch striktes Naturrecht: Jeder Mensch ist von Natur aus aus der Welt der Gegenstände und Zwecke ausgesondert, und daher also ist nach dem Naturrecht, unabhängig von Glauben und Konfession, jede direkte Tötung eines unschuldigen Menschen immer und überall unerlaubt.

Die einzige Ausnahme ist der Fall der Notwehr bei schuldigem Angreifer, was offenkundig für das unschuldige ungeborene Kind nicht zutrifft, dessen einzige „Schuld“ es sein könnte, ungewollt und ungeplant oder schwer behindert zu sein.

Alles nur Simulation

Markus Gabriel, Initiator des Neuen Realismus (eine philosophische Strömung, die den Postmodernismus ablöst), sagt über die Abschaffung des Wirklichen im postmodernen Denken (Markus Gabriel u. Matthias Eckoldt, Die ewige Wahrheit und der Neue Realismus, 2019, S. 42–43): 

Für die postmodernen Theoretiker – hier allen voran: Richard Rorty – ist alle Referenz unscharf, und alle Identitäten, also die Idee, dass irgendetwas hinter den Unschärfen scharf gestellt ist, sollten immer nur Illusionen sein. Also immer nur Gerhard Richter. Der verwischte Elvis Presley, der telefoniert, hinter dem ist nicht der echte Elvis Presley, sondern ein Foto, das Gerhard Richter bearbeitet. Das heißt, da ist immer noch eine Repräsentationsebene dazwischen. Man sagt nicht einmal, die Wirklichkeit ist verwischt, sondern das Verwischte ist eine Verwischung einer Repräsentation. Man ist mindestens zwei Ebenen auf Abstand vom Wirklichen, und wenn man dann gefragt wird, wie es mit der Basiswirklichkeit steht, dann bestreitet man auch noch, dass da eine sei, und sagt, sie sei auch nur ein Signifikat in der Kette der Signifikanten. Das war die Idee der Postmoderne.

Ich fand das damals als heranwachsender Philosoph auch gut, ich konnte mich hineinversetzen. Ich bin gerade schon alt genug, um die Faszination zu verstehen, die Baudrillard ausübte, als er neue sozioökonomische Phänomene mit einer neuen Theoriesprache beschrieb und alles in ein Bild einrahmte: Börsencrash, Aids und Techno und alles, was damit verbunden wurde. New York als die postmoderne Stadt par excellence. Ich würde sagen, Paris war die Hauptstadt der Moderne, und New York war die Hauptstadt der Postmoderne. Es ist kein Zufall, dass der New Yorker Immobilienmarkt Donald Trump, die Farce der Postmoderne, hervorbringt. Donald Trump ist sozusagen die Widerlegung der emanzipatorischen Ansprüche der Postmoderne, wie eine Witzfigur (oder wohl eher ein Horrorclown), die aus der Box herausspringt. Baudrillard könnte hier mit Marx sagen „Das eine Mal als Tragödie, das andere Mal als Farce“. So ist die Postmoderne heute an ihr ironisches Ende gekommen. Die unendlich ironische Selbstzitation, die weiß, dass sie eigentlich ein Totentanz ist, manifestiert sich jetzt als welthistorische Gewalt eines postfaktischen Zeitalters.

Als Zeichen für ein endgültiges Ende der Postmoderne deutet Gabrial übrigens ein neuen Interesse an der Wahrheit: „Das Progressive ist jetzt auf der Seite der Tatsachen. Heute gilt es, für wissenschaftliche Objektivität einzutreten, da das Interesse an echter wissenschaftlicher und philosophischer Forschung zugunsten einer rein technokratischen Funktion der Universität (alles soll TU werden) schwindet. Das ist das Ende der Postmoderne. In der Postmoderne war die Idee: Progressiv ist man, wenn man die Idee der Tatsache und der objektiven Wahrheit herunterfährt. Plötzlich ist es andersherum“ (ebd., S. 44). 

Alasdair MacIntyre (1929–2025)

Der schottisch-amerikanische Philosoph trug wesentlich zur heutigen Wiederentdeckung einer zielgerichteten Ethik bei. DIE TAGESPOST erinnert an seine Leistungen: 

MacIntyre, der 1929 in Glasgow geboren wurde und während der Great Depression in England aufwuchs, beschäftigte sich während seines Studiums der klassischen Philologie und Philosophie zunächst mit dem Marxismus und trat für kurze Zeit sogar der Kommunistischen Partei Großbritanniens bei. Seine philosophische Kritik an den Gräueln des Stalinismus und das Studium klassischer Autoren wie Aristoteles und Thomas von Aquin führten ihn jedoch dazu, seine Positionen anzupassen.

Im Jahr 1969 zog es MacIntyre als Hochschullehrer in die USA, wo er sich vom Marxismus distanzierte und begann, für ein aristotelisch-thomistisches Verständnis von Ethik und Politik zu argumentieren. In den 1980er Jahren konvertierte er schließlich zum Katholizismus. Der Lebensweg MacIntyres weist so, gerade in Hinblick auf die prägende Kraft der Philosophie, Parallelen zur Biografie einer anderen großen Philosophin und Konvertitin des 20. Jahrhunderts auf – Edith Stein, deren frühem Denkweg der schottisch-amerikanische Philosoph 2005 ein eigenes Buch gewidmet hat.

Das wohl bekannteste und einflussreichste Werk MacIntyres ist After Virtue (deutsch: Der Verlust der Tugend) aus dem Jahr 1981. Es beginnt mit der Diagnose, dass unser Reden über moralische Fragen – sowohl im Alltag als auch in der Philosophie – heute mit Begriffen operiert, die einem philosophischen Denkrahmen entstammen, der spätestens seit dem Zeitalter der Aufklärung verloren gegangen ist. Das zeige sich daran, so MacIntyre, dass moralische Debatten in den meisten Fällen rational nicht abschließend entschieden werden könnten, da jeder moralische Standpunkt letztendlich auf einer subjektiven Festlegung zu beruhen scheint.

Der Einfluss MacIntyres reicht jedoch weit über den Bereich der akademischen Philosophie hinaus. Besonders der Gedanke, dass Moral in sozialen Praktiken und Gemeinschaften als Teil konkreter Traditionen gelebt wird, hat in christlichen Kreisen durchaus Widerhall gefunden. So ruft MacIntyre selbst am Schluss von After Virtue dazu auf, Formen von Gemeinschaft zu schaffen, in denen heute ein Verständnis moralischer und intellektueller Tugenden kultiviert und weitergegeben werden könne.

Die Bedeutung Alasdair MacIntyres wird übrigend von Carl Trueman in dem Buch Der Siegeszug des modernen Selbst herausgearbeitet.

Hier mehr: www.die-tagespost.de.

Der moralische Gottesbeweis bei Kant

Rüdiger Safranski schreibt in Romantik: Eine deutsche Affäre (2007, S. 137):

Kant hatte die alte Metaphysik mit ihren Gottesspekulationen destruiert. Die theoretische Vernunft, so lehrte er, kann Gott nicht erkennen. Kant vertrieb die theoretische Vernunft damit rigoros aus den seligmachenden Gefilden, wo sie nichts zu suchen, jedenfalls nichts zu finden hat. Ubriggeblieben war die Gotteshypothese für die praktische Vernunft, also für die Moral. Kant erklärt die Sittlichkeit zum einzig verbleibenden religiösen Organ. Dabei ist, genaugenommen, die Religion nicht das Fundament der Moral, sondern es wird umgekehrt die Religion auf die Moral gegründet. Das ist sehr bedeutsam. Würde Moral auf Religion begründet sein, wäre sie gottgegeben, also heteronom [d.h. von fremden Gesetzen/Gesetzgebern abhängend, Anm. R.K.]. Sie soll aber autonom sein. So will es der Kantsche Freiheitsbegriff.

Sind Rechte und Pflichten immer nur Verträge?

Der Geschichtsprofessor Yuval Harari hat einmal über die Menschenrechte gesagt: 

Mit den Menschenrechten verhält es sich wie mit dem Himmel und Gott: Sie sind nur eine fiktive Geschichte, die wir erfunden haben und verbreiten. Vielleicht eine sehr schöne Geschichte, das mag sein. Eine attraktive Geschichte, die wir gerne glauben würden. Aber es handelt sich eben doch nur um eine Geschichte, nicht um die Realität. Menschenrechte sind keine biologische Realität. So wie Quallen, Spechte und Strauße keine Rechte haben, hat auch der Homo sapiens keine Rechte. Nehmen Sie einen Menschen, schneiden sie ihn auf und schauen Sie hinein: Sie finden sein Blut, das Herz, die Lunge und die Nieren, aber Sie finden dort keine Rechte. Der einzige Ort, an dem man Rechte findet, ist in den fiktiven Geschichten, die Menschen erfunden und verbreitet haben. Und das Gleiche gilt auch im politischen Bereich. Staaten und Nationen sind – genau wie die Menschenrechte und Gott und der Himmel – auch nur Geschichten. Ein Berg ist eine Realität: Sie können ihn sehen, ihn anfassen und sogar riechen. Israel oder die Vereinigten Staaten sind nur Geschichten. Sehr mächtige Geschichten. Geschichten, die wir vielleicht sehr gerne glauben würden, aber trotzdem nur Geschichten. Die Vereinigten Staaten kann man nicht wirklich sehen – man kann sie nicht anfassen, man kann sie nicht riechen.

Sind also Dinge wie Himmel, Hölle, Nationen und sogar „Menschenrechte“ nur nette Geschichten, die wir uns erzählen, um mit der Welt zurechtzukommen? Derek Rishmawy, der sich mit den Sichtweisen von Jordan Peterson, Tom Holland und Yuval Harari auseinandergesetzt hat, ist da anderer Meinung. 

Mehr hier: www.evangelium21.net.

Keith A. Mathisons Kritik an Cornelius Van Til

Im reformierten Kreisen wird derzeit intensiv über die Kritik an der „voraussetzungsbewussten Apologetik“ nachgedacht. Die „Presuppositional Apologetics“ ist ein Ansatz in der christlichen Apologetik, der darauf basiert, dass jeder Mensch mit bestimmten weltanschaulichen Voraussetzungen (Präsuppositionen) denkt und argumentiert. Dieser Ansatz wurde besonders durch Cornelius Van Til entwickelt und geprägt. Keith A. Mathison hat nun mit dem Buch Toward a Reformed Apologetics eine Kritik des Denkens von Cornelius Van Til vorgelegt. Das Buch von Mathison ist in mancherlei Hinsicht hilfreich. Aber es enthält auch gravierend Schwächen, die bei der Darstellung von Van Tils Ansatz beginnen und besonders dort deutlich werden, wo er einen „präpositionale Einfluss des Idealismus“ bei Van Til behauptet.

Ein sehr hilfreiche Besprechung gibt es beim Reformed Forum durch Carlton Wynne, Lane Tipton und Camden Bucey. Zur inhaltlichen Orientierung die Themen: 

00:00:07 Introduction
00:07:17 Points of Appreciation for Mathison’s Book
00:13:04 Must Man Know All Things to Knowing Anything about Anything?
00:33:14 The Covenantal-Ethical Nature of Knowledge
00:51:11 The Influence of Idealism upon Van Til
01:01:54 Propositional Jenga
01:12:25 Borrowed Capital
01:18:42 Correlativism or One-Circle Thinking
01:23:10 The Coherence Theory of Truth
01:34:09 Conclusion

Das andere Geschlecht

Simone de Beauvoir schrieb 1949 (Das andere Geschlecht [#ad], 2018, S. 484–485):

Es ist nicht schwer, sich eine Welt vorzustellen, in der Männer und Frauen gleich wären, denn genau diese Welt hatte die russische Revolution versprochen: Die Frauen, in der gleichen Weise erzogen und ausgebildet wie die Männer, würden bei gleichem Lohn unter den gleichen Bedingungen arbeiten. Die erotische Freiheit wäre sittlich zugelassen, aber der Geschlechtsakt würde nicht mehr als ein „Dienst“ betrachtet, der sich auszahlt. Die Frau wäre gezwungen, sich einen anderen Broterwerb zu sichern. Die Ehe wäre ein freier Zusammenschluß, den beide Partner zu jedem beliebigen Zeitpunkt aufkündigen könnten. Auch die Mutterschaft wäre frei, daß heißt, Geburtenkontrolle und Abtreibung wären erlaubt, und umgekehrt würden allen Müttern – ob ledig oder verheiratet – und ihren Kindern unterschiedslos die gleichen Rechte zuerkannt. Der Schwangerschaftsurlaub würde von der Kollektivität bezahlt, und dieser fiele auch die Sorge für die Kinder zu, was nicht heißt, daß die Kinder den Eltern entzogen würden, sondern daß man sie ihnen nicht überließe.

Aber genügt es, die Gesetze, die Institutionen, die Sitten, die öffentliche Meinung und den ganzen gesellschaftlichen Kontext zu verändern, damit Frauen und Männer wirklich Gleiche unter Gleichen werden? „Frauen bleiben immer Frauen“, sagen die Skeptiker, und andere Hellseher prophezeien, daß es den Frauen, wenn sie ihre Weiblichkeit ablegen, nicht gelingen wird, sich in Männer zu verwandeln, und daß sie dann zu Ungeheuern werden. Das wiederum setzt die Annahme voraus, die Frau von heute sei eine Schöpfung der Natur. Es mus noch einmal wiederholt werden, dais es in der menschlichen Kollektivität nichts gibt, was natürlich wäre, und daß auch die Frau ein Produkt der Zivilisation ist. Das Eingreifen anderer in ihr Schicksal war von Anfang an da, und es würde, anders gelenkt, zu einem ganz anderen Ergebnis führen. Die Frau wird weder durch ihre Hormone noch durch geheimnisvolle Instinkte bestimmt, sondern durch die Art und Weise, wie sie ihren Körper und ihre Beziehung zur Welt über das fremde Bewußtsein der anderen wiedererfaßt. Der Abgrund, der zwischen dem jungen Mädchen und dem jungen Mann liegt, ist seit der frühesten Kindheit im allseitigen Einvernehmen gegraben worden. Später ist dann nicht mehr zu verhindern, daß die Frau das ist, wozu man sie gemacht hat. Ihr Leben lang wird sie diese Vergangenheit hinter sich her schleppen, und wenn man deren Gewicht ermißt, wird endgültig klar, daß das Schicksal der Frau nicht in Ewigkeit geschrieben stehen kann.

Gewiß, man darf nicht glauben, es reiche aus, die ökonomischen Bedingungen des Frauseins zu verändern, um eine Umwandlung der Frau herbeizuführen. Dieser Faktor war und bleibt zwar der wichtigste Motor ihrer Evolution, doch solange er nicht die ethischen, gesellschaftlichen, kulturellen und sonstigen Konsequenzen nach sich gezogen hat, auf die er verweist und die er verlangt, kann die neue Frau nicht in Erscheinung treten. Bis zum heutigen Tag sind diese Voraussetzungen nirgendwo verwirklicht, weder in der Sowjetunion noch in Frankreich, noch in den USA. Und darum ist die heutige Frau zwischen der Vergangenheit und der Zukunft hinund hergerissen. Meistens erscheint sie als eine „wahre Frau“ in Männerkleidung, und sie fühlt sich in ihrem weiblichen Fleisch ebenso unwohl wie in ihrer männlichen Aufmachung. Sie muß sich häuten und sich ihre eigenen Kleider schneidern. Dahin aber kann sie nur dank einer kollektiven Evolution gelangen. Kein einzelner Erzieher vermag heute einen „weiblichen Menschen“ zu formen, der eine genaue Entsprechung des „männlichen Menschen“ wäre.

Ein junges Mädchen, das wie ein Knabe aufgewachsen ist, empfindet sich als ungewöhnlich und erfährt dadurch eine neue Art der Spezifizierung. Stendhal hat dies sehr gut verstanden, als er sagte: „Man muß gleich einen ganzen Wald pflanzen.“ Wenn man aber umgekehrt eine Gesellschaft unterstellt, in der die Gleichheit der Geschlechter konkret realisiert wäre, müßte diese Gleichheit sich in jedem Individuum neu bestätigen.

Wenn man das heute liest, gewinnt man schnell den Eindruck, dass sich ihre Wünsche durchgesetzt haben. Die Ehe wird als Vertrag auf Zeit verstanden. Geburtenkontrolle und Abtreibung sind normal geworden. Den staatlich verbürgten Schwangerschaftsurlaub gibt es. Der Essentialismus, die Vorstellung also, dass Mann und Frau ein jeweils in bestimmten Bereichen unterschiedliches, inhärentes Wesen (o. Essenz) besitzten, ist eine Außenseiterposition.

Abigail Favale, deren Buch Die geleugnete Natur [#ad] ich hier vorgestellt habe, erläutert in einem Interview mit Public Discurs auf faire und interessante Weise die Anliegen von Das andere Geschlecht. So sagt sie: 

Man kann „Das andere Geschlecht“ nicht verstehen, ohne de Beauvoirs existenzialistisches Framework zu verstehen. Dieser Bezugsrahmen postuliert einen starken Kontrast zwischen Transzendenz und Immanenz. Für sie haben wir nicht wirklich eine Natur. Wir sind nicht von Natur aus Menschen. Wir müssen Menschen werden. Wir müssen uns aus unserem ursprünglichen Zustand erheben. Wir müssen unsere tierische Natur – unsere Immanenz, unsere Faktizität – transzendieren, indem wir unsere Freiheit in der Welt durch kreatives Handeln ausüben.

Für sie bedeutet das, zu transzendieren. Sie spielt hier nicht auf irgendeine Art von Gott an. Es geht nur darum, unsere Immanenz und unseren Status als Objekt zu transzendieren, um ein selbstverwirklichtes Subjekt in der Welt zu werden. In ihrem Rahmen verbindet sie Transzendenz mit dem, was wir als Männlichkeit betrachten. Sie verbindet Frauen mit Immanenz, weil sie biologische Prozesse nicht als fähig ansieht, Transzendenz zu erreichen.

Deshalb lehnt sie Mutterschaft so ab. Für sie bedeutet Mutterschaft einfach nur die Wiederholung der menschlichen Existenz. Sie zählt nicht als Transzendenz, weil die menschliche Existenz an sich nicht bedeutungsvoll ist. Sie muss bedeutungsvoll gemacht werden. Ein Baby zu bekommen, ist also nicht wirklich wichtig, denn so verwirklicht man nicht seine eigene Transzendenz. Und dieses Baby ist auch noch nicht wirklich menschlich. Er oder sie muss später im Leben die Initiative ergreifen, um menschlich zu werden. Für sie ist Fortpflanzung dieser sich wiederholende, fast vegetative Prozess.

Mehr hier: www.thepublicdiscourse.com.

Das „Gadamer-Forum“

Mit einer Festveranstaltung wurde am 24. Oktober 2024 das Hans-Georg Gadamer-Forum für Philosophische Hermeneutik an der Bergischen Universität Wuppertal eröffnet. Das Gadamer-Forum soll der internationalen Forschung zu Gadamers Werk und zur philosophischen Hermeneutik einen institutionellen Ort geben. 

Die FAZ schreibt (06.11.2024, Nr. 259, S. N5): 

Es verging ein Jahrzehnt, bis 1960 sein Hauptwerk „Wahrheit und Methode“ die Summe seiner philosophischen Hermeneutik vorstellte. Als vornehmliche Aufgabe verstand Gadamer nicht nur, Fragen der philosophischen Überlieferung aufzugreifen, sondern sich über menschliche Erfahrungen klar zu werden, die nicht im rationalistischen Sinne nachprüfbar sind. Maßgebliches Medium ist ihm die Sprache und hierbei der Dialog als grundsätzliches Element: ein sprachliches Miteinander, das gemeinsam zu entwickeln sei. Hierbei bietet im Horizont der unaufhaltsamen Wandelbarkeit der Welt das Gespräch mit der reichen Überlieferung stabile Bezugspunkte des philosophischen Verstehens.

Im Gegensatz zu Heidegger, der eine „Destruktion“ und einen „Abbau“ der Traditionen anstrebte, um eigentliche Grundstrukturen der Philosophie freizulegen, verfolgte Gadamer deren Rehabilitation: Ein gegenwärtiges Philosophieren könne sich nur in bisher eröffneten Möglichkeiten entfalten und habe insofern den Charakter einer stets neu zu leistenden Verschmelzung der Horizonte von Gegenwart und Vergangenheit des Denkens. Wer verstehen will, müsse „mit der Sache, die mit der Überlieferung zur Sprache kommt, verbunden“ sein. So sei das philosophische Gespräch stets von der Geschichte getragen.

Diese philosophische Hermeneutik neu zur Sprache zu bringen hat sich das Hans-Georg Gadamer-Forum für philosophische Hermeneutik an der Bergischen Universität Wuppertal zum Ziel gesetzt. Mit dem Beginn einer digitalen Edition der Korrespondenzen des Philosophen, die in Kooperation mit dem Deutschen Literaturarchiv Marbach (DLA) und der Hans-Georg Gadamer-Gesellschaft in Heidelberg entsteht, wurden in diesem Jahr schon erste Schritte getan.

Postmoderne Machtambitionen

Leander Scholz geht davon aus, dass die Postmoderne, die einst auf Pluralität setzte, an ihr Ende gekommen ist. Aus ihr sei eine ambitionierte Identitätspolitik hervorgegangen, die aus jedem Sprechakt ein Bekenntnis zur Gruppenidentität mache. Die Differenz sei zur Identität umgeschlagen.

Zitat: 

Mit dem enormen Erfolg des postmodernen Programms änderte sich jedoch auch sein politischer Einsatz. Wurde bis dahin von den postmodernen Denkern jede Verfestigung und Verstetigung von Macht als ein grundsätzliches Problem angesehen, das durch den Plural der Postmoderne gelöst werden sollte, fand die Ausübung politischer Macht nun ausgerechnet im Namen dieses Plurals statt. Die Losung der Vielfalt hatte die Seiten gewechselt. Von den Gegenkulturen ausgehend, war sie inzwischen zum Mainstream geworden. Zahlreiche Institutionen und Unternehmen bekannten sich zur gesellschaftlichen Vielfalt und ergriffen entsprechende Maßnahmen. Die Vielfalt der Geschlechter, der Familien und der Kulturen wurde begrüßt und gefördert. Schließlich wurde der Plural der Postmoderne zur regierungsamtlichen Position. Ein größerer Triumph lässt sich kaum vorstellen. Aber das bedeutete auch, dass das postmoderne Programm bürokratisiert werden musste. Es musste definiert werden, was Vielfalt ist und welche Vielfalt gewünscht wird und welche nicht.

Seitdem wird klassifiziert und identifiziert wie nie zuvor. Es wird über Hautfarben gestritten, über sexuelle, kulturelle und ethnische Zugehörigkeiten, wer zur Mehrheit und wer zur Minderheit zählt, wer reden darf oder lieber schweigen sollte. Längst steht das postmoderne Programm nicht mehr auf der Seite der Nonkonformisten und Individualisten, sondern produziert immer neue Gruppenidentitäten. Aus der postmodernen Annahme, dass nur die Opfer zur Wahrheit fähig sind, da alle anderen durch die Macht korrumpiert werden, ist ein Konkurrenzkampf um die Benachteiligung und ihre Wahrnehmung geworden.

Entscheidend ist weniger, was gesagt wird, sondern vielmehr, von wem es gesagt wird. War die postmoderne Linke einst angetreten, um dem Konformismus der Kadersozialisten zu entkommen, hat sie sich inzwischen selbst im Mikromanagement der Differenzen verfangen. Das Gegenteil ihres Ziels ist eingetreten. Der gesellschaftliche Zwang zur Ausbildung von Gruppenidentitäten ist nicht schwächer, sondern stärker geworden.

Mehr (hinter einer Bezahlschranke): www.welt.de.

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